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Wir 99% „müssen“ für 1% zahlen???

„WIR ZAHLEN NICHT FÜR EURE KRISE!“

von Jens-Torsten Bohlke

Kommunisten-online am 5. Dezember 2011 – Ca. 80.000 Menschen zogen am vergangenen Freitag, dem 2. Dezember, lauthals protestierend den gesamten sog. „Bolívar-Boulevard“ auf der Nord-Süd-Achse quer durch Brüssels Innenstadt zum Südbahnhof Midi und folgten damit dem gemeinsamen Aufruf der drei großen belgischen Gewerkschaftsverbände zu dieser Kampfdemonstration gegen die bekanntgewordenen Sparpläne der vom opportunistischen „Sozialisten“ Di Rupo zusammen gewürfelten bürgerlichen Koalitionsregierung. Alle im belgischen Parlament vertretenen flämischen und wallonischen Parteien spielen sich alltäglich in den Medien als die besseren Sparkommissare auf. Di Rupo erklärte es zu seinem Ziel, auf Druck der „Finanzmärkte“ und der EU einen Haushalt mit Einsparungen von 11,3 Mrd. Euro zu vereinbaren.

Für das Volk soll es Kürzungen bei den bisher zeitlich unbegrenzten Arbeitslosenleistungen sowie eine höhere Altersgrenze beim Vorruhestand geben. Aber nicht wenige bürgerliche Politiker würden auch zu gerne den alljährlichen Inflationsausgleich bei Löhnen und Renten kippen, was Reallohnsenkung für Millionen Arbeiterhaushalte bedeuten würde.

Der Zorn auf die Politiker war gewaltig. Nicht selten war das Thema vieler Gespräche, wie lange es mit unnütz verpuffenden friedlichen Massenprotesten noch weitergehen soll. Der Druck von der Massenbasis der Gewerkschaften her wächst ständig an, einen politischen Generalstreik auszurufen und den Palästen der Reichen den Krieg zu erklären.

Die Gewerkschaftsführer von der ACV-CSC, ABVV-FGTB und ACLVB-CGSLB forderten, dass Großverdiener und Unternehmen endlich von der Regierung in die Pflicht genommen werden. Am Freitagnachmittag sind die Gewerkschaften vom zukünftigen Premierminister Elio Di Rupo empfangen worden. Natürlich wäre es zu schön, um wahr zu sein, dass dadurch die „Sparpläne“ vom Tisch wären. Doch machten die Gewerkschaftsführer in bester Einstimmigkeit auch klar, dass diese machtvolle kämpferische Massendemonstration die letzte politische Warnung an die Regierenden ist. Uns zahlreichen Teilnehmern an der Demonstration wurde dafür gedankt, die gebotene Kampfbereitschaft an diesem Tag eindrucksvoll zu signalisieren.

Immer wieder betonten die Redner, dass 1% der Bevölkerung nicht die 99% drangsalieren dürfe. Sie listeten die hohen Profite der multinationalen Konzerne auf und prangerten die Banken als Auslöser der Finanzkrise und des Haushaltsdefizits an. Ein Mal mehr machten sie deutlich, dass die sehr moderaten Zuwächse beim Reallohn in keinerlei fair zu nennendem Verhältnis zu den zweistelligen Zuwächsen bei den Profiten in den letzten 10 Jahren stehen. Dann blieben sie bei der Forderung stehen, dass das aufzubringende Steuergeld bei den reichen Fabrik- und Bankherren geholt werden müsste. Nicht der Kapitalismus, sondern „Europa“ bzw. „die EU“ wurden als „System“ der Merkels und Sarkozys verurteilt. Dies zeigte die reformistische Beschränktheit der Gewerkschaftsführer, welche davor zurückschreckten, sie Systemfrage auch nur andeutungsweise zu stellen.

„Wir haben genug für die Fehler der Banker bezahlt“, so Anne Delemenne, Generalsekretärin der sozialistischen Gewerkschaft FGTB. „Anstatt Arbeitslosenhilfen zu verringern, müssten die Boni der Händler und die Dividenden der Aktionäre reduziert werden (...) Belgien ist ein finanzielles Paradies für die Vermögenden geworden und eine finanzielle Hölle für diejenigen, die früh aufstehen.“

„Das Sparpaket trifft die Bevölkerung mit voller Härte“, so Bernd Despineux von der christlichen CSC.

„Die Menschen müssen länger arbeiten, das Arbeitslosengeld wird gekürzt, im öffentlichen Dienst werden Arbeitsplätze abgebaut, Einsparungen auch im Gesundheitswesen. Doch die echten Verursacher der Krise bleiben wieder mal verschont“, meint Renaud Rahier von der sozialistischen FGTB. „Der Vorschlag der Gewerkschaften: Streicht die Fiktivzinsen auf Risikokapital. Damit werden auf einen Schlag Milliardenbeiträge frei.“

Der Bus-, Straßenbahn- und U-Bahnverkehr in Brüssel wurde spürbar beeinträchtigt. Viele Krankenhäuser und Pflegeheime konnten oft nur die Notversorgung sicherstellen. Die Müllabfuhr streikte weitgehend, auch einige Lokomotivführer ließen in Brüssel ihre Züge stehen und gingen demonstrieren. Wobei der Bahnverkehr weitgehend intakt blieb. Lehrer beteiligten sich am Protest, so dass vielerorts der Unterricht ausfiel.

Die Arbeiter der Metall- und Textilindustrie erschienen massenhaft bei der Demonstration. Sie forderten „Hände weg vom Index“ und „Hände weg von unseren Renten“.

Wir sangen unterdessen „Die Internationale“ und hatten viel Aufmerksamkeit mit unserem gelungenen Spruchband

(auf deutsch:

DIE REGIERUNGEN LÜGEN

DIE BANKEN STEHLEN

DIE REICHEN LACHEN

UNSER RATING:

3 STINKEFINGER MINUS MINUS MINUS)

Andere Losungen lauteten: (immer auf deutsch) „Zukunft für die 1% - den letzten Dreck für uns 99% - WEG DAMIT“; „Dank Euch, Ihr Liberalen, sollen die Arbeiter mal wieder zahlen“; „Für den Profit der Reichen müssen die Arbeiter weichen“; „Wir sind die 99%“; „Schwarzer Peter für die Arbeitslosen? Nein zu blinden Einsparungen!“; „Stoppt den kapitalistischen Wahnsinn!“; Stoppt die Jagd auf den Index!“; „Keine Sparmaßnahmen - Wir haben genug draufgezahlt!“; „Vor 10 Jahren hatten wir Steve Jobs, Bob Hope und Johnny Cash - Jetzt haben wir keine Jobs, keine Hoffnung und kein Cash!“; Zigarrettenfabrikarbeiter führten den Spruch „Arbeiter sind nur Zigarre!“. „Domo Gent minus 38 Jobs nach Deutschland - wer stellt ältere Arbeiter ein?“. „Spart bei den Bomben - Armut für den Krieg!“; Stoppt den Steuerbetrug!“.

 War es Zufall, dass unsere anfangs vierstellige Zahl von grüngekleideten Gewerkschaftern des Großraums Brüssel-Halle-Vilvoorde um 9:45 Uhr vom Gewerkschaftshaus nahe der Börse den kleinen Umweg zum Sitz der liberalen flämischen Partei Open-VLD machte? Sicherlich nicht, denn die Galionsfigur dieser Partei namens Quickenborne, auch bekannt als „Mister Q“ oder „Qickie“, ist durch seinen Ruf nach Abschaffung des gesetzlichen Inflationsausgleiches bei den Löhnen und Renten im Volk besonders vergaßt. So gab es an der Parteizentrale dieser Liberalen einige Minuten lang ein besonders lautes grelles Trommel- und Pfeifkonzert, was die liberalen Schreibtischtäter in den Räumen mit Blick auf die Straße sichtbar aus ihren Büros trieb. Sie kehrten aber Minuten später erschrocken wieder zurück, weil grüne Eier ihre Fensterscheiben und die Außenfassade des Gebäudes recht unappetitlich verzierten.

Ein deutscher Kollege meinte, dass dies in Deutschland nicht ginge. Dort würden sie gleich die Polizei rufen, die so eine Demonstration rasch auflöst. Ihm wurde gesagt, dass in Belgien ein Eierwerfer bestenfalls zu einer Geldstrafe verurteilt werden kann, die ersatzweise im Gefängnis „abgesessen“ werden kann. Da die Haftdauer bei einem solchen nicht sehr schlimmen Vergehen unter 6 Monate beträgt, müsste der erwischte Eierwerfer nicht einmal befürchten, sie antreten zu müssen. Die Knäste in Belgien sind nun mal randvoll mit kriminellen Gestalten, was auf absehbare Zeit auch so bleiben dürfte. Und die Gewerkschaft selbst ist in Belgien keine juristische Person und kann somit nicht in Haftung genommen werden für das, was einige Mitglieder bei vereinzelten Wutausbrüchen anrichten. „Quickie“ könne froh sein, dass nur Eier als Wurfgeschosse eingesetzt worden sind. Und die Meinungsäußerung von uns muss er einfach hinnehmen.

Nach dieser mit auch viel Heiterkeit durchgeführten Eierwerferei zog unser Block weiter zum eigentlichen Abmarschplatz der Demonstration. Dort empfing uns eine recht massive Anwesenheit der PVDA-PTB und begrüßte uns mit einer per Megafon weithin hörbaren Ansprache, die verdeutlichte, wie sehr die PVDA-PTB die Interessen der Arbeiterklasse Belgiens vertritt. Auch an etlichen anderen Stellen der Demonstrationsroute trafen wir immer wieder auf PVDA-PTB-Zelte. Junge und ältere Kommunisten verteilten viele Exemplare der „Solidair“ und kamen mit den Demonstrationsteilnehmern bestens ins Gespräch. Ein sehr aktiver parteiloser Gewerkschafter meinte, dass die PVDA-PTB bisher noch nie eine so wirklich überragende Präsenz hinbekommen hätte. Ich entgegnete ihm, dass dies möglicherweise auch daran liegen kann, dass dieses Mal die Sozialisten vom PS und der SP.A völlig fehlen, weil die bürgerlichen und opportunistischen sowie faschistischen Parlamentsparteien ein gegen die Gewerkschaften und gegen die Arbeiterklasse gerichtetes Bündnis eingegangen sind.

Es ist somit ein ausgezeichnetes Ergebnis dieser Massendemonstration, dass die PVDA-PTB als einzige Partei ihre politische Interessenvertretung für die Arbeiterklasse öffentlich deutlich machen konnte. Ich als PVDA-Mitglied wurde gefragt, wann man sich denn mal eine PVDA-Veranstaltung anschauen könnte. Auch bekam ich zu hören, dass die PVDA die einzige noch wählbare Partei ist. „Weil sich von denen bisher keiner die Hände schmutzig gemacht hat. Sozialisten und Christdemokraten haben uns doch nur verraten, die Parlamentsparteien sind doch Pest und Cholera und nichts weiter.“ Völker, hört die Signale!

Auf meinem Rücken stand

„STOP BUDGET FOR WARS, F16's, MILITARY, BANKS, POLITICAL CIRCUS ...“

(auf Deutsch: Keine Ausgaben für Kriege, F16's, Militär, Banken, politischen Zirkus ...“).

Ein über unsere aktive Beteiligung hochzufriedener Gewerkschaftssekretär ließ es sich nicht nehmen, nach der Demonstration uns, sein verbliebenes Gewerkschaftsaktiv aus einem Dutzend Kollegen, zu einem Bier einzuladen. Interessant war zu erfahren, dass die „Hühner-Mützen“ die von Staat und Kapital gerupfte Gans symbolisieren, in Anlehnung an eine in Belgien sehr geläufige niederländische Redensart. Die Diskussion drehte sich um die Einordnung unserer Demonstration in die Reihe heftiger Klassenkämpfe geographisch zwischen Athen, Lissabon, London und Riga.Und wir waren uns einig, dass der Kampf gegen das Kapital demnächst noch viel härter geführt werden muss.

Hier die Video- und Foto-Eindrücke von der Demonstration

Quellen:

http://www.deredactie.be/cm/vrtnieuws.deutsch/nachrichten/1.1166103

http://brf.be/nachrichten/national/300530/

http://www.swissinfo.ch/

Fotos/Videos:

https://picasaweb.google.com/

http://www.youtube.com/watch?v=aOQrC1n3FgI

http://www.youtube.com/watch?v=vt412aWIs7Y

http://www.youtube.com/watch?v=Ah0w_O3F0sY

Eierwerfen auf liberale Partei Open VLD:

http://www.youtube.com/watch?v=1Nzq-idmRKQ

http://www.youtube.com/watch?v=hBYVGA6BV_4

http://www.youtube.com/watch?v=YyIKkXaNU78

http://www.youtube.com/watch?v=a-3bTETlbZg

http://www.youtube.com/watch?v=8am7UatUF0U

http://www.youtube.com/watch?v=s2KnK-YWyYY

http://www.youtube.com/watch?v=63laAIMqazc

http://www.youtube.com/watch?v=LpQ-_gev9vQ

http://www.youtube.com/watch?v=0Rcqe2tLgJ8

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