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Sowjetunion:
War
es eine Okkupation –
oder
war
es eine Konterrevolution?
Von
Ljubow Pribytkowa
Auf
Kommunisten –online.am 6. Januar 2012 – Kürzlich hatte ich die
Gelegenheit ein Mitglied des Exekutivkomitees eines „Bürgerkongresses
der UdSSR“ zu treffen. Eine solche Organisation gibt es tatsächlich in
Rußland. Wir sprachen über eine Versammlung, welche am
30. Oktober 2011 stattfand. Dort hatte die Vorsitzende des
Exekutivkomitees Tatjana Chabarowa einen Bericht erstattet. Sie ist eine
ziemlich bekannte Person in der russischen kommunistischen Bewegung. Es
lohnte sich nicht, die ideellen Positionen dieser wenig bekannten
Organisation zu analysieren, wenn nicht ihre Verbreitung die Menschen von
der Wahrheit wegführen würde und der Herausbildung des Klassenbewußtseins
des russischen Proletariats großen Schaden zufügen würde.
Im
Jahre 1995, als Chabarowa den Kongreß der Bürger der UdSSR leitete, verkündete
sie unter dem Beifall der Anwesenden eine Erklärung „Über den Status
der UdSSR als zeitweilig okkupiertes Land“ und „Über die
nichtzutreffenden Rechte des Privateigentums über das Volkseigentum der
UdSSR“. Zu dieser Zeit war es noch schwierig, zu verstehen, was
eigentlich in diesem Land vor sich ging – zu wild und zu unwirklich
erschien das ganze Geschehen. Und die Ideen Chabarowas schienen nicht
gerade einer vom Wahn nach Nostalgie befallenen Intellektuellen zu
entstammen.
Doch
15 Jahre später wurde vieles klarer. Wenn heute jemand behauptet, daß
die UdSSR noch existiert und nur zeitweilig okkupiert ist und die Menschen
beharrlich davon zu überzeugen sucht, daß es auf dem Gebiet der
damaligen Sowjetunion keinen Kapitalismus gibt, dann ist das – wenn
schon nicht ein Merkmal psychischer Verwirrung, so doch ein absoluter
Verlust dialektischen Denkens.
Die
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, als erster sozialistischer
Arbeiter- und Bauernstaat der Welt, hat Anfang der 90er Jahre des
20.Jahrhunderts aufgehört zu existieren. Die UdSSR wurde nicht etwa von
den Streitkräften der benachbarten Staaten besetzt, sie wurde nicht von
feindlichen Armeen okkupiert.
Das
faschistische Deutschland hatte 1941 den Versuch unternommen, die
Sowjetunion zu okkupieren, doch die Armeen Hitlerdeutschlands wurden von
der Roten Armee zerschlagen, und am 1. Mai 1945 wehte über dem Reichstag
das Banner des Sieges. Seit dieser Zeit hat nicht ein einziger feindlicher
Stiefel den Boden unseres Landes betreten, obwohl der Westen niemals die
Träume von der Vernichtung des sowjetischen Staates, des Führers des
sozialistischen Weltsystems, fallenließ.
Bekanntlich
begann nach der Rede Winston Churchills 1946 in Fulton der Kalte Krieg des
Imperialismus gegen die sozialistische Welt. In einem beliebigen
politischen Wörterbuch kann man nachlesen, was den Kalten Krieg
charakterisiert. Er ist gekennzeichnet durch die Androhung und Anwendung
von Gewalt und die ständige subversive Tätigkeit gegen die
sozialistischen und die fortschrittlichen unabhängigen Staaten, vom
forcierten Wettrüsten und der Nutzung wissenschaftlicher und technischer
Errungenschaften zu militärischen Zwecken, durch die Bildung der Militärblöcke
und Bündnisse und durch verschärfte antikommunistische Propaganda.
In
dieser Zeit hat der Westen Hunderte antikommunistischer Institute und
Zentren geschaffen, in denen Tausende von Spezialisten ideologische
Konzeptionen zum Kampf gegen die Ideologie des Proletariats – den
Marxismus – entwickelten. Da gab es die sogenannte
„Konvergenztheorie“ und die „Entideologisierung“. Es entstanden
die „Futurologie“, die „Sowjetologie“ und die
„Kremlforschung“. Die empirische Soziologie fing an, für sich die
Rolle einer „Theorie aller Theorien“ zu beanspruchen. Auch die
pansexologischen Weisheiten Siegmund Freuds und die Konzeption des
technologischen Determinismus fanden weite Verbreitung.
Doch
der wissenschaftliche Kommunismus, der von Marx und Engels begründet
wurde, der den Menschen Kenntnisse über die objektiven Gesetze der
gesellschaftlichen Entwicklung vermittelt, der das Ausbeuterwesen der
kapitalistischen Produktionsweise erklärt und seinen Hauptwiderspruch
offenlegt, sagte schon die Unvermeidlichkeit der sozialistischen
Revolution und das Scheitern des Kapitalismus voraus.
Das Leben hat den Wahrheitsgehalt des Marxismus bestätigt. Das
Manifest der kommunistischen Partei wurde zum Programm der Kommunisten in
der ganzen Welt. Darin erklären sie öffentlich:
„Die
Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu
verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht
werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen
Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer
kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu
verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“ (Karl Marx
/ Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd.I, S.451)
Die
Unmöglichkeit die Theorie des Kommunismus im offenen ideologischen Kampf
zu besiegen, zwang den Westen dazu, den psychologischen Krieg zu verstärken.
Auch heute werden von der Propagandamaschine des Westens die Profis für
„Gesellschaftskunde“ und die „Bewußtseinsindustrie“ fürstlich
entlohnt. Sie produzieren gefälschte „Erinnerungen“, schreiben
unbequemen Politikern fiktive Reden zu, starten provokatorische Verhöre,
verbreiten schmutzige Anekdoten usw.… Politische Ereignisse und
gesellschaftliche Tatsachen werden gerade so interpretiert, wie es der
Bourgeoisie von Vorteil ist. Vom kritischen oder sozialistischen Realismus
in der Kunst, von der Wahrhaftigkeit der politischen Propaganda können
wir jetzt nur träumen. Rundfunk und Fernsehen überfluten in breiten Strömen
die Welt mit Lüge, Irreführung und Verleumdung. Da werden Tatsachen
unterstellt, Begriffe verzerrt, falsche Videos produziert. Die Demagogie
wurde zu einem Hauptinstrument der Bearbeitung desBewußtseins der Massen.
Nur mit Mühe kann man im Internet ein Programm mit objektiven
Interpretationen über die Ereignisse in der Welt finden.
Doch
weder der Bürgerkrieg und die ausländische Intervention der 20er Jahre,
noch die faschistische Aggression von 1941, weder der nicht endende
ideologische Kampf, noch die psychologischen Angriffe der Bourgeoisie
konnten die verhaßte Sowjetmacht zerstören. Das Todesurteil über die
Sowjetmacht in der UdSSR und das sozialistische Weltsystem sprach die
KPdSU, deren ökonomische Politik nach dem Tod Stalins aufgehört hatte,
sich auf die Theorie des Marxismus zu stützen. Ausgerechnet die KPdSU als
herrschende Partei begann, die sozialistischen Prinzipien der Wirtschaftsführung
– die zentralisierte Verwaltung und die Planmäßigkeit – durch bürgerliche
ökonomische Mechanismen – durch Orientierung auf Gewinn und durch das
Rentabilitätsprinzip – zu ersetzen.
Mit
schweigendem Einverständnis der einfachen Parteimitglieder lehnte es die
Parteiführung der KPdSU ab, das Volkseigentum an Werkzeugen und
Produktionsmitteln als Fundament der sozialistischen Volkswirtschaft
anzusehen. Die ökonomischen Reformen Kossygins von 1965 und die
nachfolgenden Verordnungen der Regierung Ryshkow bildeten die Grundlage für
die Restauration des Kapitalismus in der UdSSR. Schon in den 80er Jahren
spielten in der Führung der kommunistischen Partei die Opportunisten und
die Antikommunisten Gorbatschow und Jakowlew, Jelzin und Schewardnadse,
Alijew und Nasarbajew, Krawtschuk und Schuschkewitsch, Brasauskas und eine
Armee von titulierten Ökonomen-Akademiemitgliedern der eine führende
Rolle.
Nicht
wenige Autoren haben schon wissenschaftlichen Versuche einer dialektischen
Analyse der objektiven und subjektiven Faktoren der Konterrevolution in
der UdSSR unternommen, wesentliche und nebensächliche Gründe, innere und
äußere Umstände untersucht. Derartige Artikel und Bücher sind wertlos,
weil man nur auf einem Weg ein realistisches Bild des Geschehens bekommen
und eine politische Einschätzung abgeben kann:
Die
Strategie und Taktik der kommunistischen Bewegung hängt in entscheidendem
Maße davon ab, wie die Ergebnissen einer objektiven Analyse der gegenwärtigen
ökonomischen Entwicklung des Landes ausfallen. Ist Rußland eine
sozialistische Sowjetrepublik, ist Rußland okkupiert, wie Tatjana
Chabarowa ständig behauptet, oder entwickelt sich das Land auf dem
kapitalistischen Weg? Befindet sich die UdSSR heute unter Okkupation oder
existieren auf dem Gebiete der UdSSR schon seit zwei Jahrzehnten unabhängige
kapitalistische Staaten? Wenn also das Land okkupiert ist, wer ist dann
der Besatzer? Saugt nicht die russische Wirtschaft, die von ausländischem
Kapital durchgedrungen ist, die Naturschätze des Landes aus und
exportiert sie ins Ausland? Und ist nicht das nationale Kapital der
Besatzer? Niemand anderes als die mit dem Westen verbundenen russischen
Oligarchen sind die die Feinde und Besatzer des russischen Volkes, und natürlich
beutet die russische Bourgeoisie die Arbeiter aus, und nicht irgendein
„Besatzer“.
Die
Materialien dieser sogenannten UdSSR-Bürgerkongresse lesen sich wie
schlechte Verbaläquilibristik, sie sind nichts anderes als ein
verwerfliches Jonglieren mit rechtlichen Begriffen, die de jure und de
facto in keiner Beziehung zur Realität stehen: „Das Land, das wir nicht
verloren haben”. „Das sowjetische Volk ist zeitweilig vom globalen
Weltimperialismus okkupiert”. Man muß sich von den Illusionen lösen:
Wir haben sowohl das Land verloren, als auch die Sowjetmacht und das
sowjetische Volk. Die historische Menschengemeinschaft existiert nicht
mehr. (...)
Auf
der Website des russischen Komosmol http://rksmb.ru/print.php?1485
haben die Wissenschaftler Batow, Markow, Makow und Orlow einen fundierten
Artikel über den gegenwärtigen russischen Imperialismus veröffentlicht.
Mit Hilfe des dialektischen Materialismus und auf marxistischer Grundlage
haben die Autoren eine wissenschaftliche Analyse vorgenommen. Es gelang
ihnen, ein überzeugendes und objektives Bild des gegenwärtigen
russischen Imperialismus zu zeichnen. Die Autoren nehmen als Grundlage die
Arbeit Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus”, in der die Hauptmerkmale des Imperialismus dargelegt
sind. Das sind: Konzentration der Produktion und des Kapitals, Bildung der
Monopole (sie spielen im Wirtschaftsleben des Landes eine entscheidende
Rolle!), Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital, Bildung
der Finanzoligarchie auf der Basis des „Finanzkapitals”,
Kapitalexport, Bildung internationaler Monopolverbände der Kapitalisten
und territoriale Aufteilung der Welt zwischen den kapitalistischen Mächten.
Die
größten Monopole Rußlands in der Erdöl- und Erdgasindustrie sind heute
„Lukoil“, „Gazprom“, „Rosneft“, „Surgutneftgaz“,
„Transsneft“ und weitere. Im Bereich der Energieerzeugung sind es das
„Energieverbundsystem Rußlands AG”, der Konzern „Rosenergoatom“,
„Mosenergo“. Im Maschinenbau „Auto-WAZ“, die Gruppe „GAZ“, der
Rüstungskonzern „Almaz-Antej“, und die Monopole „Sewer-Stahl“,
„Norilsk-Nickel“, die Aluminiumhersteller „Rusal“ und „Sual“
und die Telekommunikationsgesellschaften „Swjazinwest“ und
„Rostelekom“, sowie andere.
Aufgrund
seiner hohen Konzentration und Zentralisierung fließt das nationale
Kapital im heutigen Rußland immer mehr ins internationale System der größeren
multinationalen Konzerne ein. Gazprom, „Gazprom“, „Lukoil“ und
„Rusal“ haben heute einen festen Platz in der Liste dieser Konzerne.
Der Integrationsprozeß schreitet weiter voran. Die
transnationalen Konzerne des Finanz- und Produktionsnetzes haben
mehr oder weniger die ganze Welt erfaßt. Gerade das beweist, daß Rußland
ein kapitalistischer Staat im imperialistischen Entwicklungsstadium ist.
Diesen kapitalistischen Weg haben auch die anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken eingeschlagen.
Es
ist schlimm, wenn Kommunisten der Wahrheit nicht ins Auge sehen wollen.
Sie analysieren nicht die Ereignisse, sondern sie wiederholen gebetsmühlenartig,
was Rundfunk und Fernsehen berichten. Andere „Parteiführer“, wollen
zum Beispiel ihre Parteimitglieder nicht enttäuschen und nennen das
kapitalistische China ein sozialistisches Land. Oder sie genieren sich,
die gefährlichen Tendenzen des Hinunterkriechens auf den Marktweg in der
Entwicklung der kubanischen Wirtschaft beim Namen zu nennen. Wieder andere
wiederholen gedankenlos die Dithyramben des Päsidenten des bürgerlichen
Staates Weißrußlands Alexander Lukaschenko. Andere, wie die Kandidatin
der philosophischen Wissenschaften Chabarowa, hauen den Menschen nebulöse
Phantasien um die Ohren. (...)
Leider
haben heute viele, die sich noch Kommunisten nennen, aufgehört zu lernen.
Sie lesen und analysieren nicht mehr, und sie denken zu wenig nach. Sie
kennen die Theorie des Kommunismus nur auf dem Niveau seiner Losungen, fünf
oder sechs marxistische Zitate. Vielleicht muß man wirklich von vorn
beginnen und Zirkel zur Aneignung des Marxismus, seiner
dialektisch-materialistischen Philosophie, der sozialistischen politischen
Ökonomie und des wissenschaftlichen Kommunismus schaffen. Man muß die
Arbeiten Marx und Engels studieren und über den Arbeiten Lenins
schwitzen.
Nicht
jedem wird der Marxismus es ermöglichen, das Wesen der sozialistischen
Revolution zu verstehen, doch ohne deren Kenntnis wird jeder Kampf des
Proletariats unvermeidlich zur Niederlage führen. Nur der ökonomische
Kampf, um eine „angemessene“ Rente, für fristgerechte Lohnzahlung und
gerechte Verkehrtarife usw. werden der Gesellschaft keine soziale
Gleichheit bringen. Sie werden das Volk nicht von der kapitalistischen
Ungerechtigkeit und Ausbeutung befreien.
Die
höchste Form des Klassenkampfes ist der politische Kampf – der Kampf um
die Macht, für Diktatur des Proletariats. Aktuell wie nie zuvor sind die
Worte Lenins: „Entweder Diktatur (d.h. eiserne Macht) der Gutsbesitzer
und Kapitalisten oder Diktatur der Arbeiterklasse. Ein Mittelding gibt es
nicht. Von einem Mittelding träumen die Adligen, die Intellektuellen und
die Herrschaften vergeblich, sie haben schlecht gelernt, aus schlechten Büchern.
Nirgends in der Welt gibt es ein Mittelding und wird nicht geben. Entweder
Diktatur der Bourgeoisie (…) oder Diktatur des Proletariats. Wer das aus
der Geschichte des 19.Jahrhunderts nicht gelernt hat, der ist ein
hoffnungsloser Idiot.“ (W.I.Lenin, Brief an die Arbeiter und Bauern zum
Sieg über Koltschak, in: Ges.Werke Bd.39, S.158 russ.). |