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„Sie
fungiert als Feigenblatt (die PDS-Parteilinken, Red. K-online) der
sozialreformerischen Parteiführung. Mit dem Parteiputsch nach dem
Geraer Parteitag und dem Sonderparteitag der PDS ist nunmehr jede
Chance für die marxistische Linke in der PDS ausgeschlossen, im
Interesse der Rekonstruktion der deutschen marxistischen Linken
irgendwie Zeit zu gewinnen oder die Basis für eine prinzipielle
Korrektur des Programmentwurfs zu aktivieren. Und was entscheidend
ist: Mit der Annahme dieses Programms hat die marxistische Linke als
gleichberechtigter Partner einer pluralistischen Partei endgültig
ausgespielt.“ |
Ingo
Wagner
Für
die Rekonstruktion der deutschen marxistischen Linken ist Lenins
Parteitheorie weitergedacht unabdingbar
Positionsbestimmungen
[Thesen (Probleme, Vorschläge)]:
-
Methodologisches/Theoretisches, PDS-Desaster, Lenins Parteitheorie heute -
Einführend:
Die positive und negative Resonanz zum Parteienheft
verlangt auf jedem Fall, über diese Thematik weiter nachzudenken. Ein
diesbezügliches Ergebnis habe ich in „Offensiv“ publik gemacht.
Angesichts der Deformation der PDS-Krise und des desolaten Zustands der
kommunistischen Bewegung in der BRD kommen einem die Worte Rosa Luxemburgs
in den Sinn, die sie am 31. August 1915 an Franz Mehring schrieb: „Freilich
ist jetzt die ganze Lage derart verworren, daß eine richtige Freude am
Kampf gar nicht aufkommen kann. Alles ist noch in der Verschiebung
begriffen, der große Bergrutsch scheint gar kein Ende zu nehmen, und auf
einem solchen zerwühlten und schwankenden Feld die Strategie zu bestimmen
und die Schlacht zu ordnen, ist eine verteufelt schwierige Sache. Ich fürchte
mich eigentlich jetzt vor gar nichts mehr.“ Um auf dem „zerwühlten
und schwankenden Feld die Strategie“ heute bestimmen zu können, setze
ich nunmehr meine Überlegungen für die historisch notwendige
Gestaltungsformung einer massenwirksamen marxistischen Partei in
Deutschland fort. Sie werden zu vielen Sachverhalten, die in der sozialen
Wirklichkeit oder im menschlichen Bewußtsein wirklich existieren, in Thesenform
dargelegt – also in solchen Behauptungen, die das Wesentliche aus einem
Komplex von Tatsachen pragmatisch vermitteln und deren Wahrsein durch
Tatsachen belegt ist.
Lenins
Denkmethode – Grunderfordernis für marxistisch-leninistisch
politisch-theoretische Erkenntnis
1.
Um „die Schlacht zu ordnen“, ist es auch notwendig, sich auf Lenins
Denkmethode zu besinnen, um auf diesem schwierigen Feld zugleich ein
solches Urteilen und Handeln, das einer objektiven Sachlage nicht
entspricht (Subjektivismus), minimieren zu können.
1.1.
„Der Marxismus ist das System der Anschauungen und der Lehre von
Marx.“
Lenin verband diese kurze Definition (definito verbalis) stets damit, daß
er „kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln“ ist.
Seine „lebendige Seele“ ist „die Dialektik, die Lehre von der
allseitigen und widerspruchsvollen historischen Entwicklung“.
„Sein Zusammenhang mit den bestimmten praktischen Aufgaben der Epoche,
die sich bei jeder neuen Wendung der Geschichte ändern können“,
war für Lenin das Alpha und Omega der Weiterentwicklung des Marxismus. Er
muß „unbedingt den auffallend schroffen Wechsel der Bedingungen des
gesellschaftlichen Lebens widerspiegeln.“
Und folglich müssen auch „im Marxismus als einer lebendigen Lehre
jeweils verschiedene seiner Seiten in den Vordergrund treten.“
Das Axiom der Leninschen Denkmethode ist folglich: „Der ganze Geist des
Marxismus, sein ganzes System verlangt, daß jede These nur a) historisch;
ß) nur in Verbindung mit anderen; y) nur in Verbindung mit den konkreten
Erfahrungen der Geschichte betrachtet wird.
1.2.
Die von Lenin angemahnte Weiterentwicklung des Marxismus gemäß den sich
wandelnden historisch-konkreten Bedingungen bedarf auch der Logik der
wissenschaftlichen Forschung. Parenthetisch für die Konnexität dieser
Abhandlung: Die Tatsache als Element wissenschaftlicher Kenntnis
(wissenschaftliche Tatsache) dient bei der Überprüfung und
Weiterentwicklung der marxistischen Theorie dazu, Probleme zu lösen. Und
diese involviert, prinzipiell neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das
wissenschaftliche Problem ist insofern die subjektive Form, in der sich
die Notwendigkeit der Entwicklung auch der marxistischen Erkenntnis ausdrückt,
und zwar zugleich als Problemsituation, in der sich der objektiv im
gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß entstehende Widerspruch zwischen
Wissen und Nichtwissen in der marxistischen Theorie zeigt. Sie impliziert
deshalb auch den Irrtum, der neben der Wahrheit als integrierendes Moment
des sozialen Erkenntnisprozesses erscheint. Als eine Form des Wissens vom
Unbekannten bewahrt der Irrtum im Marxismus – obwohl er kein adäquates
Wissen über das Wesen der „Fragen stellenden“ Wirklichkeit vermittelt
nichtsdestoweniger bis zur wirklichen Entdeckung dieses Wesens – das
herkömmliche marxistische Wissenschaftssystem vor Erosion durch die
„harten Schläge“ der Praxis und sichert insofern dessen
Weiterentwicklung. Diese Dialektik schließt ein, daß auf den Boden und
im Rahmen des Marxismus selbst solche theoretische Kontroversen möglich
und notwendig sind, denen weder die Qualität des Opportunismus noch die
des Dogmatismus von vornherein inhärent sind.
1.3. In unserer Zeit, in der sich auch Linke oft alles Mögliche von der
„Seele aus dem Bauch“ reden, könnte die notwendige schöpferische
Pflege des Marxismus gemäß den gegenwärtigen Erfordernissen zugleich
helfen, folgende Axiome der Leninschen Methodologie wirksam zu
praktizieren: Erstens. Lenin forderte kategorisch, niemals das Allerwichtigste
zu umgehen – „worin das innerste Wesen, die lebendige Seele des
Marxismus besteht: die konkrete Analyse einer konkreten Situation.“
Ergo: Jede Losung bedarf zu ihrer Rechtfertigung die genaue Analyse sowohl
der ökonomischen Wirklichkeit als auch der politischen Situation und der
politischen Bedeutung dieser Losung. Jede Zuspitzung des Kampfes ist
deshalb für ihn eine leere Phrase von Subjektivisten. Zweitens. Für
Lenin war eisernes Gesetz, daß der „Marxist ... als Prämisse seiner
Politik nur genau und unbestreitbar bewiesene Tatsachen annehmen“
darf.
Und drittens. Lenin betonte stets, daß der „Marxismus ... auf
dem Boden der Tatsachen und nicht der Möglichkeiten (steht)
... Gerade in der ‚Methodologie’ ... muß man das Mögliche vom
Wirklichen unterscheiden.“ Und er fügt sarkastisch
hinzu: „Möglich ist jede Art der Verwandlung, sogar die eines
Dummkopfs in einen klugen Kerl, aber in der Wirklichkeit sind
derartige Verwandlungen selten. Und allein wegen der ‚Möglichkeit’
einer solchen Verwandlung werde ich nicht aufhören, einen Dummkopf für
einen Dummkopf zu halten.“ Und an Inès Armand:
„Und das ‚Mögliche’!!?? ‚Möglich’ ist vieles!... Die Politik
des Marxismus basiert auf dem Wirklichen und nicht auf dem ‚Möglichen’.
Möglich, daß eine Erscheinung sich in eine andere verwandelt – und
unsere Taktik ist nicht starr. Parlez
moi de la réalité et non pas des possibilités!» (Sprechen Sie
mir von der Wirklichkeit und nicht von Möglichkeiten!)
Für
die nachfolgenden Thesen ist dieser einleitende
methodologisch-theoretische Prolog Richtschnur. Das gesamte Material
bedarf natürlich (in anderen Zusammenhängen) der weiteren Diskussion. Es
ist zum Nachdenken und als ein Schritt der Erkenntnisgewinnung gedacht.
Weiter Schritte sind notwendig.
Der
Niedergang der Partei des Demokratischen Sozialismus
2.
Der von oben organisierte Putsch der PDS-Rechten, der jede Demokratie mit
Füßen trat, kulminierte in den Ergebnissen des Berliner
Sonderparteitages (28./29. Juni 2003). Das Fazit: Hinter einem
diffusen Geflecht von Lügen, Halbwahrheiten, Denunziationen,
Machtgerangel und Zurschaustellung von wechselseitigen Antipathien,
versteckt sich „in Wirklichkeit ein tiefer inhaltlicher Konflikt
zwischen echten Sozialisten und auf die Seite der herrschenden Übergelaufenen.“
Und auf den Parteitag selbst wurde, um dies zu kaschieren, die Legende
verbreitet, mit Lothar Bisky sei ein Repräsentant einer sich mit der
Herausbildung der PDS zeigenden „demokratisch-sozialistischen Grundströmung“
wiederum an die Spitze der Partei gelangt;
Bisky ordnete auf dem Parteitag auch Gregor Gysi in diese „Grundströmung“
ein. Aber die Wahrheit ist immer konkret. Es hieße Eulen nach Athen zu
tragen, hier nachzuweisen: Bisky und Gysi waren stets führende Repräsentanten
des Reformflügels in modern-sozialistischer Intention („Sozialismus“
im Kapitalismus) – insofern Rechte in der PDS. Natürlich kennen
beide diese Wahrheit. Deshalb erlaube ich mir hier ein Werturteil
mit Brecht (etwas modifiziert): „Wer (diese) Wahrheit nicht (mehr) weiß,
der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie (jetzt) eine Lüge
nennt, der ist ein Verbrecher! (Leben des Galilei) Daß der
beschlossene Leitantrag Metamorphosen innerhalb der neoliberalen Politik
der politischen Klasse Tür und Tor öffnet, überrascht nicht. Hier
gilt wohl, was Marx und Engels in ihrem Zirkularbrief (vom 18. September
1879) an Bebel, Liebknecht und Bracke u. a. den damaligen Opportunisten
hinsichtlich der sozialdemokratischen Partei polemisch ins Stammbuch
schrieben: die „Partei soll keine Arbeiterpartei sein, sie soll nicht
den Haß der Bourgeoisie oder überhaupt jemandes auf sich laden; sie soll
vor allem unter der Bourgeoisie energisch Propaganda machen; statt auf
weitgehende, die Bourgeoisie abschreckende und doch in unserer Generation
unerreichbare Ziele Gewicht zu legen, soll sie lieber ihre ganze Kraft und
Energie auf diejenigen kleinbürgerlichen Flickformen verwenden, die der
alten Gesellschaftsordnung neue Stützen verleihen und dadurch die
endliche Katastrophe vielleicht in einen allmählichen, stückweisen und möglichst
friedfertigen Auflösungsprozeß verwandeln könnten.“
Auch heute gilt: Trotz Opposition im einzelnen „nutzt die Linie, die die
PDS-Führung eingeschlagen hat, tatsächlich der Festigung des
kapitalistischen Systems im Ganzen“
Das
Hauptergebnis des Putschparteitages ist: Mit der Wahl des neuen
Vorstandes ist es gelungen, die Annahme des Programmentwurfs auf dem
Chemnitzer Parteitag im Herbst in seiner Grundsubstanz zu sichern. Gabriele
Zimmer bleibt Vorsitzende der Programmkommission; sie darf so ihr Zerstörungswerk
der PDS zum bitteren Ende führen. Es handelt sich hier um einen seit
langem laufenden prinzipiellen Richtungswechsel, der mit der Annahme eines
neuen Parteiprogramms auf dem Oktoberpartei der PDS zum Abschluß gebracht
wird. Die Reformsozialisten drücken so „siegreich“ der PDS ihren
programmatischen und politischen Stempel auf, es ist insofern ein
Pyrrhussieg, als er mit dem endgültigen „Aus“ für die PDS als
sozialistische Partei verbunden ist. Mit diesem Programm ist auch jede
Hoffnung auf eine gesamtdeutsche wirklich sozialistische Partei,
die massenwirksam agieren könnte, historisch kurzfristig passé.
Es
gibt jüngst verstärkt eine sachlich-kritische Sicht von PDS-Linken auf
den Programmentwurf. Ich nenne hier nur das „Minderheitenvotum zum
Programm der Partei des Demokratischen Sozialismus“ von Uwe-Jens Heuer
und Winfried Wolf,
die „Zehn Thesen zur Kritik des Programmentwurfs“ von Ekkehard Jänige,
Ekkehard Lieberam, Dorotheé Menzner, Thomas Pätzold, Sigurt Schulze,
Jochen Traut und Winfried Wolf. Diese Positionierung und
viele Einzelstimmen setzten folgerichtig die „Wortmeldungen von 32
Autoren zum Programm der PDS“
fort. Im Prinzip stimme ich diesen Überlegungen zu; allerdings meine
ich, daß sie an der Grundstruktur und der Intention dieses Entwurfs und
damit an dessen Charakter nichts verändern werden. Denn jede
prinzipielle Kritik am Programmentwurf läuft ins Leere.
2.1.
Die Ergebnisse des Sonderparteitages zeigen zugleich die (bisherigen)
Entwicklungstrends der PDS auf ihren diffusen Wegen in den
kapitalistischen Orkus an. Die Exemplifikation:
-
Nach Hans Modrow – so in seinem Einleitungsreferat auf dem Geraer
Parteitag der PDS (12./13. Oktober 2002) – hat sich die PDS „ihren
Wesen nach zu einer neuen Partei mit sozialistischem Charakter entwickelt,
in der sich – so ist meine Überzeugung – die revolutionären
Traditionen der deutschen Sozialdemokratie und nicht ihr opportunistisches
Versagen sowie die humanistischen Elemente kommunistischer Überzeugung
und die nicht mit dem Namen Stalins verbundenen Verbrechen miteinander
vereinen.“
-
Diese Behauptung entbehrt jeglichen Argumenten und jeder Demonstration.
Als Prämisse fungieren nicht Tatsachen, Daten der Praxis, sondern die
eigene „Überzeugung“, die zugleich als These fungiert. Hier handelt
es sich um eine Argumentation auf das Publikum (argumentum ad publicum):
anstelle einer Begründung mit Hilfe objektiver Argumente wird auf die Gefühle
der Zuhörer eingewirkt; diese werden so davon abgelenkt, sich in Ruhe
eine objektive Meinung über den zu beurteilenden Gegenstand zu bilden.
Diese These zeichnet sich durch Falschheit und Unhaltbarkeit aus. Ihre
Widerlegung – sie ist notwendig, um Illusionen über die Rolle der PDS
und so politische Fehleinschätzungen zu paralysieren – involviert, das
Tatsachengefüge offenzulegen, woraus sich der Charakter der PDS ergibt:
praktisch-politisches Handeln, programmatisch-ideologische Positionierung,
Rolle der Basis und der Parteiführer, Klassenfunktion. Zu vielen diesbezüglichen
Komponenten in ihrer Korrelation mit Folgerungen bezüglich des Charakters
der PDS habe ich mich bereits publikativ geäußert.
Das Fazit: Die PDS ist weder eine sozialistische noch antikapitalistische
Partei; sie hat sich zu einer Partei des kleinbürgerlichen
Sozialreformismus entwickelt; sie wird faktisch-politisch durch eine
(gegenwärtige) linke sozialdemokratische Intention geprägt; in concreto:
-
Wesentlich ist: Das geltende Programm der PDS mit seiner
antikapitalistischen Ausrichtung und einigen marxistischen Komponenten ist
schon seit langem de fakto außer Kraft gesetzt. Der jetzige
Programmentwurf folgt in wesentlichen Punkten dem Godesberger Programm der
SPD von 1959: Abschied vom Marxschen authentischen Sozialismus überhaupt;
Sozialismus als idealistisch-metaphysische Schimäre, Abschied von der
Forderung nach Vergesellschaftung der entscheidenden Produktionsmittel,
Ausrichtung der Politik auf Regierungsbeteiligung. Diese Positionierung
zielt darauf ab, Linke den sozialen und ökonomischen Erfordernissen des
Kapitals unterzuordnen, sie in den politischen Mainstream der bürgerlichen
Gesellschaft einzuordnen und in deren kulturelle Hegemonie einzubeziehen. Die
sozialintegrierende Funktion eines solchen Ziels ist es, dieses System
durch Beschneidung seiner extremen Auswüchse zu erhalten. In dieser
Sicht wird die PDS versuchen, den Platz im politischen System der BRD
einzunehmen, den die SPD mit ihrer Entwicklung zu einer der Staatsparteien
des kapitalistischen Systems endgültig geräumt hat; und zwar gleichfalls
als Staatspartei – allerdings im „sozialistischen“ Gewand. - Doch
dieser Sozialismus ist „kapitalistischer Sozialismus“, wie er bereits
von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest als Bourgeoissozialismus
(Bourgeoisiesozialismus) charakterisiert wurde: „Die sozialistischen
Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die
notwendig daraus hervorgehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die
bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und auflösenden
Elemente. Sie wollen die Bourgeoisie ohne das Proletariat. Die Bourgeoisie
stellt sich die Welt, worin sie herrscht, natürlich als die beste Welt
vor. Der Bourgeoissozialismus arbeitet diese tröstliche Vorstellung zu
einem halben oder ganzen System aus. Wenn er das Proletariat auffordert,
seine Systeme zu verwirklichen, um in das neue Jerusalem einzugehen, so
verlangt er im Grund nur, daß es in der jetzigen Gesellschaft
stehenbleibe, aber sein gehässigen Vorstellungen von derselben
abstreife.“ Der Sozialismus
der PDS ist Bourgeoisie-Sozialismus in „moderner“ zeitgemäßer
Fassung: „Sozialismus“ durch Kapitalverwertung auf dem Boden und im
Rahmen des Kapitalismus. Und das ist auch der Kern des
Programmentwurfs der PDS, der bereits seit Jahr und Tag den Charakter der
„PDS als „linke“ Partei wesentlich prägt. Dieser Sozialismus beginnt
mit „Sozialismus als Tagesaufgabe“ und Regierungsbeteiligung.
-
Ein solcher Sachverhalt fällt insgesamt hinter Eduard Bernstein zurück,
der als reformistischer Sozialist wollte, daß die Sozialdemokratie die
kapitalistische Produktionsweise überwindet – obwohl seine politischen
wie ökonomischen und philosophischen Theorien nicht geeignet waren, die
sozialistische Ordnung zu verwirklichen. Die PDS ist insofern keine
klassische reformistische Partei. Sie ist eine moderne „linke“ Partei
des kleinbürgerlichen Sozialreformismus, die als Sozialdemokratie sui
generis den Sozialismus der Bourgeoisie repräsentiert. Daß sie nunmehr
Willens ist, innerhalb des neoliberalen Kurses der politischen
Klasse an der Liquidierung des Sozialstaatsprinzips des Grundgesetzes und
der sozialen Rechte, die der herrschenden Klasse abgerungen wurden,
„links“ - vor allem durch Regierungsbeteiligung - mitzuwirken, ist die
Konsequenz.
2.2.
Mit dem Parteiputsch im Gefolge des Geraer Parteitages, der eine Rebellion
der Basis gegen den Anpassungskurs des damaligen Vorstandes war, wurde die
Büchse der Pandora geöffnet: schrilles, bizarres Stimmengewirr aus
diversen PDS-Kreisen voller Arabesken, Paradoxien, Lügen, Halbwahrheiten
zwischen vermeintlichem Erfolg und Desaster. Um den Ariadnefaden
aufzugreifen, der den ganzen ideologischen, persönlichen und politischen
Müll der Erscheinungsformen dieser Krise hinter sich läßt und den Blick
auf das Schicksal der PDS freigibt, sind ebenfalls einige historische
Reminiszenzen am Platze. Tatsachen sind:
-
Der Moderne Sozialismus wurde bereits mit der Gründung der PDS – dem
ersten Parteiputsch – ins Spiel gebracht. Er wurde in der Endzeit der
DDR als bürgerliche Modernisierungstheorie von den Verfassern des
PDS-Programmentwurfs – Dieter Klein, Michael Brie und André Brie –
aus der Taufe gehoben. In zunächst kleinen Dosen in die PDS eingeführt
verdrängte er nach und nach die noch marxistische Position des
Grundkonsenses und zerstörte so die marxistischen Komponenten des noch
geltenden Parteiprogramms.
-
Gregor Gysi bemühte sich zehn Jahre redlich, diesen Modernen Sozialismus
in der PDS zu verankern und Lothar Bisky – der sich gelegentlich als
Marxist bezeichnete und feiern ließ, quälte sich acht Jahre damit ab, um
dann die Sache hinzuschmeißen: Aber immerhin: es ist beiden durchaus
gelungen, die Partei so zu erneuern. Nach Günter Grass hat sich die
Partei auch fortentwickelt. „Es ist ihr gelungen, vor allem Lothar Bisky
und Gregor Gysi – ich sage es bewußt in dieser Reihenfolge -, sich zu
erneuern ...Die PDS soll (in Berlin) ruhig mitregieren.“
-
Gabriele Zimmer hat beschleunigt fortgesetzt, was Gysi und Bisky auf den
Weg gebracht haben – wenn auch unter Zurückstellung der
programmatischen Debatte. Sie hat ihr politischen Schicksal stets mit dem
Programmentwurf und insofern mit der Positionierung der Reformsozialisten
verbunden. Auch in ihrer Sicht sagt der neue Entwurf „klarer, was
wir unter demokratischem Sozialismus ... verstehen.“ (ND, 25.2.03) Und
in ihrem Brief an die Mitglieder der PDS vom 7. Mai 2003 erklärte sie
nachdrücklich, daß der Entwurf an Substanz verliert – ob der
„bestehenden Mehrheitsverhältnisse (im Bundesvorstand) und bereits
angekündigter Veränderungsvorschläge ... Ich sehe vor diesem
Hintergrund den Chemnitzer Programmparteitag gefährdet.“ Mit dieser
„Offenbarung“ wird aber zumindest der Form nach das tiefere
Ursachengeflecht in der PDS-Krise angedeutet.
-
Obwohl das Wort „Moderne“ inzwischen aus dem Sprachgebrauch der
Programmdebatte verschwunden ist, hat sich an der Sache selbst nichts geändert.
Die PDS wird heute ideologisch und politisch wesentlich durch die
sogenannten Reformsozialisten – die sich jetzt „linke Reformer“
nennen – geprägt. Der „moderne Sozialismus“ als ein soziales
Produkt des modernen Kapitalismus selbst war, ist und bleibt in dieser
Transformation strategische Triebfeder, und zwar in Symbiose mit den
sogenannten Reformpraktikern, die vor allem in der parlamentarischen
Arbeit tätig sind. Bisky selbst, der jetzige Parteivorsitzende, hat stets
einen solchen Modernen Sozialismus als Reformpraktiker und Ideologe
vertreten, der „auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft“ mittels
sozialreformerischer Anpassung an den Kapitalismus abzielt – also
auf einen „sozialistischen“ Kapitalismus. Sein Hauptanliegen wird es
deshalb sein, die Annahme des neuen Parteiprogramms zum Abschluß zu
bringen. Damit wird de facto programmatisch festgeschrieben: Das
politisch-ideologische Anliegen der führenden PDS-Strömung ist das
Funktionieren des Kapitalismus; und zwar durch die Lähmung der noch
revolutionären und wirklich antikapitalistischen Kräfte.
-
Die PDS-Führung hat mit diesem Kurs insgesamt etwas vollbracht, was
niemand in der alten Bundesrepublik hätte bewerkstelligen können; sie
hat einerseits das noch vorhandene antikapitalistische, sozialistische
Bewußtsein vieler ehemaliger Bürger der DDR deformiert, „anpassungsfähig“
gemacht und andererseits wirklich Linke ins Abseits gestellt. Insofern
hat die PDS bereits ihre „historische Mission“ erfüllt. Der Kurs des
Modernen Sozialismus als Bourgeoisiesozialismus könnte früher oder später
als antirevolutionäre Potenz modifiziert in andern politischen Formen
fortgesetzt werden.
Als deformierte Regionalpartei Ost hat die PDS politisch keine Chance, im
jetzigen politischen Kräftespektrum irgend welche Erfolge zu erreichen
– abgesehen vom Ausbau der sozialen Stellung und der materiellen
Absicherung der im kapitalistischen System angekommenen Reformsozialisten
und Reformpraktiker. Erhard Eppler hat wohl kaum Unrecht, daß früher
oder später der weitgehend sozialdemokratische Kern der PDS in die SPD
einmündet. „Wir müssen bereit sein, den Laden zu übernehmen –
inklusive der Wähler.“
Nunmehr
möchte ich mich einem Werturteil für diejenigen anschließen, die auf
die Politik des Ausverkaufs der PDS zielen sowie für die Aufgabe von
PDS-Positionen verantwortlich sind: „Sie haben nicht nur keine Vision.
Es handelt sich um politische Abenteurer und Bankrotteure.“ Und Klaus Steiniger merkt
an: „Es muß in der PDS eine ‚fünfte Kolonne’ bestehen“ –
angesichts des PDS-Desasters.
Solchen Fragen kann nur außerhalb dieser Thesen mit einem anderen Annäherungsgefüge
nachgegangen werden.
2.3.
Bei einem solchen Sachverhalt drängt sich die Frage auf; „Quo vadis
marxistische Linke in der PDS?“
In
Offensiv habe ich sie in meiner Sicht beantwortet, und zwar mit der
Quintessens, daß mit der weiteren kapitalistischen Versumpfung der PDS
als Sozialdemokratie sui generis, d. h. bourgeoisiesozialistischer Prägung
der Rubikon für die marxistische Linke bereits überschritten ist:
Sie fungiert als Feigenblatt der sozialreformerischen Parteiführung. Mit
dem Parteiputsch nach dem Geraer Parteitag und dem Sonderparteitag der PDS
ist nunmehr jede Chance für die marxistische Linke in der PDS
ausgeschlossen, im Interesse der Rekonstruktion der deutschen
marxistischen Linken irgendwie Zeit zu gewinnen oder die Basis für eine
prinzipielle Korrektur des Programmentwurfs zu aktivieren. Und was
entscheidend ist: Mit der Annahme dieses Programms hat die marxistische
Linke als gleichberechtigter Partner einer pluralistischen
Partei endgültig ausgespielt. Der Programmentwurf räumt zwar
„Minderheiten das Recht und die Möglichkeiten ein, ihre Überzeugungen
und Ziele“ zu vertreten – aber „im Rahmen der Grundsätze und
demokratisch-sozialistischen Orientierungen des Statuts und dieses
Programms der Partei des Demokratischen Sozialismus ...“ Aber dieses ist
ein bourgeoissozialistisches. Da hat man nun als marxistischer Linker in
dieser Partei die Wahl. Entweder man läßt sich als weltanschaulicher Krüppel
und Suppenkasper für einen solchen „Pluralismus“ mißbrauchen oder
man bringt sich – früher oder später – in die Rekonstruktion der
marxistischen Linken in der BRD ein. Dieser Bruch wäre auch aus einem
anderen Grunde sinnvoll; denn die Existenz der PDS als einer kleinbürgerlichen
Partei des „sozialistischen“ Kapitalismus „mit einem bedeutenden
traditionell kommunistischen Mitgliederanteil muß unter diesen Umständen
zur Verwirrung des politischen Bewußtseins beitragen und damit
Unsicherheiten über die langfristigen strategischen Perspektiven
kommunistischer Politik und ihre taktische Umsetzung im gegenwärtigen
Zeitpunkt erzeugen.“
Die
marxistische Linke in der PDS führt also bereits Nachhutgefechte, die sie
sicherlich so oder so zu einem „Ende“ bringen muß. Auf dem Berliner
PDS-Sonderparteitag ordnete sie sich den „Regeln“ diese
Putschparteitages unter und trat so in die Endphase ihrer eigenen
Deformation ein. Sie konnte zwar den Deformationsprozeß der PDS
verlangsamen, hat aber selbst entscheidende Fehler begangen und so
dem Modernen Sozialismus Tür und Tor geöffnet: Das Marxistische Forum
und die KPF haben sich nicht genügend politisch-organisatorisch und vor
allem theoretisch-programmatisch zur Wehr gesetzt.
Ein solch schweres Versäumnis läßt sich aber nicht mit Blick auf die
Geschichte, nicht für die Spaltung der Partei, die ja seit Jahr und Tag
von den Modernen Sozialisten betrieben wird, verantwortlich sein zu
wollen, kaschieren.
Später „bestimmte Fragen unserer Kinder und Enkel“ können nicht
davon abstrahieren, daß die marxistische Linke in der PDS das Risiko der
Trennung nicht offen ausgesprochen und so die Notwendigkeit wenigstens
einer wirklichen Korrektur des PDS-Kurses selbst paralysiert hat. Auch der
„Geraer Dialog“ ist ob seiner Illusionen, die er mit diesem Projekt
verband und seiner Fehleinschätzung des wirklichen Kräfteverhältnisses
in der PDS faktisch gescheitert. Und die „Linke Opposition in und außerhalb
der PDS“ hat sich (mit dem Scheitern ihres Bundeskongresses am 5.7.2003)
praktisch aufgelöst.
Der
Ruf nach einer revolutionären massenwirksamen marxistischen Partei!
3.
Angesichts einer solchen Lage in der PDS ist es keinesfalls verwunderlich,
daß sich mit der Entfesselung des modernen Kapitalismus jüngst verstärkt
Stimmen zu Wort melden, die fordern, eine massenwirksame marxistische
Partei zu schaffen. Aus der Fülle solcher Forderungen sei eine Meinung
angeführt, die als Denk-Zettel im ND (21.09.2001) stand: „Deutschland
braucht eine revolutionäre demokratische marxist(ische)-leninist(ische)
Volkspartei, links von der PDS! Sozialisten einigt euch! Effi.“
Einverstanden! All solche Auffassungen kann man so auf den Punkt bringen: Eine
marxistische Partei in Deutschland ist historisch notwendig. Klaus
Steiniger meint zum Beispiel: „Im imperialistischen Deutschland ist die
Schaffung einer stärkeren, größeren und einheitlichen Partei aus
Kommunisten und Sozialisten, die auf dem Boden des Marxismus-Leninismus
steht, eine strategische Aufgabe, ein historischer Imperativ.“ Im RotFuchs wird seit
Jahr und Tag für eine solche Partei plädiert, die - wie Dieter Itzerott
prononciert anmahnt - „die besten Erfahrungen aus Ost und West in sich
aufnimmt.“ Und Michael Opperskalski
plädiert für die kommunistische Bewegung in der Bundesrepublik dafür,
„eine ‚neue Legierung’ aus dem Erfahrungsschatz von Genossinnen und
Genossen zu schmieden, die, sofern sie aus der DDR kommen, die Erfahrung
der Machtausübung mitbringen oder, sofern sie aus der (alten) BRD
stammen, Erfahrungen im Klassenkampf gegen eine der erfahrendsten
imperialistischen Bourgeoisien gesammelt haben.“
3.1. Die Lage in der kommunistischen Bewegung in Deutschland ist
gleichfalls mehr als besorgniserregend. Mit dem Sieg der Konterrevolution
hat sich eine fast tödliche Krise für den Kommunismus eingestellt. Dies
verdeutlichte auch „Das Parteinheft“ in Offensiv sowie die zu diesem
Heft geführte Diskussion.
Richtig ist, „daß es derzeit in Deutschland KEINE einheitliche,
marxistisch-leninistische kommunistische Partei gibt. Es gibt in der BRD
eine Reihe von Parteien und Organisationen mit kommunistischem Anspruch.
Sie alle haben ihre eigene Tradition, ihren eigenen Erfahrungshorizont und
somit auch derzeit ihre eigene ‚Existenzberechtigung’.“
Ohne hier auf weitere Analyse und Bewertung einzugehen, sei parenthetisch
nur angemerkt: Die DKP, die gegenwärtig um ihre programmatische
Positionierung ringt, ist völlig überaltert; sie ist nicht in der Lage
flächendeckend zu arbeiten, wird in der Öffentlichkeit nicht wirklich
wahrgenommen und ist bündnispolitisch weitgehend isoliert. Und die
ideologische Situation ist unbefriedigend, was sich auch darin zeigt, daß
es ihr auch mit ihrer programmatischen Debatte noch nicht ausreichend
gelungen ist, aus den Erfahrungen zweier gesellschaftlicher Systeme auf
deutschem Boden zu lernen und einen theoretisch-strategischen Plan zu
entwickeln, wie denn aus der gegenwärtigen Lage zum Sozialismus vorzustoßen
sei.
Die KPD verbindet ihre programmatische Positionierung mit der Hauptaufgabe
zur Überwindung des Revisionismus; das soll „die Entlarvung der
imperialistischen-revisionistischen Lügen über das politische Wirken J.
W. Stalins“ sein.
Und die MLPD erhebt mit ihrem im Dezember 1999 angenommenen Programm
„den allgemeinen Anspruch, die marxistisch-leninistische Partei neuen
Typs programmatisch auszurichten und insbesondere der Arbeiterklasse und
den breiten Massen aufzuzeigen, welche Schlußfolgerungen die MLPD aus der
Geschichte der internationalen marxistisch-leninistischen und
Arbeiterbewegung zieht.“
Es gibt also Zersplitterung der kommunistischen Kräfte, Konfusion und in
erheblichen Positionen Meinungsverschiedenheiten - alles Fragen, die in
concreto besonderer Überlegungen bedürfen.
3.2.
Für eine wirklich marxistische Massenpartei gibt es allerdings noch
keine realen Bedingungen. Gegenwärtig fehlen offenkundig die
Voraussetzungen für die Schaffung einer solchen Massenpartei. Man
kann eine solche Partei deshalb auch nicht willkürlich „gründen“.
Wolfgang Abendroth meinte zu Beginn der Achtzigerjahre, daß eine solche
Partei „nur in bestimmten Situationen entstehen (kann), wenn breite
Schichten dank ihrer Erfahrungen in gesellschaftlichen Kämpfen sie
wollen. Wann eine solche geschichtliche Situation ist, in der man sie
massenwirksam konstituieren kann, kann niemand prognostizieren, weil sich
das aus den konkreten Klassen-Auseinandersetzungen ergibt. Aber eben
deshalb, weil sie nur aus realen Kämpfen bestehender Gruppen der
deutschen Arbeiterklasse und Intelligenz-Schichten heraus entstehen könnte,
kann man sie nicht gleichsam aus freiem Ermessen in freier Phantasie
konstituieren.“
3.3.
Richtig ist, daß die Schaffung einer großen revolutionären
marxistischen Partei, die den Monopolen Paroli bieten könnte, kein Akt
der Spontaneität und kurzer Zeiträume ist. Aber richtig ist auch, mit
der historisch notwendigen langfristigen Gestaltungsformung einer solchen
Partei bereits jetzt ideologisch, politisch-aktiv und
theoretisch-programmatisch zu beginnen. Denn spontan wird sich eine
wirklich marxistische Massenpartei niemals entwickeln. Obwohl man sie
natürlich nicht am Reißbrett konstruieren kann: für einen geschichtlich
überschaubaren Zeitraum scheint mir immerhin auch in einer
nichtrevolutionären Zeit eine solche wenn auch kleine marxistische
Partei möglich zu sein, die sich zunächst um Masseneinfluß bemüht.
3.4.
Niemand weiß, wie sich die Rekonstruktion der marxistischen Linken in der
BRD in praxi vollziehen wird. Generell gilt wohl, daß der Marxismus des
21. Jahrhunderts nur als Marxismus des subjektiven Geschichtsfaktors
Erfolg haben kann. Und dies involviert: Ohne die Existenz und das
theoretisch-ideologische und politische Wirken marxistischer Parteien ist
dies - und damit zugleich die Chance für wirklich sozialistische
Bestrebungen - nicht zu haben. Deshalb ist es auch in Deutschland
notwendig, langfristig die historisch notwendige Gestaltungsformung eine
massenwirksamen marxistischen Partei ins Visier zu nehmen.
3.5.
Eine Grundvoraussetzung hierfür ist, daß die Marxisten aller Richtungen
in der BRD über die Notwendigkeit eines solchen Ziels debattieren und die
dafür erforderlichen Voraussetzungen diskutieren; und dies erfordert
auch, „die Geduld miteinander“ nicht zu verlieren, bereit zu sein,
„gegenseitige frühere Verengungsfehler zu respektieren und nicht zum
Gegenstand permanenten Kampfes aller gegen alle zu machen“ (Abendroth).
Im RotFuchs entwickelt seit einiger Zeit hierzu eine interessante und
konstruktive Debatte, die in dieser Hinsicht wertvolle Anregungen und
Vorschläge vermittelt, denen in anderen Zusammenhängen nachzugehen wäre.
3.6.
Der Kulminationspunkt für eine längere Zeit hierbei ist, durch die Aktionseinheit
aller antiimperialistischen Kräfte, von Kommunisten und Sozialisten, die
diesbezüglichen Kräfte zu sammeln, zu schulen und politisch-aktiv zu
formieren. Angesichts der vom heutigen Imperialismus ausgehenden Gefahren
gehören hierzu auch die linken Sozialdemokraten sowie das Bündnis mit
allen Antifaschisten, darunter jenen, die aus religiöser Ethik handeln.
Es gibt viele hoffnungsvolle Signale: Treffen von linken Parteien und
Organisationen, Verbänden und Mitgliedern von Vereinen zwecks Beförderung
der Zusammenarbeit; rote Tische aus Vertretern verschiedener
kommunistischer Organisationen und Einzelpersonen; Diskussionen zur
Einheit der Kommunisten usw. In Leipzig hat sich z. B. eine kreative
theoretisch-politische Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern des
marxistischen Forums, der DKP und des RotFuchs-Vereins entwickelt. Der
„Marxistische Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
bei der Historischen Kommission beim Parteivorstand der PDS“ leistet
seit Jahr und Tag als partei- und organisationsübergreifendes Gremium
wertvolle wissenschaftlich-historische Arbeit im Sinne von Aktionseinheit.
Der RotFuchs konnte sich zu einer Tribüne für Kommunisten und
Sozialisten in Deutschland entwickeln, die allen, die mit seinem Förderverein
übereinstimmen – er ist weder eine Partei noch eine Ersatzpartei –
eine politische Heimat bieten. „Offensiv“ verteidigt demonstrativ den
Marxismus-Leninismus und tritt unentwegt für die Zusammenarbeit linker Kräfte
und die Bündelung des antiimperialistischen Kampfes ein. Hierzu gehört
sicherlich auch der Vorschlag von Opperskalski und Frank Flegel, „daß
alle Genossinnen und Genossen, die sich als Kommunisten fühlen, Kontakte,
Vernetzungen, Zusammenarbeit, Austausch mit anderen Kommunisten über die
jeweiligen Organisationsgrenzen hinweg vertiefen und ausbauen sollten und
vor allem durch Bildung übergreifender Strukturen, Publikationsorgane,
regelmäßige Koordinationstreffen usw. verfestigen sollten - und das auf
allen Ebenen.“
Die Redaktion www.Kommunisten-online.de
leistet in dieser Richtung als „Nachrichten Katalysator“ m. E.
Beachtliches.
Für
Lenins Parteitheorie heute
4.
Die historisch notwendige Gestaltungsformung einer massenwirksamen
marxistischen Partei in Deutschland verlangt zwingend, sich auf Lenins
Parteitheorie weitergedacht zu besinnen. Ich stimme vollkommen einer
Grundaussage von Itzerott zu, wonach „Lenins Konzeption von der Partei
neuen Typus ... epochalen Charakter (hat), sie aufzugeben, ist ein
Verzicht auf die Realität unseres Zieles – die Errichtung des
Sozialismus.“
Lenins diesbezügliche Aussagen sind unter den heutigen Bedingungen einer
konterrevolutionären Restaurationsperiode keinesfalls überholt.
4.1.
Die Leninsche Partei neuen Typus ist inhaltlich die Fortführung und Präzisierung
der Parteitheorie von Marx und Engels in Abgrenzung gegenüber den alten,
vom Revisionismus zersetzten Parteien, die mit Ausbruch des ersten
Weltkrieges offen in das Lager der Bourgeoisie überliefen. Sie zeigt sich
in folgenden Phänomen: a) Sie wurzelt im wissenschaftlichen Sozialismus:
in der Lehre vom Klassenkampf sowie der „weltgeschichtlichen Rolle des
Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft.“
(Lenin) b) Der theoretisch-strategische Rahmen dieses Paradigmas wird
stets von den allgemeinen und spezifischen historischen Bedingungen des
Klassenkampfes geprägt: c) Und hieraus ergeben sich allgemein Gültiges
sowie Besonderes (der Organisation) des Parteilebens in verschiedenen
konkreten historischen Bewegungen.
4.2.
Die Aktivierung der Leninschen Parteitheorie weitergedacht für die
historisch notwendige Gestaltungsformung einer massenwirksamen
marxistischen Partei involviert auch, sich von deren Verformungen durch
die regierenden kommunistischen Parteien im realen Sozialismus zu trennen.
Die Preisgabe Leninscher Normen des Parteilebens als eine letztlich
(subjektive) innere Hauptursache der Niederlage des europäischen
Sozialismus insgesamt setzte in meinem Verständnis bereits in
gewisser Weise lange vor Stalins Tod (1953) ein. Sie führte über die
weitgehende Liquidation der innerparteilichen Demokratie zur Herrschaft
des Apparates, schließlich zu der einer Person in Gestalt des
Generalsekretärs über die Partei und zur Verflachung der marxistischen
Theorie. Wer hier den Schnitt in die Zeit nach Stalins Tod verlagert und
meint, daß die von Marx, Engels und Lenin ausgearbeitete Axiome einer
revolutionären Partei „von Stalin voll entfaltet’ wurden“ (Ulrich
Huar),
greift zu kurz. Diese Frage bedarf einer besonderen Darstellung, die hier
nicht erfolgen kann. Der unmittelbarer Anknüpfungspunkt ist also
die originäre Leninsche Parteitheorie, was keinesfalls die schöpferische
Nutzung und Verwertung progressiver Erfahrungen der Parteigeschichte im
realen Sozialismus ausschließt. Sie muß allerdings
von den Deformationen der Vergangenheit befreit und gemäß den heutigen
Bedingungen angewandt und weiterentwickelt werden.
4.3.
In dieser Sicht diesbezügliche Grundsatzfragen zu diskutieren, ist
vielleicht das Beste, was wir in der gegenwärtigen Situation über eine längere
Zeit tun könnten. Hierbei wird allerdings eine Erfordernis relevant, das
Steiniger so formulierte: „Angesichts wachsender faschistischer Gefahr
stehen wir fester denn je zur Aktionseinheit von Kommunisten, Sozialisten
und linken Sozialdemokraten, zum Bündnis mit allen Antifaschisten, darüber
jenen, die aus religiöser Ethik handeln. Man sollte nicht jede politische
Verschwommenheit durch das Vergrößerungsglas betrachten. Bei der
Bestimmung von Weg und Ziel des Kampfes marxistischer Kräfte, in
programmatischen Fragen, aber bedarf es mikroskopischer Schärfe.“
5.
Ausgehend von der Verwurzelung der Leninschen Parteitheorie im
wissenschaftlichen Sozialismus ist dies für die Rekonstruktion der
marxistischen Linken natürlich theoretisch-taktisch gemäß den gegenwärtigen
Bedingung in concreto zu formieren. Denn es gilt – nach Lenin -, daß
mit neuen geschichtlichen Wendungen „... im Marxismus als einer
lebendigen Lehre jeweils verschiedene seiner Seiten in den
Vordergrund treten.“ Die durch die Niederlage
des Sozialismus in Europa und die internationale konterrevolutionäre
Restauration des Imperialismus eingetretene historisch-konkrete Lage
erfordert also, mittels dialektisch-materialistischer Analyse solche
grundlegende taktisch-politische und auch theoretische „Axiome“ zu
formieren, die als Maßstab die Gestaltungsformung einer künftigen
massenwirksamen marxistischen Partei langfristig befördern könnten; die
folgenden - einige, es gibt weitere – werden als Kulminationspunkte zur
Diskussion gestellt:
5.1.
In der BRD gibt es – ebenso wie in anderen hochentwickelten
kapitalistischen Ländern – keine revolutionäre Situation. Notwendig
ist – wie bereits postuliert - , eine „Sammlungsbewegung“ aller
antiimperialistischen Kräfte als Aktionseinheit zu entwickeln, um
eine breite Widerstandsbewegung gegen den Imperialismus entfalten zu können.
Nur in diesem Konnex ist es möglich, eine neue Partei von Leninschem Typs
herauszubilden; und zwar als Konkretisierung eines neuen kommunistischen
Projekts. Eine solche Partei bleibt revolutionäre Vorhutpartei,
wie sie bereits von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest skizziert
und von Lenin theoretisch und praktisch-politisch weitergeführt wurde.
Ihre Gestaltungsformung verlangt allerdings, daß Sozialisten und
Kommunisten in verschiedenen Organisationsformen und als Individuen ihre
aus der Historie stammenden Differenzen in der praktisch-politischen
Bewegung sozialistisch und kommunistisch überwinden. Aber dies impliziert
zugleich zwingend, sich konsequent vor allem mit dem theoretischen und
praktischen Opportunismus (Revisionismus/Reformismus) - aber auch mit dem
Dogmatismus auseinanderzusetzen – verbunden mit der Fähigkeit, mit
anderen Parteien und Formationen der Arbeiterbewegung in einen Dialog
einzutreten und dabei ein Minimum an Toleranz zu praktizieren.
5.2.
Jede programmatische Formung der Leninschen Parteitheorie heute hat von
folgendem historisch-theoretischen Sachverhalt auszugehen: Trotz des
„Epochebruchs“ 1989/90 - die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus
zum Sozialismus, die seit und mit dem Entstehen der modernen
Arbeiterklasse einsetzte, und die mit der Oktoberrevolution auf den
historisch-konkreten Begriff gebracht wurde – der Sozialismus begann zunächst
als Staatsordnung historisch real zu existieren – geht weiter.
Beim Niedergang des Sozialismus in Europa handelt es sich um eine
historisch zeiteilige Niederlage, die keinesfalls der Übergangsepoche ein
jähes Ende setzte; eine Reihe von Ländern (China, Kuba, KDVR) halten
trotz aller Schwierigkeiten an ihren sozialistischen Weg fest. Entscheidend
aber ist, daß der Sozialismus in Form der materiellen Existenzbedingungen
im Schoß der kapitalistischen Gesellschaft selbst ausgebrütet wird. Dieser
Prozeß begann mit dem Kapitalismus der freien Konkurrenz; er war mit der
Geburt des Imperialismus bereits direkt mit der historischen Genesis der
Lehre von Marx und der Arbeiterbewegung sowie dem Schicksal der
proletarischen Revolution verknüpft. Im Ergebnis des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts hat die damit verbundene
gewaltige Vergesellschaftung der Produktion im Imperialismus heute nunmehr
eine solche Qualität erreicht, die bereits eine kommunistische
Produktionsweise als reale Möglichkeit involviert, deren Umsetzung
allerdings an die Aufhebung der ökonomischen, politischen und
ideologischen macht des Monopolkapitals als größten Barriere für den
weltweiten gesellschaftlichen Fortschritt gebunden ist. Es gibt also einen
Bestand solcher objektiver Bedingungen, die auch in der gegenwärtigen
– wahrscheinlich längeren Schwäche der subjektiven Seite des Epochemaßes
– dafür sprechen, daß der epochale Übergang vom Kapitalismus zum
Sozialismus als objektiver Prozeß besonderer historischer Art weitergeht
– obwohl heute zugleich der Imperialismus als Epoche fortgeführt wird,
und zwar als ein historisch konterrevolutionärer Restaurationszeitraum in
Korrelation mit der sogenannten Globalisierung vermittels neoliberaler
Politik. Diese Epoche des modernen Imperialismus und der epochale Übergang
vom Kapitalismus zum Sozialismus sind miteinander verklammert. Sie sind
durch das Scharnier verbunden, das hinsichtlich des absterbenden Systems
Imperialismus und hinsichtlich des neuen Systems Sozialismus als der
ersten Stufe der Epoche des Kommunismus heißt.
5.3.
Notwendig ist, „die offensive Verteidigung des marxistischen, revolutionären,
eines wirklich auf die Umwälzung der kapitalistischen Wirtschaft
zielenden Sozialismusbegriffs als aktuelle, praktisch und historisch
bedeutsame Aufgabe an(zu)-sehen. Die sozialistische Idee und ihr
theoretisches Konzept müssen in der Gesellschaft lebendig bleiben, damit
das Volk, von der Geschichte in Bewegung gesetzt, wissen kann, was im
entscheidenden Moment zu tun ist.“
Auch wenn in großen imperialistischen Zentren – ebenfalls in
Deutschland – politisch sozialistische Umwälzungen nicht in Sicht sind,
ist es nichtsdestotrotz unabdingbar, über den künftigen Sozialismus zu
reden, sich von ihm bereits jetzt in theoretisches „Bild“ zu machen
– ohne in Spekulation zu verfallen. Nach dem Sieg der
Konterrevolution ist es keine Paradoxie, den welthistorischen Übergang
zum Kommunismus zu denken, da das Reifen der kommunistischen Zukunft der
Menschheit im Schoße des modernen Kapitalismus als ein Prozeß sozialer
Revolution rasch voranschreitet. Hans Heinz Holz meint folgerichtig:
„Ohne ein Bild, das wir von den Schritten zum Sozialismus und vom Beginn
seines Aufbaus entwerfen, werden wir keine Massen mobilisieren.“
5.4.
Eine marxistische Partei vom Leninschen Parteitypus heute muß selbstverständlich
Willens sein, „am Ziel der revolutionären Veränderung der Gesellschaft
festzuhalten und sich nicht vom bestehenden System in bloßen Reformen
aufsaugen zu lassen; (und dies) erfordert eine Organisation, die die
Dialektik von Reform und Revolution theoretisch begreift und praktisch bewältigt.“
Aber wie, wenn sozialistische Umwälzungen nicht in Sicht sind? In dieser
Situation ist deshalb das unmittelbare Problem nicht die
„Revolution“, sondern die Frage nach solchen radikaldemokratischen
Reformen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die historisch
langfristig an den Übergang zum Sozialismus heranführen und ihn
einleiten könnten – auch wenn gegenwärtig-aktuell es nicht die Zeit
solcher Reformen ist. Meines Erachtens sind Eckpunkte hierfür die
grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft; ein Optima an ökologischer
Nachhaltigkeit; eine bestmögliche Menschenrechtsverwirklichung;
Gleichheit und Gerechtigkeit, in einer Intention, die auf den Ausbruch
aus der kapitalistischen Gerechtigkeitsfalle orientiert; Eingriffe in
das monopolistische Eigentum und auf dieser Grundlage Umformung der
kapitalistischen Produktionsweise.
Der Machtergreifung durch die Arbeiterklasse wird also wahrscheinlich eine
lange Periode solcher radikaldemokratischer Reformen vorausgehen, durch
die dem kapitalistischen System durch evolutionäre Entwicklungen
und revolutionäre Brüche in der Eigentumsstruktur und in den
Machtverhältnissen grundlegende soziale und demokratische (Rechte)
Fortschritte abgerungen werden. Dabei werden auch Momente eines künftigen
Sozialismus offengelegt sowie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit gefördert,
die als sozialistische Werte auf eine nichtkapitalistische Zukunft
verweisen. Dieser Sozialismus wird also nicht ohne eine mehr oder weniger
lange, komplizierte Vorbereitungsperiode mit evolutionären und revolutionären
„Zwischenstationen“ zu haben sein. Allerdings liegt davor zunächst
eine Zeit erbitterter Abwehrschlachten, um den neoliberalen Sozialabbau
aufzuhalten. Deshalb “ist als Lebenselixier linker Reformpolitik
unabdingbar, das im Grundgesetz proklamierte Sozialstaatsprinzip, die der
herrschenden Klasse abgerungenen sozialen Rechte zu verteidigen und um
soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Nur so können breite Volksschichten für
konsequente demokratische Reformen im Kapitalismus und für den Weg zum
Sozialismus gewonnen werden.“ Dies geht über Rosa
Luxemburgs Positionierung zu Reform und Revolution als zwei Momente in der
Entwicklung der kapitalistischen Klassengesellschaft hinaus; denn im
Imperialismus heute mit seiner enormen Vergesellschaftung der
Produktion und einer ihm immanenten sozialen Revolution zeigt
sich ein neues Maß des Kampfes für den weiteren gesellschaftlichen
Fortschritt. 5.5. Die künftige sozialistische Gesellschaft
wird ein offenes und variantenreiches Projekt sein, welches universell ein
menschengemäßes Leben aller Menschen sowie die Versöhnung der
Menschheit mit der Natur und mit sich selber ermöglicht. Der
Realsozialismus vermochte der Epoche zeitweilig einen fortschrittlichen
Stempel aufzudrücken (Sieg über den Faschismus, Zerfall des
Kolonialsystems, internationale Friedenssicherung u. a. m.); er war
allerdings kein „reifer“, „entwickelter“ Sozialismus, wie
behauptet, sondern eine Frühform einer Gesellschaft, in der zwar
wesentliche Grundlagen des Sozialismus – jedoch durch schwerwiegende
Deformationen beeinträchtigt – errichtet wurden. Sie kann deshalb nicht
als Matrize eines künftigen Sozialismus gelten. Die praktische und
theoretische Aufarbeitung des Realsozialismus ist dringlich. Obwohl der
reale Sozialismus als ein positives wie negatives „Erfahrungsobjekt“ für
eine sozialistische Neuorganisierung der Gesellschaft fungieren wird, ist
ein künftiger Sozialismus weder logisch noch historisch seine
Fortsetzung.
Er wurzelt vielmehr in den Widersprüchen und ihrer Lösung, die dem heutigen
Imperialismus eigen sind, denn: Die „sozialistische Welt“ existiert
bereits in gewissem Maße in „alter kapitalistischer Form“ als eine
gewaltige, nur bisher ungenutzte evolutionäre Potenz. Da aber bereits der
reale Sozialismus bewiesen hat, daß eine Alternative zum Kapitalismus möglich
ist, muß seine Verteidigung natürlich fester Bestandteil der Politik der
marxistischen Kräfte bei der Sammlung der Kräfte sein. Und dies schließt
zugleich ein, den Satz von der „DDR als die höchste Errungenschaft der
deutschen Arbeiterklasse“ zu unterschreiben, der keinesfalls mit deren
Untergang das Ende der Geschichte des Sozialismus auf deutschem Boden
bedeutet, sondern welthistorisch eine tatsächliche Alternative zum
Kapitalismus unter besonderen historisch-konkreten Bedingungen als
reale Möglichkeit involvierte.
6.
In unserer Zeit hat mit der Niederlage des realen Sozialismus in Europa
und im Gefolge der konterrevolutionären Restaurationsperiode des
Imperialismus der Zerfall des Marxismus gewaltige Ausmaße angenommen.
Auch innerhalb der noch marxistischen Kräfte zeigt sich Konfusion. Es
gilt wohl sinngemäß, was Lenin im Dezember 1910 hinsichtlich des
Zerfalls innerhalb des Marxismus als Aufgabe stellte: „Die Ursachen für
die Unvermeidlichkeit dieses Zerfalls in der gegenwärtigen Zeit zu
begreifen und sich zu seiner konsequenten Bekämpfung zusammenschließen
ist deshalb für die Marxisten im unmittelbarsten und genauesten Sinne des
Wortes die Aufgabe der Epoche.“
Hieraus leite ich ab, daß gegenwärtig und wahrscheinlich für eine längere
Zeit „der entschlossene und hartnäckige Kampf für die Grundlagen
des Marxismus ... wieder auf die Tagesordnung tritt“.
Solange es objektiv keine revolutionäre Lage oder Entwicklungsetappe
gibt, bleibt den revolutionären Kräften – wie Marx nach der Niederlage
in Paris 1871 schrieb – nur übrig, zu studieren, zu schulen und sich zu
vereinigen,
und zwar heute nicht im Schatten oder Schlepptau des Modernen Sozialismus
in der PDS, sondern mit Blick auf die Gestaltungsformung einer Partei
neuen Typs auf der Grundlage der Marxschen und Leninschen Parteitheorie.
Hierzu sind nötig, die Klarheit der marxistischen Begriffe und Termini
wiederherzustellen sowie die komplizierter werdenden gesellschaftlichen
Sachverhalte, deren Inneres und Wesen nicht offen auf der Hand liegen, den
Betroffenen einleuchtend zur Kenntnis und zum Bewußtrein zu bringen.
7.
Die hier vorgestellten strategisch-theoretischen „Kulminationspunkte“
sollten die Leninsche Parteitheorie heute prägen – für die
Ausbildung einer Partei neuen Typs. Eine solche Positionierung ermöglicht
es aber nicht nur, sich im Verhältnis zu den reformistischen und
sozialdemokratischen Linken zu definieren, „abzugrenzen“; sie erlaubt
es auch, erfolgreich in den sozialen Bewegungen unserer Zeit zu wirken:
Eine marxistische Partei Leninschen Typs kann auf der politischen
Ebene in diesen Bewegungen „pluralistisch“ sein, aber niemals in
theoretisch-ideologischer Hinsicht, da sie theoretisch-strategisches Bewußtsein
vermitteln muß - insofern Klassenbewußtsein für die Formierung eines
geschichtsmächtigen Subjekts, und zwar auf der Basis dessen, daß die
Arbeiterklasse historisch selbst lernen muß – nach Engels -, „daß
ihr durch andere keinerlei dauernder Vorteil verschafft werden kann,
sondern daß sie ihn sich selbst verschaffen muß, indem sie zuallererst
die politische Macht erobert“.
Eine Partei Leninschen Typs kann sich also nicht „an sich“ zum
Bestandteil einer pluralistischen sozialen Bewegung bzw. einer sich
entfaltenden Arbeiterbewegung machen; denn dies würde zur Aufgabe der
marxistisch-sozialistischen Positionierung in der Gesamtentwicklung von
sozialen Bewegungen und somit so zur politischen Niederlage führen. Sie
muß vielmehr im dargestellten Sinne als revolutionäre Vorhutpartei
agieren, und ihr marxistisches Sozialismusbild in diese
Bewegungen einbringen. Nur so wird der Marxismus in diesen Bewegungen,
„selbst wenn er nicht von allen Mitstreitern akzeptiert werden wird, für
alle das Symbol des Kampfes um eine neue soziale Ordnung sein.“
Abschließend:
Die Vereinigung von Marxismus und Arbeiterbewegung stand am Anfang der
marxistischen Parteikonzeption; sie ist in ihren Intensionen bis heute
nicht überholt, im Gegenteil: sie verlangt eine zeitgemäße marxistische
Partei Leninschen Typs. Dies wirft natürlich viele Fragen auf: so zum
Beispiel Probleme der innerparteilichen Demokratie sowie die Gestaltung
des demokratischen Zentralismus als bestimmendes Prinzip der Tätigkeit
und des Organisationsaufbaus einer solchen Partei gemäß den heutigen
Erfordernissen. Diese und andere Fragen mußten hier außer Betracht
bleiben. Für die historisch notwendige langfristige Gestaltungsformung
einer massenwirksamen Partei im Sinne einer Leninschen Parteitheorie heute
ist wohl zwingend, den Hinweis Lenins aus dem Jahre 1902 zu beherzigen:
„Unseres Erachtens verpflichtet die Krise des Sozialismus alle halbwegs
ernsten Sozialisten gerade dazu, der Theorie gesteigerte Aufmerksamkeit
zuzuwenden, entschlossener eine streng bestimmte Haltung einzunehmen und
sich schärfer von den schwankenden und unzuverlässigen Elementen
abzugrenzen ...“
Hinzu kommt – wie einleitend bereits ausgewiesen - daß der Marxismus
einer ständigen historischen Entwicklung unterworfen ist, seine
Weiterentwicklung überhaupt ist ein Axiom: Alle, die in ihrer
Weltanschauung überzeugte Sozialisten/Kommunisten geblieben oder auch
erst geworden sind, sollten sich – so oder so, auf diese oder jene Weise
– an diesem historischen Werk beteiligen. Nur so reifen die
Voraussetzungen, daß eine künftige Partei Leninschen Typs zunehmend die
Rolle eines kollektiven Intellektuellen für die Formierung eines
geschichtsmächtigen Subjekts in längeren historischen Fristen übernehmen
kann, woraus die sich die Chance für einen neuen sozialistischen Anlauf
ergibt.
Siehe I. Wagner: Quo vadis marxistische Linke in der PDS? Für die
historisch notwendige Gestaltungsformung einer massenwirksamen
marxistischen Partei, in: Offensiv 9/2002, S. 7ff.
Um dies zu kaschieren wird die innere Entwicklung der PDS seit ihrem
Gründungskonsens völlig unrichtig und subjektivistisch kurzerhand
auf solche Gruppen reduziert, „die sich ideologisch-avantgardistisch
gebärden und der Partei eine Diskussion über den richtigen, streng
marxistischen Standpunkt aufzwingen wollen ... Auf der anderen Seite
gibt es seit Ende der neunziger Jahre avantgardistisch-pragmatische
Gruppen, deren Anhänger sich als ‚Reformer’ apostrophieren.“
(G. Zimmer, in Freitag, 20. Juni 2003) Zimmer vergaß allerdings
hinzuzufügen, daß sie sich selbst als Repräsentantin der
Parteirechte redlich bemühte, den von Gysi geforderten
„Kultursprung in der PDS rasant zu realisieren: „In der
innerparteilichen Debatte um den Kurs der Partei sind wir weiter
gegangen als jeder andere Vorstand zuvor.“ (G. Zimmer, ND, 25.
September 2002) Sie hat die PDS beschleunigt in die Anpassungsfalle
geführt. Damit wurde fortgesetzt, was Gysi und Bisky als
„Erneuerung“ auf den Weg gebracht haben: „Ankommen“,
„Anpassen“ mit allen Konsequenzen – wenn auch zeitweilig unter
Zurückstellung der programmatischen Debatte, was ihr später von der
Parteirechte wiederum angekreidet wurde. Aber sie rechnet sich
immerhin als Erfolg an - Antwort auf eine Frage des Stern (27/2003, S.
66): „Dass ich die Debatte um ein reformerisches Programm angestoßen
habe.“
H. H. Holz, in: unsere Zeit, 31. März 2000, S. 13.
Siehe: Ein Programm sollte nicht mit einer Lüge beginnen.
Wortmeldungen von 32 Autoren zum Programm der PDS, Berlin 2001.
Siehe z. B. I. Wagner: Quo vadis PDS? Sozialismus der Moderne
(Moderner Sozialismus) oder modernes Sozialismusbild in marxistischer
Sicht, in: Nachdenken über Sozialismus, Schkeuditz 2000, S. 390 ff.;
ders.: Sozialreformistische Anpassung oder radikale
Kapitalismusreform? – Kritische Notate zur programmatischen Debatte
der PDS – in: Marxistisches Forum, Heft 28/29, Leipzig 2000, S. 11
ff.; ders.: Der Sozialismus der Moderne in der programmatischen
Debatte der PDS, in: Marxistische Blätter 5-00, S. 58 ff.
Uwe-Jens Heuer hat als Mitglied der Programmkommission der PDS in der
jungen Welt: „Der weite Weg nach Bad Godesberg“ (2. und 3. Mai
2003) die inhaltliche und methodische Entwicklung der Programmdebatte
historisch-konkret mit Akribie kritisch in marxistischer Sicht
dargestellt.
A. Brie träumt bereits von einer neuen „kooperationsfähigen Linken
in Deutschland ... mit völlig neuen Formen, aber unter Nutzung der
vorhandenen Potentiale“ – mit Gysi und Lafontaine an der Spitze.
(Mitteldeutsche Zeitung vom 3.8.2002). Und der Brief von Gregor Gysi
und André Brie an Oskar Lafontaine spricht eine beredte Sprache
(Frankfurter Rundschau vom 4.9.2002). In historischer Sicht soll so
der Kurs des Modernen Sozialismus als Bourgeoisiesozialismus
modifiziert fortgesetzt werden – entweder in einer neuen Linkspartei
in Deutschland oder in zwei „veränderten Linksparteien“.
Plastisch legt Helmut Lucas in „Offensiv“ die „Ablehnung jeder
Programmatik“ durch die KPF offen: „Niemand in der KPF weiß
wirklich, woran er/sie sich orientieren soll, vom offiziellen
Parteiprogramm einmal abgesehen, das aber für Kommunisten untauglich
ist. Es gibt nicht den geringsten Orientierungsrahmen! Selbst als die
Genossen Kallabis, Krusch und Wagner (Marxistisches Forum der PDS) der
PDS einen eigenen marxistischen Programmentwurf als Diskussionsbeitrag
vorlegten, reagierte die Kommunistische Plattform ablehnend. Man
sollte, so der derzeitige Bundessprecher Thomas Hecker, keinen eigenen
Programmvorschlag machen. Statt dessen wurde und wird räsoniert, die
vorgelegten Programmentwürfe der PDS seien schlecht, in Teilen
reaktionär usw., und vor allem brächte man gar kein neues Programm.
Da fällt einem unvermittelt die historische Äußerung von Eduard
Bernstein ein: „Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts!“ (In:
Offensiv 5/03, S. 39).
Vgl. Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der PDS, heft 6/2003,
S. 10; Ellen Brombacher in: unsere Zeit, 20. Juni 2003.
Erklärung der Mehrheit des Arbeitsekretariats der diesbezüglichen
Bundesarbeitsgemeinschaft vom 5.7.2003.
Siehe Charly Kneffel, in: Der Querschläger, No. 5, Supplément der
Kalaschnikow, Berlin, Juni 2001, 1. Auflage, S. 11.
In: Imperialismus und anti-imperialistische Kämpfe im 21.
Jahrhundert, Offensiv, Hannover 2001, S. 226.
Insofern kann man solchen Auffassungen durchaus zustimmen, daß die
SED trotz offenkundiger Defizite und ihrer Funktionsunfähigkeit in
der Endphase die insgesamt erfolgreichste Partei der deutschen
Arbeiterbewegung gewesen ist. Und ich stimme auch Steiniger zu, daß
auch heute der Grundgedanke des Projekts SED nach 1945 trotz völlig
anderer Lage – die Zusammenführung von Kommunisten und Sozialisten
auf marxistischer Basis zu einer den Massen zugewandten großen
revolutionären Kampfpartei inspirierende Vision bleibt. Ohne jede
Einschränkung gehe ich auch mit seiner Meinung konform, daß es für
die einer künftigen Partei große Partei des Sozialismus darauf
ankommen, „alles Positive aus unserem revolutionären Erbe zu
bewahren und für die Zukunft aufzuheben.“ (RotFuchs/Dezember 2002,
S. 11).
Zum Wie der Entwicklung dieser Sammlungsbewegung sowie zur Art und
Weise der Diskussion in ihr gibt es vor allem im RotFuchs eine
interessante nachdenkenswerte Debatte, die ich hier in concreto weder
einführen noch bewerten kann. Mir ging es um das Grundlegende.
Siehe I. Wagner: In welcher Epoche leben wir eigentlich? Versuch einer
marxistischen Annäherung, Marxistisches Forum, Heft 42, Berlin,
September 2002.
H. Kallabis, H.-J. Krusch, I. Wagner: Ein Beitrag zur linken
Programmdebatte in der BRD, in: Geschichte und Gesellschaft 4, Globale
Dimensionen sozialistischer Programmatik, Schkeuditz 2001, S. 116.
Siehe H. Kallabis, H.-J. Krusch, Ingo Wagner:, Ein Beitrag ... a. a.
O., S. 113, vgl. S. 112 ff.
A. Schaff: Was gibt uns heute der Marxismus?, in: Z. Zeitschrift
marxistische Erneuerung, Nr. 25, März 1996, S. 109.
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