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Der
neue Programmentwurf der DKP ist ein
Schmarren!
Andrea
Schön
Quelle:
offen-siv
5.05.2005 von Mai/Juni 2005
Der
neue Programmentwurf der DKP ist ein Schmarren, würde der Bayer sagen.
Die zwei Strömungen in den grundlegenden ideologischen Fragen, in der
Autorengruppe des Programmentwurfs im wesentlichen vertreten durch Gerns/Holz
bzw. Hager/Meyer, finden sich unvermittelt in einem Text neben- bzw.
nacheinander und neutralisieren sich gegenseitig mit widersprechenden
Aussagen. Der neue Entwurf spiegelt die innerparteilichen zentralen
Debatten durchaus wider, mehr aber auch nicht. Ansonsten ist er
lediglich geeignet, Verwirrung in die Arbeiterklasse zu tragen. Mit dem
Sammelsurium uneinheitlicher Positionen kann man jedenfalls weder den
eigenen Mitgliedern noch den Bündnispartnern eine
marxistisch-leninistisch fundierte Orientierung geben.
Die
wesentlichen ideologischen Widersprüche
Die
Hauptstreitpunkte sind schnell benannt:
-
Imperialismus: Gibt es hier eine neue Qualität („Globalisierung“,
„Neoliberalismus“), die über Lenin hinausgeht und eine andere
strategische Orientierung erfordert?
-
Staatsbegriff: Gibt es einen transnationalen Staat (Rolle des
Nationalstaats)
-
Historisches Subjekt/Bündnispolitik: Einschätzung/Rolle der
Arbeiterklasse und der sozialen Bewegungen
Alle
drei Bereiche hängen selbstverständlich zusammen, so dass man die
Positionen wie folgt holzschnittartig auf den Punkt bringen kann:
Linie
Hager/Meyer: Der Imperialismus hat sich seit Lenin qualitativ weiter
entwickelt (Stichworte: transnationale Monopole von der
marktbeherrschenden Größe
damaliger Kartelle mit nie dagewesenem Verflechtungsgrad und
Produktionsstättenverteilung/Mehrwertaneignung rund um den Erdball) und
erfordert daher neue Strategien. Der nationale Staat ist zum Anhängsel
der Monopole herabgewürdigt und geht demnächst in einem
supranationalen Gebilde (Beispiel EU) auf. Die Hauptmacht liegt bei den
„transnationalen Monopolen“, die man nur international und im
Zusammenwirken zwischen Arbeiterklasse und sozialen Bewegungen wirksam
bekämpfen kann. Der Hauptfeind ist demnach das transnationale Monopol,
das Subjekt wer immer sich dagegen zusammenschließt. Auf der Ebene
imperialistischer Staaten ist die USA der „kollektive
Gesamtimperialist“ mit Anspruch auf Weltherrschaft; wenn man die USA
angreift, greift man das ganze imperialistische System an. Außerdem
muss man die USA schon deshalb angreifen, weil sie am mächtigsten und
angeblich aggressivsten ist (D.h. Imperialismus ist dann dort, wo am
meisten geschossen wird).
Linie
Gerns/Holz: Der Imperialismus hat sich seit Lenin weiter entwickelt,
ohne jedoch seine grundlegenden Widersprüche zu verlieren. Die
imperialistischen Länder kämpfen weiterhin um Hegemonie und daher sind
U.S. und deutscher Imperialismus gleichermaßen zu bekämpfen. Der
staatsmonopolistische Kapitalismus existiert weiterhin, ebenso die
Arbeiterklasse als historisches Subjekt.
Nun
sollte man meinen, dass die letztere Strömung die lenintreuere und
damit „richtige“ Position ist. So einfach liegen die Dinge
allerdings nicht. Denn offensichtlich besteht Konsens mit der anderen
Strömung in der Beurteilung des Scheiterns des „realen“ Sozialismus
(gibt es eigentlich auch einen „irrealen“?): Es werden in diesem
Abschnitt mehrere Aspekte genannt, die ebenfalls unverbunden
nebeneinander stehen und eine Mischung aus moralischen und phänomenologischen
Betrachtungen darstellen. Was fehlt, ist ein Begriff vom ökonomischen
Revisionismus, der die politischen „Deformationen“ erst verständlich
und erklärbar macht. Statt dessen finden sich Begriffe wie
„administrativ-bürokratischer Apparat“, Hemmung der
„Eigeninitiative“ etc., die dem trotzkistischen Arsenal der
Sozialismuskritik entsprechen. Erfreulich ist immerhin ein positives
Bekenntnis zur DDR; hier hat sich die Linie Gerns/Holz durchgesetzt.
Was
außerdem bei der „besseren“ Position fehlt, ist eine ausdrückliche
Warnung vor der Kriegsgefahr als Bestandteil der leninschen
Imperialismusanalyse und die entsprechenden strategischen
Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben: Kampf gegen die
Kriegsvorbereitung Deutschlands und der EU unter deutscher Führung;
Vorbereitung der Arbeiterklasse auf die Aufgabe, einen
innerimperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg gegen die eigene
herrschende Klasse umzuwandeln (und nicht etwa die Bevölkerung an der
Seite der Regierung Deutschland in einem Krieg etwa gegen die USA
verteidigen zu lassen).
Ebenso
fehlt die klare Herausarbeitung der eigenständigen Rolle der Partei und
ihrer revolutionären Aufgaben.
Die
einzelnen Abschnitte
Die
Präambel enthält bereits sehr schwammige Formulierungen über die
Rolle der Partei: „Die Deutsche Kommunistische Partei ist Teil
dieser [gegen die vom Imperialismus ausgehende Bedrohung
gerichteten] Bewegungen. Ihre Mitglieder wirken aktiv für deren
unmittelbare Anliegen und dafür, die vielfältigen Kräfte zu vereinen,
um Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Widerstand und die
Abwehrkämpfe in eine gemeinsame Offensive für die Interessen und Bedürfnisse
all jener, die vom Monopolkapitalismus ausgebeutet und unterdrückt
werden, münden können.“ In diesem Dickicht der Phrasen weiß am
Ende keiner, wofür er mit wem eigentlich kämpfen soll. Statt dessen wäre
etwa eine Aussage wie die folgende angebracht: „Die DKP strebt nach
ihrem kommunistischen Selbstverständnis danach, der bewussteste und
fortschrittlichste Teil dieser Bewegungen zu sein. Auf der Grundlage des
aktiven Studiums des Marxismus-Leninismus engagieren sich alle
Mitglieder, um ihre wissenschaftliche Weltanschauung zu verbreiten und
auf dieser Basis die jeweils weitest entwickelten Standpunkte, Argumente
und taktischen Schritte hin zum revolutionären Bruch mit der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu vertreten.“
Im
Abschnitt „I. Imperialismus heute“ stehen wie gesagt die beiden
Imperialismusanalysen unvermittelt nebeneinander. Der erste
Unterabschnitt „Globalisierung“ ist von der Hager/Meyer-Linie geprägt:
Der Globalisierungsbegriff wird nicht kritisch hinterfragt, sondern mit
„transnationalem Kapitalismus“ gleichgesetzt. Es werden
Entwicklungen als neu verkauft, die im 100 (Lenin) bis 150 Jahre
(kommunistisches Manifest) alt sind: „Die Globalisierung ist nicht
wie früher nur durch internationalen Handel und Warenmärkte geprägt,
sondern auch durch die Herausbildung eines internationalen Finanzmarktes
und vor allem durch die Vernetzung von Kapital und Produktion“. Eben
diesen Prozess hat Lenin in seiner Imperialismustheorie beschrieben und
dabei folgende Begriffe geprägt: „Kapitalexport“ in Abgrenzung vom
Warenexport und „Finanzkapital“ als Ausdruck der Verschmelzung
zwischen Industrie- und Bankkapital. Weiter heißt es: „Die
Weltwirtschaft wird von wenigen transnationalen bzw. multinationalen
Konzernen beherrscht. Das transnationale Kapital dringt in all seinen
Formen – beschleunigt durch die Deregulierung der Finanzmärkte, sowie
gestützt auf die modernen Transport-, Verkehrs- und
Kommunikationstechnologien – in die letzten Winkel der Erde vor und
diktiert die Bedingungen von Produktion, Arbeit und Leben.“ Was
ist daran neu? In diesem Stil geht es weiter, von „konzerninternen
Netzwerken“ rund um den Globus ist die Rede, die sich überall die
besten Standorte zur Rekrutierung von billigen Arbeitskräften und
Ressourcenbeschaffung sichern. Dann die Schlussfolgerung: „Daraus
folgt für die Arbeiterbewegung, dass sie sich entlang dieser globalen
Produktionsnetzwerke organisieren muss, um Gegenmacht innerhalb der
Transnationalen Konzerne entwickeln zu können.“ Nicht im eigenen
Land gegen die eigene Bourgeoisie und damit selbstverständlich konzernübergreifend
muss sich die Arbeiterbewegung organisieren, sondern konzernintern und
zugleich international (statt zunächst national gemäß Kommunistischem
Manifest, das klarstellt, dass der Klassenkampf der Form nach national
ist und dem Inhalt nach international).
Es
folgt der Unterabschnitt „Neue Qualität der Spekulation“. Hier wird
die zunehmende Bedeutung der Spekulation dargestellt, ohne sie wirklich
marxistisch zu durchdringen. Dieser Abschnitt könnte auch bei attac
stehen. Zunächst fehlt der Hinweis auf die notwendige Einheit von
Produktion und Spekulation im Kapitalismus. Da nämlich das konstante
Kapital (das fixe und zirkulierende) in gewissen, unterschiedlichen
Zeitabständen ersetzt werden muss, wird das dafür notwendige Kapital
zinsbringend angespart. Die Banken erhalten hier eine wichtige Funktion
der „Spekulation“ im Interesse des Industriekapitals. Die Einheit
von „produktivem“ und „spekulativem“ Kapital verstärkt sich mit
der Entstehung des Finanzkapitals, da die die Banken direkt über
Anteile an den Konzernen verfügen, Konzerne wiederum ihre eigenen
Finanz-/Investmentabteilungen haben etc. Es gilt diese Einheit bewusst
herauszustellen, um sozialdemokratische „Heuschrecken“-Phantasien
ebenso zurückzuweisen wie daran anschlussfähige faschistische
Unterscheidungen zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital!
Schließlich gilt es, die Bedeutung der Spekulation marxistisch zu
bestimmen: als Folge der permanenten Überproduktion (bzw. chronischen
Unterkonsumption), die wiederum Ausdruck des Gesetzes der
kapitalistischen Akkumulation und des darin enthaltenen tendenziellen
Falls der Profitrate ist. Oder mit verständlicheren Worten: Wo es immer
schwieriger wird, aus einer abnehmenden Zahl von Arbeitern als der
einzigen Quelle des Wertes immer mehr Mehrwert abzupressen und dabei
immer mehr Waren zu produzieren, die am Ende keiner mehr abnimmt, ist es
lohnender, auf den geschaffenen und zu schaffenden Mehrwert der
Konkurrenz zu wetten und auf diesem Weg (Extra)Profite zu ergattern.
Allerdings findet auch hier eine Ausgleichung der Profitrate statt
(meist sehr unsanft mittels „Platzen der Spekulationsblase“).
Der
nächste Unterabschnitt befasst sich mit den Tendenzen der
„Globalisierung und Blockbildung“. Der Abschnitt „Transnationales
Kontrollregime“ ist dabei ein gutes Beispiel dafür, wie die beiden
ideologischen Grundströmungen miteinander verwurstet werden: „Für
die transnationale Monopolbourgeoisie wird es zu einem objektiven
Erfordernis, ein transnationales Kontrollregime zu schaffen, das in der
Lage ist, ihre politische Macht auf regionaler und tendenziell globaler
Ebene zu konsolidieren. Für sie ist der Aufbau einer Gewaltmaschinerie
zur Sicherung ihrer Herrschaft, zur Bändigung der ungeheuren
Krisenpotentiale der kapitalistischen Weltwirtschaft und zur Regulierung
zwischenimperialistischer Widersprüche unverzichtbar. Die
wirtschaftlichen, politischen, militärischen und ideologischen Elemente
des neuen Systems der Weltherrschaft sind eng miteinander verzahnt. In
diesem Prozess werden alte und neue supranationale Institutionen zu
Hilfe genommen. Die Transnationalen Konzerne eignen sich Funktionen und
Züge von Souveränität an, die bisher nur den Nationalstaaten eigen
waren. Das Hauptelement dieser transnationalen Macht sind jedoch die
Nationalstaaten, die einer tief greifenden Veränderung ihrer Rolle
unterworfen werden. Der staatsmonopolistische Kapitalismus wandelt sich.
Die direkte Unternehmertätigkeit des Staates wird immer mehr zurück
genommen. In anderen Bereichen wie in der Forschungs-, Entwicklungs- und
Steuerpolitik wird er noch mehr zum direkten Dienstleister für das
Kapital. Immer mehr Instrumente des staatsmonopolistischen Kapitalismus
werden auf die supranationale Ebene übertragen. Es entstehen Elemente
quasistaatsmonopolistischer Regulierung im globalen Rahmen.“ Hier
kann man nun wirklich alles hinein- und herauslesen, was man möchte.
Das Verhältnis Monopol – Nationalstaat hingegen bleibt unbegriffen,
ebenso wie die Funktion supranationaler Zusammenschlüsse. Ums kurz zu
machen: Vor mehr als 100 Jahren haben sich eine Handvoll
imperialistischer Staaten im Zuge des Übergangs vom
Konkurrenzkapitalismus zum Monopolkapitalismus herausgebildet, und die
bestehen bis heute noch mit Namen + Anschrift: USA, Japan, Deutschland,
Frankreich, Großbritannien, Italien. Deren Kräfteverhältnis
untereinander hat immer 'mal wieder gewechselt und unter anderem zu zwei
Weltkriegen geführt. Ihr Konkurrenzverhältnis hat sich nicht geändert
ungeachtet der – wechselnden – Bündnisse, die sie eingehen.
Staatlich zusammenwachsen werden sie daher nie, und wenn sie sich zu
einem Gebilde wie der EU zusammenschließen, dann nur um den USA zu
trotzen, wobei zugleich die Kämpfe, wer in dieser EU das Sagen hat,
selbstverständlich weitergehen. Jedes Land kämpft um seine Monopole
(„nationale“ Champions) und sogar das derzeit engste Bündnis
Frankreich-Deutschland hat hier heftige Auseinandersetzungen zu überstehen
(z.B. Übernahmeversuche von Alstom seitens Siemens mit Regierungshilfe,
Abwehr von Thales beim Einstieg in EADS oder im jüngsten Fall die Kämpfe
um die Führung von Airbus und EADS). Selbstverständlich versuchen die
„transnationalen“ Monopole, ihre Ansprüche überall durchzusetzen
und den Staaten aufzuoktroyieren, aber das machte schon immer die
widersprüchliche Einheit von Nationalstaaten und Monopolen aus. Viel
wichtiger ist die Tatsache, dass jeder Nationalstaat um die Abschirmung
seines Marktes gegen die Konkurrenz, zugleich aber um die Öffnung der
Konkurrenzmärkte für „seine“ Konzerne kämpft – und auch das ist
nicht neu!
Leider
gelingst auch in den folgenden Abschnitten die Bestimmung dieser
notwendigen Einheit nicht. 'Mal erscheint der Nationalstaat als
bedeutsamer Akteur, dann wieder der „transnationale Konzern“. es
bleibt bei der Aneinanderreihung von Statements, die einfach nicht
zueinander passen. Die an Lenin orientierten Gedanken bleiben ebenfalls
schwach und unverbindlich. So heißt es im Abschnitt „Kooperation,
Konkurrenz und Machtkampf“:
„Die
ungleiche Entwicklung der imperialistischen Staaten und Blöcke ist
sowohl eine Folge als auch wieder eine Ursache der ungleichen
Entwicklung der transnationalen Kapitalgruppen. Nachteile aus der
Ungleichheit im Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt werden auch durch den
Einsatz von staatlichen Machtmitteln ausgeglichen. Es gibt einen
Protektionismus der Metropolmächte, es gibt die politisch-militärische
Einflussnahme zugunsten der Konzerne aus dem eigenen Bereich, es gibt
einseitige Förderungsmassnahmen und vieles andere mehr.“ Ja, mein
Gott, das gibt es alles. Aber wie um aller Welt hängt das alles
miteinander zusammen? Statt dessen macht man wieder eine Kehrtwende
Richtung Hager/Meyer: „Nur bedeutet dies keineswegs die Zugehörigkeit
zu einer Nation oder die Verbundenheit mit einer Heimat. Es sind die günstigsten
Verwertungsbedingungen und Vorteile beim Kampf um die Eroberung und
Beherrschung von Märkten, um die es geht.“ Ach so!
Im
nächsten Unterabschnitt „Krieg und neuer Kolonialismus“ wird so
richtig danebengelangt: Nachdem die Widersprüche zwischen den
imperialistischen Mächten benannt werden, geht es nun gegen die USA,
ihren „Krieg gegen den Terror“, ihren „absoluten
Weltmachtanspruch“ und um (die von ihr dominierten) Strategien von
NATO und G7. Nimmt man Lenin ernst, so kann man diese Absätze nicht
anders bezeichnen als sozialchauvinistisch. Lenin hat in verschiedenen
Zusammenhängen
deutlich gemacht, dass die Kritik am imperialistischen Rivalen
chauvinistisch ist, da sie vom Kampf gegen die eigene Bourgeoisie
ablenkt bzw. ins gleiche Horn bläst wie diese. Zunächst ist
festzuhalten, dass im Programm einer Deutschen Kommunistischen Partei
kein anderer Imperialismus in nationaler Form zu kritisieren ist als der
deutsche (sowie die französischen Kommunisten ihren französischen
Imperialismus zu kritisieren haben; man denke nur, wie befremdlich es wäre,
wenn sich die französischen Genossen in ihrem Programm über L'Albion
Perfide – das gemeine England – auslassen würden ...). Des weiteren
muss man den Imperialismus als System kritisieren, in dem jedes
imperialistische Land nach Weltherrschaft und territoriale/hegemoniale
Neuaufteilung strebt/streben muss und daher kriegerische
Auseinandersetzungen zu provozieren vermag. In diesem Zusammenhang
sollte man die wichtigsten Beziehungen zwischen den imperialistischen
Staaten vom Standort des eigenen imperialistischen Landes benennen –
z.B. die Beziehung Deutschland – Frankreich und Deutschland – USA
als Optionen zweier unterschiedlicher Kapitalfraktionen (der
transatlantischen, politisch repräsentiert maßgeblich in der CDU/CSU,
ideologisch in der FAZ, und der franko-germanischen bzw.
U.S.-kritischen, politisch repräsentiert maßgeblich in der SPD und bei
den Grünen, ideologisch in der FTD/Financial Times Deutschland).
Es
wird deutlich, dass dieser Abschnitt dadurch einen völlig anderen
Inhalt bekäme ...
Der
folgende Unterabschnitt „Das Klassenprojekt des Neoliberalismus“
stammt aus dem Hause Hager/Meyer und gibt einen weiteren Einblick, wie
der ML zum LM verkehrt wird. Kernsatz: „Der Neoliberalismus
integriert die gemeinsamen Interessen des Kapitals an der Entwertung der
sozialen Regulation des Staates ...“ Die Aussage ist komplett
falsch. Dem Kapital geht es nicht um die „Entwertung der sozialen
Regulation des Staates“ – im Gegenteil: Das Kapital versucht, in
alle Versorgungsfunktionen des Staates einzudringen und diese in ein
Kapitalverhältnis umzuwandeln (d.h. der Profitlogik zu unterwerfen).
Genau dafür benötigt es die „Regulierung“ des Staates: Dieser muss
die gesetzliche Absicherung der Verwertungsbedingungen (Privatisierung)
schaffen und vorteilhafte Steuergesetze obendrauf. Was ist das anderes
als Regulierung im Kapitalinteresse? Ebenfalls voll falsch: „Beim
Konzept des Neoliberalismus handelt es sich um ein gesellschaftliches
Gesamtkonzept – um ein neues Modell der Akkumulation, der ökonomischen
und politischen Macht, der Ideologie und Kultur.“ Erläutert wird
aber dann anschließend nur die Kultur, den „Rest“ muss man so
hinnehmen.
Der
letzte Unterabschnitt „Die Europäische Union“ ist geprägt von der
Gerns/Holz-Linie und enthält klare Aussagen über die Rolle der EU, ihr
Verhältnis zur USA und die Konkurrenz zwischen den einzelnen EU-Ländern.
Allerdings sind die einzelnen Absätze unverbunden nebeneinander, so
dass auch hier der Gesamtzusammenhang von innerimperialistischer
Konkurrenz, wechselnden Bündnissen, Sozialabbau und Kriegsvorbereitung
wenig sichtbar wird. Auch Sätze wie „Die Europäische Union strebt
nach einer Veränderung des Kräfteverhältnisses, ohne dass sie die Überlegenheit
der USA in absehbarer Zeit in Frage stellen könnte“ gehört hier
nicht her. Denn Fakt ist, dass sie sie in Frage stellt, täglich und
aktiv – ungeachtet, mit welchem Erfolg!
Der
zweite Abschnitt „II. Der deutsche Imperialismus“ ist mit der Beste
im ganzen Programmentwurf, schon deshalb, weil es ihn gibt. Allerdings
sind auch hier schiefe Formulierungen enthalten: „Einverständnis
besteht in der herrschenden Klasse über die Unverzichtbarkeit des Bündnisses
mit dem US-Imperialismus. Dies gerät jedoch in Kollision mit der
Tatsache, dass sich Washington über wichtige bundesdeutsche und
westeuropäische Interessen hinwegsetzt.“ Zum ersten Satz: Über
die Bedeutung dieses Bündnisses herrscht durchaus Uneinigkeit! Zum
zweiten Satz: Das ist die Perspektive der herrschenden Klasse! Andersrum
wird ein Schuh draus: Dieses Einverständnis (sofern es existiert)
besteht deshalb, weil es (noch) nicht gelingt, dass sich Berlin über
„wichtige“ U.S.-Interessen hinwegsetzt, d.h. in der Lage ist, an den
USA vorbei oder gegen sie zu operieren. Und ein weiterer falscher Satz:
„Soziale Zugeständnisse widersprechen der Logik des heutigen
Kapitalismus.“ Das ist keine Frage des HEUTIGEN Kapitalismus,
sondern des Kräfteverhältnisses (ansonsten schließt die Kapitallogik
GRUNDSÄTZLICH Zugeständnisse aus)!
Abschnitt
III: „Der Sozialismus – die historische Alternative zum
Kapitalismus“ beginnt mit dem Unterabschnitt „Das sozialistische
Ziel“. Hier bleibt, wie eingangs erwähnt, die Rolle der Partei
unterbelichtet. Die DKP „geht davon aus“, „hat die Aufgabe, im
Wettstreit mit anderen ... Vertrauen zu erringen“, „bemüht sich“
etc. Schließlich gibt es da auch noch andere Kräfte und „Zugänge“
zum Sozialismus. Von Klassen, Klassenbündnissen und –widersprüchen
ist wenig die Rede bzw. letztere sind auf die zwischen „Ausbeutern“
und „Ausgebeuteten“ reduziert. Der Schlusssatz dieses Abschnitts ist
besonders kryptisch: „Möglicherweise werden neben den bekannten
auch neue Formen des gesellschaftlichen Eigentums entstehen.“ Was
soll das denn sein?
Der
nächste Abschnitt „Die Erfahrungen des realen Sozialismus“ enthält
wie erwähnt nur eine phänomenologische Aufzählung. Es gibt keinen
Begriff vom politischen oder ökonomischen Revisionismus. Dafür jede
Menge Bezeichnungen („Entfremdung“, „Erstarrung“ etc.), die
nichts erklären.
Die
nächsten Abschnitte enthalten die wichtigsten Aufgaben der Partei und
die dafür nötigen Bündnispartner. Es ist klar, dass sich auf der
Basis einer vollkommen widersprüchlichen Analyse des Imperialismus
keine klare Handlungsstrategie ableiten lässt. Daher enthalten diese
Abschnitte wieder eine ganze Menge aneinander gereihter Aussagen und
Forderungen, von denen manche mehr, andere weniger sinnvoll und manche
eben ganz falsch sind. Sinnvoll ist sicherlich, die Bedeutung der
Arbeiterklasse herauszustellen sowie die DKP als „Partei der
Arbeiterklasse“. Leider ist in diesem Zusammenhang wenig gesagt, wie
die Partei dazu beitragen kann und muss, die Einheit der Klasse im
politischen Kampf herzustellen, wie sie dazu beitragen kann und muss,
die Kampfkraft der Gewerkschaften wieder herzustellen gegen die Macht
der Arbeiteraristokratie etc.
Ganz
falsch hingegen sind zum Beispiel folgende Aussagen: „Heute geht es
zunächst ... um die Bewahrung der natürlichen Umwelt gegen ihre
Bedrohung durch das ungezügelte Profitstreben ...“ Nein, ZUNÄCHST
geht es um die Existenzsicherung der Arbeiterklasse und die
Wiederherstellung ihrer Kampfkraft und –bereitschaft gegen das
Kapital, wobei das „Profitstreben“ eben nicht zu „zügeln“ ist
wie bei den Sozialdemokraten. „..., um die Verteidigung des
Friedens gegen die auf die absolute Weltherrschaft – in einer von ihm
dominierten „neuen Weltordnung“ – gerichtete Kriegspolitik des
US-Imperialismus und gegen die Großmachtpolitik des deutschen und
EU-Imperialismus“. Letztere ist unsere Baustelle, punktum. Gegen
den „absoluten Weltherrschaftsanspruch der USA“ kämpfen bereits die
anderen Imperialisten, sie brauchen uns dafür nicht. Und für uns
besteht kein Grund, zur Klassenkollaboration überzugehen!
Es
folgen die üblichen Forderungswunschlisten, ohne Prioritäten zu setzen
oder den nächsten strategischen Schritt zu benennen. Und schließlich
geht es wiederum um Kämpfe, die „den Weg für den weiteren Kampf
um den Sozialismus freimachen“ bzw. „ein solches Übergewicht
der zum Sozialismus strebenden Kräfte“ zu erreichen, „das es
ermöglicht, die Reaktion an der Anwendung blutiger Gewalt zu hindern
und den für das arbeitende Volk günstigsten Weg zum Sozialismus
durchzusetzen.“ Also bitte, bitte eine unblutige Revolution (wer hätte
das nicht gerne?). Und außerdem mit der Mehrheit des Volkes (wäre auch
schön, nicht?). Schließlich sind beim Aufbau des Sozialismus Fehler zu
vermeiden! „Wir sind uns dabei bewusst, dass auf diesem Weg [zur
Oktoberrevolution] Widersprüche auftraten, Deformationen entstanden
und Unrecht geschah. Dies gilt es in Zukunft zu verhindern.“
Zusammenfassung
Dem
Entwurf gelingt es auch in seinen besten und klarsten Abschnitten nicht,
in den einzelnen ideologischen Fragen die fortschrittlichsten Positionen
einzunehmen:
-
die Hauptfeindfrage, d.h. eindeutiger Kampf gegen den deutschen
Imperialismus;
-
die Staatsfrage, d.h. der Klassenkampf gegen die (deutsche) Bourgeoisie
auf nationalem Boden (als Voraussetzung des international koordinierten
Kampfes);
-
die Parteienfrage, d.h. Avantgardefunktion der Partei;
-
„Minimalprogramm“: die wichtigsten Forderungen und Kämpfe zur
Mobilisierung der Arbeiterklasse und zur Herstellung/Wahrung der Einheit
der Klasse;
-
„Maximalprogramm“: Avantgardefunktion der Partei und Bündnispartner
für die Revolution und beim Aufbau des Sozialismus
-
Einschätzung des „realen“ Sozialismus, d.h. Zusammenhang zwischen
politischem und ökonomischem Revisionismus als Voraussetzung der
Niederlage des Sozialismus
Solange
dies nicht möglich ist, muss die Partei weiter diskutieren und vor
allem sich theoretisch bilden, wenn sie ernst genommen werden bzw. ihrer
Rolle und ihrem Charakter als „kommunistischer“ gerecht werden will.
Es hat keinen Sinn, ein Programm vorzulegen bzw. zu „verbessern“,
das derart schwach und widersprüchlich ist. Damit tut man niemandem
einen Gefallen, am wenigsten sich selbst.
Andrea
Schön, Essen
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