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Dialektik auf Hausfrauenart oder

Hans Heinz Holz und die Tücken des Dialektischen Materialismus

21. Januar 2005

Einhelliges Urteil der Marxisten

Wenn wir Rosa Luxemburg eines gewissen linken Übereifers zeihen und Otto Reinhold als Nichtmarxisten vernachlässigen, lautet der Spruch der marxistischen Gelehrten zum Schicksal des Imperialismus: Ohne dass man ihn tritt, stürzt er nicht. Tritt man ihn, stürzt er.

Natürlich kann keiner den Imperialismus hindern, über einen Kiesel zu stolpern und sich den Hals zu brechen. Andererseits, solange um mich die Anführer des Weltproletariats Gysi, Stehr, Baier, Hue oder D'Alema heißen, kann der Imperialismus die Hälfte aller Arbeiter in die Arbeitslosigkeit schicken und die Hälfte aller Arbeitslosen in die Obdachlosigkeit und dabei nachts so sorglos schlafen wie eine junge Katze.

Peter Hacks

Dialektik auf Hausfrauenart oder

Hans Hein Holz und die Tücken des Dialektischen Materialismus

von Günter Ackermann

21. Januar 2005  

„... Das gemeine Bewusstsein ist aber dann am Ende; ... Es hat den Begriff nicht, dass nur die Einheit Entgegengesetzter das Wahre ist ...“ G.W.F.Hegel, Geschichte der Philosophie, Bd. I, Suhrkamp-Ausgabe Bd. 18, 528.

Man muss es zweimal lesen und mag’s doch nicht glauben. In seiner Stellungnahme zu sich selbst, schreibt Holz heute in der jungen Welt unter dem Titel Es gilt, die Einheit der Gegensätze herzustellen“ etwas, das habe ich bisher von einen waschechten marxistischen Professor nicht für möglich gehalten: Dialektik ist das Aushalten und Fruchtbarmachen dieses Widerspruchs.“

Jetzt wissen wir es: Dialektik ist wischiwaschi, ist verkleistern statt hervorheben. Jedenfalls folgt man H.H. Holz.

Weiter Holz; „Ich wollte zeigen, daß es aus historischen Gründen in der gegenwärtigen Phase der Neuformierung weltpolitischer Fronten zwei Tendenzen im Kampf gegen den Imperialismus gibt; daß diese Tendenzen einen objektiven Widerspruch der Situation widerspiegeln; und daß es für die kommunistische Bewegung verhängnisvoll wäre, wenn nicht beide Tendenzen zusammen das Bewußtsein und die Handlungsbreite kommunistischer Parteien bestimmen: defensiv bis reformerisch (nicht reformistisch!) und offensiv bis revolutionär.“

Auf die Idee, dass der Kampf für Reformen keineswegs defensiv und offensiv nicht revolutionär sein muss, kam er nicht. Hier wird ein Scheinwiderspruch konstruiert.

Lenin sieht das allerdings so:

Die revolutionäre Sozialdemokratie hat den Kampf für Reformen stets in ihre Tätigkeit eingeschlossen und tut das auch heute. Aber sie bedient sich der „ökonomischen“ Agitation, um an die Regierung nicht nur die Forderung nach allen möglichen Maßnahmen zu stellen, sondern auch (und vor allem) die Forderung, daß sie auf höre, eine autokratische Regierung zu sein. Außerdem hält sie es für ihre Pflicht, der Regierung diese Forderung nicht nur auf dem Boden des ökonomischen Kampfes zu stellen, sondern auch überhaupt auf dem Boden aller Erscheinungen des sozialen und politischen Lebens. Mit einem Wort, wie der Teil dem Ganzen untergeordnet ist, ordnet sie den Kampf für Reformen dem revolutionären Kampf für Freiheit und Sozialismus unter.“ (W.I. Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“ 1902)

Das ist es! „Defensiv bis reformerisch“ ist dem revolutionären Ziel des Sturzes des Kapitalismus untergeordnet (mal abgesehen davon, dass Kommunisten auch im Kampf um Reformen offensiv sind), Aber der Vordenker des linken DKP-Flügels kann es sich wohl nur so mechanistisch vorstellen, seine Partei handelt jedenfalls genau so: defensiv bis reformerisch (gemeint ist reformistisch).

Holz benennt in Wirklichkeit zwei Tendenzen in der kommunistischen Bewegung: Die reformistisch-revisionistische sowie die kommunistisch-revolutionäre und verwechselt ganz einfach die Begriffe. Wer für Reformen eintritt, ist die eine Seite und wer für Revolution ist, die andere. Aber beide gehören, nach Holz, in die Partei: Während die Revolutionäre vorwärts drängen, bremsen die Reformer die allzu Ungestümen und bewahren sie vor der „Gefahr eines abenteuerlichen Linksradikalismus.“ Und die Revolutionäre bewahren die Partei vor der Sozialdemokratie – wo sie eigentlich hingehören (meint K-online).

Mal abgesehen davon, dass ich bei der DKP nicht die geringste „Gefahr eines abenteuerlichen Linksradikalismus“ sehen kann, kann es keine mechanistische Trennung von Kampf um Reformen und Revolution geben. Beides hat seinen Stellenwert, aber alles in der Partei ist dem Ziel, der Revolution, untergeordnet und steht nicht nebeneinander wie bei Holz.

Indem Holz aber beide Positionen als Widersprüche darstellt, bringt er heimlich, wie auf Katzenpfoten, den Reformismus ins Spiel. Zwar schreibt er: „defensiv bis reformerisch (nicht reformistisch!)“, aber er beugt hier nur vor, falls er erwischt wird.

Es gibt den Widerspruch zwischen Reformismus und Kommunismus. Diese beiden Seiten sind Widerspiegelung des Hauptwiderspruchs dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung in die kommunistische Bewegung hinein. Reformisten wollen nicht Reformen, damit die Lebensbedingungen des Proletariats sich verbessern, sie ordnen den Kampf um Reformen nicht dem Ziel des Sturzes des Kapitalismus unter und weil der Kampf um Reformen eine gute Schule des Klassenkampfes ist. Für Reformisten sind Reformen Weg und Ziel. Sie wollen nicht die Klassenwidersprüche mittels der proletarischen Revolution aufheben, indem die Kapitalistenklasse besiegt und die Diktatur des Proletariats errichtet wird, sondern sie wollen die Beibehaltung des Kapitalismus. Es sollen nur ein paar hässliche Flecken beseitigt werden.

Wie aber kann es zwischen Kommunisten und Reformisten Gemeinsamkeiten geben? Wie stellt sich Holz Aushalten und Fruchtbarmachen zwischen ihnen vor? Und vor allem: für wen? Soll es jetzt einen revolutionären Reformismus oder einen reformistischen Kommunismus geben? Ich habe fast den Eindruck, letzteres will H.H. Holz.

Aber noch etwas steckt in der Holzschen Formulierung Dialektik ist das Aushalten und Fruchtbarmachen dieses Widerspruchs.“

Nach dem dialektischen Materialismus ist der Kampf der Widersprüche in der Natur und der menschlichen Gesellschaft der Motor des Forschritts. Sie „halten sich nicht aus“  und „machen sich nicht fruchtbar“. wie Holz es so schön formuliert. Mittels eines revolutionären Aktes in einer Klassengesellschaft hebt sich der Widerspruch auf und es entsteht eine neue Qualität, eine neue Gesellschaftsordnung. Diesen Prozess nennt der Marxismus „Negation der Negation“.

„Nehmen wir ein Gerstenkorn. Billionen solcher Gerstenkörner werden vermahlen, verkocht und verbraut, und dann verzehrt. Aber findet solch ein Gerstenkorn die für es normalen Bedingungen vor, fällt es auf günstigen Boden, so geht unter dem Einfluß der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne Veränderung mit ihm vor, es keimt; das Korn vergeht als solches, wird negiert, an seine Stelle tritt die aus ihm entstandne Pflanze, die Negation des Korns. Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst, blüht, wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner, und sobald diese gereift, stirbt der Halm ab, wird seinerseits negiert (...)

Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“[1]

Für Engels ist also Dialektik keineswegs das Aushalten und Fruchtbarmachen dieses Widerspruchs.“ Diese philosophische Kategorie der Negation der Negarion gewinnt beim historischen Materialismus, wie auch in der gesamten politischen Arbeit von Kommunisten, eine sehr handgreifliche Bedeutung. 

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ schreiben Marx und Engels bereits 1848 ins Manifest der Kommunistischen Partei. Das ist der Kernsatz der marxistischen Geschichtsauffassung.

Wir haben oben festgestellt, dass es sich H.H. Holz Widerspruch von „Reformern“ und Revolutionären in Wirklichkeit nicht um Widersprüche innerhalb von Kommunisten handelt, die den Schwerpunkt auf Reformen und andere mit dem Schwerpunkt auf mehr Revolution legen. Es ist der handfeste Widerspruch zwischen Reformismus/Revisionismus und Kommunismus. Wie er dieses Fruchtbarmachen dieses Widerspruchs erreichen will, wissen die nicht existierenden Götter.

Hinter diesem Widerspruch verbirgt sich der ganz normale Widerspruxh der antagonistischen Klassen Bourgeoisie und Proletariat projeziert in die kommunistische Bewegung. Mit anderen Worten: „Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung tritt an den Tag als Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie...“[2] in den Köpfen von DKP-Oberen, sie kopieren, als kommunistisch getarnt, bourgeoise Klassenideologie. Sicher gibt es eine dialektische Einheit zwischen den beiden Teilen, zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Beide bedingen einander, stehen sich feindlich gegenüber. Dieser Widerspruch besteht seit es den Kapitalismus gibt. Indem das Proletariat den revolutionären Akt des Sturzes der Herrschaft des Kapitals vollzieht, hebt es diesen Widerspruch auf. Aufheben in dem Sinne, dass auf den Trümmern des gestürzten Kapitalismus die Diktatur des Proletariats und schließlich die sozialistische Gesellschaftsordnung  errichtet wird.

Das aber als Dialektik ist das Aushalten und Fruchtbarmachen dieses Widerspruchs.“  zu bezeichnen, ist etwas zu sehr an den Haaren herbei gezogen. Ich halte mich da an Engels: „Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“[3]

Es geht nicht um Friede-Freude-Eierkuchen zwischen den Klassen, kommunistischen Positionen und revisionistischen/reformistischen, Revolution und Konterrevolution ausgehalten und fruchtbar machen, sondern mittels der dialektisch-materialistischen Methode werden die Widersprüche erforscht und erkannt und Mittel und Wege zu deren Aufhebung der Widersprüche gefunden und praktiziert. Der Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, also zwischen Proletariat und Bourgeoisie, kann aber nur durch einen revolutionären Akt aufgehoben werden und das führt zur Beseitigung des Klasse der Kapitalisten. Ausgangspunkt ist das wissenschaftliche Erkennen der gesellschaftlichen Realität, das Ziel ist die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Eigentlich ganz einfach.

Was H.H. Holz in seinem neuesten Elaborat von sich gibt, ist die Verwischung von objektiv vorhanden Klassenwidersprüchen. Nur ja nicht zugeben müssen – oder können – dass in der DKP-Führung ein konterrevolutionärer Kurs gefahren wird. Da greift man schon einmal in die Mottenkiste der vulgären Dialektik und verbiegt den Marxismus-Leninismus eben etwas.

Das ist die Methode, die die modernen Revisionisten seit Chruschtschow anwenden und so das sozialistische Weltsystem an die Wand gefahren haben.

zu H.H. Holz: „Argumente müssen ausgetauscht werden“

Holz schreibt: „Aber nicht darum ging es mir‚ und ich habe mich bisher auch jeder publizistischen Polemik enthalten, Argumente und nicht Anwürfe müssen ausgetauscht werden. Durch prononciert einseitige Stellungnahmen hat Heinz sich in die Schußlinie kritischer Genossen gebracht.“ O, wie schlimm!

Mit anderen Worten: Stehr hat sich vor der Öffentlichkeit ungeschminkt seine Sympathie mit der Kollaborateurs-KP des Irak mit den US-Besatzern kundgetan. Das gehört sich nicht, das macht man nicht so simpel. Das bringt den Parteichef in die „Schusslinie kritischer Genossen“ und das ist noch schlimmer. Einmal wohl deshalb, weil sich Stehr als Konterrevolutionär outete, aber auch, weil er den „kritischen Genossen“ Munition gab. Hat man schon so eine Haltung wie der Stehr, macht man danach Politik, gibt es jedoch auf keinem Fall zu.

Holz bekundet ferner seine Loyalität zu Stehr: „ich habe mich bisher auch jeder publizistischen Polemik enthalten, Argumente und nicht Anwürfe müssen ausgetauscht werden“. 

Eine Frage zur Begrifflichkeit: Ist Polemik der Verzicht auf Argumente oder, umgekehrt oder ist nicht gerade Polemisieren, wenn man argumentiert? Schauen wir mal im Wörterbuch nach:

„Polemik, die(...) wissenschaftlicher Meinungsstreit, der meist publizistisch ausgetragen wird.“  Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Berlin (DDR) 1975, S,2824-

Wissenschaft aber hat was mit Wissen zu tun und Wissen ohne Argumente ist ja nicht denkbar. Hat H.H. Holz denn Argumente gegen Stehrs Outing als Konterrevolutionär vorgebracht? Ich habe nichts gelesen. Natürlich, er hat ja nicht polemisiert.

Marx und Engels waren glänzende Polemiker. So kann man noch heute den Text von Friedrich Engels „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft
(Anti-Dühring")“[4]
mit Vergnügen lesen. Die bissige Polemik gegen den Herrn Dühring in der damaligen SPD schrieb Friedrich Engels 1878. Dühring überlebte politisch die Engelssche Polemik nicht. Er spielte fortan keine Rolle mehr in der Partei. Engels verwischte nicht die Widersprüche zu Gunsten des „Aushaltens und Fruchtbar“-machens.

Weiter: Holz zu Stehr:

„Das ist nicht gut, in der Funktion eines Parteivorsitzenden liegt die Aufgabe der Integration, nicht der Polarisierung. Ich fürchte nicht, wie Robert Steigerwald meint, daß die Partei in Richtung auf Reformismus abdriftet...“

Der böse Stehr. Da outet er sich als Revisionist und nun? Das macht man auch deshalb nicht, weil er als Parteichef die Aufgabe der Integration, nicht der Polarisierung“ hat. Also konturenlos – allein dies disqualifiziert ihn? Mal das Unwahrscheinliche angenommen, Stehr habe seine unsäglichen Äußerungen zum Irak nicht so gemacht, sondern sich klar zum bewaffneten Widerstand bekannt. Wenn er in die Schußlinie kritischer Genossen“ des offen revisionistischen rechten Flügels geraten wäre, hätte er sich damit ebenfalls disqualifiziert?

Gehört es eigentlich zu den wichtigen Merkmalen eines Vorsitzenden einer Kommunistischen Partei, die Fähigkeit der Integration, nicht der Polarisierung“ zu besitzen? Muss nicht gerade ein führender Kommunist polarisieren, muss er nicht die klare revolutionäre kommunistische Linie vertreten und die auch gegen jene verteidigen, die sie aufweichen wollen? Ich denke schon!

Die  kommunistischen Führer der Vergangenheit integrierten nicht die Abweichler, sie bekämpften sie. Man sehe sich nur Dimitroff, Lenin, Stalin, Thälmann und andere an. Die kommunistische Bewegung hätte nie diese Erfolge in der ersten Hälfte des 20, Jahrhunderts vorweisen können, hätten sie sich versöhnlerisch denen gegenüber erwiesen, die mit dem Kapitalismus ihren Frieden machen wollten.

Stehr ist nicht zu kritisieren, weil er etwas sagte, das polarisierte, sondern für das. was er sagte. Das, allein das, macht ihm zum Gegner des Kommunismus.

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junge Welt vom 20.01.2005

Hans Heinz Holz 

Es gilt, die Einheit der Gegensätze herzustellen

Antwort auf Repliken zum Artikel »Richtungskämpfe müssen ausgefochten werden«

* Wir veröffentlichen im folgenden eine Antwort von Hans Heinz Holz auf die Repliken zu seinem Artikel »Richtungskämpfe müssen ausgefochten werden« (siehe auch jW vom 8./9. und 14. Januar 2005).

Visualisierung wirkt heute nachdrücklicher als Verbalisierung. Die redaktionelle Bildbeigabe zu meiner Analyse der in den kommunistischen Parteien Europas bestehenden Richtungsgegensätzen hat offenbar mehr Erregung hervorgerufen als die Analyse selbst. Eine Zeitung hat natürlich ein berechtigtes Interesse, das Allgemeine auf das besondere Aktuelle zu beziehen. Wenn aber bei Lesern der Eindruck entstanden ist, es gehe in der DKP um einen Streit zwischen Personen, so möchte ich das korrigieren. Ich wollte zeigen, daß es aus historischen Gründen in der gegenwärtigen Phase der Neuformierung weltpolitischer Fronten zwei Tendenzen im Kampf gegen den Imperialismus gibt; daß diese Tendenzen einen objektiven Widerspruch der Situation widerspiegeln; und daß es für die kommunistische Bewegung verhängnisvoll wäre, wenn nicht beide Tendenzen zusammen das Bewußtsein und die Handlungsbreite kommunistischer Parteien bestimmen: defensiv bis reformerisch (nicht reformistisch!) und offensiv bis revolutionär. Die Dominanz der einen Richtung würde zu einer »Sozialdemokratisierung« führen, die Dominanz der anderen Richtung geriete in die Gefahr eines abenteuerlichen Linksradikalismus. Dialektik ist das Aushalten und Fruchtbarmachen dieses Widerspruchs. Natürlich wird sich dies in Personen manifestieren, die die unterschiedlichen Positionen vertreten – aber auf dem Boden der Einheit der Partei und des gegenseitigen Respekts. Niemand kann den Anspruch erheben, die alleinige Wahrheit zu besitzen. Als Wissenschaftler halte ich es mit der relativen Wahrheit im Sinne von Lenins Erkenntnistheorie, dies jedoch mit der Genauigkeit des Begriffs, gegen pluralistische Beliebigkeit und postmodernen Firlefanz.

Argumente gefragt

In der Tat haben Heinz Stehr und ich in einigen grundsätzlichen Fragen verschiedene Auffassungen – z.B. über das Verständnis der Avantgarde-Rolle der Partei, über die Vorstellungen von einem zukünftigen Sozialismus, über die Ursachen der Niederlage von 1989. Aber nicht darum ging es mir‚ und ich habe mich bisher auch jeder publizistischen Polemik enthalten, Argumente und nicht Anwürfe müssen ausgetauscht werden. Durch prononciert einseitige Stellungnahmen hat Heinz sich in die Schußlinie kritischer Genossen gebracht. Das ist nicht gut, in der Funktion eines Parteivorsitzenden liegt die Aufgabe der Integration, nicht der Polarisierung. Ich fürchte nicht, wie Robert Steigerwald meint, daß die Partei in Richtung auf Reformismus abdriftet; nach einigen hundert Parteiveranstaltungen in den letzten Jahren glaube ich, die Basis der DKP gut genug zu kennen, um diesem Defätismus nicht zu verfallen. Aber ich bemerke mit Besorgnis, daß die begriffliche Klarheit und politische Eindeutigkeit in den Verlautbarungen der Parteiführung zu verschwimmen droht, und ich messe mit Robert und vielen anderen Genossen der ideologischen Arbeit erstrangige Bedeutung für die Stabilität und Handlungsfähigkelt der Partei bei.

Richtig ist der Hinweis von Pierette, daß in der Analyse auch die veränderte Klassensituation hätte berücksichtigt werden müssen (was ja auch bei Robert anklingt). In den Metropolen des Imperialismus konnte das Kapital unter dem Druck der Systemkonkurrenz mit dem Sozialismus die Arbeiterklasse durch spürbare soziale Zugeständnisse in dem Glauben wiegen, eine reformistische Politik werde den Kapitalismus entschärfen. Zudem veränderte die Verschiebung im Gewicht von Produktions- und Dienstleistungssektor die Bewußtseinslage der Lohnabhängigen — und Klassenbewußtsein gehört nun einmal zur Konstitution einer »Klasse für sich«. Aber der grundlegende Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital ist damit nicht aufgehoben, und der aus der Akkumulation des Kapitals entspringende Selbstwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft bleibt deren Bewegungsform. Das bedeutet, daß marxistische Theorie die soziologische Veränderung der Klassenverhältnisse im Rahmen der Konstanz des Klassenkampfes analysieren muß. Und nur wenn sie diese ihre Erkenntnisse in das gemeinsame Handeln mit Bündnispartnern in den Protestbewegungen einbringt, erweist sich eine kommunistische Partei eben als kommunistische. Das gilt für alle europäischen Länder und vor allem für jene Kommunisten, die nach einer Regierungsbeteiligung schielen.

Wir leben in einer Phase weltpolitischer Transformationen und Übergänge. Daß dabei Einschätzungsdifferenzen auftreten, die zu unterschiedlichen Strategien führen, versteht sich von selbst. Der Streit darum ist ein Zeichen für die Lebendigkeit der Partei, er sollte deshalb auch lebhaft geführt werden.

Ich fürchte allerdings, daß es manchen an der Bereitschaft fehlt, die Positionen zusammenzuführen und die »Einheit der Gegensätze« (Lenin) herzustellen. Einseitigkeiten durchsetzen zu wollen, müßte die Partei zerreißen und lähmen. Vor dieser Gefahr wollte ich warnen, indem ich über ihre Ursprünge nachdachte. Die offene Diskussion darüber kann nur nützen, sie muß zum Stil kommunistischer Selbstverständigung gehören.


[1]  Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring") mehr

[2]  Friedrich Engels: Die Entwickung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (Anti-Dühring") mehr

[3]  Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring") mehr

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