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Zum 90. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Auftrag des Sozialdemokraten Gustav Noske am 15. Januar 1918

[Abbildung]

 

Revolutionärin Rosa Luxemburg zu Gewalt und Gesetzmäßigkeit
Zusammengestellt von Reinhold Schramm

Kommunisten-online vom 12.01.2009 – Was uns vor allem an dem festen Entschluss, jeden Gebrauch der Gewalt im proletarischem Kampf durch die parlamentarische Aktion zu ersetzen, merkwürdig erscheint, ist die Vorstellung von einer willkürlichen Revolutionsmacherei. Nach dieser Auffassung werden Revolutionen offenbar, je nachdem sie als nützlich oder als überflüssig und schädlich erkannt sind, gemacht oder unterlassen, vorbereitet oder ad acta gelegt, und es kommt nur darauf an, welche Überzeugung jetzt in der Sozialdemokratie die Oberhand gewinnt, damit Revolutionen in kapitalistischen Ländern fernerhin zustande kommen oder nicht.
Die Gewalt hat nicht nur mit dem Aufkommen der bürgerlichen "Gesetzmäßigkeit", des Parlamentarismus, nicht aufgehört, eine geschichtliche Rolle zu spielen, sondern sie ist heute genauso gut wie in allen früheren Epochen die Basis der bestehenden Ordnung. Der ganze kapitalistische Staat beruht auf der Gewalt, und seine militärische Organisation ist an sich ein genügender, faustdicker Beweis dafür, den zu übersehen ein wahres Kunststück des opportunistischen Doktrinarismus ist.

Mit einem Worte: Was sich uns als bürgerliche Gesetzmäßigkeit präsentiert, ist nichts anderes als die von vornherein zur verpflichtenden Norm erhobene Gewalt der herrschenden Klasse. Ist diese Festlegung der einzelnen Gewaltakte zur obligatorischen Norm einmal geschehen, dann mag die Sache sich im bürgerlichen Juristenhirn und nicht minder im sozialistischen Opportunistenhirn auf den Kopf gestellt bespiegeln: die "gesetzliche Ordnung" als eine selbständige Schöpfung der "Gerechtigkeit" und die Zwangsgewalt des Staates bloß als eine Konsequenz, eine "Sanktion" der Gesetze. In Wirklichkeit ist umgekehrt die bürgerliche Gesetzlichkeit (und der Parlamentarismus als die Gesetzlichkeit im Werden) selbst nur eine bestimmte gesellschaftliche Erscheinungsform der aus der ökonomischen Basis emporgewachsenen politischen Gewalt der Bourgeoisie.

(Bitte den gesamten Text der Genossin Luxemburg im Kontext lesen.)

Quelle: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Band 1 - 1893 bis 1905; Zweiter Halbband, Gewalt und Gesetzlichkeit, S. 240-242. Dietz Verlag Berlin 1974

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Doppelmord nach Plan

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht mit Billigung der SPD-Führung ermordet

jungeWelt vom 12.01.2009

Die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehören zu den folgenschwersten politischen Morden des 20. Jahrhunderts. Aber nicht nur in der bürgerlichen Presse werden sie gern mit dem Mantel des »nie ganz Geklärten« umhüllt. Dabei sind alle Details zweifelsfrei erforscht.

Vergangenheit, die nicht vergeht

Am Abend des 15. Januar 1919 betreten der Kaufmann Bruno Lindner, der Destillateur Wilhelm Moering und drei weitere Männer ein Lokal in der Mannheimer Straße in Berlin. Sie tragen Feldgrau und weiße Armbinden: »Bürgerwehr Wilmersdorf«. Die Herren holen beim Wirt Erkundigungen über die im Nebenhaus gelegene Wohnung eines gewissen Marcusson ein. Kurz darauf dringen sie widerrechtlich dort ein. Der Staatsanwalt Ortmann, der später gegen sie wegen Freiheitsberaubung ermittelt, das Verfahren aber alsbald einstellt, berichtet über ihre Vernehmung: »Einen Herrn, der sich im Zimmer befand, hätten sie auf Papiere durchsucht. Dabei hätten sie Legitimationskarten auf den Namen Liebknecht« gefunden. Beim Durchwühlen der Wohnung begegnet den Bürgern in Uniform noch eine »verdächtig auffallende« Frau. Auf die Frage: »Sind Sie Fräulein Luxemburg?« antwortet diese: »Frau Luxemburg«.1

Ratlos, was er mit seinen Geiseln tun soll, ruft der Anführer in der Reichskanzlei an. Dort sitzt die Rumpfrevolutionsregierung, allesamt gemäßigte Sozialdemokraten: Friedrich Ebert (Regierungschef), Philipp Scheidemann (Auswärtiges), Otto Landsberg (Justiz) und Gustav Noske (Militär). Ein Trupp von Männern, der nachweislich mitverantwortlich ist für Ausbruch und Dauer des 1. Weltkriegs. Ein Trupp, der die Mitschuld am Tod von Millionen Soldaten und 700 000 (allein im Deutschen Reich) Verhungerter trägt. Längst haben sich diese Führer der Sozialdemokratie verbündet mit den alten Militärs, die seit dem Waffenstillstand aus ihren Truppen »unter der Decke« und im Einverständnis mit der SPD-Regierung (so General Groener unter Eid) schlagkräftige Freikorps bildeten: Herummarschierende, bis an den Stahlhelm bewaffnete Banden, die zu allem entschlossen und zu jedem Mord bereit waren. »Die Pest dieses Landes.«2 Oberster Befehlshaber dieser Truppen war Noske, eine präfaschistische Figur, die »Eiche unter diesen sozialdemokratischen Pflanzen« (Adolf Hitler).3 Schon nach Noskes Jungfernrede im Reichstag 1907 kommentierten die Lustigen Blätter:

Kommandiert der Herr Major:

»Feuer vorn und hinten!«  
Ruft ein arbeitsscheues Corps:  
Aber dennoch Mut! nur Mut!  
Laßt’s euch nicht verdrießen,  
denn wir wissen absolut:  
Noske, der wird schießen!

Weihnachten 1918 sprach der Mann dann unter Zustimmung seiner Kabinettskollegen auch aus, wie das neue Programm der Sozialdemokratie lauten würde: »Schießen und zwar auf jeden, der der Truppe vor die Flinte läuft.« Der preußische Kriegsminister kommentierte: »So ändern sich die Zeiten.«

»Da zählt nur der Erfolg«

Schon Anfang November in Kiel hatte Noske versucht, den Keim der Revolution zu ersticken und mit Nachdruck die Bildung von Marineoffiziersbrigaden gefördert. Ein Mann der Tat eben. Im Januar 1919 kam dann seine große Stunde. Unter Einsatz von Artillerie, Flammen- und Minenwerfern und ohne Behinderung durch rechtliche Schranken – »da zählen Paragraphen nichts, da zählt nur der Erfolg« (Noske vor dem Parlament) – ließ er seine Freikorps den sogenannten Spartakusaufstand niederkartätschen. Dabei wurde innerhalb Deutschlands der Terror gegen Zivilisten eingeführt, Genickschüsse und Erschießungen »auf der Flucht«, aber ohne Recht, praktiziert. Noske sah die Sache gelassen und kommentierte, er wäre der letzte, »der hinter einem kleinen Leutnant wegen einer vielleicht nicht ganz gerechtfertigten Erschießung herlaufen und ihm den Prozeß machen würde.« Der größte dieser Terror-Verbände war die Garde-Kavallerie-Division (GKSD), faktisch angeführt von Hauptmann Waldemar Pabst, den Noske als seinen »rührigsten Helfer« bezeichnete.

Als nun die mutigen Wilmersdorfer Bürger in jener Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 in der Reichskanzlei nicht zu Noske durchgestellt werden, wenden sie sich an ihre übergeordnete Dienststelle – die GKSD des Hauptmanns Pabst. Der kleine eitle Mann mit hochglanzpolierten Stiefeln residiert im ersten Stock eines Hotels, dessen Namen das Paradies verspricht: Eden. Als er den Hörer aufgelegt hat, kann er es kaum fassen: Luxemburg und Liebknecht gefangen. Er sieht die Chance seines Lebens. Endlich kann er Rache nehmen, Rache für den verlorenen Krieg, Rache für die »Novemberrevolution«. Rache dafür, daß eine »Polin mosaischen Glaubens« die Massen faszinierte wie ein neuer Messias.

Pabst denkt kurz nach. Wie kann man die beiden ohne großes Aufsehen liquidieren? Dafür benötigt Pabst absolut zuverlässige Leute. Sein Ordonnanzoffizier Horst von Pflugk-Harttung weiß, wer dafür in Frage käme. Die Truppe seines Bruders, des Kapitänleutnants Heinz von Pflugk-Harttung, eine der von Noske früh geförderten Marineoffiziersbrigaden. Marineoffiziere, die mit Ebert eines gemein haben, den Haß auf die Revolution. Ein U-Boot-Kommandant, Martin Niemöller, hat dies später auf den Punkt gebracht: »Damals versank mir eine Welt!« Für diesen Untergang sollen Luxemburg und Liebknecht büßen.

Getrennt werden sie ins Hotel gebracht. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht von ihrer Gefangenschaft. Ein kollektiver Erregungszustand durchzittert das Nobelhotel. »Tötet Liebknecht« haben schon im Dezember Volksverhetzer auf unzähligen Plakaten gefordert, auch im Vorwärts, dem SPD-Organ, ist in einem Schmähgedicht dazu aufgerufen worden.

Ein anderes, weniger bekanntes Vorwärts-Gedicht lautete:

»Ich sah der Massen räuberische Streife,  
sie folgten Karl dem blinden Hödur nach,  
Sie knieten hin vor blutigen Idolen,  
bauchrutschten vor der Menschheit Spott und Hohn,  
vor Braunstein, Luxemburg und Sobelsohn.«7

Die drei letztgenannten sind Juden, wobei Braunstein der frühere Name Leo Trotzkis und Sobelsohn der Karl Radeks war. Das Gedicht erschien drei Tage vor Luxemburgs und Liebknechts Ermordung.

Die für damalige Verhältnisse enorme Summe von 1 700 Mark erhält ein jeder der braven Bürgerwehrler aus Wilmersdorf für die Ablieferung der Arbeiterführer im Hotel ohne Wiederkehr. Die Summe wird vom »Großbürgerrat« des Bankiers Marx gespendet. Marx zählt mit dem Großindustriellen Hugo Stinnes zu Pabsts Finanziers. Sie sorgen dafür, daß er und seine 70 Offiziere mehr als nur ihre Hotelrechnung bezahlen können.

Inzwischen hat Hauptmann Pflugk-Harttung die »Marinespezialeinheit« herangeholt. Es sind dies außer seinem Bruder vier junge Marineoffiziere: der Oberleutnant zur See Ulrich von Ritgen, der Leutnant zur See Heinrich Stiege, der Leutnant zur See Bruno Schulze und der Leutnant zur See Hermann W. Souchon. Zur Tarnung tragen sie Uniformen einfacher Soldaten. Man geht nach oben ins ehemalige Casino zu Hauptmann Pabst. Dort beraten sich die Herren Offiziere.

Liebknecht zu beseitigen erscheint ihnen relativ einfach. Man will die bereits wenige Tage zuvor erprobte Methode anwenden: »Erschießen auf der Flucht.« Doch was tun mit Frau Luxemburg? Einer hinkenden kleinen Frau kann man schwerlich auf der Flucht »eins verpassen«. Also denkt man sich etwas Besonderes aus. Wie wäre es, wenn man es so aussehen ließe, als sei sie Opfer der »Volksseele« geworden?

Pabst überzeugt sich von der Identität Rosa Luxemburgs. »Sind Sie Frau Rosa Luxemburg?« »Entscheiden Sie bitte selber.« »Nach dem Bilde müßten Sie es sein.« »Wenn Sie es sagen!« Rosa Luxemburg setzt sich in eine Ecke und liest in Goethes »Faust«.

Freibrief zur Ermordung

In seinen unveröffentlichten Memoiren schreibt Pabst zur »Exekution« Liebknechts und Luxemburgs: »Daß sie durchgeführt werden mußte, darüber bestand bei Herrn Noske und mir nicht der geringste Zweifel, als wir über die Notwendigkeit der Beendigung des Bürgerkrieges sprachen. Aus Noskes ›Andeutungen‹ mußte und sollte ich entnehmen, auch er sei der Ansicht, Deutschland müsse so schnell wie möglich zur Ruhe kommen. Über das ›daß‹ bestand also Einigkeit.«

Pabst geht nach nebenan und telefoniert mit der Reichskanzlei. Ein Mann wie er scheitert nicht wie die Mittelständler, er wird nach oben durchgestellt zu seinem Chef Gustav Noske. Pabst bittet ihn – so teilt er es in seinen Memoiren mit – um den Mordbefehl. Noske antwortet: »Das ist nicht meine Sache! Dann würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben.«

Und wie das denkwürdige Telefongespräch weiterging, berichtete Pabst 1968 dem ehemaligen Marinerichter und Rechtsanwalt Otto Kranzbühler. Noske habe Pabst aufgefordert, die Genehmigung des Generals von Lüttwitz zur Erschießung der beiden Gefangenen einzuholen und nach der Einwendung Pabsts, »die werde er nie bekommen«, mit den Worten reagiert, »dann müsse er selbst verantworten, was zu tun sei«. Pabst versteht dies zu Recht als Freibrief zur Ermordung der beiden ehemaligen Genossen Noskes und schreitet zur Tat.

Zuerst wird Liebknecht von den getarnten Marineoffizieren abgeführt. Um Aufsehen zu vermeiden, bringt man ihn zum Nebenausgang. Das wurmt jedoch den Jäger Otto Wilhelm Runge, der an der Drehtür des Hauptportals Wache steht. Denn Runge, ein verwirrter Mensch, ist von einem Offizier namens Petri bestochen worden. Petri weiß nichts von den Beschlüssen im ersten Stock und fürchtet, der verhaßte Liebknecht könnte lebend davonkommen. Also hat er Runge 100 Mark gegeben. Er solle Liebknecht mit dem Gewehrkolben den Schädel einschlagen. Runge sieht, wie sein Opfer zu entschwinden droht, rennt um das hermetisch abgeriegelte Hotel herum und kommt gerade hinzu, als Liebknecht neben den Offizieren Platz nimmt. Er versetzt ihm einen Kolbenschlag. Schwer getroffen sinkt Liebknecht in den Sitz, dabei tropft Blut auf die Hose eines der Offiziere. Liebknecht sagt: »Es blutet«, keiner kümmert sich darum. Das Auto fährt los.

Nach kurzer Fahrt haben sich die Offiziere im Tiergarten »verfranst«. Was dann passiert, schildert Horst Pflugk-Harttung einem anderen Marinekameraden am nächsten Tag. Pflugk »erzählte gegen die Verpflichtung absoluter Geheimhaltung, daß er bei der Überführung Liebknechts in das Gefängnis eine Autopanne im Tiergarten fingierte, Liebknecht dann am Arm nahm, um ihn zu führen, ihn absichtlich losließ, um ihm die Gelegenheit zu einem Fluchtversuch zu geben und dann nach kurzem Abwenden hinter L. herschoß; Liebknecht wurde getroffen und von mehreren Schüssen getötet«. Der Marinekamerad, ein wohlerzogener Junge aus gutem Hause, müßte jetzt eigentlich seinen Freund bitten, sich zu stellen. Doch Ernst von Weizsäcker (der Vater von Richard von Weizsäcker) hat eine andere Lösung parat: »Ich rate Pflugk zur Flucht.« Wer Liebknecht hinterrücks erschossen hat, ist auch belegt: die Offiziere Horst von Pflugk-Harttung, Ulrich von Ritgen, Heinrich Stiege und Rudolf Liepmann. Sie liefern seine Leiche an der Rettungsstation gegenüber dem Eden ab. Dann gehen sie zu Pabst und melden Vollzug. Der läßt jetzt auch Rosa Luxemburg wegbringen.

Erschlagen, erschossen, ertränkt

Der Oberleutnant a. D. Vogel »geleitet« Rosa Luxemburg durchs Hauptportal. Hier steht immer noch der Jäger Runge, der sich seine 100 Mark »redlich« verdienen will. Er schlägt zweimal mit dem Gewehrkolben auf sie ein. Schon nach dem ersten Schlag stürzt sie zu Boden, verliert einen Schuh und ihre Handtasche. Den Schuh nimmt ein Soldat als Trophäe mit. Die Handtasche gerät in die Hand eines Offiziers: Albert Freiherr von Wechmar. Er entwendet daraus einen Brief Clara Zetkins und verkauft ihn 1969 an den Historiker Hermann Weber. Für mehrere hundert Mark.

Die halbtote Rosa wird in den Wagen geworfen. Das offene Auto fährt Richtung Cornelius-Brücke. Etwa 40 Meter vom Hotel entfernt fällt ein Schuß, aus nächster Nähe abgefeuert, »der links vor dem Ohr eintrat« und zu einer »Sprengung der Schädelgrundfläche« führte. So der Obduktionsbericht. Rosa Luxemburg ist sofort tot. Abgegeben hat den Schuß, so stellt sich erst Jahrzehnte später heraus, der Leutnant zur See Hermann Souchon.

Der Transportführer Vogel läßt die tote Frau in den Landwehrkanal werfen, wo sie erst fünf Monate später gefunden und sofort von Noske und seinen Militärs konfisziert wird. Selbst vor der Leiche fürchten sich die Sozialdemokraten noch.

Am Tag nach dem Doppelmord meldet sich Pabst zum Rapport in der Reichskanzlei. Sicherheitshalber hat er einen Trupp seiner schwerbewaffneten Männer mitgebracht. Sie sollen die Reichskanzlei stürmen, falls doch ein Sozi auf die Idee käme, ihn verhaften zu lassen. Doch die Angst ist unbegründet. Sowohl Ebert als auch Noske geben ihm dankbar die Hand. Ebert, den Kurt Tucholsky treffend als Radieschen charakterisierte – »außen rot und innen weiß« –, gesteht einem Parteifreund: »Albert, noch zwei solcher Siege wie die über Liebknecht und Luxemburg, und wir haben gesiegt!«

»Der Grundstein der Demokratie«

Die SPD setzt zur Untersuchung des Vorfalls ein Militärgericht ein, das aus den Kameraden von Hauptmann Pabst besteht, darunter Wilhelm Canaris, der spätere Abwehrchef Hitlers. Der eingesetzte Ermittlungsrichter Paul Jorns (später am »Volksgerichtshof« der Nazis als Richter tätig) gehört ebenfalls der GKSD an. Alle zusammen vertuschen mit dem Segen der SPD den Doppelmord. Die meisten Täter kommen frei, Runge und Vogel erhalten lächerliche Strafen. Vogel wird schließlich von Canaris aus dem Gefängnis geholt und ins Ausland verfrachtet. Ein Jahr später begnadigt ihn Noske – entgegen dem Rat des Kriegsministeriums. Die eigentlichen Täter wie Pabst und Souchon kommen selbstverständlich nie vor Gericht. Von Noske ganz zu schweigen.

Robert Kurz schreibt treffend in seinem Schwarzbuch des Kapitalismus: »Die Leichen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die stellvertretend für die Toten der ›Gesellschaftsrettung‹ von 1918/19 stehen, waren gewissermaßen wie ein archaisches Menschenopfer in den Grundstein dieser Demokratie eingemauert. Und das war kein historischer Unfall, sondern legte den wahren Charakter der Demokratie offen.« Tucholsky würde hinzufügen, »und den der Sozialdemokratie.«

Und der große konservative Publizist Sebastian Haffner gab am Ende seines Lebens als seinen größten Fehler an, daß er beim Ausfüllen des berühmten FAZ-Fragebogens unter der Rubrik »Was sind für Sie die verachtenswürdigsten Gestalten der Geschichte« nicht angegeben hat: Noske und Ebert.

1 Protokoll der Hauptverhandlung in der Strafsache wegen Ermordung von Dr. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Band 2, S. 213, Bundesarchiv Militärarchiv, PH 8V/13

2 Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, Band 4, Reinbeck bei Hamburg 1995, S. 285 3 Völkischer Beobachter, 3.3.1933. Zitiert nach Wolfram Wette: Gustav Noske – Eine politische Biographie, Düsseldorf 1987, S. 756

4 Aufzeichnungen des Hauptmanns Gustav Böhm, Adjutant im Preußischen Kriegsministerium.Hg. von Heinz Hürten und Georg Meyer. Stuttgart 1977, S.108

5 Aussage des Majors a.D. Hans von Lützow am 18.Juli 1925 im Prozeß gegen zwei Freikorpsmänner, die im Mai 1919 zwölf Münchner Bürger ermordet hatten. Zitiert nach Friedrich Hitzer: Der Mord im Hofbräuhaus, Frankfurt 1981, S. 238

6 Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. Berlin 1920, S. 72

7 Vorwärts, Nr. 34, 12.1.1919

8 Dieses und das vorige Zitat: Bundesarchiv Militärarchiv, Nachlaß Pabst, N 620/5, S. 65f.

9 Brief von Otto Kranzbühler an den Verfasser vom 12.1.1993

10 Tagebucheintragung Ernst von Weizsäcker. In: Leonidas Hill: Die Weizsäcker-Papiere, Berlin/Frankfurt/Wien 1982, S. 315

11 Siehe Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal, Berlin 1995, S. 91 ff.

12 Zitiert nach Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, Bd. 4, Reinbeck bei Hamburg 1995, S. 265

13 Robert Kurz: Schwarzbuch des Kapitalismus, München 2002, S. 548

* Klaus Gietinger ist Autor, Soziologe, Regisseur. Sein Buch »Eine Leiche im Landwehrkanal

– Die Ermordung der Rosa Luxemburg«, Berlin 1995, ist im Buchhandel vergriffen, kann aber unter www.gietinger.de/


Von Klaus Gietinger

Quelle: jungeWelt vom 15.01.2004

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