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TANQUETAZO“ AM 29. JUNI 1973 IN CHILE UND HEUTE IN VENEZUELA

oder

VOM FRIEDLICHEN WEG ZUM SOZIALISMUS IN CHILE, VENEZUELA UND BOLIVIEN

von Jens-Torsten Bohlke, Redaktionsmitglied

Putschversuch gegen Allende am 29. Juni 1973

Kommunisten-Online, 15. September 2008.-   Der Moment für die eskalierenden Putschmachenschaften in Bolivien und Venezuela ist keinesfalls zufällig, sondern sorgfältig und bewusst für diese Tage ausgewählt worden. Nicht nur die USA befinden sich im Wahlkampf, was die Aggressivität und Nervosität der dortigen Noch-Regierenden und um den Einzug ins Weiße Haus den Showtanz Abliefernden extrem steigert. Sondern auch Venezuela steckt im Wahlkampf, wo nicht nur der Vorsitzende der KP Venezuelas zur Unterstützung der kommunistischen Kandidaten für Gouverneurs- und Bürgermeisterämter durch das Land reist, sondern etliche maßgebliche Funktionäre der antiimperialistisch-demokratischen Kräfte aus der Chávez-Basis Wahlkampf führen. Da an einem weiteren Sieg der revolutionär-demokratischen Kräfte kaum Zweifel bestehen und die Bourgeoisie um den Verlust weiterer Gouverneurs- und Bürgermeisterposten fürchten muss, sieht der Imperialismus keine Chance, Chávez und die Fortsetzung der antiimperialistisch-demokratischen Umgestaltungen im bürgerlich-demokratischen Rahmen am 23. November 2008, dem Wahltag in Venezuela, zu stoppen. Ebenso bleibt die Popularität und demokratische Mehrheit des bolivianischen Volkes für Evo Morales ungebrochen, der sich wie Hugo Chávez damit auf seine demokratische Legitimität berufen kann.

Wie uns der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff lehrt, ist genau dies die Situation, in welcher die aggressivsten, reaktionärsten, am meisten imperialistischen und am meisten chauvinistischen Kreise des Finanzkapitals durch Errichten einer faschistischen Diktatur offen und unverhüllt mit terroristischen Mitteln ihre Macht zementieren wollen.

Angesichts eines rasant sich gegen sie entwickelnden Kräfteverhältnisses bleibt den Imperialisten in Gestalt der venezolanischen Oligarchie mit Unterstützung der kolumbianischen Drogenbarone, der CIA und USA-Regierung wie nicht zuletzt auch der EU-Mächtigen gar nichts weiter übrig, als auf „die braune Karte“ zu setzen. Auch Boliviens Oligarchie setzt im Pakt mit dem US-Imperialismus auf „die braune Karte“, was in Bolivien weitaus leichter zu organisieren ging als in Venezuela.

Venezuelas Militär ist nicht das chilenische oder bolivianische Militär. Chiles und Boliviens Offiziere kommen fast ausschließlich aus den Familienclans der chilenischen und bolivianischen Oligarchie. Venezuelas Offiziere entstammen vorwiegend den Mittelschichten und dem Kleinbürgertum. Das venezolanische Militär zum Putsch gegen den populären Chávez zu gewinnen, ist für Washington und die venezolanische Oligarchie ein sehr schwieriges Unterfangen. Da muss seitens der CIA und US-Botschaft mit allen Mitteln gearbeitet werden:

- massives Einschleusen von kolumbianischen Diversanten aus den kolumbianischen Todesschwadronen über die offene Grenze nach Venezuela

- massive verdeckte CIA-Operationen unter Rückgriff auf lateinamerikanische Contras im US-Sold und getarnt in venezolanischen Uniformen und Flugzeugkennzeichen

- massive Wirtschaftssabotage zur Erzeugung von Versorgungskrisen und Destabilisierung der inneren Verhältnisse Venezuelas unter der Chavez-Regierung

- massiver Drogenschmuggel in die Armenviertel zwecks Vergrößern und Gewinnung des Lumpenproletariats und dessen Mobilisierung gegen Chavez, was zugleich dessen Basis im Volke schmälert

- Bestechung von Schlüsselfiguren in Gesellschaft und Politik und massives finanzielles Fördern konterrevolutionär nutzbarer Nichtregierungsorganisationen

- massive Finanz- und Logistikhilfen für konterrevolutionäre Netzwerke

- massiver Propagandafeldzug gegen Chavez seitens aller bürgerlichen Medien

- massives Einschleusen von Diversanten in die Chavez-Partei (PSUV)

- Reaktivierung der 4. Flotte als gigantische US-Militärmaschinerie für den Interventionsfall in Lateinamerika

- Vorbereitung der US-Truppen auf Krieg gegen Venezuela

- Vorbereitung des reaktionären Uribe-Regimes in Kolumbien auf Krieg gegen Venezuela

- Bestechung der venezolanischen militärischen Befehlshaber insbesondere entlang der Grenze mit Kolumbien

Womit einige wichtige Punkte aus dem tagtäglich laufenden Destabilisierungsprogramm der CIA gegen Venezuela genannt wären. Was jedoch bisher keinerlei Kochtopfdemonstrationen der Mittelschichten und kleinbürgerlichen verwöhnten Blondinen oder das Wirtschaftsleben lähmende mit CIA-Geld gesponserte Fuhrunternehmerstreiks erbrachte. Und somit den Strategen in Washington, Bogotá, Brüssel, Madrid, Paris und Berlin nur die Nerven blank legen kann.

Schwächstes Glied in der Kette lateinamerikanischer antiimperialistisch-demokratisch regierter Länder ist Bolivien, wo sich Lumpenproletarier leicht und in Massen für vergleichsweise wenig Geld anheuern ließen, um für die bolivianische Oligarchie aus Zinnbaronen und Kompradorenbourgeoisie das schmutzige Geschäft des konterrevolutionären Terrors zur Einschüchterung der Bevölkerung zu besorgen. Natürlich deckt der alte bürgerliche Staatsapparat die Erstürmungen und Plünderungen staatlicher Einrichtungen, denn von jedem Putsch in der von vielen Staatstreichen gezeichneten Geschichte Boliviens profitierten stets die Putsch-Unterstützer und gab es viele Opfer auf Seite der bürgerlich-demokratischen und der revolutionären Volksbewegung.

Wir Marxisten-Leninisten wissen durch das Studium der Werke von Lenin, dass es ohne konsequente Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates keine sozialistische Revolution geben kann.

Der bolivianische Präsident Evo Morales engt sich auf rein bürgerlich-demokratische Rahmenbedingungen selbst ein, was ihm und der um ihn gescharten Mehrheit des bolivianischen Volkes nun zum Verhängnis zu werden droht. Wir verfolgen in Bolivien und Venezuela also derzeit nichts weiter als den von Salvador Allende in Chile einst eingeleiteten Versuch, auf friedlich-gewaltfreiem Wege die bürgerliche Ordnung durch radikaldemokratische Reformen bei strikter Wahrung der bürgerlichen Verfassung zu überwinden und das aufzubauen, was da wie auch immer gemeint ist und als Sozialismus ausgegeben wird. Chávez und Morales kämpfen darum, im Gegensatz zu Allende erfolgreich zu enden und Aufbau des Sozialismus zu erreichen.

Jedoch stoßen Chavez und Morales an gewisse Grenzen. Das letzte große Referendum, wo es u.a. auch um die Möglichkeit des Weiterregierens für Chávez nach 2013 ging, wurde von Chavez verloren. Dies nicht zuletzt auch durch Diversanten in den Reihen seiner Anhängerschaft und in der PSUV, von der nicht mal die Hälfte am Referendum teilnahm. Die Konsolidierung des staatlichen Wirtschaftssektors in Venezuela wird immer wieder ganz beachtlich durch reaktionäre Strukturen vor Ort und Diversanten in der PSUV behindert und blockiert. Den Kommunalräten und Arbeiterselbstverwaltungen in Betrieben gelingt kein Übergewicht gegenüber dem hemmenden und sabotierenden alten bürgerlichen Staatsapparat. Genossen der KP bezeichneten mir gegenüber die Nationalgarde Venezuelas als „Todesschwadronen“ voller Verschwörer. In Bolivien kämpft Morales mit dem Verfassungsgericht, sieht er sich einer reaktionären Militärkamarilla und Polizei gegenüber und morden mittlerweile offen faschistische Hakenkreuze tragende Terrorgruppen in SA-Manier für den Präsidenten Morales Partei ergreifende friedliche und unbewaffnete Demonstranten. Morales und Chávez haben sehr wohl das in Bolivien einsetzende Blutbad erkannt, welches sich mit bloßen diplomatischen Mitteln wie der Ausweisung der USA-Botschafter nicht wird eindämmen lassen.

So wichtig der Zusammenhalt etlicher einflussreicher werdender lateinamerikanischer Regierungen gegenüber den Machenschaften des US-Imperialismus und der einheimischen Oligarchien auch ist, dies wird nicht die Notwendigkeit einer Volksbewaffnung zur Klärung der Machtfrage in Ländern wie Bolivien und Venezuela ersetzen können. Dies wird nicht die Notwendigkeit der Zerschlagung des alten reaktionären bürgerlichen Staatsapparates und seine Ersetzung durch einen neuen sozialistischen Staatsapparat ersetzen können.

Revolutionärer Demokratismus ist lt. Lenin die Umschlagstufe von der bürgerlichen zur proletarischen Ideologie. Fidel Castro und Ernesto Che Guevara waren revolutionäre Demokraten zur Zeit der kubanischen Volksrevolution. Erst nach deren Sieg entwickelten sie sich zu Kommunisten, denn der immer wieder sich zuspitzende Klassenkampf zwang sie zu einer immer radikaleren Positionierung. Die Frage hieß „Wer - wen?“. Wedelt der Schwanz mit dem Hund oder der Hund mit dem Schwanz?

Die kubanische Volksrevolution hat sich als eine Revolution erwiesen, die sich zu verteidigen versteht.

Die Invasion in der Schweinebucht scheiterte und ging sehr kläglich für die kubanischen Contras und den US-Imperialismus aus, sowjetische Raketenstationierungsvorhaben sicherten letztlich, dass die USA das revolutionäre Kuba vor ihrer Haustür respektieren mussten. Mord-Attacken auf Fidel Castro, vielfältigste Schädigungen der sozialistischen kubanischen Volkswirtschaft, geheimdienstliche Wühltätigkeit und ideologische Diversion kannten jedoch auch nach jener „Kuba-Krise“ keine Beschränkungen. Fidel Castro selbst warf die kritische und selbstkritische Diskussion auf, ob die sozialistische Gesellschaft Kubas unumkehrbar oder umkehrbar ist.

Auch Evo Morales und Hugo Chávez Frías sind revolutionäre Demokraten. Die Partei von Evo Morales nennt sich MAS, Movimiento Al Socialismo, Bewegung zum Sozialismus. Die Partei von Hugo Chávez Frías nennt sich PSUV, Sozialistische Einheitspartei Venezuelas. Wobei die Haltung beider Revolutionsführer zum Marxismus-Leninismus eine widersprüchliche Haltung ist. Weder Marx noch Lenin ist ihnen unbekannt, deren Schriften haben sie sicherlich in gewissem Maße gelesen. Jedoch ergab sich aus dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems 1989 für Hugo Chávez Frias die für ihn bisher nicht geklärte Frage, weshalb die Völker Osteuropas und insbesondere die Arbeiterbewegung Osteuropas jenen Zusammenbruch von „Arbeiter-und-Bauern-Staaten“ kampflos über sich ergehen ließ. Chávez unterstellt da das praktische Versagen des Marxismus-Leninismus als revolutionstaugliche zeitgemäße Grundlage. So ringt er um ein eigenes Konzept und setzt den „venezolanischen Sozialismus“ aus den verschiedensten Sozialismen eklektizistisch zusammen zu einer Ansicht, die er als revolutionärer Demokrat für das Vorankommen im antiimperialistisch-demokratischen Kampf für gerade eben mal gut und richtig hält. Chávez sieht sich da als Pragmatiker. Wir Marxisten-Leninisten wissen, dass ohne klare revolutionäre Theorie keine Revolution in der Praxis erfolgen kann. Wir beobachten den schwierigen Klassenkampf in Bolivien und Venezuela nicht nur aufmerksam, sondern wir stehen fest an der Seite der dort sich einbringenden Kommunisten. Deswegen publiziert K-Online soviel aus der „Tribuna Popular“, der Zeitung und Internetplattform der KP Venezuelas.

* * *

Während die Lage in Venezuela für Chávez unter Kontrolle ist, steht es sehr kritisch für Evo Morales in Bolivien. Gegen massiver werdenden faschistischen Terror kann es nur eine Antwort geben: die Volksbewaffnung.

Wir haben es mit einer Neuauflage des „tanquetazo“ zu tun. Der „tanquetazo“ fand am 29. Juni 1973 in Chile statt. Zwei Panzerregimenter fuhren in Putschabsicht Richtung Präsidentenpalast und wurden von loyalen Truppen gestoppt. Das Volk reagierte sofort mit einer gewaltigen Mobilisierung zu Massendemonstrationen. 

Allende beging seinen größten Fehler. In einer Fernsehrede rief er die Frauen auf, doch bitte heute Abend mal besonders lieb zu ihren Männern zu sein, damit Ruhe und Ordnung im Lande einkehren möge. So demobilisierte er das Volk, anstatt es zu bewaffnen. Anschließend im Juli/August 1973 kam es zu Folter und Mord in den Kasernen, wo loyale Militärs ausgeschaltet wurden und Putschisten alle Kommando-Ebenen besetzten. Am 11. September 1973 erfolgte auf breitester Front vorbereitet der faschistische Militärputsch des die demokratische Verfassung Chiles verratenden Generals Pinochet. Nur wenige Tage lang zerschlugen die faschistischen Militärs das unbewaffnet sich wehrende Volk mit brutalster militärischer Gewalt im Auftrag der  Konterrevolution. Dann gab es einige Jahre lang eine faschistische Militärdiktatur mit terroristischen Einrichtungen wie Konzentrationslagern und Folterstätten in Chile, wo tausende Kommunisten und aktive Antifaschisten grausam gefoltert und ermordet wurden.

Allende kam bei jenem faschistischen Militärputsch ums Leben, er starb mit der Kalaschnikow in der Hand. Er fiel mit der Kalaschnikow in der Hand. Daraus lernten wir, dass es eine Illusion ist, im Rahmen bürgerlich-demokratischer Verhältnisse gewaltfrei und friedlich hübsch treu zur bürgerlichen Verfassung durch einen revolutionären Prozess radikaler Reformen den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Heute sehen wir erneut, welche Möglichkeiten dem Imperialismus, der inneren und äußeren Konterrevolution verbleiben, wenn der alte reaktionäre bürgerliche Staatsapparat intakt belassen bleibt und der bürgerlich-demokratische Rahmen durch die revolutionären Kräfte zementiert wird. Entweder Diktatur der Bourgeoisie, oder Diktatur des Proletariats! Vor dieser Entscheidung stehen die revolutionär-demokratischen Kräfte in Venezuela und in Bolivien heute.
Noch mal: Wir haben es mit einem „tanquetazo“ in Venezuela derzeit zu tun. Entweder Chávez bewaffnet das Volk, oder der reaktionäre Staatsapparat verschwört sich weiter und erfolgreicher gegen ihn, gesponsert aus Quellen der einheimischen Oligarchie und des internationalen Finanzkapitals. Möge sich Hugo Chávez Frías dessen bewusst sein. Und möge es kein Zufall sein, dass er sich in diesem kritischen Moment Boliviens und Venezuelas ausgerechnet in Santiago de Chile mit etlichen Präsidenten lateinamerikanischer Länder trifft, wo Allende noch immer allgegenwärtig ist. Vencerémos. Wir werden siegen.

Quellen: etliche Übersetzungen zu den Entwicklungen in Venezuela und Bolivien, die hier bei K-Online öffentlich zugänglich ist.

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