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W.B. Bland[1]

Die Legende von Stalins 'Demoralisierung' im Jahre 1941

aus: Compass, April 2000, Nr. 135

Einführung

In seiner Geheimrede vor dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956 behauptete der Erste Sekretär Nikita Chruschtschow, dass nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 Stalin 'für lange Zeit untätig blieb', weil er 'demoralisiert' war.

„Nach dem ersten schweren Rückschlag und der ersten schweren Niederlage an der Front dachte Stalin, dass dies das Ende sei. In einer seiner Reden in diesen Tagen sagte er: 'All das, was Lenin geschaffen hat, haben wir für immer verloren..'Für einen längeren Zeitraum stellte Stalin tatsächlich danach ... jede Tätigkeit ein ... .“ (Nikita S. Chruschtschow, 'Die Geheimrede vor der geschlossenen Sitzung des 20. Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion', Nottingham, 1976, S. 53).

Stalins Terminkalender

Neues Material, das kürzlich aus der ehemaligen Sowjetunion zugänglich wurde, beweist, dass,

"weit entfernt davon zu verschwinden und sich in seiner Privatwohnung im Kreml oder in seiner Datscha in Kuntsewo zu verbergen, Stalin ganz sicher in der ersten  Woche des deutsch-sowjetischen Krieges ein sehr anstrengendes Arbeitspensum erfüllte und dabei wenig von der Panik und der Angst an den Tag legte,   die  ihm gewöhnlich sowohl von westlichen als auch von russischen Historikern nachgesagt werden." (Steven J. Main, 'Stalin im Juni 1941. Ein Kommentar zu Cynthia Roberts', in:'Europäisch-asiatische Studien', Band 48, Nr. 5, Juli 1996, S. 837).

Steven Main von der Universität Edinburgh, der sich kürzlich mit Stalins Terminkalendern aus der betreffenden Zeit beschäftigt hat, erklärt, dass diese Tagebücher zeigen, dass am

„... allerersten Tag des Krieges, dem 22. Juni, Stalins offizieller Arbeitstag um 05:45 Uhr begann und um 16:45 Uhr zuende war. ...Stalin traf sich mit verschiedenen hochrangigen Persönlichkeiten der sowjetischen Regierung und des sowjetischen Militärs wie Molotow (Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten), Timoschenko (Volkskommissar für Verteidigung), Schukow (Generalstabschef der Roten Armee), Kusnetzow (Kommandeur des nordkaukasischen und des baltischen Militärdistrikts) sowie mit Schaposchnikow (Stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung). Alles in allem hatte Stalin schon am ersten Tag des Angriffs Treffen mit über 15 Mitgliedern der Sowjetregierung und des Militärapparats.“ (Steven J. Main, ebenda, S. 837, die 'Iswestija' zitierend, 'TsK KPSS', Band 6, 1990, SS. 216-222).

Marschall Georgi Schukow zufolge war Stalins Arbeitstag am ersten Kriegstag sogar noch ausgedehnter als dies aus seinem Terminkalender hervorgeht. In seinen Erinnerungen erwähnt Schukow, dass er mit Stalin noch dreißig Minuten nach Mitternacht telefoniert hatte:

„Alles wies jetzt darauf hin, dass deutsche Truppen an die Grenze verlegt wurden.Um dreißig Minuten nach Mitternacht informierten wir Stalin. Stalin erkundigte sich, ob die Anweisung an sämtliche Distrikte ergangen sei. Ich bejahte dies." (Georgi Schukow, 'Die Erinnerungen des Marschall Schukow', London, 1971, S. 234).

Dann, um 03:30 Uhr wurde Schukow angewiesen, Stalin zu wecken:

„Um 03:30 ... wies mich der Verteidigungskommissar an, Stalin anzurufen. Ich   fing an zu telefonieren. ... Schließlich hörte ich die verschlafene Stimme des diensthabenden Generals der Sicherheitsabteilung. Ich bat ihn, Stalin anzurufen. Etwa fünf Minuten später nahm Stalin den Hörer ab.“ (Georgi Schukow, ebenda, S. 235).

Aus dem Terminkalender geht weiter hervor, dass während der ersten Kriegswoche

„Stalins offiziell registrierter kürzester Arbeitstag der des 24. Juni war, der etwas mehr als fünf Stunden dauerte; aber das war nach einem Arbeitstag (dem 23. Juni), der offensichtlich fast 24 Stunden lang war 22 Stunden und 35 Minuten !“ (Steven J. Main, ebenda, S. 837, 'Iswestija TsK KPSS' zitierend, Band 6, 1990, S. 217).

Auch am 25./26. Juni

„hat Stalin den Dokumenten zufolge 24 Stunden lang Besprechungen geführt.“ (Steven J. Main, ebenda, 'Iswestija TsK KPSS', S. 83, Band 6, 1990, S. 218 f.).

Sowohl am 26. als auch am 27. Juni

„belief sich, den Aufzeichnungen zufolge, die Dauer seines Arbeitstages auf jeweils über 10 Stunden und womöglich in Folge dieses physisch und psychisch aufreibenden Pensums dauerte dann sein Arbeitstag am 28. Juni wieder etwas mehr als 5 Stunden.“ (Steven J. Main, ebenda, S. 837, 'Iswestija TsK KPSS' zitierend, Band 6, 1990, S. 218 f.).

Daraus ergibt sich, dass von den 168 Stunden der gesamten Woche vom 22.-28. Juni

„Stalin den Aufzeichnungen zufolge Unterredungen geführt hat, die insgesamt 88 Stunden und 40 Minuten dauerten.“  (Steven J. Main, ebenda, S. 837, nach: Generaloberst J. Gorkow, in:'Krasnaja swesda', 21. Oktober 1995).

Alles in allem

„ ... hatte Stalin in diesem Zeitraum 158 Zusammenkünfte mit, unter anderem, 45 hochrangigen Regierungsvertretern und hochgestellten militärischen Persönlichkeiten.“ (Steven J. Main, ebenda, Generaloberst J. Gorkow zitierend, ebenda).

Deshalb ist es, wie Molotow bestätigt,

„falsch zu behaupten, das er (Stalin Verf.) verwirrt war. Er war besorgt, aber er ließ es sich nicht anmerken. Zu sagen, dass er nicht besorgt gewesen war, wäre lächerlich. Es gibt aber Autoren, die ihn darstellen wie er nicht war: wie einen reuigen Sünder ! Dies ist natürlich absurd. Während dieser ganzen Zeit arbeitete er wie immer. Er verlor nicht die Selbstkontrolle und ganz gewiss verlor er auch nicht die Sprache." (Steven J. Main, ebenda, S. 838, Felix Tschujew zitierend, 'Cto corok wisit c Molotowym' 140 Begegnungen mit Molotow , in: 'Kommunist vooruzhenuykh cil', Bd. 9, 1991, S. 62 f.).

Main fasst seine Forschungsergebnisse wie folgt zusammen:

„Nach seinem Terminkalender, den Äußerungen seiner Zeitgenossen und den bedeutsamen Maßnahmen, die sowohl von der Partei als auch vom Staat usw. getroffen wurden, zu urteilen, ist die Ansicht, dass Stalin sich während der kritischen ersten Tage des deutsch-sowjetischen Krieges über irgendeinen bestimmten Zeitraum hinweg zurückgezogen habe, nicht mehr vertretbar.“ (Steven J. Main, ebenda, S. 838).

Schlussfolgerung

Chruschtschows Darstellung, dass Stalin in der ersten Phase des deutsch-sowjetischen Krieges 'demoralisiert' und 'passiv' gewesen sein soll, ist mit den bekannt geworden Tatsachen nicht vereinbar und muss als falsche politische Propaganda der sowjetischen Revisionisten zurückgewiesen werden als Bestandteil einer Kampagne, die darauf abzielte, Stalin zu diskreditieren und den Boden für eine Abkehr vom marxistisch-leninstischen Weg, mit dem Stalin verbunden war, zu ebnen.


[1]  W.B. Bland gestorben 2001, war britischer Kommunist und Vorsitzender der 1967 gegründeten MLBO

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Cde. W. B. BlandErinnerungen an  William B. Bland  

28.4.1916 März 2001 (genauer Todestag nicht bekannt!)

Interview mit Bill Bland am 10. Juli 1994, Great Northern Hotel, Euston; die Fragen stellte John Puntis von der British Communist League.

John Puntis: Könnten wir mit einigen wichtigen Daten aus Deinem Leben beginnen?

Bill Bland: Ich wurde in Ashton-under-Lyne in Lancashire, am 28. April 1916 geboren. Ich besuchte die örtliche Grundschule und ging dann im Alter von zehn, glaube ich, zur Manchester Grammar School (Gymnasium Übers.) eine Privatschule.  Meinen Eltern ging es zu der Zeit sehr gut. Mein Vater war Leiter einer Druckerei. Und  ich ging also zum Gymnasium, was nicht schlecht war. Ich blieb dort bis zu meinem 15. Lebensjahr und dann kam die Depression. Mein Vater sah sich gezwungen, seinen  Betrieb zu schließen und ich musste die Schule verlassen und dann arbeiten und die einzige Sache, die ich zu der Zeit konnte, war als Optikergehilfe zu arbeiten. Ich konnte dann halbtags am Manchester College of Technology (Technikerschule in  Manchester Übers.) studieren und erreichte auch schließlich einen Abschluss und bekam einen Job in Yeovil in Somerset für einige Jahre und dann bekam ich das Angebot, in Neuseeland zu arbeiten. Ich war begeistert, denn meiner Lieblingszeitung zufolge, dem 'Daily Express', war Neuseeland ein sozialistisches Land, weißt Du, und ich wollte unbedingt rauskriegen, was Sozialismus in Wirklichkeit war. Also ging ich mit 21, glaube ich, nach Neuseeland; es war kurz vor dem Krieg und ich musste dann feststellen, dass es keinen großen Unterschied zu den Dingen zuhause gab. Auf jeden Fall ich fing dort an, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, fing an, marxistisch-leninstische Sachen zu lesen und bewarb mich um Aufnahme in die Kommunistische Partei Neuseelands. Nach einigem Zögern nahmen sie mich schließlich auf und damit fing mein politisches  Leben an.

JP.: Warum haben sie gezögert?

WB.: Weil sie es seltsam fanden, dass jemand, der bisher keinen Kontakt zur Partei hatte und der sich schon einige Jahre in Neuseeland aufhielt, plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel auftaucht und sich um die Mitgliedschaft bewirbt. Sie hielten das irgendwie für verdächtig. Dann kamen sie wohl zu dem Schluss, dass ich nur ein bisschen verrückt war und ließen mich Mitglied werden und ich wurde es dann auch. Ich  schaffte es dann bis zum Kreissekretär. Dann erkrankte meine Mutter ernsthaft. Sie hatte einen Schlaganfall. Ich ging dann nach England zurück und schloss mich der Kommunistischen Partei Großbritanniens an.

JP.: War das vor dem Krieg?

WB.: Kurz nach dem Krieg. Ich glaub, es war 1950.

JP.: Und Du hast die ganze Zeit als Optiker gearbeitet?

WB.: In Neuseeland.

JP.: Wo da?

WB.: Hauptsächlich in Auckland und dann kam ich wieder nach England und fand  Arbeit in einem Co-op als Optiker. Zu der Zeit hatte die Konsumgenossenschaft ihren eigenen optischen Dienst und mein Arbeitsplatz befand sich in der Nähe von Dagenham. Und mit dem Geld, das ich angespart hatte, leistete ich eine Anzahlung auf ein Haus; ich kaufte ein Haus in Ilford, wo man von Dagenham aus am schnellsten ein Haus kaufen konnte. In Dagenham gab es fast nur Sozialwohnungen, so dass Ilford der nächstgelegenste Ort war, von wo aus man nach Dagenham zur Arbeit fahren konnte. Also zog ich nach Ilford und wohnte dort, bis ich mit 70 in Rente ging.

JP.: Um noch mal auf Neuseeland zurückzukommen. ...Du hast dort als Optiker gearbeitet. Und was war mit den Kriegsjahren?

WB.: Ich brachte ein paar Jahre in der Armee zu. Ich hatte aber zwei verwachsene Zehen und sie bestanden darauf, dass ich mir sie entfernen ließ. Also, weißt Du, mich haben die überhaupt nicht gestört. Ich konnte ganz normal laufen, aber sie meinten, ich könnte mit den Hammerzehen nicht richtig marschieren. Deshalb müssten sie ab ! Und ich hatte dann eine riesen Auseinandersetzung. Ich schrieb an den Verteidigungsminister und teilte ihm schlicht und einfach mit: 'Ihre Regierung möchte meine Zehen amputieren und ich weigere mich, das zuzulassen.' Na jedenfalls sie schickten mich schließlich in ein Krankenhaus mit der Anweisung: 'Man amputiere die Zehen dieses Mannes!'. Als ich mich weigerte, das machen zu lassen, schickten sie mich ins Camp zurück. Ich musste vor dem Oberst erscheinen, dem Kommandanten des Feldlagers, der dann zu mir sagte: 'Du bist ein Unruhestifter, Bland !' Sie konnten mit mir nichts anfangen. Sie meinten, ich könne mit diesen Zehen nicht marschieren, so dass ich auch nicht an Paraden oder so was teilnehmen durfte.  Schließlich beschlossen sie, mich aus den Streitkräften auszuschließen. Es dauerte nun ziemlich lange, bis das Verfahren abgeschlossen war und ich hatte dann überhaupt nichts zu tun. Ich sagte mir, das Beste, was du machen kannst, ist, mit ein paar Blättern unter dem Arm herumzulaufen. Wenn Du mit Blättern unter dem Arm herumläufst, dann fragt dich keiner in der Armee aus. Du sagst einfach: 'Ich habe nur ein paar Schreiben für 'Oberst Simpson' und schon winken sie Dich durch, lassen Dich überall hingehen, wo Du willst. Und ich machte das also etwa drei Monate lang, bis meine Entlassung durch war und ich ging dann in meinen Beruf als Optiker zurück.  Das Witzigste von allem war dann, dass sie mich im nächsten Jahr wieder einberiefen, als Optiker und ich ging also schnurstracks in mein altes Feldlager zurück als Leutnant. Ich wurde zu dem Oberst bestellt, der mich als absolut untauglichen Soldaten entlassen hatte. Er war total baff, weil er mich jetzt grüßen musste !

JP.: Du hast mal gesagt, dass Du als einfacher Soldat zur Infanterie eingezogen wur dest?

WB.: Ja, zu einer Panzereinheit. Sie meinten dann, ich sei zu groß für einen Panzer und sie versetzten mich dann zur Kavallerie. Aber sie hatten zu der Zeit keine Pferde, weißt Du. Mein erster Job in der Armee bestand dann darin es war kurz nach Ausbruch des Krieges und wir hatten nur ein einziges Flugabwehrgeschoss im ganzen Land also mein Job oder unser Job war dann, Flugabwehrstellungen in verschiedenen Städten einzurichten, ein paar Schüsse abzugeben, sie dann wieder abzubauen und sie woanders wieder aufzubauen und die Nation davon zu überzeugen, dass wir gut verteidigt wurden !

JP.: Wie groß war damals die Kommunistische Partei Neuseelands? Hat sie sich gut entwickelt?

WB.: Na ja, sie war ungefähr so groß wie die Kommunistische Partei Großbritanniens, so um die 2 bis 3 tausend Leute.

JP.: Und hat sie die gleiche Haltung gegenüber dem Krieg eingenommen wie hier die Kommunistische Partei?

WB.: Nun, zuerst war ihre Haltung die, dass der Krieg ein ungerechter imperialistischer Krieg auf beiden Seiten war. Als dann die Linie der Britischen Kommunistischen Partei herauskam, beschlossen sie, dass das falsch war. Sie änderten also ihre Haltung und waren jetzt der Meinung, dass es ein gerechter Krieg aufseiten der Alliierten war. Also zuerst war die Linie die, dass es ein imperialistischer Krieg sei, dann stellten sie fest, dass die britische Partei eine andere Linie hatte, so dass sie ihre Linie änderten und  meinten, dass es ein gerechter Krieg aufseiten der Alliierten sei. Dann nur einen Monat darauf kam die Komintern-Linie und alle dachten, dass sie sich getäuscht hatten und sie änderten die Linie erneut das dritte Mal innerhalb von nur zwei Monaten. Ich hatte Schwierigkeiten, diese Linienwechsel nachzuvollziehen, aber schließlich war ich doch überzeugt und ich stellte mit Interesse fest, dass Stalin diesen Krieg von Beginn an für einen gerechten Krieg hielt.

JP.: Waren denn die Verbindungen zwischen der Kommunistischen Partei Neuseelands und der kommunstischen Partei in diesem Land so eng, dass sie dazu neigten, alles, was sich hier tat, nachzuvollziehen?

WB.: Ich denke ja. Da war das Gefühl, dass Neuseeland nur ein ganz kleines Land sei, 20 tausend Meilen vom Zentrum entfernt. Deshalb sind diese klugen Leute in Großbritannien bestimmt besser informiert als wir. Es gab da auch in erheblichem Umfang jenes kolonialartige Gefühl, aber sie hatten eine hohe Meinung besonders von Palme Dutt und seine monatlichen Anmerkungen waren damals die internationale Linie, die es zu befolgen galt. Auf der anderen Seite legten sie und das war die positive Seite viel Wert auf politische Erziehung und das war hier, als ich wieder zurückkam, ganz anders. Jedes Treffen war ein politisches Treffen in dem Sinne, dass es über die politischen Ereignisse der vergangenen Woche eine offene Diskussion gab, wobei jede Woche immer jemand anders mal die Leitung übernehmen musste und das war äußerst wertvoll für Dich nicht nur als Zuhörer, sondern auch als jemand, der etwas selbst vorbereiten musste und dies ist war auch der Grund, weshalb meiner Meinung nach die neuseeländische Partei über so viele Jahre hinweg nicht Opfer des Revisionismus wurde.

JP.: Du hast erwähnt, dass Du in der örtlichen Partei eine Position hattest. Warst Du Leiter einer Grundeinheit?

WB.: Kreissekretär.

JP.: Hattest Du besonders etwas mit der ideologischen Arbeit zu tun?

WB.: Ja. In Auckland begann die Partei mit der 'Marxistischen Schule' wie sie es nannten und baten mich, sie zu leiten. Ich organisierte die Kurse in der Marxistischen Schule ungefähr ein Jahr lang, bis der Vermieter was dagegen hatte und die Schule schloss.

JP.: Hast Du noch Kontakt zu einigen Leuten, mit denen Du damals zusammen warst?

WB.: Ein oder zwei Leute noch. Die meisten sind verschütt gegangen. Es gibt noch ein oder zwei Leute dort. Ich erinnere mich noch gut an Jack Locky und Selwyn Devereaux, beides damals bekannte Leute und als die Partei den trotzkistischen Weg einschlug, traten sie aus und heute gehören sie zu denen, die die Kommunistische Partei wieder neu gründen.

JP.: Also der marxistisch-leninistische Kern?

WB.: Ja.

JP.: Bist Du noch mal wieder in Neuseeland gewesen?

WB.: Nein.

JP.: Also, Du kamst zurück und warst dann Optiker in Dagenham und bist Du dann in die Kommunistische Partei Großbritanniens eingetreten?

WB.: Ich wurde überwiesen. Sie gaben mir ein Empfehlungsschreiben mit, in dem stand, dass ich ein Genosse mit gutem Ruf sei und als ich zurückkam, wurde ich hier sofort akzeptiert.

JP.: Und das war so um 1950 herum?

WB.: Ja, so um 1950 herum.

JP.: Hast Du denn in der KPGB irgendeine Position gehabt?

WB.: Sekretär der Grundeinheit von Ilford, der Seven-Kings-Einheit. Zu jener Zeit hatte ich aber schon einige Vorbehalte gegen die Linie der Partei entwickelt. ... In Neuseeland hatte ich mit der Parteilinie keinerlei Probleme, in Großbritannien jedoch hatte ich einen Soldaten für die Partei gewonnen, der wirklich in Ordnung war und ich war sehr mit der Sache zufrieden, als dann ein Brief von oben kam, in dem stand, dass 'wir diesen aktiven Soldaten nicht in die Partei aufnehmen dürfen; es ist illegal'. Na was für eine lächerliche Sache. Wir wissen, dass die Streitkräfte gegen die Arbeiterklasse eingesetzt werden, so dass also wichtig ist, dass die Arbeiterklasse in den Streitkräften ihre Leute haben muss. Jemand abzuweisen aus rein formalen Gründen, dass er bereits in den Streitkräften sei, schien mir absolut absurd zu sein und ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendein ehrlicher Revolutionär eine solche Linie gutheißen konnte.

Dies war kurz nachdem ich wieder in England war, wahrscheinlich 1953, in dem Dreh, und von der Zeit an war ich zunehmend desillusioniert. Und dann, ich glaub es war 1951, kam auch 'Der britische Weg zum Sozialismus' heraus. Zur der Zeit hatte ich schon 20 Jahre Schulungen in Sachen Marxismus-Leninismus hinter mir, na ja, auf jeden Fall 10 Jahre, und ich konnte das einfach nicht akzeptieren. Es schien mir all dem zu widersprechen, was ich in den vergangenen 10 Jahren vermittelt hatte und so wurde ich nach und nach ein oppositionelles Parteimitglied und wurde dann konsequenterweise zwar nicht als Sekretär der Grundeinheit abgesetzt, aber ich durfte keine Arbeit, wie ich sie gewohnt war, ohne Zustimmung von oben mehr machen und es wurde immer deutlicher, dass ich von den Parteioberen mit Misstrauen beäugt wurde. Dennoch: Zu der Zeit dachte ich, dass es sich bei all diesen Leuten um einflussreiche und hoch angesehene Marxisten-Leninisten handeln würde und dass ich ja nur ein einfaches Parteimitglied bin und deshalb Unrecht haben müsste. Aber damals, weißt Du, gab es in der ganzen Partei nur drei oder so Leute im ganzen Land, die gegen den 'Britischen Weg' (neues revisionistisches Parteiprogramm der KPGB Übers.) 1951, 52, als der rauskam, Einwände hatten. Es ist ein sehr starkes Argument, wenn Du Dir sagst, warum solltest Du ausgerechnet Recht haben und all die anderen tausend Leute Unrecht? Und so wandte ich mich wieder Marx, Lenin und Engels zu, las sie und ich konnte diese Linie des friedlichen parlamentarischen Übergangs immer noch nicht mit dem vereinbaren, was ich vermittelt hatte, mit dem, was ich mir selbst beigebracht hatte und ich wurde dann in der Partei jemand, den sie als 'Dogmatiker' bezeichneten. Jedesmal, wenn Du was sagtest,  hörtest Du schon wieder diese sarkastischen Bemerkungen: 'Da kommt Bland wieder mit seinen dogmatischen Ansichten; er versteht einfach nicht, dass sich das Leben ändert. Die Welt ist nicht mehr die, die sie noch vor 10, 15 Jahren war, aber der dogmatische Bland will das nicht begreifen'.

Ich konnte das auch nicht begreifen. Ich meine, es geht hier um Prinzipien, die auch nach ein paar Jahren noch die gleichen bleiben, und so suchte ich jede Möglichkeit, nützliche Arbeit zu tun, aber ich konnte nirgendwo sonst hin. Dann kam da die neue sowjetische Führung ... Ich kannte nicht die Position, die sie zu dem 'Britischen Weg zum Sozialismus' einnahm. Alle möglichen Geschichten wurden von dieser Führung in Umlauf gebracht, dass Stalin den 'Britischen Weg' gebilligt habe, aber immer dann, wenn ich Beweise dafür verlangte,  kam nichts und bis heute habe ich keine Beweise finden können dafür, dass Stalin tatsächlich die Linie des 'Britischen Wegs' unterstützt hätte. Aber zu jener Zeit lag es mir fern aufzustehen und Harry Pollit (Parteiführer der KPGB zu der Zeit Übers.) einen Lügner zu nennen. Du hattest einfach die Tatsache hinzunehmen, dass Du dümmer warst, dennoch blieben immer diese nagenden Zweifel ..., aber diese Leute müssen doch eigentlich mehr wissen als Du. Du hast Unrecht, aber ich konnte das nicht erkennen. Und dann kam natürlich der 20. Parteitag und auf einem Treffen des Kreiskkomitees, das einen Tag, nachdem der Bericht vom 20. Parteitag durchgesickert war, stattfand, wollten alle zusammen einen Missbilligungsantrag gegen Stalin verabschieden und auch gegen die Partei, dafür, dass sie sie über 20 Jahre lang über Stalins Charakter getäuscht habe, und ich brachte dann einen Abänderungsantrag ein, dass wir keine Entscheidung treffen sollten, keine Meinung zu der Frage abgeben sollten, solange wie die Sache noch nicht klar war, denn es gab his dahin ja nur einzelne verstümmelte Presseberichte dazu und niemand auf dem ganzen Treffen es müssen wohl über hundert gewesen sein niemand war bereit, einen Antrag zu unterstützen, dass man alles erst einmal offen ließ, bis weitere Diskussionen stattgefunden hatten. Sie waren alle ganz froh und glücklich, sofort zu handeln, was mich ziemlich überraschte, muss ich sagen und mich immer noch ein wenig  stutzig macht. Also das passierte dann. Es gab also in der Partei keine Oppositon was diese Orientierung anbelangte, weder was den 20. Parteitag anbetraf noch den 'Britischen Weg'. Sie begrüßten das, weil sie respektable Sozialdemokraten sein wollten und dies  gab ihnen nun die Gelegenheit das zu sein, ohne Sozialdemokraten genannt zu werden.

JP.: Du sagtest vorhin, dass, als der 'Britische Weg' herauskam, es drei Leute gab ...

WB.: Vielleicht waren es auch vier.

JP.: Weißt Du wer das war?

WB.: Nein. Die einzige Verbindung gab es über den 'Morning Star' (Parteizeitung der KBGB Übers.). Ganz zu Beginn der Kontroverse brachte der Morning Star tatsächlich einige Leserbriefe von Leuten, die sich gegen die neue Linie aussprachen. Also schrieben wir uns mit ihnen, die sich dann zusammenfanden und versuchten, den Kern einer neuen kommunistischen Partei zu bilden. Aber sie blieben alle auf der Strecke. Einer von ihnen war ein Bursche, der hieß H., weißt Du. Er schrieb sie an aus dem Norden von England. Ich glaub' Jim hieß er. Er wohnte auf einem Bauernhof im Norden von England. Er war Lehrer, der eines Tages beschloss, dass man mehr für die Menschheit erreichen könne, wenn man auf einem Hof arbeiten würde. Und so kaufte er sich einen Bauernhof und er gehörte mit mir zusammen zu denen, die opponierten und an den Morning Star oder an den 'Daily Worker', so hieß er davor, schrieben. Wir schrieben uns und er schrieb dann auch tatsächlich an die Communist League und erkundigte sich nach Einzelheiten für einen Beitritt, die ich ihm dann zuschickte. Er schrieb dann zurück: 'Ich schrieb nur, um die Bedingungen für einen Beitritt zu erfahren. Ich habe nicht geschrieben, dass ich eintreten will!' Er war lange Zeit Mitglied der Albanischen Gesellschaft und eines Tages beschloss er, dass es in Albanien nicht besser war als sonstwo und trag wieder aus. Er ist immer noch irgendwie aktiv. Ich meine er hat für ... den 'North Star Compass' geschrieben. Und dann gab es noch zwei oder drei Leute, deren Namen ich jetzt vergessen habe, die ziemlich schnell wieder verschwunden waren. Einige von ihnen waren einfach nur Leute, die sich mit jedem anlegten, egal, ob derjenige Recht hatte oder nicht und in der Art berufmäßiger Neinsager immer nur immer nur gegen etwas sind.

JP.: Das überrascht mich, weil ich aus Gesprächen mit anderen Leuten weiß, dass als Stalin starb, es viele Leute in der Partei gegeben haben muss, die sehr betroffen und traurig über seinen Tod waren. Es muss also viele einfache Mitglieder gegeben haben, die  nicht das glaubten, was ihnen gesagt wurde.

WB.: Ja, ich bin sicher, dass es die gibt und ich treffe immer noch Leute, die sagen: 'Ich habe diese Linie nie richtig gefunden', aber damals ist es mir nicht gelungen, sie ausfindig zu machen.

 JP.: Also der 20. Parteitag wurde in der Partei bei ganz geringem Widerstand begrüßt. Was hast Du dann danach in der Partei erlebt?

WB.: Also ich blieb in der Partei, aber nur noch als einfaches Mitglied. Damals konnte man nirgendwo sonst hingehen. Dann fing die Chinesische Partei an, den 'Britischen Weg' öffentlich zu kritisieren, den 'friedlichen Übergang' und auch den 20. Parteitag und dass es bei uns keinerlei Bewegung deswegen in der Partei gab. Und kurz darauf gab es dann eine Organisation, die von Michael McCreary gegründet worden war und sich 'AktionsZentrum für Marxistisch-Leninistische Einheit' nannte. Also er setzte sich mit mir in Verbindung und ich war sehr froh darüber und sagte ihm, dass ich gerne mit ihm zusammenarbeiten würde, aber er bestand nun mal darauf oder so ziemlich darauf, dass jeder, der das vorhabe, sofort die Kommunistische Partei verlassen müsse. Und ich erwiderte, dass es keine andere Organisation gäbe, obwohl ich nur ein einfaches Mitglied dieser Partei sei, aber zumindest könnte man unter Leuten arbeiten, die ähnliche Ansichten haben wie man selber. Ich sagte, dass meiner Meinung nach die Zeit noch nicht gekommen sei,  wo jeder austreten sollte. Ich sei froh, der ACMLU beizutreten und ein loyales Mitglied zu werden, aber ich fände, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt falsch wäre, aus der Kommunistischen Partei auszutreten.

JP.: In welchem Jahr war das?

WB.: Ich meine, es war 1960 oder um den Dreh rum. 

JP.: Hätte man die ACLMU zu der Zeit als maoistische Organisation bezeichnen können?

WB.: Ich denke damals war jeder, der gegen die Linie der KPGB war, ein Maoist, weil es zu der Zeit so aussah, als ob Mao die Kampagne gegen den Sowjetrevisionismus anführen würde. Die KPCh (Kommunistische Partei Chinas Übers.) spielte scheinbar eine aktive führende Rolle und wir begrüßten das. Was uns anbetraf, so waren wir auch Anhänger der Chinesischen Kommunistischen Partei. Bis dahin hatten die Leute in der Partei keine andere Wahl, aber jetzt standen sie vor der Aufgabe zu wählen: entweder die KPGB zu unerstützen oder die KP Chinas. Davor brauchten sie keine Wahl zu treffen ...

JP.: Sie verlangten also von Dir und von den künftigen Mitgliedern, aus der Kommunistischen Partei auszutreten, aber Du dachtest, dass das zu der Zeit nicht der richtige Schritt war?

WB.: Nun ja, sie bestanden darauf und sie hätten Dich nicht als Mitglied akzeptiert, wenn Du nicht aus der KPGB ausgetreten wärst.

JP.: Konntest Du denn mit ihnen irgendetwas machen, konntest Du mit ihnen zusammenarbeiten, obwohl du weiterhin Mitglied in der KPGB warst?

WB.: Sie gestatteten das nicht. Sie waren in gewisser Weise sektiererisch, in der Weise, dass es entweder ganz oder gar nicht zu sein hatte. McCreary starb dann, er war krank gewesen und sein Geld war immer wichtig gewesen. Sein Vater war ziemlich reich und es war sein Geld, das die Organisation am Laufen hielt, seine Zeitung und das Ganze ging dann nach seinem Tod in die Brüche. Das nächste, was dann entstand, war Mike Bakers Organisation die MLOB (Marxist Leninist Organization of Britain Übers.). Baker war dann der nächste, der sich an mich wandte, aber meine Haltung war nach wie vor  die gleiche und er stand dann auf dem Standpunkt, dass es zur Zeit nicht unbedingt erforderlich sei, dass alle Leute gleich aus der  KPGB austraten. Wenn sie dort irgendeine Arbeit leisten könnten, warum eigentlich nicht, weil es noch viele Leute in der KPGB gab, die desorientiert, aber ehrlich waren, also als mögliche Mitglieder in Frage kamen, so  dass er mir also zustimmte und wir gründeten dann die MLOB auf dieser Grundlage. Zu jener Zeit hatten wir die Mao-Tse-tung-Ideen noch in keinster Weise analysiert und es wurde als selbstverständlich hingenommen, dass Mao Tse-tung der führende Marxist-Leninist auf der ganzen Welt war.

JP.: Woher kam Mike Baker? Hast Du ihn vorher gekannt?

WB.: Nein, er kam zu mir wie der Blitz aus heiterem Himmel. Er war mir vorher nie untergekommen, aber er nahm den Kontakt zu mir eines Tages auf und beeindruckte mich durch sein politisches Niveau. Er war ein sehr guter Redner und hatte eine charismatische Persönlichkeit, er war also einer, dem die Leute auch dann noch zuhörten, wenn sie nicht  seiner Meinung waren. Ich stimmte mit ihm in vielen Fragen überein und wir kamen überein, all diese Leute zusammenzuführen, all die Oppositionellen, um mit ihnen dann den Kern einer kommunistischen Partei zu bilden. Das sollte eine antirevisionistische Partei sein, im Sinne von anti-KPGB, anti-KPdSU, aber nicht anti-Mao.

JP.: Weißt Du noch, in welchem Jahr das war?

WB.: Ich müsste das nachsehen. Ich habe noch die erste Ausgabe der Zeitung zuhause.

JP.: War das die 'Red Front'?

WB.: Ja.

JP.: Gab es verschiedene Zeitungen?

WB.: Ja, es gab zwei verschiedene Zeitungen, aber die wichtigere war die 'Red Front'.

JP.: ... und 'Class Against Class'?

WB.: Das war später. Die Linie der Zeitung war, wie ich fand, insgesamt richtig, wenn ich dies aus der Rückschau nach fast dreißig Jahren so sagen kann, außer dass sie sich für die 'Kulturrevolution' und die Mao-Tse-tung-Ideen stark machte. Dann beauftragten sie mich damit, die Mao-Tse-tung-Ideen zu analysieren. Es gab da ein oder zwei Vorbehalte gegenüber dem, was Mao machte. Wir hatten ein Mitglied, das in China arbeitete. Er kam zurück und beschrieb, wie die 'Roten Garden' er arbeitete in einem Plattengeschäft in Peking wie also die Leute der 'Kulturrevolution' seinen Laden gestürmt hatten and sämtliche Platten wie solche von Beethoven zertrümmerten und nur ganz wenige blieben noch übrig, die verkauft werden durften und er fand, dass das faschistisch war. Er sagte dann ganz offen: 'Ich bin nicht mehr ein Anhänger der Kulturrevolution. Da ist etwas, das ganz bestimmt nicht in Ordnung ist.' Das Ergebnis war also, dass sie mir den Auftrag gaben, die Mao-Tse-tung-Ideen zu untersuchen und dazu einen Bericht vorzulegen.

JP.: Er war ein Mitglied der MLOB und arbeitete in China?

WB.: Ja. Das Ergebnis war, dass ich dann meinen Berichtsentwurf vorlegte, der die MaoTse-tung-Ideen als eine Form des Revisionismus beschrieb und es war nur natürlich, dass dies in der MLOB zu einer wahnsinnigen Aufregung führte. Baker stimmte der Einschätzung fast sofort zu, aber es gab andere, die dies nicht taten, die meinten,  dass das eine Verleumdung wäre und dass sie das nie und nimmer akzeptieren würden, aber die Zahl derjenigen, die dann austraten, war nur relativ klein. Ich würde sagen: nicht mehr als 20-25% allerhöchstens. Und so machten wir weiter.  Zu der Zeit war ich Sekretär der Albanischen Gesellschaft. Die Albanische Partei war ziemlich früh gegen den Sowjetrevisionismus aufgetreten und infolgedessen wurde ich nach Albanien eingeladen. Als ich da war, sagten sie zu mir: 'Es gab mal eine Albanische Gesellschaft und wir haben von ihr schon lange nichts mehr gehört. Wenn Du wirklich meinst, was Du sagst, weshalb gründest Du die Albanische Gesellschaft nicht wieder neu?'

JP.: Die alte Gesellschaft war die, die zwischen den Weltkriegen gegründet worden  war?

WB.: Von der KPGB. Aber nach dem Kriege verloren sie das Interesse an Albanien,

und zwar sobald die Albaner den 'Britischen Weg' und die Sowjetische Partei anfingen zu kritisieren.

JP.: Weißt Du noch, wann die alte Albanische Gesellschaft gegründet worden ist?

WB.: In den 40igern. Sie hörte auf zu arbeiten, als sie das Interesse an Albanien verloren, als die Albaner anfingen, den Sowjetrevisionismus zu kritisieren. Also ich wurde dann gefragt, ob ich sie wieder gründen kann. Es gelang mir, den ehemaligen Sekretär wieder ausfindig zu machen, der mir eine Liste von Mitgliedern gab und wie sich herausstellte, waren nur noch ganze zwei übrig geblieben, einer davon war ein Bursche aus Finsbury.

JP.: Ivor Kenna?

WB.: Richtig. Wir gründeten also die Gesellschaft wieder, die dann allmählich im Laufe der Zeit sich gut entwickelte und bald einige hundert Mitglieder hatte. Wir brachten regelmäßig eine Zeitschrift heraus, 'Albanian Life', und ich meine, wir machten so eine ganz sinnvolle Arbeit. Als dann die MLOB ihre Linie änderte, verlangten alle Maoisten in der Gesellschaft, die vorher noch aktiv mitgearbeitet hatten, dass Bland gehen solle, weil meine Organisation, einen Bericht veröffentlicht habe, der gegen Mao gerichtet war und deshalb auch anti-albanisch sei und deshalb dürfe ich nicht mehr Sekretär der Albanischen Gesellschaft sein. Stattdessen organisierten sie dann eine Fraktion innerhalb der Gesellschaft, um Bland loszuwerden und auf der nächsten Jahreshauptversammlung veranstalteten sie eine Miniatur-Kulturrevolution in der Gesellschaft. Die damalige Vorsitzende war eine, die hieß Berger, ein Maoistin. Sie schrieb Artikel über Weine und ihr Mann war ein führendes Mitglied in der Chinesischen Freundschaftsgesellschaft. Also sie organisierten dann diese Art von Kulturrevolution auf der Jahreshauptversammlung und es erschienen eine Menge Leute, die nie Mitglieder vorher gewesen waren und verlangten, mit abstimmen zu dürfen und Berger als Vorsitzender bestimmte, dass sie mit abstimmen dürften, weil wir eine demokratische Gesellschaft seien und dass deshalb jeder, der von der Straße aus in die Gesellschaft reinkommt, das Recht haben müsse mit abzustimmen. Das waren die Massen, die sich zu Wort meldeten, weißt Du. Leider hatten sie nicht genug Leute, um die Mitglieder zu überstimmen und unsere Mitglieder stimmten nicht dieser besonderen Linie zu, dass es angebracht sei mich zu entlassen. Sie verloren also die Abstimmung und ich wurde als Sekretär wieder gewählt und die Maoisten marschierten dann raus. Sie gründeten dann eine neue Albanische Gesellschaft, die sich sehr schnell in vier oder auch fünf Teile spaltete und alle verschwanden dann sehr schnell, außer der eine Teil, der von den Chinesen finanziert wurde, nämlich der von Reg Birch. Sie nannten sich die 'Neue Albanische Gesellschaft' und arbeiteten noch einige Jahre mit der vollen Unterstützung der Chinesen.

JP.: Besaßen sie die offizielle Unterstützung der Albaner?

WB.: Die Albaner erkannten sie sofort als marxistisch-leninistische Partei in Großbritannien an. Es gab zwei Organisationen: Es gab die Kommunistische Partei Großbritanniens von Reg Birch und dann die breiter angelegte Neue Albanische Gesellschaft. Beide wurden offiziell von der Albanischen Partei der Arbeit anerkannt. Zu der Zeit brachen sie sämtliche Verbindungen zu uns ab. Wir hatten dann eine Versammlung und beschlossen, was wir tun sollten:  'Albanien ist ein sozialistisches Land. Wir akzeptieren das. Wir stimmen nicht mit  ihrer Haltung in diesem bestimmten Punkt überein, aber trotzdem erklären wir uns mit der Albanischen Partei der Arbeit solidarisch und unterstützen sie und die albanische Regierung und deshalb stehen wir weiter auf der Seite Albaniens, egal welche Haltung sie zu uns einnehmen mögen'.

Wir machten genauso weiter wie vorher und sandten unsere Literatur in den nächsten sechs oder sieben Jahren weiter regelmäßig an sie ab, bis 1978 schließlich die Albanische Partei ihre Linie änderte und Mao Tse-tung als Revisionisten angriff. Birch  brach sofort seine Beziehungen zu Albanien ab und löste die Albanische Gesellschaft einfach auf, ohne auch nur die Mitglieder zu fragen. Es gab einfach nur Kurzmitteilungen in der Post, dass 'von heute an die Gesellschaft aufgelöst ist'. Punkt. Zu der Zeit war der einzige, der noch Kontakte mit den Albanern hatte, der Experte über Volksmusik und Präsident unserer Gesellschaft, namens Bert Lloyd. Bert Lloyd unternahm regelmäßig Reisen nach Albanien, um Volksmusik aufzunehmen, nicht  als Präsident der Albanischen Gesellschaft, sondern als Privatperson. Wir baten ihn, bei seinem nächsten Besuch in Albanien den Albanern zu sagen, dass wir es recht absurd fänden, keine Albanische Freundschaftsgesellschaft zu haben, weil es niemanden gab außer uns, mit denen sie aber nichts zu tun haben wollten. Und so brachten wir ihm recht diplomatisch bei, dass er das bei ihnen zur Sprache bringen sollte und dass wir es nicht verstünden, dass angesichts der neuen Lage, alles einfach so weitergehen sollte.

Also er sprach das an bei ihnen und ich wurde dann nach Paris eingeladen, um zunächst einmal mit dem Botschafter dort zu sprechen, der der ganzen Geschichte nicht traute. Ich konnte einfach keinen Grund finden, was an der Sache faul sein sollte, denn alles schien doch völlig klar zu sein, aber dennoch: Er war misstrauisch und versprach aber, unsere Haltung in Tirana zur Sprache zu bringen und versprach auch, mir demnächst zu schreiben. Schließlich kam die Antwort: 'Ja, wir würden es gerne sehen, wenn eine Delegation der Gesellschaft Albanien besuchen würde'. Was in den vergangen zehn Jahren passiert war, wurde nicht angesprochen, es gab keinerlei Selbstkritik, aber immerhin nahmen sie die guten freundschaftlichen Beziehungen mit der Gesellschaft wieder auf, was das Wichtigste war. Die Frage der Selbstkritik hatten die Albaner mit sich selbst abzumachen. Das war nicht unsere Sache. Wir stimmten im Prinzip allem zu.

Und das war die Situation bis zur Konterrevolution. Weißt Du ich bin heute davon überzeugt, dass es eine sehr starke revisionistische Fraktion in den führenden Positionen der Partei damals schon lange vor Hoxhas Tod (1985 Übers.) gab. Und die ganze Sache spitzte sich erst danach zu, aber es war die Fortsetzung einer Politik, die schon vorher verfolgt worden war.

Zum Beispiel: Als wir eine Delegation kurz nach Hoxhas Tod hinschickten, fuhr ich zusammen mit Steve Day. Wir waren die beiden gewählten Delegierten und sie fragten uns, was wir gerne sehen und tun würden. Und so übergaben wir ihnen eine Liste mit Sachen, die wir ganz gerne tun würden. Eine davon war, einen Film zu drehen über die Gegend um den Korfu-Kannel herum und auch einen Film über den Zwischenfall am Korfu-Kanal und außerdem wollte ich ein paar Nachforschungen in der Albanischen Bibliothek anstellen. Wir waren dann ein bisschen verblüfft, weil sie zunächst einmal nicht in der Lage zu sein schienen, einen Übersetzer für uns zu finden. Sie hätten da niemand, der Englisch konnte. Wir durften von dem Korfu-Kanal keinerlei Fotos machen und alles, um was wir sie baten, einschließlich mein Besuch in der Albanischen Nationalbibliothek, war aus irgendeinem Grunde nicht möglich. Also sie fuhren uns durch das Land, was ganz vergnüglich war, aber es war nichts weiter als ein Ferienaufenthalt. Es war für uns ganz und gar unmöglich, etwas zu tun, was einen politischen Wert hätte haben können. An 10 Tagen von den 13, die wir da waren, fuhren wir einfach nur mit einem Privatauto durch das Land. Ich machte Steve darauf aufmerksam und sagte: 'Diese Leute sind Scheiß Revisionisten!'. Weißt Du, ich hatte vorher oft schon ähnliche Leute in der KPGB kennengelernt und sie verhielten sich genauso wie die aus der KPGB. Ich bin heute fest davon überzeugt, dass das Anzeichen einer Entartung waren, die bereits eingesetzt hatte, dass der Revisionismus schon viele der führenden Positionen in der Partei erobert hatte, aber das war noch nicht offen ans Tageslicht gekommen.

JP.: Auf einer Reise hattest Du zwar einen Dolmetscher, der aber Französisch sprach.

WB.:  Das war die Reise, von der ich gerade erzähle. Sie gaben uns also dann einen Dolmetscher, aber mein Französisch war keineswegs sehr gut. Ich bekam zufällig heraus, dass es viele Leute dort an der Universität gab, die hervorragendes Englisch konnten, die glücklich gewesen wären, einen freien Tag auf Kosten des Staates bekommen zu haben. Aber sie konnten uns niemanden geben!

JP.: Hattest Du nicht davor für die Partei der Arbeit ein paar Forschungsarbeiten zu Skenderbeg erledigt? Wie haben sie Dich denn ursprünglich kennengelernt?

WB.: Als sie ihre Linie änderten und den Sowjetrevisionismus kritisierten schrieb ich ihnen und gratulierte der Partei dazu, dass sie ihre Linie gegenüber dem Sowjetrevisionismus geändert hatten und seit dieser Zeit hat mich das Zentralkomitee zum ersten Mal eingeladen, um nach Albanien zu kommen, 1960.

JP.: War das die Zeit, als Du die Aufnahmen für den Film 'Das Land der Adler' gemacht hast?

WB.: Ja, das stimmt.

JP.: Den Du bei den Filmfestspielen in Edinburgh gezeigt hast?

WB.: Ja.

JP.: Wer hat diesen Film heute?

WB.: Ich habe ein Video davon. Die BBC hat die Originalfassung 'verloren', aber ich hatte ein Video davon.

JP.: Wann hast Du angefangen, Albanisch zu lernen?

WB.: Als ich zum ersten Mal Sekretär der Albanischen Gesellschaft geworden war,

Anfang der 60iger Jahre. Mein Sprachverständnis ist in erster Linie ein visuelles. Ich kann das Geschriebene übersetzen, aber wenn jemand zu mir spricht, verstehe ich nicht mehr, was er meint. Die Albaner waren immer erstaunt darüber, dass ich mich nicht mit ihnen unterhalten konnte, aber ich konnte Sachen verstehen, die sie nur unter großen Mühen verstehen konnten. Sie fragten mich dann, ob ich verschiedene Sachen für sie übersetzen könnte, Sachen zu Skenderbeg. Da gab es einen Burschen, einen Engländer, der in Albanien war und der damit zu kämpfen hatte ...Ich schrieb einen Aufsatz darüber, aber ich bin nie dazu gekommen, ihn zu veröffentlichen.

JP.: Gab es da nicht eine Verbindung nach Southampton?

WB.: Ja, das stimmt. Dieser Bursche war tatsächlich der Kommandeur der Isle of Whight und er war so durch und durch korrupt, dass es dort so etwas wie eine kleine Revolution gab und er wurde dann ausgewiesen und er war dann gezwungen, irgendwo sein Glück zu versuchen, als Söldner und die Albaner nahmen ihn. Die Albaner waren von meinen Forschungsarbeiten nicht sehr angetan, weil sie meinten, dass dieser Kerl nicht gut genug wegkam, den sie als einen Helden ansahen! Trotzdem stimmte alles. Sie kannten nur nicht diese Geschichte, so weit ich weiß, sind die Sachen nie irgendwo eröffentlicht worden.

JP.: Weißt Du, ob sie das vielleicht im Skenderbeg-Museum haben?

WB.: Nicht dass ich wüsste.

JP.: Du hast vorhin ein paar Bemerkungen über die neuseeländische Partei gemacht, dass sie eine gute ideologische Arbeit gemacht haben, und ich erinnere mich, dass Du in diesem Zusammenhand auch einmal gesagt hast, dass Du in Albanien das Gefühl hattest, dass ihre fortlaufende politische Erziehungsarbeit nicht besonders gut war und dass dies dazu beigetragen haben kann, dass es zur Konterrevolution kam.

WB.: Ich bin davon überzeugt, dass die Erziehungsarbeit eine entscheidende Rolle in jeder Organisation, in jeder Partei spielt, wenn es darum geht, eine richtige  marxistisch-leninistische Position zu halten. Ich kenne da keinen anderen Weg, um revisionistische Einflüsse davon abzuhalten, eine Partei in Mitleidenschaft zu ziehen.

JP.: Du meinst also, dass das neuseeländische Modell ein gutes war, dass man ein wöchentliches politisches Treffen hat und immer abwechselnd etwas vorbereiten lässt?

WB.: Ja. In der Britischen Partei (gemeint: die revisionistische KPGB Übers.) kam im Laufe der Zeit die Meinung auf: 'Wir haben für diese politischen Diskussionen jetzt keine Zeit mehr; wir müssen den nächsten 'Daily-Worker-Wochenbasar' vorbereiten.Und im Laufe der Zeit wurden die politisierten Leute immer unpolitischer und das öffnete dem Revisionismus die Tür.

JP.: Ab wann ging die KPGB davon ab, Betriebsgruppen aufzubauen?

WB.: Das war ungefähr zur gleichen Zeit, kurz nach dem Kriege 1950 meine ich, ungefähr zu der Zeit.

JP.: Um noch mal auf Ivor Kenna zurückzukommen. Er gehört also zu den Maoisten, die die Albanische Gesellschaft verließen. Hat er sich dann der Neuen Albanischen Gesellschaft angeschlossen?

WB.: Soweit ich mich erinnern kann, gehörte er zu denen, die fast sofort weg waren und die dann auf dem albanischen Gebiet nichts mehr machten. Soweit ich weiß, war er auch nie ein aktives Mitglied in der Organisation von Birch.

JP.: Ich wühl noch mal ein bisschen in der Geschichte. Ich glaube, Du warst vor dem  Krieg mal in der Sowjetunion?

WB.: Ich habe 1937 dort meinen Urlaub verbracht.

JP.: Ich glaube, als Du da warst, haben sie mit dem Experiment angefangen, Brot in den Läden umsonst abzugeben?

WB.: Damals waren sie der Meinung, dass man den Kommunismus nicht über Nacht einführen darf, sondern so nach und nach. Also auf jedem Gebiet so ganz allmählich, so dass in dem Moment, wo die Produktion auf einem Gebiet ausreichend war, dass dann dieser betreffende Artikel sozialisiert werden konnte. Und als ich damals in Moskau war, sagte man mir, dass es Brot jetzt umsonst gäbe. Du konntest also in irgendeinen Laden gehen und Dich bedienen. Aber nur bei Brot war das so.

JP.: Und da gab es keine Leute, die die Brotläden leergefegt haben und alles Brot mitgehen lassen haben?

WB.: Das funktionierte. Schließlich bezahlst Du ja auch nicht für das Wasser nach Gallonen (4,5 l). Es heißt ja nicht, dass Du absichtlich den Hahn weit aufdrehst, um etwas umsonst zu bekommen. Die einfachen Leute machen so etwas nicht und ich glaube, es ist nur ein kleiner Schritt dahin, dass man die Einstellung der Leute verändern kann, dass es keinen Sinn hat, mehr zu nehmen als man braucht.

JP.: Warst Du nur in Moskau?

WB.: Ja, ich bin nur vier oder fünf Tage dort gewesen. Aber ich war sehr von der polischen Einstellung der Leute angetan. Das war noch bevor ich in die Kommunistische Partei eintrat, bevor ich Kommunist wurde. Ich bin da nur mal aus Neugierde heraus hingefahren.

JP.: Gab es noch andere Organisationen außer der ACLMU, die der MLOB vorausgingen?

WB.: Das waren die ersten. Mir fallen sonst keine ein.

JP.: Zu Deinem Buch, das vor zehn Jahren herauskam: Wann bist Du damit angefangen, die 'Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion' zu schreiben?

WB.: Ich glaube das muss 1978 gewesen sein, zwei Jahre, bevor es herauskam.

JP.: Und Du arbeitest jetzt an einer aktualisierten Auflage?

WB.: Ja.

JP.: Du hast vor der Communist League einen Vortrag darüber gehalten, wie man Forschung betreiben kann und hast darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, Fakten objektiv zu untersuchen, um die Leute zu zwingen, sie sich anzusehen, damit sie sich dann entscheiden können, welche Meinung sie dazu haben. Du wurdest mal von jemanden aus der Neuen Kommunistischen Partei danach gefragt, wie es kam, dass Du schon vor so langer Zeit gegen den Revisionismus in der Sowjetischen Partei Stellung beziehen konntest.

WB.: Weißt Du zuerst gibt es bei den meisten Leuten eine große Zurückhaltung. Viele Leute sind Konformisten. Man möchte gerne mit seinen Zeitgenossen und Kollegen übereinstimmen. Von daher gibt es eine Barriere gegenüber objektiven Untersuchungen, objektiven Erkenntnissen, weil Du Dich dann mit Deiner Einzelmeinung unbeliebt machst, Du aber nicht unbeliebt sein möchtest und von daher neigst Du dazu das zu sagen, was andere von Dir erwarten. Ich bin ganz fest der Meinung, dass das unbedingt vermieden werden muss. Zum Beispiel: (...) Es ist nicht etwas, das anti-marxistisch-leninistisch ist, es ist etwas, das entweder richtig oder falsch ist in Abhängigkeit von den Tatsachen. Wenn diese Tatsachen Dich zu einer bestimmten Schlussfolgerung veranlassen, dann ist es für eine Organisation oder Partei wichtig, eine korrekte Haltung dazu einzunehmen. Unter keinen Umständen sollte gesagt werden: 'Na ja – wir können das nicht vertreten. Es ist unpopulär. Wir sollten deshalb dazu schweigen.'

Ich meine, dies ist für eine marxistisch-leninistische Organisation absolut unverzeihlich! Wenn man Recht hat, dann wird sich im Laufe der Zeit die Richtigkeit bestätigen.

Aber wenn Du nicht Recht hattest, dann wird das nicht der Fall sein und Du musst dann umgehend Deine falsche Linie korrigieren. Aber auf keinen Fall eine Linie vertreten, nur weil sie populär ist. Das ist entgegen allen Prinzipien des Marxismus-Leninismus. Wir haben das nie gemacht. Ich erinnere mich noch, als wir unseren ersten Untersuchungbericht zu China vorlegten. Zu der Zeit schwenkten die meisten Leute, die sich für Marxisten-Leninisten hielten, das Kleine Rote Buch. Die meinten, dass das, was wir machten, ungefähr so sei, als wenn man in eine katholische Kirche laufen und den Altar umstoßen würde.

Genauso emfanden sie das und sie reagierten dementsprechend. Aber mit der Zeit, über viele Jahre hinweg, haben nach und nach immer mehr Marxisten-Leninisten unsere Ansichten, die wir in den 60iger Jahren vortrugen, übernommen.

Ich finde, dass wir unter keinen Umständen ...jemals ... natürlich müssen wir sichergehen, dass wir richtig liegen; wir müssen die Tatsachen immer wieder neu prüfen aber von dem Moment an, wo wir überzeugt sind, dass es keine andere Erklärung gibt )...), dann müssen wir das sagen. Es nicht zu sagen, nur um nicht anzuecken, ist unverzeihlich. Alle neuen Einsichten sind zuerst unbeliebt, das ist nur eine Reflexion ihrer Neuheit. Die Menschen neigen dazu, konservativ zu sein. Sie ändern nicht gerne ihre Meinung, wenn sie es irgend vermeiden können. Sie müssen dazu durch die Stärke der Beweise gebracht werden, durch das Gewicht unwiderlegbarer Fakten, und so sollte, wie ich finde, die CL arbeiten, so klein sie auch sein mag. Es ist die einzige Art und Weise, wie eine Organisation, egal ob groß oder klein, arbeiten sollte.

JP.: Was ist mit dem marxistisch-leninistischen Forschungsbüro? Hat es eine ähnliche Aufgabe bei der Untersuchung wichtiger Fragen?

WB.: Die Schwäche, die dort existiert, ist die, dass es sich bisher nicht in der Lage sah, kontroverse Themen aufzuarbeiten. Die Neue Kommunistische Partei hatte ein Treffen zu Jugoslawien und sie haben alle Leute rangeholt, die die Haltung der jugoslawischen Regierung unterstützten, um ihre Ansichten vorzubringen. Nun sind unsere Ansichten unter Leuten, die sich als Marxisten-Leninisten betrachten, nicht populär.

Dennoch meine ich, wir sollten sie vorbringen, nicht auf destruktive Weise, indem wir Leute Verräter und Idioten nennen, sondern einfach dadurch, dass wir die Tatsachen nennen, so wie wir sie sehen und sie auffordern, eine neue Erklärung für diese Fakten zu suchen. Leute sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, Dinge auf der Basis von Tatsachen zu diskutieren. Nimm Leute wie Harpal Brar, ein sehr hohes politisches Kaliber, ein loyaler Anhänger Stalins, und es gibt keinen Zweifel, dass er sehr aufrichtig Stalin und den Marxismus-Leninismus unterstützt. Trotzdem wenn Du zu ihm sagst: 'Gut lasst uns mal über Mao diskutieren', dann wird er das nicht tun. Er wird bloß sagen: 'Ich will das jetzt nicht diskutieren. Ich stimme mit Dir da nicht überein. Das ist alles'.

Wenn Du nicht zustimmst, warum nicht? Vielleicht hast Du ja Recht. Dann sag' mir, weshalb Du nicht übereinstimmst! Irgendwie sträubt er sich. Also womit wir es hier zu tun haben, ist meiner Meinung nach Folgendes: Anstatt seine Meinung auf Tatsachen zu stützen, stützt er sie auf vorgefasste Vorurteile, die Brar nicht bereit ist, zu ändern oder in Frage zu stellen. Das ist so wie mit der Haltung der katholischen Kirche im Mittelalter: Du hast nicht darüber diskutiert, ob Gott existiert oder nicht.

Du hattest das einfach hinzunehmen, weil allein schon die Diskussion darüber gleichbedeutend mit Verrat, mit Ketzerei war und ich habe das Gefühl, dass diese Leute tatsächlich diese Einstellung haben. Sie wollen nicht darüber diskutieren.

Nehmen wir noch mal dieses Mitglied der NCP (Neue Kommunistische Partei, maoistisch Übers.). Sie setzten dieses Treffen ab, das sie vergessen hatten, mir auszurichten. Ich traf dort nur diesen einen Burschen an, der Herausgeber ihrer Zeitung war. Er wollte mit mir über die Mao-Tse-tung-Ideen reden. Und ich sagte zu ihm:'Hier ich lass Dir diese Sachen hier zum Lesen. Es kann sein, dass das alles falsch ist und falls ja, falls Du uns genau sagst, an welcher Stelle wir Unrecht haben, dann werden wir es korrigieren. 'Ja, werde ich machen!' sagte er. Und das war jetzt vor einem Jahr. Ich ließ das Zeug bei ihm und schlug vor, einen Termin für eine erneute Debatte darüber festzulegen. Aber nein das wollte er nicht. Das heißt, er ist nur bereit, blind die Linie seiner Partei zu befolgen und damit tut er seiner Partei keinen Gefallen. Wenn ihre Linie falsch ist, dann ist seiner Partei nicht damit geholfen, dass er sie in diesem Punkt weiter unterstützt. Wenn die Linie falsch ist, dann ist es seine Aufgabe als Parteimitglied, seine Einwände vorzubringen und sie diskutieren zu lassen, auf höchster Ebene. Und das wollen sie nicht, egal ob es sich um Brar handelt oder um die NCP.

JP.: Eines der Grundsätze der CL ist der, eine Partei ohne revisionistische Einflüsse aufzubauen. Könntest Du das mal genauer erklären?

WB.: Nun ja, heute befinden wir uns in einer Situation, wo jeder, der sich Marxist-Leninist nennt, dafür ist, eine neue marxistisch-leninistische Partei aufzubauen. Die Majids sagen das, Ivor Kenna sagt das, sie sagen es alle. Aber wenn es ernst wird, musst Du eine klare Trennlinie ziehen zwischen der wichtigsten revisionistischen Strömung, also dem Maoismus, und dem Marxismus-Leninismus. Du kannst unmöglich eine Partei aufbauen mit Revisionisten und Marxisten-Leninisten. Sie wird beim ersten Windstoß zusammenbrechen. Deshalb ist es unsere Position in der Stalin-Gesellschaft, diese dafür zu nutzen, Stalin zu unterstützen, worüber wir uns alle einig sind, aber sie auch für den Zweck zu nutzen, uns darüber zu unterhalten, in welchen Punkten wir nicht miteinander übereinstimmen, so dass auf der Grundlage von Fakten die Mitglieder sich die beiden gegensätzlichen Standpunkte vergegenwärtigen können, um dann ihre eigene Entscheidung zu treffen und dies scheint mir eine absolut unvermeidliche Konsequenz für den Aufbau einer Partei zu sein, die ernst genommen werden will.

Und das gleiche gilt für eine Gesellschaft, die eine marxistisch-leninstische Zeitung herausbringt, dass wir herausfinden, worüber wir uns einig sein können und das machen wir dann zum Kern der Politik der Zeitung. Andere Dinge, über die wir uns nicht einigen können, lassen wir erst einmal offen und veröffentlichen Artikel, die beide Standpunkte enthalten, nicht in einer feindseligen Art, sondern freundschaftlich, gestützt auf Fakten und auf diese Weise können all die, die sich Marxisten-Leninisten nennen, objektiv darstellen und die speziellen Punkte angeben, weshalb die eine Politik richtig und die andere falsch ist und das ist marxistisch-leninistisch. Ich meine, so kommt man einen wichtigen Schritt voran beim Aufbau einer Partei unter den gegenwärtigen Umständen.

JP.: Wir haben die internationale Zeitschrift, die es geben soll, ja schon besprochen und waren der Meinung, dass sie eine nützliche Rolle spielen könnte und auch für Maoisten zugänglich seine sollte, dass sie dort auch ihre Ansichten darlegen können, ja sogar gezwungen werden sollten, sich schriftlich zu äußern, damit alle erkennen können, wo sie wirklich stehen.

WB.: Die Tatsache, dass sie (gemeint: die Maoisten in der Stalin-Gesellschaft Übers.) sämtliche Marxisten-Leninisten, Dich ausgenommen, aus der Stalin-Gesellschaft ausgeschlossen haben, ist nicht ein Zeichen ihrer Stärke, sondern ihrer Schwäche. Wenn Adolpho wirklich aufrichtig ist, wenn er sagt, dass es eine gute Sache ist, wenn ihnen erlaubt wird, ihren Müll zu veröffentlichen, damit er entlarvt werden kann, dann hätte er auch dafür sprechen müssen, dass wir weiterhin unsere Ansichten in der Gesellschaft darlegen können. Aber tatsächlich stimmte er für unseren Ausschluss. Und das zeigt seine Heuchelei. Uns ist daran gelegen, unseren Standpunkt vorzutragen. Wir behaupten nicht unfehlbar zu sein. Es kann sein, dass wir Unrecht haben. Wenn ja, dann bedauern wir das und üben dann Selbstkritik. Damit sie aber überhaupt erfahren, dass wir im Unrecht sind, müssen sie uns erlauben, unsere Meinung zu sagen und das ist genau das, was sie nicht wollen, an irgendeiner objektiven Diskussion mit uns über Fakten teilzunehmen.

JP.: Was die Geschichte der Sowjetunion anbetrifft und der Triumph des Revisionismus dort meinst Du, dass Stalin irgendeine Schuld für das trifft, was da passiert ist?

WB.: Alle tragen ihren Teil der Schuld. Du kannst immer hingehen und sagen: 'Stalin hätte mehr machen sollen, hätte dieses oder jenes tun sollen, hätte diese Person rechtzeitig erschießen sollen.' Aber ich möchte Stalin nicht gerne kritisieren, weil ich finde, dass er uns alle um Längen überragt, alle derzeitigen Kommunisten, was seine Politik anbetrifft. Ich denke, es wird immer deutlicher, wenn unsere Analysen stimmen, dass Stalin nicht der alles sehende, allmächtige Diktator war, als was er dargestellt wird, sondern nur tatsächlich Teil eines Kollektivs war, zu deren Mitgliedern auch heimliche revisionistische Verschwörer gehörten und die Menschen konnten von diesen Verschwörern in die Irre geführt werden, von ihrer falschen Linie, auch wenn sie persönlich direkt keine Verschwörer waren. Aber dann muss unsere Bewunderung für Stalin noch viel größer werden, weil er es geschafft hat zu verhindern, dass diese revisionistische Gruppe irgendwelche Schritte unternehmen konnte, die wirklich der sozialistischen Gesellschaft ernsthaften Schaden zugefügt hätte. Und erst drei Jahre nach seinem Tod konnten die ersten Schritte getan werden, um die sozialistische Gesellschaft zu zerstören.

Und es dauerte dann noch einmal dreißig Jahre oder so, bevor sie die gesamte Struktur des Sozialismus, so wie sie sie von Stalin vorgefunden hatten, zerstören konnten. Ich finde, wir können an Stalin nichts kritisieren. Natürlich kann man auf Fehler hinweisen, die er gemacht hat, da Stalin aber eine lebendige Person war und keine mit einem göttlichen Geist ausgestattete, muss er einfach Fehler gemacht haben, aber ich finde keine. Ich habe seine ganzen Werke gelesen und ich kann selbst heute aus der Rückschau nichts entdecken an dem, was er sagte, das heute nicht zutreffen würde. Deshalb finde ich war Stalin ein Vorbild, wie Lenin, hat er ein vorbildliches marxistisch-leninistisches Leben geführt.

JP.: Welches sind dann die Lehren, die Marxisten-Leninisten in diesem Land aus dem, was in der Sowjetunion passierte, ableiten können?

WB.: Meiner Meinung nach ist die Erziehung eine der zentralen Aufgaben. Eine für alle Mitglieder ohne Ausnahme verpflichtende politische Erziehung und Bildung, also für sämtliche Mitglieder ist ganz wesentlich, wenn die Partei vor revisionistischer Entartung bewahrt werden soll. In einer imperialistischen Welt sind es die Imperialisten, die alle Medien kontrollieren, sie reden den Leuten ein, was sie zu denken haben und wenn wir nicht eine ganz disziplinierte Partei haben, in der nicht die Mitglieder richtig mit den marxistisch-leninistischen Prinzipien vertraut gemacht werden, dann wird dieser Druck vonseiten der imperialistischen Welt zwangsläufig zur Folge haben, dass er uns zerstört.

JP.: Mir ist bekannt, dass bestimmte Leute in letzter Zeit mit ihren Ansichten sehr stark in den Vordergrund getreten sind. Möchtest Du etwas dazu sagen?

WB.: Was X. betrifft, so meine ich, dass wir gar nicht umhin können, als ihn zu kritisieren in einer ganzen Reihe von Punkten. Eine richtige Linie muss sich auf Tatsachen stützen. Er führt tatsächlich einen Angriff gegen die Vernunft. Nun glauben Marxisten-Leninisten an die Vernunft. Wir glauben an die Einsicht, wir glauben an die Logik. In dem Moment, wo jemand sagt: 'Ich glaube nicht an die Logik, deshalb ist alles möglich' ist keine feste Grundlage für eine Auseinandersetzung da. Und das ist genau das, was er in seinem letzten Brief sagte. Er meint, dass wir uns für unsere Linie mit dem Hinweis auf die Vernunft entschuldigen, entweder ist etwas vernünftig oder es ist unvernünftig. Ich finde, wir müssen das tun. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass es vernünftige Regeln der Diskussion gibt. (...). Wenn mit Mike Bakers Zustimmung die MLOB aufgelöst wurde, dann ist das unvereinbar damit, dass er angeblich ein großer Marxist-Leninist war. Marxisten-Leninisten verhalten sich nicht so. Und diese Art zu sagen: 'Och Du argumentierst ausschließlich auf der Basis der Vernunft!' scheint mir nicht die Art zu sein, wie ein Marxist-Leninist argumentieren sollte, weil das kein Argumentieren den Regeln de Logik entsprechend ist, welche Marxisten-Leninisten akzeptieren müssen.

Ende des Interviews. Zuerst im März 2001 veröffentlicht. Bland starb in diesem Monat.

 

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