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Anmerkung
Roter Webmaster:
Diese
Text von Kurt Gossweiler veröffentlichen wir anstelle einer
eigenen Antwort auf eine nicht veröffentlichte Zuschrift aus
Österreich.
09.
Januar 2008 |
STÄRKEN
UND SCHWÄCHEN IM KAMPF DER SED GEGEN DEN REVISIONISMUS (1)
von
Kurt Gossweiler
Erschienen
in „Streitbarer Materialismus“ Nr. 18, Januar 1994
Liebe
Genossinnen und Genossen!
Zuerst
schließe ich mich aus vollem Herzen dem Dank für die Einladung an, den
Genosse Karl Eduard von Schnitzler vorhin zum Ausdruck brachte. Für
uns, die wir aus einem Land kommen, in dem die furchtbare Niederlage zu
Orientierungslosigkeit, Resignation und massenhaftem Renegatentum geführt
hat, ist dieses Treffen ein unvergessliches Erlebnis der
weltumspannenden kommunistischen Verbundenheit, des lebendigen
proletarischen Internationalismus, das uns frische Kraft und
Zuversicht verleiht.
Bevor
ich zum Thema spreche noch einige Vorbemerkungen;
Die
erste: Ich bin zwar Mitglied der PDS, aber was ich hier vortrage,
ist nur meine persönliche Ansicht; ich spreche hier nur für mich, für
keine Organisation oder Gruppierung.
Die
zweite: Wir haben es nicht mit der Katastrophe einzelner
sozialistischer Länder, etwa der DDR, zu tun, sondern mit der
Katastrophe des Sozialismus in Europa und weit darüber hinaus.
Es
ist deshalb unmöglich, den Zusammenbruch eines einzelnen
sozialistischen Landes isoliert zu behandeln, so, als ob jedes einzelne
nur an seinen eigenen inneren Gebrechen zugrunde gegangen wäre.
Die
Krankheit, an der sie alle zugrunde gegangen sind, war und ist überall
die gleiche; sie heißt: Revisionismus.
Deshalb
kann man über den Kampf gegen den Revisionismus, über seine Stärken
und Schwächen in einzelnen Ländern, erst sprechen, wenn vorher
klarzustellen versucht wird, welche Rolle der Revisionismus in der
kommunistischen Weltbewegung gespielt hat. Daher muss ich um Geduld
bitten; bevor ich auf die DDR und die SED zu sprechen komme, werde ich
versuchen, die Rahmenbedingungen zu umreißen, innerhalb derer die SED
ihre ideologische und politische Arbeit zu leisten hatte.
I.
Zum Revisionismus in der kommunistischen Bewegung
Die
kommunistische Bewegung entstand bekanntlich als Antwort auf die
revisionistische Verfaulung der II. Internationale.
Wie
jede junge revolutionäre Bewegung neigte sie eher zur Kinderkrankheit
des Radikalismus als zur entgegen gesetzten Krankheit des feigen
Opportunismus.
An
der Gründung der kommunistischen Bewegung waren Revolutionäre
verschiedener Generationen beteiligt, mit unterschiedlichen
Erfahrungen im Klassenkampf.
Die
Generation der Älteren – Lenin, Clara Zetkin, Wilhelm Pieck u.a. –
verfügte über den reicheren Erfahrungsschatz; sie hatte nicht nur die
revisionistische Entartung der Sozialdemokratie, sondern auch deren
heroische, revolutionäre Zeit erlebt; sie wusste aus eigener
Kampferfahrung um die Stärken und Schwächen der verschiedenen
Kampfformen und kannte die Gefahren einer einseitigen Festlegung auf
eine einzige von ihnen.
Die
Generation der Jüngeren – Stalin, Ernst Thälmann, Walter Ulbricht,
Maurice Thorez, Palmiro Togliatti, Georgi Dimitroff, um nur die
hervorragendsten von ihnen zu nennen, – wargeprägt von zwei
Grunderlebnissen: dem Verrat der Sozialdemokratie und deren Übergang
auf die Seite des Imperialismus zum einen, vom Sieg der
Oktoberrevolution zum anderen.
Die
Grundlehren, die sich diesen kommunistischen Führern wie auch den
einfachen Mitgliedern der jungen kommunistischen Parteien eingebrannt
hatten, waren
erstens:
Der Sieg des Oktober hat bewiesen, dass auf der Tagesordnung der
Menschheitsgeschichte der Sturz des Kapitalismus, die proletarische
Revolution steht;
zweitens:
die Rolle der Sozialdemokratischen Parteien und ihrer Führungen hat
1914, 1917/18 bewiesen, dass die Sozialdemokratie zu einer
konterrevolutionären Kraft, zu einer Agentur der Bourgeoisie in der
Arbeiterbewegung geworden ist; und die Niederlage der deutschen
Arbeiterbewegung im Herbst 1923 infolge des Paktierens der
Brandler-Thalheimer-Führung der KPD mit den linken Sozialdemokraten hat
bewiesen, dass ein Paktieren mit der Sozialdemokratie, selbst mit ihrem
linken Flügel, zur Niederlage führen muss.
Drittens:
Der Sieg über den Imperialismus kann nur errungen werden, wenn der
Einfluss der Sozialdemokratie auf die Mehrheit der Arbeiterklasse
gebrochen ist.
Aus
dieser Generation von Revolutionären gingen die hervorragendsten
Marxisten-Leninisten und die fähigsten Führer der Massen hervor;
zugleich aber war diese Generation kommunistischer Parteiführer in
ihren Lehrjahren der Gefahr der „Kinderkrankheit“ des Radikalismus
besonders stark ausgesetzt.
Das
zeigte sich z.B. in einigen Feststellungen des Programms der
Kommunistischen Internationale, das auf dem VI. Weltkongress der KI im
Jahre 1928 angenommen wurde; so etwa in der Festlegung, dass in
entwickelten kapitalistischen Staaten, wie Deutschland, nur noch
derdirekte Übergang zur Diktatur des Proletariats auf der Tagesordnung
stehe, ohne irgendwelche Zwischenstufen; oder in der Charakteristik
der Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus“. (Diese Charakteristik
war nicht nur in taktischer Hinsicht falsch, sondern ist auch
theoretisch unhaltbar.)
Diese
„Linksabweichungen“ waren aber keineswegs Sache von einzelnen
Personen, etwa Stalins, sondern es war in der Tat die Kinderkrankheit
einer jungen, im Kampf gegen den sozialdemokratischen Opportunismus
entstandenen Bewegung.
Nachdem
die Kampferfahrungen und die bitteren Lehren des Sieges des Faschismus
in Deutschland diese und andere Festlegungen als falsch und schädlich
erwiesen hatten, wurden von eben diesen Führern auf dem VII.
Weltkongress der KI und auf der so genannten „Brüsseler
Konferenz“ der KPD in scharfer Selbstkritik die Fehler korrigiert.
Es
ist heute in Deutschland, auch in der PDS, üblich, zu behaupten, unter
Stalins Einfluss sei die kommunistische Bewegung von der Linie des VII.
Weltkongresses – der Linie der Schaffung der breitesten Einheits-
und Volksfront gegen den Faschismus – wieder abgegangen. Das Gegenteil
entspricht der Wahrheit.
Es
war die Sozialistische Internationale und es waren die ihr
angeschlossenen Parteien, die alle und jede Angebote der KI und der
kommunistischen Parteien auf Aktionseinheit im Kampf gegen den
Faschismus mit den fadenscheinigsten Argumenten ablehnten. Es gehört zu
den alten Geschichtslügen, die neuerdings aber auch von so genannten
„Erneuerern“ in den kommunistischen und ehemals kommunistischen
Parteien übernommen wurden, dass eine sich anbahnende Aktionseinheit
mit der Sozialdemokratie durch die Moskauer Prozesse zunichte gemacht
worden sei. Die Moskauer Prozesse waren nirgendwo Ursache für
ein Abschwenken sozialdemokratischer Parteien von einer sich bildenden
Einheitsfront, sondern der hochwillkommene Vorwand, die bisherige
Verweigerungshaltung nun der eigenen Anhängerschaft „plausibel“
zu begründen.
Es
entsprach hingegen voll der vom VII. Weltkongress vorgezeichneten Linie,
wenn die Sowjetunion trotz des Verrats von München – der
Auslieferung ihres Verbündeten Tschechoslowakei an Hitler durch die
Westmächte – vom Frühjahr 1939 an bis in den August hinein zäh und
äußerst konstruktiv mit den Westmächten um das Zustandekommen eines
wirkungsvollen Paktes der Kollektiven Sicherheit rang.
Und
es war die Frucht ihrer, der Sowjetunion, Politik, dass es schließlich
zur Anti-Hitlerkoalition kam, und es war nur ihrer Kraft und Autorität
zu danken, dass die Anti-Hitlerkoalition bis zur Vernichtung der
faschistischen Bestie in ihrer Höhle zusammenhielt und nicht vorher
durch einen Separatfrieden mit Hitlerdeutschland gesprengt wurde.
Schließlich
fand die Linie des VII. Weltkongresses ihre Verwirklichung in der
Schaffung des Nationalkomitees Freies Deutschland in der Sowjetunion und
in entsprechenden Bewegungen in Deutschland und in der
antifaschistischen Emigration, später in der Zusammenarbeit der
antifaschistisch-demokratischen Parteien in der sowjetischen
Besatzungszone und in den von der Sowjetunion befreiten Ländern.
In
der Sowjetunion und in den Parteien der Kommunistischen Internationale
waren die linken –trotzkistischen – und rechten – bucharinschen
– Abweichungen vom Leninschen Kurs in den zwanziger Jahren ideologisch
und in den dreißiger Jahren politisch geschlagen worden. Wenn wir
sehen, wohin die Wiederbelebung dieser Strömungen durch Gorbatschow
innerhalb kürzester Zeit geführt hat, gewinnt die These gewaltig an
Überzeugungskraft, dass gerade durch den erfolgreichen Kampf gegen
diese Abweichungen der Sieg über den Hitlerfaschismus gesichert wurde,
und dass gerade durch ihn auch die kommunistischen Parteien in zahlreichen
kapitalistischen Ländern – allen voran Frankreich und Italien –
sich zu starken Massenparteien, zu wirklichen Führern der Volksmassen
im Kampf gegen den Faschismus entfalten konnten.
Beide
Abweichungen – die linken wie die rechten – besitzen jedoch auch
nach dem Sturz des Kapitalismus noch eine soziale Basis und ideologische
Wurzeln. Sie können nicht mit einem Schlage ein für allemal
ausgerottet werden, der Kampf gegen sie muss kontinuierlich geführt
werden; denn sie gewinnen immer wieder neue Nahrung aus den überkommenen
Anschauungen, die nicht in ein bis zwei Generationen restlos
verschwunden sind; die vielmehr aus der
imperialistischen
Umwelt im Medienzeitalter immer massiver und wirkungsvoller erneuert
werden.
Die
Hauptquelle der ständigen Erneuerung linker und rechter Abweichungen
vom marxistisch-leninistischen Weg in den sozialistischen Ländern
waren und sind die gewaltigen Schwierigkeiten des Aufbaus des
Sozialismus angesichts des riesigen Rückstandes in der Entwicklung der
Produktivkräfte im Vergleich zu den führenden kapitalistischen Ländern.
Eine solche Situation bringt auf der einen Seite immer wieder Ideen und
Versuche hervor, den Rückstand mit pseudorevolutionären,
abenteuerlichen Mitteln und Methoden beschleunigt aufzuholen, auf der
anderen Seite Stimmungen der Kapitulation vor den Schwierigkeiten und
Vorschläge, den sonst angeblich unaufholbaren Rückstand mit Hilfe der
führenden imperialistischen Mächte, notfalls bei Preisgabe eines
Teiles der eigenen Unabhängigkeit, zu überwinden.
Der
Sieg der Sowjetunion im Vaterländischen Krieg war auch ein Sieg und ein
Triumph der marxistisch-leninistischen Politik der KPdSU(B). Das Ansehen
der Sowjetunion, des Sozialismus und der Kommunisten hatte nicht durch
Propaganda, sondern durch die vor den Augen der ganzen Welt vollbrachten
Taten und Leistungen des Sozialismus, der Sowjetunion und ihrer
Menschen, eine kaum zu überbietende Höhe erreicht. Wer damals
behauptet hätte, die Politik der KPdSU(B) und ihres Führers habe die
kommunistische Bewegung in die Katastrophe geführt, – er wäre für
irrenhausreif erklärt worden.
Zugleich
aber waren mit dem Ende des Krieges Bedingungen entstanden, die eine
Wiederbelebung der revisionistischen Strömungen in der
kommunistischen Bewegung wie selten zuvor begünstigten:
Erstens
hatte die Anti-Hitlerkoalition auch die Wirkung, bei nicht
wenigen Kommunisten das Bewusstsein des letztlich unüberbrückbaren
Gegensatzes zwischen Imperialismus und Sozialismus abzuschwächen oder
gar auszulöschen. Eine Einteilung der Imperialisten in „bündnisfähige“,
gute, vertrauenswürdige – die Bundesgenossen der
Anti-Hitler-koalition – und in unakzeptable, feindliche – die
faschistischen Achsenmächte –‚ machte sich breit. Das führte zu
einer Abschwächung der Wachsamkeit gegen feindliche Umtriebe und
Zersetzungsarbeit von US-amerikanischer und englischer Seite.
Zweitens
traten in manchen kommunistischen Parteien Tendenzen auf, aus der
Praxis der breiten antifaschistischen Volksfront liquidatorische
Schlussfolgerungen zu ziehen in dem Sinne, dass man um der Erhaltung
dieser breiten Einheitsfront willen die Kommunistische Partei in ihr
aufgehen lassen, also auflösen solle (z.B. Browderismus in den USA).
Solche
Tendenzen traten auch in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens auf. So
führte Tito auf dem II. Kongress der Jugoslawischen Volksfront (1947)
folgendes aus:
„Besitzt
die Kommunistische Partei außerhalb der Volksfront irgendein anderes
Programm? Nein! Die Kommunistische Partei hat kein anderes Programm. Das
Programm der Volksfront ist auch ihr Programm.“ (2)
Es
blieb nicht dabei, dass Tito dies für sein Land und seine Partei
proklamierte: Er erhob den Anspruch, damit den allein richtigen Weg auch
für andere zu weisen:
„Jede
Volksfront kann volle Bedeutung für die innere Entwicklung des
Landes ... nur dann haben, wenn sie sich allmählich in eine
einheitliche, alle nationalen Interessen umfassende Organisation
verwandelt.“ (3)
Was
hier propagiert wurde, brachte eine Meinungsverschiedenheit innerhalb
der kommunistischen Bewegung ans Tageslicht, die nicht etwa eine
untergeordnete Frage betraf, sondern die Zentralfrage der Rolle der
kommunistischen Partei. Was Tito vorschlug, war nichts anderes als das
Aufgehen der kommunistischen Partei in einer gesamt-nationalen „Volksgemeinschafts“-Organisation.
Dieses
Konzept war kein Gegenkonzept zu einem „stalinistischen“ Parteiverständnis,
sondern befand sich in fundamentalem Gegensatz zur Parteiauffassung von
Marx, Engels und Lenin. Dem musste entgegengetreten werden. Das geschah
in dieser wie in anderen Fragen mit der Resolution des Informationsbüros
der Kommunistischen Parteien vom Juni 1948. Diese Resolution war
gewissermaßen eine – keineswegs nur von Stalin, sondern von allen
Unterzeichnerparteien – verabreichte notwendige Schutzimpfung der
gesamten kommunistischen Bewegung gegen den von der Tito-Partei aktiv
verbreiteten Revisionismus.
Drittens
war im Sowjetvolk nach den unerhörten Anspannungen und Opfern der
Kriegsjahre die Sehnsucht begreiflicherweise riesig, endlich einmal die
Früchte der langen Entbehrungen und des Sieges zu ernten. Das schuf
eine günstige Situation für Demagogen vom Schlage Chruschtschows, sich
eine Massenbasis zu schaffen durch die Verheißung einer raschen Verbesserung
und Erleichterung des Lebens im Ergebnis eines „neuen Kurses“ der
Verlagerung des Schwergewichtes der Wirtschaftspläne von der
Produktionsgüter- auf die Konsumgüterindustrie.
Viertens
begegneten nach dem Kriegsende erstmals hunderttausende
Sowjetmenschen durch die Öffnung nach außen den Lebensbedingungen, dem
Alltag in den kapitalistischen Ländern, insbesondere in Deutschland.
Zum ersten Mal erlebten sie das große Gefälle an Komfort und
Alltagstechnik, das zwischen dem kapitalistischen Westen und dem eigenen
Land bestand, ein Gefälle, das selbst noch in den Trümmerwüsten der
deutschen Städte zu erkennen war. Hatten die Sowjetbürger ihre
Lebensverhältnisse bisher immer mit denen ihrer Eltern vor der
Revolution verglichen und daraus die Gewissheit von der Überlegenheit
des Sozialismus gewonnen, so wurde jetzt der Vergleichsmaßstab das
Leben im kapitalistischen oder bis 1945 kapitalistischen Westen, und
dabei mussten sie mit Bitterkeit feststellen, dass sie, die Sieger,
schlechter lebten als die besiegten Deutschen. Das schuf einen günstigen
Nährboden für die Aufnahme von Parolen, welche die Abschwächung der
Konfrontation zum Kapitalismus und die Annäherung der Systeme
propagierten.
Fünftens
erwies sich je länger desto mehr, dass in besonders starkem Maße
gerade Vertreter jener Schicht gegenüber der „westlichen
Lebensweise“ anfällig waren und zu deren Propagandisten wurden,
deren eigentliche Aufgabe in der sozialistischen Gesellschaft die Bewahrung
und Weiterentwicklung der sozialistischen Kultur und Ideologie gegen das
Eindringen bürgerlicher Denk- und Lebensweisen war – der Schicht der
Intellektuellen, insbesondere der Kulturschaffenden. Nicht so sehr jene,
die ihren Weg zur Arbeiterbewegung unter kapitalistischen Bedingungen
gefunden hatten, sondern vor allem jene, die nach dem Sieg der Revolution
geboren und aufgewachsen waren, waren für die Losungen von der Freiheit
der künstlerischen Persönlichkeit, von ihrem Recht auf
„Selbstverwirklichung“ als einmaligem Individuum empfänglich.
Einige von ihnen beanspruchten von der sich gerade erst entwickelnden
Gesellschaft eine Freiheit für das Individuum, die erst der entfaltete
Sozialismus, der nicht mehr um seine Selbstbehauptung kämpfen muss, gewähren
kann, empfanden aber die Forderung, ihre Fähigkeiten in den Dienst
der Gesellschaft zu stellen, als unzulässige Beeinträchtigung ihrer
Freiheit, und wurden so eine leichte Beute der revisionistischen Seelenjäger
auf ihrer Suche nach namhaften Persönlichkeiten, deren Namen man für
die Attacken gegen die kommunistische Partei und den angeblichen
„Stalinismus“ missbrauchen konnte.
Nach
Stalins Tod wurde der Kampf gegen die bürgerlichen Einflüsse in der
Sowjetunion Schritt für Schritt vermindert, schließlich eingestellt
oder nur noch formal geführt, während zugleich die Schleusen für die
Propagierung der westlichen Lebensweise immer weiter geöffnet wurden.
Der
XX. Parteitag war eine entscheidende Zäsur in der Geschichte der
Sowjetunion, aber auch der ganzen kommunistischen Weltbewegung. Er
vollzog den Bruch mit dem Leninismus und den Übergang auf die
Position des Revisionismus in entscheidenden Fragen, dies aber unter der
Flagge der „Rückkehr zu Lenin“.
Im
folgenden sollen die meiner Meinung nach wichtigsten Hauptlinien der
revisionistischen Verfälschungen der Theorie und Praxis der
kommunistischen Parteien nachgezeichnet werden.
Die
erste Hauptlinie: Klassenversöhnung statt Klassenkampf
Für
die Abstumpfung des Klassenkampfes zugunsten der Klassen- bzw.
Systemversöhnung wurden und werden verschiedene Begründungen angeführt.
In
den Jahren unmittelbar nach dem Sieg über den Faschismus wurde ein
Argument wieder aufgegriffen, das 1925 bereits Karl Kautsky benutzt
hatte, nämlich, weil die Arbeiterklasse jetzt so stark sei, werde der
Klassenkampf immer milder.
„Nicht
nur die Proletarier werden bei ihren Kämpfen immer ruhiger dank ihrem
steigenden Selbstbewusstsein, und immer überlegener, klarer und
einsichtsvoller dank ihrer zunehmenden Erfahrungen. Ihre wachsende
Kraft zwingt auch ihre Gegner, die Kapitalisten selbst wie deren Freunde
in den Regierungen und der Presse, den Proletariern respektvoller,
gesitteter entgegenzutreten. So werden die Kapitalisten zu einer
Milderung ihrer Methoden im Klassenkampf erzogen.“ (4)
Dies
hatte Kautsky 1925 im Vorwort zum Heidelberger Programm der SPD
geschrieben. Wenige Jahre später ließen die „gesitteten“
Kapitalisten in Deutschland die Hakenkreuz-Diktatur errichten!
Unter
Berufung auf die gewachsene Stärke der Arbeiterklasse verkündete
Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Möglichkeit, auf
parlamentarischem Wege zum Sozialismus zu gelangen:
„In
der ganzen Welt sind die Kräfte des Sozialismus und der Demokratie
unermesslich gewachsen, der Kapitalismus dagegen ist um vieles schwächer
geworden.... Unter diesen Umständen hat die Arbeiterklasse… die Möglichkeit,
... eine stabile Mehrheit im Parlament zu erobern und es aus einem Organ
der bürgerlichen Demokratie in ein Werkzeug des tatsächlichen
Volkswillen zu verwandeln.“ (5)
Diese
revisionistische Theorie war nicht Chruschtschows Erfindung. Er hat mit
dieser Äußerung nur eine These des Tito-Revisionismus übernommen
und zum offiziellen Theorie-Gepäck der KPdSU erhoben und damit als
Konterbande in den Marxismus-Leninismus eingeschmuggelt. Als sich die
Tito-Revisionisten 1958 auf ihrem Laibacher Parteitag
doch ein eigenes Programm gaben, war darin zu lesen:
„Die
bisherigen Erfolge des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse, ...
das Entstehen des sozialistischen Weltsystems, ... all das bietet der
Arbeiterklasse ... mehr Aussichten als früher, in den einzelnen Ländern
unter bestimmten Bedingungen auch auf dem Wege eines vergleichsweise
friedlichen politischen Kampfes zur führenden Kraft der Gesellschaft zu
werden, einen entscheidenden Einfluss auf die Macht zu erlangen und
allmählich, je nach vorhandenen objektiven Bedingungen und eigener
politischer Stärke, die Entstehung und Entwicklung zum Sozialismus zu
gewährleisten.“ (6)
Wurde
zu Beginn der Nachkriegszeit die Predigt der „Milderung“ des
Klassenkampfes mit der gewachsenen Stärke der Arbeiterbewegung und des
Sozialismus begründet, so wurde in den 60er Jahren vor allem von
revisionistisch angekränkelten Ökonomen in den sozialistischen Ländern
ein weiteres Argument eingeführt: der staatsmonopolistische
Kapitalismus, so sagten sie, habe nichts mehr gemein mit dem von Marx
analysierten Kapitalismus. Erstens sei das ein Kapitalismus auf einer
Stufe der höchstentwickelten Technik, die nur von hoch qualifizierten
Arbeitern gemeistert werden könne; solchen Arbeitern aber müsse der
moderne Kapitalist sowohl einen relativ hohen Lebensstandard einräumen
als auch demokratische Rechte, weshalb vom staatsmonopolistischen
Kapitalismus kein Rückfall mehr in eine diktatorische Herrschaftsform
zu gewärtigen sei, der friedliche Übergang zum Sozialismus folglich größere
Chancen denn je habe.
Zweitens
aber sei das ein Kapitalismus, bei dem von Anarchie der Produktion keine
Rede mehr sein könne. Staatsmonopolistischer Kapitalismus sei geplanter
Kapitalismus, deshalb seien auch Überproduktionskrisen nicht mehr zu
erwarten.
Auf
der Grundlage solcher Einschätzungen des „modernen“ Kapitalismus
fanden dann Theorien von der „Konvergenz der Systeme“, von der
gegenseitigen Annäherung von staatsmonopolistischem Kapitalismus und
Sozialismus, die zu einer friedlichen Synthese führen könnte,
Verbreitung in den kommunistischen Parteien bis in deren Spitzen hinein.
Eine
dritte Begründung für die Absage an den unversöhnlichen Kampf gegen
den Imperialismus, von Chruschtschow eingeführt, von Gorbatschow bis
zur freiwilligen Entwaffnung des Sozialismus getrieben, bestand in der
Behauptung, angesichts der Atomkriegsgefahr könne der Frieden nicht
mehr gegen, sondern nur noch gemeinsam mit dem Imperialismus erhalten
werden.
In
der Praxis war die mit diesem Argument von Chruschtschow betriebene so
genannte „Entspannungspolitik“ das Gegenteil einer
marxistisch-leninistischen Politik des Kampfes um den Frieden. Leninsche
Politik setzt sich zum Ziel, durch höchste Mobilisierung der
Volksmassen die Imperialisten daran zu hindern, ihre Aggressions- und
Kriegsabsichten zu verwirklichen.
Chruschtschowsche
und Gorbatschowsche „Entspannungspolitik“ lief im Gegenteil darauf
hinaus, in Geheimgesprächen, genannt „Gipfeldiplomatie“, unter
Ausschaltung der Aktivität der Volksmassen (diese vielmehr zu
erwartungsvoll auf die Ergebnisse der Verhandlungen der Lenker der
Geschichte der Völker harrendem Publikum degradierend) „Entspannungsschritte“
auszuhandeln, die sich im Nachhinein nur zu oft als Komplott gegen den
Frieden und den Sozialismus herausstellten.
Als
Modellfall sei hier nur die so genannte Cuba-Krise von 1962 angeführt:
Angeblich
aus Sorge um die Sicherheit des sozialistischen Cuba schwatzte
Chruschtschow Fidel Castro regelrecht auf, sowjetische Raketen auf
cubanischem Boden zu stationieren. (Nachzulesen bei Chruschtschow:
„Chruschtschow erinnert sich“, Hamburg 1971, S. 489 bis 502)
Als
dies die USA-Imperialisten zum Anlass nahmen, mit Krieg zu drohen, wenn
die Raketen nicht wieder beseitigt würden, einigte sich Chruschtschow
mit Kennedy nicht nur darüber, die Raketen wieder abzuziehen, sondern
auch darüber, dass die Amerikaner das Recht erhielten, den Abbau
durch eine Kommission in Cuba zu überwachen – ohne vorher Fidel
Castro gefragt zu haben, ob er damit einverstanden sei. Chruschtschow
handelte also nicht wie ein Kommunist, sondern entschied wie der Chef
einer Supermacht mit dem Chef einer anderen Supermacht über das
Schicksal eines dritten, noch dazu verbündeten Landes, und ließ sich für
dieses großmachtchauvinistische Verhalten auch noch als Friedensstifter
feiern!
Beide,
Chruschtschow wie Kennedy, hatten die Rechnung allerdings ohne Fidel
Castro und die cubanischen Kommunisten gemacht: sie nahmen dieses –
von vielen als eine Art Münchner Abkommen bezeichnete – Diktat der
beiden „Friedensretter“ nicht hin; Fidel erklärte vielmehr, wenn
die Amerikaner den Abbau der Raketen in Cuba zu überprüfen wünschten,
dann könnten sie das tun, allerdings nur unter der Bedingung, dass eine
cubanische Kommission im Gegenzug überprüfen könne, dass von den
Exilcubanern in Miami keine neue Intervention auf Cuba vorbereitet würde.
Damit war das Komplott der beiden gegen Cuba geplatzt.
Der
Modellfall „Friedensrettung“ in der „Cuba-Krise“ 1962 enthält
alle wesentlichen Elemente, durch die sich die revisionistische
„Entspannungspolitik“ auszeichnet: es ist dies eine Politik der
Geheimdiplomatie der Sowjetführer mit den Führern der
imperialistischen Führungsmacht hinter dem Rücken der Völker und
mit nur scheinbaren Entspannungserfolgen, denen bald danach neue
Hochspannungssituationen folgen.
Am
Ende der sowjetischen Begründungen für die Preisgabe des
Klassenkampfes zugunsten der Versöhnung mit dem Imperialismus stand die
Gorbatschow-Schewardnadse-These von den „globalen
Menschheitsinteressen“, die über den Klasseninteressen stünden. Die
globalen Probleme seien nur noch gemeinsam mit dem Imperialismus
zu lösen.
Aber
Gorbatschow/Schewardnadse waren keineswegs die Erfinder dieser These;
auch sie ist vielmehr von den Tito-Revisionisten übernommen, die sie in
verschiedenen Varianten schon in ihrem Laibacher Programm zu Papier
brachten. So wird dort zur Begründung der jugoslawischen Politik der
so genannten „aktiven Koexistenz“ ausgeführt:
„Diese
Entwicklung führt zur faktischen Verbundenheit der ganzen Welt ...
Die Politik der aktiven Koexistenz ... entspricht den zeitgemäßen
wirtschaftlichen Erfordernissen der Weltwirtschaft als Ganzes.“
(S. 99) Ferner: „Jugoslawien ist ein Bestandteil der europäischen und
Weltgemeinschaft und als sozialistisches Land ist es ein Bestandteil der
sozialistischen Welt, d.h. der sozialistischen fortschrittlichen Kräfte
der zeitgenössischen Menschheit.“ (S. 104)
Die
Tito-revisionistische Definition der „sozialistischen Welt“ ist
bemerkenswert: „sozialistische Welt“ das heißt „die
sozialistischen fortschrittlichen Kräfte der zeitgenössischen
Menschheit“. Hier tritt mit besonderer Deutlichkeit ein
Charakteristikum der Terminologie aller Verlautbarungen des „Bundes
der Kommunisten Jugoslawiens“ hervor: Die Vermeidung klarer Aussagen
über Klassenpositionen, die kunstvoll gedrechselten Formulierungen, in
denen die klassenübergreifende Verbundenheit mit dem Imperialismus in
verhüllter Form ausgesprochen wird. Die Sprache der
Tito-Revisionisten ist eine Orakel-Sprache, absichtlich so gefasst, dass
sie nach mehreren Seiten hin ausgedeutet werden kann.
Soviel
zur ersten Hauptlinie der revisionistischen Verfälschung des
Marxismus-Leninismus. Ihre konsequente Verfolgung führt zu einer zweiten
Hauptlinie, zur Propagierung des Imperialismus als Vorbild für die
Gestaltung des Sozialismus.
Die
zweite Hauptlinie: Die Propagierung des Imperialismus als Vorbild für
die Gestaltung des Sozialismus
Lenin
lehrte: Wer die Menschheit vom Joch des Imperialismus befreien will, der
darf nicht zulassen, dass das Bewusstsein dessen verdunkelt wird, dass
der Imperialismus der Todfeind aller Ausgebeuteten und Unterdrückten,
aller sozial und national versklavten Völker ist.
Kennzeichnend
für die Politik Chruschtschows und noch viel mehr Gorbatschows war dagegen
die systematische Untergrabung eben dieses Bewusstseins.
Während
Chruschtschow bei bestimmten Gelegenheiten superradikale Reden gegen den
Imperialismus vom Stapel ließ, öffnete die von ihm betriebene
Liberalisierung das Land einer immer breiteren Propagierung der
westlichen Lebensweise.
Ihren
krassesten Ausdruck fand diese Linie in der Wirtschaftspolitik darin,
dass als deren Ziel nicht mehr die Festigung der sozialistischen ökonomischen
Basis, sondern die möglichst rasche Steigerung des Konsums der
Sowjetbürger pro Kopf auf das Niveau der entwickeltsten
kapitalistischen Länder proklamiert wurde. Das geschah allerdings nicht
direkt, sondern auf dem Wege, dass die Erreichung des Kommunismus, die
Erreichung „des höchsten Lebensstandards der Welt“ (so
Chruschtschow auf dem XXI. Parteitag der KPdSU, Januar 1959) als eine
Aufgabe dargestellt wurde, die in naher Zukunft zu erreichen sei.
Chruschtschow nannte als Zeitraum, in dem die Sowjetunion „sowohl nach
dem absoluten Produktionsumfang als auch in der Pro-Kopf-Quote auf den
ersten Platz in der Welt rücken“ werde, zwölf Jahre, verhieß damit
also den Sowjetbürgern den höchsten Lebensstandard der Welt für das
Jahr 1971! (7)
Diesen
abenteuerlichen Versprechungen folgend beschloss der XXII. Parteitag der
KPdSU ein neues Programm, in dem es wörtlich hieß:
„Im
nächsten Jahrzehnt (1961 bis 1970) wird die Sowjetunion beim Aufbau der
materielltechnischen Basis des Kommunismus die USA das mächtigste und
reichste Land des Kapitalismus - in der Pro-Kopf-Produktion überflügeln....
Als Ergebnis des zweiten Jahrzehnts (1971 bis 1980) wird die
materiell-technische Basis des Kommunismus errichtet, die einenÜberfluss
an materiellen und kulturellen Gütern für die gesamte Bevölkerung
sichert; die Sowjetgesellschaft wird soweit sein, das Prinzip der
Verteilung nach den Bedürfnissen zu verwirklichen... Somit wird in der
UdSSR die kommunistische Gesellschaft im wesentlichen aufgebaut sein.“
(8)
Statt
in realistischer Weise auf die gewaltigen Anstrengungen vorzubereiten,
die das Aufholen des Produktivitätsrückstandes für noch viele Jahre
erforderlich machen würde, wurde dem Sowjetvolk und darüber hinaus
allen Völkern der sozialistischen Länder der Weg zum nahen Überfluss
in allem als ein relativ müheloser und mit Sicherheit in Kürze zum
Ziel führender Wettlauf dargestellt.
Das
konnte nur zur Diskreditierung des Sozialismus, zum Verlust des
Vertrauens der Massen zur Kommunistischen Partei und zu wachsender
Wirksamkeit der imperialistischen Propaganda führen, da die
Wirklichkeit eine genau entgegen gesetzte Entwicklung brachte.
Während
die revisionistische Politik der Chruschtschow-Führung auf solche Weise
die sozialistische Ordnung bei der eigenen Bevölkerung mehr und mehr
in Misskredit brachte, scheute sich Chruschtschow nicht, unverhohlene
Vertrauenswerbung für den USA-Imperialismus und seinen obersten Repräsentanten
zu betreiben. Als er im Oktober 1959 von einem Gipfeltreffen mit dem
USA-Präsidenten Dwight Eisenhower zurückkam, hielt er in Moskau eine
Lobrede auf seinen Gastgeber (der immerhin 1953 Ethel und Julius
Rosenberg auf dem elektrischen Stuhl hatte hinrichten lassen!):
„Von
dieser Tribüne aus“, sagte er, „muss ich vor den Moskauern, vor
meinem ganzen Volk, vor der Regierung und vor der Partei sagen, dass der
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Dwight Eisenhower, das absolute
Vertrauen seines ganzen Volkes genießt.“ (9)
Wie
man sieht, zählten für diesen Führer der KPdSU die amerikanischen
Kommunisten nicht zum amerikanischen Volk!
Zwischen
dieser Lobrede Chruschtschows auf den politischen Führer des
USA-Imperialismus und der Duz-Freundschaft Gorbatschows mit dem
Bundeskanzler des imperialistischen Deutschland liegen zwar zeitlich über
dreißig Jahre, aber beides dokumentiert ein und dasselbe: die
Komplizenschaft des Revisionismus mit dem Imperialismus!
Am
unverhülltesten zeigt sich diese Komplizenschaft in einer weiteren
Hauptlinie revisionistischer Verfälschung des
Marxismus-Leninismus, im Austausch des Freund- und des Feindbildes.
Die
dritte Hauptlinie: Der Austausch von Freund- und Feindbild
Als
Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU seine Geheimrede gegen
Stalin hielt, begründete er sein außergewöhnliches Vorgehen damit, es
müsse die „volle Wahrheit“ aufgedeckt werden, damit sich
derartige Verstöße gegen die sozialistische Gesetzlichkeit niemals
wiederholen könnten.
Nun,
welcher Kommunist könnte etwas gegen die wahrheitsgemäße Darstellung
auch der Geschichte seiner eigenen Bewegung einwenden?
Jedoch
musste jeder, der Chruschtschows Anklagerede aufmerksam hörte oder las,
sich darüber verwundern, dass diese angebliche Offenbarung der
Wahrheit einige mit Händen zu greifende Unwahrheiten und Erfindungen
enthielt, andererseits durchaus bekannte und wesentliche Wahrheiten
– wie etwa über seine eigene, Chruschtschows, Rolle bei der Liquidierung
von „Volksfeinden“ in der Ukraine – vermissen ließ.
Zu
den offenkundigen Lügen gehört die geradezu absurde Behauptung,
„dass Stalin militärische Operationen auf einem Globus plante“.
(Chruschtschow erinnert sich, 8. 562)
Sehr
verwunderlich war auch die Tatsache, dass niemand, weder Chruschtschow
selbst, noch das ZK der KPdSU, bereit war, die Autorenschaft für diese
dubiose Rede zu übernehmen. Sie wurde bekanntlich zuerst am 4. Juni
1956 durch das US-Außenministerium veröffentlicht; als man
Chruschtschow fragte, ob diese Veröffentlichung mit seiner Rede
identisch sei, antwortete er, er wisse nichts davon und man müsse die
Frage an Allan Dulles, an den amerikanischen Geheimdienst also,
richten. (ebd. S. 357)
Vielleicht
war dieser Hinweis gar nicht so abwegig. Auf jeden Fall hätte dort kaum
ein Pamphlet von verhängnisvollerer Wirkung für die gesamte
kommunistische Bewegung ausgedacht werden können als diese
Chruschtschow-Rede. Denn mit dieser Rede begann die Neu-Schreibung der
Geschichte der Sowjetunion, ihre Um-Schreibung, mit der die gewaltigste
Befreiungsbewegung der Menschheitsgeschichte umgelogen wurde in eine
seit 1924 ununterbrochene Abfolge von Verbrechen. Was unter
Chruschtschow begann, wurde unter Gorbatschow ins nicht mehr überbietbare
Ungeheuerlichste gesteigert. Es gab und gibt keine antisowjetische Lüge
und Verleumdung, auch keine aus der Goebbels-Küche, die von „sowjetischen“
Medienmeldungen und Publikationen nun nicht bestätigt und noch um
vieles übertroffen worden wäre.
Die
Infamie dieser „Geschichtsschreibung“ bestand nicht darin, dass
bisher verschwiegene Tatsachen über Verfolgung und Repressalien gegen
Unschuldige bis hin zu Todesurteilen und Morden aufgedeckt wurden,
sondern darin, dass ganz im Stile der antikommunistischen Hetze des
Imperialismus, Mord und Verbrechen zum Wesenskern der Sowjetmacht erklärt
wurden, wobei nicht erst seit Jelzin, sondern schon unter Gorbatschow
auch die Jahre 1917 bis 1924 in diese Verurteilung mit einbezogen
wurden; man hatte – das wurde jetzt deutlich auch vorher schon,
indem man auf Stalin eindrosch, auch Lenin, und sogar vor allem Lenin
gemeint, war er doch – wie man jetzt lesen konnte – der eigentliche
Erfinder des „Stalinismus“.
Die
Methode, die bei alledem angewandt wurde, war und ist einfach genug:
Nicht nur verschwiegen, sondern geleugnet wird, dass der Sowjetstaat
einen ununterbrochenen Selbstbehauptungskampf gegen den brutalen,
barbarischen Würgegriff, gegen kalte und heiße Kriege des
Imperialismus und gegen die Sabotage und Schädlingstätigkeit innerer
Feinde und Agenten des Imperialismus zu führen hatte; nein, Stalin habe
die Bedrohung der Sowjetunion durch äußere und innere Feinde erfunden,
um mit seinen Gegnern und Rivalen abrechnen und seine persönliche Macht
erhalten zu können. Alles, was nicht in dieses Bild passt, wird aus der
Geschichte gestrichen.
Und
so ist dann die Geschichte der Sowjetunion nicht mehr die Geschichte
eines unaufhörlichen, heroischen Kampfes zur Abwehr der Angriffe des
Imperialismus und zur Verteidigung des Stützpunktes der proletarischen
Revolution und der revolutionären Befreiungsbewegungen der Völker,
sondern die besonders finstere Fortsetzung der zaristischen asiatischen
Despotie unter den „roten Zaren“ Lenin und Stalin.
Am
Anfang seiner Laufbahn als Generalsekretär der KPdSU predigte
Gorbatschow: „Es gilt, auf die Schaffung von Feindbildern ... zu
verzichten“. (10) Das war schon eine recht merkwürdige, verdächtige
Parole. Gab es denn keine Feinde des Sozialismus mehr? Wenn aber doch
– wieso sollte man sich dann über sie keine Klarheit verschaffen,
also kein realistisches Bild von den Feinden machen?
Im
Klartext war dies ein Aufruf dazu, das „Feindbild“ Imperialismus
fallen zu lassen und den Kampf gegen den Imperialismus einzustellen.
Aber wie sich zeigte, war Gorbatschow keineswegs dafür, jegliche
Feindbilder aufzugeben. Aufgegeben und vergessen werden sollten nur die
bisherigen Feindbilder. An ihre Stelle sollte nun endgültig die eigene
Geschichte, die eigene Vergangenheit treten.
Auf
der Festsitzung zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution am 2. November
1987 hat Gorbatschow in einer winzigen Nebenbemerkung dieses
Leitmotiv, das von da an in den Medien der Sowjetunion immer stärker
anschwoll bis zum alles andere erdrückenden Hauptmotiv, anklingen
lassen, indem er sagte: „Die Schuld Stalins und seiner nächsten
Umgebung ... ist unverzeihlich.“ Dies war das neue Feindbild,
auf das der Zorn und die Abscheu des ganzen Volkes zu konzentrieren
waren, damit es verwirrt genug wurde, um widerstands- und tatenlos die
Demontage der Sowjetordnung und die Entmachtung der Kommunistischen
Partei hinzunehmen.
Als
Präsident der Sowjetunion erließ Gorbatschow ein Gesetz, nachdem alle
wegen politischer Vergehen in der Sowjetunion Verurteilten
rehabilitiert wurden!
Damit
wurde zum Ausdruck gebracht: wer immer die Sowjetmacht bekämpfte und
dafür verurteilt wurde, war im Recht! Gegen diese Macht zu kämpfen,
konnte kein Unrecht sein!
Welch
abgrundtiefer Hass gegen diesen ersten sozialistischen Staat spricht aus
einer solchen Handlung!
Hier
erleben wir die Entblößung des innersten Kerns des Revisionismus: die
Vernichtung der eigenen sozialistischen und kommunistischen Identität
durch Versöhnung mit dem Imperialismus und Erzeugung von Hass und
Abscheu gegen die eigene sozialistische Vergangenheit.
Aber
noch eine weitere Hauptlinie der revisionistischen Verfälschung des
Marxismus-Leninismus, vielleicht sogar die wichtigste, muss Erwähnung
finden: Die Zerstörung des kommunistischen Partei-Bewusstseins.
Die
vierte Hauptlinie: Die Zerstörung des kommunistischen
Parteibewusstseins
Für
Marx, Engels und Lenin war und für jeden wirklichen
Marxisten-Leninisten ist die Partei die wichtigste Errungenschaft der
Arbeiterklasse, unersetzlich, weil die höchste Form der
Klassenorganisation, ohne die es keine Orientierung und keinen Sieg im
Kampf gegen das Kapital und auch keinen erfolgreichen Aufbau des
Sozialismus nach dem Sieg geben kann. Voraussetzung ist dabei, dass die
Partei eine Partei des wissenschaftlichen Sozialismus bleibt, die ständig
und konsequent gegen die Verwässerung ihrer theoretischen Grundlagen
durch das Eindringen bürgerlicher Ideologie kämpft.
Der
Revisionismus als die gefährlichste Form bürgerlicher Ideologie in der
Arbeiterbewegung zerstört nicht nur – wie die Geschichte der II.
Internationale und der kommunistischen Weltbewegung gezeigt hat – die
Einheit der Bewegung, er richtet seinen Angriff auch zielstrebig gegen
das marxistische Parteibewusstsein.
Er
greift alle Parteigesetze an, die auf die Erhaltung der ideologischen
und organisatorischen Einheit und Geschlossenheit der Partei gerichtet
sind, indem er sie als „stalinistisch“ denunziert. Er züchtet in
der Mitgliedschaft Feindschaft gegen die Funktionäre des
Parteiapparats, die er als „Apparatschiks“ und „Parteibürokraten“
in Bausch und Bogen attackiert.
Er
sucht die Kampfkraft der Partei zu schwächen, indem er die
Parteidisziplin mit Kadavergehorsam gleichsetzt.
(Dies
alles jedoch nur, solange die Revisionisten nicht die Parteiführung an
sich gerissen haben; wo ihnen das gelingt, erweisen sie sich als
unduldsamste Verfechter des Zentralismus und Verfolger jeder
innerparteilichen Opposition.)
Eine
neue Form der Zersetzung des Parteibewusstseins breitete sich in den
kommunistischen Parteien einige Zeit nach dem Machtantritt
Chruschtschows aus. Delegationen, die aus der Sowjetunion zurückkamen,
brachten plötzlich außer den üblichen Andenken aus Moskau auch ganze
Kollektionen von Witzen über die Partei und den Sozialismus mit. Witze,
die sehr oft keineswegs freundliche Selbstverspottung, sondern bösartige
Verhöhnung und Lächerlichmachung darstellten. Wenn dann die verblüfften
Daheimgebliebenen fragten, woher die Heimgekehrten denn derartige böse
Witze über die Partei hätten, wurde ihnen regelmäßig geantwortet,
dies seien keine bösen Witze, denn sie wären ihnen von Mitarbeitern
des ZK oder anderen Parteifunktionären erzählt worden. So lernten also
die Kommunisten der Bruderländer von der KPdSU, dass man die
erfolgreiche Überwindung des Dogmatismus am überzeugendsten dadurch
demonstriert, dass man die jeweils letzten Witze des „Senders
Jerewan“ auf Lager hatte.
Wenn
einmal die Geschichte der Zersetzung der kommunistischen Parteien und
des Parteibewusstseins ihrer Mitglieder geschrieben werden sollte,
dann darf die Rolle der aus den Parteizentralen kommenden „Witze“
nicht übergangen werden.
Eine
ganz wesentliche Rolle bei der Zerstörung des kommunistischen
Parteibewusstseins spielte die Verdrängung des Proletarischen
Internationalismus durch Nationalismus.
Für
wirkliche Marxisten-Leninisten sind alle kommunistischen Parteien
aufgrund ihrer gemeinsamen Ziele Teile einer weltumspannenden
kommunistischen Bewegung, ganz unabhängig davon, ob dies durch einen
gemeinsamen organisatorischen Rahmen dokumentiert ist oder nicht. Die
Auflösung der Kommunistischen Internationale 1943 hat an diesem Bewusstsein
der internationalen Zusammengehörigkeit und Verbundenheit nichts geändert.
Eine
entscheidende, radikale und verhängnisvolle Zäsur bedeutete jedoch die
sowjetisch-jugoslawische Deklaration vom 2. Juni 1955. In ihr hieß es
– unterzeichnet von Tito und Chruschtschow: „Beide Regierungen gehen
von folgenden Prinzipien aus: ... gegenseitige Achtung und
Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten – Einmischung weder
aus wirtschaftlichen noch aus politischen, ideologischen oder sonstigen
Gründen –‚ da die Frage der inneren Einrichtung, des Unterschieds
in den konkreten Formen der Entwicklung des Sozialismus ausschließlich
Sache der Völker der einzelnen Länder sind.“ (11)
Mit
Chruschtschows Unterschrift unter diesem Dokument verriet die KPdSU das
marxistisch-leninistische internationalistische Parteiverständnis und
führte das revisionistische Prinzip des so genannten
„Nationalkommunismus“ in die kommunistische Weltbewegung ein. Von
nun an konnte sich jede kommunistische Partei darauf berufen, dass das
alte Prinzip nicht mehr galt, nach dem jede Partei der gesamten
kommunistischen Weltbewegung gegenüber rechenschaftspflichtig ist,
und sie konnte nunmehr jede Kritik einer Bruderpartei an ihrer Politik
als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ zurückweisen.
Mit
der Annahme dieser Prinzipien wurde die Axt an die Lebenswurzel der
kommunistischen Bewegung und der sozialistischen Staatengemeinschaft, an
den proletarischen Internationalismus, gelegt.
Wenn
gefragt wird, warum die Zusammenarbeit der sozialistischen Staaten im
Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) nicht klappte, dann muss
die erste Antwort lauten: Weil auf den Prinzipien der
sowjetisch-jugoslawischen Deklaration vom Juni 1955 keine internationale
sozialistische Zusammenarbeit aufgebaut werden kann.
Dies
umso weniger, als die KPdSU unter Chruschtschows Führung nicht nur auf
die Position des Tito-Revisionismus überging, sondern gemeinsam mit
Tito dafür sorgte, dass auch in anderen kommunistischen Parteien alte
„stalinistische“, d.h. marxistisch-leninistische Führungen gestürzt
wurden, und an ihrer Stelle ihresgleichen, also Revisionisten,
Vertrauensleute Titos, traten: Imre Nagy und nach dessen Sturz Kadar in
Ungarn, Gomulka in Polen. Doch dies sollte nur der Anfang sein, wie Tito
in erfreulicher Offenheit in einer Rede in Pula am 19. November 1956
ausplauderte. Er sagte damals u.a.: „Gemeinsam mit den polnischen Genossen“
– also Gomulka – „werden wir gegen solche Tendenzen kämpfen müssen,
die in den verschiedenen anderen Parteien in den Ostländern oder im
Westen auftreten. Dieser Kampf wird schwer und langwierig sein, denn
jetzt geht es wirklich darum, ob in den kommunistischen Parteien der
neue Geist siegen wird, der in Jugoslawien seinen Ausgang genommen hat,
und für den in den Beschlüssen vom XX. Kongress der KPdSU ziemlich
viele Elemente geschaffen wurden. Es geht jetzt darum, ob dieser Kurs
Siegen wird, oder ob wieder der Stalinsche Kurs siegen wird.“ (12)
In
diesem Zusammenhang muss auch die Tatsache erwähnt werden, dass
Chruschtschow bei seinem Besuch in Jugoslawien der Ausbreitung des
„neuen Geistes, der von Jugoslawien seinen Ausgang genommen hat“,
schon bei seiner Ankunft auf dem Flughafen einen unschätzbaren Dienst
geleistet hat, indem er, kaum dass er dem Flugzeug entstiegen war, Tito
wie folgt begrüßte:
„Teurer
Genosse Tito! Wir bedauern aufrichtig, was geschehen ist, und fegen
entschlossen beiseite, was sich in dieser Periode abgelagert hat.... Wir
haben eingehend die Materialien überprüft, auf denen die schweren
Anschuldigungen und Beleidigungen beruhten, die damals gegen die Führer
Jugoslawiens erhoben wurden. Die Tatsachen zeigen, dass diese
Materialien von Volksfeinden, niederträchtigen Agenten des
Imperialismus, fabriziert waren, die sich durch Betrug in die Reihe
unserer Partei eingeschlichen haben.“ (13)
Das
war wieder eine faustdicke Lüge. Keine Erfindung von Agenten des
Imperialismus war die Tatsache, dass Tito Jugoslawien 1953 in das
imperialistische Paktsystem eingebunden hatte, indem er mit den
NATO-Staaten Türkei und Griechenland den Balkanpakt schloss und als
Belohnung von den USA Waffen erhielt zur Ausrüstung der jugoslawischen
Armee.
Und
kein anderer als Chruschtschow sah sich wenige Jahre später, im
Juni1958, genötigt, seine Ausführungen von 1955 Lügen zu strafen,
indem er erklärte: „Der moderne Revisionismus ist eine Art
trojanisches Pferd. Die Revisionisten versuchen, die revolutionären
Parteien von innen zu zersetzen, die Einheit zu unterminieren und
Verwirrung und Durcheinander in die marxistisch-leninistische Ideologie
zu tragen…
Im
Jahre 1948 nahm die Konferenz des Informbüros eine Resolution ‚Über
die Lage der KP Jugoslawiens‘ an, die eine berechtigte Kritik an der Tätigkeit
der KP Jugoslawiens in einer Reihe prinzipieller Fragen enthielt. Diese
Resolution war im wesentlichen richtig und entsprach den Interessen
der revolutionären Bewegung.“ (14)
Aber
eben diese Resolution, die eine Schutzimpfung gegen die Ausbreitung des
revisionistischen Bazillus gewesen war, hatte Chruschtschow durch
seine verlogene Flugplatz-Erklärung 1955 unwirksam gemacht. Der
Schaden, der dadurch angerichtet worden war, konnte durch die Erklärung
von 1958 nicht mehr gutgemacht werden: die revisionistische Seuche war
schon viel zu tief in den Organismus der kommunistischen Bewegung
eingedrungen.
So
also war die Situation innerhalb der kommunistischen Bewegung und in den
sozialistischen Ländern beschaffen. Die führende Partei der
kommunistischen Weltbewegung, die Kommunistische Partei der Sowjetunion,
bislang eine zuverlässige Bastion der Verteidigung des
Marxismus-Leninismus, war unter der Führung Chruschtschows zur
Hauptkraft der Bekämpfung der marxistisch-leninistischen Führungen
der Bruderparteien, zum Förderer und Beschützer der revisionistischen
Kräfte in der kommunistischen Bewegung geworden.
Gelungen
war dies durch eine staatsstreichähnliche Überrumpelung der
marxistisch-leninistischen Kräfte in der KPdSU. Diese Kräfte führten
einen erbitterten Kampf gegen die in die Parteispitze eingedrungenen
revisionistischen Elemente, der im Juni 1957 schon fast zum Ziele geführt
hatte. Auf seiner Sitzung in diesem Monat setzte das Präsidium des ZK
der KPdSU mit einem Mehrheitsbeschluss Chruschtschow als 1. Sekretär
ab. Doch mit Hilfe seiner Kumpane in der Parteiführung gelang es
Chruschtschow, eine von seinen Anhängern dominierte ZK Tagung
einzuberufen, die den Beschluss des Präsidiums des ZK rückgängig
machte und seine Hauptwidersacher Molotow und Kaganowitsch zu
Parteifeinden erklärte. Damit wurde die Position der gesunden Kräfte
in der Parteiführung entscheidend geschwächt und die
Chruschtschow-Fraktion konnte ihre Bemühungen, die KPdSU von oben bis
unten in eine völlig revisionistische Partei nach dem Muster des
jugoslawischen ‚‚Bundes der Kommunisten‘‘ umzuwandeln ‚ noch
sieben Jahre, bis zum Oktober 1964, fortsetzen. Dann jedoch waren die
katastrophalen Folgen seiner Politik so offenkundig geworden, dass
nunmehr die Mehrheit des ZK seine Absetzung beschloss. Eine rücksichtslose
Aufdeckung der tatsächlichen Rolle Chruschtschows und eine Abrechnung
mit dem Revisionismus unterblieb jedoch. Mehr noch: zu seinem Nachfolger
wurde sein engster Vertrauter, der von ihm selbst schon lange zum
Nachfolger ausersehene Leonid Breschnjew, gewählt. So konnte also unter
der Oberfläche einer scheinbaren Einheit der Partei auf Leninscher
Grundlage der von der Chruschtschowfraktion implantierte Krankheitskeim
weiterwuchern und den Organismus nicht nur der KPdSU, sondern der
kommunistischen Bewegung insgesamt zerfressen.
Der
so genannte „Sowjetblock“ war alles andere als ein fest gefügter
Block. Innerhalb dieses „Blocks“ waren zwei Staaten – Polen und
Ungarn – von Parteien geführt, die – wie Tito in seiner Pula-Rede
zutreffend ausgeführt hatte –‚ mit dem BdKJ zusammen den Kampf führten
für den Sieg des „Geistes, der von Jugoslawien seinen Ausgang
genommen hat“ – offen und deutlich, wenn es die Umstände zu
gestatten schienen, wie 1956, verhüllt und konspirativ, wenn es anders
nicht möglich war.
Die
KPdSU selbst war ebenfalls nur nach außen hin eine einheitliche Partei.
In Wahrheit fand in ihr ein erbitterter Kampf zwischen jenen statt, die
aus der Partei die revisionistische Krankheit wieder austreiben wollten,
und denen, die mit Gorbatschow schließlich endgültig die Oberhand
gewannen und das zu Ende führten, was Chruschtschow nicht gelungen war,
zu Ende zu führen.
Diese
Rahmenbedingungen für das Wirken regierender kommunistischer Parteien
in den sozialistischen Ländern muss man kennen, wenn man ihre
ideologische Arbeit richtig verstehen und beurteilen will.
II.
Einige Bemerkungen zum Platz der SED/DDR im Kampf zwischen
Marxismus-Leninismus und Revisionismus in der kommunistischen
Weltbewegung
Wie
schon erwähnt, gelang den Kommunisten in der sowjetischen
Besatzungszone dank der strikten Befolgung der vom VII. Weltkongress
ausgearbeiteten Politik der Einheits- und Volksfront 1946 die
Herstellung der organisatorischen Einheit der Arbeiterbewegung durch die
Vereinigung von SPD und KPD zur SED.
Diese
Vereinigung erfolgte auf der von beiden Parteien gemeinsam beschlossenen
Grundlage der Lehren von Marx und Engels und führte durch eine enorme
und effektive ideologische Schulung der Parteimitglieder in sehr kurzer
Zeit zu einer weitgehend auch ideologischen Einheit. Ein eindruckvolles
bleibendes Zeugnis dafür war die große Rede Otto Grotewohls, des aus
der SPD gekommenen Ko-Vorsitzenden der SED aus Anlass des 30.
Jahrestages der Novemberrevolution, die unter dem Titel: „Vor dreißig
Jahren“ auch als Buch erschien. Der nächste konsequente Schritt der
ideologischen Entwicklung der Partei war ihre Weiterentwicklung aus
einer marxistischen in eine marxistisch-leninistische Partei, zu deren
ideologischer Grundausrüstung vor allem solche Werke Lenins wie
„Staat und Revolution“ und „Der Radikalismus, die Kinderkrankheit
im Kommunismus“ gehörten und natürlich auch der „Kurze Lehrgang
der Geschichte der KPdSU(B)“ sowie andere Arbeiten Stalins.
Im
Kampf gegen den vom Informbüro verurteilten Revisionismus der KP
Jugoslawiens stand die SED in vorderster Front.
Allerdings
litt die ideologische Arbeit der SED wie wohl der kommunistischen
Parteien aller sozialistischen Länder daran, dass die Lehren der Begründer
des Marxismus-Leninismus und Stalins oft wie Glaubenssätze behandelt
wurden, die auf ihre Richtigkeit nicht geprüft zu werden brauchten, da
diese von vornherein feststand. Damit wurde eine Autoritätsgläubigkeit
anerzogen, die es später der revisionistischen Führung der KPdSU sehr
erleichterte, die ganze Bewegung vom marxistischen auf das
revisionistische Gleis umzustellen, zumal das ja unter der Behauptung
geschah, damit die Stalinschen Entstellungen zu korrigieren und wieder
auf den Leninschen Weg zurückzukehren.
Welchen
Platz nahmen DDR und SED im Kampf gegen die sich mit dem XX. Parteitag
der KPdSU voll entfaltende Offensive des Revisionismus ein?
Diese
Offensive wurde vorgetragen von Tito-Jugoslawien und seinen
Bundesgenossen in der sozialistischen Staatengemeinschaft, der
Chruschtschow-Fraktion in der KPdSU, Gomulka-Polen und Imre Nagy/Kadar-
Ungarn.
An
der Spitze des Kampfes gegen die revisionistischen Kräfte standen die
KP Chinas unter der Führung von Mao Tse-tung und Tschou En lai sowie
die Leninisten der KPdSU, am stärksten unterstützt vom Albanien Enver
Hodshas, der DDR und der Tschechoslowakei.
In
den kapitalistischen Ländern stemmten sich dem Chruschtschow-Kurs vor
allem die KP Frankreichs entgegen, solange an ihrer Spitze Maurice
Thorez und Jaques Duclos standen, und – wenngleich nicht mit gleicher
Konsequenz – die KP Italiens unter Führung Palmiro Togliattis. Aber
unter dem Eindruck der Chruschtschowschen „Enthüllungen“ über
Stalin gingen sehr viele kommunistische Parteien auf einen
antistalinistischen, nach der Intervention gegen die CSSR vom August
1968 auf einen antisowjetischen, „eurokommunistischen“, d.h.
revisionistischen Kurs über.
Das
große Verhängnis für die Bewegung bestand darin, dass die Kämpfe und
Auseinandersetzungen verborgen vor der Parteiöffentlichkeit hinter
einer Fassade der Einheit des sozialistischen Lagers ausgetragen
wurden.
Die
Chruschtschowisten tarnten ihre Angriffe auf den Marxismus-Leninismus
als Kampf gegen die „Stalinismus“, ihre Einschleusung des
trojanischen Pferdes der Tito-Revisionisten ins eigene Lager als
„Wiederherstellung der durch Stalin zerstörten Einheit der sozialistischen
Länder“. Sie schufen der Propagierung revisionistischer Auffassungen
innerhalb der Partei Freiräume unter der Flagge des Kampfes gegen den
Dogmatismus und für die Entfaltung der innerparteilichen Demokratie;
sie stumpften das Klassenbewusstsein ab durch die Behauptungen, unter
den neuen Bedingungen und im Interesse der Erhaltung des Friedens könne
der Klassenkampf nicht mehr in den alten Formen und in der alten Schärfe
geführt werden.
Sie
führten den Kampf gegen die auf den Positionen des Leninismus
verharrenden Führungen der Parteien sozialistischer Länder im direkten
Einflussbereich der Sowjetunion nicht offen, sondern verdeckt,
gewissermaßen aus dem Hinterhalt.
Ihrerseits
konnten und wollten diese Führungen ihren Widerstand gegen die Linie
der Chruschtschow-Führung der KPdSU nicht öffentlich machen, erstens,
weil sie davon überzeugt waren, dass die revisionistischen
Machtusurpatoren bald wieder aus der Führung der Partei Lenins verjagt
sein würden; zweitens, weil die Sowjetunion trotz dieses
revisionistischen Einbruches in die Spitze der Partei nach wie vor ein
sozialistisches Land, der stärkste Stützpunkt für die revolutionäre
Weltbewegung war, weil eine in Jahrzehnten gewachsene sozialistische
Gesellschaft nicht mit einem Handstreich in eine kapitalistische
Gesellschaft rückverwandelt werden kann; drittens, weil dem
imperialistischen Gegner nicht die Möglichkeit gegeben werden sollte,
durch eine offen ausgetragene Kontroverse das Seinige dazu beizutragen,
die Gegensätze zuzuspitzen und zu seinen Gunsten auszunutzen; viertens
aber auch, weil ihre ökonomische, politische und militärische Abhängigkeit
von der Sowjetunion so groß war, dass ein offener Bruch mit ihr das
Risiko der Selbstaufgabe in sich barg.
Eine
Ausnahme machten zwei sozialistische Staaten, denen gemeinsam war, dass
sie außerhalb des direkten Einflussgebietes der Sowjetunion lagen,
die aber sonst gegensätzlicher kaum gedacht werden konnten. Das eine
war das kleinste sozialistische Land, Albanien, Nachbar
Tito-Jugoslawiens (das immer auf dem Sprung lag, sein schon aus
Kriegszeiten herrührendes Begehren, sich Albanien einzuverleiben,
(15) doch noch zu befriedigen). Das andere war der menschenreichste
Staat der Welt, die Volksrepublik China.
Als
Chruschtschow von den albanischen Parteiführern (wie von allen anderen)
verlangte, als Konsequenz der „Aussöhnung“ mit Tito alle wegen
titoistischer Umtriebe im Lande Verurteilten zu rehabilitieren,
weigerten sie sich als Einzige, und das mit gutem Grund: bei ihnen wäre
ein solcher Schritt geradezu eine Einladung an den größeren Nachbarn
und seine Parteigänger im Lande gleichgekommen, Albanien von der Führung
der Partei der Arbeit Albaniens zu „befreien“ und an Jugoslawien
anzuschließen. Für Albanien und die albanische Partei war es ein Gebot
der Selbsterhaltung, Chruschtschow und seinen Handlangern offenen Widerstand
zu leisten und seine revisionistische Politik anzuprangern.
Anders
war die Situation Volkschinas. Dieses sozialistische Land und seine
Partei waren stark und unabhängig genug, um ohne jede Rücksicht auf
etwaige „Strafaktionen“ der gegenwärtigen sowjetischen Führung
den Leninisten in der KPdSU und in allen anderen Parteien dadurch zu
Hilfe zu kommen, dass sie ohne Diplomatie die Dinge beim Namen nannten,
also den Revisionismus der Chruschtschow-Führung in aller Öffentlichkeit
als das bezeichneten, was er war.
Beide
– die albanischen wie die chinesischen Parteiführer – taten das im
übrigen zunächst sehr zurückhaltend, indem sie kritische Vorbehalte
zu bestimmten Feststellungen und Festlegungen des XX. Parteitages äußerten,
vor allem zu der undifferenzierten Verurteilung Stalins und der
einseitigen Beurteilung der sowjetischen Geschichte.
Die
beiden internationalen Konferenzen der kommunistischen Parteien in
Moskau von 1957 und 1960 bereiteten den Revisionisten eine kräftige
Niederlage, indem sie den „modernen Revisionismus“, d.h. den
Tito-Revisionismus, als die Hauptgefahr in der kommunistischen Bewegung
kennzeichneten und damit die Vorstöße der Revisionisten zurückwiesen,
die das Feuer von sich selbst auf die Marxisten-Leninisten lenken
wollten, mit der Behauptung, die Hauptgefahr stellten der Dogmatismus
und das Sektierertum dar.
Die
Revisionisten, von diesen beiden Konferenzen in die Defensive gedrängt,
gingen 1961 auf dem XXII. Parteitag erneut zur Offensive über, und zwar
nicht nur gegen die Widersacher in der KPdSU, sondern auch gegen die
albanischen und chinesischen Kommunisten.
Chruschtschow
benutzte das Forum des Parteitages, um zunächst die albanische Partei
scharf zu attackieren, und diese Attacken, nachdem Tschou En lai die
Angriffe gegen die albanische Partei kritisiert hatte, auch auf die KP
Chinas auszudehnen. (16) Dies war der Auftakt zum „Schisma“ im
sozialistischen Lager, provoziert und vorsätzlich vorangetrieben von
der Chruschtschow-Führung der KPdSU.
Eine
derartige Situation war schwierig und voller Gefahren für alle
sozialistischen Länder und alle kommunistischen Parteien, besonders
schwierig aber für die Deutsche Demokratische Republik und ihre führende
Partei, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands:
Dieses
Land war das einzige sozialistische Land in Europa, das aus der Teilung
eines früher einheitlichen Staates entstanden war. Ihm stand jenseits
der Grenze der imperialistische deutsche Staat gegenüber, der die
reichsten und wirtschaftlich am meisten entwickelten Gebiete
Deutschlands in seinem Machtbereich behalten hatte, und der innerhalb
kurzer Zeit zur wirtschaftlich stärksten Macht Europas, zur zweitstärksten
in der Welt nach den USA, herangewachsen war.
Einem
solch mächtigen Gegner gegenüber war an eine Behauptung aus eigner
Kraft nicht zu denken. Die Existenz der DDR beruhte auf dem Schutz vor
der Annexion durch die verbündete Sowjetunion. Mehr als in jedem
anderen sozialistischen Land musste die Führung der regierenden Partei
in der DDR darauf bedacht sein, den Imperialisten keine Möglichkeit zu
geben, einen Keil zwischen das eigene Land und die Sowjetunion zu
treiben.
Zum
anderen aber konnte eine Parteiführung, die den Charakter der Partei
als einer marxistisch-leninistischen Partei verteidigen wollte, nicht
passiv bleiben gegenüber der Einschleusung revisionistischer
Auffassungen, wie sie spätestens seit 1955, seit der
Total-Rehabilitierung Titos, von der KPdSU-Führung ausging, ganz massiv
dann aber seit dem XX. Parteitag.
Das
Führungskollektiv der SED mit Walter Ulbricht als Generalsekretär führte
denn auch einen ebenso entschlossenen wie flexiblen Kampf zur
Verteidigung einer marxistischleninistischen politischen Linie der
SED. Dafür aber geriet Walter Ulbricht sehr bald nicht nur unter das
Feuer des Klassenfeindes in Bonn, sondern sah sich immer häufiger
gezwungen, Fallen auszuweichen und unschädlich zu machen, deren
Herkunft nicht im Westen, sondern im Osten lag.
Bis
zum Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 musste Ulbricht eine
Gratwanderung vollbringen, die höchste politische Meisterschaft
erforderte; er musste den massiven Bemühungen Chruschtschows, die SED
ebenso wie die polnische und die ungarische Partei auf revisionistischen
Kurs zu bringen, ständig entgegentreten und sie abwehren, zugleich aber
alle Versuche durchkreuzen, zwischen SED und KPdSU Keile zu treiben oder
Zweifel an der zuverlässigen Freundschaft der DDR zur Sowjetunion
aufkommen zu lassen. Später einmal wird man auf der Grundlage auch
sowjetischer Dokumente hoffentlich die Möglichkeit haben,
nachzuzeichnen, wie oft die Chruschtschow-Riege in der KPdSU Anlauf
nahm, Walter Ulbricht ebenso zu stürzen, wie das mit Rakosi in Ungarn
gelungen war. Aber auch ohne diese Dokumente lässt sich nachweisen,
dass ein solcher Versuch erstmals nach Stalins Tod, im Mai/Juni 1953
unternommen wurde (17), und ein neuerlicher Versuch im Gefolge des XX.
Parteitages der KPdSU.
Mit
Sicherheit kann auch gesagt werden, dass die Attacke, die Chruschtschow
auf dem XXII. Parteitag gegen Enver Hodsha und die KP Chinas ritt,
zugleich auch alle Parteiführer treffen sollte, die sich dem
revisionistischen Kurs widersetzten, darunter an einer der vordersten
Stellen Walter Ulbricht.
Der
letzte Versuch lässt sich im Jahre 1964 feststellen. Chruschtschow
setzte in diesem Jahr zum entscheidenden Schlag gegen seinen gefährlichsten
Gegner, gegen Mao Tse-tung und die KP Chinas an. Er bereitete für den
Herbst 1964 eine Konferenz kommunistischer Parteien vor, auf der er die
Zustimmung zur „Exkommunikation“ der KP Chinas aus der Familie der
kommunistischen Parteien erreichen wollte.
Zu
dieser Besprechung war Palmiro Togliatti mit einer Erklärung in die
Sowjetunion gereist, die als sein Testament in die Geschichte der
Arbeiterbewegung eingegangen ist, da er auf der Fahrt zum Konferenzort
plötzlich verstarb. In dieser Erklärung sprach sich Togliatti ausdrücklich
und mit Nachdruck gegen die Idee aus, die Kommunistische Partei Chinas
zu „exkommunizieren“, obwohl er viele kritische Einwände gegen
die KP Chinas vorbrachte.
Im
gleichen Jahr 1964 reiste der Schwiegersohn Chruschtschows, Adshubei,
Chefredakteur des Regierungsorgans „Iswestja“, in die Bundesrepublik
Deutschland, wo er auch mit Franz Josef Strauß, dem Vorsitzenden der
noch rechts von der CDU Adenauers stehenden CSU (Christlich Soziale
Union) ein anscheinend sehr intimes Gespräch hatte, denn die Westpresse
wusste darüber zu melden, dass er u.a. Strauß darüber informiert
hatte, Walter Ulbricht sei ein „todkranker Mann“. Das war natürlich
nicht medizinisch, sondern politisch gemeint, als Hinweis darauf, dass
Walter Ulbrichts politischer Sturz bevorstehe.
Das
Jahr 1964 sollte also zum Jahr des Triumphes Chruschtschows über seine
hartnäckigsten und gefährlichsten Gegner werden. Stattdessen wurde es
das Jahr des endlichen Sturzes Chruschtschows.
Bei
den Versuchen, Walter Ulbricht von der Spitze der SED zu beseitigen,
nutzten Chruschtschow und seine Verbindungsleute in der DDR die
Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Animositäten, die es im
Kreise der Parteiführung gab, zu dem Versuch aus, eine Politbüro- und
ZK-Mehrheit gegen Ulbricht zustande zu bringen. Das war der Hintergrund
für die „Affären“, die mit dem Ausschluss Rudolf Herrnstadts und
Wilhelm Zaissers 1953 und Karl Schirdewans und Ernst Wollwebers 1958 aus
der Führungsspitze und aus der Partei (Herrnstadt/Zaisser) endeten.
Meine
persönliche Ansicht ist, dass die meisten der Genossen, die damals
gegen Walter Ulbricht auftraten, dies nicht aus revisionistischer
Gesinnung taten – es handelte sich dabei größtenteils um Genossen,
die sich als Kommunisten und antifaschistische Widerstandskämpfer
erwiesen hatten –, vielmehr in Unkenntnis dessen, dass sie
Schachfiguren in einem ihren Interessen ganz fremden Spiel darstellten.
Andererseits war es Walter Ulbricht natürlich nicht möglich, diese
Hintergründe, über die er selbst sich als einer der erfahrensten
Spitzenfunktionäre der Kommunistischen Internationale ganz gewiss im
Klaren war, im Zentralkomitee oder auch nur im Politbüro darzulegen.
Die
Möglichkeiten, den revisionistischen Grundentscheidungen der KPdSU-Führung
entgegenzutreten, waren aufgrund all dessen außerordentlich begrenzt.
Dennoch gehörte die SED zu den Parteien, die pro-revisionistische
Beschlüsse und Entscheidungen aus Moskau mit spürbar fehlendem
Engagement übernahmen, alle antirevisionistischen Stellungnahmen dagegen
breit popularisierten und mit ihnen eine intensive Mitgliederschulung
betrieben.
Das
war so 1955 bei der „Versöhnung“ mit Tito; sie musste nolons volens
nachvollzogen werden, jedoch nicht, ohne dafür den Preis des Bruches
der Hallstein-Doktrin durch die endliche Anerkennung der DDR zu
verlangen, (18) dem Tito nachzugeben sich schließlich am 15. Oktober
1957 gezwungen sah. Das hinderte die SED-Führung aber nicht daran, zwei
scharfe Kritiken sowjetischer Verfasser am Revisionismus der Tito-Partei
umgehend auch in der DDR zu verbreiten. (19) $$$
Ähnlich
das Verhalten zum XX. Parteitag, insbesondere zu Chruschtschows
Geheimrede. Sie wurde in der DDR in keinem Presseorgan und auch auf
keinem anderen Wege veröffentlicht. Lediglich in Parteiversammlungen
wurde ihr Hauptinhalt in Kurzfassung mitgeteilt. Als ein großer Teil
der Parteimitgliedschaft auf den XX. Parteitag genau so reagierte, wie
das von Chruschtschow und seinen Leuten beabsichtigt worden war, nämlich
mit der Forderung nach der Entfaltung einer breiten Diskussion über die
Fehler der Vergangenheit, widerstand dem die Parteiführung und
orientierte darauf, „die Fehler im Vorwärtsschreiten“ zu
korrigieren und zu überwinden. Viele waren damit unzufrieden und
meinten, die Parteiführung drücke sich nur davor, Rechenschaft über
ihre eigenen Fehler abzulegen; ihnen schien die „Abrechnung mit der
Vergangenheit“, wie sie im Polen Gomulkas betrieben wurde, genau das
Richtige und Notwendige zu sein. Erst als die negativen Folgen eines
solchen Vorgehens in Polen und dann in der ungarischen Konterrevolution
vom Herbst 1956 offensichtlich wurden, fand das Verhalten der Parteiführung
allmählich wieder die Zustimmung einer festen Mehrheit in der Partei.
Aber ein erheblicher Teil, vor allem unter den Intellektuellen, blieb
unzufrieden mit der – wie sie meinten – „Abwürgung“ der Kritik.
In der Partei wie auch in der Bevölkerung hatte der XX. Parteitag
Stimmungen geweckt, die bislang als kleinbürgerlicher Liberalismus
durchaus richtig gekennzeichnet worden waren, die nun aber vom XX.
Parteitag gewissermaßen die „höheren Weihen“ als das bessere,
undogmatische, freiheitliche und zukunftsweisende Denken und Empfinden
erhalten hatten.
Trotz
dieses wachsenden Druckes auf die Parteiführung hielt sie konsequent an
ihrer Linie fest, sich von den konkreten Aufgaben des sozialistischen
Aufbaus durch endlose „Fehlerdiskussionen“ nicht ablenken zu
lassen.
Als
die Chruschtschow-Führung den Bruch mit Albanien und Volkschina
durchsetzte, konnte sich die DDR- und SED-Führung der Forderung nicht
entziehen, Partei zu ergreifen für die Sowjetführung und gegen die
albanischen und chinesischen Genossen.
Als
dann der Streit zwischen der KPdSU und der KP Chinas 1963 einen ersten Höhepunkt
erreichte um die Frage der Generallinie der Außenpolitik eines
sozialistischen Landes, veröffentlichte die DDR sowohl den Brief der
KPdSU als auch den der KP Chinas und gab so den Lesern die Möglichkeit,
sich einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten: die Parteiführung unterließ
es in diesem Falle, zu erklären, die sowjetische Position sei richtig,
die chinesische dagegen falsch.
Im
Fortgang der Anti-China-Kampagne übernahm die SED die sowjetischen
„Analysen“ über die angeblichen Ursachen der angeblichen
antimarxistischen Linie der KP Chinas, manche ihrer Theoretiker traten
dabei auch mit ihren eigenen, im Kielwasser der sowjetischen Publikationen
segelnden Untersuchungen auf; aber die ganz und gar bösartigen, hasserfüllten
Publikationen in deutscher Sprache waren Importe aus der Sowjetunion.
Den sowjetischen Hetzfeldzug gegen China machte man in der DDR nicht
mit, die Anti-China-Propaganda hielt sich im Rahmen des Pflichtpensums
eines zum Gehorsam genötigten Vasallen.
Zusammenfassend
lässt sich sagen:
Die
revisionistischen Grundentscheidungen der sowjetischen Führung der
Chruschtschow-Periode glaubte die SED-Führung mit vollziehen zu müssen.
Insofern wurde auch die SED Mitgliedschaft und die Bevölkerung
infiziert von der revisionistischen Verfälschung des
Marxismus-Leninismus und der Geschichte der sozialistischen Staaten.
Doppelt
verhängnisvoll wirkte und wirkt sich aus, dass dieses Abgehen vom
Marxismus-Leninismus mit Erfolg als das genaue Gegenteil dessen, nämlich
als Wiederherstellung und Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus
ausgegeben wurde. Das hat zum einen, als es noch Zeit dafür war,
Widerstand gegen das Verlassen des wirklich marxistisch-leninistischen
Weges zu leisten, diesen Widerstand verhindert; und es verhindert zum
anderen heute die Erkenntnis für die wirklichen Ursachen des
Zusammenbruchs der sozialistischen Staaten, weil dieser Zusammenbruch ja
vermeintlich das Ergebnis des Beharrens auf dem marxistischleninistischen
Weg war.
Dennoch
wäre es falsch, die SED als eine revisionistische Partei zu bezeichnen.
Unter der Führung Walter Ulbrichts hat diese Partei ein Maximum des
damals möglichen Widerstandes gegen den Revisionismus der
Chruschtschow-Clique geleistet und erheblich dazu beigetragen, dass
Chruschtschow im Oktober 1964 gestürzt wurde.
Sie
hat darüber hinaus wichtige Beiträge an theoretischen Erkenntnissen über
den sozialistischen Aufbau auf verschiedenen Gebieten geleistet, die künftig
bei einem neuerlichen Anfang von großem Nutzen sein werden. Dafür
nur einige wenige Beispiele:
Beispiel:
Es war schon die Rede davon, dass die Revisionisten die Stärke der
Arbeiterbewegung und des Sozialismus als Argument für die Abschwächung
des Klassenkampfes benutzen. Zu eben diesem Ziel wurden von der
Chruschtschow-Mannschaft in der Sowjetunion die Erfolge des
sozialistischen Aufbaus gewaltig übertrieben und die Schwierigkeiten
bagatellisiert. Am Beispiel der abenteuerlichen Verheißung, in zehn
Jahren den höchsten Lebensstandard der Welt in der Sowjetunion und in
zwanzig Jahren den Kommunismus erreicht zu haben, wurde dies ja schon
gezeigt.
Gegen
diese Linie der Kommunismus-Verheißung in kürzester Zeit war bereits
Molotow aufgetreten. Zu den Anklagen gegen ihn gehörte der Vorwurf,
Molotow habe sieh gegen die These gewandt, die Sowjet-Union befinde sich
schon auf dem Wege zum Kommunismus; er habe demgegenüber erklärt, in
der Sowjetunion seien gerade erst die Grundlagen des Sozialismus
errichtet (20); außerdem habe er sich gegen die Feststellung gewandt,
dass der Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion nicht mehr rückgängig
zu machen sei.
Das
bedeutet, dass die Leninisten in der KPdSU, wie Molotow, sich von der
alten Vorstellung befreit hatten, dass mit der Errichtung der
Grundlagen der sozialistischen Gesellschaft sofort der Übergang zum
Kommunismus eingeleitet werde, während die Revisionisten an dem
wirklichkeitsfremden Geschwätz vom Aufbau des Kommunismus aus
demagogischen Gründen festhielten, auch noch nach Chruschtschows Sturz.
Dagegen
wandte sich Walter Ulbricht in einem Vortrag über die Bedeutung des
Werkes von Karl Marx für die Schaffung des Systems des Sozialismus auf
einer internationalen wissenschaftlichen Tagung im September 1967, die
in Berlin aus Anlass des Erscheinens des „Kapital“ von Karl Marx
vor 100 Jahren stattfand. (21)
In
diesem Vortrag fasste Walter Ulbricht die internationalen und die
eigenen Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus zusammen und gelangte zu
der bisher nirgendwo ausgesprochenen Schlussfolgerung, „dass der
Sozialismus nicht eine kurzfristige Übergangsphase in der Entwicklung
der Gesellschaft ist, sondern eine relativ selbständige sozial-ökonomische
Formation in der historischen Etappe des Übergangs vom Kapitalismus zum
Kommunismus im Weltmaßstab.“ (22)
Diese
Feststellung war ein deutlicher Einspruch gegen das dauernde Gerede in
der Sowjetunion von der Nähe der „lichten Höhen des
Kommunismus“, und wurde dort auch durchaus so verstanden.
Unter
der Führung Walter Ulbrichts wurde auch systematisch nach Wegen
gesucht, die sozialistische Planwirtschaft auf ein festes
wissenschaftliches Fundament zu stellen, um seine prinzipielle Überlegenheit
über das kapitalistische Wirtschaftssystem zu einer faktischen Überlegenheit
werden zu lassen. Er verlangte und setzte durch, dass die Fachleute der
DDR sich mit dem jeweiligen wissenschaftlich-technischen Höchststand in
der Welt vertraut machten und Vorschläge erarbeiteten, wie in den
sozialistischen Ländern und insbesondere in der DDR der Rückstand zu
diesem höchsten Niveau aufgeholt werden könne. (23)
Weil
das aber nur in einer kollektiven Anstrengung aller sozialistischen Länder
gelingen konnte, gehörte die DDR-Delegation im Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW) zu denen, die am meisten und hartnäckigsten
darauf drängten, dass der RGW zu einem wirklich effektiven
Leitungsorgan einer internationalen planmäßigen Zusammenarbeit aller
Mitgliedsländer entwickelt wird. (24) Voraussetzung für einen Erfolg
solcher Bemühungen wäre aber gewesen, dass an der Spitze aller
kommunistischen Parteien der Mitgliedsländer Marxisten-Leninisten,
also echte Internationalisten, gestanden hätten. Das aber war leider
nicht der Fall. Mit Revisionisten aber ist kein Sozialismus aufzubauen,
mit „Nationalkommunisten“ keine internationalistische
Zusammenarbeit, mit Saboteuren der Einheit keine Einheit der
sozialistischen Staatengemeinschaft.
Wie
wirkte sich der Wechsel von Ulbricht zu Honecker in der DDR aus?
Es
ist selbstverständlich, dass Erich Honecker als dem aufrechten
Kommunisten und Antifaschisten, dem von der Rachejustiz des
siegreichen westdeutschen Imperialismus Verfolgten, unsere ganze
Sympathie und Solidarität gehört. Mit Freude haben wir erlebt, dass er
sich mit seiner Rede vor Gericht der Tradition eines Karl Liebknecht und
Georgi Dimitroff würdig erwies und zum Ankläger derer wurde, die ihn
zum Verbrecher und Repräsentanten eines verbrecherischen Regimes
stempeln wollten.
Das
darf uns jedoch nicht dazu verleiten, auf eine nüchterne,
selbst-kritische Betrachtung der Entwicklung der SED und der DDR unter
Honeckers Führung zu verzichten.
Die
Ablösung Ulbrichts und der Wechsel zu Honecker war natürlich nicht
ohne Einwirkung der Moskauer Führung vor sich gegangen. Dennoch wäre
es falsch, in diesem Wechsel etwa den Wechsel von einem
Marxisten-Leninisten zu einem Revisionisten zu sehen. Es war vielmehr
der Wechsel von einem der im Klassenkampf erfahrensten und begabtesten Führer
der deutschen und der internationalen kommunistischen Bewegung zu einem
von bestem Willen erfüllten, aber infolge schwacher Führungsqualitäten
leicht auf Abwege zu führenden Parteifunktionär.
Zunächst
schien es so, als sei mit ihm die Ära der größten Erfolge der DDR
angebrochen, denn Anfang der siebziger Jahre wurde die DDR trotz allen
Sperrfeuers seitens der BRD in rascher Folge von Dutzenden Staaten
anerkannt und schließlich im September 1973 auch in die UNO
aufgenommen, nachdem sich die Bundesrepublik gezwungen gesehen hatte, im
Dezember 1972 in einem Vertrag die DDR als selbständigen deutschen
Staat anzuerkennen. Indessen war damit nur eine Ernte eingefahren
worden, für die der Grund in den davor liegenden Jahren regt worden
war.
Überblickt
man die fast zwanzig Jahre, in denen Honecker an der Spitze der SED und
des Staates stand, so muss man feststellen, dass er eine Politik repräsentierte,
die auf allen Gebieten äußerst widerspruchsvoll war und sich auf
einer insgesamt absteigenden Linie bewegte.
Letzteres
trifft aber auf alle sozialistischen Staaten Europas zu, ist also nicht
in erster Linie etwaigen Fehlern der von ihm geleiteten Partei- und
Staatsführung anzulasten.
Anfang
der siebziger Jahre machte sich in den sozialistischen Ländern eine
Trendwende der wirtschaftlichen Entwicklung bemerkbar. Die Störungen,
die von der Desintegration der Wirtschaft der RGW-Staaten und von den
Fehlplanungen und sprunghaften Planänderungen in verschiedenen Ländern,
allen voran die Sowjetunion, als Ergebnis der revisionistischen
Umorientierung der Planziele ausgingen, vergrößerten den Rückstand zu
den entwickeltsten kapitalistischen Ländern, statt ihn zu verringern
und verschlechterten die Lebenslage der Bevölkerung, statt sie zu
verbessern.
Die
Folgen waren wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung, abnehmende
Zustimmung und Unterstützung für die Politik von Partei und Regierung,
immer schwächer werdende Verbindung der Partei zu den Massen, dafür
stetig wachsender Einfluss westlicher elektronischer Medien und der
Anziehungskraft der so genannten „westlichen Lebensweise“.
Es
war kein Zufall, dass gerade dort, wo von der Spitze her dem westlichen
Einfluss Tür und Tor geöffnet worden waren und der Sozialismus in den
ökonomischen Verhältnissen am schwächsten entwickelt war, in Polen,
das erste politische Erdbeben stattfand, das nicht vorwiegend von der
Intelligenz – wie 1956 in Polen und Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei
–‚ sondern von der Arbeiterschaft getragen war und die Führung zum
Rücktritt zwang. Im Dezember 1970 musste Gomulka seinen Platz räumen;
seine Nachfolge als 1. Sekretär der Polnischen Vereinigten
Arbeiterpartei (PVAP) trat Edward Gierek an. Da dieser aber im Grunde am
revisionistischen Kurs der Partei nichts änderte, die wirtschaftlichen
Schwierigkeiten vielmehr vergeblich mit Krediten aus dem westlichen
Ausland zu beheben suchte, wurde er 10 Jahre später durch eine noch
viel stärkere Unmutsbewegung großer Teile der Arbeiterschaft, diesmal
unter der Führung einer von der katholischen Kirche gesteuerten
„Gewerkschaft“ – der „Solidarnosc“, ebenfalls gestürzt. Damit
begann die lang anhaltende Agonie der Volksrepublik Polen.
Was
aber 1970 weithin nur als eine alleinige Angelegenheit eines einzelnen
sozialistischen Landes, eben Polens, angesehen wurde, weist sich im Rückblick
als ein deutliches Symptom des Eintritts des europäischen Sozialismus
in seine Auflösungsphase.
So
gesehen, stand die neue – personell größtenteils alte – Parteiführung
mit Erich Honecker an der Spitze vor einer von vornherein unlösbaren
Aufgabe. Dies umso mehr, als von der KPdSU und der sowjetischen Staatsführung
nicht Hilfe, sondern in zunehmendem Maße Störungen ausgingen.
Mit
dem neuen Mann Gorbatschow im Kreml im April 1985 lebte bei allen
Kommunisten noch einmal die Hoffnung auf, in der Sowjetunion fände nun
wirklich die schon so lange erwartete und so dringend notwendige Rückkehr
auf den Weg Lenins statt, wie es dieser neue Mann ja verkündet hatte.
Aber bald mussten alle, die nicht in Illusionen verharren wollten,
feststellen: dieser Mann und seine Vertrauten sind Erz-Revisionisten, Zöglinge
der Chruschtschow-Ära, die fortführten, was jener begonnen hatte, um
zu vollenden, woran er gescheitert war.
Letzten
Endes sind sogar die am meisten der Honecker-Führung als gewissermaßen
„Eigenleistung“ anzurechnenden, nicht selten einfach
unbegreiflichen Widersprüche ihrer Politik eine Folge dieser Situation.
Ganz banal und einfach ausgedrückt könnte man den Kern der Widersprüche
dieser Politik so benennen: Hervorragende Absichten und Planziele –
aber ruinöse Ergebnisse. Nehmen wir als Beispiel die
Wirtschaftspolitik.
Auf
diesem Gebiet erklärte Honecker zur Hauptaufgabe die Einheit von
Wirtschafts- und Sozialpolitik, was heißen sollte, im Gleichschritt mit
dem Wirtschaftswachstum müsse auch das Leben der Arbeitenden sich
verbessern. Das Ergebnis dieser Einheit von Wirtschafts- und
Sozialpolitik werde sein, dass die Arbeitsmoral und die
Leistungsbereitschaft der Arbeitenden in gleichem Maße wachsen würden.
Um
die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik zu sichern, wurde für
jedes Jahr berechnet, wieviel Prozent Wirtschaftswachstum dafür vonnöten
sei, und diese Zahl zur Grundlage des Jahresplanes gemacht.
Um
das notwendige Wirtschaftswachstum zu sichern, wurde Anfang der
siebziger Jahre die Umstellung von der vorwiegend extensiven auf die
vorwiegend intensive erweiterte Reproduktion vorgenommen. Zugleich
sollte den einzelnen Unternehmen ermöglicht werden, die Mittel zur
Rationalisierung der Produktion selbst zu erwirtschaften.
Überlegungen
waren gut und richtig, dennoch funktionierte das System auf die Dauer
nicht, das wirkliche Wirtschaftswachstum blieb hinter dem als notwendig
errechneten zurück.
Die
Gründe dafür waren vielfältig.
Der
wichtigste und entscheidende Grund war der faktische Ausfall wichtigsten
Faktors des gemeinsamen Wachsens und Aufblühens aller sozialistischen Länder
– der planmäßigen internationalen Arbeitsteilung im RGW.
Ein
weiterer Grund waren die Kürzungen der sowjetischen Lieferungen an
Rohstoffen, vor allem Erdöl. Dazu kamen die Preissteigerungen auf dem
Weltmarkt für dringend benötigte Produkte, bei gleichzeitigem
Preisverfall der Waren, die die DDR exportierte. Die Schere zwischen
Import- und Exportpreisen ging zu Ungunsten der DDR immer weiter
auseinander.
Engpässe
bei Rohstoffen und Halbfabrikaten erschwerten die Arbeitsorganisation, führten
immer wieder zu Stillstandszeiten einerseits, zu Hektik und Aufholjagden
im Arbeitsprozess andererseits, verteuerten insgesamt die Produktion und
gefährdeten die Planerfüllung.
Diese
und weitere Ursachen führten dazu, dass das errechnete
Wirtschaftswachstum nicht erreicht wurde, damit aber auch nicht die
Mittel erarbeitet wurden, die für die Realisierung der „Einheit von
Wirtschaftsund Sozialpolitik“ notwendig gewesen wären. Mit anderen
Worten: Die Mittel reichten nicht aus, um sowohl die notwendigen
Investitionen zu gewährleisten als auch die sozialen Leistungen zu
finanzieren, z.B. wie versprochen, die Preise für die lebensnotwendigen
Waren, für Verkehrsmittel und Mieten stabil zu halten. Es mussten
entweder die Preise erhöht, die Subventionen zur Stützung der
niedrigen Preise und Mieten gekürzt oder aber die Akkumulationsrate
gesenkt werden.
Eine
Senkung der Akkumulationsrate musste sich verhängnisvoll auf die
Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft auswirken, den technischen Rückstand
zu den kapitalistischen Ländern, insbesondere zur BRD, noch weiter
vergrößern, die Exportfähigkeit weiter verringern, die Abhängigkeit
von westlichen Kreditgebern erhöhen, kurzum, auf Dauer katastrophale
Folgen zeitigen.
Eine
Nichteinhaltung der Versprechungen auf Stabilität von Preisen und
Mieten und Beibehaltung und sogar Ausbau der sozialen Leistungen
musste mit Sicherheit zu großer Unzufriedenheit und zu politischer
Instabilität führen. Ohnehin war die erwartete Steigerung der Arbeitsmoral
nicht eingetreten, im Gegenteil. Schlechte Arbeitsorganisation und
unkontinuierlicher Arbeitsfluss zum einen, eine allzu liberale Duldung
von nachlässiger Arbeitsmoral und das Bewusstsein des Rechts auf einen
Arbeitsplatz hatten dazu geführt, dass die Arbeitszeit immer großzügiger
durch vorzeitigen Feierabend, Arbeitsbummelei usw. eigenmächtig verkürzt
wurde, die Arbeitsproduktivität also absank statt verbessert zu werden.
Bei
der Entscheidung darüber, auf welchem Wege aus dem Dilemma
herauszukommen sei, durch Kürzung der Akkumulationsrate oder durch
Beschränkung der sozialen Leistungen, wurde immer der Weg der rigorosen
Beschneidung der Investmittel und der nur zaghaften Belastung der Bevölkerung
z.B. durch Preiserhöhungen für Mittel des ‚gehobenen Bedarfs“ gewählt.
Dabei hat sicherlich die Erinnerung an den 17. Juni 1953 und haben die
Ereignisse in Polen diese Entscheidung erheblich beeinflusst. Aber es
entsprach das ganz sicher auch einem Gefühl der Verantwortung gegenüber
den Arbeitenden.
Nur:
es war dies keine Lösung. Es war nur die Wahl zwischen zwei Wegen des
Untergangs. Denn es konnte keine vereinzelte Lösung für
sozialistischen Länder geben. Die Lösung konnte nur in einer
gemeinsamen Ursachenforschung und einer gemeinsamen Anstrengungzur Überwindung
der Krise liegen, die im übrigen absolut möglich war. Der
wirtschaftliche Zustand der SU und ihrer Verbündeten war selbst 1989
nicht entfernt so katastrophal wie in Russland nach dem Ende des Bürgerkrieges.
Wenn
Gorbatschow wirklich Kommunist und Leninist gewesen wäre, hätte er
1985 als erstes die Führer aller kommunistischen Parteien der RGW-Länder
zu einer Beratung über die gemeinsame Überwindung der krisenhaften
Situation zusammengerufen. Stattdessen vertiefte er die Spaltung und die
Vereinzelung der sozialistischen Staaten und die Orientierung auf die
Rettung durch die imperialistischen Mächte und ihre
Versklavungsinstrumente, den Internationalen Währungsfonds und die
Weltbank. Dies enthüllt eigentlich wie kaum ein Zweites, was hinter der
so genannten „Entstalinisierung“ in Wahrheit steckt und schon seit
Chruschtschow gesteckt hat: nicht die „Humanisierung des
Sozialismus“‚ sondern die „Entsozialisierung“, die
Rekapitalisierung des durch die Oktoberrevolution dem Imperialismus
entrissenen Teils der Erde.
Immer
wieder wird an uns – so auch hier nach dem Vortrag des Genossen
Schnitzler – die Frage gerichtet, wieso die sozialistische DDR so
rasch und lautlos zugrunde gehen konnte, wieso die Opposition so großen
Zulauf hatte.
Die
Hauptursache habe ich schon genannt: Die wirtschaftliche Entwicklung erfüllte
nicht die Erwartungen der Leute und die Versprechungen der Partei. Statt
stetigem Aufschwung trat von einem bestimmten Punkt an ein Abschwung
ein, verschlechterte sich die Versorgung, gab es auf bestimmten Gebieten
doch Preiserhöhungen, verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen in
den Betrieben, wurden zwar auf der einen Seite viele neue Wohnungen
gebaut, wurde aber auf der anderen dem Verfall der Altbausubstanz kein
Einhalt geboten, kurzum, das Leben wurde statt leichter und reicher –
belastender und ärmer. Das alles wäre aber noch zu ertragen gewesen,
wenn die Partei den Menschen offen die Ursachen für diese negative
Entwicklung dargelegt und mit ihnen darüber beraten hätte, wie man die
Situation meistern könnte.
Doch
die Parteiführung ging einen anderen Weg. Sie ließ über die Medien
verbreiten, dass alles in Ordnung sei, dass die Pläne erfüllt und übererfüllt
würden, dass das Land von Erfolg zu Erfolg schreite – kurz, zwischen
dem, was die Menschen tagtäglich im Betrieb, auf den Straßen, in den Läden
und Verkehrsmitteln erlebten, und dem, was ihnen abends vom Bildschirm
in den Nachrichten entgegentrat, klaffte ein Abgrund. Die Medienpolitik
der Partei musste die Menschen empören, weil sie sich nicht nur
belogen, sondern auch veralbert, nicht ernst genommen sahen. Sie
verloren das Vertrauen zur Partei, die ihnen nicht die Wahrheit sagte,
und öffneten nicht nur ihre Ohren, sondern schenkten auch ihren Glauben
den Westmedien, deren Berichte über den DDR-Alltag in vielem dem, was
sie kannten, näher kam, als die eigenen Sender.
Wie
schrecklich weit Erich Honecker dem Denken und Fühlen der DDR-Bürger
und von denen insbesondere der Jugend entfernt war, wurde besonders
deutlich, als er zu einem Jahrestag des 13. August 1961, dem Tag der
Errichtung der „Mauer“ in Berlin, erklärte, die Mauer werde „noch
100 Jahre stehen“, wenn nötig. Er, der einst an der Spitze der
Jugendorganisation der Freien Deutschen Jugend gestanden hatte, hatte
keinerlei Empfinden dafür und offenbar auch keine Kenntnis davon, dass
die DDR-Jugend der 80er Jahre die Mauer längst nicht mehr als
Schutzwall empfand, sondern als eine Gefängnismauer, die sie lieber
heute als morgen beseitigt sehen würde.
Die
Kluft zwischen Partei und breiten Teilen des Volkes war groß geworden,
und auch in der Partei selbst verlor die Parteiführung immer mehr an
Vertrauen bei den einfachen Mitgliedern.
Diese
Unmutsstimmung war Gorbatschow natürlich bestens bekannt. Er tat alles,
um sie weiter zu schüren. Seine demagogischen Losungen: „Glasnost“
und „Wir brauchen die Wahrheit wie die Luft zum Atmen!“ dienten der
Entfachung der Unzufriedenheit gegen die Partei nicht nur im eigenen
Land, sondern besonders auch in den Ländern, die bisher standhafte Säulen
des Widerstandes gegen die Wogen des Revisionismus geblieben waren –
die DDR und die CSSR. Und er hatte Erfolg damit! „Gorbi“ wurde zum
Hoffnungsträger sowohl derer, die wie Reagan und Bush und Kohl den
Sozialismus beseitigt sehen wollten, als auch derer, die eine
„Reformierung“, Verjüngung und Erneuerung des Sozialismus
erstrebten.
Gorbatschow
wusste sehr wohl, dass Honecker ihm misstraute und ihm, wo immer er
konnte, entgegenwirkte.
Honecker
hatte zwar auf außenpolitischem Gebiet mehrfach der revisionistischen
Aufweichungspolitik in die Hände gearbeitet: So bei der Vorbereitung
und Durchführung des KSZE Prozesses und dem Abschluss des
Helsinki-Abkommens, oder auch bei der Billigung des gemeinsamen
Dokumentes von SED und SPD vom August 1987 „Der Streit der Ideologien
und die gemeinsame Sicherheit“, mit dem die Vertreter der SED-Seite
geradezu Vorarbeit für die Ereignisse des Herbstes 89 geleistet haben.
(25)
Aber
nie dachte Honecker daran, die DDR dem Imperialismus auszuliefern; in
allem, was er tat, ging es ihm darum, die Existenz der DDR zu sichern.
Deshalb wandte er sich auch entschlossen gegen die Übernahme der
Gorbatschowschen „Perestroika“, und sagte unverblümt, Perestrojka
in der DDR würde ins Chaos führen, womit er natürlich die Situation
in der UdSSR Gorbatschows kennzeichnete. Er ließ auch nicht zu, dass
die deutschsprachige Ausgabe der „Moskauer Nachrichten“ – eines
der übelsten antisowjetischen Hetzblätter, seit es in den Händen der
Gorbatschow-Leute war – ‚ in die Postzeitungslisten der DDR
aufgenommen wurde. Große Wellen schlug auch seinerzeit das Verbot der
Auslieferung einer besonders üblen Nummer der sowjetischen Zeitschrift
„Sputnik“ in der DDR, wobei eine lange Diskussion darüber
entstand, ob es nicht besser gewesen wäre, die Zeitschrift erscheinen
zu lassen und sich dann öffentlich mit ihrem Inhalt
auseinanderzusetzen. Aber auf jeden Fall zeigte die DDR-Führung ihre
Entschlossenheit, gegen die Infiltration antikommunistischer Hetze vorzugehen,
auch dann, wenn sie das Herkunftszeichen „KPdSU, Moskau“ trug. Davon
zeugte auch eine Rede des Sekretärs des ZK der SED, Kurt Hager, in der
er der Verharmlosung des Imperialismus, wie sie von Gorbatschow und
Schewardnadse betrieben worden war, mit der Feststellung entgegentrat,
der Imperialismus werde niemals sein räuberisches, menschenfeindliches
Wesen ändern.
An
uns wurde auch die Frage gestellt, warum die DDR-Regierung kampflos das
Feld geräumt hat, ohne bewaffneten Widerstand zu leisten. Aber gegen
wen hätten die Waffen eingesetzt werden sollen? Etwa gegen die
Demonstranten auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989?
Wer
das meint, der ist auf das Gerede von der „friedlichen Revo1ution“
hereingefallen, durch die angeblich die „SED-Diktatur“ gestürzt
worden sei.
Aber
weder die DDR noch der Sozialismus in irgendeinem der ehemals
sozialistischen Länder ist durch Aktionen der Massen gestürzt
worden.
Der
Sozialismus in Europa wurde in einem über 40-jährigen Kalten Krieg von
außen in einer fast 40-jährigen Kombination mit einer vom Zentrum
ausgehenden Zersetzungsarbeit im Innern zuerst an seiner Entfaltung
gehindert, dann gelähmt und seiner wichtigsten Kraft, der Unterstützung
durch die Massen, beraubt, um dann in diesem Zustand von der früheren
Schutzmacht an den Imperialismus ausgeliefert zu werden.
Die
Konterrevolution fand nicht an einem Tage, sondern 40 Jahre lang statt.
Die Demonstranten des 4. November waren zwar von der Konterrevolution
in Bewegung gesetzt – aber sie waren nicht die Konterrevolution.
Schüsse, auf sie abgegeben, hätten nicht die Konterrevolution,
sondern größtenteils die von der Konterrevolution verführten eigenen
Leute getroffen, und die Getroffenen wären zu Blutzeugen der
Konterrevolution gegen den Sozialismus gemacht worden.
Den
Untergang der DDR hätten sie nicht verhindert, denn deren Auslieferung
an die BRD war dem Bundeskanzler Kohl von dessen späterem Duz-Freund
Gorbatschow schon 1987 zugesagt worden; aber sie hätten den Siegern von
heute die von niemandem glaubwürdig zu widerlegende Propagandalüge in
die Hand gegeben, die „machtbesessenen Greise des Politbüros“
seien nicht einmal davor zurückgeschreckt, ein Massaker unter
Demonstranten anzurichten, die für den besseren Sozialismus auf die
Straße gegangen seien, nur um sich der Macht zu halten.
Für
den Neubeginn der Sozialisten wäre dies eine Katastrophe gewesen, für
die Sieger von heute aber ein unschätzbares Geschenk, hätte es ihnen
doch die Glorifizierung ihrer brutalen Kolonisierungspraxis ebenso
erlaubt wie die Rechtfertigung einer grausamen Abrechnung mit allen,
die, in welcher Form auch immer, für die Deutsche Demokratische
Republik eingetreten waren und sie verteidigten.
Bleibt
als Allerletztes die Frage: War die Niederlage des Sozialismus
unvermeidlich?
Nein,
sie war nicht unvermeidlich, wenn die Marxisten-Leninisten den
Vorstoß des Revisionismus im Keime erstickt hätten, also schon bei
der Rehabilitierung Titos oder auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Allerspätestens
hätte bei der Absetzung Chruschtschows 1964 dessen wahre Rolle offen
gelegt werden müssen.
Ja,
die Niederlage war unausweichlich, weil den Revisionisten erlaubt
wurde, die Parteiführung zu erobern und in ihr zu verbleiben. Denn
der Kampf gegen den Imperialismus kann nur erfolgreich geführt werden,
wenn er im eigenen Lager keine Verbündeten findet.
Es
wird lange dauern, bis diese Wahrheit wieder Allgemeingut aller
Kommunisten geworden sein wird.
Es
ist unsere Aufgabe, diesen Prozess zu beschleunigen, damit die
kommunistische Bewegung wieder eine geschichtsmächtige Kraft wird,
noch bevor der Imperialismus die Menschheit in den Untergang getrieben
hat.
Erschienen
in „Streitbarer Materialismus“ Nr. 18, Januar 1994, S. 35 - 80
Anmerkungen:
(1)
Referat, in gekürzter Form gehalten am 2. Mai 1993 in Brüssel beim
Internationalen Seminar der Partei der Arbeit Belgiens.
(2)
Marschall Tito, Wie wir es machen. Bericht über den Weg, den
Jugoslawien geht. Berlin 1947, S. 28.
(3)
ebd., S. 12.
(4)
Karl Kautsky, Erläuterungen zum Heidelberger Programm der SPD, 1925.
(5)
N.S. Chruschtschow, Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees der KPdSU
an den xx. Parteitag, Berlin 1956, 8. 46.
(6)
Das Programm des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens. Angenommen von dem
siebenten Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens in
Ljubljana (Laibach), vom 22. bis 26. April 1958, Beograd 1958, S. 54f.
(7)
Referat N. S. Chruschtschows auf dem XXI. Parteitag der KPdSU, in: Die
Presse der Sowjetunion, Berlin, Nr. 13, 30. Januar 1959, 5. 267.
(8)
Programm und Statut der Kommunistischen Partei der Sowjetunion,
angenommen auf dem XXII. Parteitag der KPdSU, 17. bis 31. Oktober 1961,
Berlin 1961, 5. 62.
(9)
Die Presse der Sowjetunion Nr. 118 von 1959, 5. 2655.
(10)
Aus der Deklaration von Delhi über die Prinzipien einer Welt ohne
Kernwaffen und Gewalt, unterzeichnet von Rajiv Gandhi und Gorbatschow,
November 1986.
(11)
Handbuch der Verträge 1871-1964, Berlin 1968, S. 606.
(12)
Archiv der Gegenwart, Folge 46/1956, 19. X1. bis 24. XI.
(13)
Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie! Organ des
lnforrnbüros, Nr. 21/1955.
(14)
„Neues Deutschland“, Berlin, 5.6.1958.
(15)
The artful
Albania
. Memoirs of Enver Hoxha, ed. by Jon Halliday,
London
1986, S. 4 (Editors introduction).
(16)
Die Presse der Sowjetunion, Berlin, Nr. 125, 5. 2672 f., Nr. 136, 5.
3024—26, Nr. 13.
(17)
Siehe dazu: Kurt Gossweiler, Hintergründe des 17. Juni 1953, in:
Marxistische Blätter 3/1993, S. 77 bis 83.
(18)
Hermann Matern auf dem 33. ZK-Plenum der SED, 16.-19. Oktober 1957:
„Wir haben auf der Parteilinie den jugoslawischen Genossen mitgeteilt,
dass die diplomatische Anerkennung des militaristischen
Westdeutschlands durch Jugoslawien und die Nichtanerkennung der
Deutschen Demokratischen Republik unhaltbar ist.“
(19)
Als Beilage zum Heft 1, Januar 1957, der Zeitschrift „Einheit“
erschien ein Artikel von
A.
Rumjanzew: Die sozialistische Wirklichkeit und die „Theorien“ des
Genossen E. Kardelj.
-
Als Beilage zum Heft 4, April 1958, der „Einheit“ erschien ein
Artikel von Fedossejew/Pomelow/Tscheprakow: Über den Entwurf des
Programms des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, beide Übersetzungen
aus der sowjetischen Zeitschrift „Kommunist“.
(20)
Auf dem XXII. Parteitag trat das Chamäleon A. Mikojan gegen Molotow mit
folgender Beschuldigung auf: Molotow habe in einer Rede 1956 „offen
daran gezweifelt, dass die sozialistische Gesellschaft in der UdSSR
aufgebaut ist“. Er habe gesagt, dass in der Sowjetunion „die
Grundlagen der sozialistischen Gesellschaft errichtet sind“. Mikojan
dazu: „Sie werden selbst begreifen, dass man auf der Grundlage
solcher Thesen an einen Plan zum Aufbau des Kommunismus nicht einmal
denken kann.“ (Die Presse der Sowjetunion, Nr. 129/196 1, S. 2804)
(21)
Walter Ulbricht, Die Bedeutung des Werkes „Das Kapital“ von Karl
Marx für die Schaffung des entwickelten gesellschaftlichen Systems
des Sozialismus in der DDR und den Kampf gegen das staatsmonopolistische
Herrschaftssystem in Westdeutschland, Berlin 1967.
(22)
ebd., S. 38.
(23)
Siehe dazu: Sahra Wagenknecht, Marxismus und Opportunismus. Kämpfe in
der sozialistischen Bewegung Gestern und Heute, in: Weißenseer Blätter,
4/1992, 5. 13/14. — Wolfgang Berger, Zu den Hauptursachen des
Unterganges der DDR, in ebd., 5. 29 bis 33.
(24)
Siehe dazu: Kurt Gossweiler, Hatte der Sozialismus nach 1945 keine
Chance? in: Weißenseer Blätter 2/1991, 5. 56.
(25)
Einer der Mitverfasser des SPD-SED-Papieres von SED-Seite, Rolf Reißig,
damals Direktor des Instituts für Wissenschaftlichen Sozialismus an
der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, in
einem Interview der Berliner Zeitung vom 27.8.1992 auf die Frage, ob der
damalige Dialog mit der SPD zum Verschwinden der DDR beigetragen habe:
„Wir wollten die Reformierung, die Öffnung der DDR einklagen – also
alles das, was Oppositionsgruppen zur gleichen Zeit oder auch schon früher
vehement gefordert hatten.“ Und an anderer Stelle: „In der SED hat
das Papier wie eine Lawine gewirkt, hat polarisiert. Das Papier hat überholte
ideologische Grundsätze in Frage gestellt: Feindbild, das Imperialismusbild,
das Bild des revolutionären Weltprozesses. Und indem das Informations-
und Wahrheitsmonopol angezweifelt wurde, stand ja im Prinzip auch das
Machtmonopol in Frage.“ Das Papier habe sicher dazu beigetragen,
dass sich die Parteiführung „zum ersten Mal nicht mehr auf die Kader,
auf die zwei Millionen SED-Mitglieder stützen konnte.“
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