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Gramsci
und wir
Von
Hannes Fellner (Wien)
Quelle:
Kominform
Wien
„Je tiefer die Krise des Kapitalismus, je erbitterter und
komplizierter der ideologische Kampf, je stärker Versuchungen zu
'dritten Wegen', Umwegen und Ausflüchten, desto häufiger werden - ganz
verlässlich - auch Versuche, hervorragende Revolutionäre noch als
'Zeugen' gegen ihre revolutionäre Sache zu zitieren.“ [1]
In
der heutigen Zeit, in welcher der Streit um marxistisch-leninistische
Positionen innerhalb der Arbeiterbewegung eine immer gewichtigere Rolle
erlangt, die Auseinandersetzung um wissenschaftlichen Sozialismus selbst
innerhalb kommunistischer Parteien entbrannt ist, dessen Ausgang die
Zukunft der Arbeiterbewegung im allgemeinen, die der kommunistischen
Bewegung im besonderen bestimmen wird, müssen wir mit aller
ideologischer Konsequenz gegen die Vereinnahmung unserer Denker, ihres
Vokabulars und ihrer begrifflichen wie ideologischen Vergewaltigung
durch die Priester und Prediger alter und neuer Dritter Wege vorgehen.
Wenn
Vertreter einer sogenannten europäischen transformatorischen erneuerten
Linken den Namen Antonio Gramscis für eine zu schaffende
„Bildungseinrichtung“ urgieren, dann ist es hoch an der Zeit, dem
Missbrauch und der Entstellung des Werkes Gramscis ideologisch aufs schärfste
Paroli zu bieten. Die bewussten wie unbewussten Entstellungen des Werkes
Gramscis haben letztlich nur den nämlichen Zweck: „Den Leninisten Gramsci in Gegensatz zum Leninismus, zur
Kommunistischen Internationale zu bringen, zu deren markantesten
Vertretern er zählte.“[2]
Ein
Begriff zieht sich wie der sprichwörtliche rote Faden durch das
umfangreiche und vielfältige Werk Antonio Gramcis. Die
wissenschaftliche Analyse dieses Begriffes bei Gramsci, vor allem aber
die politisch-ideologische und praktische Bedeutung für den
Marxismus-Leninismus desselben sowie der ihm zukommenden Realität
sollten in der derzeitigen Etappe des Klassenkampfes für kommunistische
Parteien ein gewichtige Rolle spielen. Es handelt sich um den Begriff
Hegemonie. Das Wort Hegemonie stammt vom Griechischen hegéomai, was
soviel wie „führen, Wegweiser sein, vorangehen“ bedeutet. In dieser
Weise versteht es Antonio Gramsci und in diesem Sinne ist für ihn der
Kampf um die Hegemonie des Proletariats von zentraler Bedeutung.
„Das
Proletariat kann in dem Maß zur führenden und herrschenden Klasse
werden, wie es ihm gelingt, ein System von Klassenbündnissen zu
schaffen, das ihm gestattet, die Mehrheit der werktätigen Bevölkerung
gegen den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu mobilisieren
[...]. Die Frage der Hegemonie des Proletariats ist die Frage der
sozialen Basis der proletarischen Diktatur und des Arbeiterstaates.[3]“
Ohne Hegemonie des Proletariats kann es nach Gramsci keine
Massenbewegung gegen den Kapitalismus, ohne Hegemonie keine Revolution,
ohne Hegemonie letztlich auch keine Aufrechterhaltung des Sozialismus.
Gramsci
knüpfte unmittelbar an die theoretischen Arbeiten Lenins und die
praktische Erfahrung der Bolschewiki sowohl vor als auch nach der großen
sozialistischen Oktoberrevolution an.
„Bewusst
stellt er sich in die Tradition Leninschen Denkens. [Er] selbst
definierte einmal den Leninismus als 'Lehre von der Hegemonie des
Proletariats'“ [4] Die Erfahrung der Oktoberrevolution auswertend
und auf der theoretischen und methodischen Basis des
Marxismus-Leninismus fußend, vertieft Gramsci die wissenschaftliche
Erkenntnis von der Partei neuen Typs, welche für ihn das unerlässliche
Mittel zur Erringung der Hegemonie der Arbeiterklasse darstellt. Eine
avantgardistische Partei, bestehend aus den bewusstesten Teilen der
Arbeiterklasse, die es versteht, wissenschaftliche Weltanschauung mit
revolutionärer Tat zu verbinden und an allen Orten der Gesellschaft
praktisch und theoretisch tätig zu sein. „Eine
revolutionäre Partei die nicht in Massenbewegung aufgeht, sondern
richtungsweisend, vorantreibend in ihnen wirkt.“ [5] In dieser
Hinsicht sind die Kommunisten und Kommunistinnen Russlands für Antonio
Gramsci vorbildlich und richtungsweisend.
„Die
einzige Partei, die sich vor der Degenerierung rettete, ist die Partei
der Bolschewiki, der es gelang, sich an die Spitze der Arbeiterbewegung
des eigenen Landes zu behaupten, weil sie aus ihren Reihen die
antimarxistischen Strömungen ausschloss und mit Hilfe der Erfahrungen
aus drei Revolutionen den Leninismus ausarbeitete, der der Marximus der
Epoche des Monopolkapitals, der imperialistischen Kriege und der
proletarischen Revolution ist [...]“ [6] Gramsci ist sich der
Tatsache bewusst, dass die Bolschewiki aufgrund einer andersgearteten
Situation andere Bedingungen aber auch Möglichkeiten des Kampfes
vorfanden als die revolutionären Parteien der hochentwickelten
kapitalistischen Länder.
„In
Mittel- und Westeuropa hat die Entwicklung des Kapitalismus nicht nur
zur Bildung von breiten proletarischen Schichten geführt, sondern auch
gerade deshalb eine Oberschicht, die Arbeiteraristokratie, mit ihren Anhängseln,
der Gewerkschaftsbürokratie und der sozialdemokratischen
Parlamentsfraktion, geschaffen. Das bestimmende Moment, das in Russland
direkt war und die Massen auf die Straße zum revolutionären
Sturmangriff trieb, komplizierte sich in Mittel- und Westeuropa durch
all diese vom entwickelten Kapitalismus geschaffenen Überbauten, macht
die Aktion der Massen langsamer und vorsichtiger und erfordert daher von
der revolutionären Partei eine weitaus komplexere und langfristigere
Strategie und Taktik als die, welche in der Zeit zwischen März und
November 1917 für die Bolschewiki notwendig war.“[7]
Gramscis
großes Verdienst liegt nun darin die Theorie der Hegemonie des
Proletariats auch auf gänzlich andere Kampfbedingungen auszudehnen.
Diese komplexere und langfristigere Strategie und Taktik nannte er
„Stellungskrieg“. Um diesen Stellungskrieg zu gewinnen, waren für
ihn zwei Dinge unerlässlich: Eine revolutionäre Partei der
Arbeiterklasse, sowie die durch sie durchgeführte Analyse und Ergründung
eben jener Überbauten, welche neben dem Gewaltapparat des Staates die
kapitalistischen Verhältnisse erhalten und stabilisieren. Der Staat ist
für Gramsci „Hegemonie gepanzert durch Zwang“ [8], das heißt, „dass
das Supremat einer sozialen Gruppe sich in zweierlei Art darstellt, als
'Herrschaft' und als 'geistige und moralische Führung'. Eine soziale
Gruppe ist herrschend gegenüber gegnerischen Gruppen, die sie selbst
mit bewaffneter Gewalt zu 'liquidieren' oder zu unterwerfen sucht, und
sie ist führend gegenüber benachbarten und verbündeten Gruppen.“
[9]
Gramsci
weiß, wie Marx und Engels einige Jahrzehnte zuvor herausarbeiteten,
dass „die Klasse, die die Mittel
zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, [...] damit zugleich
über die Mittel zur geistigen Produktion [disponiert], so dass ihr
damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur
geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.“ [10] Die bürgerliche
Hegemonie, welche aus den ökonomischen Strukturen erwächst, ist der
Durchschnitt, die Regel. Worin diese bürgerliche Hegemonie genau
besteht, gilt es für ihn herauszufinden, die Bewegungsgesetze der bürgerlichen
Gesellschaft (societa civile!), „dem
untersten Stockwerk des Überbaus zwischen Staat und ökonomischer
Struktur“ [11] offenzulegen.
In
diese Zivilgesellschaft einzudringen, ohne in ihr aufzugehen (sic !),
sich in ihr bewegen können, ohne sich zu verirren (!), sie zu formen,
ohne selbst geformt zu werden (!), sie zu nutzen, ohne von ihr benutzt
zu werden (!), ist für Gramsci jene Aufgabe, die eine revolutionäre
Partei und ihre Mitglieder im Stellungskrieg zu bewältigen hatten, hätten
und haben. Aber um diese äußerst schwere Aufgabe bewältigen zu können
und „um in einem System von Bündnissen
politisch, moralisch, ideologisch führend zu werden, bedarf es für die
Arbeiterklasse der Ergründung möglichst aller Elemente, mit deren
Hilfe die herrschende Klasse das Bewusstsein der Menschen beeinflusst,
formt und deformiert: von Parteien, der Kirche, den Schulen, den
besonders dynamischen Medien, über Vereine bis hin zu Theatern,
Bibliotheken, bis zur Architektur, der Anlage von Straßen und deren
Namen. Dazu bedarf es der Entwicklung der Fähigkeiten, das Aufgreifen
und die Vertretung berechtigter mannigfaltiger Interessen im Kampf
zumindest an den wichtigsten Frontabschnitten mit Bewusstseinbildung zu
verknüpfen, um bestehen und siegen zu können.“ [12]
So
wäre es möglich, die bürgerliche Hegemonie zu brechen, das wäre die
Durchbrechung der Regel, die zu einschneidenden Änderungen führen
kann. Diese Möglichkeit des Durchbrechens bürgerlicher Hegemonie auch
in einem kapitalistischen Land liegt ebenso wie die Regel der bürgerlicher
Hegemonie in den „objektiven
Widersprüchen in der Basis, die sich nie unmittelbar, direkt im Überbau
widerspiegeln; aus Konflikten, die sich keineswegs von selber aufheben,
sondern im Überbau, in Klassenkämpfen, im Ideenstreit bis zur
Entscheidung ausgetragen werden müssen.“ [13] Aber für Antonio
Gramsci war Hegemonie der Arbeiterklasse kein Zaubermittel. „Eine
soziale Gruppe kann, ja, sie muss führend sein, bevor sie die
Regierungsmacht (dies ist eine grundsätzliche Bedingung zur Eroberung
der Macht); danach, wenn sie die Macht ausübt, und auch, wenn sie sie
fest in den Händen hält, wird sie herrschen, aber sie muss weiterhin
'führend' bleiben.“ [14] Die Hegemonie ersetzt die Revolution
nicht, sie schafft Voraussetzungen und die dafür nötige soziale Basis,
sie ist aber nicht gleichbedeutend mit der Entmachtung des Gegners, sie
ist nicht der Sieg. „Jede Umwälzung
-, ob antimonopolistisch oder sozialistisch - setzt voraus, dass die
Arbeiterklasse geführt von einer starken, revolutionären Partei zur
politisch, ideologisch, moralisch führenden Kraft im Volk wird, anders
gesagt, 'Hegemonie' erringt. Das ist die Voraussetzung für jede Umwälzung.
Doch die Erringung der Hegemonie ist noch nicht gleichbedeutend mit der
politischen und ökonomischen Entmachtung des Gegners. So lange das
Kapital über Machtpositionen in Staat, Wirtschaft und Massenmedien verfügt,
wird es mit ihrer Hilfe trachten, Zwietracht im Volk zu säen, zu
verwirren, zu korrumpieren, zu entsolidarisieren, einzuschüchtern und -
wenn möglich - zu terrorisieren, um die Arbeiterklasse zurückzuwerfen.“
[15]
Aber
auch die Herrschaft der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten ersetzt
nicht die Notwendigkeit weiter in einem System von Bündnissen, in der
Zivilgesellschaft tätig zu sein. Die soziale Basis der Revolution muss
verbreitert werden, die Massen müssen gebildet, geschult und bewusster
werden, um den Aufbau der sozialistischen Ökonomie, des sozialistischen
Staates und der sozialistischen Zivilgesellschaft in der sozialistischen
Klassengesellschaft zu gewährleisten, voranzutreiben und zu
verteidigen. Die zentrale und führende Rolle kommt auch und gerade im
Sozialismus einer starken revolutionären avantgardistischen Partei zu,
die es versteht, neben der Lenkung der Ökonomie und des Staates in
allen Bereichen der Zivilgesellschaft aktiv zu sein ...
Grascis
Methoden und Analysen sind für uns in der heutigen Zeit meines
Erachtens wichtiger denn je. In den Zeiten verschärfter Klassenkämpfe
von oben, ist es unerlässlich, zu wagen Hegemonie wo immer es geht
aufzubauen. Eine starke revolutionäre avantgardistische Partei ist
daher notwendig. Sie muss permanent erkämpft, verteidigt und auf
Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus weiterentwickelt werden. Für
jede Kommunistin und jeden Kommunisten stellt sich persönlich die
Aufgabe am Kampf um die Hegemonie in allen Bereichen des Lebens
teilzunehmen und denselben voranzutreiben. Auch innerhalb „transformatorischer“
Parteien stellt sich die Frage der Hegemonie, hier muss sie ebenfalls
mit aller Konsequenz und viel Geduld erkämpft werden.
In
der heutigen Zeit, in der die Krise des Kapitalismus immer deutlicher
zutage tritt und spontan massenhaft Bewusstsein entsteht, z.B. in Form
der Globalisierungsbewegung, haben wir als Kommunistinnen und
Kommunisten die historische Aufgabe, überall - sei es innerhalb oder außerhalb
großer Bewegungen - fortschrittliches Bewusstsein zu schaffen und zu fördern.
Der
Missbrauch Gramscis als Lieferant für intellektualistische Spielerei
und Spinnerei oder seine Entstellung zum Verfechter irgendeines dritten
Weges zeigen deutlich, wie wichtig es ist, marxistisches Erbe zu
bewahren, zu hegen und zu pflegen, zu verteidigen und
weiterzuentwickeln.
Das
Streiten um Hegemonie in der Zivilgesellschaft umfasst nicht zuletzt und
gerade auch die Gebiete der Kultur und Kunst. Nie galt es mehr, als in
Zeiten zunehmender Dekadenz, einerseits die Tradition fortschrittliche bürgerliche
Kultur und Kunst aufzuheben und andererseits revolutionäre Gegenkultur
und Gegenkunst zu entwickeln, zu entfalten und ihr zur Hegemonie zu
verhelfen. Dies schließt durchaus auch eine entschlossene und
konsequente Auseinandersetzung mit all jener Kultur und Kunst ein,
welche sich als fortschrittlich gebärdet, fortschrittliche Begriffe
verwendet und Fortschritt vorgaukelt, in Wirklichkeit jedoch Apologie bürgerlicher
Dekadenz und Morbidität und oft sogar fortschrittsfeindlich ist. Ähnliches
gilt auch auf dem Gebiete der Human- und Sozialwissenschaften.
Die
Hegemonie ist meines Erachtens auch eine zentrale Frage im Hinblick auf
den vergangenen sowie den zukünftigen Sozialismus. Hätten die
Bolschewiki nicht die Hegemonie gehabt, wäre die Oktoberrevolution
nicht zustande gekommen. Hätte die KPdSU nicht die Hegemonie gehabt, wären
die schweren Zeiten der Intervention, des Bürgerkrieges und der
Industrialisierung nicht bewältigt worden - wäre der Sozialismus in
einem Land nicht möglich gewesen. Hätte die KPdSU nicht die Hegemonie
gehabt, hätte die SU nicht sich selbst und anschließend weite Teile
Europas vom Faschismus befreien können.
Das
Fehlen der Hegemonie war aber auch mit ein Grund, dass die SU
scheiterte. Und bei der für Marxisten nach wie vor ausstehenden, tatsächlichen
Analyse dieses Scheiterns kann das Studium Gramscis große Dienste
leisten, sowohl für historisches Begreifen und historische Analyse als
auch für das Lernen daraus.
Anmerkungen:
[1]
Wimmer, Ernst: Staat und Demokratie. Dritter Weg oder Revolution?,
Globus Verlag Wien 1982, S. 70
[2]
ibid. S. 71
[3]
Gramsci, Antonio: Die süditalienische Frage, Dietz Verlag Berlin 1955,
S. 8
[4]
Wimmer, Ernst: Staat und Demokratie. Dritter Weg oder Revolution?
A.a.O., S. 70
[5]
ibid. S. 74
[6]
Gramsci, Antonio: Zur Politik, Geschichte und Kultur, Frankfurt 1980, S.
150
[7]
ibid. S. 345
[8]
ibid. S. 343
[9]
Antonio Gramsci - vergessener Humanist . Anthologie 1917 - 1936 S.,
Dietz Verlag Berlin 1991, S. 78
[10]
MEW Bd. 3, S. 46
[11]
Spriano, Paolo (Hrsg.): Antonio Gramsci: Scritti politici. Bd. 2, Rom
1978, S. 121
[12]
Wimmer, Ernst: Staat und Demokratie. Dritter Weg oder Revolution?
A.a.O., S. 70
[13]
ibid. S. 77
[14]
Antonio Gramsci - vergessener Humanist, a.a.O., S. 78
[15]
Programm der KPÖ 1984
Siehe
auch:
Helmuth
Fellner: Zivilgesellschaft - Gramsci und die politische Korrektheit
zurück |
|
Zivilgesellschaft
- Gramsci und die politische Korrektheit
Von
Helmuth Fellner (Wien)
Quelle:
Kommunistische-Initiative
Wien vom 24.01.2006
Am 23. Jänner
1891 wurde der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens,
Antonio Gramsci in Ales auf Sardinien geboren. Sein 115. Geburtstag wird
von der revisionistischen Linken benützt, um ihn neuerlich in Stellung
gegen den Marxismus-Leninismus zu bringen und ihn als Architekten des
heutigen „Zivilgesellschafts“geschwätzes darzustellen. Aus
aktuellem Anlaß ein Beitrag, den Helmuth Fellner zu diesem Thema im
Jahr 2003 verfaßte:
In
jüngster Zeit geistert immer häufiger ein Begriff durch die
Politlandschaften: die „Zivilgesellschaft“. Ob es um Vertreter einer
bürgerlichen political correctness, um sozialdemokratische
Parlamentshinterbänkler oder um friedensbewegte Christen handelt, alle
zitieren und strapazieren den Begriff so exzessiv, dass er sich schon
fast in die Riege modischer, politischer Unwörter wie Projekt, Diskurs,
Diskussionsansatz.... einreiht.
Marxisten, denen das Gerede von der „Zivilgesellschaft“ schon allmählich
zum Halse raushängt, möchten den Begriff schon fast aus ihrem
Vokabular zu streichen. Das wäre schade, denn als analytische Kategorie
könnte er durchaus von Nutzen sein. Vorausgesetzt, man einigt sich auf
eine einigermaßen klare Definition, was Zivilgesellschaft bedeutet.
Umstritten ist der Begriff in der Linken schon länger: Zauberwort für
die einen, ist er den anderen Synonym für Renegatentum, Revisionismus
oder gar grüne Realpolitik.
Eine
häufige Definition sieht in etwa so aus: „Gemeinhin meint
Zivilgesellschaft eine Vielfalt gesellschaftlicher Gruppen, Initiativen
und Bewegungen, die weitgehend unabhängig von staatlichen,
parteipolitischen oder privat-wirtschaftlichen Institutionen wirken. Die
Zugehörigkeit zu diesen gesellschaftlichen Gruppen ist freiwillig, die
Organisationsstruktur demokratisch. Achtung der allgemeinen
Menschenrechte, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und
Wertvorstellungen, Anerkennen der Grundsätze des bürgerlich-demokratischen
Gesellschaftsmodells und des demokratischen Rechtsstaats gehören
ebenfalls zu den zivilgesellschaftlichen Prinzipien. Auch ein
konsequentes Agieren nach dem Legalitätsprinzip und eine aus der
Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols resultierende unbedingte
Gewaltlosigkeit in den eigenen Handlungsansätzen bilden den gemeinsamen
Nenner, der die Zivilgesellschaft einerseits von rechtsextremen
Strukturen abgrenzt, sie andererseits aber auch von revolutionär-antifaschistischen
Politikkonzepten unterscheidet.“
Diese
Definition mag verbreitet sein, die Berufung auf Antonio Gramscis
gleichlautenden Begriff „Zivilgesellschaft“ wäre aber fundamental
falsch. Zivilgesellschaft ist bei Gramsci eine ambivalente Kategorie, an
keiner Stelle behauptet er, dass die Zivilgesellschaft per se von
moralischen Werten wie Toleranz, Achtung der Menschenrechte,
Gewaltlosigkeit, Demokratie oder Legalität geprägt wäre. Weder hat
Gramsci den Begriff Zivilgesellschaft a priori als positiven Begriff
gesehen, noch hat er ihn mit Wunschvorstellungen gefüllt, sondern er
leitete ihn aus der revolutionären Praxis her. Sein Ausgangspunkt war
dabei immer wieder die Oktoberrevolution. Er stellte sich die Frage,
warum die Revolution im relativ rückständigen Russland siegte, im
wirtschaftlich und kulturell höher entwickelten Westeuropa aber
scheiterte. Gramscis Antwort auf diese Frage ist beinahe zum
Klassiker-Zitat geworden: „Im Osten war der Staat alles, die
Zivilgesellschaft war in ihren Anfängen und gallerthaft; im Westen
bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis,
und beim Wanken des Staates entdeckte man sogleich eine robuste Struktur
der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben,
hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten
befand...“
Zivilgesellschaft
im Dienste der alten Gesellschaft
Die
im Westen existierende Zivilgesellschaft am Ende des Ersten Weltkriegs
war ein Hindernis für grundlegende soziale Fortschritte bzw. für die
Revolution. Der in Russland geführte revolutionäre
„Bewegungskrieg“, also bewaffneter Aufstand und anschließender Bürgerkrieg,
musste im Westen durch den „Stellungskrieg“ ersetzt werden, um auch
die hinter den „Schützengräben“ liegende „robuste Kette von
Festungen und Kasematten“ einnehmen zu können. Diese Sichtweise
teilte Gramsci wie so vieles mit Lenin, der 1918 schrieb, in den
westeuropäischen Ländern sei es „schwieriger, die Revolution zu
beginnen, weil sich dort der hohe Stand der Kultur gegen das revolutionäre
Proletariat auswirkt und die Arbeiterklasse sich in Kultursklaverei
befindet.“
Gramsci
forderte die italienischen Kommunisten zwei Jahre nach Mussolinis Marsch
auf Rom, die Mehrheit in der Bevölkerung, deren Herzen und Hirne zu
erobern. Strömungen in der KPI, „die aus Fanatismus die Situation
anheizen wollen“, müssen bekämpft werden, weil die Zeit für die
Entscheidungsschlacht um die Macht nicht reif sei. Die Eroberung der
Mehrheit aber ist nur möglich durch eine „Hinwendung zu den Massen“
und durch die Auseinandersetzung mit all jenen Einrichtungen, die für
die ideologische Beeinflussung dieser Massen zuständig sind. Die
Gesamtheit der nicht-staatlichen Organisationen, welche die öffentliche
Meinung und damit den „Alltagsverstand“ prägen, nennt Gramsci
Zivilgesellschaft. Zu ihr zählen die Kirche, die Gewerkschaften, die
Presse als „der dynamischste Teil dieser ideologischen Basis“, aber
auch „die Bibliotheken, die Schulen, die Zirkel und Clubs
verschiedener Art bis hin zur Architektur, zur Anlage der Straßen und
der Straßennamen.“
Nach
Gramsci gibt es zwei Ebenen des Überbaus, die in der kapitalistischen
Gesellschaft der Absicherung der Hegemonie des Bürgertums dienen: die
Zivilgesellschaft und die „politische Gesellschaft“ (der Staat und
seine Organe). Die erste hat die Aufgabe den „spontanen Konsens“ der
Beherrschten zu organisieren, die zweite dient der Disziplinierung
jener, die diesen Konsens nicht eingehen. Anders gesagt: „Zwischen der
ökonomischen Basis und dem Staat mit seiner Gesetzgebung und seinem
Zwangsapparat steht die Zivilgesellschaft.“
Diese
letzte Formulierung klingt etwas schematisch und könnte, isoliert
betrachtet, denjenigen Intellektuellen Recht geben, die aus
Eigeninteresse die Zivilgesellschaft zum entscheidenden Kampfplatz
zwischen Fortschritt und Reaktion überhöhen. Sabine Kebir ,
profilierte Gramsci-Kennerin, widerspricht solchen mehr oder weniger
gewollten Missverständnissen. Sie zeigt, dass Gramsci die ökonomische
Bedingtheit der Zivilgesellschaft sehr wohl gesehen hat und dass er in
seiner Analyse von Staat und Revolution an Lenin anknüpft.
Die
„freiwillige“ Unterwerfung der Mehrheit der ArbeitnehmerInnen in den
entwickelten kapitalistischen Staaten, in denen die Zivilgesellschaft am
weitesten entwickelt ist, beruht allerdings erst in zweiter Linie auf
dem Wirken zivilgesellschaftlicher Akteure. In den „modernen bürgerlichen
Demokratien ist das Konsenspotenzial in hohem Maße ökonomisch
bedingt“, schreibt Kebir in völliger Übereinstimmung mit Gramsci.
Dieser „Konsens“ wird durch ökonomische Zugeständnisse, die
allerdings mit Gewalt, etwa Arbeitsdisziplin, Unterdrückung von
Arbeitskämpfen etc. kombiniert werden, geschaffen. Gramsci zeigte dies
am Wirtschaftssystem der USA, dem modernsten: „Die Hegemonie kommt aus
der Fabrik und braucht nur eine minimale Menge von professionellen
Vermittlern der Politik und der Ideologie.“
Ordnen
sich die unterdrückten Klassen der Hegemonie nicht freiwillig unter und
kommt es zu massenweisem Widerstand, dann allerdings schreckt auch der bürgerlich-demokratisch
verfasste Staat nicht vor dem Einsatz offener Gewalt zurück, etwa in
den revolutionären Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg, als sich
laut Gramsci „die Zivilgesellschaft zwar als kampfentscheidendes
System von 'Schützengräben' herausgestellt hatte, aber die gewaltsame
Niederschlagung der revolutionären Herde, die in vielen Teilen Europas
aufflammten, dennoch notwendig war“.
Zivilgesellschaft
und Revolution
Das
von Gramsci entwickelte Konzept der Zivilgesellschaft geht zwar über
Lenin hinaus, knüpft aber direkt an dessen Staatstheorie an. Mit
gewissem Recht könnte man Gramscis einschlägige Texte unter dem Titel
„Zivilgesellschaft und Revolution“ zusammenfassen. Dass Gramsci aus
der leninistischen Tradition kam und bis zu seinem Tode im Jahre 1937
Revolutionär blieb, muss immer wieder gegenüber diversen
Erbschleichern, die ihn für sich reklamieren wollten oder wollen (von
Reformisten aller Schattierungen über die korrupten
Craxi-“Sozialisten“ in Italien bis zu angeblich sozialdemokratischen
„Querdenkern“, für die schon die Bezeichnung „Reformisten“ ein
unverdienter Ehrentitel wäre), betont werden. Zu spekulieren, wo
Genosse Antonio Gramsci heute stünde, ist müßig. Als Kommunisten müssen
wir uns die Frage stellen, ob und wie seine revolutionären Gedanken für
unser ideologisches Verständnis aber auch für linke Tagespolitik
nutzbar gemacht werden können. Für den historischen Kampf der
Resistenza haben sie de facto keine Rolle gespielt. Italienische
Diskussionen sind hier eher mit Vorsicht zu genießen: Denn dort wird
von Revisionisten unterschiedlicher Schattierungen von Palmiro
Togliatti, Gramscis „engstem Kampfgenossen“ gern eine Brücke über
den „italienische Weg zum Sozialismus“ bis hin zu Enrico Berlinguers
„Eurokommunismus“ geschlagen.
Berlinguers
Weg führte aber schließlich zur Wiederbelebung der italienischen
Sozialdemokratie, nachdem diese durch die korrupte Craxi-Bande jeden
politischen Kredit verloren hatte. Es ist wohl keine Spekulation zu
sagen, dass die Genossen Gramsci und Togliatti dem den erbittertsten
Widerstand (und zwar mit allen mitteln entgegengesetzt hätten.
Zivilgesellschaft
und Bündnispolitik
Als
Revolutionär zu wissen, was man will, wo man mit wem hinwill, war für
Gramsci die Voraussetzung für erfolgreiche Bündnispolitik. Ein
Aufgehen in Bündnissen, ein völliges Außer-acht-Lassen eigener Ansprüche
an ein Bündnis war seine Sache nicht.
Auch
zum Thema Bündnispolitik hat uns Gramsci viel zu sagen und noch mehr zu
zeigen. Seine praktische politische Tätigkeit vor seiner Inhaftierung
im November 1926 zeigt uns dies deutlich. Als es um Italiens Eintritt in
den Ersten Weltkrieg ging, traf er sich mit pazifistischen Katholiken,
was die italienischen Sozialisten, die nach Gramsci lieber einem
„dummen Antiklerikalismus“ frönten. Nach dem Krieg suchte er sogar
Kontakt zum zeitweise faschistoiden Schriftsteller Gabriele D'Annunzio
und zum Futuristen Filippo Marinetti, der in den Anfangsjahren vor und
nach dem Marsch auf Rom durchaus ein ideologischen Wegbereiter des
Faschismus war, diesen lud er sogar zu einem Vortrag in die Turiner
„Sektion des russischen Proletkult“.
Natürlich
muss man hier die Frage nach der Zweckmäßigkeit so weit, im Grunde bis
nach rechts, greifender Bündnispolitik. Tatsächlich wurde ihm dies ja
auch moralisierend vorgeworfen. Aber mit Moral allein ist nur schwer
Politik zu machen. Denn Gramsci kam es bei der politischen Arbeit in der
Zivilgesellschaft nicht auf Bündnisse um ihrer selbst Willen an,
sondern Ausgangspunkt seiner Überlegungen war – und das unterscheidet
ihn von den meisten seiner heutigen Apologeten – vielmehr der „Geist
des Bruchs“, der klare Trennungsstrich zwischen Fortschritt und
Reaktion: „Was kann man seitens einer Klasse, die die Erneuerung
anstrebt, diesem gewaltigen Komplex von Schützengräben und
Befestigungsanlagen der herrschenden Klasse entgegenstellen? Den Geist
des Bruchs, d.h. die fortschreitende Aneignung des Bewusstseins der
eigenen historischen Persönlichkeit, den Geist des Bruchs, der danach
streben muss, sich von der führenden Klasse auf die potenziell verbündeten
Klassen auszudehnen: All das erfordert eine komplizierte ideologische
Arbeit, deren erste Bedingung die richtige Kenntnis des Gebietes ist,
dem die Menschenmassen zu entreißen sind.“
Letzteres
war auch mit ein Grund, dass sich Gramsci intensiv der Kultur gewidmet
hat, aber nicht nur einer elitären bürgerlichen oder einer halbelitären
fortschrittlichen, sondern, wie seine Theaterkritiken, Rezensionen und
Kritiken selbst trivialster Kulturformen zeigen, jeder Form von
Massenkultur schenkte er sein Augenmerk.
Heute,
wo die „professionellen Vermittler von Ideologie und Politik“ der
Zivilgesellschaft in einem ungeheuren Ausmaß die Lufthoheit über die
Hirne der ArbeitnehmerInnen gewonnen haben, wäre diese Aufgabe um so
wichtiger. Was aber machen die Marxisten, statt sich mehr und
systematischer mit den Phänomnen der „Massenkultur“ auseinander
zusetzen? Sie ignorieren diese offensiv, wenden sich mit Grauen ab und
frönen linksintellektueller Nabelschau.
Ratschlag:
Gramsci lesen und neu bewerten, um ihn nutzbar zu machen.
P.S.:
Wer sich jetzt auf Gramsci stürzt, sei gewarnt: Die Lektüre ist nicht
ganz einfach. Die „Gefängnishefte“ sind extrem fragmentarisch,
seine begrifflichen Anleihen beim Militärwesen dienen auch der Erhöhung
der Bildhaftigkeit. Zu bedenken ist auch, dass seine Begriffswahl natürlich
auch in Zusammenhang mit Gefängniszensur zu sehen ist. Wer aber offenen
Geistes, aber revolutionärer Gesinnung ans Werk geht, entdeckt in ihm
einen Jungbrunnen für kommunistisches, revolutionäres Handeln. Wer
dies nicht macht, pickt sich ein paar Körnchen reformistischer
Rechtfertigung heraus.
[Erstveröffentlichung
am 27. 11. 2003 auf www.kominform.at] |