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Howard
Zinn, geboren 1922
in
Brooklyn als Kind einer jüdischen Arbeiterfamilie, Pilot im Zweiten
Weltkrieg,
Historiker
und Professor Emeritus der Politikwissenschaft.
War
einer der führenden Kritiker des Vietnamkriegs.
Zusammenarbeit
als Autor u.a. mit Noam Chomsky.
Foto:
NRhZ-Archiv |
Krieg
und Frieden
Zur
'Geschichte des amerikanischen Volkes’ von Howard Zinn
Aus dem Blickwinkel der Henker
Von
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
Quelle:
Neue Rheinische Zeitung vom 28. Februar 2007 siehe |
In
den USA erschien 1980 das Buch „A People’s History of the United
States 1492 - Present – Eine Geschichte des Volkes der Vereinigten
Staaten von 1492 bis zur Gegenwart“ von Howard Zinn. Bisher hat die
englische Ausgabe eine Auflage von ca. 1,5 Millionen Exemplaren erreicht.
Auf Deutsch steht dieses wichtige Buch erst seit kurzem zur Verfügung -
und wurde so zum Auslöser für unsere folgende Polemik.
„Muss
ein Indianer das Existenzrecht der Vereinigten Staaten anerkennen? Eine
interessante Frage. Die USA wurden von Europäern gegründet, die einen
Kontinent eroberten, der ihnen nicht gehörte, die den Großteil der
indigenen Bevölkerung (die ‘Indianer’) in einem langen Völkermordfeldzug
auslöschten und die die Arbeit von Millionen Sklaven ausbeuteten, die
brutal aus ihren Leben in Afrika gerissen wurden. [...] Muss also ein
indianischer Ureinwohner – oder überhaupt irgendjemand – das
Existenzrecht eines solchen Staates anerkennen? Aber niemand stellt diese
Frage. Die Vereinigten Staaten kümmern sich einen Dreck darum, ob
irgendjemand ihr Existenzrecht anerkennt oder nicht. Sie verlangen dies
nicht von Staaten, mit denen sie offizielle Beziehungen pflegen. [...]
Also warum wird von der Hamas verlangt, ‘Israels Existenzrecht
anzuerkennen’? [...] warum wird diese seltsame Forderung den Palästinensern
angetragen? Warum sollen sie das Existenzrecht Israels als jüdischem
Staat anerkennen?“
Diese
Gedanken des israelischen Autors, langjährigen Knesset-Abgeordneten und
Friedensaktivisten Uri Avnery vom Februar 2007 führen uns zur
Geschichtsschreibung des US-Amerikaners Howard Zinn und zu einer Reihe von
Fragen, die dringend der Beantwortung bedürfen.
Die
Leugnung eines Holocausts in der Größenordnung von 6 Millionen Opfern
wird strafrechtlich verfolgt. Was aber sind die Konsequenzen bei Leugnung
eines Holocausts in der Größenordnung von 75 Millionen Opfern?
Das
Infragestellen der Ausmaße eines Holocausts in der Größenordnung von 6
Millionen Opfern wird als deren Verhöhnung betrachtet. Wie aber verhält
sich das bei einem Holocaust in der Größenordnung von 75 Millionen
Opfern?
Ein
Holocaust in der Größenordnung von 6 Millionen Opfern rechtfertigt die
Bildung eines Staates für die dem Holocaust Entkommenen und ihre
Nachfahren. Was aber ist bei einem Holocaust in der Größenordnung von 75
Millionen Opfern angemessen?
An
die Opfer eines Holocausts in der Größenordnung von 6 Millionen Opfern
wird mit einer großen Anzahl von Gedenkstätten erinnert - allein in den
USA mit 23 Holocaust-Museen. Wie aber verhält sich das bei einem
Holocaust in der Größenordnung von 75 Millionen Opfern?
Das
Feiern eines Holocausts in der Größenordnung von 6 Millionen Opfern ist
undenkbar. Zu Recht! Absolut zu Recht! Aber wie verhält sich das bei
einem Holocaust in der Größenordnung von 75 Millionen Opfern?
„Die
grausame Politik, die Kolumbus in Gang setzte, und die seine Nachfolger
fortführten, resultierte in vollständigem Völkermord“, schreibt
US-Historiker Samuel Eliot Morison im seinem Buch ‘Christopher Columbus,
Mariner’. Auf welche Zahl von Menschen bezieht sich dieser - vollständige
- Völkermord? „Weit verstreut über die Landmassen des [amerikanischen]
Doppelkontinents lebten zu der Zeit, als Kolumbus kam, ungefähr 75
Millionen Menschen...“, schreibt US-Historiker Howard Zinn im Kapitel
‘Kolumbus, die Indianer und der Fortschritt der Menschheit’ in seiner
‘Geschichte des amerikanischen Volkes’. Demnach handelt es sich also
um einen vollständigen Völkermord in der Größenordnung von 75
Millionen Opfern.
Allein
auf der Karibik-Insel Hispaniola, auf der sich heute der Staat Haiti und
die Dominikanische Republik befinden, kamen innerhalb von 15 Jahren ca. 3
Millionen Menschen um. Mit dieser Angabe bezieht sich Howard Zinn auf
Bartholome de las Casas, der als junger Priester an der Eroberung Kubas
teilnahm und im Jahr 1508 auf Hispaniola ankam. Zu dem Zeitpunkt lebten
dort nur noch „60.000 Menschen [...], inklusive der Indianer, so dass
von 1494 bis 1508 mehr als drei Millionen durch Krieg, Sklaverei und die
[Zwangsarbeit in den] Minen zugrunde gegangen waren. Werden künftige
Generationen das glauben können? Selbst ich als sachkundiger Augenzeuge
kann es kaum glauben.“ - Man kann es kaum glauben, aber man kann es
feiern - Jahr für Jahr - bis heute - am Tag des Kolumbus.
Howard
Zinn schreibt: „Was Kolumbus den Arawak auf den Bahamas antat, fügte
Cortes den Azteken von Mexiko zu, Pizarro den Inkas in Peru, und die
englischen Siedler von Virginia und Massachusetts den Powhatan und den
Pequot. [...] Eine Zeit lang probierten die Engländer sanftere Taktiken
aus. Aber am Schluss lief alles wieder auf völlige Vernichtung hinaus.
Die indianische Bevölkerung von 10 Millionen, die nördlich von Mexiko
lebte, als Kolumbus kam, wurde letztendlich auf weniger als eine Million
reduziert.“ - Man kann sie feiern: die völlige Vernichtung - Jahr für
Jahr...
Howard
Zinn: „Totale Kontrolle führte zu totaler Grausamkeit. Die Spanier
‘dachten sich nichts dabei, Indianer im Dutzend zu erstechen oder Stücke
aus ihnen herauszuschneiden, um die Schärfe ihrer Messer zu testen.’
Las Casas erzählt, wie ‘zwei dieser sogenannten Christen eines Tages
zwei Indianerjungen trafen, jeder mit einem Papageien; sie nahmen sich die
Papageien und enthaupteten die Jungen, einfach aus Spaß.’ Die
Verteidigungsversuche der Indianer scheiterten. Und wenn sie in die Hügel
flüchteten, wurden sie aufgetrieben und umgebracht.“ - Das kann man
feiern - Jahr für Jahr...
Howard
Zinn: „Kolumbus und seine Nachfolger kamen [...] nicht in eine öde
Wildnis, sondern in eine Welt, die teilweise genauso dicht besiedelt war
wie Europa selbst, wo die Kultur komplex, die zwischenmenschlichen
Beziehungen gleichberechtigter waren als in Europa, und wo das Verhältnis
zwischen Männern, Frauen, Kindern und der Natur vielleicht wunderbarer
geordnet war als irgendwo sonst auf der Welt.“ - Diese ‘wunderbare
Welt’ wurde vernichtet. Und man kann diese Vernichtung feiern - Jahr für
Jahr - am Tag des Kolumbus.
Columbus
Day - das ist ein ‘amerikanischer Feiertag’. So erfahren wir von der
US-Botschaft in Deutschland. Die offiziellen Vertreter der USA von heute
vermitteln uns: „Dieser Gedenktag erinnert an die Landung des
italienischen Seefahrers Christoph Columbus am 12. Oktober 1492 in der
Neuen Welt. [...] In den USA wird er jedes Jahr am zweiten Montag im
Oktober gefeiert. Die Hauptfeierlichkeiten des Tages finden in New York
City statt, wo jedes Jahr ein riesiger Festumzug veranstaltet wird.“
Nun
zur Frage des Gedenkens: Ein Gedenken an den Holocaust in der Größenordnung
von 75 Millionen Opfern gibt es kaum - zumindest nicht im Sinne von
Aufarbeitung des wohl größten Verbrechens in der Geschichte der
Menschheit. Doch dafür gibt es das Gedenken an einen Holocaust in der Größenordnung
von 6 Millionen Opfern - u.a. in 23 Holocaustmuseen in den USA - eines
Verbrechens, das nicht in den USA, sondern in Europa verübt wurde - eines
Verbrechens, für das die USA keine Schuld trifft - außer vielleicht die,
es zu lange geschehen lassen und Kritik daran unterdrückt zu haben.
Immerhin: in Deutschland sieht das anders aus. Hier gibt es eine
Gedenkkultur an den Holocaust, also in demjenigen Land, das ihn zu
verantworten hat. Darin unterscheidet sich Deutschland von den USA.
Eine
weitere Frage war: Ein Holocaust in der Größenordnung von 6 Millionen
Opfern rechtfertigt die Bildung eines Staates für die dem Holocaust
Entkommenen und ihre Nachfahren. Was aber ist bei einem Holocaust in der
Größenordnung von 75 Millionen Opfern angemessen? Wäre es
gerechtfertigt, die Indianer aus ihren Reservaten zu befreien und ihnen
Amerika zu überlassen? Das hätte eine gewisse Logik. Denn dieses ist der
Kontinent, der den Indianern durch die Invasoren genommen wurde. Oder wäre
es gerechtfertigt, den Indianern Westeuropa zu überlassen? Von hier kamen
schließlich diejenigen, die den Holocaust an der amerikanischen Bevölkerung
begangen haben. Oder sollte man den Indianern Indien überlassen? Diese
Weltregion war schließlich das eigentliche Ziel von Columbus’
Eroberungstour. Oder wäre es eher gerechtfertigt, den Indianern China zu
überlassen? Das entspräche in etwa der Logik, mit der nach dem Zweiten
Weltkrieg die Besetzung Palästinas und die Vertreibung der dort lebenden
Menschen erfolgt ist.
Und
nun zur Frage: Darf ein Holocaust in der Größenordnung von 75 Millionen
Opfern geleugnet oder die Zahl der Opfer bezweifelt werden? Ja, das ist
erlaubt. Denn es gibt bedeutsame und unbedeutsame Opfer, erwähnenswerte
und nicht erwähnenswerte Opfer. Beispielsweise der US-amerikanische
Politikwissenschaftler Rudolph Joseph Rummel, zuletzt Professor an der
Universität auf Hawai, darf äußern: „In den USA haben wir es tatsächlich
mal mit 150 hier, mit 200 da oder 74 Opfern an einem anderen Ort zu tun.
Natürlich summiert sich das, aber eben nur auf eine niedrige Zahl im
Tausenderbereich und nicht im Hunderttausenderbereich.“ (in einem
Interview vom Januar 2005 in dem in Deutschland erscheinenden ef-Magazin)
Eine strafrechtliche Verfolgung gibt es aufgrund solcher Äußerungen
nicht.
Das
Leugnen eines Holocausts wird geahndet. Nicht aber bei diesem - in einer
Größenordnung von 75 Millionen Opfern! Das Infragestellen des Umfangs
eines Holocausts wird als Verhöhnung seiner Opfer betrachtet. Nicht aber
bei diesem! Den Überlebenden eines Holocausts steht ein Staat zu. Nicht
aber bei diesem! An einen Holocaust wird allenthalben erinnert. Nicht aber
an diesen! Dieser Holocaust wird gefeiert. Bis heute!
Zum
Schluß noch ein Zitat aus Howard Zinn’s äußerst lesenswerten,
anregenden Ausführungen über das Schicksal der Indianer:
„Hinter
der englischen Invasion von Nordamerika, hinter ihrem Gemetzel der
Indianer, ihren Täuschungsmanövern, ihrer Brutalität, stand der
besondere, mächtige Drang, der in Gesellschaften entsteht, die auf
Privateigentum aufbauen. [...] War all dies Blutvergießen und Betrügen -
von Kolumbus über Cortes und Pizarro bis zu den Puritanern - notwendig,
damit die Menschheit aus der Barbarei in die Zivilisation fortschreiten
konnte? [...] ‘Geschichte ist die Erinnerung der Staaten,’ schrieb
Henry Kissinger in seinem ersten Buch, A World Restored, in dem er
fortfuhr, die Geschichte Europas im neunzehnten Jahrhundert aus der
Perspektive der Herrscher von Österreich und England zu erzählen. Die
Millionen, die unter der Politik dieser Staatsmänner gelitten haben,
ignorierte er. [...] Meine Einstellung zur Beschreibung der Geschichte der
Vereinigten Staaten ist anders: dass wir die Erinnerung der Staaten nicht
als unsere eigene hinnehmen dürfen. Nationen sind keine Gemeinschaften
und waren es noch nie. Die Geschichte jedes Landes, die uns als Geschichte
einer Familie präsentiert wird, verbirgt bittere Interessenkonflikte (die
manchmal ausbrechen, meistens aber unterdrückt werden) zwischen Eroberern
und Eroberten, Herren und Sklaven, Kapitalisten und Arbeitern, rassisch
oder sexuell Dominierten und Dominierenden. Und in einer solchen Welt der
Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern, ist es, wie Albert Camus
gesagt hat, die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf der Seite der
Henker zu stehen.“
Howard
Zinn: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes - Band 1: Kolonialismus,
Rassismus und die Macht des Geldes - Verlag Schwarzer Freitag, 2006 - 113
Seiten, 7.80 Euro - ISBN 3-937623-51-1
©
2007
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