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Was
geht wirklich in Ungarn vor?
Quelle: Das Präsidium
der Ungarischen Kommunistischen Arbeiterpartei / Übersetzung: Zeitung vum
Lëtzebuerger Vollek, RedGlobe
Übernommen
von Kominform
vom 12.01.2012
Auf
Kommunisten-online am 14. Januar 2011 – Am 1. Januar 2012 ist in
Ungarn eine neue Verfassung in Kraft getreten. In Verbindung damit wurden
in der westlichen Presse viele Nachrichten verbreitet, die besagen, daß
die Entwicklungen in Ungarn »zu einer Verarmung der Menschen« führen
und »trotz der Kritik der EU und der USA die Demokratie bedrohen und den
Zugriff der Regierung auf die Medien und die Justiz verstärken«.
Am
2. Januar fand vor dem Opernhaus in Budapest eine große Demonstration
statt. Der offizielle Organisator der Demonstration, die neu geschaffene
Ungarische Solidaritätsbewegung (SZOLIDARITÁS), hat einige Dutzend
Mitglieder. Ihr Chef ist der frühere Vorsitzende der Gewerkschaft der
Armee und Polizei, er selbst ist ein früherer Armeeoffizier, der u.a. an
einer Militärakademie der USA ausgebildet wurde.
Hinter
der Demonstration steht die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP),
ebenso liberale Kräfte und »Bürgerorganisationen«, die von ihnen
gebildet wurden. An dieser Demonstration hat keine einzige Organisation
teilgenommen, die wirklich gegen Armut, für den Schutz von armen Familien
und gegen die Räumung von Wohnungen kämpft, und auch keiner der
traditionellen Studentenverbände. Weder die Bewegung der Agrar-Arbeiter,
noch die Gewerkschaften waren anwesend. Unter den Losungen dieser
Demonstration war nichts zu lesen über das neue Arbeitsgesetz, kein
Protest gegen den Druck des IWF und dessen Einmischung in ungarische
Angelegenheiten. Die Reaktion der westlichen Medien ist ein Ergebnis
derselben Quellen, die früher die sozialistisch-liberale Regierung und
deren Austeritätspolitik unterstützt haben.
Aber
was geht tatsächlich in Ungarn vor?
1.
Im April 2010 hat der konservative Fidesz–Ungarischer Bürgerbund die
Parlamentswahlen gewonnen und hat die frühere Regierung der
sozialistisch-liberalen Koalition unter Führung der MSZP abgelöst. Die
im Parlament vertretenen Parteien betrachten die Wahlen von 2010 als
Wendepunkt in der ungarischen Geschichte. Der Fidesz (die heutige
Regierungspartei hat ihren ursprünglichen Namen »Bund Junger Demokraten«
bis heute beibehalten und lediglich mit dem Beinamen »Ungarischer Bürgerbund«
ergänzt) erklärte die Wahlen zum »Beginn einer neuen Revolution«. Die
Sozialisten und ihre Verbündeten betrachten sie als »Beginn der
Autokratie und Diktatur«.
2.
Die Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei schätzt ein, daß die
wirkliche historische Wende nicht 2010, sondern in den Jahren 1989-1990
stattfand, als der Sozialismus in Ungarn beseitigt wurde. Es handelte sich
um eine kapitalistische Konterrevolution. Die Macht der Arbeiterklasse
wurde ersetzt durch die Macht der Kräfte des Kapitalismus.
Industriebetriebe und Banken, die sich in Gemeineigentum befanden, sowie
kollektive landwirtschaftliche Betriebe wurden privatisiert, Ungarn trat
1999 der NATO bei und wurde 2004 Mitglied der EU. Das kapitalistische
System auf der Grundlage der privaten Wirtschaft und der bourgeoisen
Demokratie wurde stabilisiert. Es war der Übergang vom Sozialismus zum
Kapitalismus, der zu einer allgemeinen Verarmung der ungarischen Menschen
führte. Ungarn hat eine Bevölkerung von 10 Millionen Menschen. 1,5
Millionen leben heute unterhalb der Armutsgrenze, was bedeutet, daß sie
von einem Monatseinkommen von weniger als 200 Euro leben müssen. Fast 4
Millionen Menschen leben von einem Einkommen von 250 Euro pro Monat. Die
Zahl der Arbeitslosen wird offiziell mit 500.000 angegeben, tatsächlich
gibt es mehr als 1 Million Menschen, die keinerlei Chance haben, eine
Arbeitsstelle zu finden.
Die
Einschränkungen der Demokratie begannen nicht 2010, sondern 1989-1990.
Politische Kräfte, die gegen das kapitalistische System kämpfen, in
erster Linie die Kommunisten, haben keinerlei Zugang zu den öffentlichen
Medien. Symbole wie der rote Stern, Hammer und Sichel wurden – als »Symbole
der Tyrannei« – bereits 1993 verboten. 2007 wurde die gesamte Führung
der UKAP wegen »öffentlicher Verleumdung« angeklagt. Antikommunistische
Kampagnen gab es in der gesamten Zeit, unabhängig davon, welche bürgerliche
Partei an der Regierung war.
3.
Die kapitalistische Klasse Ungarns verfügt über unterschiedliche
Parteien, um ihre Interessen vertreten zu lassen. Einerseits handelt es
sich um den Fidesz, der die Interessen der konservativen, nationalistisch
eingestellten Teile der Kapitalistenklasse vertritt. Dieser Teil ist
traditionell in Richtung Deutschland orientiert.
Auf
der anderen Seite gibt es die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) und
die Partei »Eine andere Politik ist möglich« (LMP), die den liberalen
und den sozialdemokratisch gesinnten Teil der Kapitalistenklasse
vertreten. Sie stehen den USA und Israel näher. Der Wettstreit zwischen
beiden Teilen der ungarischen Kapitalistenklasse hat tiefe historische
Wurzeln. Vor 1989 gab es zwei Hauptrichtungen der antisozialistischen
Oppositionsbewegung: die nationalistisch eingestellte konservative Linie
und die liberale Strömung. Im Jahre 1990 wurde die erste kapitalistische
Regierung durch die Konservativen gebildet. Zur jener Zeit vereinbarten
die Liberalen eine langfristige Zusammenarbeit mit der MSZP als einer
rechtsgerichteten sozialdemokratischen Partei. Viele der führenden
Funktionäre dieser Partei kamen aus der sozialistischen Zeit, aber sie
hatten ihre Einstellung grundsätzlich verändert und viele von ihnen
wurden selbst reiche Kapitalisten.
Nach
der Beseitigung des sozialistischen Systems schufen die Kräfte des
Kapitalismus eine neue politische Struktur, die bis 2010 fortbestand. Sie
basierte auf folgenden Prinzipien:
-
die nationalistisch eingestellten konservativen Kräfte einerseits und die
Liberalen zusammen mit den Sozialisten wechseln sich in der Regierung ab,
-
keine der beiden Seiten kann die absolute Macht bekommen,
-
sie verhindern, daß antikapitalistische Kräfte in das Parlament
einziehen,
-
sie respektieren die Verpflichtungen in Bezug auf die Mitgliedschaft in
der NATO und der EU, und es gibt keinerlei Dispute über außenpolitische
Fragen.
Alle
Parlamentswahlen zwischen 1990 und 2006 haben ein eindeutiges
Gleichgewicht zwischen den beiden Gruppen von Parteien gezeigt. Die
Situation verschärfte sich in dramatischer Weise nach 2006. Es stellte
sich heraus, daß sich der ungarische Kapitalismus in einer tiefen Krise
befindet. Das hatte drei wesentliche Ursachen. Erstens ist die ungarische
Wirtschaft völlig von ausländischem Kapital abhängig. Zweitens sind die
Menschen in Ungarn arm, sie haben ihre Reserven aufgebraucht. Und drittens
ist die Korruption zu einem ernsten Problem geworden, das das normale
Funktionieren des Staates paralysiert.
Spätestens
2010 haben die kapitalistischen Kräfte erkannt, daß die
sozialistisch-liberalen Kräfte nicht in der Lage sind, die innere
Stabilität des Kapitalismus zu garantieren und soziale Explosionen zu
verhindern. Aus diesem Grund haben sie entschieden, die
sozialistisch-liberale Koalition auszutauschen und dem Fidesz den Weg zur
Regierung zu ebnen.
Die
wichtigste Aufgabe des konservativen Fidesz und der von ihm unter Viktor
Orbán gebildeten Regierung bestand darin, jegliche Bewegungen wie in
Griechenland zu verhindern. Der Fidesz gewann die Wahlen mit Losungen über
Vollbeschäftigung und soziale Sicherheit etc. Die Mehrheit der Menschen
war zutiefst unzufrieden mit der sozialistisch-liberalen Regierung. Der
Fidesz konnte sie leicht manipulieren und erhielt eine
Zwei-Drittel-Mehrheit der Sitze im neuen Parlament.
4.
Die konservative Regierung hat Änderungen in verschiedene Richtungen
umgesetzt: Sie stärkte ihre eigene Klassen-Basis. Der Fidesz setzte seine
Leute auf alle Positionen im politischen Leben, in den Medien und in der
Kultur. Die Partei deklarierte ihre Absicht, eine neue Mittelklasse zu
schaffen. Sie kam den nationalistischen Kräften in Ungarn dadurch
entgegen, daß sie die doppelte Staatsbürgerschaft für Bürger
ungarischer Nationalität im Ausland einführte und neue
Gedenkveranstaltungen schuf, die an den Friedensvertrag von Trianon von
1920 erinnern, den die Nationalisten revidieren möchten. Sie vollführte
eine eindeutige Wende zu konservativen und nationalistischen Traditionen
in der Politik, der Kultur und im Bildungswesen.
Es
wurde entschieden, eine soziale Explosion mit unterschiedlichen Mitteln zu
verhindern. Erstens wurde ein neues Arbeitsgesetz eingeführt, das den
Kapitalisten viel größere Rechte einräumt und die Arbeiter praktisch zu
Sklaven macht. Zweitens vertieften sie die Spaltung der Arbeiterklasse,
indem sie den Eisenbahnern mehr Geld zugestanden und den Mindestlohn erhöhten.
Drittens schlossen sie Abkommen mit den wichtigsten Gewerkschaftsverbänden.
Sie konnten ihre Privilegien behalten und gaben dafür gleichzeitig den
wirklichen Klassenkampf endgültig auf.
Die
neue Regierung hat eine weitere allgemeine Kampagne des Antikommunismus
eingeleitet. Im Jahre 2010 wurde das Strafgesetzbuch geändert. Es wird
deklariert, daß Kommunismus und Faschismus auf eine Stufe zu stellen
seien und daß jene, die »die Verbrechen des Kommunismus und des
Faschismus« leugnen, mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden können.
In
den letzten Tagen des Jahres 2011 wurde ein neues Gesetz beschlossen, das
den Prozeß des Übergangs zur neuen Verfassung regelt. Unter anderem wird
dort festgestellt, daß die Periode des Sozialismus (1948-1990) illegitim
und voll von Verbrechen gewesen sei. Menschen, die im Sozialismus
verantwortliche Positionen innehatten, können angeklagt und bestraft
werden. Ihre Renten können gekürzt werden. In dem Gesetz wird
festgestellt, daß die gegenwärtige Ungarische Sozialistische Partei als
Rechtsnachfolgerin der führenden Partei in der sozialistischen Periode
die volle Verantwortung trägt für alles, was in jener Zeit geschehen
ist. Es ist noch nicht klar, welche Konsequenzen daraus folgen können.
5.
Die sozialistisch-liberalen Kräfte haben jüngst einen ernsten
Gegenangriff gegen die Regierung gestartet. Die Sozialistische Partei hat
dazu eine Reihe von Losungen und sozialen Forderungen von der Ungarischen
Kommunistischen Arbeiterpartei übernommen. Sie ist dazu übergegangen,
die traditionelle rote Farbe der Kommunisten zu benutzen. Die Sozialisten
und die Liberalen haben begonnen, neue Bürgerorganisationen und
Bewegungen zu gründen. Im Oktober 2011 wurde die Ungarische Solidaritätsbewegung
mit einer eindeutigen pro-sozialistischen Orientierung geschaffen. Es
wurde eine neue Forderung aufgestellt: Nieder mit der Orbán-Regierung!
Die Absicht besteht darin, eine neue sozialistisch-liberale Bewegung ins
Leben zu rufen.
6.
Die USA haben sich offen in die inneren Angelegenheiten Ungarns
eingemischt. Die Botschafterin der USA in Budapest kritisiert offen die
Regierung und unterstützt die Position der sozialistisch-liberalen Kräfte.
Außenministerin Clinton tat das auch mit einem Brief vom 23. Dezember
2011. Der Brief wurde von der liberalen Presse veröffentlicht.
7.
Die Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei stellt fest: Der ungarische
Kapitalismus befindet sich in der Krise. Die allgemeine Krise des
Kapitalismus in Europa verschlechtert die Lage in Ungarn noch mehr und
macht die weitere Entwicklung unvorhersehbar. Die ungarische
Kapitalistenklasse hat begriffen, daß ein möglicher Kollaps des
Euro-Systems oder der EU selbst zu sozialen Explosionen führen würde,
die noch dramatischer wären als die Ereignisse in Griechenland. Sie weiß,
daß die Menschen unzufrieden sind und viele von ihnen der Meinung sind,
daß es ihnen im Sozialismus besser ging als im heutigen Kapitalismus.
Sowohl die konservativ als auch die sozialistisch-liberal eingestellten
Gruppen des Kapitals sind daran interessiert, jegliche soziale Explosionen
zu verhindern. Sie unterscheiden sich nicht in ihren Absichten, sondern
lediglich in den Methoden, die sie anzuwenden versuchen.
Was
gegenwärtig in Ungarn vor sich geht, ist auf der einen Seite der
gemeinsame Kampf der Kapitalistenklasse gegen die arbeitenden Menschen,
und auf der anderen Seite ein Kampf zwischen zwei Gruppen der
Kapitalistenklasse. Vor allem jedoch ist es ein Ausdruck des Kampfes
zwischen führenden kapitalistischen Mächten, den USA und Deutschland, um
die Vorherrschaft in Europa.
Die
Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei unterstützt keine der bürgerlichen
Parteien. Wir erklären eindeutig, daß die wichtigsten Probleme der
arbeitenden Menschen in der Arbeitslosigkeit, in niedrigen Löhnen, hohen
Preisen, in der kapitalistischen Ausbeutung und in den unsichern
Zukunftsaussichten bestehen. Die Probleme sind die Folge des Kapitalismus.
Die kapitalistische Regierung kann und will sie nicht lösen. Die einzig mögliche
Lösung für die Probleme der arbeitenden Menschen ist der konsequente
Kampf gegen den Kapitalismus und für eine sozialistische Perspektive.
Die
Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei unterstützt keine der
Manifestationen der Sozialisten und der Liberalen. Deren Ziel besteht
nicht darin, den Kapitalismus zu beseitigen. Ihr Ziel ist lediglich, die
konservative kapitalistische Regierung gegen eine sozialistisch-liberale
kapitalistische Regierung auszutauschen.
Die
Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei unterstützt auch nicht den
Fidesz. Dessen Ziel ist es nicht, eine sozialistische Gesellschaft
aufzubauen, sondern den Kapitalismus zu reformieren und zu stärken.
Die
Ungarische Kommunistische Arbeiterpartei sieht ihre Aufgabe und
Verpflichtung darin, den Menschen zu erklären, daß es nur einen Weg zur
Lösung ihrer Probleme gibt. Wir müssen gegen den Kapitalismus kämpfen.
Wir
wollen überall anwesend sein, wo die arbeitenden Menschen sind. Wir
wollen sie unterstützen in den alltäglichen Dingen, mit dem Ziel, ihr
Vertrauen auch in Bezug auf die großen Themen zu gewinnen.
Wir
werden sämtliche Bemühungen revisionistischer und opportunistischer Kräfte
entlarven, die lediglich die arbeitenden Menschen manipulieren und sie für
die Sache der Sozialdemokratie gewinnen wollen.
In
Ungarn besteht keine revolutionäre Situation. Aber die Dinge können sich
in Europa und in Ungarn zum Schlechteren entwickeln. Darum bereiten wir
unsere Partei, unser Mitglieder und Sektionen vor auf einen radikaleren
Klassenkampf, der jederzeit beginnen kann.
Wir
sind überzeugt, daß all das mit unserer gemeinsamen Position übereinstimmt,
auf die wir uns beim 13. Internationalen Treffen der kommunistischen und
Arbeiterparteien geeinigt hatten.
Quelle:
Das Präsidium der Ungarischen Kommunistischen Arbeiterpartei / Übersetzung:
Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek
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