Als
erste marxistische Wortmeldung von Gewicht nach der Niederlage der Linken
auf dem Chemnitzer Programmparteitag liegt nun diese Sammlung von Glossen
des prominenten Leipziger PDS-Kritikers Ingo Wagner in Buchform vor.
Der
Autor, der mit der Annahme des neuen PDS-Parteiprogramms einen längeren
historischen Prozeß als abgeschlossen betrachtet, reagiert in seiner
Streitschrift aber nicht nur auf dieses Programm und seine
innerparteilichen Wirkungen, sondern analysiert eben jenen
Entwicklungsprozeß zwischen 1990 und 2003. Wie bei einem profunden Kenner
und Kritiker von Politik und Programm der PDS nicht anders zu erwarten,
kommt er zu einem eindeutigen Schluß: die PDS ist zu einer
sozialdemokratischen Partei „sui generis“ degeneriert. Genau dieser
„Transformationsprozeß“ von der staatstragenden und sich äußerlich
kommunistisch gebärdenden SED zur kleinbürgerlich-opportunistischen PDS
wird unter verschiedenen Fragestellungen untersucht. Im Zentrum der
zuweilen erfreulich polemischen Erörterungen steht dabei das
programmatisch-theoretische Agieren jener „Vordenker“ um die Gebrüder
Brie und D. Klein sowie der Politiker um G. Gysi, L. Bisky, D. Bartsch und
G. Zimmer. Diese auch als „Küchenkabinett“ der PDS in Verruf geratene
fraktionelle Gruppe hat die Partei systematisch in Politik und
Programmatik auf einen rechtsopportunistischen Kurs gelenkt, der
weitgehend im krassen Widerspruch zu den Interessen ihrer Wähler steht.
Die „theoretische“ Grundlage dieser Gruppe ist das, was der Autor als
„Modernen Sozialismus“ bezeichnet, und genau dieser steht im
Mittelpunkt seiner kritischen Abrechnung. Da der Rezensent mit Ingo Wagner
schon lange in Grundpositionen übereinstimmt, war er natürlich sehr
gespannt auf dieses Buch. Selbstverständlich ergeben sich aus einer
solchen Gemeinsamkeit Vorfragen, deren Beantwortung man sich wünscht und
um es vorweg zu sagen: es ist ein sehr wichtiges Buch, dem man viele
aufmerksame Leser, nicht nur im Umfeld der PDS, wünscht.
Die
erste Frage war, ob man die Herkunft und den Inhalt des Modernen
Sozialismus erklärt bekäme. Der Autor entschlüsselt sehr präzise das
„Geheimnis der spekulativen Konstruktion“ (MEW Bd. 2, S. 59-63) der
Philosophie der „Modernen Sozialisten“, wenn er schreibt:
„Gesellschaftswissenschaftliche Begriffe, die keinen Durchschnitt realer
Erscheinungen des jeweiligen Typs vermitteln, sondern nur einen Idealtypus
angeben, werden mit historischkonkreter Gesellschaftsbetrachtung
vermischt. Die Aufgabe des Marxismus - insbesondere seiner
Geschichtsphilosophie und Revolutionstheorie - ist mit „Neomarxismus“
gepaart, da eine totale Rückkehr zur vormarxistischen Sozialwissenschaft
undenkbar ist. … Richtiges ökonomisches und soziologisches Material
wird oft „an sich“ in den Text eingefügt usw. usf. Eine solche
„Argumentationslogik“ rechnet offensichtlich mit der Unwissenheit, mit
der fehlenden Orientierung der Opponenten …(S.28)“. Der Autor
beschreibt zu Recht den inneren theoretischen Gehalt des Modernen
Sozialismus als „phänomänal“, das Ganze ist eine Amalgam zueinander
nicht passen wollender Teile, deren Hauptzweck darin besteht,
eine „Beliebigkeit“ der
politischen Auslegung zu ermöglichen. „Deshalb geraten Begriffe wie
Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde zu Kaugummi“ (S. 15).
Die
innere Verklammerung von Theorie und Praxis, Modernem Sozialismus und PDSFührung
führt der Autor im folgenden ausführlich und materialreich vor. Er
ertappt M. Brie mit der entlarvenden Aussage, das Hundert praktische
Schritte in der Politik praktisch ein neues Parteiprogramm schaffen, das
sich aber der programmatischen Kritik entziehe, da es nur im Bewußtsein
der Macher existiere. Wagner hält ihm entgegen: „Regierungsbeteilungen
auf Länderebene sind natürlich keine einfachen praktischen Schritte. Und
das „praktisch“ neue Programm, das nur „im Bewußtsein der
politischen Macher der Partei“ existieren soll, scheint ein Produkt Außerirdischer
zu sein. Sollte es deshalb immun gegen „programmatische Kritik“ sein?
Immerhin kann man noch erkennen, daß die ganz einfachen praktischen
Schritte sich scheinbar aus den Notwendigkeiten des Alltags der
Politik ergeben. Ergo: de facto muß es solche Notwendigkeiten geben! (S.
30)“.
Damit
ist zugleich das für heute Entscheidende gesagt: nicht die sogenannten
Sachzwänge sind die Ursache der anti-sozialen Politik der z.B. Berliner
Genossen Senatoren, sondern ihre ideologische Bereitschaft, sich auf alles
einzulassen, was ihnen hilft, im Kapitalismus „anzukommen“ und ihn
mitzugestalten.
Ziel
aller Begriffsakrobatik in den nach Dutzenden zählenden Programmschriften
ist es, den Sozialismus innerhalb des Kapitalismus zu verwirklichen.
Gerade das konsequente Leugnen der Notwendigkeit des Systemwechsels mache
den Bruch mit dem Marxismus aus, sei der sichtbarste Ausdruck des Übergangs
von sozialistischer zu kleinbürgerlich-opportunistischer Denkweise.
Wagner: „Der schier unerschöpfliche Springbrunnen der Utopie des
Modernen Sozialismus in Form von Aufgaben, Wünschen, Appellen oder
Vorahnungen usw., ist eine Art von spekulativer Utopie. Aber zugleich
reflektiert er Tatsachenmomente der gesellschaftlichen Realität - wenn
auch vereinzelt, verkürzt und ideologisch gebrochen; deshalb utopischer
Realismus (S. 41).“
Dies
wird vom Autor präzise herausgearbeitet, mit Beispielen belegt, wobei
auch scheinbar nebensächliche Fragestellungen aufgegriffen werden, - übrigens
einer der wichtigsten Vorzüge des Buches. Nur durch die genaue und
detailreiche Darlegung, wie und in welchen Schritten der Moderne
Sozialismus in die PDS implantiert wurde, wird dieser Prozeß auch für Außenstehende
nachvollziehbar. Erst durch das Bloßlegen der langfristig geplanten,
offensichtlich mit strategischem Anspruch und manch taktischem Ungeschick
schrittweise durchgeführten Umwandlung der PDS-Ideologie, wird diese als
Prozeß begreifbar und der historischen Analyse überhaupt erst zugänglich.
Insofern sind die Wagnerschen Glossen eine wichtige Arbeitsgrundlage für
jede weitere Publikation zur Geschichte der PDS Widersprechen muß ich
allerdings, wenn gesagt wird, das die Wurzeln des Modernen Sozialismus aus
der Endzeit der DDR und der Sozialismusforschung an der Berliner
Humboldt-Universität herrühren (S. 36). Als Zeitzeuge und Beteiligter
habe ich anzumerken, das die Mehrheit der dortigen Forscher an einer
ernsthaften Bewältigung der Probleme, Krisen und Widersprüche des
„realen Sozialismus“ interessiert war. Die inhaltlichtheoretische
Trennung dieser Mehrheit von den heutigen Modernen Sozialisten erfolgte
1986/87 und zwar wegen einer methodologisch-theoretischen Grundfrage. In
den Worten meines hochverehrten Lehrers Gottfried Stiehler gesagt, die
Gruppe um M. Brie betrieb „Kommunismus-Schwärmerei“, soll heißen:
man wollte die Gesellschaft erkennen, indem man den Unterschied zwischen
real-sozialistischer Wirklichkeit und kommunistischem Ideal aufzeigte und
aus der so gefundenen Diskrepanz die Aufgaben und Schritte der Veränderung
ableitete. Die Mehrheit war der „alten“, materialistischen Auffassung,
daß es darum gehe, die gesellschaftliche Entwicklung aus ihren selbst
produzierten eigenen Bedingungen, Gesetzen und Voraussetzungen als
ganzheitlichen Prozeß zu begreifen. Deshalb hätte man sich verstärkt
den realen Widersprüchen, Konflikten und Triebkräften dieser DDR
zuzuwenden. Dieses „die Gesellschaft so begreifen, wie sie tatsächlich
ist und nicht, wie sie das Politbüro gerne hätte“ wurde uns von der
SED-Führung alles andere als leicht gemacht, während die
„Ideal-Praxis-Konstruktionen“ der Modernisierer gern gesehen wurden,
denn sie hatten ja nichts mit der Realität zu tun. Man kann nun
feststellen, um auf den Rezensionsgegenstand
zurückzukehren, Ingo Wagner zeigt auf, das die „Brieaner“ noch immer
dasselbe unter anderem Vorzeichen machen, „Kapitalismus-Schwärmerei“.
Auch hier wird ein idealer Kapitalismus (ohne Profitdominanz,
freiheitsliebend, prinzipiell zu sozialer Gerechtigkeit fähig, friedlich
usw.) konstruiert und der höhere politische Zeck der PDS sei, dieses
ideale Wesen endlich zu verwirklichen. Das ist noch unwahrscheinlicher,
als die Vorstellung, daß die durch und durch stalinistische SED einen
wirklichen Kommunismus hätte errichten können. Eine weitere Vorfrage
war, ob der Autor deutlich machen kann, daß die Modernen Sozialisten
heftig an einer Legitimierungs-Legende arbeiten, die da lautet, sie würden
den „Transformationsprozeß“ im Auftrag der Mitgliedermehrheit
vollziehen, die ja auf dem Januar-Parteitag 1990 eine Erneuerung
beschlossen habe. Wagner: „Der Moderne Sozialismus wurde so von einer
kleinen intellektuellen Minderheit bereits mit Gründung der PDS ins Spiel
gebracht und zunächst in kleinen Dosen eingeführt. Er begann um die
programmatische Hegemonie zu kämpfen und verstand es dabei, ernsthaften
Debatten auszuweichen.“ Die unzähligen taktischen Winkelzüge,
Statutenbrüche, Aushöhlungen von Parteiparteibeschlüssen etc. werden
vom Autor benannt bzw. die Quellen aufgelistet. Von besonderer Qualität
und weit über den eigentlichen Gegenstand des Buches hinausgehend ist für
den Rezensenten die Tatsache, das I. Wagner nicht bei der Kritik der
Konzeption des Modernen Sozialismus stehenbleibt, sondern Vorschläge für
eine Diskussion um das sozialistische Programm der Gegenwart unterbreitet.
Dieser Teil des Buches, der fast ein Drittel des Textes umfaßt, gibt
nicht nur allgemeine Leitlinien und Grundfragen einer solchen
programmatischen Debatte vor, sondern Wagner veröffentlicht auch konkrete
Teile eines Programms (entstanden in Zusammenarbeit mit H. Kallabis und G.
Krusch), die einer eigenen Darstellung wert wären.
Ebenfalls
für die weitere Debatte sehr wichtig ist der theoretisch-historische
Ansatz des Autors, bei der PDS handele es sich um eine sozialdemokratische
Partei sui generis (der eigenen Art). Die Wagnersche Argumentation überzeugt
und sollte Ausgangspunkt zukünftiger Einschätzungen dieser Partei sein.
Richtig ist vor allem die Festsstellung, daß die PDS als Resultat des
Modernen Sozialismus insgesamt zurückfällt „hinter E. Bernstein, …
der als reformistischer Sozialist wollte, daß die Sozialdemokratie die
kapitalistische Produktionsweise überwindet - obwohl seine politischen
wie ökonomischen und philosophischen Theorien nicht geeignet waren, die
sozialistische Ordnung zu verwirklichen. Die PDS ist insofern keine
klassische reformistische Partei. Sie ist eine moderne „linke“ Partei
des kleinbürgerlichen Sozialreformismus, die als Sozialdemokratie sui
generis den Sozialismus der Bourgeoisie repräsentiert(S. 136)“.
Der
Autor wendet sich auch der schwierigen Frage zu, ob die PDS so etwas wie
einen „historischen Auftrag“ habe und schreibt: „Die PDS wird so
versuchen, dieses System (den Kapitalismus - P.F.), durch die Beschneidung
seiner extremen Auswüchse zu erhalten. Und eine solche Positionierung
verlangt, Linke den sozialen und ökonomischen Erfordernissen des Kapitals
unterzuordnen, sie in den politischen Mainstream der bürgerlichen
Gesellschaft einzuordnen und in deren kulturelle Hegemonie
einzubeziehen.“ Und weiter, Schneider zitierend: „die Herausbildung
eines oppositionellen oder gar revolutionären Subjekts zu verhindern und
das objektiv existierende Protestpotential in den Kapitalismus zu überführen
(S. 138).“ Dies ist sicher objektiv richtig und unbestreitbar. Inwieweit
dabei die Akteure des Modernen Sozialismus aber auch subjektiv eine
„Agentur“ des Kapitals innerhalb der PDS sind, wie von einigen Verschwörungstheoretikern
immer wieder hartnäckig behauptet wird, läßt der Autor weitgehend offen
(S. 137). Hier hätte man sich eine klarere Abgrenzung gewünscht. Richtig
bleibt aber die Feststellung: „Ob die PDS außer dem „Gebrauchswert
auch den Begriff „Tauschwert“ beansprucht, darf unerörtert bleiben,
so lange PDS-Politiker ihren Tauschwert nicht öffentlich taxieren.“
Eine
andere wichtige Frage war, ob es gelingen würde, eine Erklärung dafür
zu finden, warum die Mehrheit der Mitglieder dieses hat mit sich machen
lassen, wie es den Modernen Sozialisten gelingen konnte, sie auf ihrem
verhängnisvollen Weg nach Rechts mitzunehmen. Wagner: „Alle Hoffnungen
von marxistischen Linken in der PDS, mit Hilfe der Basis die PDS vor dem
Niedergang retten zu können, waren auf Sand gebaut. … Die Basis konnte
schon seit längerer Zeit keinen praktisch-politischen
„Korrekturkampf“ mehr führen… Hierfür gibt es viele Gründe: die
Altersstruktur, die soziale Zusammensetzung, die Sozialisierung der
Mehrheit der Mitglieder in einer staatstragenden Partei (SED), das Fehlen
jeglicher theoretischer Bildungsarbeit u.a. mehr“(S. 143). Hinzu käme
der ideologisch-geistige Druck der Modernen Sozialisten, der nicht ohne
Wirkung geblieben sei. Bei aller Zustimmung zu diesen Argumenten, hätte
sich der Rezensent gerade an dieser Stelle eine Vertiefung gewünscht,
dies bleibt in Zukunft noch zu leisten. Zuletzt noch die Frage nach der
Verantwortung der Linken, ihr widmet der Autor ein ganzes Kapitel, das für
den Rezensenten das Spannendste des ganzen Buches ist. Wagners genereller
Feststellung, daß sich „die marxistische Linke durch bloße
taktisch-politische und theoretische Zugeständnisse in die Rolle drängen
ließ, als Feigenblatt der reformistischen Parteiführung zu fungieren.
…. Es gibt keinen ernsthaften Konflikt zwischen Parteiführung und
Parteibasis“ (S. 144), ist nichts hinzuzufügen. Wagner sieht zu Recht
die entscheidende Ursache für das Versagen der Linken darin, das es ihr
nicht gelungen ist, sich auf eine gemeinsame programmatische
Sozialismusvorstellung zu einigen, um beim Kampf zur Verteidigung dieser
gegen die Modernen Sozialisten zu punkten und er kritisiert zu Recht das
besondere Versagen der Kommunistischen Plattform (S. 171).
Zum
Editorischen ist anzumerken, das es leider im üblichen schlampigen Rahmen
der Veröffentlichungen der edition ost verbleibt: ein solches Buch ohne
Personenregister, separates Quellenverzeichnis und mit der sehr
hinderlichen Mischung von Anmerkung und Quellenverweis, behindert seinen
Charakter als Arbeits- und Handbuch doch erheblich. Man hätte dem Autor
auch einen konsequenteren Lektor gewünscht, der die vielen Doppellungen
(selbst bei Zitaten) etwas rafft, auch wenn sie von Wagner offensichtlich
nach dem Prinzip „Lernen durch Wiederholen“ eingesetzt wurden, so stören
sie doch den aufmerksamen Leser. Im Ganzen ein wichtiges und wertvolles
Buch, zum Teil in seiner Schärfe sogar vergnüglich, der Begriff Glossen
daher durchaus angebracht, dem man unbedingt eine weiterführende Debatte
innerhalb der Linken wünscht, nicht als Selbstzweck, sondern als
Selbstverständigung und damit als Voraussetzung für eine neues
Parteiprojekt. Die Notwendigkeit der Neuformierung einer marxistischen
Partei wird vom Autor betont und Bedingungen ihrer Entstehung werden sorgfältig
erörtert, auch dies ein originärer Beitrag zur Debatte. Zusammenfassend
kommt der Autor zu dem Resultat, das die PDS als Mittel im Klassenkampf in
Zukunft ausscheidet, ja das ihre Existenz sogar ein Hindernis für die
notwendige Neuformierung der marxistisch fundamentierten Massenpartei der
Werktätigen geworden ist. Insofern haben die Modernen Sozialisten also
ihre langfristige Operationsstrategie erfolgreich abgeschlossen, der „Transformationsprozeß“
ist beendet. Aber nach dem Lesen von Wagners Glossen bleibt nur ein Fazit:
Operation gelungen – Patient tot.
Peter
Feist, Dipl.-Philosoph, Berlin,
Arbeitskreis Marxistische Theorie und Politik
April 2004