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Nord-Irland:
Wer
sind die wahren „Rowdys“?
Kommentar
zur Wiener Zeitgung Standard, 16. August 2010
Quelle:
Pressesprecher, Republican Sinn Féin – Büro für internationale
Beziehungen
Wien, 20. August 2010
Kommunisten-online
vom 24. August 2010 –
Am
Montag, 16. August 2010, berichtete der Irland-Korrespondent Martin
Alioth in der Wiener Tageszeitung Der Standard unter der Überschrift
„Verletzte bei Anschlag in Nordirland“, sowie in einem nachstehenden
Kommentar „Die Unbelehrbaren“ von den Protesten im Umfeld der sog.
„marching season“, der loyalistischen Machtdemonstrationen durch
irisch-nationalistische Wohngebiete in den Sommermonaten, sowie einem
Anschlag in Lurgan, Co. Armagh.
Beim
Anschlag, zu dem sich bis heute keine Gruppierung bekannte, wurden drei
Kinder verletzt, so die Medienberichte. „Drei zufällig in der Gegend
spielende Kinder wurden von Splittern verletzt. Die Sicherheitskräfte
waren dabei, die Gegend nach einer Warnung zu räumen“, berichtet auch
Der Standard.
Was
geschah am davor gegangenen Wochenende in Lurgan? In einem Mistkübel
kam es zu einer kleinen Explosion. Militante republikanische Gruppen
wurden sofort beschuldigt. Eine beispiellose Medienkampagne der
britischen Polizei PSNI begann, in der erklärt wurde, drei Kinder
wurden verletzt, ja hätten gar sterben können. Anwohner berichteten
dagegen, die Kinder würden lediglich „unter Schock“ stehen.
Rasch
wurde betont, die Bombe sei „ohne Warnung“ explodiert, was von der
Polizei aber wieder dementiert werden musste. Tatsächlich ging eine
Telefonwarnung ein und die Polizei war am Ort des Geschehens und
durchsuchte ein Gebiet um die Bahnstrecke der Zuglinie Dublin-Belfast.
Wieso
es trotzdem möglich war, dass sich Zivilisten, vor allem Kinder, in dem
Gebiet aufhalten konnten, wird von der Polizei nicht versucht zu erklären.
Ähnliche
Fragen werden mit einem im Internet erschienen Video zur Autobombe in
Derry aufgeworfen. Vergangene Woche explodierte eine rund 100kg schwere
Autobombe vor einer Polizeistation in Derry, die republikanische Gruppe Oglaigh
na hÉireann bekannte sich zu dem Anschlag. Ebenso erklärte die
Polizei, die Bombe sei nach der Warnung zu rasch explodiert und hätte
Zivilisten ermorden können.
Im
Internet tauchte nun ein Video von einer Kamera einer gegenüber der
Polizeistation sich befindenden Spielhalle auf. Das Video zeigt, dass
noch 15 Minuten, nachdem die Telefonwarnung bei der Polizei einging,
zivile Autos an der Autobombe vorbeifahren konnten. Im Bild ist ein Taxi
zu erkennen, danach ein Fußgänger, der etwas mit sich trägt, was
aussieht wie ein Pizzakarton.
Das
Video, das vom Unternehmer Donal Doherty ins Internet gestellt wurde,
wirft neuerdings ernsthafte Fragen auf, wie von der britischen Polizei
auf Bombenwarnungen reagiert wird. Wird von der Polizei in Kauf
genommen, dass Zivilisten zu Schaden kommen, um republikanische Gruppen
zu beschuldigen? Meinungsmache auf Kosten unschuldiger Zivilisten?
Beide
Orte, Lurgan und Derry, sind republikanische Hochburgen. Gerade in
Kilwilkee, dem verarmten, irisch-nationalistischen Wohngebiet in Lurgan,
ist die britische Polizei ein Feindbild, das nur zu sehen ist, um Häuser
zu durchsuchen oder Personen zu verhaften.
Dementsprechend
versucht die vor allem jugendliche Bevölkerung, die Polizei aus ihren
Wohngebieten fern zu halten. Auch in der Nacht vor der Explosion der
Bombe wurden wieder mehrere Polizisten von Molotowcocktails in Lurgan
verletzt.
Alioth
schreibt von „jugendlichen Rowdys“. Erinnern wir uns an das Vorgehen
der britischen Polizei in der nahen Vergangenheit. Im Frühjahr 2009
wurde in Craigavon, nochmals im April 2010 in Armagh City, ganze
irisch-nationalistische Wohngebiete eingekesselt, systematisch
durchsucht und dutzende Personen verhaftet.
In
Belfast wurden im März 2010 zwei Republikaner wegen Behinderung der
Staatsgewalt angeklagt, da sie auf der Polizeistation ihre Namen in
Irisch angaben.
Im
Frühsommer 2009 wurde Kevin McDaid in Coleraine von einem
loyalistischen Mob, mehrer UDA-Mitglieder zu Tode geprügelt, da er
irische Fahnen in seiner Straße aufhängte. Wie Augenzeugen
berichteten, wurde der Mord von der Polizei beobachtet, die nicht
eingriff.
Am
12. Juli 2010 wurde der Nationalist Joe Brannery in Nord-Belfast mit
Ziegeln beworfen und verprügelt. Ein 30-köpfiger loyalistischer Mob
verfolgte ihn, als er eine Geburtstagsfeier verließ. Auch hier waren
PSNI-Beamte am unteren Ende der Straße und griffen nicht ein.
Nur
wenige Tage davor verlor ein 13-jähriges Mädchen mehrere Zähne, als
sie von einem Ziegel getroffen wurde, der aus einem loyalistischen
Viertel über eine der Trennungsmauern in Belfast in ein
nationalistisches Wohngebiet geworfen wurde.
So
soll also das „Arrangement, das mühselig in den letzten 17 Jahren
aufgebaut wurde“, aussehen, mit dem sich laut Alioth die irischen
Nationalisten abfinden sollen. Viel mehr muss sich nach den Vorfällen
der Vergangenheit die Frage gestellt werden: Wer sind die wahren Rowdys?
Dieter
Blumenfeld
Pressesprecher,
Republican Sinn Féin – Büro für internationale Beziehungen
Wien, 20. August 2010 |