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Gespräch mit Kurt Gossweiler

„Aber für uns Jungkommunisten kam eine Kapitulation vor dem Faschismus ebenso wenig in Frage, wie ich heute, 70 Jahre älter als damals, mich denen anschließen könnte, die aus dem zeitweiligen Sieg der Konterrevolution die Schlußfolgerung ziehen, wir hätten für die falsche Sache gekämpft. Was uns damals weiterkämpfen ließ, hatte den gleichen Grund wie heute.“

(Dieses Gespräch wurde am 25. Februar 2005 in Berlin-Grünau von den türkischen Genossinnen und Genossen der Zeitung „Özgürlük Dünyasi“ geführt und aufgezeichnet. Sie brachten die türkische Übersetzung in der Nr. 161 ihrer Zeitung. Wir freuen uns, das Gespräch nachdrucken zu dürfen. In dieser Ausgabe erscheint der erste Teil, die Fortsetzung folgt in der Ausgabe Januar-Februar 2006.) Redaktion Offensiv

Quelle: Offensiv Ausgabe November / Dezember 2005

Özgürlük Dünyasi (in der Folge: ÖD): Fangen wir doch mit einer allgemeinen Feststellung an. Das letzte Jahrhundert war ein Jahrhundert der großen Siege der Arbeiterklasse. Das letzte Jahrhundert war aber auch das Jahrhundert der größten Niederlage der Arbeiterklasse; der Sozialismus ist zusammengebrochen; die Weltreaktion hat die Oberhand gewonnen; alle historischen Errungenschaften der Arbeiterklasse wurden und werden weiterhin eine nach der anderen liquidiert. Wie Sie auch in Ihrem Buch („Die Taubenfuß-Chronik“) schreiben, sind wir nun durch diese Niederlage mit einer „Menschheitskatastrophe“ konfrontiert. Bevor wir auf die Hintergründe zu sprechen kommen, würde ich Doch gern zuerst von Ihnen als einem Mensch, der seit seinem 14. Lebensjahr für den Sozialismus kämpft, erfahren, wieso Sie immer noch daran festhalten, dass der Sozialismus keine Utopie ist? Woher schöpfen Sie Ihre Zuversicht bezüglich einer sozialistischen Zukunft?

Kurt Gossweiler: Es ist ja nicht so, dass ich als Kommunist zum erstenmal eine schwere Niederlage erlebe. Zum ersten Mal musste ich 1933, mit dem Machtantritt der Nazis in Deutschland, mit einer lange nicht für möglich gehaltenen Niederlage fertig werden. Damals war ich gerade 15 Jahre alt, also von Festhalten an meiner kommunistischen Überzeugung aus „Altersstarrsinn“ konnte damals keine Rede sein. Aber für uns Jungkommunisten kam eine Kapitulation vor dem Faschismus ebenso wenig in Frage, wie ich heute, 70 Jahre älter als damals, mich denen anschließen könnte, die aus dem zeitweiligen Sieg der Konterrevolution die Schlußfolgerung ziehen, wir hätten für die falsche Sache gekämpft. Was uns damals weiterkämpfen ließ, hatte den gleichen Grund wie heute. Wir hatten im Jugendverband - vor 1933 und nachher, in der Illegalität -, gründlich Marx, Engels und Lenin studiert- wie das Kommunistischen Manifest, Engels‘ Ursprung der Familie und des Privateigentums“, Lenins Imperialismusanalyse, „Staat und Revolution“ und „Der Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, und wir hatten das begeisternde Vorbild der Sowjetunion vor uns. Wenn man begriffen hat, dass der Marxismus-Leninismus wirklich eine Wissenschaft ist, die die Geschichte nicht als eine Anhäufung von Zufälligkeiten betrachtet, sondern als einen  Prozess, dem Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zugrunde liegen, und wenn man um die Widersprüche weiß, die den Kapitalismus in immer tiefere Krisen und schließlich seinem Ende entgegentreiben, dann können einen auch Rückschläge nicht umwerfen. 1916 schrieb Lenin in seiner Arbeit über die Junius-Broschüre - und das immer im Kopfe zu haben, ist gerade für Revolutionäre ganz wichtig -: „Zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig."“ (Lenin, Werke, Bd. 21,Berlin 1960, S. 315). Aber solch ein Riesensprung rückwärts, wie wir ihn 1989/90 erlebten, führt letzten Endes dazu, - wie wir es gerade jetzt  sehen - daß sich die Widersprüche gewaltig verstärken und der Kapitalismus seine Menschenfeindlichkeit noch brutaler offenbart, bis es schließlich keinen anderen Ausweg, keine Überlebenschance für die große Mehrheit der Gesellschaft gibt, als mit diesem kapitalistischen System Schluß zu machen.

ÖD: Gibt es im heutigen Alltag Ereignisse, die Sie zuversichtlich stimmen?

Kurt Gossweiler: Ja, durchaus. Die Schröder-Regierung vertritt doch so offensichtlich die Interessen der „Reichen“, des Großkapitals, dass selbst in Schröders eigener Partei, der SPD, nicht nur die Unzufriedenheit und der Widerspruch wachsen, sondern Teile der Mitgliedschaft schon die Partei verlassen, um eine eigene Partei links von der SPD zu gründen. Sicherlich, von einer revolutionären Stimmung ist das alles noch weit entfernt, aber die Meinung: „So kann es nicht weitergehen!“ ist schon eine Mehrheitsmeinung. Und in Ostdeutschland antwortet bereits eine Mehrheit der Menschen in Umfragen, welche Ordnung sozial gerechter sei- die jetzige in der BRD oder die vergangene der DDR ohne Zögern: Die der DDR. Das ist ein deutlicher Fortschritt im Denken der Menschen. Allerdings ein Fortschritt, der viel zu langsam ist. Ich würde sehr gerne zu meinen Lebzeiten noch eine neue revolutionäre Situation erleben, aber bei meinem Alter kann ich realistischerweise nur darauf hoffen, noch zu erleben, wie die Ent-wicklung in diese Richtung  beginnt und sich verstärkt. Das aber werde ich sicher noch. Wir Kommunisten sind unserer Natur nach Optimisten.

ÖD: Nun, Tatsache bleibt aber, dass der Sozialismus eine große Niederlage erlitten hat. Wie kam es dazu? Gab es dafür objektive Gründe, die eine Niederlage unausweichlich machten? Oder haben da unfähige Führer am falschen Ort und zur falschen Zeit unglückliche Entscheidungen getroffen? Oder spielten da objektive und subjektive Gründe zusammen eine Rolle?

Kurt Gossweiler: Diese Fragen sind mit einem Wort nicht zu beantworten und die Niederlage ist nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Aber eins ist sicher: sie war keineswegs unausweichlich.

Viele Leute meinen, die Niederlage sei wegen der ökonomischen Rückständigkeit der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder unvermeidlich gewesen. Aber die Sowjetunion ging nicht zu dem Zeitpunkt unter, da sie ökonomisch gegenüber dem Kapitalismus am rückständigsten war, sondern zu einem Zeitpunkt, da sie zur ökonomisch zweitstärksten Macht in der Welt herangewachsen war. Diese Ursachenerklärung geht deshalb fehl.

Stalin hat nach dem Sieg über den Faschismus zu recht gesagt: Die sowjetische Gesellschaftsordnung hat sich als lebensfähiger und stabiler erwiesen, als die nichtsowjetische Gesellschaftsordnung, als eine bessere Organisationsform der Gesellschaft als jegliche andere. Diese Tatsache lag nach dem Sieg über das faschistische Deutschland so offenkundig jedermann vor Augen, dass, wer damals eine These von der Unvermeidlichkeit des Unterganges der Sowjetunion vertreten hätte, sich der Lächerlichkeit preisgegeben hätte. Hatte doch die Sowjetunion eine Härteprüfung triumphal bestanden, wie sie kein anderer Staat in der Geschichte jemals zu bestehen hatte.

Aber wenige Jahre später erlebte das Sowjetland und das Sowjetvolk einen Bruch in seiner Entwicklung, nämlich statt weiterem Aufstieg einen Umbruch der Kurve zum Abstieg, zum Niedergang. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass nach dem Tode von Stalin etwas passiert sein muss, das die Ursachen und die Triebkräfte des bisherigen Wachstums beschädigt wenn nicht gar beseitigt hat.

Bei genauer Betrachtung der Politik der neuen Führung ist nicht zu übersehen, was da passiert ist: Der neue Generalsekretär der Partei, Chruschtschow, setzte durch, dass von der bisherigen wissenschaftlich begründeten leninistischen Generallinie der Partei abgewichen wurde. Das war zwar zunächst kaum zu erkennen, und ich selbst habe lange, bis zu den Ungarn-Ereignissen im Herbst 1956, gebraucht, um mir darüber klar zu werden. Den schweren Weg zu dieser Erkenntnis habe ich im ersten Teil meines politischen Tagebuchs, das unter dem Titel „Die Taubenfußchronik oder die Chruschtschowiade“ veröffentlicht ist, geschildert. Der Kernsatz dieser Erkenntnis, niedergeschrieben am 19. Januar 1957, lautete: „Kein Zweifel: an der Spitze der Partei Lenins und Stalins steht zur Zeit ein Feind, ein Vertrauensmann der imperialistischen Geheimdienste, allen voran des us-amerikanischen, ein Komplize des seit langem zum Agenten des Secret Service und des CIA gewordenen Tito.“ (S.209 der Taubenfußchronik)

Wie konnte das passieren? Chruschtschow und sein engster Komplize Mikojan waren doch keine neuen, unbekannten Leute, sie gehörten doch seit Jahren dem Zentralkomitee und dem Stalinschen Politbüro an?

Eines muß man Chruschtschow offensichtlich zugestehen – er hatte es geschafft, das Vertrauen Stalins zu erringen. Sonst wäre er nicht in die höchste Position in der Ukraine und in Moskau gekommen. Wie aber konnte ein Mann, der nach Stalins Tod eine solch üble Rolle spielte, überhaupt zu solchen Positionen aufsteigen?

Gewiß, er war bauernschlau und verschlagen, aber das reichte nicht für einen Aufstieg in solche Positionen. Er hat eine solide marxistisch-leninistische Schulung erfahren, kannte den Parteiapparat von Grund auf, und er verfügte offensichtlich auch über die Fähigkeit, ihm übertragene Aufgaben erfolgreich zu erfüllen.

Wann wurde er zum Gegner Stalins, wann begann seine Feindarbeit? Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen, aus Mangel an dokumentarischen Unterlagen. Die wahrscheinlichste Erklärung ist für mich, dass Chruschtschow – wie auch Mikojan – schon seit längerem zu einer oder auch mehreren der parteifeindlichen Gruppierungen gehört hatten, aber – wie auch Mikojan – bewußt in Reserve gehalten wurden, damit bei einem Fehlschlag sie als „Unbelastete“ weiterhin im „Apparat“ verbleiben und die „Arbeit“ weiterführen konnten, um in einer günstigen Situation die Macht zu übernehmen. Auf diese Weise haben sie als "„Schläfer“ die Moskauer Prozesse nicht nur überlebt, sondern konnten ihre Positionen halten und ausbauen.

ÖD: Chruschtschow und seine Clique mussten nicht unbedingt Agenten sein, damit sie das machen konnten, was sie auch gemacht haben. Meinen Sie nicht, dass Deine These, Chruschtschow sei ein ferngelenkter Langzeitagent des Imperialismus, eine zu kurz gegriffene Feststellung ist? Enver Hoxha macht z.B. in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass zu Lebzeiten Stalins schon eine schädliche Denkweise innerhalb der Kader der Partei – selbst bei alten Kadern mit guter Vergangenheit und proletarischer Herkunft – Fuß fasste, selbst bei den Mitgliedern des Präsidiums des Zentralkomitees, die sich bewährt haben. Hoxha spricht auch davon, dass sich in diesem Prozess in der „KPdSU eine Arbeiteraristokratie aus bürgerlichen Kadern herausbildete“.

Kurt Gossweiler: Mir reicht das nicht aus, um Chruschtschows und Mikojans Handlungen zu erklären Was Hoxha ausführt, mag für andere zutreffen, aber nicht für diese beiden, denn die haben eine zielstrebige Schädlingsarbeit geleistet.

ÖD: Auf die beiden macht ja auch Enver Hoxha aufmerksam.

Kurt Gossweiler: Ja, dass diese beiden mit besonderer Feindseligkeit gegen Stalin auftraten, das zeigte sich schon auf dem XX.Parteitag.

Im übrigen: es ist auffällig, wie hoffnungsfroh man auf imperialistischer Seite auf die neue Führung nach Stalins Tod (5. März 1953)  reagierte. Ich zitiere als zwei Beispiele Eisenhower und Churchill. Schon am 16. April 1953 führte der neue USA-Präsident Eisenhower aus: „Die Welt weiß, daß mit dem Tode Stalins eine Epoche zu Ende ging. ... Jetzt ist eine neue Führergeneration in der Sowjetunion an die Macht gekommen. Die sie mit der Vergangenheit verknüpfenden Bande mögen auch noch so stark sein, sie bedeuten keine feste Bindung für sie. ... Die Gestaltung der Zukunft hängt weitgehend von ihrem Willen ab ... Die neuen sowjetischen Führer haben somit eine einmalige Gelegenheit, sich ... darüber klar zu werden, welchen Grad der allgemeinen Gefährdung wir erreicht haben, und daß sie das ihre tun müssen, den Lauf der Geschichte zu wenden.“

Keinen Monat später, am 11. Mai 1953 wurde Premierminister Churchill im Unterhaus noch deutlicher; er führte aus: „Das wichtigste Ereignis ist natürlich die Änderung der Haltung und, wie wir alle hoffen, des Geistes, die im Sowjetbereich und insbesondere im Kreml seit dem Tode Stalins stattgefunden hat. ... Es ist die Politik der (britischen) Regierung, es durch jedes Mittel in ihrer Macht zu vermeiden, etwas zu tun oder zu sagen, das irgendeine günstige Reaktion hemmen könnte, die sich ergeben könnte, sowie jedes Zeichen einer Verbesserung in unseren Beziehungen zu Rußland zu begrüßen.“[16]

Diese beiden Äußerungen machen deutlich, daß man in Washington wie in London zumindest Signale - wenn nicht mehr, z. B. über ihren V-Mann Tito -, - erhalten hatte, dass in Moskau nicht nur ein Personenwechsel stattgefunden hatte, sondern daß damit verbunden auch auf einen Kurswechsel gehofft werden konnte. Und sie hatten dazu allen Grund, was sich schon in der ersten Hälfte des Jahres 1953 zeigte, als nämlich die neue Führung, d.h. vor allem Chruschtschow, sogleich eine Vorstoß unternahmen, um die erprobten Parteiführer Ulbricht in der DDR und Rakosi in Ungarn zu stürzen und an ihre Stelle ihre Vertrauensleute zu setzen – Herrnstadt und Zaisser in der DDR, Imre Nagy in Ungarn. (Näheres dazu habe ich in der „Taubenfußchronik ausgeführt).

ÖD: Aber was die Informationen zum Zustand des Landes betrifft, da kann man ja auch auf dem von Malenkow vorgetragenen Bericht des 19. Parteitages, auf die verschiedenen Artikel Stalins aufmerksam machen; also, dass in der Sowjetunion einiges nicht gut lief, dass der Schaden des Krieges – wirtschaftlich, aber auch von Parteikadern her – zu groß war, dass in der Gesellschaft sich allmählich eine Tendenz zur Erschöpfung zu bilden begann. Das alles war ja auch den Imperialisten nicht unbekannt. Zumal: Reflexe dieser Art nach großen Kriegen waren ja auch nichts Unerwartetes. Erinnern wir uns doch nur an die so genannten „wilden 20er Jahre“ in den westeuropäischen Ländern nach dem Ersten Weltkrieg. In dieser Hinsicht war es mehr als normal, dass auch die sowjetische Gesellschaft ähnliche Reflexe zeigte, vor allen Dingen jenes Volk, das seit der Oktoberrevolution von der Weltreaktion nicht in Ruhe gelassen und immer wieder unter Druck gesetzt wurde. Das alles wussten die Imperialisten, aber auch Stalin und die sowjetische Parteiführung. Und jeder zog für sich die notwendigen Schlussfolgerungen aus dieser einmaligen und besonderen Situation. Der Imperialismus sah die Lösung in der Organisierung des Kalten Krieges; Stalin und die Partei in der Erneuerung der ideologisch-politischen und moralischen Plattform usw. Ist es unter diesen Verhältnissen nicht möglich, dass nach dem Tod einer so großen Persönlichkeit wie Stalin die übrig gebliebene Führung nicht die Weitsicht besaß, aber auch nicht den Mut aufbrachte, den weiter notwendigen Kampf fortzuführen, sondern statt dessen den vorhandenen und auch sie umgebenden Tendenzen nachgaben und den Weg der Konzessionen dem Weg des Kampfes vorzogen, weil es einfacher war und auch von den Imperialisten besonders gefördert wurde?

Kurt Gossweiler: Sie schneiden damit mehrere Fragen an: erstens – wie war die innere Situation und die Stimmung der Massen im Lande nach den erschöpfenden Kriegsjahren?

Zweitens, wie reagierte die Stalinsche Führung darauf?

Und drittens: Ist der Kurs der Chruschtschow-Führung nicht einfach dadurch zu erklären, dass es ihr an Weitsicht und Mut fehlte und sie deshalb „den sie umgebenden Tendenzen nachgab“?

Über die Stimmung in den Massen spreche ich noch. Aber zuerst möchte ich doch mit allem Nachdruck der Ansicht widersprechen, dass  Chruschtschows Handeln aus fehlender Weitsicht und fehlendem Mut, der allgemeinen Stimmung zu widerstehen, zu erklären sei.

Ich muß mich immer wieder erneut darüber wundern, wenn mir gesagt wird: Ja, daß Gorbatschow ein Agent des Imperialismus war und ist, - damit hast Du ja recht. Aber bei Chruschtschow – da verhält es sich doch anders, bei dem handelt es sich nur um Fehler aus Dummheit oder opportunistische Anpassung an die Massenstimmung.

Um die Unhaltbarkeit dieser Chruschtschow-Exkulpation im Rahmen dieses Interviews nachzuweisen, führe ich nur einen einzigen Punkt an: Chruschtschows Verhalten und Verhältnis zu Tito. Dass der ein Agent des Imperialismus war, darüber dürfte es doch wohl keine Meinungsverschiedenheiten geben. Also:

Erstens: Wie bekannt, fand in der zweiten Junihälfte 1948 eine Beratung des Informationsbüros der Kommunistischen Parteien statt zur Erörterung der Lage in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Im Ergebnis dieser Beratung nahmen die teilnehmenden Parteien – die KPdSU war durch Shdanow, Malenkow und Suslow vertreten – eine Resolution an, deren Grundgedanken natürlich vorher schon in Moskau vom gesamten Politbüro der KPdSU, also auch von Chruschtschow, beraten und gebilligt worden waren

In dieser Resolution wird gesagt: „Das Informbüro kommt einmütig zu der Schlußfolgerung, daß die Führer der KPJ durch ihre parteifeindlichen und antisowjetischen Ansichten, die mit  Marxismus-Leninismus unvereinbar sind, durch ihr ganzes Verhalten und durch die Weigerung, auf der Sitzung des Informbüros zu erscheinen, sich den dem Informbüro angehörenden kommunistischen Parteien entgegengestellt und den Weg der Abspaltung von der sozialistischen Einheitsfront gegen den Imperialismus, den Weg des Verrats an der internationalen Solidarität der Werktätigen und des Übergangs zu den Positionen des Nationalismus eingeschlagen haben... Das Informbüro stellt fest, daß das ZK der KPJ sich und die jugoslawische Kommunistische Partei dadurch außerhalb der Familie der brüderlichen kommunistischen Parteien, außerhalb der kommunistischen Einheitsfront und folglich auch außerhalb der Reihen des Informbüros stellt.“

Unterschrieben wurde diese Resolution von allen Vertretern der Mitgliederparteien des Informbüros, also der bulgarischen, rumänischen, ungarischen, polnischen, sowjetischen, französischen, tschechoslowakischen und italienischen Partei. Das war eine sehr wichtige Information für die gesamte kommunistische Bewegung, gewissermaßen eine notwendige Schutzimpfung gegen einen gefährlichen Virus.

Zweitens: Was aber tat Chruschtschow? Er hob die heilsame Wirkung dieser Schutzimpfung auf mit einer durch und durch verlogenen Erklärung. Im Mai 1955 reiste eine sowjetische Delegation unter Chruschtschows Führung nach Belgrad mit dem Auftrag, zwischen beiden Ländern wieder normale Beziehungen wiederherzustellen. Chruschtschow benutzte aber diese Gelegenheit, um schon gleich bei der Ankunft auf dem Flugplatz selbstherrlich eine Erklärung abzugeben, die vorher nicht abgesprochen war und die, wie sich später zeigte, niemals gebilligt worden wäre. Er sagte nämlich unter anderem – was Sie ja ganz gewiß auch kennen:

„Teurer Genosse Tito! ... Wir bedauern aufrichtig, was geschehen ist und fegen entschlossen alles beiseite, was sich in dieser Periode abgelagert hat. Unsererseits rechnen wir zu diesen Ablagerungen ohne Zweifel die provokatorische Rolle, die die nunmehr entlarvten Volksfeinde Berija , Abakumow und andere in den Beziehungen zwischen Jugoslawien und der UdSSR gespielt haben. Wir haben eingehend die Materialien überprüft , auf denen die schweren Anschuldigungen und Beleidigungen beruhten, die damals gegen die Führer Jugoslawiens erhoben wurden. Die Tatsachen zeigen, daß diese Materialien von Volksfeinden, niederträchtigen Agenten des Imperialismus, fabriziert waren, die sich durch Betrug in die Reihen unserer Partei eingeschlichen hatten.“

Drittens: Während der Konterrevolution in Ungarn im Oktober 1956 war Titos Rolle als Inspirator der konterrevolutionären Kräfte offen zutage getreten. Dadurch war natürlich auch Chruschtschows Stellung – gerade wegen seiner Totalrehabilitierung Titos – höchst gefährdet. Was macht ein Agent in einer solchen Situation? Nun eben das, was Chruschtschow jetzt machte: Er wechselte flugs von der Position des Verteidigers Titos auf die des Kämpfers gegen den Tito-Revisionismus.

Er widersprach nicht, sondern unterschrieb die Erklärung der Moskauer Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien von 1957, in der es u.a. hieß: „Der moderne Revisionismus ist bemüht, die große Lehre des Marxismus-Leninismus in Verruf zu bringen, er erklärt sie für ‚veraltet‘, behauptet, sie habe heute ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung verloren. Die Revisionisten sind bestrebt, die revolutionäre Seele des Marxismus auszumerzen und den Glauben der Arbeiterklasse und des schaffenden Volkes an den Sozialismus zu erschüttern. Sie wenden sich gegen die historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, sie leugnen die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei, sie lehnen die Prinzipien des proletarischen Internationalismus ab, sie fordern den Verzicht auf die grundlegenden Leninschen  Prinzipien des Parteiaufbaus und vor allem auf den demokratischen Zentralismus, sie fordern, dass die kommunistischen Partei aus einer revolutionären Kampforganisation in eine Art Diskutierklub verwandelt wird.“

Auf dem VII. Parteitag der Bulgarischen Kommunistischen Partei im Juni 1958 trat Chruschtschow sogar mit einer Rede auf, in der er unter anderem auch das Folgende ausführte:

„Der zeitgenössische Revisionismus ist eine Art trojanisches Pferd. Die Revisionisten versuchen, die revolutionären Parteien von innen zu zersetzen, die Einheit zu unterminieren und Verwirrung und Durcheinander in die marxistisch-leninistische Ideologie zu tragen. ... Im Jahre 1948 nahm die Konferenz des Informationsbüros eine Resolution über die Lage in der KP Jugoslawiens an, die eine berechtigte Kritik an der Tätigkeit der KP Jugoslawiens in einer Reihe von Frage enthielt. Diese Resolution war im Wesentlichen richtig und entsprach den Interessen der revolutionären Bewegung. (Unterstreichung von mir, K.G.)

Einen besonders großen Schaden fügten die jugoslawischen Führer der Sache des Sozialismus durch ihre öffentlichen Reden und ihre Handlungen in der Zeit der Ereignisse in Ungarn zu. Während des konterrevolutionären Aufstandes in Budapest wurde die jugoslawische Botschaft im Grunde genommen ein Zentrum für diejenigen, die den Kampf gegen die volksdemokratische Ordnung in Ungarn aufnahmen, und ein Zufluchtsort für die verräterische Kapitulationsgruppe Nagy-Losonczy.“[17]

Das sagt der gleiche Chruschtschow, der wenige Wochen zuvor mit Tito in Brioni und auf der Krim beraten, beschlossen und danach durchgesetzt hat, Rakosis Nachfolger Gerö in Ungarn von der Führung zu beseitigen und Imre Nagy an seine Stelle zu setzen – zur großen Freude der Freunde der beiden in Washington und London! Aber Chruschtschow ging noch viel weiter. Er stimmte auf der Moskauer Beratung der Kommunistischen und Arbeiterparteien im November 1960 der Resolution zu, in welcher der Tito-Revisionismus beim Namen genannt und aufs Schärfste verurteilt wurde:

„Die kommunistischen und Arbeiterparteien haben die jugoslawische Spielart des internationalen Opportunismus, die einen konzentrierten Ausdruck der ‚Theorien‘ der modernen Revisionisten darstellt, einmütig verurteilt. Die Führer des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, die den Marxismus-Leninismus verrieten, indem sie ihn für veraltet erklärten, haben der Erklärung von 1957 ihr antileninistisches, revisionistisches Programm (das Programm des Ljubljanaer Parteitages von 1958, K.G.) entgegengestellt.

Sie haben den BdKJ der gesamten kommunistischen Weltbewegung entgegengestellt, ihr Land vom sozialistischen Lager losgerissen, es von der sogenannten Hilfe der amerikanischen und anderen Imperialisten abhängig gemacht und damit die Gefahr heraufbeschworen, daß das jugoslawische Volk seiner im heroischen Kampf erzielten revolutionären Errungenschaften verlustig geht. Die jugoslawischen Revisionisten betreiben eine Wühlarbeit gegen das sozialistische Lager und die kommunistische Weltbewegung. Unter dem Vorwand einer blockfreien Politik entfalten sie eine Tätigkeit, die der Einheit aller friedliebenden Kräfte und Staaten Abbruch tut. Die weitere Entlarvung der Führer der jugoslawischen Revisionisten und der aktive Kampf dafür, die kommunistische Bewegung wie auch die Arbeiterbewegung gegen die antileninistischen Ideen der jugoslawischen Revisionisten abzuschirmen, ist nach wie vor eine unerläßliche Aufgabe der marxistischen Parteien.“

Was aber tat Chruschtschow? Er wiederholte, was er schon 1955 getan hatte: Hatte er damals - statt die von den Parteien des Informationsbüro 1948 ausgesprochene Warnung der kommunistischen Bewegung vor dem Revisionismus der Tito-Partei tiefer in das Bewußtsein aller Kommunisten zu senken -, diese Warnung mit seiner Flugplatzerklärung ihrer Wirkung beraubt, so tat er jetzt alles, um die wiederholte und verstärkte Aufforderung, die Entlarvung der jugoslawischen Revisionisten und den Kampf gegen sie fortzuführen, schleunigst vergessen zu machen.

In seinem politischen Tagebuch, veröffentlicht unter dem Titel: „Die Supermächte“ (Tirana 1986), notierte Enver Hoxha unter dem13. Dezember 1962:

„Auf der gestrigen Sitzung des Obersten Sowjets der Sowjetunion hielt Chruschtschow eine Rede über die internationale Lage und die Außenpolitik der Sowjetunion. Auf dem Präsidium der Versammlung saß ihm zur Seite sein Bruder und enger Genosse, der Verräter Tito. ...

Die zweite Absicht seiner Rede war, offiziell und in einer auf öffentliches Aufsehen berechneten Weise die titoistischen Renegaten in staatlicher, besonders jedoch in ideologischer Hinsicht zu rehabilitieren. ... Die Voraussagen der Partei der Arbeit Albaniens haben sich bestätigt. ... Jeden Tag kommt das verräterische Ziel der revisionistischen Chruschtschowgruppe klarer ans Licht: die Spaltung des Lagers, die Formierung eines internationalen revisionistischen Blocks, die fieberhafte, offensichtliche Annäherung an den amerikanischen Imperialismus.“

Wer so zielstrebig trotz gegenteiliger Beschlüsse der eigenen Partei und aller anderen kommunistischen Parteien das trojanische Pferd des Imperialismus Tito als einen „teuren Genossen“ immer wieder in die eigene Festung hereinholt – der soll nicht selber ein bewußter Helfer des Imperialismus, sondern nur ein „Fehlender aus Irrtum“ sein? Nein, allein diese hartnäckige Einschleusung eines imperialistischen Agenten in die eigene Festung ist Beweis genug: Chruschtschow hat ganz bewusst das begonnen, was in seinem Geiste Gorbatschow zum bösen, von beiden gewollten Ende gebracht hat. Er hat offenbar auf seine Art die Schlußfolgerung aus Stalins Warnung vor feindlichen Umtrieben gezogen: „Unzugängliche Festungen werden am leichtesten von innen eingenommen.“[18]

ÖD: Sie wollten noch zur Haltung und Stimmung der Massen etwas sagen?

Kurt Gossweiler: Da möchte ich zuerst von persönlichen Eindrücken erzählen. Als ich mit anderen im Sommer 1947 von der Antifa-Schule entlassen und auf Transport in die Heimat kam, hatte ich unterwegs auch Gespräche mit den unseren Transport begleitenden Rotarmisten. Das war gerade in der Zeit, als die Engländer und Amerikaner begannen, auf den „kalten Krieg“ umzuschalten. Die Rotarmisten, mit denen ich über die feindseligen Töne aus den USA sprach, meinten dazu: „Wenn die Amis mit uns Streit suchen, sollen sie nur, wir sind bereit!“

Bei ihnen war nichts von einer Stimmung wie etwa: „Dazu darf es nicht kommen, wir wollen endlich Frieden haben!“, sondern sie waren erfüllt von der Gewißheit, dass sie jeden, der es mit der Sowjetunion aufnehmen würde, genau so schlagen würden, wie die Deutschen.

Aber das bedeutete nicht, dass man nicht endlich Frieden haben wollte.

Das Sowjetvolk hatte schon vor dem Kriege wie in einer vom Imperialismus bedrohten und belagerten Festung gelebt und unter Anspannung aller Kräfte das Land zu einer uneinnehmbaren Festung ausgebaut. Und dann kam der faschistische Überfall mit den fünfundzwanzig Millionen Menschenopfern und der Verwüstung der zeitweilig okkupierten Gebiete.

Kein Wunder, dass der Wunsch, jetzt in Frieden die Früchte des Aufbaus und des Sieges über den Faschismus ernten zu können, stark und allgemein war.

Der Krieg hatte für die Führung auch ein ganz neues Problem im Gefolge.

Millionen Sowjetbürger waren als Angehörige der Roten Armee bis nach Deutschland gekommen. Sie waren erfüllt vom Stolz auf die Kraft ihres Landes und seine Überlegenheit über den deutsch-faschistischen Feind. Aber zugleich erlitt ihr bisheriges Bild über den kapitalistischen Westen, in dem die arbeitenden Menschen schlechter lebten als im Sozialismus, einen empfindlichen Stoß. Denn sie hatten mit dieser prinzipiell richtigen Feststellung auch die Vorstellung von materiellem Elend, schlechten Wohnverhältnissen und kultureller Rückständigkeit verbunden. Jetzt aber mußten sie, als sie die Städte und Dörfer kennen lernten, durch die sie auf ihrem Weg nach Deutschland kamen, besonders aber in Deutschland selbst, zu ihrer großen Verwunderung feststellen, dass im kapitalistischen Deutschland offenbar auch die Arbeiter in besseren Wohnungen und in größerem Wohlstand lebten als sie bei sich zu Hause. Das hat sicherlich auch an der Gewißheit, Bürger des in jeder Hinsicht fortgeschrittensten Landes des zu sein, genagt.

Ich erinnere mich, dass ich als Zwangssoldat der Wehrmacht nach dem Überfall auf die Sowjetunion eine ähnliche Überraschung erlebte, aber mit umgekehrtem Vorzeichen.

Mein Bild der Sowjetunion war in den Jahren der Weimarer Republik geprägt worden vor allem von den Berichten in Wort und Bild, die in der „AIZ“, der „Arbeiter illustrierten Zeitung“ über den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion in jeder Nummer gebracht wurden. Verständlicherweise wurde in diesen Berichten das neue Rußland gezeigt, die ungeheuren Aufbauleistungen, die neuen Wohnviertel, die neuen, großen, modernen Betriebe, der Massenenthusiasmus, mit dem das Wunder des ersten Fünfjahrplanes geschafft wurde.

Was in der AIZ nicht oder wenn, dann nur als Randerscheinung gezeigt wurde, war das, was im äußeren Bild Rußlands noch weit überwog, also das, was vom alten Rußland noch an Rückständigkeit, an materiellen Mangelerscheinungen, an Erbschaft einer barbarischen Vergangenheit hinterlassen war, und wovon wir Kommunisten „im Westen“ trotz Kenntnis der Romane von Tolstoi, Dostojewski und Maxim Gorki keine rechte Vorstellung hatten, obwohl uns darauf ja sogar Stalin mit der Nase gestoßen hatte, als er 1931 gesagt hatte, dass die Sowjetunion hinter den entwickelten kapitalistische Ländern noch 50 bis 100 Jahre zurück sei.

Jetzt lernte ich nicht in der Theorie, sondern in der Praxis kennen, was der Satz bedeutet, dass nach einer Revolution noch für lange Zeit das Alte sich neben dem zunächst noch schwächeren Neuen behauptet. Das Alte – das traf ich z. B. in der im Vergleich zum Westen primitiven Bauweise der Häuser in den meisten Dörfern an, in vernachlässigtem Gerät in mancher Maschinen-Traktoren-Station und ähnlichem. Das Neue, das traf ich in den gleichen „primitiven“ Dörfern in Schulbüchern der Kinder an, die davon zeugten, dass die Sowjetmacht ihre Jugend selbst in den kleinsten Dörfern mit einem Wissen einschließlich Fremdsprachen – wovon Deutsch-Lehrbücher zeugten – versorgt, wovon die Kinder im deutschen Ostelbien nicht einmal träumen konnten.

Für die Sowjetführung ergab sich die Aufgabe, den negativen Auswirkungen des Kennenlernens des kapitalistischen Westens auf das sozialistische Selbstbewußtsein mancher Sowjetbürger entgegenzuwirken. Sie tat das, indem sie erstens über eine längere Zeit hinweg die wissenschaftlichen und technischen Erst-Leistungen russischer Wissenschaftler und Erfinder breit popularisierte, zweitens einen Damm gegen die Ausbreitung von Bewunderung und Übernahme vom Westen propagierter und infiltrierter bürgerlich-imperalistischer Ideologie und Modeströmungen zu errichten suchte mit einer Kampagne des Kampfes gegen den „Kosmopolitismus“.

Nach Stalins Tod tat die Chruschtschow-Führung das Gegenteil dessen: sie nutzte den Friedenswunsch und den berechtigten Wunsch der Sowjetmenschen dazu aus, das Vertrauen in die antiimperialistische Politik unter der Führung Stalins, die angeblich künstlich zu gefährlichen Zuspitzungen und Konflikten geführt habe, zu unterminieren, und statt dessen unter der Losung einer „Politik der Entspannung“ überzugehen zu einer Politik der Propagierung von Vertrauen in die Zusammenarbeit mit den imperialistischen Mächten, besonders mit den USA, weil nur gemeinsam mit ihnen die Gefahr eines Atomkrieges gebannt werden könne.

Mit dieser demagogischen Argumentation erschlich sich Chruschtschow das Vertrauen, der Mann zu sein, der die Wünsche und Sehnsüchte des Volkes kennt und sie zur Leitlinie seiner Politik gemacht habe.

ÖD: Das ist ja das Bezeichnende! Chruschtschow und Co haben ja genau auf diese in der Bevölkerung bestehenden Tendenzen angespielt und haben sie auch ausgenutzt.

Kurt Gossweiler: Ja, genau. Es war eben nicht so, dass Chruschtschow durch „Druck von unten“ auf einen revisionistischen Kurs gedrängt worden wäre: sondern er betrog bewußt die Massen, indem er ihnen vorlog, dieser neue Kurs sei nötig zur raschesten Erfüllung ihrer Wünsche. Dabei ging er sehr geschickt vor. Bis zum XX. Parteitag gab er sich- die im Volke noch unerhört große, ungebrochene Verehrung Stalins in Rechnung stellend - als treuer Gefolgsmann Stalins aus; und selbst nach dem XX. Parteitag trug er in seinen Reden zu 90 bis 99 Prozent solche Thesen und Grundgedanken vor, die dem Volk bekannt und vertraut waren. Die abweichenden, revisionistischen, feindlichen Gedanken machten zumeist nur einen Bruchteil seiner Ausführungen aus, und waren zudem mit einleuchtend erscheinenden Argumenten begründet, wie etwa auf dem XX. Parteitag die sozialdemokratische These vom parlamentarischen, „friedlichen“ Weg zum Sozialismus mit der These, dieser früher nicht mögliche Weg sei jetzt dank der ungeheuer angewachsenen Stärke der Sowjetunion und der kommunistischen Weltbewegung möglich geworden.

Oder er begründete die Wendung in der Wirtschaftspolitik von der vorrangigen Entwicklung der Abteilung I, der Produktionsgüter-Industrie zur vorrangigen Entwicklung der Abteilung II, der Konsumgüter-Industrie, - in Wahrheit eine Wendung zum Weg in eine wirtschaftliche Katastrophe, – ebenfalls mit der  erreichten wirtschaftlichen Stärke, die es erlaube, nunmehr vorrangig die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.

ÖD: Das Werk von Stalin über die ökonomischen Probleme des Sozialismus behandelt ja diese Frage der Vorrangigkeitsverhältnisse zwischen der Produktionsgüterindustrie und Konsumgüterindustrie. Und er warnt ja auch dort, dass eine Änderung dieses Verhältnisses zur Restaurierung des Kapitalismus führen würde. D.h. diese These, die Chruschtschow später ausgesprochen und umgesetzt hat, war ja bekannt und ausdiskutiert.

Kurt Gossweiler: Ja, es war ausdiskutiert, und gerade das ist ein weiterer Beweis dafür, dass Chruschtschows Kursänderung zur vorrangigen Entwicklung der Konsumgüterindustrie eine bewusste Schädlingstätigkeit war. Denn er hatte ja eine gründliche Schulung in Marxismus-Leninismus durchlaufen und wußte sehr gut, dass die vorrangige Entwicklung der Produktionsgüterindustrie eine bereits von Marx im Kapital festgestellte und von Lenin mit Nachdruck unterstrichene ökonomische Gesetzmäßigkeit für die Sicherung der erweiterten Reproduktion und damit für den erfolgreichen Aufbau der sozialistischen Wirtschaft ist.

ÖD: Nun gut, was die Agentenargumentation betrifft, so scheint es, dass wir da nicht zu einer übereinstimmenden Meinung kommen werden. Belassen wir es dabei. Ich möchte zu einer weiteren Frage kommen: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der opportunistischen Umdeutung der Koexistenzpolitik und der Umkehrung des Vorrangigkeitsverhältnisses zwischen der Produktionsgüter- und Konsumgüterindustrie?

Kurt Gossweiler: Ja, natürlich. Beides sind Bestandteile ein und der gleichen Strategie der Unterminierung der ökonomischen und politischen Grundlagen der Sowjetmacht. Das Wesentliche dieser Strategie habe ich vor etwa 15 Jahren in einem Brief  an einen Redakteur der MLPD-Zeitung „Rote Fahne“ so beschrieben:  

Rund vier Jahrzehnte Verteidigung der Sowjetmacht und sozialistischer Aufbau seit 1917 durch die Volksmassen hatten dazu geführt, dass der Sozialismus und die sozialistische Lebensweise fest und tief im Sowjetvolk verwurzelt waren. Wer sich offen als Feind dieser Ordnung und als Befürworter einer Rückkehr zum Kapitalismus zu erkennen gegeben hätte, den hätten die einfachen Menschen sofort den Sicherheitsorganen übergeben.

Vor allem durfte die Rückkehr zum Kapitalismus in keiner Phase als Weg zurück zum Kapitalismus erkennbar werden, sondern musste bis zum Schluss als Weg zur notwendigen Verbesserung des Sozialismus hingestellt werden. Zweitens war es nötig, die Verbundenheit der Massen mit ihrer Sowjetordnung zu untergraben und ihre Bereitschaft, diese Ordnung zu verteidigen, allmählich zum Erlöschen zu bringen. Drittens musste das Volk und mussten die Parteimitglieder dazu gebracht werden, im Imperialismus nicht mehr die Grundursache des Krieges, sondern einen Partner bei der Erhaltung des Friedens zu sehen, um auf diese Weise in der Ersetzung der Ideologie des Klassenkampfes durch die Ideologie der Klassenversöhnung nicht den grundsätzlichen Bruch mit dem Marxismus-Leninismus zu erkennen.

Um das Erste zu erreichen, wurde die Illusion erzeugt, alles, was in der Gegenwart geschehe, diene der raschen Herbeiführung des Kommunismus. Dabei waren sich die Demagogen vom Schlage Chruschtschow nicht nur darüber klar, dass die anfänglichen euphorischen Hoffnungen, die ihre Verheißungen von den bald erreichten „lichten Höhen des Kommunismus“ bei den Menschen erweckten, unvermeidlich in ihr Gegenteil, in tiefe Enttäuschung, in Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit und sogar Feindschaft gegen die Partei und die Sowjetmacht umschlagen mussten, sondern sie arbeiteten nach Kräften darauf hin, dass dieser Umschlag möglichst früh und möglichst radikal eintrat; denn dies war der Weg, um das Zweite zu erreichen: Die Abtötung der Verbundenheit der Menschen mit ihrer Sowjetmacht. Die Chruschtschowschen „Reformen“ auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik erweisen sich bei genauem Hinsehen als eine gezielt gewählte Serie von Schädlingsmaßnahmen, deren Ergebnis nur die Desorganisation, die Produktion von Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung und die wachsende Abhängigkeit der sowjetischen Wirtschaft vom imperialistischen Ausland sein konnte und tatsächlich auch war.

Das ist also meiner Meinung nach der Zusammenhang, nach dem Sie fragen.

ÖD: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, bleiben Sie Ihrer These treu und erklären diesen Zusammenhang aus dem Ziel der Agenten Chruschtschow und Co, die Mängel des Systems weiter zu verschärfen und somit die Bedingungen für einen offenen Übergang zum Kapitalismus zu schaffen. Wie erklären Sie aber, dass diese Diskussion über das Vorrangigkeitsverhältnis in fast allen ehemals sozialistischen Staaten stattgefunden hat? Warum immer diese Diskussion?

Kurt Gossweiler: Wie wir alle wissen, brach die Kette des Imperialismus nicht zuerst in den entwickelten kapitalistischen Ländern, sondern dort, wo sich ihr schwächsten Glieder befanden, und das war 1917 aus den bekannten Gründen Rußland, und das waren danach und sind bis zum heutigen Tage nicht die ökonomisch am weitesten entwickelten kapitalistischen Länder, sondern Länder der 3. Welt – China, Kuba, Vietnam, Korea. Und in der Gegenwart sind es vor allem lateinamerikanische Länder – wir brauchen nur an Venezuela denken.

Wie jeder weiß, ist das der Grund dafür, dass die Produktivität in Rußland und später in den anderen sozialistischen Ländern hinter der der entwickelten kapitalistischen weit zurück war, und damit auch die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern chronisch hinter den Bedürfnissen zurückblieb. Deshalb stand immer die Frage auf der Tagesordnung, wie man rasch und dauerhaft die Versorgung mit Konsumgütern verbessern und sie in Übereinstimmung mit dem Bedarf der Bevölkerung bringen könnte. Und das natürlich auch in der DDR, deren Bevölkerung den Mangel besonders krass empfand, war doch alles, was bei uns begehrt, aber knapp war, auf der anderen Seite, der kapitalistischen Bundesrepublik, im Überfluss vorhanden, dank deren Reichtum an Bodenschätzen - wie Steinkohle - und hochentwickelten Industrieregionen im Rhein- und Ruhrgebiet, an der Saar, in Hessen, in Württemberg-Baden usw.

Es ist unter diesen Bedingungen nur natürlich, dass die Frage, wie man schnell aus der Mangelwirtschaft herauskommen und zu einer besseren Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern kommen kann, die Führung ebenso wie die ganze Bevölkerung in den sozialistischen Ländern ständig beschäftigte. Und es ist auch nicht verwunderlich, dass dabei auch immer das Argument vorgebracht wurde, wenn man das Angebot an Konsumgütern rasch vergrößern wolle, dann müsse man eben vor allem die Kapazität der Konsumgüterindustrie erweitern. Wer eine solche Forderung aufstellt, braucht  deshalb noch lange kein Feind zu sein, sondern nur einer, dem es an der ausreichenden Kenntnis der ökonomischen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten fehlt, und dem deshalb eine solche Forderung als ganz folgerichtig erscheint.

Aber gerade das macht es Feinden wie Chruschtschow so leicht, diese Forderung aufzugreifen und ihre Befolgung, von der sie genau wissen, dass sie die Wirtschaft des sozialistischen Staates untergräbt, den Massen glaubwürdig als Ausdruck ihrer ständigen und unermüdliche Sorge um die Hebung des Lebensstandard des Volkes, ja, als Schritt zum schnelleren Erreichen des großen Zieles des Kommunismus darzustellen.

Eben deswegen wurde eine solche Politik nicht nur von Chruschtschow, sondern auch von Gomulka in Polen und von Kadar in Ungarn – wofür sie im Westen Lob und Wohlwollen ernteten – praktiziert. Nicht aber bei uns – so lange Walter Ulbricht an der Spitze der Partei stand.

(Den zweiten Teil des Gespräches, in dem es u.a. um die Geschichte der DDR geht, bringen wir in der Januar-Februar-Ausgabe 2006.)                                                                                                             

Redaktion Offensiv                                                                                                    

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