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„Die
Chruschtschowianer“ - Erinnerungen /
Kapitel 6
Die
offizielle Proklamation des Revisionismus
– Der 20. Parteitag der KPdSU:
Chruschtschows
Thesen – die Charta des modernen Revisionismus
Von
Enver Hoxha
Aus:
Enver Hoxha, „Die Chruschtschowianer“ - Verlag „ 8 NËNTORI“ -
Tirana 1980, Seite 195 – 226, deutsche Ausgabe
Auf
Kommunisten-online am 31. Dezember 2010 – Der
20. Parteitag der KPdSU. Chruschtschows Thesen – die Charta des
modernen Revisionismus. Der „Geheimbericht“ gegen Stalin. Togliatti
fordert die Anerkennung seiner „Verdienste“. Tito in der
Sowjetunion. Molotow wird als Außenminister abgelöst. Gescheiterter
Versuch der „parteifeindlichen Gruppe“. Ende der Karriere von
Marschall Schukow. Ein weiteres Opfer der chruschtschowianischen
Intrigen: Kiritschenko. Mai 1956: Suslow verlangt die Rehabilitierung
von Koçi Xoxe und Konsorten. Juni 1956: Tito und Chruschtschow sind
unzufrieden mit uns. Juli 1957: Chruschtschow inszeniert in Moskau ein
Abendessen, um uns mit Rankoviċ und Kardelj zusammenzubringen.
Der
Verrat an der Spitze der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und des
Landes, in dem die sozialistische Oktoberrevolution gesiegt hatte,
stellte einen konzentrischen Angriff auf den Namen und die großen
Lehren Lenins, besonders aber auf den Namen und das Werk Stalins dar.
Im
Zuge der Strategie, die er nach dem II. Weltkrieg verfolgte,
intensivierte der Imperialismus mit dem amerikanischen an der Spitze,
sobald er die ersten Schwankungen und Rückzüge der neuen sowjetischen
Führung feststellte, seine Angriffe und seinen allseitigen Druck noch
mehr, um Chruschtschow und Konsorten zu zwingen, auf dem Weg der
Kapitulation und des Verrats jeden Tag weiter zu gehen. Die „Mühe“
und die beträchtlichen Summen, die der Imperialismus für diese
konterrevolutionären Zwecke aufwandte, waren nicht umsonst. Nachdem
Chruschtschow und seine Leute einmal den Weg der Zugeständnisse und des
Verrats eingeschlagen hatten, hörten sie nicht mehr auf, die alten
Anstrengungen und Wünsche des Imperialismus zu rechtfertigen.
Als
sie der Meinung waren, sie hätten ihre Stellung gefestigt, mit Hilfe
der Marschälle die Armee in ihre Hand bekommen, den
Staatssicherheitsdienst auf ihren Kurs gebracht und die Mehrheit des
Zentralkomitees für sich gewonnen, setzte Chruschtschow, Mikojan und
die anderen Chruschtschowianer für den Februar 1956 den berüchtigten
20. Parteitag an, auf dem sie dann auch den „Geheimbericht“ gegen
Stalin hielten.
Dieser
Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ging in die
Geschichte ein als der Parteitag, der die zutiefst anti-marxistischen
und anti-sozialistischen Thesen Nikita Chruschtschows und seiner
Helfershelfer offiziell absegnete, der in einer Reihe kommunistischer
und Arbeiterparteien von ehemals sozialistischen und von
kapitalistischen Ländern dem Eindringen der fremden bürgerlich-revisionistischen
Ideologie die Türen sperrangelweit aufstieß. All die Verdrehungen in
großen Grundsatzproblemen - etwa des Charakters unserer Epoche, der Weg
des Übergangs zum Sozialismus, der friedlichen Koexistenz, der Frage
von Krieg und Frieden, der Haltung zum modernen Revisionismus und zum
Imperialismus usw. usf. -, die später zur Grundlage der großen,
offenen Polemik mit dem modernen Revisionismus wurden, hatten ihren
offiziellen Ausgangspunkt in Chruschtschows Bericht auf dem 20.
Parteitag.
Schon
gleich nach Stalins Tod, bis hin zum 20. Parteitag, operierten die
chruschtschowianischen Verschwörer auf füchsische Weise mit der „bürokratischen
Legalität“, den „Parteiregeln“, der „Kollektivität“ und dem
„demokratischen Zentralismus“, mit Krokodilstränen über Stalins
Verlust, um so Schritt für Schritt die Torpedierung von Stalins Werk,
seiner Persönlichkeit, des Marxismus-Leninismus anzubahnen. Für den
Marxisten-Leninisten ist dies eine sehr lehrreiche Periode, denn sie
zeigt den Bankrott der „bürokratischen Legalität“, die für eine
marxistisch-leninistische Partei sehr gefährlich ist; sie zeigt die
Methoden, mit denen die Revisionisten diese „bürokratische Legalität“
für sich ausnutzten; sie zeigt, wie ehrliche und erprobte Führer, die
allerdings den revolutionären Klassengeist eingebüßt haben, den
Intriganten auf den Leim gehen und den Erpressungen und der Demagogie
der mit einer revolutionären Phraseologie getarnten revisionistischen
Verräter Zugeständnisse machen, nachgeben. Wir sahen, wie die
Chruschtschowianer während dieser Übergangsperiode, um ihre Macht zu
konsolidieren, unter riesigem Spektakel angeblich mit „großer
Parteilichkeit“, befreit vom „Alptraum der Angst vor Stalin“, mit
„wahrhaft demokratischen und leninistischen Formen“ aktiv zu Werke
gingen, wie sie damit beschäftigt waren, die gemeinsten Verleumdungen
gegen die Sowjetunion, gegen Stalin und die sozialistische Ordnung überhaupt
auszuhecken, wie sie sonst nur der Bourgeoisie zuzutrauen sind. All
diese ungeheuerlichen Verleumdungen der Chruschtschow-Revisionisten,
ihre ganze zerstörerische Tätigkeit, untermauerten die seit vielen
Jahren umgehenden Verleumdungen der reaktionären Bourgeoisie gegen den
Marxismus-Leninismus, die Revolution und den Sozialismus und versuchten
sie mit angeblich authentischen Dokumenten, mit“Argumenten“ und
„Analysen“ in neuem Geist „zu belegen“.
Alles,
was in der Vergangenheit gut gewesen war, wurde verzerrt, angeblich im
Lichte der „neuen Verhältnisse“, der „neuen Entwicklungen“, der
„neuen Wege und Möglichkeiten“ des Fortschritts.
Viele
ließen sich von dieser Demagogie der Verräter täuschen. Die Partei
der Arbeit Albaniens jedoch nicht. Sie hat diese Frage sorgfältig und
grundsätzlich analysiert und sich schon früh zu Wort gemeldet, um die
marxistisch-leninistische Wahrheit zu verteidigen.
Ich
war zusammen mit den Genossen Mehmet Shehu und Gogo Nushi von unserer
Partei beauftragt worden, am 20. Parteitag teilzunehmen. Der
opportunistische „neue Geist“, den Chruschtschow im Begriff war zu
wecken und zu schüren, zeigte sich schon daran, wie dieser Parteitag
organisiert war und ablief. Dieser liberale Geist drückte wie eine
schwarze Wolke auf die ganze Atmosphäre, durchzog die sowjetische
Presse und Propaganda in jenen Tagen, herrschte in den Sälen und Gängen
des Parteitags, spiegelte sich auf den Gesichtern, in den Gesten und in
den Worten der Menschen wider.
Es
fehlte die frühere Ernsthaftigkeit, wie sie eigentlich für ein so außerordentlich
wichtiges Ereignis im Leben einer Partei und eines Landes kennzeichnend
sein sollte. Auf dem Parteitag sprachen auch Parteilose. In den Pausen
zwischen den Sitzungen spazierten Chruschtschow und Genossen lachend in
den Sälen und Gängen umher, wobei sie um die Wette Anekdoten erzählten,
Geistreicheleien austauschten, sich volkstümlich gaben und an den übervollen
Tischen, die überall aufgestellt waren, Getränke in sich hinein stürzten.
Mit
all dem wollte Chruschtschow den Eindruck nachhelfen, die „drückende
Zeit“, die „Diktatur“, die „düstere Analyse“ der Dinge sei
nun ein für allemal vorüber, und nun sei offiziell die „neue Zeit“
der „Demokratie“, der „Freiheit“, des „schöpferischen
Herangehens“ an die Ereignisse und Phänomene angebrochen, innerhalb
wie außerhalb der Sowjetunion.
Sein
erster Bericht auf dem Parteitag, großspurig als „kolossaler
Beitrag“ zum Bestand des Marxismus-Leninismus, als „schöpferische
Weiterentwicklung“ unserer Wissenschaft angepriesen, stellt in
Wirklichkeit die offizielle Charta des modernen Revisionismus dar. Schon
damals fanden Chruschtschows „Neuentwicklungen“ bei der Bourgeoisie
und der Reaktion ungemein großen Anklang. Diese sprachen ganz unverblümt
von radikalen Veränderungen, die sich gerade in der Sowjetunion und in
der politischen und ideologischen Linie der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion vollzogen.
Die
Reaktion und die Bourgeoisie begrüßten also die große, radikale Wende
Chruschtschows freudig, versäumten es aber gleichzeitig auch nicht, bei
verschiedener Gelegenheit zu erklären, sie sei „gefährlicher“ für
ihre eigenen Interessen als die Linie der Stalinzeit. Chruschtschow und
die Chruschtschowianer führten diese „Kritik“ der Bourgeoisie als
Argument an, um die anderen davon zu überzeugen, die „neue Linie“
sei „richtig“ und „marxistisch“. Doch die Furcht der
internationalen Bourgeoisie lag in Wirklichkeit woanders begründet: sie
sah in Chruschtschow und seiner „neuen Politik“ nicht nur den neuen
Verbündeten, sondern auch den neuen gefährlichen Rivalen im Ringen um
Einflusszonen, bei Plünderunge, Krieg und Eroberung.
Am
letzten Tag wurde der Parteitag hinter verschlossenen Türen abgehalten,
weil die Wahlen durchgeführt werden sollten, wir nahmen also an den
Sitzungen nicht teil. In Wirklichkeit fanden an diesem Tag nicht nur die
Wahlen statt, vielmehr wurde den Delegierten auch noch ein zweiter
Bericht Chruschtschows verlesen. Das war der berüchtigte Bericht gegen
Stalin, der so ganannte Geheimbericht. Man hatte ihn allerdings schon
vorher den jugoslawischen Führern zugesandt, und schon wenige Tage später
geriet er als ein neues „Geschenk“ Chruschtschows und der
Chruschtschowianer auch in die Hände der Bourgeoisie und der Reaktion.
Nachdem der Bericht mit den Parteitagsdelegierten durchgearbeitet worden
war, gab man ihn auch uns und allen anderen ausländischen Delegationen
zum Lesen.
Nur
die ersten Sekretäre der Bruderparteien, die am Parteitag teilnahmen,
bekamen ihn zu lesen. Ich las die ganze Nacht, und zutiefst erschüttert
gab ich den Bericht auch Mehmut und Gogo. Das Chruschtschow und Co.
Stalin, seine Gestalt und sein ruhmvolles Werk unter den Tisch gewischt
hatten, das wussten wir schon vorher, da hatten wir auch während des
Parteitages gesehen, wo sein Name kein einziges Mal positiv erwähnt
wurde. Doch dass es die sowjetischen Führer fertig bringen würden, all
diese ungeheuerlichen Anschuldigungen und Beschimpfungen gegen den großen,
unvergesslichen Stalin zu Papier zu bringen, das hätten wir uns nie
vorstellen können.
Dennoch,
da stand es, schwarz auf weiß; man hatte es den sowjetischen
Kommunisten, den Parteitagsdelegierten vorgelesen und auch den
Vertretern der anderen Parteien, die am Parteitag teilnahmen, zu lesen
gegeben. Wir fühlten uns in unserem Denken und Empfinden zutiefst
getroffen. Wir sagten zueinander, dies sei eine grenzenlose Niedertracht
mit katastrophalen Folgen für die Sowjetunion und die Bewegung, und
unter diesen tragischen Umständen sei es die Pflicht unserer Partei,
fest auf ihren marxistisch-leninistischen Positionen zu verharren.
Nachdem
wir den schrecklichen Bericht gelesen hatten, gaben wir ihn unverzüglich
seinen Urhebern zurück. Wir brauchten diese von Chruschtschow
ausgeheckte Jauchegrube ekelerregender Beschuldigungen nicht. Wir gehörten
nicht zu der Sorte von „Kommunisten“, die den Bericht mitnahmen, um
ihn der Redaktion auszuhändigen und als gewinnträchtiges Geschäft
pfundweise an den Kiosken zu verkaufen.
Was
wir im Vaterland Lenins und Stalins gesehen hatten, ließ uns blutenden
Herzens nach Albanien zurückkehren, doch gleichzeitig nahmen wir auch
die wichtige Lehre mit, dass wir den Taten und Auffassungen
Chruschtschows und der Chruschtschowianer gegenüber wachsamer zu sein,
die Augen offen zu halten hatten.
Schon
nach ganz wenigen Tagen begannen die Ideen des 20. Parteitags überall
ihren schwarzen Rauch zu verbreiten.
Als
einer der ersten trat Palmiro Togliatti, unser direkter Nachbar, der uns
dennoch am fernsten stand und sich uns gegenüber am unzugänglichsten
zeigte, vor seine Partei und warf sich in die Brust. Er lobte nicht nur
die neuen „Perspektiven“, die der Parteitag der Sowjetrevisionisten
eröffnet habe, über den grünen Klee, sondern nahm für sich auch das
Verdienst in Anspruch, geistiger Vater und „alter Vorkämpfer“
vieler dieser neuen Thesen und Ideen Chruschtschows zu sein. „Was
unsere Partei anbelangt“, erklärte Togliatti im März 1956,
„so meine ich, dass wir mutig gehandelt haben. Wir haben uns stets
darum bemüht, unsere, die italienische Art der Entwicklung zum
Sozialismus zu finden.“
Die
Belgrader Revisionisten lebten vor Freude auf wie nie zuvor, während in
den anderen Parteien der volksdemokratischen Ländern damit begonnen
wurde, im Geist der Thesen Chruschtschows nicht nur die Zukunft zu
entwerfen, sondern auch die Vergangenheit zu überprüfen.
Revisionistische Elemente, die sich bis dahin verkrochen gehabt hatten
und heimlich ihr Gift verspritzten, traten nun ganz offen hervor, um mit
ihren Gegnern abzurechnen. Die Welle der Rehabilitierung von
verurteilten Verrätern und Feinden setzte ein, die Gefängnistore
wurden geöffnet, und viele der früheren Verurteilten kamen geradewegs
in die Führungen der Parteien.
Die
Chruschtschowclique selbst ging als Vorbild voran. Stolz verkündete
Chruschtschow auf dem 20. Parteitag, in der Sowjetunion seien über 7
000 in der Stalinzeit Verurteilte freigelassen und rehabilitiert worden.
Dieser Prozess sollte weitergehen und noch verstärkt werden.
Chruschtschow
und Mikojan fingen an, einen nach dem anderen und schließlich alle auf
einmal jene Mitglieder des Präsidiums des ZK der Partei auszuschalten,
die sie dann als „parteifeindliche Gruppe“ hinstellten. Nachdem sie
Malenkow ein Bein gestellt und ihn vorläufig durch Bulganin ersetzt
hatten, kam Molotow an die Reihe. Das war am 2. Juni 1956. An diesem Tag
erschien die „Prawda“ mit einer großen Fotografie Titos, mit dem dobro
požalovat [russisch im Original:
Herzlich willkommen!] zur Ankunft des
Oberhaupts der Belgrader Clique in Moskau auf der Frontseite, und sie
schloss auf Seite 4 in den „Tagesmeldungen“ mit der Nachricht von
Molotows Absetzung als Außenminister der Sowjetunion. In der Meldung
hieß es, Molotow sei „auf eigenen Wunsch“ von dieser Funktion
entbunden worden, in Wirklichkeit wurde er aber abgesetzt, weil dies
Titos Vorbedingung für seinen ersten Besuch in die Sowjetunion seit dem
Abbruch der Beziehungen 1948-49 gewesen war. Und Chruschtschow und
Konsorten erfüllten die aus Belgrad kommende Vorbedingung umgehend, um
Tito Satisfaktion zu geben, hatte doch Molotow zusammen mit Stalin 1948
die Briefe der Sowjetführung an die jugoslawische Führung
unterzeichnet.
Die
Stellung der revisionistischen Reaktionäre festigte sich, und ihre
Gegner im Präsidium – Malenkow, Molotow, Kaganowitsch, Woroschilow
und andere – begannen nun die revisionistische Intrige und die
teuflischen Pläne, die Chruschtschow gegen die Kommunistische Partei
der Sowjetunion und den Staat der Diktatur des Proletariats betrieb,
deutlicher zu durchschauen. Auf einer Sitzung des Präsidiums des
Zentralkomitees der Partei im Sommer 1957 im Kreml blieb Chruschtschow
nach zahlreichen Kritiken in der Minderheit und wurde, wie uns Poljanski
höchstpersönlich erzählte, von seiner Funktion als Erster Sekretär
entbunden und zum Landwirtschaftsminister gemacht, weil er doch „Kukuruzspezialist“
[Maisspezialist] war.
Aber das galt nur für ein paar Stunden. Chruschtschow und Konsorten
gaben heimlich Alarm, die Marschälle ließen den Kreml mit Panzern und
Soldaten umstellen und gaben Befehl, noch nicht einmal eine Maus aus dem
Kreml herauszulassen. Außerdem wurden überall hin Flugzeuge
abgeschickt, um die Plenumsmitglieder des ZK der KPdSU zusammenzuholen. „Dann“,
erzählte uns Poljanski, diese Kreatur Chruschtschows, „gingen wir
in den Kreml und verlangten Zutritt zu der Sitzung. Woroshilow kam
heraus und fragte, was wir wollten. Als wir ihm sagten, wir wollten
Zutritt zu der Sitzung, lehnte er ab. Als wir ihm die Faust zeigten,
fragte er: `Was geht hier vor?` Wir warnten ihn aber: Red nicht lange
herum, sonst verhaften wir dich. Wir gingen in die Sitzung und sorgten
dafür, dass sich das Blatt wendete. Chruschtschow holte sich die Macht
zurück.“
So
wurden diese ehemaligen Kampfgefährten Stalins, die sich den
Verleumdungen gegen sein ruhmreiches Werk angeschlossen hatten, nach
diesem gescheiterten Versuch als „parteifeindliche Gruppe“
bezeichnet und von den Chruschtschowianern endgültig abserviert.
Niemand weinte ihnen eine Träne nach, niemandem taten sie Leid. Sie
hatten ihren revolutionären Geist eingebüßt, waren Leichen des
Bolschewismus, keine Marxisten-Leninisten mehr. Sie hatten sich mit
Chruschtschow zusammen getan und zugelassen, dass Stalin und sein Werk
mit Schmutz beworfen wurden; sie versuchten etwas zu tun, aber nicht auf
dem Parteiweg, denn auch für sie gab es die Partei nicht.
Ihr
Schicksal sollte allen beschieden sein, die sich auf die eine oder
andere Weise Chruschtschow widersetzten oder die er nicht mehr brauchte.
Jahrelang wurde ein gewaltiger Rummel um die „großen Verdienste“
Schukows gemacht, man benutzte seine Tätigkeit während des Großen
Vaterländischen Krieges, um Schmutz auf Stalin zu werfen, man nutzte
seine Macht als Verteidigungsminister aus, um Chruschtschows Putsch zum
Triumph zu verhelfen. Doch später erfuhren wir völlig überraschend,
dass er von seinen Funktionen entbunden worden war. Damals war Schukow
zu Besuch bei uns. Wir empfingen ihn als alten Kader und Helden der
Stalinschen Roten Armee wohlwollend, sprachen mit ihm über die Probleme
der Verteidigung unseres Landes und des sozialistischen Lagers, und an
seinen Ansichten fiel uns nichts Beunruhigendes auf. Im Gegenteil, er
kam gerade von einem Besuch in Jugoslawien und sagte zu uns: „Nach
dem, was ich in Jugoslawien alles gesehen habe, kann ich mir nicht
vorstellen, dass das ein sozialistisches Land sein soll!“ Daraus
entnahmen wir, dass er mit Chruschtschow nicht einer Meinung war. Genau
am Tag seiner Abreise erfuhren wir, dass er wegen „Fehler“ und
„schwerer Verstöße“ bei der Durchführung der „Parteilinie“,
wegen Übertretung der „Gesetzlichkeit in der Armee“ usw. usf.
seines Postens als Verteidigungsminister der UdSSR enthoben worden war.
Ich kann nicht sagen, ob Schukow Fehler oder Verstöße in dieser
Hinsicht begangen hatte, doch es ist leicht möglich, dass die Gründe
tiefer liegen.
Mir
war bei einer Zusammenkunft mit Chruschtschow das Auftreten Schukows
gegenüber aufgefallen. Ich erinnere mich nicht mehr an das Jahr, doch
es war im Sommer, und ich hielt mich zum Urlaub im Süden der
Sowjetunion auf. Chruschtschow hatte mich zum Mittagessen eingeladen.
Von den Russen waren Mikojan, Kiritschenko, Nina Petrowna
(Chruschtschows Frau) und noch einige andere anwesend. Als ausländische
Gäste waren außer mir noch Ulbricht und Grotewohl da. Wir saßen draußen
auf der Veranda, aßen und tranken. Als Schukow kam, forderte ihn
Chruschtschow auf, sich zu setzen. Schukow schien nicht in bester
Verfassung zu sein. Mikojan stand auf und sagte zu ihm:
„Ich
bin der tamada [Russisch im
Original: der mit dem Trinkspruch an der Reihe ist],
füll dein Glas!“
„Ich
trinke nicht“, entgegnete Schukow.
„Ich fühle mich nicht wohl.“
„Gieß
ein, sag ich dir“, beharrte
Mikojan in herrischem Ton. „Hier habe ich zu befehlen und nicht
du.“
Nina
Chruschtschowa griff ein:
„Anastas
Iwanowitsch“, sagte sie zu
Mikojan, „zwing ihn icht, wenn es ihm nicht gut tut.“
Schukow
schwieg und füllte sein Glas nicht. Chruschtschow scherzte mit Mikojan
und wechselte das Thema. Gab es vielleicht schon damals Widersprüche zu
Schukow, und sie hatten angefangen, ihn zu beleidigen und ihm vorzuführen,
dass andere zu „befehlen“ hatten und nicht er ? Begann Chruschtschow
und Konsorten die Angst zu packen vor der Macht, die sie selbst Schukow
gegeben hatten, um ans Ruder zu kommen, und beschuldigten sie ihn
deshalb später des „Bonapartismus“?! Waren Chruschtschow vielleicht
schon Informationen über Schukows Ansichten zu Jugoslawien zugegangen,
ehe dieser noch in die Sowjetunion zurückgekehrt war ?! Wie dem auch
sei, Schukow verschwand von der politischen Bühne, trotz seiner vier
Sterne des Helden der Sowjetunion, einer Reihe von Leninorden und
zahlloser anderer Auszeichnungen.
Nach
dem 20. Parteitag verhalf Chruschtschow auch Kiritschenko zum Aufstieg
und machte ihn zu einer der zentralen Figuren in der Führung. Ich hatte
Kiritschenko viele Jahre zuvor in Kiew kennengelernt, er war damals
Erster Sekretär der Ukraine gewesen. Dieser stattliche, rotgesichtige
Mann hatte keinen schlechten Eindruck auf mich gemacht. Er empfing mich
weder hochnäsig noch, um eben der Form Genüge zu tun. Kiritschenko
begleitete mich an viele Orte, die ich zum ersten Mal sah. Er zeigte mir
die ganz neu gebaute Hauptstraße von Kiew, führte mich nach Babij Jar,
das bekannt geworden ist durch das Judenmassaker der Nazis. Wir gingen
zusammen in die Oper, wo wir ein Werk über Bodan Chmelnizkij sahen, den
er, wie ich mich erinnere, mit unserem Skanderberg verglich. Das freute
mich, wenn ich mir auch sicher war, dass Kiritschenko von dem, was ihm
die Tschinowniks über die Geschichte Albaniens berichtet hatten,
nur der Name Skanderberg in Erinnerung geblieben war. Er versäumte es
nicht, die Liebe, die ich für Stalin bekundete, mit den gleichen
Wendungen und Ausdrücken der Bewunderung und Treue zu beantworten. Doch
weil er aus der Ukraine war, unterließ es Kiritschenko auch nicht, über
Chruschtschow zu sprechen, dessen „Klugheit, Befähigung, Energie“
usw er rühmte. In diesen Formulierungen, die ich damals für verständlich
hielt, sah ich nichts Schlechtes.
Es
ergab sich häufig, dass ich im Kreml neben Kiritschenko am Tisch saß
und mich mit ihm unterhielt. Nach Stalins Tod wurden zahlreiche Bankette
gegeben; damals traf man nämlich die Führer der Sowjetunion gewöhnlich
nur auf Banketten an. Die Tische waren Tag und Nacht gedeckt, widerwärtig
überladen mit Speisen und Getränken. Wenn ich den sowjetischen
Genossen beim Essen und Trinken zusah, fühlte ich mich an den Gargantua
von Rabelais erinnert. Das war nach Stalins Tod, als die sowjetische
Diplomatie über priomy [Russisch
im Original: Empfänge] abgewickelt
wurde und der Chruschtschow-“kommunismus“ unter anderen mit
Banketten, mit Kaviar und Krimsekt veranschaulicht wurde.
Auf
einem der Empfänge, bei dem ich neben Kiritschenko saß, sagte ich laut
zu Chruschtschow:
„Sie
müssen auch einmal zu Besuch nach Albanien kommen, überall sonst sind
Sie schon gewesen.“
„Ich
werde kommen“, antwortete
Chruschtschow.
Kiritschenko
fuhr hoch und sagte zu Chruschtschow:
„Albanien
ist weit, versprich deshalb nicht, wann du gehst und wie lange du
bleibst.“
Mir
gefiel dieser Einwurf natürlich nicht, und ich fragte Kiritschenko:
„Genosse,
warum diese Unfreundlichkeit unserem Land gegenüber?“
Er
tat, als ob er den Vorfall bedauere, und wollte sich rechtfertigen: „Nikita
Chruschtschow geht es augenblicklich nicht gut, wir müssen auf ihn
aufpassen.“
Das
waren natürlich alles Märchen. Chruschtschow war prall wie ein Ferkel
und aß und trank für vier.
Ein
anderes Mal ( natürlich, wie gewöhnlich, auf einem Empfang) kam ich
wieder in der Nähe von Kiritschenko zu sitzen. Ich war in Begleitung
von Nexhmije. Das war im Juli 1957. Chruschtschow war mit den Titoisten
ins Reine gekommen, schmeichelte ihnen und übte gleichzeitig Druck auf
sie aus. Die Titoisten taten, als gefielen ihnen die Schmeicheleien, den
Druck und die Messerstiche hingegen gaben sie ihm zurück. Chruschtschow
hatte sich schon am Abend vorher an mich gewandt, um bei mir „die
Erlaubnis einzuholen“, mich zu diesem Abendessen einladen zu dürfen,
bei dem sowohl Schiwkoff mit Gattin als auch Ranković und Kardelj
mit Frauen anwesend waren. Chruschtschow scherzte wie gewöhnlich mit
Mikojan. Doppelbödig kombinierte er die Pfeile, die Bosheiten, die
hinterhältigen Anspielungen, die Falschheiten, die Drohungen mit den Späßchen,
die er mit „Anastas“ trieb, den den „Hofnarren“ spielte.
Nach
den einleitenden Scherzen mit dem „Hofnarren“ begann Chruschtschow
uns mit erhobenem Glas eine Vorlesung über die notwendige Freundschaft
zwischen dem Dreieck Albanien-Jugoslawien-Bulgarien und dem Viereck
Sowjetunion-Albanien-Jugoslawien-Bulgarien zu halten.
„Die
Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien sind nicht
geradlinig verlaufen“, sagte er. „Am
Anfang waren sie gut, dann kühlten sie ab, dann wurden sie abgebrochen,
dann sah es nach unserem Belgradbesuch so aus, als seien sie wieder in
Ordnung gebracht. Dann platzte die Bombe [damit meinte er die
Ereignisse im Oktober/November 1956 in Ungarn], und sie wurden erneut
zerstört. Doch jetzt sind die objektiven und subjektiven Bedingungen
dafür geschaffen worden, dass sie sich verbessern. Hingegen haben sich
die Beziehungen Jugoslawiens zu Albanien und Bulgarien noch nicht
verbessert. Die Jugoslawen müssen, wie ich vorher bereits zu Ranković
und Kardelj gesagt habe, ihre Agententätigkeit gegen diese Länder
einstellen.“
„Es
sind die Albaner, die uns nicht in Ruhe lassen“,
warf Ranković ein.
Nun
griff ich ein und rechnete Ranković die albanienfeindlichen
Handlungen, die Komplotte, die Sabotage- und Diversionsakte vor, die sie
gegen uns organisierten. Chruschtschow hatten wir an jenem Abend „auf
unserer Seite“, doch seine Kritik an Jugoslawien war aus Watte.
„Ich
verstehe nicht“, sagte er, wobei
er das Glas schwenkte, „wie ihr eure Partei `Bund der Kommunisten
Jugoslawiens` nennen konntet. Was heißt das, `Bund`? Außerdem gefällt
euch Jugoslawen der Ausdruck `sozialistisches Lager` nicht. Ja, aber
sagt doch mal, wie sollen wir es denn nennen - `neutrales Lager` oder
`Lager der neutralen Länder`? Wir sind doch alle sozialistische Länder,
oder seid ihr etwa keines?“
„Doch,
natürlich sind wir das!“
entgegnete Kardelj.
„Dann
kommt doch zu uns, wir sind die Mehrheit“,
sagte Chruschtschow darauf.
Diese
ganze, stehend gehaltene Ansprache, voll Gezeter und Händefuchteln,
voll `Kritik` an den Jugoslawen, gehörte zu Chruschtschows
Anstrengungen, Tito, der Chruschtschow auf keinen Fall als „Ersten“
im Rat anerkennen wollte, kleinzukriegen.
Kiritschenko
an meiner Seite hörte zu und sagte nichts. Später fragte er mich
leise: „Wer ist denn die Genossin neben mir?“
„Meine
Frau, Nexhmije“, sagte ich.
„Hätten
Sie mir das nicht früher sagen können ? Ich halte die ganze Zeit den
Mund, weil ich meine, das ist die Frau von einem von denen“,
sagte er zu mir, mit den Augen auf die Jugoslawen weisend. Er begrüßte
Nexhmije und fing dann an, bei mir über die Jugoslawen herzuziehen.
Chruschtschow
fuhr indessen mit seinen „Kritiken“ an den Jugoslawen fort und
versuchte sie dann davon zu überzeugen, dass er (natürlich versteckte
er sich hinter dem Namen der Sowjetunion, der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion) und kein anderer „an der Spitze“ zu stehen habe. Mit
dem anderen meinte er Tito, der seinerseits bemüht war, sich selbst und
die jugoslawische Partei über alle Übrigen zu stellen.
„Es
wäre lächerlich“, sagte er zu
ihnen, „wenn wir an der Spitze des Lagers stehen wollten, ohne dass
die anderen Parteien uns anerkennen, genauso wie es lächerlich wäre,
wenn eine andere Partei die Führung beanspruchte, wenn die anderen dies
nicht anerkennen.“
Kardelj
und Ranković antworteten ihm mit kalter Miene, unternahmen
verzweifelte Anstrengungen, ruhig zu erscheinen, doch man sah ihnen
genau an, dass sie innerlich kochten. Tito hatte ihnen aufgetragen,
seine Position gebührend zu vertreten, und sie wurden ihrem Meister
nicht untreu.
Der
Dialog zwischen ihnen zog sich hin, immer wieder unterbrochen von
Chruschtschows Gezeter, doch ich hörte nicht mehr hin. Außer meiner
Antwort an Ranković , als er uns vorwarf, wir mischten uns in ihre
Angelegenheiten ein, wechselte ich kein Wort mit ihnen. Die ganze Zeit
über unterhielt ich mich mit Kiritschneko, der mächtig über die
Jugoslawen herzog und die gesamte Haltung unserer Partei gegenüber der
revisionistischen Führung Jugoslawiens vollkommen richtig nannte.
Doch
auch dieser Kiritschenko erhielt später von Chruschtschow seine
Ohrfeige. Er, der bei ausländischen Beobachtern eine Zeit lang als
zweiter Mann hinter Chruschtschow galt, wurde in eine kleine, entlegene
Stadt in Russland geschickt, was sicherlich fast einer Internierung
gleich kam. Einer unserer Militärstudenten erzählte, als er nach
Albanien zurück kam:
„Ich
fuhr einmal im Zug, als ein sowjetischer Mitreisender kam und sich neben
mich setzte. Er zog eine Zeitung hervor und fing an zu lesen. Nach
einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken und fragte mich, wie es üblich
ist: `Wo fahren Sie hin?` Ich sagte es ihm. Aufmerksam geworden durch
meinen Akzent, mit dem ich russisch sprach, fragte er mich: `Welcher
Nationalität gehören Sie an?` - `Ich bin Albaner`, antwortete ich ihm.
Der Reisende war überrascht, freute sich, sah nach der Abteiltür,
wandte sich zu mir, drückte mir fest die Hand und sagte: `Ich bewundere
die Albaner`. Ich war erstaunt über seine Einstellung“, sagte unser
Offizier, „denn zu jener Zeit standen wir bereits im Kampf mit den
Chruschtschowianern. Es war nach der Beratung der 81 Parteien. `Wer sind
Sie denn`, fragte ich. Er erwiderte mir: `Ich bin Kiritschenko`. Als er
mir den Namen sagte“, berichtete uns der Offizier,“ wurde mir klar,
wer er war, und ich wollte die Unterhaltung mit ihm fortsetzen, doch er
fragte mich auf einmal: `Spielen wir ein Domino?` - `Einverstanden`,
antwortete ich, erzog eine Schachtel mit Steinen aus der Tasche und wir
begannen zu spielen. Ich begriff bald, warum er Domino spielen wollte.
Er wollte mir etwas sagen und seine Stimme mit dem Klappern der Steine
auf dem Tisch übertönen. Und er fing an: `Hervorragend, wie eure
Partei Chruschtschow entlarvt hat. Es lebe Enver Hoxha ! Es lebe das
sozialistische Albanien !` Und so unterhielten wir uns zum Klappern der
Dominosteine weiter sehr freundschaftlich. Im Verlauf unseres Gespräches
kamen andere Leute ins Abteil. Noch ein letztes Mal klapperte er mit den
Steinen und sagte: `Bleibt fest, Grüße an Enver.` Dann nahm er die
Zeitung, vertiefte sich in die Lektüre und tat, als hätten wir nie
miteinander gesprochen“, schloss
unser Offizier seinen Bericht.
Chruschtschow
und Konsorten versuchten mit allen Mitteln, ihre offen revisionistische
Linie, ihre anti-marxistischen und putschistischen Vorgehensweisen und
Methoden auch in allen anderen kommunistischen und Arbeiterparteien zu
verbreiten und zu züchten. Und wir erlebten, wie rasch der
Chruschtschow-Revisionismus in Bulgarien und Ungarn, in Ostdeutschland,
in Polen, Rumänien und der Tschehoslowakei aufblühte. Der große
Prozess der Rehabilitierungen unter dem Deckmantel der „Korrektur
vergangener Fehler“ verwandelte sich in allen ehemals
volksdemokratischen Ländern in eine Kampagne ohnegleichen. Überall
wurden die Gefängnistore geöffnet, die Oberhäupter der anderen
Parteien traten in den Wettstreit miteinander, wer am meisten und am
schnellsten die verurteilten Feinde aus dem Gefängnis lassen konnte,
wer am meisten Posten bis an die Spitze von Partei und Staat an sie zu
vergeben hatte. Die Zeitungen und Zeitschriften dieser Parteien veröffentlichten
täglich Kommuniqués und Bekanntmachungen über diesen Frühling der
revisionistischen Mafia; die Zeitungsspalten füllten sich mit den Reden
Titos, Ulbrichts und der anderen revisionistischen Chefs, während es
die Prawda und TASS brandeilig hatten, auf diese Ereignisse hinzuweisen
und sie als „fortschrittliches Beispiel“ zu verbreiten.
Wir
sahen, was geschah, fühlten den wachsenden Druck, der von allen Seiten
auf uns ausgeübt wurde, ließen uns aber keinen Millimeter von unserem
Weg und unserer Linie abbringen.
Das
ärgerte natürlich vor allem Tito und Konsorten, die – in
Hochstimmung versetzt durch die Beschlüsse des 20. Parteitags und das,
was in den anderen Ländern vor sich ging – darauf warteten, dass auch
in Albanien der große Umsturz stattfinde. Die Tätigkeit der Titoisten,
die von der jugoslawischen Botschaft in Tirana aus gegen unsere Partei
und unser Land arbeiteten, erlebte einen Aufschwung.
Die
jugoslawischen Diplomaten in Tirana missbrauchten unser korrektes
Verhalten und die Erleichterungen, die wir ihnen zur Durchführung ihrer
Aufgaben eingeräumt hatten, und fingen auf Befehl und Anweisung
Belgrads an, ihre alten Agenten in unserem Land aus der Versenkung zu
holen und zu reaktivieren; sie richteten sie aus und gaben ihnen das
Angriffssignal. Der gescheiterte Versuch auf Konferenz von Tirana im
April 1956, der Führung unserer Partei einen Schlag zu versetzen, war
das Werk der Belgrader Revisionisten, zugleich aber auch Chruschtschows
und der Chruschtschowianer. Letztere waren mit ihren revisionistischen
Thesen und Ideen die Inspiratoren der Verschwörung, die Titoisten und
ihre heimlichen Agenten dagegen die Organisatoren.
Doch
als die sowjetischen Führer diese Verschwörungen ebenfalls scheitern
sahen, versäumten sie es nicht, obwohl sie sich als unsere Busenfreunde
und als prinzipienfest ausgaben, auch offen Druck auf uns auszuüben und
Forderungen an uns zu stellen.
Am
Vorabend des 3. Parteitags unserer Partei, der Ende Mai/Anfang Juni 1956
tagte, verlangte Suslow von unserer Führung ungeschminkt, sie solle
ihre bisherige Linie „überprüfen“ und „korrigieren.“
„Es
gibt nichts, was unsere Partei an ihrer Linie zu überprüfen hätte“,
entgegneten wir bestimmt. „Wir haben niemals schwere prinzipielle
Fehler in der Linie zugelassen.“
„Die
Sache mit Koçi Xoxe und seinen Genossen, die ihr bestraft habt, muss überprüft
werden“, sagte Suslow uns.
„Sie
waren und bleiben Verräter und Feinde unserer Partei und unseres
Volkes, Feinde der Sowjetunion und des Sozialismus“, erwiderten
wir entschieden. „Und wenn wir die Prozesse gegen sie hundert Mal
überprüfen würden, hundert Mal würde dabei herauskommen, dass sie
Feinde waren. Und so haben sie auch gehandelt.“
Nun
fing Suslow zu reden an. Er sprach von dem, was in den anderen Parteien
und in der sowjetischen Partei selbst gerade vor sich ging, von einer
„großzügigeren“, „humaneren“ Betrachtungsweise des Problems.
„Das“,
sagte er, „hat großen Eindruck gemacht und ist von den Völkern
gut aufgenommen worden. Das muss auch bei euch passieren.“
„Unser
Volk würde uns steinigen, wenn wir die Feinde und Verräter
rehabilitieren würden, die das Land in die Ketten einer neuen Sklaverei
schlagen wollten“, entgegneten
wir Chruschtschows Ideologen.
Als
Suslow sah, dass er so nicht durchkam, versuchte er es mit einer anderen
Karte.
„Gut“,
sagte er. „Wenn ihr davon überzeugt seid, dass sie Feinde sind,
dann sollen sie es eben bleiben. Aber eines müsst ihr tun: sprecht
nicht über ihre Verbindungen zu den Jugoslawen, bezeichnet sie nicht
mehr als Agenten Belgrads.“
„Wir
sprechen hier über die Wahrheit“,
gaben wir zurück. „Und die Wahrheit ist, dass Koçi Xoxe und seine
Spießgesellen bei dem Komplott von Kopf bis Fuß Agenten der
jugoslawischen Revisionisten waren. Wir haben die gegen unsere Partei
und unser Land gerichteten Verbindungen Koçi Xoxes zu den Jugoslawen,
die vielen Fakten, die dies beweisen, aller Welt bekannt gegeben. Die
Sowjetführung kennt sie genau. Weil sie vielleicht noch keine
Gelegenheit hatten, die Fakten kennen zu lernen, und weil Sie auf Ihrer
Meinung bestehen, wollen wir Ihnen einige aufzählen.“
Suslow
vermochte kaum seine Nervosität zu zügeln. Wir zählten ihm in aller
Ruhe einen Teil der wichtigsten Fakten auf und betonten abschließend:
„Das
ist die Wahrheit über Koçi Xoxes Verbindungen zu den jugoslawischen
Revisionisten.“ „Da da!“
[Russisch im Original: Ja, ja!]
sagte er ungeduldig.
„Wie
könnten wir dann diese Wahrheit verdrehen?!“
fragten wir ihn. „Und darf eine Partei irgend jemand zuliebe
verheimlichen oder verdrehen, was durch zahllose Fakten bewiesen ist?“
„Aber
anders lassen sich die Beziehungen zu Jugoslawien nun einmal nicht in
Ordnung bringen“, schnaubte
Suslow.
Uns
wurde nun alles sonnenklar. Hinter Suslows „brüderlicher“
Vermittlung steckten Chruschtschows Schachereien mit Tito.
Sicherlich
strebte die Titogruppe, die nun an Boden gewonnen hatte, nach möglichst
viel Spielraum, nach wirtschaftlichen, militärischen und politischen
Vorteilen. Sie hatte von Chruschtschow hartnäckig verlangt, die
titoistischen Verräter, Koçi Xoxe, Rajk, Kostoff usw. müssten
rehabilitiert werden. Doch bei uns kam Tito mit seinem Wunsch nicht
durch, während er in Ungarn, in Bulgarien und in der Tschechoslowakei
sein Ziel erreichte. Dort wurden die Verräter rehabilitiert und die
marxistisch-leninistischen Führungen der Parteien zersetzt. Das war das
gemeinschaftliche Werk von Chruschtschow und Tito. Tito waren wir ein
Pfahl im Fleisch, doch unsere Haltung ihm gegenüber war unerschütterlich
und entschlossen. Auch wenn die Feinde es gewagt hätten, etwas gegen
uns zu unternehmen, wir hätten uns gewehrt. Das wusste Tito schon
lange, aber das wusste, davon überzeugte sich auch Chruschtschow, der
natürlich Tito gerne ein paar Hürden in den Weg gestellt und
verhindert hätte, dass dieser auf den „Weiden“ graste, die er als
die seinen betrachtete.
Fünfzehn
oder zwanzig Tage nach unserem 3. Parteitag, im Juni 1956, war ich zu
der Konsultation der Führer der Parteien aller sozialistischen Länder,
über die ich bereits berichtet habe, in Moskau. Obwohl die Konsultation
der Diskussion wirtschaftlicher Probleme dienen sollte, fand
Chruschtschow wie gewöhnlich eine Gelegenheit, auch auf alle anderen
Probleme einzugehen.
Dort
gab er in Anwesenheit aller Vertreter der anderen Parteien höchst persönlich
zu, dass Tito ihn wegen der Rehabilitierung Koçi Xoxes und der anderen
in Albanien verurteilten Feinde unter Druck gesetzt hatte.
„Wir
haben uns mit Tito über die Beziehungen Jugoslawiens zu den anderen
Staaten unterhalten“, sagte
Chruschtschow unter anderem. „Mit den Polen, den Ungarn, den
Tschechen, den Bulgaren und anderen war Tito zufrieden, doch als er mit
mir über Albanien sprach, wurde er sehr nervös, redete mit Händen und
Füßen. `Die Albaner liegen falsch`, sagte Tito zu mir, `Sie sind nicht
auf dem richtigen Weg, sie geben ihre Fehler nicht zu, haben nichts
kapiert von dem, was gerade vor sich geht.`“
Die
Wiedergabe von Titos Äußerungen und Vorwürfen war für Chruschtschow
in Wirklichkeit eine Gelegenheit, sich den Groll und die Unzufriedenheit
vom Leib zu reden, die sich in ihm gegen uns angestaut hatte, weil wir
auf dem Parteitag Koçi Xoxe, „den Tito“, so betonte Chruschtschow,
„einen großen Patrioten nannte“, nicht rehabilitiert hatten.
„Als
Tito über die albanischen Genossen sprach, zitterte er am ganzen Körper.
Ich widersprach ihm jedoch und erklärte, das seien innere
Angelegenheiten der albanischen Genossen, sie müssten selbst wissen,
wie sie sie lösen“, fuhr
Chruschtschow in seinem „Bericht“ fort. Er versuchte uns tatsächlich
weiszumachen, er habe sich mit Tito schwer „gestritten“. Doch wir
wussten inzwischen gut genug, was es mit den dauernden Küssen und
Zankereien dieser beiden Apostel des modernen Revisionismus auf sich
hatte.
Tito,
der bis zum Hals im Verrat steckte, zettelte viele Komplotte gegen die
sozialistischen Länder an. Als dann aber Chruschtschow Verrat beging,
spreizte er sich wie ein „Pfau“ und spielte sich als Chruschtschows
„Lehrer“ auf. Tito hatte guten Grund, viel von Chruschtschow zu
verlangen, und er blieb in dieser Hinsicht auch nichts schuldig. Er
wollte Chruschtschow dazu bringen, ihm zu gehorchen und nach seinen
Befehlen zu handeln. Tito hatte den amerikanischen Imperialismus und die
Weltreaktion hinter sich, deshalb schlug Chruschtschow seinerseits die
Taktik ein, Tito zu sich zu heranzulocken, ihn für sich zu gewinnen,
fest zu umarmen und ihm schließlich die Luft abzuschnüren. Er hatte es
allerdings mit Tito zu tun, und der hatte seine eigene Taktik,
Chruschtschow näherzukommen, sich ihm aufzuzwingen und nicht zu
unterwerfen, ihm Befehle zu geben und nicht Befehle von ihm
entgegenzunehmen, so viel Hilfe ohne Vorbedingung wie nur möglich aus
ihm herauszuholen und ihn zu zwingen, alle seine (Titos) Gegner, vor
allem die Partei der Arbeit Albaniens, gefügig zu machen.
Gerade
aus diesem Grund lässt sich in Chruschtschows Linie gegenüber Tito
viel Auf und Ab feststellen: einmal lief es blendend, dann wieder war er
bitter enttäuscht, einmal griff er an und schimpfte, dann lenkte er
wieder ein, um bald darauf erneut zu kritisieren. Das war das Ergebnis
mangelnder Prinzipienfestigkeit in der Politik. Tito und Chruschtschow
waren zwei Revisionisten, zwei Agenten des Kapitalismus, die Gemeinsames
hatten, aber auch Widersprüche, die sich in dem Zickzackkurs äußerten,
den es damals in ihrem Verhalten gab, der aber auch heute noch in den
Beziehungen zwischen Tito und Chruschtschows Erben fortdauert.
In
ihren Handlungen und ihrer Haltung gab es nichts
Marxistisch-Leninistisches. Sie ließen sich von konterrevolutionären
Zielen leiten, hatten die Führung des Revisionismus an sich gebracht,
der Kapitalismus in einer neuen Form, der Feind der Einheit der Völker
ist, der den reaktionären Nationalismus, die Errichtung und
Fortentwicklung der brutalsten faschistischen Diktatur anreizt, der
nicht einmal mehr einen Hauch von formaler bürgerlicher Demokratie übrig
lässt. Der Revisionismus ist die Idee und die Tat, die die Rückverwandlung
eines Landes vom Sozialismus zum Kapitalismus, einer kommunistischen
Partei leiten. Er schürt ideologisches Chaos, Konfusion,
Korruption, Unterdrückung, Willkür, Instabilität, den Ausverkauf des
Vaterlands an den Meistbietenden. Diese Tragödie ereignete sich in der
Sowjetunion und in den anderen revisionistischen Ländern. Diese Verhältnisse
wurden geschaffen durch Chruschtschow und die Chruschtschowianer, sie
wurden geschürt und gefördert durch den amerikanischen Imperialismus
und den Weltkapitalismus.
Aus:
„Die Chruschtschowianer“ - Erinnerungen, Enver Hoxha, Tirana 1980,
Kapitel 6, Seite 195 – 226)
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