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Türkei:
»Der
Westen fährt mit Erdogan sehr gut«
Zwischen
Pest und Cholera? Der Machtkampf zwischen Regierung und Armeeführung
in der Türkei und die Position der Kommunisten. Interview mit Haluk
Arican
Jürgen
Elsässer
Quelle:
jungeWelt
vom 2. Mai 2007
Haluk
Arican ist der Deutschlandvertreter der Türkischen Kommunistischen Partei
(tkp.org.tr)
Am
Sonntag demonstrierte eine Million Menschen in Istanbul für den Rücktritt
der Regierung Erdogan und für die Wahl eines laizistischen Staatspräsidenten.
Am 1.Mai waren wieder Tausende auf der Straße der Bosporus-Metropole.
Waren die Ziele und die Aufrufer dieselben?
Nur
zum Teil. Die Demonstration zum Kampftag der Arbeiterklasse hat eine ganz
klare linke Stoßrichtung. Erinnert wurde an das Massaker, das Faschisten
und US-Geheimdienstler vor genau dreißig Jahren am 1. Mai verübt haben,
und wie damals sollten die Demonstrationszüge am Taksim-Platz enden.
Dieser Platz war seit 1980 für linke Demonstrationen gesperrt, und es
sieht so aus, als ob ein Großaufgebot an Polizei auch dieses Mal die
Durchsetzung unseres Demonstrationsrechts verhindert hat. Im Unterschied
dazu war die Massenaktion am vergangenen Sonntag von den Militärs
freundlich unterstützt worden. Trotzdem hat ein Teil der Sozialdemokraten
und Kemalisten von der Sonntagsdemo auch zum 1. Mai mobilisiert, aber die
Erfahrung aus den letzten Jahren zeigt, daß die Masse der Menschen nicht
deren Aufrufen folgt, sondern unseren und denen der großen
Gewerkschaftsverbände DISK und KESK.
In
den deutschen Medien wird der Eindruck erweckt, daß sich in der Türkei
zwei Lager gegenüberstehen: die regierenden Islamisten von der AKP und
das laizistische Lager aus Militärs und den Demonstranten vom Sonntag.
Stimmt das?
Nein.
Sowohl die AKP wie auch der Generalstab der Armee gehören zum bürgerlich-kapitalistischen
Lager der Gesellschaft. Daneben gibt es aber einen dritten Pol, der für
eine grundsätzliche Alternative zum Kapitalismus und den Sozialismus
eintritt. Dort steht auch unsere Partei.
Aber
sind nicht Teile der Demonstranten vom Sonntag auch zumindest in wichtigen
Fragen oppositionell zum System? Eine Kundgebungsrednerin, Professorin
Necla Arat, hat für eine »demokratische Türkei« und »gegen den
Imperialismus« plädiert. Die Stimmung gegen USA und EU soll am Sonntag
sehr stark gewesen sein.
Wenn
in der Türkei bürgerliche Kreise von »Imperialismus« sprechen, so
meinen sie das nicht im linken, sondern im kemalistischen Sinne. Nach
ihrer Mythenerzählung ist die türkische Republik unter Kemal Atatürk
nach dem ersten Weltkrieg gegen die Zerstückelungsversuche durch die
imperialistischen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Italien und
deren Speerspitze Griechenland gegründet worden. »Imperialismus« ist in
diesem Sinne nur das, was sich gegen das türkische Nationalinteresse
richtet. Umgekehrt wird es nicht als Imperialismus gesehen, wenn die Großmächte
die Türkei an ihren Interventionen gleichberechtigt beteiligen. Etwa im
Sinne des US-Multimilliardärs George Soros, der gelobt hat: »Der
wichtigste Exportartikel der Türkei ist ihr Militär.«
Offensichtlich
wächst aber in der Türkei die Stimmung, auch bei den Generälen, keine
Soldaten mehr für US-Interessen zu exportieren, oder?
Das
kommt sehr darauf an. Richtig ist, daß der Antiamerikanismus, der früher
exklusiv links war, mittlerweile zu einer Mehrheitsströmung in der Bevölkerung
geworden ist. Ein Schlüsselereignis fand vor drei Jahren statt: Damals
wurde ein türkischer Stützpunkt im Nordirak von US-Einheiten
eingekesselt, und, was besonders schockierend war, türkische Offiziere
wurden mit Säcken über den Köpfen abgeführt. Aber dieser
Antiamerikanismus würde schnell verschwinden, wenn die USA die Türkei
wieder stärker ins Besatzungsregime im Irak einbezögen. Entsprechende
Diskussionen gibt es zwischen beiden Seiten. Dabei geht es selbstverständlich
nicht um die türkische Präsenz im Nordirak, also in den kurdischen
Gebieten, sondern in den Zentralprovinzen. Dort sind türkische Soldaten
zur Entlastung der US-Armee willkommen.
Könnte
es sein, daß die Demonstrationen gegen die islamistische Regierung aus
den USA mitfinanziert werden, wie etwa die »orange Revolution« in der
Ukraine?
Keinesfalls.
Erstens fahren USA, NATO und EU mit der AKP-Regierung sehr gut. Der
Islam hat Premier Recep Tayyip Erdogan nicht daran gehindert, die Militärkooperation
mit Israel fortzusetzen. Zum anderen sind die Demonstranten am Sonntag
zwar von bürgerlich-kemalistischen Kreisen mobilisiert worden. Aber wenn
die Mobilisierung anhält, würden die Linken die Hegemonie auf der Straße
erringen können das zeigt die Geschichte der letzten 30 Jahre.
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