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Kurt
Gossweiler
REVISIONISMUS
- TOTENGRÄBER DES SOZIALISMUS
Zur
Entstehung des modernen Revisionismus und zu seiner Etablierung in der
Sowjetunion unter Chruschtschow 1953-1964
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Inhalt:
1.
Einige Bemerkungen zum Ursprung und zur Charakteristik
des „modernen Revisionismus” mehr
2.
Wie Chruschtschow die Zerstörung der Sowjetmacht
einleitete mehr
3.
Ziele und Wirkungen des XX. Parteitages der KPdSU mehr
4.
Zwei Schwerpunkte, mit denen sich die Revisionisten ihre
Massenbasis verschafften und die Geschichtslüge, mit der sie
die kommunistische Bewegung paralysierten. mehr
5.
Einige Schlussbemerkungen mehr |
Es
ist für mich eine große Freude, diese Veranstaltung gemeinsam mit dem
Genossen Harpal Brar bestreiten zu dürfen, den ich vor neun Jahren in
Brüssel beim alljährlichen Mai-Seminar der Partei der Arbeit Belgiens
zum ersten Mal erleben durfte.
Dass
wir heute gemeinsam hier auftreten können, dafür sind wir alle hier
der Zeitschrift „Offensiv” und ihren unermüdlichen Herausgebern,
Frank und Anna, Dank schuldig.
Danken
möchte ich aber auch den Zeitschriften, die ebenfalls bereit waren,
Einladungs-Anzeigen zu dieser Veranstaltung abzudrucken, also der
„Jungen Welt”, der „Roten Fahne” der KPD und der „UZ” der
DKP.
Das
gemeinsame Thema beider heutiger Referenten lautet: Der Revisionismus
– Totengräber des Sozialismus. Diese Feststellung wird durch jedes
der beiden heute vorzustellenden, aber vollständig unabhängig
voneinander entstandenen Bücher belegt. Dass sie dennoch zu genau den
gleichen Ergebnissen gelangt sind, bestätigt die Richtigkeit eines früher,
als die kommunistischen Weltbewegung noch fest auf dem Fundament des
Marxismus-Leninismus stand, unter Kommunisten geläufigen Wortes, das
besagte: Wo auch immer Kommunisten leben – ob in Berlin, New York,
Moskau oder Peking – sie werden zu allen entscheidenden Fragen des
Klassenkampfes unabhängig voneinander überall die gleiche Position
einnehmen.
Dabei
waren unsere Ausgangspunkte schon allein durch den Altersunterschied
bedingt ganz unterschiedlich. Mich als damals fast Vierzigjährigen
haben schon die ersten drei Jahre Chruschtschow an der Macht zu der Überzeugung
gebracht, die ich in meinem politischen Tagebuch am 19. Januar 1957 mit
den Worten niedergeschrieben habe: „Kein Zweifel, an der Spitze der
Partei Lenins und Stalins steht zur Zeit ein Feind, ein Vertrauensmann
der imperialistischen Geheimdienste, allen voran des us-amerikanischen,
ein Komplize des seit langem zum Agenten des Secret Service und des CIA
gewordenen Tito.” (Kurt Gossweiler, Die Taubenfuß-Chronik oder
die Chruschtschowiade 1953 bis 1964, Bd. 1 1953 bis 1957, München 2002,
S.209)
Auch
unser Herangehen an die Analyse ist geprägt durch unsere jeweilige
Spezialisierung: Genosse Brar als Ökonom hat das Hauptgewicht auf die
Analyse der Wirtschaftspolitik Gorbatschows und – im Rückblick –
Chruschtschows gelegt. Mein Hauptuntersuchungsfeld war dagegen die
innere und äußere Politik Chruschtschows, die Politik gegenüber der
Geschichte der eigenen Partei, die Politik gegenüber den Bruderparteien
und sozialistischen Bruderländern – besonders gegenüber der DDR-,
die Politik gegenüber dem Imperialismus. Die Wirtschaftspolitik blieb
natürlich nicht unbeachtet, ihren Schädlingscharakter habe ich, wo ich
ihn erkannte, - z. B. bei der Auflösung der MTS, bei der Neulandaktion
- , aufgedeckt, aber für eine so genaue Analyse der
„Wirtschaftsreformen” unter Chruschtschow und Breshnew, wie sie
Genosse Brar durchführte, fehlten mir sowohl die notwendigen politökonomischen
Kenntnisse als auch die nötige Materialkenntnis.
Aber
wo man die Politik der Revisionisten auch packt: man kommt immer zum
gleichen Ergebnis: der Revisionismus zielt auf die Restauration des
Kapitalismus, und wo ihm nicht das Handwerk gelegt wird, da wird er zum
Totengräber des Sozialismus und - das muss mit Nachdruck ergänzt
werden: auch der kommunistischen Bewegung. Insofern ergänzen sich beide
Bücher – ich möchte sagen: in glücklicher Weise – sowohl von der
Chronologie her als auch von der Betrachtungsweise her. Und auch von der
Zielsetzung her!
Im
letzten Absatz seiner „Perestroika” schreibt Genosse Brar:
„Der
Verfasser strebt nach Antwort auf die wichtigste Frage, nämlich: Wie
war es möglich, dass ...diese UdSSR, die einer gewaltigen Hitlerschen
Kriegsmaschinerie das Genick brach,. als sozialistischer Staat so schmählich
kollabierte? Niemand kann die enorme Bedeutung für die ganze
kommunistische Bewegung leugnen, eine richtige Antwort auf diese Frage
zu finden. Nur die Zeit und weitere Erörterungen werden erweisen, ob
der Autor erfolgreich bei ihrer korrekten Beantwortung war.”
(Perestroika, S.163)
Im
Vorwort zu meiner „Taubenfußchronik” ist zu lesen:
”Seit
dem Untergang der Sowjetunion und des Staat gewordenen Sozialismus in
Europa ist die wichtigste und zugleich quälendste Frage für jeden
revolutionären Sozialisten die Frage nach den Ursachen für diese
Menschheitskatastrophe... Wenn die Chronik dazu beiträgt, in der
kommunistischen und der Arbeiterbewegung einer einheitlichen Auffassung
über die tatsächlichen Ursachen der keineswegs unvermeidlichen,
sondern vermeidbaren Niederlage und darüber näherzukommen, wodurch der
keineswegs unmögliche, sondern fast schon sichere, nicht mehr zurückzudrehende
Sieg über den Imperialismus in diesem Jahrhundert verhindert wurde,
dann hätte dieses Tagebuch doch noch einen gesellschaftlichen Nutzen
erzielt und seine Veröffentlichung gerechtfertigt.”
1.
Einige Bemerkungen zum Ursprung und zur
Charakteristik des „modernen Revisionismus”
Der
alte, „sozialdemokratische” Revisionismus der Bernstein und Kautsky
entstand als der theoretische Ausdruck der Interessen vom Monopolkapital
korrumpierter Arbeiterschichten, die ihren Frieden mit einem
„reformierten” Kapitalismus gemacht haben. Der „moderne
Revisionismus”, also der Revisionismus in den Kommunistischen Parteien
und in den sozialistischen Ländern, entstand auf andere Weise, ist
nicht „von unten” gewachsen. Den Begriff des „modernen
Revisionismus” gab es in der Sowjetunion der Vorkriegszeit nicht, weil
es das, was ihn ausmacht, noch nicht gab. Es gab den Trotzkismus als
„linke” Abweichung, und es gab rechte, opportunistische Abweichungen
von der marxistisch-leninistischen Generallinie der Partei, die durchaus
Elemente enthielten, die auch für den modernen Revisionismus
kennzeichnend sind, ohne jedoch schon alle dessen Merkmale und Inhalte
in sich zu vereinigen.
Beide,
der alte und der moderne Revisionismus, haben gemeinsam, dass sie
Agenturen der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung sind: Der alte
Revisionismus wirkt im Kapitalismus und will die Revolution verhindern,
um den Kapitalismus zu erhalten. Der moderne Revisionismus will die
Revolution rückgängig machen, um den Kapitalismus wiederherzustellen.
Das
sozialistische Land, in dessen führender kommunistischer Partei
erstmals an die Stelle des Marxismus-Leninismus das gesetzt wurde, was
später den Namen „moderne Revisionismus” erhielt, war Titos
Jugoslawien. Aber er war nicht dort entstanden, sondern hatte seinen
Ursprung in den USA, und sein Schöpfer war kein anderer als der langjährige
Generalsekretär der KP der USA, Earl Browder. Für eine ausführliche
Darstellung seiner Auffassungen und des Weges, auf dem diese aus den USA
in die kommunistischen Parteien Europas transportiert wurden, fehlt hier
die Zeit; (Ausführlich hierzu Kurt Gossweiler, Die Ursprünge des
modernen Revisionismus oder: Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt
wurde - Gedanken bei Lesen der Tagebücher von Georgi Dimitroffs,
Offensiv - Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 10/03)
Hier
sei nur soviel erwähnt: Ab 1942, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis,
schlug Browder einen opportunistischen Kurs ein, löste die KP der USA
auf und verwandelte sie in eine Art Propaganda-Verein, befürwortete das
Aufgehen der Partei in einer breiten, alle Klassen umfassenden
antifaschistischen Front, die Preisgabe des Kampfes der Kommunisten um
den Sozialismus in den USA, und verkündete, die USA hätten ihre
Absicht, den Sozialismus in der Sowjetunion zu beseitigen, aufgegeben, künftig
werde ein dauerhafter Frieden durch die Zusammenarbeit der USA mit der
UdSSR gesichert und die Sowjetunion solle ihre zerstörten Gebiete mit
USA-Krediten wieder aufbauen.
Seine
revisionistischen Ideen fasste er in einer Schrift zusammen. Die wurde während
des Krieges in deutscher und französischer Sprache in der Schweiz unter
den kommunistischen Emigranten verschiedener Länder – vor allem
deutscher, ungarischer und jugoslawischer – verbreitet und in
Schulungen breit popularisiert.
Der
Mann, der die Übersetzung und die Verbreitung dieser Urschrift des
modernen Revisionismus unter den kommunistischen Emigranten betrieb, war
ein mit Browder persönlich befreundeter US-Beamter, Noel Field, der
nach dem Abzug der Interbrigadisten und deren Einweisung in Lager in
Frankreich der internationalen Kommission angehörte, die alle aus
Spanien nach Frankreich evakuierten Freiwilligen der Internationalen
Brigaden namentlich registrierte. In Frankreich und der Schweiz war er
als Leiter einer us-amerikanischen Hilfsorganisation tätig und knüpfte
dadurch Beziehungen zu den kommunistischen Emigranten vieler Länder an.
Gleichzeitig arbeitete er mit dem in Bern residierenden Chef des
US-Geheimdienstes OSS, (Office of Strategic Services) , Allan Dulles,
zusammen.
In
seinem Buch Perestroika weist Genosse Brar darauf hin, (S.126 f.), dass
einer der führenden polnischen Revisionisten, der bürgerliche Ökonom
Oskar Lange, in den dreißiger Jahren Vorlesungen an der Universität in
Chicago hielt und in seinem 1935 erschienen Buch: „Marxistische Ökonomie
und moderne Wirtschaftstheorie” von revisionistischen Positionen aus
die marxistische Ökonomie als veraltet und der modernen bürgerlichen
Wirtschaftstheorie weit unterlegen erklärte. Er verbreitete Ideen über
„eine elementare Gemeinschaft der Grundwerte” der USA und der
Sowjetunion, die wir ähnlich bei Browder wieder finden. Es ist durchaus
möglich, dass Browder von Langes Vorträgen und Büchern Kenntnis hatte
und einige ihrer Ideen übernommen hat.
Zusammenfassend
können wir sagen: Im Unterschied zum alten, sozialdemokratischen
Revisionismus, der gewissermaßen aus den Oberschichten der
Arbeiterklasse herausgewachsen ist, ist der neue, „moderne”
Revisionismus als imperialistische Zersetzungsideologie von außen in
die kommunistische Bewegung eingeschleust worden.
Wie
und warum aber konnte er dort Wurzeln schlagen und schließlich über
den Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion und ihren europäischen Verbündeten
den Sieg davontragen?
Diese
Tatsache ist noch schwerer erklärlich, wenn wir uns vor Augen halten,
dass auf den beiden Moskauer Konferenzen von 1957 und 1960 der
Revisionismus sehr treffend gekennzeichnet und zur Hauptgefahr für die
kommunistische Bewegung erklärt wurde. So heißt es in der Erklärung
der Beratung von 1957:
„Der
moderne Revisionismus ist bemüht, die große Lehre des
Marxismus-Leninismus in Verruf zu bringen, er erklärt sie für
‚veraltet’, behauptet, sie habe heute ihre Bedeutung für die
gesellschaftliche Entwicklung verloren.
Die
Revisionisten sind bestrebt, die revolutionäre Seele des Marxismus
auszumerzen und den Glauben der Arbeiterklasse und des schaffenden
Volkes an den Sozialismus zu erschüttern. Sie wenden sich gegen die
historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution und der Diktatur
des Proletariats beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus,
sie
leugnen die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei,
sie
lehnen die Prinzipien des proletarischen Internationalismus ab,
sie
fordern Verzicht auf die grundlegenden Leninschen Prinzipien des
Parteiaufbaus und vor allem auf den demokratischen Zentralismus,
sie
fordern, dass die kommunistische Partei aus einer revolutionären
Kampforganisation in eine Art Diskutierklub verwandelt wird.”
In
der Schlusserklärung der Moskauer Beratung von 1960 wurde erneut bekräftigt,
dass der Revisionismus die Hauptgefahr für die kommunistische
Weltbewegung darstellt, darüber hinaus scharf mit dem
Tito-Revisionismus abgerechnet:
„Die
kommunistischen Parteien haben die jugoslawische Spielart des
internationalen Opportunismus, die einen konzentrierten Ausdruck der
‚Theorien’ der modernen Revisionisten darstellt, einmütig
verurteilt. Die Führer des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, die den
Marxismus-Leninismus verrieten, indem sie ihn für veraltet erklärten,
haben der Erklärung von 1957 ihr antileninistisches revisionistisches
Programm - (das „Laibacher
Programm” von 1958, K.G.) - entgegengestellt, ihr Land vom
sozialistischen Lager losgerissen, es von der Hilfe der amerikanischen
und anderen Imperialisten abhängig gemacht und damit die Gefahr
heraufbeschworen, dass das jugoslawische Volk seiner im heroischen Kampf
erzielten revolutionären Errungenschaften verlustig geht. Die
jugoslawischen Revisionisten betreiben eine Wühlarbeit gegen das
sozialistische Lager und die kommunistische Weltbewegung. Unter dem
Vorwand einer blockfreien Politik entfalten sie eine Tätigkeit, die der
Einheit aller friedliebenden Kräfte und Staaten Abbruch tut.
Die
weitere Entlarvung der Führer der jugoslawischen Revisionisten und der
aktive Kampf dafür, die kommunistische Bewegung wie auch die
Arbeiterbewegung gegen die antileninistischen Ideen der jugoslawischen
Revisionisten abzuschirmen, ist nach wie vor eine unerlässliche Aufgabe
der marxistisch-leninistischen Parteien.”
Diese
Forderung war nur zu sehr berechtigt, aber sie kam viel zu spät. Was
hier – 1960! – verlangt wurde: Entlarvung Titos als Revisionist, und
Abschirmung der kommunistischen Bewegung gegen die antileninistischen
Ideen der jugoslawischen Revisionisten – das hatten doch schon 1948,
also 12 Jahre vorher, die Parteien des Kommunistischen Informationsbüros
– KPdSU, Polnische Arbeiterpartei, Ungarische Partei der Werktätigern,
KP der CSR, Bulgarische Arbeiterpartei, KP Frankreichs und KP Italiens
– mit ihrer Resolution vom Juni 1948 „Über die Lage in der
kommunistischen Partei Jugoslawiens” getan!
Wie
konnte es da geschehen, dass wenige Jahre später dennoch der
Revisionismus in der kommunistischen Bewegung zur Hauptgefahr werden
konnte und sie erneut vor der Wühlarbeit der jugoslawischen
Revisionisten gewarnt werden musste? Das ist das „Verdienst”
Chruschtschows, dessen Rolle nun etwas näher betrachtet werden soll.
2.
Wie Chruschtschow die Zerstörung der Sowjetmacht einleitete
Eine
der ersten Handlungen des nach Stalins Tod am 5. März 1953 im September
1953 zum Generalsekretär der KPdSU aufgestiegenen Chruschtschow, die
mich stutzig machten, war jene, mit der die erwähnte Warnung der
Parteien des Kommunistischen Informationsbüro vor dem
Tito-Revisionismus als falsch und unberechtigt erklärt und damit die
dringend notwendige Schutzimpfung aller kommunistischen Parteien gegen
die Infektion mit dem Revisionismus, die diese Warnung dargestellt
hatte, unwirksam gemacht worden war.
Am
26. Mai 1955 erklärte Chruschtschow als Leiter der sowjetischen
Delegation bei deren Ankunft auf dem Belgrader Flughafen:
„Teurer
Genosse Tito! Wir bedauern aufrichtig, was geschehen ist... Wir haben
eingehend die Materialien überprüft, auf denen die schweren
Anschuldigungen und Beleidigungen beruhten, die damals gegen die Führer
Jugoslawiens erhoben wurden. Die Tatsachen (?!) zeigen, dass diese
Materialien von Volksfeinden, niederträchtigen Agenten des
Imperialismus, fabriziert waren, die sich durch Betrug in die Reihen
unserer Partei eingeschlichen hatten.”
Ich
habe in meinem Tagebuch damals diese Auslassungen Chruschtschows so
kommentiert:
„Näheres
darüber, welche Dokumente gefälscht sind, wurde nie veröffentlicht.
Obwohl die Behauptung, dass die kommunistische Weltbewegung, mit so
erfahrenen Genossen wie Stalin, Dimitroff, Togliatti, Thorez usw., sich
durch Fälschungen einer Gruppe von Provokateuren zu einer vollkommen
falschen Einschätzung der Situation eines Landes habe verleiten lassen;
dass die kommunistische Bewegung mit der KPdSU an der Spitze im Unrecht,
Tito dagegen der Mann sei, der im Recht ist; obwohl eine solche
Situation das Allerunwahrscheinlichste ist, genügte für viele diese
eine, durch nichts bewiesene Behauptung, um sie für Tatsache zu nehmen
und von nun ab in Tito den „teuren Genossen”, dem bitter Unrecht
geschehen ist, zu sehen.”
(Taubenfuß-Chronik I, S.47 f.)
In
meiner Chronik führe ich des weiteren Tatsachen an, die beweisen, dass
Chruschtschows Reinwaschung Titos eine faustdicke Lüge darstellte. Das
Tollste aber ist, dass Chruschtschow selbst, als nach der von Tito
mitinszenierten Konterrevolution in Ungarn im Oktober-November 1956
endlich in der kommunistischen Weltbewegung der Revisionismus als
Hauptgefahr für die Existenz des Sozialismus erkannt wurde und dadurch
Chruschtschows Position an der Spitze der KPdSU gefährdet war, der
sich, als habe er niemals seine Flugplatzrede gehalten, als Vorkämpfer
gegen den Tito-Revisionismus aufspielte. So hielt er auf dem VII.
Parteitag der KP Bulgariens im Juni 1958 eine Rede, in der er u.a. ausführte:
„Die
kommunistischen Parteien hüten und wahren die Einheit ihrer Reihen wie
ihren Augapfel. (Das sagt der
Mann, der alles getan hat, um diese Einheit zu zerstören und vor allem
Volkschina aus der Gemeinschaft der kommunistischen Staaten auszustoßen!)
Doch weiter in seinem Text: „Sie führen einen unversöhnlichen
Kampf gegen Revisionismus und Dogmatismus. In diesem Kampf richtet sich
das Hauptfeuer der kommunistischen Parteien naturgemäß gegen die
Revisionisten als die Kundschafter des imperialistischen Lagers.... Der
moderne Revisionismus ist eine Art trojanisches Pferd. Die Revisionisten
versuchen, die revolutionären Parteien von innen zu zersetzen, die
Einheit zu unterminieren und Verwirrung und Durcheinander in die
marxistische Ideologie zu tragen.” ( Das ist eine sehr gute
Selbstbeschreibung seines Auftrages und seiner Hauptbeschäftigung!)
Doch
das ist noch immer nicht alles: mit den folgenden Ausführungen gibt er
selbst zu, dass seine Tito-Rehabilitierung von 1955 auf Lügen beruhte:
„Im
Jahre 1948 nahm die Konferenz des Informationsbüros eine Resolution ‚Über
die Lage in der KPJ’ an, die eine berechtigte Kritik an der Tätigkeit
der KP Jugoslawiens in einer Reihe prinzipieller Fragen enthielt. Diese
Resolution war im wesentlichen richtig und entsprach den Interessen der
revolutionären Bewegung.” (ND
v.5.Juni 1958).
Natürlich
wusste das Chruschtschow auch 1955, als er in seiner
Tito-Rehabilitierung das Gegenteil von sich gab.
Was
aber ergibt sich daraus mit zwingender Logik? Einer, der sich selbst als
Kommunist ausgibt, aber einem anderen, der sich auch als Kommunist
ausgibt, von dem er aber weiß, dass der in Wahrheit ein Kundschafter
des Imperialismus, also ein imperialistischer Agent ist, diesem dennoch
das Zeugnis eines zuverlässigen Kommunisten ausstellt – der kann nur
ein Komplize des Agenten, also selbst ein Agent des Imperialismus sein!
Man
sollte meinen, dass dies, wie es Genosse Brar in einem anderen
Zusammenhang in seinem Buche formuliert, „selbst Idioten erkennen können.”
(Perestroika, S.146) Aber davon kann leider keine Rede sein. Ich erlebe
leider immer wieder, dass mir Genossen, die ich schätze und deren
Verstand voll intakt ist, auf meine Feststellung: „Chruschtschow ist
der Gorbatschow der fünfziger und sechziger Jahre, wie Gorbatschow der
Chruschtschow der achtziger und neunziger Jahre ist”, erklären Ja,
dass Gorbatschow ein Verräter war, damit hast Du ja recht gehabt. Aber
Chruschtschow – das ist doch etwas anderes. Und selbst, wenn ich ihnen
dann weitere Beispiele offenkundiger Lügen Chruschtschows und
demagogischer Manöver vorführe, die eindeutig beweisen, dass dieser
Mann seine Macht und Stellung dazu missbrauchte, den Interessen des
Imperialismus zu dienen und darüber die Partei und das Volk irrezuführen,
- dann genügt ihnen das alles immer noch nicht; offenbar reichen ihnen
nicht für sich selbst sprechende Tatsachen aus, - sie sind durch
Tatsachenzeugnisse von ihrem Glauben an die im Grunde doch guten
Absichten des Nikita nicht zu heilen und von Chruschtschows bewusster
Schädlingsarbeit nicht zu überzeugen, solange die ihnen nicht durch
ein Papier, am besten mit einer von Chruschtschow unterschriebenen
Verpflichtungserklärung als V-Mann des CIA , nachgewiesen wird.
Ich
greife hier nur zwei weitere solche Tatsachenzeugnisse heraus, von denen
jedes einzelne ausreicht, bei einem Kommunisten, der gewohnt ist, die
Ehrlichkeit eines Parteiführers gegenüber seinen Genossen als Maßstab
für dessen Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit zu nehmen, ausreichen
würde, um zu sagen: Du magst alles mögliche sein, aber eines bist Du
mit Sicherheit nicht: ein Kommunist oder gar einer, dem man die Führung
der Partei anvertrauen darf!
Erstes
Beispiel: nach Chruschtschows Totalverdammung Stalins in seiner
Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU brachte es der gleiche
Chruschtschow fertig, in seiner Festrede auf der Oktoberfeier des Jahres
1957, die völlig im Zeichen des Kampfes gegen den Revisionismus stand
und er daher um seine eigene Stellung an der Spitze der Partei bangen
musste, - so, als hätte es nie seine Rede auf dem XX. Parteitag gegeben
-, zu erklären:
„Die
Partei hat alle bekämpft und wird dies auch weiterhin tun, die Stalin
verleumden und unter der Flagge der Kritik am Personenkult die ganze
historische Tätigkeit unserer Partei falsch und verzerrt darstellen, in
der J.W. Stalin an der Spitze des Zentralkomitees stand. Als treuer
Marxist und Leninist und standhafter Revolutionär nimmt Stalin einen würdigen
Platz in der Geschichte ein. Unsere Partei und das Sowjetvolk werden
Stalins gedenken und ihm die gebührende Ehre erweisen.”
Was
er darunter verstand, wurde auf dem XXII. Parteitag der KPdSU im Jahre
1961 offenbar, als er nicht nur alle seine Verleumdungen Stalins von
1956 wiederholen, sondern auch die engsten Mitarbeiter Stalins, Molotow
und Lasar Kaganowitsch, als „Parteifeinde” aus der KPdSU ausschließen
ließ.
Zweites
Beispiel: Die Auflösung des Informationsbüros der Kommunistischen und
Arbeiterparteien (Informbüro):
Auf
einer Pressekonferenz in Neu Delhi am 14. Dezember 1955 führte der
damalige sowjetische Ministerpräsident Bulganin aus:
„Manchmal
stellt man die Frage, ob man denn die ‚Kominform’ nicht irgendwie
liquidieren könne. Doch aus welchem Grunde sollten die kommunistischen
und Parteien eigentlich auf eine allgemeingültige Form des
internationalen Verkehrs und Zusammenwirkens verzichten?...Die Tätigkeit
dieser Organisation beunruhigt alle, die das alte, überlebte System der
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu einer bleibenden
Erscheinung machen wollen.”
Kurz
danach, am 29. Dezember 1995 sprach Chruschtschow selbst zum gleichen
Thema vor dem Obersten Sowjet der UdSSR und sagte dabei dies:
„Ausländische
Journalisten in Indien fragten uns sehr oft: Warum lösen Sie das
Kominform nicht auf? Wir haben darauf geantwortet: Warum schlagen Sie
nicht vor, die Sozialistische Internationale aufzulösen? ... Natürlich
gefällt den Gegnern des Kommunismus das Kominform nicht...”
(Taubenfuß-Chronik I, S.92).
In
Gestalt westlicher Journalisten wurde Chruschtschow also Ende des Jahres
1955 nachdrücklich die Forderung derer unterbreitet, die durch die Tätigkeit
des Informbüros „beunruhigt” waren, dieses aufzulösen.
Und,
was geschah? Trotz der überzeugenden Zurückweisung dieser Forderung
durch Bulganin und Chruschtschow? Am Dienstag, den 17.April 1956
erschien die Zeitung des Informationsbüros „Für dauerhaften Frieden,
für Volksdemokratie zum letzten Mal mit einer „Informatorischen
Mitteilung über die Einstellung der Tätigkeit des Informationsbüros
der Kommunistischen und Arbeiterparteien.” Als Begründung wurden „Änderungen
in der Internationalen Lage” angegeben. Aber zwischen dem Dezember
1955 und dem April 1956 hat nur ein Ereignis stattgefunden, das die
internationale Lage in unabsehbarer Weise verändert hat: Der XX.
Parteitag der KPdSU. Und der machte sehr schnell deutlich, dass – wie
ich in meinem Tagebuch vermerkte - „ein Kontaktorgan der
Kommunistischen und Arbeiterparteien noch nie so dringend nötig war wie
gerade jetzt!” (Taubenfuß-Chronik I, S.91) Aber genau das war der
Grund für seine Auflösung durch die Chruschtschow-Führung.
Der
XX. Parteitag der KPdSU war von Chruschtschow dazu ausersehen, den
Generalangriff auf das von Lenin und Stalin geschaffene sozialistische
System und die marxistisch-leninistische Grundlage der kommunistischen
Weltbewegung zu starten. Dazu sollte die tatsächliche ökonomische,
politische und militärische Abhängigkeit der europäischen
sozialistischen Länder von der Sowjetunion ausgenutzt werden, um diese
zur widerspruchslosen Gefolgschaft bei der grundlegenden Kursänderung
zu zwingen. Deshalb musste Schluss gemacht werden mit einem Organ, in
dem die wichtigsten nächsten Schritte der sozialistischen Staaten und
der kommunistischen Parteien kollektiv beraten und alle Parteien
prinzipiell gleichberechtigt waren; musste auch Schluss gemacht werden
mit dem in diesem Organ herrschenden Grundsatz, dass alle Parteien der
kommunistischen Bewegung der Bewegung als Ganzem gegenüber
rechenschaftspflichtig sind. Von jetzt ab hatte zu gelten: Was in Moskau
beschlossen wird, das gilt für alle – ausgnommen Tito und später
hinzutretende Revisionisten, wie Gomulka und Kadar. Für sie – und nur
für sie !- galt der Passus in der von Tito und Chruschtschow am 2.Juni
1955 unterzeichneten „Belgrader Deklaration”, der den
„Nationalkommunismus” als ein „marxistisch-leninistisches
Prinzip” legitimierte:
„Beide
Regierungen gehen von folgenden Prinzipien aus: gegenseitige Achtung und
Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, Einmischung weder aus
wirtschaftlichen noch aus politischen, ideologischen oder sonstigen Gründen,
da die Fragen der inneren Einrichtung, des Unterschiedes in den
Gesellschaftssystemen und des Unterschiedes in den konkreten Formen der
Entwicklung des Sozialismus ausschließlich Sache der Völker der
einzenen Länder sind.”
(Handbuch der Verträge, Berlin 1968, S.606 f.)
3.
Ziele und Wirkungen des XX. Parteitages der KPdSU
Das
Verrückte an der Weigerung mancher Genossen, in Chruschtschow einen zu
sehen, der wie Gorbatschow zum Ziel hatte, die sozialistische Ordnung im
Lande zu unterminieren, ist, dass sie in ihm einen Heilsbringer und
einen Retter des Sozialismus genau wegen der Veranstaltung sehen, die in
Wahrheit die wichtigste Grundlage dafür schuf, dass Gorbatschow –
gestützt auf die Vorarbeit von Chruschtschow und Breshnew – das von
Chruschtschow eingeleitete Zerstörungswerk erfolgreich zuende bringen
konnte – also wegen des XX. Parteitages.
Beginnt
doch kein geringerer als Robert Steigerwald, führender Theoretiker der
Deutschen Kommunistischen Partei und seit einiger Zeit auch Vorsitzender
der Marx-Engels-Stiftung noch im Jahre 2001 einen ganzseitigen Artikel
zum 45.Jahrestag des XX. Parteitages im DKP Organ ”Unsere Zeit” vom
9. Februar vorigen Jahres mit den Worten:
„Der
XX. Parteitag der KPdSU beendete das System schwerer Verletzungen
sozialistischen Rechts und sozialistischer Ideale, wie es sich,
beginnend gegen Ende der Zwanzigerjahre in der Sowjetunion gebildet
hatte.”
Es
ist dies noch immer die Sicht nicht nur der Mehrheit der Bürger der
ehemals sozialistischen Länder – von denen anderer Länder ganz zu
schweigen -, sondern auch der Mehrheit der Kommunisten dieser und sicher
auch vieler anderer Länder. Und das ist kein Wunder, gleichen doch die
Stimmen, die dieser Geschichtsfälschung die Wahrheit über
Chruschtschow und seine Bande entgegenhalten, einer einzelnen schwachen
Stimme, die gegen das tosende Donnern der Wellen des Meeres der bürgerlichen
und revisionistischen Medien anzurufen sucht.
Aber
wir rufen weiter, in der Gewissheit: noch jede Wahrheit, die sich schließlich
durchgesetzt hat, musste so beginnen!
Ich
brauche in diesem Kreise nicht im Einzelnen nachzuweisen, dass der XX.
Parteitag der Wendepunkt in der Geschichte der KPdSU war, der aus der
bisher führenden und reifsten marxistisch-leninistischen Partei das
Leitzentrum des modernen Revisionismus machte. Dies nicht nur wegen der
revisionistischen Umschreibung der eigenen Geschichte, sondern wegen der
Umschaltung von einer marxistisch-leninistischen Theorie und Praxis auf
eine revisionistische auf allen Gebieten – Partei und Staat,
Wirtschaft, Innen –wie Außenpolitik, Wissenschaft und der Kultur.
Nicht
zu Unrecht aber verbindet jeder mit dem XX. Parteitag vor allem die
„Geheimrede” Chruschtschows, seine „Abrechnung” mit Stalin. Die
wenigsten aber wissen, dass Chruschtschow diese seine Rede dem Parteitag
nach dessen offizieller Beendigung überfallartig aufgezwungen hat.
Als
ich damals diese Rede zum ersten Mal las, sagte ich mir und schrieb es
in mein Tagebuch:
„Es
ist ausgeschlossen, dass das Politbüro oder das ZK die Rede so, wie sie
gehalten wurde, vorher gebilligt hat. Die Westpresse hat ganz bestimmt
recht, wenn sie ‚vermutet’, Chruschtschow sei in dieser Rede viel
weiter gegangen, als vereinbart.” (Taubenfuß-Chronik
I, S.74)
Eine
Bestätigung dessen erhielt ich 45 Jahre später, als ich die
Erinnerungen Lasar Kaganowitschs las. Er schildert sehr anschaulich, auf
welche Weise Chruschtschow den Parteitag vergewaltigte.
„Der
XX. Parteitag ging seinem Ende entgegen. Plötzlich wird eine Pause
eingelegt. Die Mitglieder des Präsidiums werden in den hinteren Raum,
der zum Ausruhen bestimmt ist, zusammengerufen. Chruschtschow stellt die
Frage, auf dem Parteitag seinen Vortrag über den Persönlichkeitskult
Stalins und dessen Ausswirkungen anzuhören. Gleichzeitig wurde uns der
Entwurf des Vortrages in einem rotgebundenen maschinenschriftlichen Büchlein
verteilt. Die Sitzung ging unter anormalen Bedingungen vor sich - in
einer Enge - manche saßen, andere standen. Es war schwierig, in kurzer
Zeit dieses umfangreiche Heft durchzulesen und seine Inhalt
durchzudenken, um entsprechend den Normen der innerparteilichen
Demokratie einen Beschluss zu fassen. Alles das in einer halben Stunde,
denn die Delegierten saßen im Saal und erwarteten etwas für sie
Unbekanntes, da die Tagesordnung des Parteitages bereits erledigt war.
… Schon vor dem XX. Parteitag hatte das Präsidium die Frage
ungesetzlicher Repressalien und begangener Fehler behandelt. Das Präsidium
des ZK bildete eine Kommission, die beauftragt wurde, die
Angelegenheiten von Repressierten an Ort und Stelle zu untersuchen…
und konkrete Vorschläge zu formulieren. Nach der Beratung dieser Fragen
im Präsidium war vorgesehen, nach dem XX. Parteitag ein ZK-Plenum
einzuberufen, um den Vortrag der Kommission mit entsprechenden Vorschlägen
anzuhören. Genau dazu sprachen die Genossen Kaganowitsch, Molotow,
Woroschilow und andere zur Begründung ihrer Einwände. Außerdem sagten
die Genossen, dass wir einfach außer Stande seien, den Vortrag
(Chruschtschows) redaktionell zu bearbeiten und Korrekturen anzubringen,
die unbedingt nötig seien. Wir sagten, dass selbst ein flüchtiges
Bekanntmachen zeigt, dass das Dokument einseitig und falsch ist. Die Tätigkeit
Stalins könne auf keinen Fall nur von einer Seite beleuchtet werden,
notwendig sei eine objektive Beleuchtung aller seiner positiven Seiten,
damit die Werktätigen verstehen und allen Spekulationen der Feinde
unserer Partei und unseres Landes eine Abfuhr erteilen. Die Sitzung zog
sich hin, die Delegierten (im Saal) erregten sich, und deshalb wurde
ohne jede Abstimmung die Sitzung beendet und wir begaben uns in den
Saal. Dort wurde die Ergänzung der Tagesordnung verkündet: den Vortrag
Chruschtschows über den Persönlichkeitskult Stalins anzuhören. Nach
dem Vortrag fand keinerlei Aussprache statt, der Parteitag beendete
seine Arbeit.” (Lasa Kaganowitsch, Pamjatnie Sapiski, Wagrius, Moskwa
1996, S. 508 f., Übers. K.G., zitiert in
Taubenfuß-Chronik I, 18)
Es
ist wenig bekannt, dass dieser Bericht weder zu Chruschtschows noch zu
Breshnews Zeiten in der Sowjetunion veröffentlicht wurde. Die Partei
lehnte es ab, ihn als offizielles Parteidokument anzuerkennen. Auch
Chruschtschow hat sich während seiner Amtszeit nie als Verfasser seiner
Rede bekannt. Veröffentlicht wurde sie kurz nach dem Parteitag zuerst
in der New York Times.
Am
14. Mai 1957 gab Chruschtschow dem Korrespondenten der New York Times,
Turner Catledge, ein Interview, in dessen Verlauf Catledge Chruschtschow
auch folgende Frage stellte:
„Sie
wissen vielleicht, dass im vergangenen Jahr die Zeitung New York Times
den Text Ihrer Rede auf dem XX. Parteitag, in der Sie die Exzesse der
stalinschen Periode kritisierten, veröffentlichte. Sind in dem Text
Ihrer Rede, der in den westlichen Ländern veröffentlicht wurde,
irgendwelche wesentlichen Auslassungen oder gar Entstellungen
unterlaufen?”
Wie
antwortete Chruschtschow auf diese Frage?
„Ich
weiß nicht, von welchem Text die Rede ist. Ich hörte davon, dass in
den USA irgendein Text veröffentlicht wurde, der vom amerikanischen
Geheimdienst fabriziert worden ist und dieser Text als Text meines
Vortrages auf dem XX. Parteitag ausgegeben wurde. Aber die Veröffentlichungen
von Allan Dulles erfreuen sich keiner Autorität in der SU. Ich habe
keinerlei Wunsch, Literatur zu lesen, die von Allan Dulles fabriziert
wird.” (Taubenfuß-Chronik
I, S.300)
Man
kann getrost diese Antwort Chruschtschows als einen indirekten Hinweis
auf die Stelle betrachten, die, wenn nicht selbst als Verfasser der
Rede, so doch als Helfer und Begutachter ihres Entwurfes mitbeteiligt
war, und ihren Apparat - keineswegs selbstlos, sondern im ureigensten
Interesse -, für ihre weltweite Verbreitung zur Verfügung stellte.
Im
westlichen Ausland waren die Anklagen gegen Stalin, die diese Rede
enthielt, durchaus nichts Neues. Wurden sie doch dort von der bürgerlichen
und sozialdemokratischen Presse und den Trotzkisten seit Jahr und Tag
verbreitet. Solange sie aus diesen Quellen kamen, waren sie für die
Kommunisten in aller Welt nur die Bestätigung dessen, dass die
Sowjetunion auf dem richtigen Wege war, denn weshalb sonst würde sie
von den Imperialisten und deren Meute so wütend verfolgt? Neu und
sensationell war jedoch, dass diese Anklagen diesmal nicht aus dieser
Richtung kamen, sondern dass es der Nachfolger Stalins an der Spitze der
KPdSU war, der nunmehr bestätigte, dass alles, was die vereinten
Antikommunisten im Westen bisher an Hetzlügen über die Sowjetunion
verbreitet hatten, gar keine Hetzlügen seien, sondern die Wahrheit.
Die
Wirkung auf die Kommunistischen Parteien war verheerend. Ihre
erprobtesten Führer, die natürlich ein enges Vertrauensverhältnis zur
Führung der KPdSU und zu Stalin gehabt hatten, waren von Heute auf
Morgen mit dem Vorwurf belastet, einem Verbrecher zur Hand gegangen zu
sein und die eigene Partei zur Gefolgschaft für diesen Verbrecher
erzogen zu haben.
Wer
bisher zutiefst von der Richtigkeit der Politik der eigenen Partei und
der Sowjetunion überzeugt gewesen war, wurde in schreckliche Zweifel
gestürzt und verunsichert; für viele war es gerade ihr tief sitzendes
Vertrauen zur Sowjetunion, das sie nach schweren inneren Kämpfen sich
zu der Haltung durchringen ließ, Stalin so zu sehen, wie dessen
Nachfolger ihn schilderte. Wer aber schon vorher die strenge
Parteidisziplin und den Kampf um die Reinheit und Einheit der Partei als
lästige Fessel und Einengung der eigenen Persönlichkeit empfunden
hatte, der empfand Chruschtschows „Abrechnung mit Stalin” als eine
Art Befreiung. Ich habe das in meiner Umgebung damals selbst erlebt und
in meinem Tagebuch festgehalten:
„Wenn
heute bei vielen Kommunisten, ganz zu schweigen von den anderen
Menschen, sich mit dem Namen Stalin in erster Linie Gefühle der
Ablehnung, ja des Abscheus äußern, dann geht das auf den XX. Parteitag
zurück. Und wenn es heute gelingt, in die kommunistische Bewegung
Verwirrung zu tragen mit der falschen Frontstellung - Kampf gegen die
Stalinisten - , dann wäre das ohne die Art und Weise, wie auf dem XX.
Parteitag der Kampf gegen den Personenkult geführt wurde, auch kaum möglich
geworden!
Es
ist auffällig und bemerkenswert, dass gerade von den Parteien, die
anerkanntermaßen am besten verstanden haben, sich im eigenen Volk eine
Massenbasis zu schaffen, die Proportionen zwischen Verdiensten und
Fehlern Stalins genau umgekehrt dargestellt wurden und werden, als dies
der XX. Parteitag tat: KP Chinas, KP Frankreichs, KP Italiens” (Taubenfuß-Chronik I, S. 61)
„…Dazu
kommt, dass in zahlreichen Parteien die Erklärung das plötzliche
Auftreten parteifeindlicher, trotzkistischer Elemente ermuntert hat,
ganz besonders nach den Ereignissen in Ungarn, aber auch schon vorher,
die sich gegen die Führer wandten, die schon zu Lebzeiten Stalins an
der Spitze der Partei standen.
Besonders
gefährlich und verhängnisvoll war die Auswirkung auf die Jugend, die
erzogen war, in Stalin die Verkörperung des Besten eines Revolutionärs
zu sehen, und die ihn - ich spreche von der fortschrittlichen Jugend -
liebte und verehrte von ganzem Herzen, wie nur Jugend lieben und
verehren kann. Sie traf die Chruschtschow-Erklärung wie ein
vernichtender Keulenschlag. Viele von ihnen hatten erlebt, wie sich ein
Ideal, an das sie ebenso fest geglaubt hatten, der Nazismus, als Lüge,
Heuchelei und Verbrechen enthüllt hatte. - Und jetzt wurde ihnen
gesagt, dass sie wieder ihre Verehrung, ihre Begeisterung einem Unwürdigen
zugewandt hatten. Sie mussten sich betrogen fühlen; sie fühlten sich
betrogen, irregeführt, verhöhnt. Die unvermeidliche Reaktion: nichts
mehr glauben, niemandem mehr vertrauen, allem misstrauen, was mit dem
Anspruch auf absolute Wahrheit auftritt!
Verlust
des Vertrauens nicht nur zu Stalin, sondern zu den Führern, die sie
gelehrt hatten, in Stalin das Vorbild zu sehen. Das war das Schlimmste;
diese Erklärung hat das Vertrauen der Jugend zur Partei untergraben,
hat sie in eine Stimmung der erbitterten Opposition gegen die Partei und
deren Führer getrieben, hat sie dazu geführt, in dem, was der Feind
sagt, auch eine Quelle der Wahrheitsfindung zu sehen, denn, nicht wahr,
der hat das ja schon seit Jahren gesagt, was jetzt Chruschtschow bestätigt
hat, und hätten wir früher darauf gehört, dann wäre uns diese Enttäuschung
erspart geblieben. Ein zweites Mal soll uns das nicht passieren! -
Verlust des Gefühls dafür, wer Feind, wer Freund. Abgleiten in
Zynismus und alles verneinende Skepsis - all dem wurde der Boden
bereitet, und das war der Zustand, der in Ungarn und Polen die Jugend in
die Arme von Demagogen, gegen die Partei, trieb.
Wirkung
auf die Intelligenz. Ähnlich wie bei der Jugend. Der Intelligenz gegenüber
waren die gröbsten Fehler gemacht worden. Der notwendige Kampf gegen
Individualismus, Eigenbrötelei, kleinbürgerlich-anarchistische
Stimmung war mit Methoden der dogmatischen ‚Belehrung’, der Gängelei,
der Einengung des schöpferischen individuellen Schaffens und mit
deutlich zum Ausdruck gebrachtem Misstrauen gegen jeden, der ‚aus dem
Rahmen fiel’, geführt worden. Die Ausgangsstimmung war hier also
umgekehrt wie bei der Jugend - eine schon lange aufgestaute Erbitterung
über all das. Die Reaktion auf die Erklärung musste aber gerade
deshalb ähnlich sein. Die Erklärung war die Bestätigung dafür: Sie,
die Intelligenz war im Recht, die Partei hatte ihr Unrecht getan, die
Partei hat sich überhaupt nicht um unser Schaffen zu kümmern, sie hat
uns keine Vorschriften zu machen, sie versteht nichts davon. Der Drang
war riesengroß, jetzt all die aufgestaute Erbitterung herauszuschreien,
mit all den längst empfundenen Fehlern der Vergangenheit gründlich
aufzuräumen, damit sie nie, nie wiederkehren konnten. Das wurde zur
Hauptsorge: so gründlich abrechnen, dass restlos und für immer Schluss
ist damit. Dabei übersahen viele, dass die Hauptsorge die alte
geblieben war; das was wir erreicht hatten - und das war doch bei allen
Mängeln etwas ganz Gewaltiges, in Deutschland, Ungarn, Polen noch nie
Dagewesenes - das zu schützen und zu verteidigen gegen den immer auf
der Lauer liegenden Feind. Die Partei hat das gesagt - aber viele
glaubten ihr nicht, weil sie argwöhnten, dahinter verberge sich nur der
Unwille, die Fehler der Vergangenheit wirklich zu liquidieren, und weil
sie viele Zusammenhänge sahen, die die Führung sah, aber nicht
mitteilen konnte. Und sie glaubten auch deshalb nicht, weil sie nach der
Chruschtschow-Erklärung in ihrem Vertrauen zur Partei erschüttert
waren. Und so gerieten viele ehrliche Intellektuelle an die falsche
Front, wie sich in Ungarn zeigte.
Weitere
Wirkungen: Große Einbuße an Autorität der KPdSU. Ganz selbstverständlich
drängte sich die Überlegung auf: Eine Partei, an deren Spitze
jahrzehntelang ein solcher Mann stehen konnte, wie er durch
Chruschtschow charakterisiert worden war, - eine Partei die unfähig
ist, sich von ihm rechtzeitig zu befreien - , die kann nicht mit dem
Anspruch auftreten, mit dem sie bisher aufgetreten ist. So hat diese
Erklärung auch den Boden bereitet für antisowjetische Stimmungen, für
die Losungen der so genannten Nationalkommunisten. Nicht umsonst berufen
sie sich auf den XX. Parteitag. Sie wissen, was sie ihm verdanken!
Diese
Erklärung rief hervor bzw. verstärkte enorm eine Feindschaft gegen den
Partei- und Staatsapparat. Die Theorien, nach denen der „Apparat”
(und nicht etwa die historischen Bedingungen) die Quelle für das
Gedeihen des Personenkults sein sollten, fanden breiten Anklang. Die
Losung „Demokratisierung” wurde alsbald bei vielen gleichbedeutend
mit Kampf gegen den „Apparat”. Er wurde nicht mehr als der eigene
Apparat, den man verbessern muss, schlagkräftiger machen muss, sondern
als der Feind, der Gegner betrachtet, der liquidiert werden muss.
All
diese Dinge zusammengenommen, die ohne Zweifel eine günstige Situation
für einen Vorstoß der Konterrevolution schufen, hätten ohne die
Chruschtschow-Erklärung, so wie sie gegeben wurde, niemals solch günstige
Wachstumsbedingungen finden und der Kampf gegen sie hätte niemals so
schwierig werden können. Aber das Ziel, die Überwindung des
Dogmatismus usw., hätte sich ohne Zweifel nicht nur auch, sondern
besser ohne Anwendung dieser ‚Schock-Therapie’ erreichen lassen. Wir
fragten uns damals: Ist es denn nötig, das Pendel jetzt wieder ganz bis
ans andere Ende schlagen zu lassen?
Es
war nicht nur nicht nötig, es war falsch und schädlich. Dazu kommt
noch eine weitere Wirkung: eine gewisse ideologische und politische
Demobilisierung, hervorgerufen durch die Feststellung, dass durch die übertriebene
Wachsamkeit Tausende gute Kommunisten unschuldig verurteilt worden
waren. Diese Abschwächung der Wachsamkeit wurde noch erheblich verstärkt
durch die Erklärung der verschiedenen Parteien, dass die Prozesse gegen
Rajk, Kostoff usw. unkorrekt waren, dass also Leute als Agenten
verurteilt wurden, ohne es zu sein. Logische Folge: solche Fehler, die
dazu führen, unschuldigen Leuten Unrecht zu tun, ja sie hinzurichten,
wollen wir nie wieder machen. Also Schluss mit der Agentenfurcht und
Agentenriecherei! Ergebnis: Im Oktober 1956 hat der Feind gezeigt, dass
er nach wie vor da ist, dass es Agenten des Feindes in den eigenen
Reihen gibt, und dass sie nicht zuletzt durch unsere Vertrauensseligkeit
so aktiv werden konnten.” (Taubenfuß-Chronik
I, S. 65-69)
Zu
denen, die auf die eine oder andere Weise Opfer des XX. Parteitages
wurden, sich aber bis heute nicht als Opfer, sondern als Befreite durch
ihn empfinden, gehört auch Genosse Robert Steigerwald. In seinem schon
erwähnten Artikel zum XX. Parteitag schreibt er gegen Leute wie
Genossen Brar und mich:
„Es
wird der Vorwurf erhoben, der XX. Parteitag sei ein Akt der
Konterrevolution gewesen, durchgeführt von revisionistischen Kräften,
denen es um die Zerstörung der ruhmreichen von Stalin geprägten Partei
gegangen sei. Diese Argumentation zerbricht an ihrer inneren Widersprüchlichkeit.
Wenn es möglich war, dass innerhalb von drei Jahren (nach Stalins Tod
waren drei Jahre vergangen) eine solche Partei konterrevolutionär überrumpelt
werden konnte, so war diese Partei schon vorher nicht mehr das, wofür
ihre Verteidiger sie halten. Dann hat der Zersetzungsprozess der Partei
nicht erst 1956 begonnen. Oder aber, das wäre die andere Seite des
Widerspruchs, der XX. Parteitag war, obwohl eine scharfe Wende in der
Parteigeschichte, eben kein Akt der Konterrevolution.”
Genosse
Steigerwald macht es sich entschieden zu leicht. Wir sagen nicht, dass
es den revisionistischen Kräften darum ging, die Partei zu zerstören,
sondern es ging ihnen darum, sie in ihre Hand zu bekommen, um sie in ein
Instrument zur Restauration des Kapitalismus umzuwandeln. Das ist ihnen
schließlich gelungen, aber die von Lenin und Stalin in 36 Jahren
errichtete sozialistische Ordnung war so stabil, dass die Chruschtschow
und Gorbatschow sich 37 Jahre abmühen mussten, um sie wieder aus der
Welt zu schaffen.
Das
lag in erster Linie daran, dass diese sozialistische Ordnung fest in den
Massen verwurzelt war und alle Häuptlinge des Revisionismus –
Chruschtschow, Breshnew und Gorbatschow – das Vertrauen der Massen für
eine gewisse Zeit nur deshalb erringen konnten, weil sie feierlich ihre
Treue zum Leninismus bekundeten und versprachen, die sozialistische
Ordnung auf nie gekannte Höhen zu führen. Keiner von ihnen hätte auch
nur die unterste Stufe der Macht erreichen können, hätte er offen
ausgesprochen, dass sein Ziel die Wiedererrichtung des Kapitalismus ist.
Sie betrogen die Massen, indem sie ihrem Ziel – der Rückkehr zum
Kapitalismus – den Namen „Umbau zur sozialistische
Marktwirtschaft” gaben.
Und
das lag zweitens daran, dass es der Revisionisten-Bande nicht gelungen
ist, die Partei ihrem Willen vollständig gefügig zu machen.
Chruschtschow hatte bis zu seinem Sturz im Oktober1964 einen nach außen
kaum sichtbaren ständigen Kampf gegen den Widerstand der verbliebenen
marxistisch-leninistischen Kräften zu führen. Und Gorbatschow benutzte
zunächst die Partei, um den Staatsapparat in die Hand zu bekommen, um
dann von dort aus die Partei zu entmachten. In seinem berüchtigten
Interview mit dem Spiegel (Spiegel Nr. 3/93, S.127) rühmte er sich
dessen mit den Worten:
„Dabei
konnte man doch nicht Dinge ankündigen, für die das Volk noch nicht
reif war. Man hätte mich für verrückt erklärt, das Volk wäre
zerrissen worden, es hätte zum Bürgerkrieg kommen können. Man musste
Geduld zeigen, bis die Parteibürokratie so entmachtet war, dass sie das
Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen konnte.”
Und
schließlich lag das drittens auch daran, dass in der kommunistischen
Weltbewegung starke Kräfte, an ihrer Spitze die Partei Mao Tse tungs,
einen erbitterten Kampf gegen den Revisionismus in der kommunistischen
Bewegung führten.
Alles
das liegt aber außerhalb des Blickfeldes der Verteidiger Chruschtschows
und des XX. Parteitages.
4.
Zwei Schwerpunkte, mit denen sich die Revisionisten ihre Massenbasis
verschafften und die Geschichtslüge, mit der sie die kommunistische
Bewegung paralysierten.
Das
demagogische Repertoire der Massenverführung und des Massenbetruges der
Revisionisten ist umfangreich und vielseitig. Ich greife jene Punkte
heraus, von denen ich meine, dass sie die wirkungs- und verhängnisvollsten
waren: Erstens: das Anknüpfen an die Friedenssehnsucht: die so genannte
„Entspannungspolitik; zweitens: das Versprechen einer raschen
Steigerung des Volkswohlstandes, drittens: die paralysierende
Geschichtslüge: Die Verteufelung Stalins
Zum
ersten Punkt: Kein Gefühl und keine Sehnsucht bei allen am Krieg
beteiligten Völkern, ganz besonders aber beim Sowjetvolk, war stärker
als die elementare Sehnsucht nach Frieden. Das war nur natürlich nach
dem blutigsten und verlustreichsten aller bisherigen Kriege. Aber hinzu
kam ein ganz neuer, schwerwiegender Umstand: der Eintritt der Menschheit
ins Atomzeitalter! Krieg bedeutete nunmehr die Drohung mit einem
Atominferno, wie es die US-Atombomben in Hiroshima und Nagasaki
angerichtet hatten. Das steigerte die Kriegsfurcht der Menschen auf ein
bisher nie erreichtes Maß. Nachdem die Sowjetunion das
Atomwaffenmonopol der USA gebrochen hatte, konnten die Menschen wieder
ruhiger schlafen. Die Atomerpressung als Waffe des USA-Imperialismus
gegen den Sozialismus war stumpf geworden.
Die
Chruschtschow-Bande, an die Macht gekommen, verhalf dieser Waffe in
Komplizenschaft mit den USA-Imperialisten zu neuer Schärfe. Sie rief
nach einem abgestimmten Szenario mit ihren imperialistischen Partnern
mehrfach Situationen scharfer politischer Zuspitzungen hervor – wie
z.B. in der Berlin – und in der Kuba-Krise -, und malte die akute
Gefahr eines Atomkrieges in den schrecklichsten Farben an die Wand..
Noch heute schreiben Journalisten und Historiker, wenn sie über diese
Krisen berichten, die Welt habe damals dicht am Rande eines Atomkrieges
gestanden.
Im
Ernst dachte im Weißen Haus und im Pentagon aber niemand daran, einen
Atomkrieg gegen die Sowjetunion zu führen, solange dort einer an der
Spitze war, der ihr Spiel spielte. Sie hatten spätestens seit dem XX.
Parteitag vorrangig auf die innere Zersetzung der Sowjetunion und ihres
Machtbereiches gesetzt. Kein anderer als der US-Aussenminister John
Foster Dulles hatte seiner Hoffnung auf eine solche Entwicklung am 11.
Juli 1956 in einer Rede Ausdruck verliehen, von der die Presse wie folgt
berichtete:
„Dulles
sieht eine Befreiung der Satellitenstaaten für möglich an. Dulles sagt
voraus, dass Kräfte der Freiheit, die nun hinter dem Eisernen Vorhang
am Werke seien, sich als unwiderstehlich erweisen, und dass sie die
internationale Szenerie bis zum Jahre 1965 umändern könnten. Die
Anti-Stalin-Kampagne und ihr Liberalisierungsprogramm hätten eine
Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten sei.”
(Taubenfuß-Chronik I, S.100 f.).
Wer
auf eine solche Kettenreaktion setzt, der denkt im Ernst nicht
daran, eine Atomreaktion mit allen ihren Risiken zu entfesseln.
Wozu
aber wurde dann die Schürung der Atomkriegsangst gebraucht?
Chruschtschow verfolgte und erreichte mit ihr mindestens zwei Ziele:
erstens - in der kommunistischen Bewegung und bei der eigenen Bevölkerung
die antiimperialistische Grundeinstellung aufzuweichen mit der
Behauptung, die Atomkriegsgefahr könne nur gemeinsam mit den USA
gebannt werden, der USA-Imperialismus dürfe daher nicht mehr nur als
Gegner gesehen werden, sondern er sei der unentbehrliche Partner der
friedenssichernden Entspannungspolitik.
Zweitens
entwickelte Chruschtschow– angeblich zur Beseitigung der
Atomkriegsgefahr, in Wirklichkeit zur Ausschaltung der Kontrolle seiner
Geheimbesprechungen mit den Gesprächspartnern der imperialistischen
Seite durch das Kollektiv der Parteiführung, und zur Ausschaltung des
Außenministeriums – die „Gipfeldiplomatie”, mit der er sich als
den unermüdlichen Friedensretter darstellte und feiern ließ, die
jedoch in Wirklichkeit die Rückkehr zur unkontrollierten
Geheimdiplomatie darstellte.
Und
schließlich benutzte er diese seine Reisen und Gespräche mit den
imperialistischen Spitzenpolitikern, wie dem USA-Präsidenten
Eisenhower, auch noch zur Sympathiewerbung für den USA-Imperialismus
und seine Spitzenpolitiker.
Zum
zweiten Punkt: nach den harten Kriegsjahren mit ihren großen Opfern und
Entbehrungen sehnten sich die Menschen der Sowjetunion nicht nur nach
Frieden, sondern auch nach einer raschen Wiederherstellung normaler Verhältnisse;
und sie erwarteten völlig zu Recht als Früchte des Sieges auch eine spürbare
Erhöhung ihres Lebensstandards.
Der
Wiederaufbau in den ersten Jahren nach dem Kriege hatte große Erfolge
gebracht, aber die Lebensverhältnisse ließen natürlich noch viele Wünsche
offen. Die Chruschtschow-Führung nutzte diese Situation in echter Schädlingsart
aus: Sie weckte unerfüllbare Hoffnungen mit dem Versprechen, anders als
unter Stalin jetzt die Konsumbedürfnisse des Volkes an die erste Stelle
zu setzen und die Versorgungslage rasch zu verbessern. Mit der Begründung,
dies sei für die rasche Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung
notwendig, wurde ein Schädlingsprogramm in Szene gesetzt, indem der
Vorrang der Entwicklung der Produktionsgüterindustrie vor der der
Konsumgüterindustie, - die unbedingte Voraussetzung für ein stabiles
Wachstum der gesamten Wirtschaft – beseitigt und das Verhältnis
beider Abteilungen zueinander nahezu umgekehrt wurde. Das musste auf längere
Sicht gesehen zu Engpässen und zugespitzten Versorgungsschwierigkeiten
auf allen Gebieten führen, und damit auch zu wachsender Unzufriedenheit
in der Bevölkerung, und führte in der Tat dazu.
Dass
ihre Politik dahin führen würde, das wussten natürlich auch
Chruschtschow und seine Fachleute – mehr noch – das war eingeplant.
Wer den Sozialismus abschaffen und den Kapitalismus restaurieren will,
der muss dafür sorgen, dass der Sozialismus die Unterstützung durch
die Massen verliert, dass Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen
entsteht und wächst und eine Massenstimmung entsteht, in der alle
sagen: So kann es nicht weitergehen!
Revisionistische
Wirtschaftspolitik führt deshalb nicht aus Unfähigkeit der
revisionistischen Wirtschaftsleiter zum Niedergang der Wirtschaft,
sondern er wird planmäßig herbeigeführt, weil das politische Ziel der
Überwindung des sozialistischen Systems und seine Beseitigung nur durch
die Ruinierung der Wirtschaft zu erreichen ist.
Die
Chruschtschow, Breshnew und Gorbatschow sorgten aber nicht nur für den
Niedergang der Wirtschaft im eigenen Land, sondern taten alles, was sie
konnten – und das war gewaltig viel! –, um auch die Wirtschaft in
allen anderen sozialistischen Länder in krisenhafte Verhältnisse zu stürzen,
soweit dies die dortigen revisionistischen Führer – wie in Ungarn und
Polen – nicht schon selbst taten.
Schließlich
zum dritten Punkt: Die „Enthüllungen” der „Stalinschen
Verbrechen.” Darüber müsste sehr viel und ausführlich gesprochen
werden, aber meine Redezeit ist fast um.
Daher
nur einige Gedanken und Feststellungen.
Die
revisionistische Konterrevolution musste schon in den Anfängen stecken
bleiben, wenn nicht die Autorität zerstört wurde, die Stalin nahezu
uneingeschränkt im Sowjetvolk und in allen kommunistischen Parteien, ja
bis weit in die Kreise des Bürgertums in der ganzen Welt genoss, die in
ihm als dem Führer des Sowjetvolkes zu Recht den Befreier vom
Faschismus erblickten.
Er
musste zum Teufel gemacht werden, weil er nicht der bleiben durfte, an
dessen Lehren und Taten seine Nachfolger gemessen würden. Und diese
Lehren und Taten waren Marxismus-Leninismus in Aktion und lebendig im
Bewusstsein der Menschen; jede Abweichung von ihnen hätten sie wachsam
gemacht und ihren Widerstand hervorgerufen.
Weil
man den Marxismus-Leninismus über Bord werfen wollte, um freie Hand für
den Kurswechsel zum Revisionismus zu gewinnen, deshalb musste der
personifizierte Marxismus-Leninismus, Stalin, nicht nur über Bord
geworfen, sondern zu seinem Gegenteil, zum Anti-Marxisten-Leninisten
erklärt werden. Denn das Volk wollte keinen Kurswechsel, sondern an
Marx und Lenin und dem Sozialismus festhalten.
Deshalb
durfte es den Kurswechsel nicht als das erkennen, was er tatsächlich
war, sondern ihm musste vorgemacht werden, dieser Kurswechsel sei die Rückkehr
von der Stalinschen Kursabweichung wieder zum richtigen Leninschen Kurs.
Dazu wärmte Chruschtschow in seiner Geheimrede die alte Geschichte mit
dem als Testament Lenins ausgegebenen Brief Lenins an den bevorstehenden
Parteitag wieder auf, mit der schon Trotzki vergeblich versucht hatte,
nach Lenins Tod Stalin zu stürzen und sich selbst zum Nachfolger Lenins
an die Spitze der Partei aufzuschwingen.
Das
schärfste Kontrastbild zu Lenin stellte er aber her, indem er Stalin
als willkürlichen, blutgierigen Despoten darstellte. Was er dazu in
seinem Bericht ausmalte, war ein Verbrechen an der Partei und der
Sowjetmacht. Dies nicht etwa deshalb, weil er bisher kaum oder nur
unvollständig bekannte Tatsachen über unschuldige Opfer der „Säuberungen”
der Jahre
1936-39
zur Sprache brachte, sondern weil er in der so genannten Geheimrede in
vielen Passagen eine ungeheuerliche Fälschung der Geschichte der
Sowjetunion beging; auch – aber keineswegs nur – damit, dass er die
Prozesse und die „Säuberungen”, die von der gesamten Parteiführung
beschlossen und getragen wurden, allein Stalin als dessen persönliche
Willkürakte zuschrieb.
Wäre
Chruschtschows Ziel nicht gewesen, Stalins Autorität ein für allemal
zu zertrümmern, um nicht ständig an ihm gemessen zu werden, und um für
seine konterrevolutionäre Kursänderung freie Bahn zu haben; und hätte
zu seiner Absicht nicht auch gehört, der Überzeugung der Sowjetbürger
in die Gerechtigkeit ihrer Sache und dem Stolz auf ihre Sowjetmacht
einen schweren Schlag zu versetzen; hätte er wirklich nur im Sinne
gehabt, den unschuldigen Opfern der „Säuberungen” Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen und die geschichtliche Wahrheit über die Zeit der
Repressionen darzulegen, dann hätte in seinem Bericht etwa das Folgende
gesagt werden müssen:
„1936,
nach der Errichtung der faschistische Diktatur in Deutschland, nach der
Aufrüstung des faschistischen Deutschland unter Duldung und sogar
Mithilfe der Westmächte, nach dem Verrat der Westmächte an der
spanischen Republik, standen wir vor der Gefahr, vom faschistischen
Deutschland, - möglicherweise sogar im Einvernehmen mit den Westmächten,
- überfallen zu werden und uns allein der stärksten Militärmacht der
ganzen Kriegsgeschichte gegenübergestellt zu sehen, von der wir aus dem
Spanienkrieg schon wussten, was sich dann in Norwegen und Frankreich später
wiederholte, nämlich, dass der faschistischen Wehrmacht im Hinterland
der überfallenen Länder „fünfte Kolonnen” von Quislingen und Verrätern
zu Hilfe kamen.
Wie
groß die Gefahr des Überfalles war, zeigte sich noch viel deutlicher
mit dem Münchener Abkommen der Westmächte mit Hitler und der
Auslieferung der Tschechoslowakei an ihn, mit der Weigerung der Westmächte,
mit uns einen Vertrag über kollektive Sicherheit und gegenseitigen
Beistand zur Bändigung Hitlerdeutschlands abzuschließen.
Unsere
Vorbereitungen auf den faschistischen Überfall mussten also auch der
Verhinderung der Bildung einer 5. Kolonne in unserem Hinterland gelten.
Noch gab und gibt es bei uns Feinde der Sowjetmacht, einst von uns
enteignete Kulaken und ihre Nachkommen, Reste der zerschlagenen Gruppe
der Trotzkisten und anderen Oppositionsgruppen, - hatte doch Trotzki
mehrfach in seinen Veröffentlichungen dazu aufgerufen, im Kriegsfalle
den Aufstand gegen den „Stalinismus” zu beginnen; ferner Leute, die
mit den Deutschen sympathisieren, z.B. unter den Wolgadeutschen oder bei
bestimmten Nationalitäten, wie den Krimtataren und den Tschetschenen.
Also
mussten wir angesichts der tödlichen Bedrohung alles tun, um es möglichen
Feinden der Sowjetmacht unmöglich zu machen, im Hinterland mit Fünften
Kolonnen den faschistischen Überfall zu unterstützen. Dabei mussten
wir in Rechnung stellen und in Kauf nehmen, dass es bei Säuberungen so
großen Ausmaßes, wie wir sie für notwendig erachteten, nicht
auszuschließen war, dass auch Unschuldige, sei es wegen absichtlicher
Falschbeschuldigungen feindlicher Elemente, sei es aus Übereifer örtlicher
Organe, sei es durch Anlegen eines zu pauschales Rasters, in erheblichem
Umfange von den Maßnahmen betroffen sein würden, wie es dann auch der
Fall war.
Aber
wir hatten damals abzuwägen, was schwerer wog: Wenn wegen ungenügender
Sicherungsmaßnahmen die Sowjetmacht durch kombinierte Schläge der
faschistischen Armeen und der Fünften Kolonnen zugrunde ging – oder
wenn wir bei den Gegenmaßnahmen nicht nur echte Feinde, sondern auch
Unschuldige und sogar eigene Leute treffen würden. Die Partei hat sich
für die Sicherung des Landes als die allem anderen übergeordnete
Pflicht entschieden.
Jetzt
aber ist es an der Zeit, dabei begangenes Unrecht aufzuklären und zu
beenden.”
So
oder so ähnlich hätte eine ehrliche, kommunistische Stellungnahme zu
der für jeden Kommunisten schmerzlichsten Seite der Geschichte der
Sowjetunion lauten müssen.
Eine
kommunistische, das heißt wahrheitsgemäße Schuldzuweisung auch für
diese Opfer hätte klar aussprechen müssen, dass auch ihre Leiden und
ihr Tod wie der von 25 Millionen Sowjetsoldaten und der von 50 Millionen
Toten des Zweiten Weltkrieges auf das Konto derer geht, die die Führung
der Sowjetunion vor eine solch grausame Entscheidung stellten – auf
das Konto Hitlers und des deutschen Imperialismus vor allem; in zweiter
Linie aber auch auf das Konto derer, die Hitlerdeutschland aufrüsteten,
um es als Stoßkeil gegen die Sowjetunion zu lenken und seine Bändigung
durch ein kollektives Sicherheitsbündnis sabotierten.
Indem
er statt dessen Stalin als Massenmörder Unschuldiger hinstellte, übernahm
nun der Führer der KPdSU die bisher nur über die westlichen Medien
verbreiteten antisowjetischen Hetz-Lügen aus den Küchen der
imperialistischen Spezialisten für psychologische Kriegsführung und
verkündete sie als Wahrheit.
Von
daher kommt es, dass ehrliche und überzeugte Kommunisten auch heute
noch bedenkenlos die giftige Verleumdung weitergeben, Stalin habe mehr
Kommunisten umgebracht, als Hitler. Die Wahrheit ist, dass alle
Kommunisten, alle Kämpfer gegen den Faschismus und alle Juden, die im
vom Faschismus besetzten Europa überlebt haben, dies vor allem der
Sowjetunion, der Roten Armee und damit auch Stalin verdanken.
5.
Einige Schlussbemerkungen
1.
Der Sieg des Revisionismus über den Marxismus-Leninismus in der KPdSU
und anderen kommunistischen Parteien war die Voraussetzung für den
zeitweiligen Sieg des Imperialismus und die Restauration des
Kapitalismus in der Sowjetunion und den sozialistischen Staaten in
Europa.
Die
Überwindung des Revisionismus in der gesamten kommunistischen Bewegung
ist die Voraussetzung für ihren neuen Aufschwung und für neue Siege
des Sozialismus über den Imperialismus
2.
Der Anti-Stalinismus der revisionistischen Unterminierer und Zerstörer
des Staat-gewordenen Sozialismus, von Tito über Chruschtschow bis zu
Gorbatschow, ist das stärkste Zeugnis für Stalin:
Es
gibt keinen stärkeren Beweis für die positive Rolle Stalins als die
Tatsache, dass die Zerstörung seiner Autorität in der Sowjetunion und
in der kommunistischen Bewegung die Voraussetzung war für die
Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion.
Ohne
„Entstalinisierung” keine Restauration des Kapitalismus!
3.
Der Anti-Stalinimus ist komprimierter Revisionismus, also
Anti-Leninismus, jedoch in der Maskerade eines Verteidigers des
Leninismus. Der Angriff auf Stalin ist für die Revisionisten vom
Schlage Tito-Chruschtschow-Gorbatschow nur der Beginn. Er zielt von
Anfang an auf Lenin. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn der
Chruschtschow-Zögling und Gorbatshow-Berater Jakowlew in seiner
Autobiografie seine Hassorgien mehr noch als auf Stalin gegen Lenin
richtet. Die FAZ v. 26. Januar 2004 zitiert aus seinem Buche („Die
Abgründe meines Jahrhunderts”) : „In der Geschichte hat es keinen
Menschen gegeben, der Russland mehr hasste als Uljanow-Lenin. Was immer
er anfasste, verwandelte sich in einen Totenacker, in ein Riesenfeld mit
menschlichen, sozialen und ökonomischen Gräben. Alle wurden ausgeraubt
– die Lebenden und die Toten.” Mit einigem Erstaunen stellt die FAZ
fest, dass Jakowlew alle, die der Meinung seien, Stalin, nicht Lenin sei
der wahre Unhold der Sowjetmacht gewesen, darüber belehrt, „die
Geschichte des Stalinismus weise im Grunde nichts Neues auf”. In der
Rezension des Jakowlew-Buches im „Neuen Deutschland” (29.1.04) wird
der gleiche Tatbestand so beschrieben: „Nach Jakowlew gab es keinen
strategischen Bruch zwischen der Periode des weltrevolutionär-internationalistisch
begründeten Revolutionskonzepts W. I. Lenins und der Stalinschen Praxis
eines nationalen Sozialismus.”
Die
konsequentesten Anti-Stalinisten bestätigen damit auf ihre entstellende
und verleumderische Weise die Richtigkeit der Feststellung des großartigen
französischen Schriftstellers und Kommunisten Henri Barbusse:
„Stalin – das ist der Lenin unserer Tage!” (Henri Barbusse:
Stalin – eine neue Welt. Rotfront
Reprint, Berlin 1996, S.279).
4.
Den fünfzigsten Jahrestag des Todes Stalins (5. März 2003) begingen
die imperialistischen Medien mit geballten Ladungen von Artikeln und
Serien über den „Jahrhundertverbrecher” Stalin, die – was man
kaum für möglich halten konnte – noch alles übertrafen, was in den
letzten fünfzig Jahren seit Stalins Tod an Hetze gegen ihn
„geleistet” wurde.
Wie
soll man sich diese alles bisher auf diesem Gebiet Gebotene weit in den
Schatten stellende Orgie der Anti-Stalin-Hetze erklären?
Es
gibt darauf nur eine Antwort: Die Sieger von gestern sind sich der
Dauerhaftigkeit ihres Sieges nicht sicher, sie haben Furcht! Ja, sie fürchten
den Einfluss des vor einem halben Jahrhundert verstorbenen Stalin auf
die heute Lebenden! Sie erschrecken davor, dass noch immer und sogar
immer mehr Menschen in Russland und den übrigen Staaten der früheren
Sowjetunion bei ihren Demonstrationen Stalin-Bilder mit sich führen.
Sie fürchten, dass die Verlierer von Gestern die Sieger von morgen oder
übermorgen sein könnten. Diese Furcht sitzt offenbar auch Jakowlew im
Nacken. Weshalb sonst sollte er – wie im „Neuen Deutschland” zu
lesen, „das Erhalten von Lenin-Denkmälern” beklagen und – wie die
FAZ aus seinem Buche zitiert – höchst beunruhigt und empört
feststellen: „Und heute wohnen wir seelenruhig der Reinwaschung
Stalins durch einige Behörden und Massenmedien bei!” ?
Die
Sieger von gestern haben allen Grund zu dieser Furcht. Fünfzehn Jahre
nach ihrem Triumph über den Sozialismus stecken sie in der tiefsten
Krise ihres Systems: ökonomisch, politisch, sozial, kulturell, und
nicht zuletzt: ideologisch. Immer deutlicher wird: die allgemeine Krise
des Kapitalismus ist trotz der Niederlage des Sozialismus in Europa
nicht überwunden, sondern dauert fort und vertieft sich. Und es wächst
der Widerstand.
5.
Ein Grund für die Furcht der Sieger von gestern ist mit Sicherheit auch
die Erfahrung, dass es ihnen nicht gelungen ist, die Mehrheit der Jugend
der ehemals sozialistischen Länder für sich zu gewinnen.
Das
folgende Beispiel aus Ostdeutschland kann durchaus Gültigkeit auch für
andere ehemals sozialistische Länder beanspruchen. Eine an der
Leipziger Universität angefertigte und am 19. September 2002
auszugsweise im „Neuen Deutschland” veröffentlichte Studie macht
deutlich:
Nachdem
die DDR-Bürger 12 Jahre lang die Segnungen des realen, unverfälschten
Kapitalismus über sich ergehen lassen mussten, haben selbst
Jugendliche, die nur wenige Jahre noch als Bürger der DDR erlebt haben,
die Erfahrung gemacht, dass die in der DDR herrschende sozialistische
Gesellschaftsordnung – trotz ihrer fortgeschrittenen Deformation –
menschenfreundlich war, die der Bundesrepublik dagegen dies ganz und gar
nicht ist. In der Studie ist über die Ansichten der befragten
Jugendlichen zu lesen:
„Für
91 Prozent der Befragten gab es vor der Wende mehr Sicherheit, nur 1
Prozent ist der Meinung, dies sei heutzutage besser. ...Die Zukunftsfähigkeit
des jetzigen Gesellschaftssystems schätzen sie als ziemlich gering ein,
nur ein kleiner Teil hofft, dass dieses System für immer erhalten
bleibt. ... Die Distanz gegenüber dem kapitalistischen System geht mit
einer zunehmenden Identifikation mit sozialistischen Idealen einher. ...
Sozialistisches Gedankengut sei nicht aus den Köpfen der jungen
Ostdeutschen verschwunden.” (Entnommen
meinem Aufsatz: „Der unsterbliche Frühsozialismus, in: „In den Trümmern
ohne Gnade. Festschrift für Peter Hacks”, Eulenspiegel-Verlag, Berlin
2003, S.225)
6.
Die Anti-Stalinisten haben bewirkt, dass seit einem halben Jahrhundert
die wichtigsten marxistischen Werke nach denen von Marx, Engels und
Lenin, die Werke Stalins, als Werke gelten, von denen ein anständiger
Kommunist sich trennt und sie nie wieder in die Hand nimmt. Wie die Päpste
die Schriften von „Ketzern” auf den Index setzten, so wurden die
Schriften Stalins von den Führern der Parteien des „demokratischen”
und „pluralistischen” Sozialismus und Kommunismus moralisch geächtet
und also auf den Index gesetzt. (Mit den Werken Stalins, die durch diese
Ächtung nach Chruschtschows Stalin-Verdammung auf dem Müll landeten, könnte
man viele Bibliotheken füllen.).
Genau
mit dem Beginn dieser Index-Zeit begann auch der Niedergang des
Sozialismus und der kommunistischen Bewegung.
Zu
den unabdingbaren Voraussetzungen für ihren neuerlichen Aufschwung gehört
deshalb auch die massenhafte Hinwendung zum erneuten Studium der Werke
Stalins, in denen der ganze Reichtum der Erfahrungen des erfolgreichen
Aufbaus des Sozialismus auf den von Lenin gewiesenen Bahnen enthalten
ist.
Dieser
Vortrag wurde - ohne die Schlussbemerkungen - gehalten auf der von
„Offensiv” veranstalteten Konferenz „Revisionismus der Totengräber
des Sozialismus - von den Anfängen bis zur bitteren Niederlage”,
Lesung und Diskussion mit Kurt Gossweiler und Harpal Brar, Berlin, 24.
August 2002. Mit den Schlussbemerkungen wurde er am 2. Februar 2004 in
einem von Gerald Hoffmann organisierten Kurs „Aktuelle Fragen
kommunistischer Theorie und Praxis im Lichte des Manifest der
Kommunistischen Partei” vorgetragen. Veröffentlicht in „Offensiv -
Zeitschrift für Sozialismus und Frieden, 2/2004, S. 35-56.
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