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Heuchlerische
Moralapostel
Hans-Peter Brenner, Nina Hager und Robert Steigerwald
Kurt
Gossweiler widerlegt die revisionistischen und
antikommunistischen Heuchler
Antwort
auf das revisionistische Dreigestirn zu ihrem Beitrag in der
jungen Welt „Macht und Moral – Debatte.
»Dialektik der Vernunft«? Über fatale Irrtümer des Genossen
Hans Heinz Holz“ (siehe)
|
Antwort
von Dr. Kurt Gossweiler
Ist
Gewalt zur Verteidigung des Kommunismus unmoralisch?
Der
bulgarische Autor Michail Kilew hat ein Buch geschrieben über
„Chruschtschow und der Zerfall der UdSSR“, in dem er über
Chruschtschows und seiner Nachbeter Wirken zu der Schlußfolgerung
kommt:
„Man
braucht viele Leute vom Schlage eines Herkules und die Umleitung
mehrerer Flüsse, um die Geschichte der sozialistischen Revolution und
des sozialistischen Aufbaus, damit also die Namen und das Werk Lenins
und Stalins von den Bergen an Lügen und Verleumdungen zu reinigen. Nur
mittels einer solchen gewaltigen Anstrengung wird die Wahrheit über ihr
revolutionäres Werk, das Wesen und den Inhalt der Errichtung des ersten
sozialistischen Staates auf der Welt zum Vorschein kommen – und
nur so können die Erfahrungen dem internationalen Proletariat und der
vom Imperialismus geknechteten Menschheit eine Zukunftsperspektive
bieten. Deshalb ist diese Arbeit absolut wichtig und unumgänglich.“
Hans
Heinz Holz hat dazu mit seinem Artikel „Dialektik der Vernunft“
in der Jungen Welt vom 2. Februar 2011 einen wertvollen Beitrag
geleistet. Er wendet sich dagegen, moralisierend die Anwendung von
Gewalt zur Verteidigung der Revolution zu verurteilen: „Und draußen
stand der Feind“, schreibt er, „hochgerüstet und aggressiv. ... Es
gibt keine Epoche in der Weltgeschichte, in der eine solche Situation
nicht mit harten Maßnahmen der Gegenwehr beantwortet worden wäre und
in der nicht auch Unschuldige ihnen zum Opfer fielen.“
Er
hätte auch Karl Marx zitieren können, der 1879 in einem Interview auf
die Frage des Londoner Korrespondenten der Chicagoer
„Tribune“, ob die Sozialisten Mord und Blutvergießen zur
Durchführung ihrer Grundsätze für notwendig halten, zur Antwort gab:
„Keine
einzige große Bewegung ist ohne Blutvergießen geboren worden.“ Zu
ergänzen wäre: „geboren und verteidigt
worden.“
Das
Dreigestirn Brenner-Hager-Steigerwald aber wirft Holz in seiner
Erwiderung „Macht und Moral“ vor, er verteidige einen Kampf um
Machterhalt ohne moralische und ethische Grenzen. Dieser Vorwurf
erinnert sehr unangenehm an das alte Lied aller Antikommunisten vom
Kommunismus als Herrschaft ohne Moral...
Fidel
Castro als Kronzeuge im sogenannten „Hitler-Stalin-Pakt“?
Um
ihren Vorwurf an Holz mit einer unanfechtbaren Autorität zu
versehen, führen unsere Drei als Vierten keinen
geringeren als Fidel Castro als Kronzeugen ins Feld.
Würde
es sich bei der angeführten Stellungnahme Fidels um ein Urteil über die
Geschichte der Revolution in Kuba und um den Befreiungskampf der
lateinamerikanischen Völker vom US-amerikanischen Joch handeln, dann wären
wir sicher, die kompetenteste Auskunft, die wir zu diesem Thema erhalten
können, erhalten zu haben.
Aber
muß er deshalb auch ebenso kompetent sein in der Kenntnis der
Geschichte der Sowjetunion? Nein,
muß er nicht, und ist er auch nicht, wie der uns von den Dreien vorgeführte
Abschnitt aus Fidels Autobiographie „Mein Leben“ zeigt. Denn
dort wiederholt Fidel nur, was wir alle aus der Chruschtschow-Geheimrede
an Beschuldigungen Stalins kennen. So schreibt er, Stalin habe „das
verheerende deutsch-sowjetische Ribbentrop-Molotow-Abkommen, den
Hitler-Stalin-Pakt, unterzeichnet.“
Er
übernimmt damit nicht nur die verleumderische Bezeichnung des Nichtangriffsvertrages
als eines Hitler-Stalin-Paktes, (ein Pakt ist ein Bündnis
zu einem gemeinsamen Tun, ein Nichtangriffsvertrag ist ein Abkommen über
ein beiderseitiges Nicht-Tun), sondern kennt offenbar auch nicht die
historischen Zusammenhänge, die Tatsache nämlich, daß der
Nichtangriffsvertrag die Grundsteinlegung war für die
Anti-Hitler-Koalition. Denn dem Abschluß des Nichtangriffsvertrages
ging ein jahrelanges Bemühen der Sowjetunion voraus, mit den Westmächten
zu einem Vertrag über kollektive Sicherheit zu gelangen, der
jeden Teilnehmer verpflichtete, jedem von ihnen sofort mit militärischem
Einsatz zu Hilfe zu kommen, der von Hitlerdeutschland angegriffen würde.
Dieses
Bemühen begann 1935 mit dem Eintritt der Sowjetunion in den Völkerbundes scheiterte
aber 1939 an der Weigerung der Westmächte und Polens, einen
alle Seiten gleichermaßen verpflichtenden Vertrag zu unterzeichnen. Und
das hatte seinen bösen Grund: Die Westmächte hatten
Hitlerdeutschland ja doch dazu erlaubt, den Versailler Vertrag als
nicht existent zu behandeln, sich zur stärksten Festlandsmacht in der
Mitte Europas aufzurüsten, Österreich, das Sudetengebiet und schließlich
die ganze Tschechoslowakei zu annektieren, damit es schließlich die
Sowjetunion überfallen und die Sowjetmacht liquidieren
sollte, aber selbst so geschwächt sein würde
daß es am Ende ein Diktat der Westmächte hinnehmen mußte.
Das
hat kein anderer als der spätere Präsident der USA, Harry
S. Truman, offen ausgesprochen, als er in seiner
Eigenschaft als Vorsitzender des Senatsauschusses für Auswärtige
Angelegenheiten erklärte: „Wenn wir sehen, daß Deutschland
gewinnt, sollten wir Rußland helfen,
und wenn Rußland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen, damit
sich auf diese Art und Weise soviel als möglich gegenseitig
umbringen.“
Wie
und weshalb kam der Nichtangriffsvertrag zustande?
Die Sowjetunion befand
sich deshalb vor der Gefahr, einem von den Westmächten unterstützten
Überfall Hitlers ganz alleine ausgeliefert zu sein, was den Untergang
der Sowjetmacht bedeutet hätte. Als sich in dieser Situation durch das
deutsche Angebot zum Abschluß eines Nichtangriffsvertrages
die Möglichkeit ergab, einer solchen tödlichen Gefahr zu
entgehen, konnte es deshalb für die Sowjetführung gar keine andere Möglichkeit
geben, als dieses Angebot anzunehmen, enthielt es doch die
Möglichkeit, daß dadurch die Westmächte zu einem späteren Zeitpunkt doch
noch zu einem Bündnis mit der Sowjetunion gezwungen sein würden,
das sie bisher so hinterhältig hintertrieben hatten. Denn
darüber konnte natürlich kein Zweifel bestehen, daß dieses deutsche
Angebot nur erfolgt war, um bei dem geplanten Okkupationskrieg gegen
Polen nicht Gefahr zu laufen, damit einen Zweifrontenkrieg gegen sich
auszulösen.
Das
hätte es auf jeden Fall bedeutet, hätten die Westmächte das
sowjetische Angebot des Abschluß eines kollektiven Sicherheitsvertrages
angenommen. Es war ihre Ablehnung dieses Angebotes, die der Sowjetunion
gar keine andere Möglichkeit ließ, als nun das deutsche Angebot
anzunehmen, so sehr man sich auch darüber klar war, daß
dies in den eigenen Reihen, vor allem bei den Kommunistischen
Parteien im kapitalistischen Ausland, nicht nur Überraschung
hervorrufen, sondern auch auf Unverständnis stoßen würde.
Aber
das mußte hingenommen werden, und es konnte auch in der Gewißheit
hingenommen werden, daß der Zeitpunkt kommen würde, zu dem alle jetzt
Zweifelnden diesen Schritt nicht nur verstehen, sondern als großartigen Schachzug
gegen alle imperialistischen Verschwörungen zur Vernichtung der
Sowjetunion erkennen und anerkennen würden. Dann nämlich, wenn
Hitlerdeutschland den nur aufgeschobenen Überfall auf die
Sowjetunion durchführen und die Sowjetunion dann den Kampf bis zur
Vernichtung der faschistischen Bestie führen würde.
Chruschtschows
Lügen – und über die Frage der Moral?
Für
die Sowjetführung bestand nie ein Zweifel daran, daß die Vernichtung
der Sowjetunion und die Eroberung ihrer Reichtümer das Hauptziel des
faschistischen deutschen Imperialismus war und blieb. Davon zeugen –
gegen die bösartigen Verleumdungen Chruschtschows und anderer, Stalin
habe Hitler vertraut – Stalins Ausführungen am
5. Mai 1941 vor Absolventen der Militärakademie, deren Hauptpunkte
waren:
„1.
Die Situation ist äußerst ernst. Mit einem deutschen Angriff in
naher Zukunft muß man rechnen.
2. Die Rote Armee ist noch
nicht stark genug, die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können...
Die Verteidigungsanlagen in den neuen Grenzgebieten sind unzulänglich...
3. Die Sowjetregierung wird mit allen ihr zur Verfügung stehenden
diplomatischen Mitteln versuchen, einen bewaffneten Konflikt mit
Deutschland zumindest bis zum Herbst hinauszuzögern, weil es um diese
Jahreszeit für einen deutschen Angriff zu spät sein wird. Dieser
Versuch kann gelingen, kann aber auch fehlschlagen. 4. Wenn er gelingt, wird
der Krieg mit Deutschland fast unvermeidlich im Jahre 1942
stattfinden, und zwar unter viel günstigeren Bedingungen, da
die Rote Armee dann besser ausgebildet und besser ausgerüstet sein
wird. Je nach der internationalen Situation wird die Rote Armee
einen deutschen Angriff abwarten oder aber selbst die Initiative
ergreifen“.
Das
bedeutete doch, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dem deutschen
Angriff durch einen eigenen Angriff zuvorzukommen.
Durfte
man das? War das nicht ein Ausdruck für „Macht ohne Moral“?
Nein
keineswegs, denn es gibt keine klassenindifferente,
„allgemeinmenschliche“ Moral. Die Moral der Ausbeuterklassen und
jene der ausgebeuteten Klassen sind ebenso antagonistisch und unversöhnlich, wie
ihre Klasseninteressen. Die Übernahme und Anwendung der bürgerlichen
Moralgrundsätze durch Angehörige der ausgebeuteten Klassen ist
unmoralisch, weil nützlich für den Klassenfeind und schädlich für
die eigene Klasse. Moralisch ist dagegen alles, was der
eigenen Klasse nützt und dem Klassenfeind schadet. Deshalb
war der Nichtangriffsvertrag zutiefst moralisch, denn er bahnte der
Niederlage des deutschen Faschismus und der Schwächung des
Weltimperialismus, dem Entstehen eines sozialistischen Weltsystems
nach dem Sieg über den Faschismus, den Weg.
Festlegung
der Grenzlinien
Die
Sowjetunion nahm also nach dem Scheitern ihrer Bemühungen
zum Abschluß eines Vertrages zur kollektiven Sicherheit mit England,
Frankreich und Polen das deutsche Angebot zum Abschluß eines
Nichtangriffsvertrages an. Er wurde am 23. August 1939 in Moskau
abgeschlossen. In weiteren nicht veröffentlichten Verhandlungen
wurden die Grenzen für die beiderseitigen „Interessensphären“, festgelegt,
also die Grenzlinie der Sowjetunion, die von der deutschen Armee im
Falle eines kriegerischen deutschen Überfalles auf Polen als
sowjetische Staatsgrenze nicht überschritten werden durfte.
Aber
aus dem Ergebnis der Verhandlungen über die Abgrenzung der
Interessensphären zwischen Deutschland und der Sowjetunion wurde kein
Geheimnis gemacht. In der Moskauer „Iswestija“ vom 23. September 1939 wurde
eine Landkarte veröffentlicht, in der die – wie es im Text dazu heißt
– „durch
die Regierungen Deutschlands und der UdSSR festgelegte
Demarkationslinie zwischen den deutschen und sowjetischen Armeen in Polen“ eingezeichnet
war, wie sie im Zusatzabkommen zum Nichtangriffsvertrag vereinbart
worden war. In völliger Umkehrung der Tatsachen wird diese
Grenzziehung von den Anklägern des Nichtangriffsvertrages als „Vierte
Teilung Polens“ verleumdet.
In
Wirklichkeit war es aber die Aufhebung der von Polen 1920
diktierten Teilung Belorußlands und der Ukraine. Im Vertrag
von Riga von 1920 mußte nämlich Sowjetrußland, geschwächt
und ausgeblutet durch Interventions- und Bürgerkrieg, dem Raub der
Westgebiete von Belorußland und der Ukraine und deren Anschluß an
Polen zustimmen.
Die
am 23. August vereinbarte Demarkationslinie verlief allerdings
noch weiter westlich von der Grenze von West-Weißrußland und
der West-Ukraine; sie wurde aber in den neuerlichen Verhandlungen zur
Abgrenzung der Interessensphären vom 28. September 1939 auf diese Linie
zurückgenommen. Die von Polen 1920 geraubten sowjetischen Gebiete holte
jetzt die Sowjetführung zurück, womit sie erstens ein von
Polen begangenes historisches Unrecht überwand. Diese jetzige
Grenzlinie war genau die Linie, die der britische Außenminister
Curzon 1919 als Grenze zwischen Polen und Sowjetrußland vorgeschlagen
hatte. Zweitens bewahrte diese Grenze diese Gebiete und ihre Bevölkerung
davor, von der faschistischen Wehrmacht sofort okkupiert zu werden;
drittens gewann die Sowjetunion durch die Verlegung der
Grenze nach Westen eine bessere Verteidigungslinie gegen den
sicher kommenden deutschen Überfall.
Der britische
Premierminister Winston Churchill kommentierte dieses Grenzabkommen
am 1. Oktober 1939 im britischen Rundfunk mit folgenden Worten: „Daß
die russischen Armeen auf dieser Linie stehen, ist für die
Sicherheit Rußlands gegen die deutsche Gefahr absolut
notwendig.“
Die
baltischen Staaten
Ähnliches
trifft auf die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen zu. Sie
standen im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlichem Maße
zwischen den um die Herrschaft über dieses Gebiet und
die dort befindlichen estnischen, lettischen und litauischen
Staatsgebilde konkurrierenden Mächte: dem Deutschen
Orden, Schweden, Polen und Rußland. Mit der Entwicklung des
Kapitalismus entstand in allen drei Ländern ein eigenes Proletariat und
eine eigene Arbeiterbewegung, die ihre stärksten Impulse aus Rußland empfingen.
In Lettland und Litauen wurden sozialdemokratische Arbeiterparteien gegründet,
1896 in Litauen, 1904 in Lettland; diese schloß sich bereits
1906 der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands
an. Starke Impulse gingen für die revolutionäre Bewegung aller drei Länder
von der russischen Revolution 1905/07 aus. Die Arbeiter Estlands
nahmen an ihr aktiv teil, und in Lettland wurde sie aktiv unterstützt.
An
der Oktoberrevolution waren die Werktätigen aller drei Länder
beteiligt, in allen dreien wurde die Sowjetmacht errichtet. Sie wurde
jedoch dort durch ausländische Intervention, vor allem von deutschen
Truppen, gestürzt und reaktionären bürgerlichen Regimes
Platz geschaffen. In Litauen und Lettland wurden diese durch
faschistische Regime abgelöst, in Litauen schon 1926, in
Lettland 1934. Beim Abschluß des deutsch-sowjetischen
Nichtangriffsvertrages kam
von den drei baltischen Staaten Litauen zunächst in die
deutsche Interessensphäre.
Nachdem
die deutschen Truppen Polen überfallen und
große Teile Polens besetzt hatten und die polnische Regierung nach Rumänien
geflohen war, begann die Sowjetarmee am 17. September
mit der Besetzung der zu ihrer Interessensphäre gehörenden Gebiete.
Auf Forderung der Sowjetunion wurden mit Deutschland nochmals
Verhandlungen über die endgültige Abgrenzung der gegenseitigen
Interessensphären geführt, und mit dem sogenannten
„Freundschafts- und Grenzabkommen“ vom 28. September 1939
abgeschlossen.
Der
Inhalt dieses Abkommens bezeugt, daß von Seiten der Sowjetunion nicht
von Freundschaft zu Deutschland, sondern nur von Mißtrauen
die Rede sein konnte.
Denn
die wichtigste Änderung gegenüber der ersten Festlegung vom August
bestand darin, daß Deutschland Litauen, das damals
Deutschland als zu seiner Interessensphäre gehörig beansprucht
und zugesprochen erhalten hatte, nunmehr – wie vorher schon die
anderen baltischen Staaten Estland und Lettland – zur
Interessensphäre der Sowjetunion gehörig anerkennen mußte. Es zeugt
von der weiten Voraussicht der sowjetischen Führung, daß sie zugleich
die Westgrenze ihrer Interessensphäre in Ostrichtung bis zur
Curzon-Linie zurücknahm.
Auch
dazu noch einmal Churchills Kommentar: „Als
Herr von Ribbentrop in der vorigen Woche nach Moskau gerufen wurde, da
geschah das, damit er von der Tatsache erfahre und Notiz
nehme, daß den Absichten der Nazis auf die baltischen Staaten und die
Ukraine ein Ende gesetzt werden muß.“
Was
die Bezeichnung „Freundschafts- und Grenzabkommen“ betrifft,
so kann mit Sicherheit gesagt werden, daß es die deutsche Seite
war, die auf die Einfügung des Wortes „Freundschaft“
gedrängt hatte. Sie hatte das bereits im August versucht, damals
allerdings vergeblich. In den Aufzeichnungen des Leiters der
Rechtsabteilung des deutschen Auswärtigen Amtes, Friedrich
Gaus, heißt es darüber: „Herr
von Ribbentrop hatte persönlich in die Präambel des von mir
angefertigten Vertragsentwurfes eine ziemlich weitgehende Wendung
betreffend freundschaftlicher Gestaltung der deutsch-sowjetischen Beziehungen eingefügt,
die Herr Stalin mit der Bemerkung beanstandete, daß
die Sowjetregierung, nachdem sie sechs Jahre lang von der
nationalsozialistischen Reichsregierung mit 'Kübeln von
Jauche' überschüttet worden sei, nicht plötzlich mit
deutsch-russischen Freundschaftsversicherungen an die Öffentlichkeit
treten könnte. Der betreffende Passus ... wurde gestrichen bzw. geändert.“
Ein
Vertrag ganz im Leninschen Sinne...
Seit
Chruschtschows Verleumdungsrede auf dem XX. Parteitag wird vom
deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag behauptet, mit ihm habe Stalin
den Grundsätzen Lenins zuwider gehandelt. Lenin aber hat vor
Moskauer Parteifunktionären am 26. November 1920 als Pflicht der
Sowjetregierung das Folgende festgestellt:
„Vorläufig
sitzen die Imperialisten da und warten auf einen günstigen Augenblick,
um die Bolschewiki zu vernichten. Wir aber schieben diesen
Augenblick hinaus. ... Noch mehr würde uns der Umstand retten,
wenn die imperialistischen Mächte sich in einen Krieg verwickelten.
Wenn wir gezwungen sind, solche Lumpen wie die kapitalistischen Diebe zu
dulden, von denen jeder das Messer gegen uns wetzt, so ist es
unsere direkte Pflicht, diese Messer gegeneinander zu richten. Wenn zwei
Diebe streiten, so gewinnen dabei die ehrlichen Leute.“
Genau
das hat die Sowjetführung mit dem Abschluß des
Nichtangriffsvertrages getan. Und noch mehr: sie hat damit die Westmächte
gezwungen, nach dem Überfall Nazideutschlands auf die
Sowjetunion am 21. Juni 1941 in ein ungeliebtes, unfreiwilliges Bündnis
mit der Sowjetunion einzutreten, da nach dem deutschen
Überfall auf Norwegen, Dänemark, Luxemburg, Belgien und Frankreich,
nach dem Bombenkrieg gegen England, ihre Völker ihnen keinen
Frontwechsel mehr erlaubt hätten. Immerhin zogen sie die versprochene
Eröffnung der Zweiten Front zwei Jahre hinaus, so lange, bis sie
erkennen mußten, daß die Sowjetunion auch ohne Zweite Front die Nazibestie
alleine in Berlin zur Strecke bringen würde.
Der
Nichtangriffsvertrag war also wirklich verheerend – aber für
Nazideutschland und die finsteren Pläne der Truman und
Konsorten!
Für
den Schweizer Historiker Walther Hofer waren die zitierten Ausführungen
Lenins der Beweis dafür, daß sich die Sowjetführung beim Abschluß
des Nichtangriffsvertrages geradezu wortwörtlich an Lenins
Weisungen gehalten hat. Ist es nicht traurig, daß ein bürgerlicher
Historiker wie Hofer mehr Verständnis für den Klasseninhalt der
damaligen Politik der Sowjetführung an den Tag legt als z.B. das
Dreigestirn?
Die
finnische Regierung im Bündnis mit dem westlichen Imperialismus
Mit
dem Abschluß des Nichtangriffsvertrages hatte die Sowjetführung einen
wichtigen Schritt getan zur Schaffung besserer Voraussetzungen für eine
erfolgreiche Abwehr eines künftigen faschistischen Überfalles.
Aber es gab noch ein schwieriges Problem zu lösen. Die
Sowjetführung war sich darüber klar, daß bei einem Überfall
Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion das faschistische Finnland an
Hitlers Seite sein würde und bei einem deutsch-finnischen Angriff
wegen der Nähe der Grenze zu Finnland – nur 30
Kilometer – Leningrad nicht gehalten werden konnte. Aber die
Stadt Lenins, die Wiege der Oktoberrevolution, durfte auf
keinen Fall in die Hände des faschistischen Feindes fallen.
Deshalb
unterbreitete die Sowjetregierung der finnischen Regierung den
Vorschlag, im Austausch gegen Gebiete in Sowjet-Karelien
die finnische Grenze bei Leningrad um etliche Kilometer nach Westen zu
verlegen. Die entsprechenden karelischen Gebiete hätten das
Doppelte des Gebietes betragen, das bei Leningrad an die
Sowjetunion gekommen wäre. Durch diesen Gebietsaustausch wäre die
Unabhängigkeit Finnlands – die ja erst nach der Oktoberrevolution
durch die Sowjetregierung gewährt worden war – in keiner Weise
angetastet worden, die finnische Regierung hätte aber ihren Wunsch nach
freundschaftlichen Beziehungen zu ihrem sowjetischen Nachbarn unter
Beweis stellen können.
Die
finnische Regierung lehnte jedoch in schroffer und
provokatorischer Weise den sowjetischen Vorschlag ab. Sie wurde dazu
angestachelt sowohl durch die deutschen als auch durch die
englischen, französischen und US-Imperialisten. Die westlichen
Imperialisten sahen in einem kriegerischen Konflikt zwischen
Finnland und der Sowjetunion eine Möglichkeit, dem zweiten Weltkrieg
doch noch nachträglich die von ihnen gewünschte Wendung zu
geben, nämlich zu einem Krieg zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion,
der die Möglichkeit eröffnet, mit der Sowjetmacht endlich Schluß
zu machen.
„Die
herrschenden Kreise Großbritanniens und Frankreichs gingen von
folgendem aus: Wenn keine aktiven Kriegshandlungen gegen die Wehrmacht
geführt, gleichzeitig aber politischer und wirtschaftlicher Druck auf
Deutschland ausgeübt werde, so würde die deutsche Führung
früher oder später dazu bewegt werden können, die Aggression im Osten
weiterzuführen. Obgleich sich die Hoffnung der reaktionären
Kreise in London und Paris, Deutschland werde nach der Zerschlagung
Polens sofort die Sowjetunion überfallen, nicht erfüllte, gaben sie
den Gedanken nicht auf, den Krieg, der zwischen den
kapitalistischen Mächten begonnen hatte, in einen Krieg
gegen die Sowjetunion umzuwandeln.
Statt
wirksame Maßnahmen zum Kampf gegen das faschistische Deutschland zu
ergreifen, wurden in den Regierungskreisen und Militärbehörden
Großbritanniens und Frankreichs Pläne für diplomatische,
wirtschaftliche und militärische Vorbereitungen zum Krieg gegen die
Sowjetunion ausgearbeitet. Vorgesehen war, im Norden die
finnisch-sowjetischen Gegensätze auszunutzen und unter dem Vorwand der
Hilfe für Finnland einen Schlag gegen Leningrad und Murmansk zu führen.
Es sollte ein 150.000 Mann starkes anglo-französisches
Expeditionskorps aufgestellt und nach Finnland verlegt sowie im Raum
Petsamo eine alliierte Invasionstruppe angelandet werden, die gemeinsam
mit den finnischen Truppen in Richtung Kandalakscha vorstoßen und die
Eisenbahnstrecke Murmansk-Leningrad abschneiden sollte.“
„Ermuntert
von den Westmächten und von Hitlerdeutschland, konzentrierten sich
finnische Truppen in den Grenzgebieten und verübten Ende November
wiederholt Feuerüberfälle.“
Der
finnisch-sowjetische Krieg
Angesichts
der drohenden Gefahr eines kombinierten Angriffs zugleich von Seiten Finnlands
und Deutschlands, und auch Frankreichs und Englands
entschloß sich die Sowjetregierung, einem solchen Schritt
zuvorzukommen.
Am
29. November 1939 gab der sowjetische Außenminister Molotow
in einer Rundfunkrede bekannt:
„Die
Regierung kann die entstandene Lage nicht länger dulden, für
die der Regierung Finnlands die volle Verantwortung zufällt.... Das
einzige Ziel unserer Maßnahmen ist, die Sicherheit der Sowjetunion und
besonders Leningrads mit seinen dreieinhalb Millionen
Einwohnern zu gewährleisten. In der gegenwärtigen, durch den Krieg überhitzten
internationalen Situation können wir die Lösung dieser lebenswichtigen
und unaufschiebbaren Aufgaben des Staates nicht vom bösen Willen
der gegenwärtigen finnischen Machthaber abhängig machen.“
Mit
den angekündigten Maßnahmen begann die Sowjetarmee am folgenden
30. November, womit der finnisch-sowjetische Krieg, der
sogenannte Winterkrieg, seinen Anfang nahm: Den Widerstand der
finnischen Armee zu brechen, dauerte zwar länger, als erwartet – vor
allem wegen der stark befestigten „Mannerheim-Linie“ –, aber es
gelang doch noch, bevor die Westmächte ihre geplanten Absichten in
die Tat umsetzen konnten: Mannerheim mußte sich geschlagen
geben und Finnland unterzeichnete am 12. März
1940 den Friedensvertrag mit der Sowjetunion, durch den der Abstand
zwischen Leningrad und der finnischen Grenze von bisher 30 auf
150 Kilometer vergrößert wurde.
Wie
berechtigt und notwendig das Vorgehen der Sowjetunion war, das bewies
Finnland wenige Monate später durch seine Teilnahme am Überfall
Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941 und an den
blutigen Kämpfen um die Einnahme Leningrads, die aber dank der
Grenzverlegung und der dadurch möglich gewordenen stark ausgebauten
Verteidigungslinie erfolglos blieben.
Der
Krieg gegen Finnland taugt
auch nicht dazu, die These von der „Macht ohne Moral“ zu stützen
– er war im Gegenteil motiviert von höchster revolutionärer,
kommunistischer Moral – der Sicherung der Stadt Lenins, der
Geburtsstadt der Oktoberrevolution, und der Bewahrung der Leningrader
vor der faschistischen Okkupation.
Und
wie weiter nach dem Sieg über Hitlerdeutschland?
Nach
dem Sieg über das faschistische Deutschland stand die Sowjetführung
wiederum vor einer schweren Entscheidung. Sie betraf die Unterstützung
revolutionärer Bewegungen in den Ländern der Verbündeten der
Anti-Hitler-Koalition.
Dank
des weltweit gewaltig gewachsenen Ansehens der Sowjetunion und dank der
führenden Rolle der Kommunisten in den Widerstandsbewegungen gegen die
faschistischen Okkupanten und deren Handlanger in der eigenen
Bourgeoisie hatte sich in einigen Ländern
eine Situation entwickelt, in der eine Weiterführung des Kampfes
unter Führung der Kommunistischen Partei zum Sturz der alten
kapitalistischen Macht möglich
oder sogar schon – wie in Griechenland – im Gange war.
Damit
erhob sich vor der Sowjetführung die Frage, wie sie sich in einem
solchen Falle zu verhalten habe – ob sie nicht zu einer aktiven
Unterstützung verpflichtet sei, oder ob sie im Falle der Niederwerfung
eines solchen Versuches tatenlos bleiben dürfe bzw. müsse.
Die
Antwort auf diese Frage konnte
nicht nach abstrakten Prinzipienerklärungen, sondern nur auf der
Grundlage einer nüchternen Analyse des konkreten Klassenverhältnisses
gegeben werden. Die aber sah so aus:
Erstens:
Nach dem Verlust von über 20 Millionen Menschen und der Verwüstung großer
Teile des Landes durch die faschistischen Barbaren brauchte die
Sowjetunion nichts dringender als Frieden.
Zweitens:
Die reaktionären Kräfte
der imperialistischen Siegermächte waren nicht bereit, sich mit
der durch die Befreiung und die Besetzung Osteuropas durch die
Rote Armee geschaffenen Lage abzufinden, sondern
hatten ihre Absicht, die Sowjetmacht wieder aus der Welt zu
schaffen, nicht aufgegeben. Deutlich sichtbar war das daran, daß auf
Churchills Geheiß die deutschen Truppen, die sich in Schleswig-Holstein
den Engländern ergeben hatten, nicht als Kriegsgefangene behandelt,
sondern im Jahre 1945 als einsatzfähige internierte Truppenteile
in Bereitschaft gehalten wurden.
Die
Rolle der USA und die griechische Widerstandbewegung
Und
erst recht waren sie entschlossen, in ihrem Machtbereich auch mit
Waffengewalt jeden Versuch einer kommunistischen Machteroberung
niederzuwerfen, wie sie das in Griechenland taten. Dort hatten sich im
Kampfe gegen die faschistischen Okkupanten eine starke
Widerstandsbewegung unter Führung der Kommunistischen Partei
Griechenlands (KKE) gebildet, die nach der Vertreibung der Deutschen die
von ihnen eroberten Gebiete auch gegen die Engländer, die in
Griechenland gelandet waren und die
Deutschen, zugleich aber auch die
Widerstandsbewegung bekämpften, verteidigte.
Nachdem
die Griechische Regierung 1944 aus der Emigration nach Athen zurückkehrte,
führte sie, unterstützt von den Engländern, einen erbitterten Bürgerkrieg
gegen die Widerstandsbewegung. Deren Streitkräfte formierten
sich im Oktober 1946 zur „Demokratischen Armee
Griechenlands“, und in den von ihr befreiten und gehaltenen Gebieten
bildete sich im Dezember 1947 die „Provisorische Demokratische
Regierung“.
Wie
sehr man in den USA von der Stärke der kommunistisch geführten
griechischen Widerstandsbewegung beunruhigt
war, beweist ein Sonderbericht des Rats für Sicherheit der
Vereinigten Staaten vom
16.Januar 1948, in dem es heißt:
„Die
Sicherheit des östlichen Mittelmeeres und des Mittleren Ostens ist
vital für die Sicherheit der Vereinigten Staaten. ... Die Sicherheit
des gesamten östlichen Mittelmeeres und des Mittleren Ostens wird
Gefahr laufen, wenn der Sowjetunion in ihren Bemühungen gelingt, die
Kontrolle über Italien, Griechenland, die Türkei und Persien zu
erwerben. Im Lichte des soeben Ausgeführten müßte demnach die Politik
der Vereinigten Staaten gemäß den Prinzipien und dem Geist der Charta
der Vereinten Nationen die Sicherheit des östlichen Mittelmeeres und
des Mittleren Ostens gewährleisten.
Als notwendige Folge dieser Politik müßten die Vereinigten
Staaten zur Aufrechterhaltung der nationalen Integrität und der
politischen Unabhängigkeit Italiens, Griechenlands, der Türkei und
Persiens helfen. Indem die Vereinigten Staaten diese Politik betreiben,
müssen sie bereit sein, von ihrer politischen, ökonomischen und nötigenfalls
ihrer militärischen Macht Gebrauch
zu machen auf eine Weise, die als die wirksamste betrachtet wird.“
Den
massiven Angriffen konnte die Demokratische Armee nicht länger
standhalten. Der Generalsekretär der KKE,
Nikos Zachariadis, fuhr im April 1949 deshalb nach Moskau zur
Beratung mit der sowjetischen Führung, die zu dem Ergebnis
führte, daß der Kampf eingestellt werden müsse und die Kämpfer
in den sozialistischen Ländern – Albanien, Bulgarien und Sowjetunion
– Aufnahme finden würden.
Besonders
das Beispiel des griechischen Bürgerkrieges macht deutlich: angesichts
des bestehenden internationalen
Klassenkräfteverhältnisses entsprach den Interessen der Sowjetunion
sowie der kommunistischen Bewegung
in allen Ländern eine Politik, die darauf abzielte, das Bündnis
mit den Westmächten und deren Bindung an die gemeinsam gefaßten Beschlüsse
– vor allem das Potsdamer Abkommens und die Charta der Vereinten
Nationen – so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.
Das
Potsdamer Abkommen und die Stalin-Note
Die
Erhaltung des Friedens in Europa und die Stärkung
seiner progressiven Kräfte hing entscheidend von der Entwicklung
in Deutschland ab.
Deshalb
kam der strikten Verwirklichung der Festlegungen des Potsdamer Abkommens
zur Ausrottung des
Faschismus mit seinen Wurzeln, der Enteignung der Naziförderer und der
Kriegsverbrecher-Monopole, der konsequenten Demokratisierung und
Entmilitarisierung Deutschlands erstrangige Bedeutung zu..
Die
Verwirklichung dieser Beschlüsse hätte in ganz Deutschland eine
antifaschistisch-demokratische Friedensordnung errichtet und es zum
Zentrum und Ausgangspunkt für eine entsprechende Entwicklung in seinen
westlichen und südlichen Nachbarländern, zu einem wirtschaftlich und
politisch starken Partner seiner östlichen
sozialistischen Nachbarn gemacht.
Deshalb
schlug die Sowjetunion 1952 mit der Stalin-Note ihren Verbündeten der
Anti-Hitler-Koalition noch einmal die Einigung auf die Errichtung eines
einheitlichen, demokratischen entmilitarisierten und neutralen
Deutschland, wie es im Potsdamer Abkommen vorgesehen war, vor.
Eine
solche Politik entsprach nicht nur der politischen Vernunft, sondern
auch der kommunistischen Moral.
Fidel
Castro als Kronzeuge gegen Stalin?
Das
Dreigestirn, das glaubt, Fidel Castro als Kronzeugen dafür zitieren zu
dürfen, daß Hans Heinz Holz ein Fürsprecher von „Kampf um
Machterhalt ohne moralische und ethische Grenzen“ ist, sei zum Schluß
mit Aussagen von Fidel
Castro über Chruschtschow bekannt gemacht, die sie vielleicht
dazu veranlassen, darüber nachzudenken, ob sie
ihr Bild von Chruschtschow als dem glaubwürdigen „Verkünder
der Wahrheit über die Verbrechen Stalins“
noch länger aufrechterhalten können.
Fidel
Castros 780seitiges Buch
„Mein Leben“ (in
deutscher Sprache 2008 im Rotbuch Verlag, Berlin erschienen), entstand
aus einem langwährenden Interview des in Spanien geborenen, aber
in Paris lehrenden Medienwissenschaftlers
Ignacio Ramonet mit Fidel.
Die
zweifelhafte Rolle Chruschtschows in der „Kuba-Krise“ 1962
Im
Kapitel 13 („Oktoberkrise 1962“) befragt Ramonet Fidel über
Ursachen und Verlauf der Kuba-Krise und die Rolle, die dabei
Chruschtschow spielte. Fidel überrascht dabei mit einer zuweilen äußerst
scharfen Kritik am Verhalten Chruschtschows, das in großem Kontrast
steht zu gelegentlichen Äußerungen großen Lobes und großer
Hochschätzung für
ihn, die offenbar dem Repräsentanten des Staates galten, der
für alle Kubaner der Garant des Schutzes Kubas vor einer
US-amerikanischen Intervention und der unentbehrliche Helfer bei der
Durchbrechung des würgenden Wirtschaftsembargos der USA war. Die
folgenden Auszüge aus dem Kapitel 13 (S. 300-317) machen deutlich,
welch zweifelhafte Rolle Chruschtschow in der Kuba-Krise spielte.
Zunächst
wird deutlich: Nicht die Kubaner haben um die Installierung sowjetischer
Raketen gebeten, sondern die sowjetische Seite, genauer: Chruschtschow
hat sie ihnen mehr oder weniger aufgedrängt.
Fidel:
„Meiner Meinung nach wurde der Wunsch deutlich, das Kräfteverhältnis
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zugunsten Letzterer
zu verbessern.. Ich gestehe, daß ich mich nicht besonders wohl bei dem
Gedanken fühlte, diese Waffen in Kuba zu haben. Wir wollten nie, daß
der Eindruck entsteht, unser Land sei eine sowjetische Militärbasis.
...
Zurück
an dem Ort, wo die beiden sowjetischen Vertreter warteten, sagte ich
ihnen wörtlich: Wenn es darum geht, Kuba vor einem direkten Angriff zu
schützen und gleichzeitig die UdSSR und das sozialistische Lager zu stärken,
dann sind wir mit der Stationierung der nötigen Mittelstreckenraketen
einverstanden. ....
Trotz
all dieser Anstrengungen (zur Geheimhaltung der Raketenstationierung)
zirkulierten die Gerüchte überall. ...
Eine
„byzantinische“ Diskussion...
Die
Regierungen der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten gerieten in eine
byzantinische und seltsame Diskussion über den offensiven oder
defensiven Charakter der in Kuba stationierten Waffen. ...
Es
gab für die UdSSR überhaupt keine Notwendigkeit, sich in solche Erklärungen
zu verstricken. Was Kuba und die Sowjetunion taten, war völlig legal
und strikt konform mit internationalem Recht. Chruschtschow hätte vom
ersten Augenblick an erklären müssen, daß Kuba über die notwendigen
Waffen zu seiner Verteidigung verfügte.
Uns
gefiel die Richtung nicht, die die öffentliche Debatte nahm. Ich
entsendete Che, Industrieminister und Mitglied der nationalen Leitung
der ORI (Integrierte revolutionäre Organisationen) zu Chruschtschow, um
ihm meinen Standpunkt darzulegen, einschließlich der Notwendigkeit,
sofort das von der UdSSR und Kuba unterzeichnete Militärabkommen zu veröffentlichen.
Ich
konnte ihn nicht überzeugen. Chruschtschows Antwort lautete, daß er später
die Baltische Flotte schicken würde, um die Vereinigten Saaten von
einer zu vehementen Reaktion abzuhalten. Für uns, die Anführer der
Kubanischen Revolution, war die UdSSR ein mächtiger und erfahrener
Staat. Wir hatten kein anderes Argument, um sie davon zu überzeugen, daß
die Strategie im Umgang mit dieser Angelegenheit geändert werden müßte,
und uns blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu vertrauen.
Ramonet:
Wie begann die Krise?
Fidel:
Zwischen dem 14. Und 15. Oktober entdeckten die US-Amerikaner die
Raketenstellungen. Ein U-2-Spionageflugzeug fotografierte aus großer Höhe
einige Abschußrampen. Heute ist bekannt, daß es ein Mitglied des
sowjetischen Geheimdienstes war, Oleg Penkowski, der den US-Amerikanern
die genaue Position der Raketen durchgab...
(Penkowski
wurde einige Tage später von sowjetischer Seite
festgenommen, S.303.) Kennedy
wurde am 16. Oktober informiert, und sechs Tage später kam es zur
Krise.
Die
sowjetische Regierung verhindert nicht die USA-Spionageflüge
Das
Unglaubwürdige am Verhalten Chruschtschows war, daß es während der
Aufstellung der Boden-Luft-Raketen im ganzen Land nicht möglich gewesen
sein sollte, zu verhindern, daß die Spionageflugzeuge die
sowjetisch-kubanischen Abwehrmaßnahmen entdeckten. Das hatte bereits
nichts mehr mit Taktik und Strategie zu tun. Es war eine Entscheidung,
verbunden mit der Bereitschaft, eine wirklich feste Haltung angesichts
der geschaffenen Situation zu bewahren oder nicht. Von unserem
Standpunkt aus, den wir damals vertraten und den ich auch heute noch
vertrete, gewährten wir dem Gegner damit, Spionageflugzeuge
einzusetzen, ohne Not einen ungemeinen
Vorteil. Dadurch verfügte er über eine ganze Woche, um seine Antwort,
sowohl politisch wie militärisch, zu planen. Als die Krise dann vom
Zaun gebrochen wurde, hatte Chruschtschow keine klare Vorstellung
davon, was zu tun sei.
Ramonet:
Was taten die Vereinten Nationen in dieser Situation
Fidel:
Es kam, wie ich es bewerten würde, zu der beschämenden Debatte
zwischen dem US-amerikanischen Botschafter, Adlai Stevenson, und dem
sowjetischen Botschafter, Walerian Sorin. Stevenson präsentierte dem
Sicherheitsrat auf spektakulär Weise Fotos von den strategischen
Raketenstellungen. Der sowjetische Botschafter leugnete die Existenz und
die Authentizität dieser Beweisfotos. Er verweigerte jede Diskussion.
Es war alles improvisiert, der Mann war nicht vorbereitet auf eine
Diskussion. Er griff nicht an, klagte nicht an, brachte keinen der
berechtigten Gründe vor, die Kuba – ein kleines und angegriffenes
Land, das von der Supermacht bedroht war – hatte, um die UdSSR um
Hilfe zu bitten, und die
ihrerseits die UdSSR hatte, diese Hilfe zu gewähren, getreu ihren
Prinzipien und den internationalen Verpflichtungen. Statt dessen ließ
er sich auf eine schwache Argumentation ein, die dem Zögern und der
schlechten öffentliche Handhabe des Themas durch Chruschtschow schon
vor Ausbruch der Krise entsprang. Er hatte den Fehler begangen, die
wirkliche Debatte zu vermeiden, die Debatte, die über die Souveränität
Kubas und sein Recht, sich zu verteidigen , sich zu schützen, zu führen
gewesen wäre. Das war am 25. Oktober 1962.
Ramonet:
Während dessen ... haben die US-Amerikaner Kuba weiter
überflogen, oder?
Fidel:
Sie flogen weiter über unser Territorium, und man ließ es ungestraft
zu. Trotz der Luftabwehrraketen,
die zuvor aufgestellt worden waren, um eben das
zu verhindern: die offene und schamlose Spionage über dem
nationalen Territorium, wodurch jedes kleine Detail unserer Verteidigung
ausspioniert wurde. Sie schickten weiterhin ihre
U-2-Spionageflugzeuge und begannen auch mit Aufklärungsflügen
in sehr niedriger Höhe. Wir beschlossen, auf jene US-amerikanischen
Flugzeuge zu schießen, die im Tiefflug ankamen. Es gab damals noch
keine Möglichkeit, diese aufzuspüren, so daß die Gefahr eines Überraschungsangriffes
bestand. Wir brachten das gegenüber den verantwortlichen sowjetischen
Militärs zur Sprache und sagten ihnen, daß die Tiefflüge nicht
gestattet sein sollten. Wir informierten sie vorher, daß wir schießen
würden, und eröffneten das Feuer mit der Flugabwehrartillerie. Am 27.
Oktober schoß eine Flugabwehrrakete SAM, die von den Sowjets manövriert
wurde, ein Spionageflugzeug vom TypU-2 ab. Das war in der Provinz
Oriente und der Augenblick maximaler Spannung.
Ramonet:
Glaubten Sie an einem bestimmten Punkt, das der Krieg
unvermeidlich war?
Fidel:
... Wir selbst glaubten, daß der Konflikt unvermeidlich war, und waren
bereit, dieses Risiko einzugehen. ...
Chruschtschows
Raketendeal mit den USA verschlechtert
die Lage Kubas
In
diesem Augenblick höchster Anspannung unterbreiteten die Sowjets den
Vereinigten Staaten einen Vorschlag, Und Chruschtschow konsultierte uns
nicht. Sie schlugen vor, die Raketen zurückzuziehen, wenn die
Vereinigten Saaten im Gegenzug Jupiter-Raketen aus der Türkei abziehen
würden. Kennedy akzeptierte diesen Handel am 28. Oktober, und die
Sowjets beschlossen, die SS-4-Raketen abzuziehen. Uns erschien das
absolut nicht korrekt. Dieser Vorgang verursachte viel Empörung.
Ramonet:
Hatten Sie den Eindruck, daß diese Vereinbarung hinter Ihrem Rücken
getroffen worden war?
Fidel:
Wir erfuhren über öffentliche Kanäle, daß die Sowjets einen Abzug
der Raketen vorschlugen. Und das war zu keiner Sekunde mit uns
abgesprochen worden! Wir waren nicht gegen irgendeine Lösung, denn es
war vorrangig, einen nuklearen Konflikt zu vermeiden. Aber Chruschtschow
hätte den US-Amerikanern sagen müssen: ‚Man muß das auch mit den
Kubanern besprechen.‘ Es mangelte ihm in diesem Augenblick an
Besonnenheit und Standhaftigkeit. Grundsätzlich hätten sie uns
konsultieren müssen.
Wäre
es so gewesen, wären die Bedingungen des Abkommens mit Sicherheit
vorteilhafter ausgefallen. Der Marinestützpunkt Guantánamo wäre nicht
in Kuba geblieben, und die
Spionageflüge in großer Höhe hätten ebenfalls aufgehört
All das belastete uns sehr.
Wir
protestierten. Und auch nach dem Übereinkommen nahmen wir weiterhin die
Tiefflieger unter Beschuß, so daß sie sie aussetzen mußten. Unsere
Beziehungen zur Sowjetunion verschlechterten sich. . Das nahm über
Jahre Einfluß auf unsere Zusammenarbeit.“
Viele
Seiten weiter (S.315) fragt Ramonet Fidel, ob 1991 im Gegenzug für den
Abzug der sowjetischen Brigaden aus Kuba nicht auch die Aufgabe der
Militärbasis in Guantánamo durch die USA-Amerikaner zu erreichen
gewesen wäre..
Fidels
Antwort darauf:
„Das
wäre einzig und allein während der Oktoberkrise (1962) möglich
gewesen. Man hätte das leicht erreichen können, mit ein wenig
Gelassenheit und kühlem Kopf, denn die Welt war nicht bereit, aufgrund
der Launen der Regierung der Vereinigten Staaten einen Atomkrieg zu
riskieren.
Wir
haben fünf Forderungen gestellt. Unter anderem die Beendigung der
Piratenangriffe und jeglicher Aktionen von Gewalt und Terrorismus gegen
Kuba, die anschließend noch Jahrzehnte andauerten; die Beendigung
der Wirtschaftsblockade und die Rückgabe unseres Territoriums,
auf dem sich unrechtmäßig die US-Marinebasis Guantánamo befindet. All
das hätte man innerhalb dieser dramatischen und angespannten Situation
erreichen können, denn, wie ich schon sagte, niemand war bereit, einen
Weltkrieg zu riskieren wegen einer Wirtschaftsblockade gegen Kuba, ein
paar terroristischer Anschläge und einer illegalen Marinebasis, die
sich gegen den Willen der kubanischen Bevölkerung auf ihrem Territorium
befindet. Niemand hätte deswegen einen Weltkrieg provoziert...
Chruschtschows
Kungelei mit Kennedy
Es
gab viele politische und militärische Fehler, man muß sie kennen, um
beurteilen zu können, was damals passierte. ...
Was
wir nicht zuließen, war die – (von Chruschtschow ohne jede Rücksprache
mit der kubanischen Seite mit Kennedy vereinbarte) – Inspektion. Wir
protestierten, erklärten uns damit nicht einverstanden und forderten fünf
Punkte.
Diese
Bemerkung Fidels bezieht
sich darauf, daß bei dem Gespräch Chruschtschow-Kennedy, in dem
Chruschtschow – ohne jede vorherige Konsultation mit der Führung
Kubas – den Abzug der sowjetischen Raketen vereinbarte und in das
Abkommen – ebenfalls über den Kopf der Regierung Kubas hinweg – die
Forderung Kennedys aufnahm, den Abzug der Raketen aus Kuba durch eine
US-amerikanische Inspektion kontrollieren zu lassen. Chruschtschow
behandelte also Kuba wie eine sowjetische Kolonie. Dagegen hatte Fidel
in einem Brief an Chruschtschow vom
28. Oktober 1962 geschrieben: „Ich muß Sie auch davon in Kenntnis
setzen, daß wir prinzipiell gegen eine Inspektion unseres Territoriums
sind.“ (S.209)...
Und
in einem weiteren Brief vom 31. Oktober schrieb er zu der Kungelei mit
Kennedy über den Abzug der Raketen: „Die Gefahr konnte uns nicht
schrecken, denn wir leben in unserem Land schon sehr lange Zeit mit ihr
und haben uns in gewisser Weise an sie gewöhnt. ...
Viele
Menschen, sowohl Kubaner als auch Sowjets, die bereit gewesen wären, in
höchster Würde zu sterben, brachen in Tränen aus, als sie von der überraschenden,
unerwarteten und bedingungslosen Entscheidung hörten, die Waffen
abzugeben.“
In
seinem Gespräch mit Ramonet, in dem er den kubanischen Protest gegen
eine US-Inspektion auf Kuba
erwähnte, gibt Fidel noch folgende sarkastische Einschätzung des Verhältnisses
Chruschtschows zu Kennedy und zu dem Liebesdienst, den Chruschtschow
Kennedy erwies als Ersatz für die von Fidel verweigerte Inspektion auf
kubanischem Boden:
„Als
nun die Sowjets – es war genau so, wie ich Ihnen das erzähle – mit
den US-Amerikanern im Rahmen dieser Politik verhandelten, innerhalb
dieses Techtelmechtels, das in diesen Tagen zwischen ihnen entstanden
war, eine Art brennender Liebe inmitten eines kalten Krieges,
beschlossen sie gemeinsam mit den US-Amerikanern die Inspektion auf
offener See anstatt der Inspektion auf kubanischem Territorium.“
Bietet
dieser Abschluß dem Dreigestirn nicht einen hervorragenden Stoff für
eine neue Studie über „Fidel Castro
zu einer Machtpolitik
ohne moralische und ethische Grenzen“?
Der zweite Weltkrieg. 1939-1945. Kurze Geschichte. Dietz-Verlag
Berlin 1988, S.233.
Zitiert von dem Schweizer Historiker Walther Hofer in
seinem Buch: Die Entfesselung des Zweiten
Weltkrieges. Eine Studie über die internationalen Beziehungen
im Sommer 1939. Frankfurt am Main und Hamburg, 1967, S. 102/03.
Der zweite Weltkrieg 1939-1945.Kurze Geschichte. Dietz Verlag Berlin
1988, S.62.
Weltgeschichte in Daten, Berlin 1966, S.1055.
Alle Angaben zu Griechenland sind übernommen von einer Übersetzung
des Buches „Die Dreijährige Epopöe der Demokratischen Armee
Griechenlands 1946-1949. Gewidmet dem 80jährigen Bestehen der KKE..
Athen 1998. Übersetzt von Thanassis Georgiu, in Berlin lebender
Korrespondent des Parteiorgans Rizopastis der KKE.
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