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Gesellschaftliche
und ökologische Schäden aus Profitstreben
DER
BIOKRAFTSTOFFSKANDAL IN DEN LÄNDERN DES SÜDENS
oder
DIE
MÄR DER „GRÜNEN ENERGIE“
von
Francois Houtart*
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Caracas,
27. Juli 2011, Tribuna Popular (TP). (auf Kommunisten-online am
1. Juli 2011) – Die Umsetzung der Idee der Ausweitung des Anbaus
von Biokraftstoffen in der Welt und insbesondere in den Ländern des Südens
ist eine Katastrophe. Sie ist Teil eines Lösungsansatzes für die
weltweite Energiekrise. In den nächsten 50 Jahren werden wir den
Energiekreislauf verändern müssen. Wir werden uns dabei von den immer
seltener werdenden fossilen Energieträgern auf andere Energiequellen
umstellen müssen.
Kurzfristig
ist es einfacher, das zu nutzen, was sofort rentabel ist: die
Biokraftstoffe. Dieser Lösungsansatz erscheint unter dem Gesichtspunkt
sich vermindernder Investitionsmöglichkeiten und hoher
Profiterwartungen der am meisten nachgefragte Lösungsansatz unter den
Bedingungen der sich entwickelnden weltweiten Wirtschafts- und
Finanzkrise.
Wie
immer bei einem kapitalistischen Vorhaben wird außer acht gelassen, was
die Wirtschaftswissenschaftler die äußeren Faktoren nennen. Also all
das, was nicht innerhalb des Marktdenkens erfaßt wird. Im hier zu
behandelnden Fall sind dies die Umwelt- und gesellschaftlichen Schäden.
Um
zu 25-30% den Energiebedarf mit diesem Lösungsansatz der Energiekrise
zu decken, werden hundertmillionenfache Zahlen von Hektar fruchtbaren
Ackerlandes für die Produktion von Agrarenergie eingesetzt werden müssen.
Diese Flächen werden vor allem in den Ländern des Südens liegen, weil
die Länder des Nordens nicht genug landwirtschaftliche Nutzfläche
haben.
Laut
gewissen Schätzungen werden dabei mindestens 60 Millionen Bauern von
ihrem Land vertrieben werden müssen. Den Preis für diese „äußeren
Faktoren“ bezahlt nicht das Kapital, sondern die Allgemeinheit und die
Einzelpersonen werden diesen erschreckend hohen Preis zahlen müssen.
Die
Biokraftstoffe werden durch Monokulturen produziert. Monokulturen zerstören
die biologische Artenvielfalt. Sie verschmutzen die Böden und das
Wasser.
Ich
bin selbst kilometerweit durch die Plantagen von Chocó in Kolumbien
gewandert. Dort habe ich weder einen Vogel noch einen Schmetterling, und
in den Flüssen nicht einmal einen Fisch gesehen. Dies alles wegen des
Einsatzes von großen Mengen Chemikalien als Düngemittel und Schädlingsbekämpfungsmittel.
Angesichts der unseren Planeten treffenden Süßwasserkrise ist der
Einsatz von Süßwasser für die Äthanolproduktion unvernünftig.
Von
den Tatsachen her werden 1200 bis 3400 Liter Süßwasser eingesetzt, um
einen Liter Äthanol aus Maisanbau zu gewinnen. Auch der Zuckerrohranbau
verschlingt gewaltige Mengen an Süßwasser. Die Verschmutzung der Böden
und des Wassers erreicht nie dagewesene Ausmaße und führt derzeit zum
Phänomen des „toten Meeres“ an den Mündungen von Flüssen, so in
einer Ausdehnung von 20 Quadratkilometern an der Mündung des
Mississippi. Dort großteils verursacht durch die Ausdehnung der
Mais-Monokulturen für die Äthanolproduktion. Die Ausdehnung dieser
Kulturen führt zu einer direkten oder indirekten Zerstörung der Wälder
und Naturlandschaften, die Kohlenstoffsenken durch ihre Absorptionsfähigkeit
sind und durch die Bodennutzung für die Landwirtschaft und Viehzucht
dezimiert werden.
Die
Auswirkungen der Biokraftstoffe auf die Ernährungskrise sind
nachgewiesen worden. Nicht nur die Produktion der Biokraftstoffe steht
im Konflikt zur Nahrungsmittelproduktion in einer Welt, wo laut Welternährungsorganisation
über eine Milliarde Menschen an Hungersnot leiden, sondern diese
Produktion der Biokraftstoffe ist auch ein bedeutendes Element der
Spekulation auf die Nahrungsmittelerzeugung in den Jahren 2007 und 2008
gewesen.
Ein
Bericht der Weltbank bestätigt, dass in zwei Jahren 85% des Anstiegs
der Nahrungsmittelpreise mehr als 100 Millionen Menschen unter die
Armutsgrenze in die schiere Hungersnot abstürzen ließ und dies maßgeblich
von der Entwicklung der Agrarenergieproduktion beeinflusst wurde. Daher
bezeichnete UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung Jean
Ziegler die Agrarrohstoffe als „Verbrechen an der Menschheit“. Und
sein Nachfolger, der Belgier Olivier de Schutter, hat ein Moratorium auf
5 Jahre für ihre Produktion beantragt.
Die
Ausdehnung der Monokultur bedeutet auch die Vertreibung vieler Bauern
von ihrem Land. Vor allem geschieht dies durch Betrug und Gewalt. In Ländern
wie Kolumbien und Indonesien wird dabei auf die Streitkräfte und
paramilitärischen Verbände zurückgegriffen, welche nicht davor zurückschrecken,
diejenigen blutig zu massakrieren, die da ihr Land zu verteidigen wagen.
Tausende ethnische indigene Dorfgemeinschaften in Asien, Afrika und
Lateinamerika wurden ihrer angestammten Ländereien beraubt und
enteignet.
Dutzende
Millionen Bauern sind hauptsächlich in den Ländern des Südens
enteignet worden. Dies zugunsten der Entwicklung einer Produktionsweise
der landwirtschaftlichen Produktion und der Konzentration des Eigentums
an Boden. Ergebnis all dessen ist eine ausufernde Abwanderung in die Städte
und deren Aufblähung sowie ein starker Migrationsdruck in den
betreffenden Ländern und auch auf internationaler Ebene.
Auch
ist anzumerken, dass der Lohn der in der Biokraftstoffproduktion beschäftigten
Arbeitskräfte sehr niedrig und die Arbeitsbedingungen dort allgemein
unmenschlich sind, und zwar aufgrund der Produktivitätszwänge. Die
Gesundheit der Arbeiter in diesem Bereich erleidet ebenfalls schwere Schäden.
Auf
der Sitzung des Ständigen Völkertribunals über die europäischen
Multis in Lateinamerika, welche parallel zum Europäisch-Lateinamerikanischen
Gipfel in Lima im Mai 2008 erfolgte, wurden viele Fälle von Kindern mit
Missbildungen vorgestellt, was auf den Einsatz von Chemikalien bei der
Monokultur in den Bananepflanzungen, bei Soja, Zuckerrohr und Palmöl
zurückzuführen ist.
Derzeit
ist in Mode zu behaupten, Biokraftstoffe seien ein Lösungsansatz für
das Klima. Zwar stimmt es, dass die Verbrennungsmotoren bei
Biokraftstoffeinsatz weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre ausstoßen.
Aber zieht man den gesamten Kreislauf der Produktion und Verteilung
dieses Produkts in Betracht, ist diese Aussage nicht zu halten. In
einigen Fällen fällt die Bilanz sogar negativ für die Biokraftstoffe
im Vergleich zur fossilen Energie aus.
Wenn
Biokraftstoffe als keine Lösung für das Klima sind, sondern da nur am
Rande zur Milderung der Energiekrise eine Rolle spielen, und wenn sie
erhebliche negative Folgen für die Gesellschaft und die Umwelt auslösen,
dann haben wir sehr wohl das Recht zu hinterfragen, warum ihnen so sehr
der Vorrang eingeräumt wird.
Der
Grund besteht darin, dass sie kurz- und mittelfristig beachtlich und
rasch die Profitrate des eingesetzten Kapitals erhöhen. Daher
interessieren sich die multinationalen Konzerne aus den Bereichen Erdöl,
Automobilindustrie, Chemie und Agrarbusiness dafür.
Das
Finanzkapital, George Soros beispielsweise, hat als Partner die
Unternehmer und die Großgrundbesitzer vor Ort, welche die Erben der ländlichen
Oberschicht sind. Damit ist die eigentliche Funktion der Agrarenergie in
der Praxis die Hilfestellung für einen Teil des Kapitals, um aus der
Krise heraus zukommen und seine Akkumulationsfähigkeit zu erhalten und
möglicherweise noch zu steigern.
In
der Tat wird die Produktion der Agrarenergie durch eine extreme
Ausbeutung der Arbeitskräfte, das Ignorieren der äußeren Faktoren,
die Übertragung öffentlicher Mittel in Privatvermögen mit der Gewährleistung
rascher Profiterzielung, aber auch eine Vorherrschaft der
multinationalen Konzerne und eine neue Form der Abhängigkeit der Länder
des Südens von denen des Nordens gekennzeichnet.
All
dies wird mit dem Bild von Wohltätern für die Menschheit kaschiert.
Die Rede ist von „grüner Energie“. Die Regierungen der Länder des
Südens sehen in all dem eine gut einsetzbare Devisenquelle, um u.a. das
Niveau des Konsumierens für die begüterten Klassen aufrecht zu halten.
Daher
besteht die Lösung nur darin, den Energieverbrauch vor allem in den Ländern
des Nordens zu senken und in neue Technologien (z.B. Solaranlagen) zu
investieren. Die Bio-Energie ist kein Übel an sich. Sie kann auf örtlicher
Ebene interessante Lösungen bringen, sofern die biologische
Artenvielfalt respektiert wird, die Qualität der Böden und des Wassers
gewährleistet wird, die Nahrungsmittelsouveränität und die bäuerliche
Landwirtschaft geschützt wird, - d.h. all das, was der Logik des
Kapitals zuwiderläuft.
In
Ekuador hat Präsident Correa den Mut aufgebracht, die Ausbeutung der
Erdölvorkommen aus dem Naturschutzgebiet Yasuni zu stoppen. Lasst uns
hoffen, dass die fortschrittlichen Regierungen Asiens, Afrikas und
Lateinamerikas dieselbe Standfestigkeit aufbringen. Widerstand in den Ländern
des Nordens und denen des Südens gegenüber dem Druck der
wirtschaftlich Machthabenden zu entwickeln, ist ein politisches und
ethisches Anliegen.
Den
Biokraftstoffskandal im Süden anzuprangern, wird zu einer Pflicht.
(*)
Ehemaliger Professor an der Katholischen Universität von Leuven/Belgien,
Gründer des Tricontinental-Zentrums und Verfasser des Buches: Der
Skandal der Biokraftstoffe für den Süden, Verlag La Tierra und Ruth
Casa Verlag, Quito, 2011
Quelle:
http://www.tribuna-popular.org/ |