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Wir
haben auch ohne Brot und barfuß gekämpft, uns
aber nie jemandem gebeugt
Gespräch
der Delegation der PAA unter Leitung von Genossen Enver Hoxha bei dem
Treffen mit N. S. Chruschtschow in Moskau, Kreml
(Am
12. November I960 willigte die Delegation der PAA ein, sich noch einmal
mit den Vertretern der KPdSU zu treffen. Von sowjetischer Seite nahmen
an diesem Treffen auch A. Mikojan, F. Koslow und J. Andropow teil)
12.
November 1960
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Sie können zu sprechen beginnen, wir hören Ihnen zu.
ENVER
HOXHA: Sie haben uns eingeladen, der Hausherr muß als erster sprechen.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wir akzeptieren die Bedingungen der Albaner.
Ich
kann nicht verstehen, was nach meinem Besuch in Albanien im Jahr 1959
geschehen ist! Solltet Ihr auch damals mit uns unzufrieden gewesen sein,
so muß ich stumpfsinnig und sehr einfältig sein, daß ich es nicht
gemerkt habe. Wir haben uns damals nur Gutes gesagt, wenn wir von
einzelnen Scherzen absehen, wie dem mit Genossen Mehmet Shehu über die
Pappeln. (Die einzige Bemerkung, die N. S. Chruschtschow während seines
Besuches in Albanien im Mai 1959 zu machen wußte, war, daß die unsere
Fahrstraßen säumenden Pappeln durch Feigen- und Pflaumenbäume ersetzt
werden sollten!...)
ENVER
HOXHA: Wenn das eine Einleitung zu dem Gespräch ist, ist das etwas
anderes. Der Scherz über die Pappeln ist hier nicht am Platz.
N.
S. Chruschtschow: Aber welchen Grund kann es dann noch geben, daß Ihr
Eure Haltung uns gegenüber geändert habt?
ENVER
HOXHA: Nicht wir, sondern Ihr habt die Haltung geändert. Wir hatten
auch früher Meinungsverschiedenheiten, z.B. über die Haltung gegenüber
den jugoslawischen Revisionisten. Doch diese Änderung in der Haltung
erfolgte nach Bukarest, und zwar durch Euch.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ich möchte etwas richtigstellen. Ich habe geglaubt,
im Zusammenhang mit Jugoslawien hätten wir keine
Meinungsverschiedenheiten. Ihr habt mehr als wir über diese Frage
gesprochen, auch wir haben darüber geschrieben, doch ohne Leidenschaft.
Wir haben gesagt, je mehr gegen sie gesprochen wird, desto mehr werden
sie aufgewertet. Und so war es auch.
ENVER
HOXHA: Für uns war es nicht so.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ich spreche für uns. Dann möchte ich fragen: In
welchem Ton sollen wir sprechen? Wenn Ihr keine Freundschaft mit uns
wollt, so sagt es.
ENVER
HOXHA: Wir wollen immer Freunde sein, wir wollen uns freundschaftlich
unterhalten. Das heißt aber nicht, daß wir in allem mit Euch
einverstanden sein müssen.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wir haben Euch dreimal zu Gesprächen eingeladen,
wollt Ihr etwa, daß wir die Beziehungen abbrechen?!
ENVER
HOXHA: Ihr seid die Urheber dafür, daß sich. unsere Beziehungen nach
Bukarest verschlechtert haben. Wir haben Euren Genossen viele Tatsachen
angeführt, sie müssen Ihnen darüber berichtet haben.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ich verstehe das nicht ganz, in Bukarest hatte ich mit
Hysni Kapo keinen Konflikt. Er sagte, er wäre vom Zentralkomitee nicht
befugt, zu den zur Diskussion stehenden Fragen Stellung zu nehmen.
HYSNI
KAPO: Ich äußerte in Bukarest die Haltung unserer Partei und erklärte,
die Bukarester Beratung wäre verfrüht und würde entgegen den
leninistischen organisatorischen Regeln durchgeführt; die
Meinungsverschiedenheiten, um die es dort ging, wären
Meinungsverschiedenheiten zwischen der KPdSU und der KP Chinas und die
Partei der Arbeit Albaniens würde ihre Meinung dazu auf der nächsten
Beratung äußern. Sie sagten darauf, Sie wären über den Standpunkt
der Partei der Arbeit Albaniens erstaunt. Das sagten Sie auf der
Beratung der 12 Parteien der sozialistischen Länder und auf der breiten
Beratung der über 50 Parteien. In Wirklichkeit
hatten wir Euch unseren Standpunkt bereits dargelegt, bevor wir auf der
Beratung der 12 Parteien sprachen. Ich hatte darüber mit Andropow
gesprochen. Als er Ihnen davon berichtete, beauftragten Sie Andropow,
den Albanern mitzuteilen, daß sie nachdenken sollten, um ihre Haltung
zu ändern.
ENVER
HOXHA: Das Zentralkomitee unserer Partei war mit der Bukarester Beratung
nie einverstanden. Ich war von Anfang an über alles auf dem laufenden,
was in Bukarest vorging.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Das ist nicht so wichtig. Es ist doch so, daß Ihr
auch vor Bukarest mit uns nicht einverstanden wart. Das habt Ihr uns
aber nicht gesagt. Wir betrachteten Euch hingegen als Freunde. Es ist
meine Schuld, daß ich Euch zu viel vertraut habe.
MEHMET
SHEHU: Ich bitte Genossen Chruschtschow, sich an unsere Besprechungen
vom Jahr 1957 zu erinnern. Wir sprachen zu Ihnen offenen Herzens über
alle Fragen, unter anderem über die Tätigkeit der jugoslawischen
Revisionisten. Sie hörten uns zu, standen dann nach einer Erwiderung
von Genossen Enver Hoxha auf und sagten zu uns: „Ihr wollt uns doch
nicht auf den Weg Stalins zurückführen!" Sie wußten also schon
damals, daß wir über die jugoslawischen Revisionisten anders denken
als Sie. Sie wissen das mindestens seit April 1957. Doch erinnern Sie
sich, daß wir, als Sie 1955 nach Jugoslawien reisen wollten, auf Ihren
Brief, in dem Sie vorschlugen, die Haltung gegenüber den jugoslawischen
Revisionisten zu ändern, geantwortet haben, diese Angelegenheit müsse
durch das Kominformbüro erörtert werden, und es müsse darüber
entscheiden.
A.
MIKOJAN: Ja, so war es.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ihr sagt, in der Sowjetunion seien junge, unerfahrene
Menschen an die Macht gekommen. Wollt Ihr uns vielleicht belehren?
ENVER
HOXHA: Nein, das ist nicht nötig. Das ist Eure innere Angelegenheit.
Wissen Sie aber, was Euer Botschafter gesagt hat? Unter anderem führe
ich nur eine die Armee betreffende Tatsache an. Er hat die Frage
gestellt, wem die albanische Armee treu bleiben werde. Das hat er zu
unseren Generälen auf dem Flughafen in Anwesenheit Eures Generals
gesagt. Unsere Offiziere antworteten, die albanische Armee werde dem
Marxismus-Leninismus, der Partei der Arbeit und dem Sozialismus treu
bleiben.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wenn der Botschafter so etwas gesagt hat, hat er eine
Dummheit begangen.
ENVER
HOXHA: Es ist aber eine politische Dummheit.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Es ist eine beliebige Dummheit.
A.
MIKOJAN: Drückte dieses Verhalten des Botschafters etwa unsere Linie
aus?
ENVER
HOXHA: Die Dummheit eines Dummen kann man einmal verzeihen, auch wenn
sie politischen Charakter hat, aber wenn sie sich öfter wiederholt,
dann ist es eine Linie.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ja, das stimmt.
ENVER
HOXHA: Euer Botschafter war ein Freund unserer Partei und von uns persönlich.
Er war bestimmt nicht dumm. Diese „Dummheit" hat er nach der
Bukarester Beratung begangen. Warum hat er vor Bukarest, in den drei
Jahren, die er in Albanien war, nicht solche „Dummheiten"
gemacht? Das ist verwunderlich.
A.
MIKOJAN: Es ist nicht verwunderlich, aber früher erhielt er von Euch
regelmäßig Angaben und hatte ein solches Benehmen Eurerseits nicht
erlebt.
ENVER
HOXHA: Mir scheint, Ihr habt gesagt, er hätte nichts davon gewußt, daß
es zwischen uns Meinungsverschiedenheiten gibt...
A.
MIKOJAN: Genosse Enver sagte, er habe früher Iwanow alles erzählt, später
aber nicht, daraus folgt die Veränderung im Verhalten des Botschafters.
Darüber haben wir uns schon unterhalten.
ENVER
HOXHA: Wenn wir uns schon darüber unterhalten haben, wie Mikojan sagt,
weshalb sitzen wir dann hier? Wenn wir, nachdem wir die Fragen
besprochen haben, sagen werden, daß wir mit Euch nicht einverstanden
sind, so könnt Ihr zu uns sagen, „darüber haben wir uns schon
unterhalten“.
A.
MIKOJAN: Wir haben doch den Botschafter zurückgerufen. Weshalb tretet
Ihr die Sache jetzt so breit?
ENVER
HOXHA: Gut, lassen wir den Botschafter, doch was Ihr über Albanien und
die Partei der Arbeit in Eurem Brief an die chinesischen Genossen
geschrieben habt, ist unerhört.
A.
MIKOJAN: Wir haben unsere Ansicht geäußert.
RAMIZ
ALIA: Ihr bezichtigt uns vor allen des Antisowjetismus. (Er ließt die
Seite 46 des Briefes vor).
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Das ist unsere Ansicht. Werdet nicht hitzig!
MEHMET
SHEHU: Ihr attackiert uns, und wir sollen nicht hitzig werden.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wir bedauern, was mit diesen Menschen geschehen ist? (Liri
Belishova und Koco Tashko) Ihr seid nicht einverstanden. Koco Tashko
habe ich nicht gekannt, vielleicht habe ich ihn schon zu Gesicht
bekommen, aber auch wenn Ihr mir ein Foto von ihm zeigt, werde ich mich
nicht erinnern.
ENVER
HOXHA: Wenn Sie ein Foto von ihm wollen, können wir es Ihnen schicken.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Die Belishova kenne ich weniger als Sie. Ich weiß, daß
sie Mitglied des Politbüros war. Sie erzählte uns über ihr Gespräch
in China, Kossygin hat das Genossen Mehmet bei seinem Aufenthalt in
Moskau gesagt. Als er es hörte, wurde er ganz blaß vor Wut. Sie war
eine mutige Frau, sie sagte uns offen, was sie fühlte. Es ist eine Tragödie.
Ihr habt sie ausgeschlossen, weil sie für die Freundschaft mit uns war!
Daher haben wir darüber in dem Dokument geschrieben.
ENVER
HOXHA: Sie bezeichnen also das, was hier in Eurem Material steht, als
richtig?
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ja.
ENVER
HOXHA: Hier gibt es zwei Dinge. Erstens sagt Ihr, daß wir ein Miglied
des Politbüros auf undemokratischem Weg ausgeschlossen haben. Wer hat
Euch das gesagt, daß es nicht nach den demokratischen Regeln und
leninistischen Normen erfolgt ist, sondern, wie Ihr es nennt, „nach
stalinistischen Methoden“? Zweitens, Ihr sagt, wir hätten sie wegen
Prosowjetismus ausgeschlossen, und daraus ergibt sich, daß wir
antisowjetisch sind. Können Sie uns das erklären?
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wenn Ihr bereits vorher mit der Absicht hergekommen
seid, keine Übereinkunft zu erzielen, sondern die Beziehungen zu
verschlechtern, dann sagt es gleich, damit wir keine Zeit verschwenden.
ENVER
HOXHA: Sie haben nicht auf unsere Frage geantwortet. Und dieses Material
haben Sie an alle Parteien verteilt.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: An die Parteien, an die die Chinesen ihr Material
verteilt haben.
ENVER
HOXHA: Auch wir haben unsere Ansicht, und sie entspricht Ihrer nicht.
Sie haben uns zwei-, dreimal schon die Frage gestellt, ob wir für die
Freundschaft oder für die Verschlechterung der Beziehungen sind. Wir
sind hierhergekommen, um die Freundschaft zu festigen. Ihr wollt aber
keinen einzigen Eurer Fehler einsehen. Ihr habt uns gegenüber Kritiken,
auch wir haben welche Euch gegenüber. Ihr habt uns intern und vor allen
anderen offen kritisiert. Ihr könnt auch noch andere Kritiken haben.
Sagt sie uns, auch wir werden sie sagen, damit unsere Zentralkomitees
Bescheid wissen. Das Zentralkomitee unserer Partei hat uns geschickt,
damit wir unsere Freundschaft festigen.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Ein Genosse von Euch hat unseren Militärs gesagt,
Chruschtschow sei kein Marxist.
ENVER
HOXHA: Im Zusammenhang mit der Frage der Militärs haben wir mit Euren
Genossen gesprochen. Welches Interesse haben wir daran, daß sich unsere
Militärs auf dem Stützpunkt von Vlora streiten: Ihr dagegen zieht
„Dokumente" hervor, ein Genosse von uns habe so und so gesagt.
Schaut lieber auf Eure Militärs. Ich habe Mikojan gesagt, daß Euer
Konteradmiral auf dem Militärstützpunkt in Vlora kein Konteradmiral
ist.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wenn Ihr wollt, können wir den Stützpunkt räumen.
ENVER
HOXHA: Dann ist das wahr, was Malinowski und Gretschko gesagt haben.
Wollt Ihr uns vielleicht drohen? Wenn das Sowjetvolk hört, daß Ihr den
Stützpunkt von Vlora räumen wollt, wo er doch dazu dient, Albanien und
die anderen sozialistischen Länder Europas zu verteidigen, wird es Euch
das nie verzeihen...
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Genosse Enver, nicht so laut!
ENVER
HOXHA: Wenn Ihr den Stützpunkt räumt, werdet Ihr einen großen Fehler
begehen. Wir haben auch ohne Brot und barfuß gekämpft, uns aber nie
jemandem gebeugt.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Die Unterseeboote gehören uns.
ENVER
HOXHA: Euch und uns, wir kämpfen für den Sozialismus. Das Gebiet des
Stützpunktes gehört uns. Über die Unterseeboote haben wir
unterschriebene Abkommen, die dem albanischen Staat Rechte zuerkennen.
Ich verteidige die Interessen meines Landes.
A.
MIKOJAN: Ihr Ton klingt so, als hätte Euch Chruschtschow nie etwas
gegeben. Ich habe bereits mit ihm über den Stützpunkt gesprochen.
Chruschtschow war nicht dafür, den Stützpunkt zu räumen. Ich habe ihm
gesagt, wenn unsere Offiziere sich mit den Albanern streiten wozu sollen
wir dann den Stützpunkt halten?!
MEHMET
SHEHU: Ihr habt uns als Feinde betrachtet. Auch hier in Moskau habt Ihr
uns beschatten lassen. Ihr wißt das genau. (gemeint sind die Abhöranlagen,
die die Sowjetrevisionisten versteckt, sowohl im Quartier der Delegation
der PAA in Moskau, Sartschje, als auch in den Büros der Botschaft der
VR Albanien in Moskau angebracht hatten)
ENVER
HOXHA: Wie die Frage hier gestellt wurde, können wir sie im Warschauer
Vertrag besprechen. Ich will sagen, daß Ihr an so etwas gedacht habt,
wir aber nicht. Dann sagt Ihr, „wenn Ihr wollt, können wir ihn räumen".
Auf dem Stützpunkt von Vlora haben stets gute Beziehungen zwischen den
Albanern und den Sowjets bestanden, erst nach der Bukarester Beratung
hat es einige durch Eure unkorrekten Offiziere verursachte Einzelfälle
gegeben. Wenn Ihr darauf besteht, können wir den Warschauer Vertrag
einberufen. Der Stützpunkt von Vlora aber gehört uns und wird uns gehören.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Sie erhitzen sich, sie haben mich bespuckt, mit Euch
kann man nicht reden.
ENVER
HOXHA: Sie sagen immer, wir seien Hitzköpfe.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Sie entstellen meine Worte. Kann der Dolmetscher
eigentlich russisch?
ENVER
HOXHA: Lassen Sie den Dolmetscher in Ruhe, er kann sehr gut Russisch.
Ich respektiere Sie, auch Sie müssen mich respektieren.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Macmillan hat so mit mir reden wollen. (Harold
Macmillan, britischer Premierminister von 1957 bis 1963, Redaktion
K-online)
MEHMET
SHEHU und HYSNI KAPO: Enver Hoxha ist nicht Macmillan, darum nehmen Sie
das Wort zurück.
N.
S. CHRUSCHTSCHOW: Wo soll ich es denn hinstecken?
MEHMET
SHEHU: Stecken Sie es in Ihre Tasche.
HYSNI
KAPO: (an die Genossen unserer Delegation gewandt: Ich bin nicht
einverstanden damit, die Gespräche so fortzusetzen.
(Genosse
Enver Hoxha und die anderen Genossen stehen auf und verlassen den Saal).
Erstmals
veröffentlicht in gekürzter Fassung im Band 19 laut dem im
Zentralarchiv der PAA befindlichen stenographierten
Text
Quelle:
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Der
sowjetisch-deutsche Vertrag
Ein
gefährliches Komplott gegen die Völker Europas und der ganzen Welt
Artikel
aus „Zeri i Popullit“, Zentralorgan der Partei der Arbeit Albaniens,
vom 22. August 1970
Die
langen Verhandlungen zwischen den sowjetischen Revisionisten und den
deutschen Revanchisten wurden vor kurzem in Moskau mit der
Unterzeichnung eines einfach „Vertrag zwischen der UdSSR und der
BRD“ genannten Paktes abgeschlossen. Nun will man in Moskau und in
Bonn gar nicht aufhören, die Glocken zu läuten, um „die Wendung“
in den sowjetisch-deutschen Beziehungen zu feiern und die „vernünftige“
Politik und „friedensbringende“ Rolle der Moskauer Führer und ihrer
westdeutschen Kollegen in den Himmel zu heben. Die Staatsführer beider
Länder, die Diplomaten, die Journalisten und alle Massenmedien wurden
in Bewegung gesetzt, um der Menschheit weiszumachen, der
sowjetisch-deutsche Vertrag kennzeichne das „größte historische
Ereignis“ in Europa nach dem 2. Weltkrieg, eine „echte Versöhnung“
zwischen den beiden großen Feinden sei zustandegekommen, für unseren
alten Kontinent sei nun endlich der Weg zu „dauerndem Frieden“
gebahnt worden. Man ist zugleich bemüht, die Gelegenheit auszunützen,
um den Völkern Europas und der Welt aufzuschwatzen, die größten Mächte
in Europa, die Sowjetunion und die Bundesrepublik Deutschland, würden
nicht nur die bestehenden Grenzen aller europäischen Länder als
unantastbar anerkennen und sich feierlich verpflichten, auf jede
Gewaltanwendung gegeneinander zu verzichten, sondern seien nun auch „höchste
Bürgen“, wie Kossygin sich ausdrückte, „für die Erhaltung der
Stabilität und der Ruhe auf dem europäischen Kontinent“.
Würde
man das nunmehrige sowjetisch-deutsche Abkommen von der Außen- und
Innenpolitik beider Länder losgelöst betrachten, würde man nur die
Buchstaben des Vertrages und nicht sein Wesen, seinen Geist betrachten,
so könnte man den schönen Worten vielleicht sogar glauben, die man
jetzt aus Moskau und Bonn zu hören bekommt. In Europa sind aber noch
nicht die Wunden der alten Illusionen verheilt, es leidet noch immer an
den Folgen des Glaubens an die „feierlichen“ Versprechungen und
Versicherungen der Vergangenheit und kann es sich daher nicht leisten,
wieder solchen Illusionen wie in den Dreißiger Jahren zu erliegen und
neuen hohlen Versprechungen Glauben zu schenken.
Sogar
Hitler hatte einmal erklärt, er werde niemals andere Länder angreifen,
er hatte mit allen Ländern, die er dann doch überfiel, sogar
„Nichtangriffspakte“ unterzeichnet - dennoch zögerte er keine
Sekunde, Österreich auszulöschen und Frankreich zu besetzen, sich eine
Reihe kleiner europäischer Länder einzuverleiben und die Sowjetunion
zu überfallen. Die europäischen Großmächte hatten sich damals vor
aller Welt, schriftlich und mündlich, verpflichtet gehabt, die
„bestehenden Grenzen“ der europäischen Staaten mit allen Mitteln zu
beschützen. Als es aber zum Handeln kam, billigten sie die Okkupation
Österreichs, unterzeichneten sie das Münchner Abkommen zur Aufopferung
der Tschechoslowakei, sahen sie ruhig zu, wie Albanien durch den
Faschismus überfallen wurde und so weiter.
Allgemein
betrachtet, stellt dieser Vertrag ein Abkommen zwischen den beiden neuen
imperialistischen Mächten dar, abgeschlossen im Rahmen der
sowjetisch-amerikanischen Globalstrategie, zur Festigung ihrer
Herrschaftspositionen und Einflussbereiche in Europa und um die
Schwertspitze ihrer Aggressionen nach Asien zu richten. Die Lösung der
Deutschlandfrage, eine der wichtigsten, umstrittenen Fragen, eine vom 2.
Weltkrieg hinterlassene und mit den Geschicken unseres ganzen Kontinents
eng zusammenhängende Schlüsselfrage, ist Gegenstand fortwährender
Sorgen der Völker Europas. Mit besonderer Aufmerksamkeit haben sie alle
positiven und negativen Schritte verfolgt, die in den vergangenen 25
Jahren auf diesem Gebiet getan wurden. In vieler Hinsicht diente die
Deutschlandfrage als ein Barometer, um den steigenden oder fallenden
politischen Luftdruck in Europa zu messen.
So
ergibt sich die Frage: Dient der zwischen Moskau und Bonn unterzeichnete
Vertrag der gerechten, richtigen Lösung der Deutschlandfrage und der
Gewährleistung wirklicher Sicherheit in Europa?
In
dem am 12. August 1970 in Moskau unterzeichneten Abkommen, wie auch in
den vielen Reden und Erklärungen der sowjetischen und westdeutschen Führer
zu diesem Ereignis wird von der Notwendigkeit des Abschlusses eines
Friedensvertrages mit Deutschland nicht nur keinerlei Erwähnung,
sondern nicht einmal die geringste Anspielung darauf gemacht. Das kann
doch kein Zufall sein!
Einst
haben Chruschtschow und auch die Führer, die heute in der Sowjetunion
am Ruder sind, fast jeden Tag erklärt, die Sowjetunion könne die
Unterzeichnung des Friedensvertrags mit den beiden deutschen Staaten
nicht länger hinausschieben, und sollte man in Bonn nicht wollen, so
werde man diesen Vertrag mit der DDR allein unterzeichnen. Sie sagten
damals, alles sei dazu bereit, man brauche bloß die Feder in die
Hand zu nehmen und die Unterschrift unter den Vertrag zu setzen.
Warum
aber haben die Herrschaften diese so große Sache, die eine der
Grundfragen der sowjetischen Außenpolitik darstellte, nun plötzlich
vergessen? Tatsache ist, daß die heutigen sowjetischen Führer in der
Deutschlandfrage und in der Frage des deutschen Friedensvertrages voll
und ganz vor Bonn kapitulierten. Sie gaben den „vollendeten
Tatsachen“ einfach den Segen, vor welche sie die Westmächte und die
Bundesrepublik stellten, nämlich die flagrante Missachtung der Beschlüsse
von Jalta und Potsdam, die Leugnung aller Ideale und Ziele, für welche
das sowjetische und alle antifaschistischen Völker gekämpft hatten,
die Vernichtung aller Hoffnungen, den deutschen Militarismus und
Revanchismus, diese ständige Quelle von Kriegen und Aggressionen in
Europa, ein für allemal mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Die
sowjetischen Revisionisten können niemand weismachen, daß das
Abkommen, welches sie mit Bonn unterzeichneten, einen Friedensvertrag
mit Deutschland ersetze. Die Frage dieses Friedensvertrags mit
Deutschland geht nicht nur die Sowjetunion an. Es handelt sich um eine
Schlüsselfrage für alle europäischen Staaten, die gegen den Nazismus
gekämpft haben. Hitlerdeutschland wurde von der großen
antifaschistischen Koalition zerschlagen und wie mit Italien hätte auch
mit Deutschland von allen am antifaschistischen Krieg teilnehmenden
Staaten ein Friedensvertrag unterzeichnet werden müssen. Erst der
Abschluss eines solchen Vertrages unter Teilnahme aller Staaten der
antifaschistischen Koalition kann eine richtige Lösung bringen. Diesen
Vertrag kann kein anderes, von wem auch immer abgeschlossenes Abkommen
ersetzen.
Die
gegenwärtige Haltung der sowjetischen Führerschaft in der deutschen
Frage verletzt aufs Schwerste auch die Interessen des deutschen Volkes
selbst, dessen Wunsch es war, das Joch des Militarismus und des
Revanchismus abzuschütteln und den wirklichen demokratischen und
friedlichen Weg der Verständigung und der Zusammenarbeit mit den
anderen Völkern Europas zu betreten. Das Abkommen, das die sowjetischen
Revisionisten mit Bonn abschlossen, lässt nicht nur diese Interessen
der antifaschistischen und demokratischen Kräfte in Deutschland völlig
außer acht, sondern bietet den heute in Bonn herrschenden
monopolistischen Kreisen Hilfe und Unterstützung, stellt ihnen ein
politisches „Leumundszeugnis“ von internationaler Tragweite aus, begünstigt
und ermutigt ihren reaktionären revanchistischen und expansionistischen
Appetit.
Die
Bildung der DDR war ein markanter Sieg für das ganze deutsche Volk, ein
Ereignis von historischer Bedeutung für alle Völker Europas. Die
Anstrengungen, welche die Deutschen selbst, sowie alle
antifaschistischen und fortschrittlichen Menschen, alle friedliebenden
und progressiven Kräfte der Welt gemacht haben, um die völkerrechtliche
Anerkennung der DDR als vollberechtigten Staat, vor allem durch die BRD,
aber auch durch die anderen Weststaaten, durchzusetzen, haben gezeigt,
daß diese Angelegenheit nach wie vor ein entscheidendes Fundament für
die Lösung der deutschen Frage bleibt. Vollkommen
mit Recht wurde die Anerkennung der DDR als eine mit der wirklichen
Sicherung des Friedens in Europa und mit der Bekämpfung der aggressiven
Pläne der imperialistischen Mächte, darunter auch Bonns, eng
verbundene Frage betrachtet.
Die
revisionistischen Kreml-Führer haben nun mit dem in Moskau
unterzeichneten Vertrag mit Bonn der DDR, ihrer polititischen Stellung,
ihrem Namen und ihrem internationalen Ansehen den Dolchstoß versetzt!
Bei
den Besprechungen zwischen Moskau und Bonn sowie im eben abgeschlossenen
deutsch-sowjetischen Vertrag wird die DDR von beiden Teilen nicht als
ein unabhängiger und souveräner Staat behandelt, dem gegenüber
niemand berechtigt ist, sich in seine inneren Angelegenheiten
einzumischen, sondern als ein Land, über das andere Staaten bestimmen
und dem man diesen oder jenen gemeinsamen Beschluss diktieren und auf-
zwingen kann. Die DDR wird von den sowjetischen Revisionisten faktisch
als ein Handelsobjekt betrachtet, als ein sowjetisches Faustpfand, mit
dem die Herren im Kreml machen können, was sie wollen, für sich
behalten, verpachten und verkaufen, ihm dieses oder jenes innere- und
internationale politische Statut auferlegen, seine Grenzen öffnen oder
schließen, usw.
Bis
vor kurzem forderten die sowjetischen Revisionisten noch die vollkommene
völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die BRD als Voraussetzung für
den Abschluss jeglichen Vertrages mit Bonn. Sie erklärten feierlich,
bei den sowjetisch - deutschen Besprechungen könne kein Resultat
erzielt werden, falls Bonn nicht auf die Alleinvertretungs-Anmaßung
verzichte, falls es nicht seine bisherige Politik der „Vereinigung“
Deutschlands, nämlich der Einverleibung der DDR, verwerfe. Aber von all
dem ist im jetzigen Vertrag keine Spur zu finden. Die Moskauer
Propaganda sucht diese Kapitulation ihrer Herren zu rechtfertigen, indem
sie beteuert, im Vertrag stehe doch, daß die Partner auch die Grenze
zwischen der Bundesrepublik und der DDR als unantastbar betrachten.
Diese allgemeine Bemerkung im Vertrag kann aber die Realität nicht
vertuschen.
Es
bleibt die Tatsache, daß die Bundesrepublik die DDR nicht anerkennt, daß
sie weiterhin den Anspruch erhebt, sie allein vertrete die ganze
deutsche Nation, daß sie die DDR bloß als ein Gebiet betrachtet, das
vorübergehend außerhalb ihrer Grenzen geblieben sei, daß aber wohl
die Zeit kommen und sich die Wege finden würden, sie wieder in den Schoß
des Vaterlandes „zurückzuführen“.
Diese
politische Linie und offizielle Haltung der Bundesregierung zur DDR
haben die sowjetischen Revisionisten öffentlich akzeptiert, indem sie
als offizielles Dokument und als Zusatz zum Vertrag die Note annahmen,
die Bonn am 12. August der sowjetischen Regierung übermittelte und in
welcher der so genannte „deutsche Wunsch“ ausgedrückt wurde, für
die „friedliche Wiedervereinigung“ Deutschlands zu „arbeiten“.
Tatsache
bleibt auch, daß eben zu der Zeit, da die sowjetischen Revisionisten
den westdeutschen Führern die größten Zugeständnisse machen, die
anderen imperialistischen Mächte mit den USA an der Spitze sich zwar
herabließen, die DDR zur Kenntnis zu nehmen, jedoch weiterhin Bonns
Haltungen und Absichten ihr gegenüber bis zuletzt verteidigen.
Dieser
ganze offensichtliche Kuhhandel hinter den Kulissen Moskaus und Bonns
zeigt, daß die DDR von den sowjetischen Revisionisten feilgeboten wird.
Ob sie sie, ihre Rechte leugnend, sie missachtend und erniedrigend, stückweise
oder im Ganzen verkaufen werden, das hängt noch von verschiedenen Umständen
ab. Tatsache ist aber, daß die Kreml-Führer, während sie den „Wünschen“
aller Bonner Revanchisten sehr entgegenkommen, sich den Wünschen der
DDR und des ganzen deutschen Volkes gegenüber als höchst gleichgültig
erweisen.
Im
sowjetisch-deutschen Vertrag wird zwar nichts davon erwähnt, die
westdeutschen Führer haben aber offen davon gesprochen, daß die
sowjetische Regierung sich verpflichtet hat, die „besonderen Rechte“
Bonns in Westberlin anzuerkennen. Einige haben sogar mitgeteilt, daß
die sowjetischen Revisionisten nunmehr akzeptiert haben, Westberlin als
Bestandteil der Bundesrepublik zu betrachten. Darüber hinaus haben die
sowjetisch-revisionistischen Führer offenbar die Aufgabe übernommen,
die DDR zu weitgehenden Zugeständnissen in der Frage Westberlins zu
zwingen, zu Zugeständnissen, die unmittelbar die Integrität und die
Souveränität der DDR berühren. Das ist ein weiterer Verrat der
sowjetischen Revisionisten am deutschen Volk und eine offene Ermutigung
der revanchistischen Zielsetzungen Bonns. Die Bedeutung des
sowjetisch-deutschen Vertrages liegt nicht so sehr in dem, was mit ihm
im Moment erreicht worden ist, sondern in seinen späteren
internationalen Folgen, in den Wegen, die er für die aggressiven Pläne
des sowjetisch-revisionistischen Imperialismus und des deutschen
Revanchismus bahnt: Im Zentrum Europas wird eine neue Allianz von
Imperialisten geschaffen, entsteht eine neue Achse, die früher oder später
neuen „Raum“ verlangen wird zum Schaden der Lebensinteressen der
anderen Völker, des Friedens und der Sicherheit in Europa.
Ziel
des Vertrages ist es, die Einflussbereiche der Großmächte zu
legitimieren und zu sichern, diesen im Voraus das Recht auf Intervention
bzw. das Versprechen zuzugestehen, jedem in seinem Bereich freie Hand zu
lassen.
Zwar
wird im Vertrag die „Unantastbarkeit der Grenzen“ erwähnt, gemeint
sind damit aber die Grenzen der Einflussbereiche, da ja die anderen
Grenzen sowieso unter der Drohung der Panzer der NATO bzw. des
Warschauer Paktes stehen.
Von
welcher Art der „Unantastbarkeit“ der Grenzen kann denn schon die
Rede sein unter Bedingungen, da die sowjetischen Revisionisten ihren
Satellitenländern gegenüber die Politik der „begrenzten Souveränität“
betreiben, und andererseits den USA auf Grund des Nordatlantikpaktes
gestattet ist, in die inneren Angelegenheiten der Partner einzugreifen,
so oft sie der Meinung sind, irgendwo sei eine Gefahr für deren
„politische
Unabhängigkeit“ oder deren „Sicherheit“ entstanden? Kann denn von
einer „Unantastbarkeit“ der Grenzen die Rede sein, wenn fremde
Truppen, sowjetische und amerikanische, in vielen Ländern Europas
stationiert sind und das Recht haben, dort ein und auszugehen, ohne sich
der Kontrolle von Seiten der Regierungen der betreffenden Länder
unterwerfen zu müssen? Vor zwei Jahren haben die sowjetisch
revisionistischen Truppen die Tschechoslowakei okkupiert. Würden sie
denn in einem anderen Fall eine solche Handlung nicht wiederholen, bloß
weil sie dabei die „Verpflichtungen“ behindern, die sie im Rahmen
des sowjetisch-westdeutschen Vertrags unterschrieben haben?
Im
Gegenteil! Der Vertrag macht klar, daß die Deutsche Bundesrepublik den
sowjetischen Revisionisten vorläufig freie Hand läßt, jenseits der
Elbe so zu handeln wie sie wollen, obgleich die Bonner Revanchisten
ihrerseits sich natürlich weiter bemühen werden, das revisionistische
Kaiserreich durch „friedliche Evolution“ zu unterhöhlen. Kein
Schacher zwischen imperialistischen Wölfen, also auch nicht zwischen
den sowjetischen Revisionisten und den deutschen Revanchisten, kann ohne
gegenseitige Zugeständnisse zustande kommen: Als Gegenleistung für die
Anerkennung der sowjetisch-revisionistischen Vorherrschaft im Osten
sichert sich Bonn daher von Moskau die Unterstützung seiner
wirtschaftlichen und politischen Expansion im westlichen Teil Europas.
Daher
haben bürgerlichen Zeitungen des Westens ganz offen und die Erklärungen
politischer Persönlichkeiten indirekt, die Befürchtung zum Ausdruck
gebracht, daß die im Vertrag verankerte und damit gefestigte
sowjetisch-westdeutsche Zusammenarbeit dem Bonner Staat die Möglichkeit
geben wird, außer der wirtschaftlichen auch die politische Überlegenheit
im Gemeinsamen Markt zu gewinnen, und allmählich zur vorherrschenden
Kraft in diesem Räume zu werden. Sie spüren, daß Bonns „Neue
Ostpolitik“ und die gründliche Änderung in der Haltung der
sowjetischen Regierung zum deutschen Problem der Stärkung des deutschen
Revanchismus und den expansionistischen Plänen der sowjetischen
Revisionisten dienen. Sie spüren, daß die sowjetisch-westdeutsche
Zusammenarbeit direkt ihre nationalen Interessen und die Interessen des
Friedens in Europa antastet. Vorläufig gehen sie aber nur so weit,
Bedenken und Sorgen zu äußern. Obwohl die Geschichte, der nicht
allzufernen Vergangenheit gezeigt hat, daß der deutsche Militarismus
niemals auf halbem Wege stehen bleibt, bzw. die Okkupation der
Tschechoslowakei keinen Zweifel mehr bezüglich der Pläne der
sowjetischen Revisionisten lässt, glauben die machthabenden bürgerlichen
Kreise in Europa, daß der deutsche und der sowjetisch-revisionistische
aggressive Drang eingedämmt werden könne mit einigen politischen Manövern
oder mit der Spekulation auf die zwischen ihnen bestehenden
Widerspruche. So glauben beispielsweise viele Politiker im Westen, daß
der aggressiven sowjetisch-deutschen Zusammenarbeit mit der
Aufrechterhaltung des amerikanischen Einflusses und der amerikanischen
Positionen in Westeuropa entgegengetreten werden könne; andere erhoffen
die Möglichkeit, dieser Gefahr zu entgehen, vom Abschluss eines
allgemeinen Abkommens über die „europäische Sicherheit“, in dem
sich die Staaten formell verpflichten sollten, einander zu respektieren.
So oder so würde dadurch in Europa aber die Herrschaft der beiden
imperialistischen Großmächte in ihren Einflussbereichen sanktioniert
und ihnen die Möglichkeit gelassen werden, auf die kleineren,
wirtschaftlich und militärisch schwächeren Länder einen Druck auszuüben.
Andererseits würde keinerlei formelles Abkommen imstande sein, ohne
Ergreifung effektiver Maßnahmen die deutsche Expansion aufzuhalten.
Eine
„europäische Sicherheit“, die nicht gegen den amerikanischen
Imperialismus und nicht gegen den sowjetischen Revisionismus gerichtet wäre,
die nicht den deutschen Revanchismus bekämpfen würde, würde nicht die
Sicherheit Europas, sondern dessen Versklavung sein.
Die
sowjetischen Revisionisten schlagen jetzt einen großen Propagandalärm,
um ihr Abkommen mit Brandt als einen wichtigen Beitrag zur „Sicherheit
Europas“ hinzustellen. Das ist eine freche Irreführung, ein großer
Schwindel. Mit solchen Losungen wollen sie die Aufmerksamkeit der Völker
Europas von der tatsächlichen Lage der Dinge auf ihrem Kontinent
ablenken, sie wollen damit die gefährliche Situation vertuschen, die
durch ihr imperialistisches Regime in Osteuropa und durch ihre
aggressiven Machenschaften in anderen Teilen der Welt entstanden ist.
Unter
„europäischer Sicherheit“ verstehen sie nur ihre eigenen
Interessen, die Sicherung der Ruhe in ihrem Hinterland, die Sicherung
ihres Rückens und ihrer Flanken in Europa, um ihre Kräfte nach Asien
zu richten und gegen andere Gebiete, die in ihren aggressiven Plänen
inbegriffen sind.
Das
deutsch-sowjetische Abkommen passt in mehrerer Hinsicht auch mit
Washingtons Globalpolitik zusammen. Genau so wie die sowjetischen
Revisionisten wollen auch die US-Imperialisten ihre gegenwärtigen
Stellungen in Europa konsolidieren, die „Ruhe“ auf diesem Kontinent
und den Frieden mit den hier wirkenden Imperialisten bewahren, um ihre
Kräfte nach Asien zu verlegen, wohin ihre Aggression und Expansion
derzeit hauptsächlich zielt. Die „Entschärfung“ bzw. Regulierung
der deutschen Frage auf der Basis zumindest des gegenwärtigen Status
quo passt den beiden imperialistischen Weltmächten ins Konzept und
entspricht den derzeitigen Erfordernissen ihrer auf Weltherrschaft
gerichteten Strategie. Das zwischen Moskau und Bonn abgeschlossene
Abkommen berührt nicht die bestehenden Einflussbereiche in Europa, im
Gegenteil, es legitimiert sie sogar. Darüber hinaus bahnt es den Weg
zur Beseitigung der amerikanisch-sowjetischen Konfrontation in
Deutschland und in Europa, die im Verlauf der geschichtlichen
Entwicklung entstanden ist, jedoch jetzt, unter den Bedingungen der
sowjetisch-amerikanischen Allianz, eine Last wird, die ihre gemeinsamen
aggressiven Pläne behindert.
Es
darf daher für die Völker Europas keinen Platz für Illusionen geben.
Sie dürfen keineswegs zulassen, daß sie dem Propagandarummel der
sowjetischen Revisionisten, der Brandt und Scheel und ihrer
amerikanischen Partner erliegen. Sie dürfen nicht den Kapitulanten und
jenen glauben, welche die trügerische Hoffnung verbreiten, daß die
sowjetisch-westdeutsche Annäherung und das jetzige Abkommen echte
Entspannung bringen und wirklich die Kriegsgefahr in Europa bannen könnten.
Die
Geschichte hat es so nachdrücklich bewiesen, daß es sich fast erübrigt,
noch einmal zu betonen, daß die Versöhnung mit dem deutschen
Revanchismus und das Nachgeben ihm gegenüber für die Völker Europas
eine Katastrophe wäre.
Viele
Politiker der Vergangenheit haben sich bemüht, die Aggressoren von
ihren Ländern abzulenken, indem sie ihnen gegen andere Länder, gegen
den Osten freie Hand ließen, ihnen dazu sogar noch Hilfe und Unterstützung
gaben. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß die Aggressoren sich
nicht die geringsten Sorgen um die „europäische Zivilisation“
machten und in erster Linie gerade Europa verwüsteten. Auch die neuen
Aggressoren, ob US-Imperialisten, sowjetische Revisionisten oder andere,
werden zweifellos vorerst Europa zu unterwerfen trachten, seinen Völkern
die nationale Freiheit und Unabhängigkeit rauben und jede revolutionäre
und demokratische Bewegung hier zu erdrosseln suchen. In der Tat ist die
Berufung auf die so genannte „europäische Sicherheit“ nur
Deckmantel des Strebens der amerikanischen Imperialisten und der
sowjetischen Revisionisten, eine solche knechtende „Befriedung“
Europas zu erreichen. Auf unserem Kontinent kann der Frieden niemals
losgelöst von der internationalen Lage, niemals isoliert von dem
betrachtet werden, was um uns geschieht. Wie kann es in Europa eine
Sicherheit geben, wenn im Nahen Osten, die Aggression weitergeht, wenn
die amerikanischen und sowjetischen Truppen in allen Teilen Europas ihre
Militärstützpunkte und Kriegsbasen haben, wenn ihre Schlachtschiffe
drohend im Mittelmeer kreuzen, wenn die amerikanischen Aggressoren die
Flammen des Krieges über die ganze indochinesische Halbinsel verbreitet
haben, wenn die sowjetischen Imperialisten China mit einem Feuerring
umzingeln und den Krieg gegen dieses Land vorbereiten?
Die
Brandherde des imperialistischen Krieges haben sich schon früher überaus
rasch vermehrt und verbreitet, sie tun das erst recht heute, da alle
Entfernungen zusammengeschrumpft sind und die Isolation des einen
Weltteils von den übrigen praktisch unmöglich geworden ist. Der
einzige reale Rettungsweg für die europäischen Völker ist es, sich
gegen den amerikanischen Imperialismus, gegen den sowjetischen
Revisionismus und gegen den deutschen Revanchismus in einer
antiimperialistischen Front zu vereinigen, um den
„Einflussbereichen“ und den anderen Formen der imperialistischen
Vorherrschaft über die europäischen Länder ein Ende zu bereiten.
Das
sowjetisch-deutsche Abkommen wird, allen Bemühungen seiner Urheber zum
Trotz, ihre Widersprüche beizulegen und daraus imperialistische
Vorteile zu schlagen, niemals die von ihnen erwünschten Ergebnisse
zeitigen. Sicherlich, dieses Abkommen wird einige Wunden der
sowjetischen Revisionisten und der deutschen Revanchisten heilen helfen,
es wird zugleich aber neue Wunden aufreißen, nicht kleinere und nicht
weniger schmerzliche. Der Abschluss des Vertrages wird unvermeidlich das
Eindringen des westdeutschen Imperialismus in die revisionistischen Länder
verstärken, was Moskaus Einfluss auf sie zwangsläufig schwächen wird.
Bisher
diente den sowjetisch-revisionistischen Führern der deutsche
Revanchismus als Argument für Maßnahmen zur Verstärkung ihrer
Herrschaft in den Satellitenländern, für die Stationierung ihrer
Truppen in diesen Ländern, für die Vergrößerung von deren
wirtschaftlicher Abhängigkeit usw.
Werden
die sowjetischen Führer die revisionistischen Cliquen dieser Länder
jetzt aber noch hindern können, dem nachzueifern, was sie selber so
hemmungslos tun, nämlich auch ihrerseits die Brücken zu
Westdeutschland und zum Westen überhaupt zu erweitern? Muss dies aber
nicht den Einfluss der sowjetischen Revisionisten schwächen, werden
sich dadurch nicht die zentrifugalen Kräfte in ihrem Machtbereich
mehren und werden auf dieser Basis nicht neue Reibungen und Konflikte
entstehen?
Nach
der sowjetisch-westdeutschen Annäherung wird es auch in Westeuropa neue
Entwicklungen geben. Das Erstarken Bonns wird unvermeidlich auf den
Widerstand seiner anderen Partner stoßen, auf den Widerstand all jener,
welche die deutsche Vorherrschaft fürchten. Auch wird die Tatsache, daß
Bonn bald anfangen wird, so aufzutreten, wie es sich das aufgrund seiner
stärkeren Stellung und seiner gestiegenen Kraft in Westeuropa zumutet,
Beunruhigung erwecken. Die Bedenken, die das Abkommen schon jetzt in
gewissen Kreisen von Paris, London, Washington und anderswo auslöste,
sind dafür symptomatisch.
Zwischen
den Imperialisten gibt es fortwährend Widersprüche, die niemals aufhören,
sondern zunehmen und sich vertiefen.
Ein
jeder Teil sucht die eigenen Positionen nicht nur zu bewahren, sondern
sie zum Schaden der anderen auszubauen. Jeder solche Schritt der einen
Seite hat daher Gegenmaßnahmen der anderen Seite zur Folge.
Vorläufig
haben die US-Imperialisten im allgemeinen gegen die Öffnung
Westdeutschlands zum Osten hin nichts einzuwenden, schon weil das die
Sowjetunion sowohl politisch als auch ökonomisch schwächen wird.
Andererseits bedeutet das aber unweigerlich ein Erstarken
Westdeutschlands, das als Hauptpartner der USA in der NATO und als die
Hauptschlagkraft dieses Paktes, auch mit amerikanischer Unterstützung
seine wirtschaftliche, politische und militärische Macht weiter
steigern wird. Unter solchen Umständen aber wird der deutsche
Imperialismus seine Hände nicht einfach in den Schoß legen, er wird
seine Kraft zunehmend gebrauchen, um jemand anderen zu verdrängen. Das
heißt, es gibt auf weitere Sicht auch keinerlei Garantie dafür, daß
die westdeutschen Imperialisten den US-Imperialisten immer gestatten
werden, in Westeuropa die erste Geige zu spielen. Neue Situationen
werden entstehen, die Wege zu Gegenmaßnahmen und zu Zusammenstößen
werden sich öffnen, und wir können in weiterer Zukunft Zeugen von vorläufig
nicht vorherzusehenden Ereignissen werden.
Was
das albanische Volk betrifft, verurteilt es das neue imperialistische
Abkommen zwischen Bonn und Moskau auf das Entschiedenste und brandmarkt
es als ein Komplott, das gegen die Souveränität aller Staaten Europas
und gegen die Völker der ganzen Welt gerichtet ist. Als aktiver
Streiter im Kampf gegen den Nazismus wird das albanische Volk nach wie
vor für die richtige Lösung der Deutschland-Frage kämpfen, es wird
entschieden und prinzipienfest die souveränen Interessen der DDR
verteidigen. Nach wie vor wird es den Kampf aller, europäischen Völker
für die tatsächliche Verteidigung
des
Friedens und für wirkliche Sicherheit in Europa, den Kampf gegen die
heimtückischen Komplotte der Imperialisten aller Sorten und
Schattierungen, ob amerikanische Imperialisten, sowjetische
Revisionisten oder deutsche Revanchisten, entschlossen unterstützen. |