Drei
Millionen Portugiesen im Arbeitskampf
Der
größte Generalstreik der portugiesischen Geschichte
Von
mh
Kommunisten.ch
vom 24.11.2011 (auf Kommunsten-online am 28. November 2011 – Bereits
an der Pressekonferenz um 13h00 stand für den allgemeinen
portugiesischen Gewerkschaftsbund CGTP-Intersindical
fest:
«Dies
ist der grösste Generalstreik der portugiesischen Geschichte, im öffentlichen
und im privaten Sektor. Seine Ziele entsprechen der notwendigen Antwort
auf die Probleme und den Begehren der Portugiesen. Die CGTP-IN
begrüsst die Werktätigen für die Anstrengung und die Opfer, mit denen
sie einen gewaltigen Beitrag zu diesem Generalstreik geleistet haben.
Die CGTP-IN bekräftigt die Notwendigkeit der
Mobilisierung der Werktätigen und der Portugiesen zur Suche nach
Alternativen im Sinne von Investitionen, Beschäftigung und Schaffung
eines Zukunftsprojekts für das Land.»
Schon
bald nach Streikbeginn um 21 Uhr des Vorabends hatte sich auch in der öffentlich
zugänglichen Information abgezeichnet, dass der Generalstreik vom 24.
November 2011 im ganzen Land einen gewaltigen Zulauf haben wird. Vor
Mitternacht trafen die Erfolgsmeldungen schon zu Dutzenden bei der
Gewerkschaftszentrale CGPT-Intersindical ein:
Der Lissaboner Flughafen sagte alle internationalen Flüge ab. Zu den
ersten, die in den Ausstand traten, gehörten die Nacht- und Frühschichten
der Angestellten von Spitälern, Müllabfuhren und Verkehrsbetrieben.
Viele Belegschaften beteiligten sich massiv oder geschlossen am Streik.
Nah-
und Fernverkehr lahmgelegt
Der
Nah- und Fernverkehr (per Flugzeug, Eisenbahn, Bus, Fähre, Metro) wurde
weitgehend lahmgelegt. Die Streikenden erzwangen die ganztägige
Schliessung der wichtigsten Häfen, Bahnhöfe und Verkehrsbetriebe.
Damit war auch die Paralisierung der meisten Pendlerströme für den
ganzen Tag gesichert. Spezielle Dienste garantierten den Transport von
Manifestanten an die Grosskundgebung der CGTP
in Lissabon.
Wo
ausnahmsweise ein Bus verkehrte, blieb er allerdings fast ohne
Passagiere. Diese hatten für heute nicht auf das Funktionieren der öffentlichen
Verkehrsverbindungen gesetzt. Oder sie boykottierten die vereinzelt
zirkulierenden Vehikel aus Solidarität mit dem berechtigten Streik.
Dazu hatten ausdrücklich die Benutzerkommissionen verschiedener öffentlicher
Dienste und Betriebe aufgefordert.
Streikrekorde
im öffentlichen Sektor
Sehr
hoch war die Streikbeteiligung naturgemäss bei den öffentlichen
Angestellten, die am direktesten von der Austeritätspolitik betroffen
sind. Nach allen vorangegangenen Verschlechterungen (Kürzungen von
Lohn- und Rentenansprüchen, Beschneidung von Rechten, Streichung von
Stellen, Aufhebung oder Privatisierung von Dienststellen), welche die Öffentlichen
schon unter der SP-Regierung Sócrates erlitten haben, will die neue PSD/CDS-Regierung
Passos Coelho ihnen nun unter anderem die Weihnachts- und Ferienzulagen
streichen. Zudem will die Regierung grosse Staatsbetriebe wie die
Fluggesellschaft TAP, die öffentliche Radio-
und Fernsehgesellschaft RTP privatisieren und
die Staatsbeteiligung am Energieunternehmen EDP
und anderen Konzernen abwerfen.
Fast
alle öffentlichen Ämter waren vom Streik stark betroffen. Viele
Dutzende von Postämtern und Hunderte von Schulen wurden geschlossen, da
man in diesen Betrieben mit einer hundertprozentigen Streikbeteiligung
rechnete. Bei den Lehrern herrscht eine ausgezeichnete Kampfstimmung.
Ihre kämpferische Gewerkschaft Fenprof (Federação Nacional de
Professores) weiss fast den gesamten Lehrkörper des Landes hinter sich.
Dem Streikaufruf folgten auch die Mehrheit der Professoren an den
technischen Hochschulen und Universitäten.
Zur
Vorhut der portugiesischen Gewerkschaftsbewegung gehört ebenfalls die STAL
(Sindicato nacional dos Trabalhadores da Administração Pública). Sie
konnte viele Tausende von Angestellten der lokalen und regionalen
Verwaltungen und Dienste oder Konzessionsbetriebe des örtlichen Service
Public mobilisieren, darunter Amststellen (behördliche Kontrolltätigkeit,
Schalterbedienung usw.), Feuerwehr, Schulen und Kindergärten, Museen,
Bibliotheken, Friedhöfe und weitere Gemeindeeinrichtungen. Den
sichtbarsten Ausdruck findet der Streik in den Müllsäcken, die sich in
den Städten auftürmen. Unter Einschluss der technischen und
administrativen Bereiche wird die globale Streikbeteiligung bei lokalen
und regionalen Amtsstellen und Diensten auf mehr 85 Prozent
veranschlagt.
Wuchtige
Beteiligung des Privatsektors
Auch
in der Privatwirtschaft haben die Arbeiter und Angestellten Anlass genug
zum Streik gesehen. Die Regierung hat die tägliche Arbeitszeit für
alle um eine halbe Stunde verlängert, ohne Lohn versteht sich. Die Verlängerung
des Arbeitstags ist die Steigerung der Ausbeutung in ihrer rohesten
Erscheinungsform: indem der Verschleiss der Arbeitskraft heraufgesetzt
wird, entsteht ein absoluter Mehrwert.
Die
Troika aus EU, EZB und IWF
hat der Regierung in Lissabon gute Arbeit bescheinigt. So gut, dass die
Lobspender bereits andeuten, dass ihr Appetit wächst. So liest man im jüngsten
Communiqué der Troika: «Um die Wettbewerbsfähigkeit bei den
Arbeitskosten zu verbessern, sollten die Löhne im Privatsektor dem
Beispiel des öffentlichen Sektors folgen und nachhaltige Kürzungen
vornehmen.»
Es
war nach aller Erfahrung auch diesmal damit zu rechnen, dass Regierung
und Patrons versuchen werden, den Streikerfolg herunterzuspielen.
Deshalb veröffentlicht die GCTP-Intersindical
im Minutentakt die Meldungen, die aus sämtlichen namhaften Betrieben
eingehen. So hat jeder die Gelegenheit, die Glaubwürdigkeit der
Streikdaten durch Vergleich mit den Feststellungen in seiner eigenen Sphäre
zu überprüfen. Der zusammenfassende Zwischenbericht von 12h00 umfasst
40 Seiten. Es zeichnet sich darin klar ab, dass die Streikbeteiligung
insgesamt höher ist als beim letzten Generalstreik vor genau einem
Jahr. Dennoch verbreitete die Regierung schon am Vormittag manipulierte
Zahlen über eine extrem niedrige Streikbeteiligung in der
Zentralverwaltung. Die gleiche Taktik wird von den Patrons verfolgt.
Dennoch
lässt sich die Wucht des Generalstreiks auch im Privatsektor nicht
leugnen. Im wichtigsten Industriepark des Landes rund um Palmela, wo
mehrere ausländische Konzerne tätig sind, erreichte die
Streikbeteiligungen in vielen Betrieben 90% und mehr. Im grossen
Volkswagen-Werk Autoeuropa streikten 95 Prozent der Arbeiter. Viele der
grossen Betriebe der Textilerzeugung und Verarbeitung und der
Schuhindustrie standen still.
In
einigen Betrieben entschied sich die Direktion zur Einstellung des
Produktionsbetriebs, um die Synchronizität des Produktionsablaufs mit
dem Materialfluss von Seiten der (bestreikten) Zulieferer nicht
durcheinander zu bringen. Da haben wir das fachmännische Eingeständnis
in die Durchschlagskraft des Generalstreiks im Produktivsektor.
Volk
auf der Seite der Streikenden
Die
Breite des Volksprotestes gegen die Austeritätspolitik zeigt sich nicht
zuletzt an der hohen Beteiligung im Banksektor. In der Caixa Geral de
Depositos (CGD) legten über 80% der
Angestellten die Arbeit nieder.
Schon
im Vorfeld des Streiks hatten sich die Offiziers-, Unterofffiziers- und
Soldatenverbände mit dem Kampf der Arbeiterklasse solidarisiert. Ihrer
10’000 hatten vor Wochenfrist an einer Protestkundgebung in Lissabon
ihren wachsenden Unmut gegen die Rechtspolitik und gegen die
Beschneidung der Rechte von Militärangehörigen geäussert. Auf heftige
Kritik der patriotischen Militärs stösst die unterwürfige Haltung der
Regierung gegenüber den Grossmächten, etwa die Beteiligung an NATO-Kriegen,
oder die Verschacherung der nationalen Souveränität und Unabhängigkeit.
Zu
den staatstragenden Schichten, in denen es rumort, gehören die Lehrer,
Teile der katholischen Kirche, Teile des Militärs, viele Richter,
Tausende von Polizisten, Gefängnisangestellte (diese streikten schon
vorige Woche). Viele solidarisieren sich mit dem Streik, oder streiken
mit, weil ein jeder auf seinem Gebiet (Erziehung, Landesverteidigung,
Landerverteidigung, Justiz usw.) die Errungenschaften der
fortschrittlichen Verfassung von 1976 gegen weitere Schmälerungen und
Unterminierung verteidigen will.
Der
Kampf geht weiter
Die
CGTP erklärte ihre Bereitschaft zu einem
neuen Generalstreik, falls die Regierung noch immer nicht bereit ist,
ernsthafte Verhandlungen mit allen Gesellschaftsklassen aufzunehmen. Wie
CGTP-Generalsekretär Manuel Carvalho da Silva
erklärte, «müssen die Gewerkschaften bereit sein sein und sich in
allen Möglichkeiten zur Erbringung von Beiträgen anstrengen müssen,
wobei der Einsatz des Streiks einen von diesen Beiträgen darstellt.»
Jerónimo
de Sousa, Generalsekretär der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP)
verwies unter anderem darauf, dass die portugiesische Arbeiterbewegung
mit diesem grossartigen Streikerfolg einen wichtigen Sieg gegen die
ideologische Zersetzungskampagne erzielt, welche die drei Parteien der
Rechtspolitik (die “interne Troika” aus PS, PDS
und CDS) und der Unterwerfung unter die
Diktatur der EU mit grossen Medieneinsatz führen, um die Umsetzung der
Diktate der externen Troika als unabänderliches Schicksal hinzustellen,
gegen das zu kämpfen als aussichtslos erscheinen soll. Millionen von
Portugiesen haben gezeigt, dass sie sich weder dadurch, weder durch
Erpressungen gegen das Land noch durch gezielte Einschüchterung von
streikwilligen Gruppen vom Widerstand abhalten lassen. Sie bekämpfen
jeden einzelnen Schritt bei der Umsetzung des “Memorandum of
understanding”, des Aggressionspaktes, den die interne Troika mit der
externen Troika im Mai abgeschlossen hat.
Die
PCP ruft für den 30. November zu einer
Kundgebung vor dem Parlament in Lissabon auf. An diesem Datum steht die
Beschlussfassung über das Staatsbudget auf der Tagesordnung des Hauses.
Die regierende PDS verdankt die vielen Sitze
im portugiesischen Einkammer-Parlament ihren gegen weitere Austeritätsmassnahmen
gerichteten Wahlversprechen, von denen einige sehr konkret formuliert
waren und heute gebrochen werden. Beispiel: Im Wahlkampf hatte Passos
Coelho Behauptungen, wonach er Lohnbestandteile wie die Weihnachts- und
Ferienzulagen antasten wolle, als böswillige Verleumdung zurückgewiesen.
Kurz nach dem Wahlsieg verkündet er die Abschaffung beider genannten
Zulagen.
Eine
Kundgebung vor dem Parlament bedeutet in der gegebenen Lage, dass die
Massen der Parlaments- und Regierungsmehrheit die Legitimität
absprechen, Beschlüsse zu fassen, welche in krassestem Gegensatz zu den
abgegebenen Wahlversprechen stehen.
Polizeiprovokation
gegen Streikende
Im
Städtchen Oeiras im nordportugiesischen Distrikt Braga ist die Polizei
gegen einen Streikposten der örtlichen Müllabfuhr eingesetzt worden.
Der Streikposten wollte verhindern, dass Streikbrecher den Betrieb
aufnehmen. Einige Temporärarbeitsfirmen haben sich – entstprechend
dem Aufschwung der Streikbewegung – auf Streikbrecherei spezialisiert.
Im Falle von Oeiras handelt es sich vermutlich um unfreiwillige
Streikbrecher, nämlich Arbeitslose, die vom Arbeitsamt zur Beschäftigung
in dubiosen Leiharbeitsverhältnissen gezwungen werden. Sie müssen jede
beliebige Temporärarbeit antreten, die ihnen ihr Leiharbeitgeber
zuweist. Die Arbeiter wehrten sich gegen die Polizei. Sie mussten
schliesslich die Ausfahrt von drei Streikbrecherwagen zulassen, als die
Polizei die Maschinenpistolen zog.
Ein
weiterer Einsatz der Sicherheitspolizei PSP
erfolgte bei der Carris, die ein grosses Stück des Verkehrsnetzes von
Lissabon betreibt. Die Polizei vertrieb die Streikposten und nahm (laut
noch nicht einwandfrei bestätigten Berichten) mehrere fest, darunter
einen Parlamentsabgeordneten der PCP.
Aktionen
der “Indignados” abseits von der organisierten Arbeiterbewegung
Auf
Nachmittag hatten die “Indignados” (die “Empörten”) zu eigenen
Manifestationen in Lissabon aufgerufen. Diese losen, halbanonymen,
spontan agierenden und deswegen umso leichter manipulierbaren,
provizierbaren und besiegbaren Gruppen haben ungefähr tausend Leute auf
die Strasse gebracht. Auf ihren Internetseiten beklagen sich die
Indignados darüber, dass sie als Mitveranstalter der Proteste von der CGTP
verschmäht worden seien.
Die
“Indignados” versammelten sich gegen Abend beim Parlamentsgebäude (Assembleia
da República), das von Polizeikordons gesichert wird. Die Medien
berichten von Zusammenstössen, einem verletzten Polizisten und einer
Handvoll Festnahmen.
Die
organisierte Arbeiterbewegung, deren Protestumzug beim Parlament ihren
Abschluss fand, steht in keinem Zusammenhang mit diesen Aktionen. CGTP-Generalsekretär
Carvalho de Silva erklärte dazu: «Die von mir geführte Struktur hatte
nichts damit zu tun.» Für ihn ist es sicher, dass «solche Situationen
nicht den Interessen der Werktätigen dienen».
Fitch
stuft Portugal herunter
Just
heute hat Fitch die Kreditwürdigkeit Portugals erneut herabgestuft. Die
Rating-Agentur hat sich offenbar nicht durch ihre eigene Aussage
beeindrucken lassen, die sie noch vor kurzem abgab und wonach Portugal
sich auf dem “guten Weg” befinde. Der “gute Weg” wurde der
portugiesischen Regierung von vielen Sprachrohren des internationalen
Grosskapitals bescheinigt. Besonders auch, weil Premier Passos Coelho in
der Austeritätspolitik noch weiter gegangen ist, als es die Troika des
ausländischen Kapitals verlangt hatte. Die neuerliche Herabstufung der
Kreditwürdigkeit ist eine Bestätigung dessen, was die Portugiesische
Kommunistische Partei (PCP) und die
Gewerkschaftszentrale CGTP-IN schon lange
sagen. Die portugiesische Regierungspolitik unter Kommando der Troika
des ausländischen Kapitals führt das Land in den Abgrund. Sie verfehlt
damit auch ihr angebliches Ziel des Schuldenabbaus. Die Defizite bilden
nichts weiter als den Vorwand zur weiteren Entfaltung des längst in
Gang befindlichen Generalangriffes auf die Rechte der Werktätigen.
(24.11.2011/mh)
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