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Peter
Feist:
Begriffe
werden zu Kaugummi
Rezension
zu Ingo Wagner
Eine
Partei gibt sich auf
Theoretisch-politische
Glossen zum Niedergang der Partei des Demokratischen Sozialismus
Berlin,
edition ost, 2004, ISBN 3-360-01056-6,
Als
erste marxistische Wortmeldung von Gewicht nach der Niederlage der
Linken auf dem Chemnitzer Programmparteitag liegt nun diese Sammlung von
Glossen des prominenten Leipziger PDS-Kritikers Ingo Wagner in Buchform
vor.
Der
Autor, der mit der Annahme des neuen PDS-Parteiprogramms einen längeren
historischen Prozeß als abgeschlossen betrachtet, reagiert in seiner
Streitschrift aber nicht nur auf dieses Programm und seine
innerparteilichen Wirkungen, sondern analysiert eben jenen
Entwicklungsprozeß zwischen 1990 und 2003. Wie bei einem profunden
Kenner und Kritiker von Politik und Programm der PDS nicht anders zu
erwarten, kommt er zu einem eindeutigen Schluß: die PDS ist zu einer
sozialdemokratischen Partei „sui generis“ degeneriert.
Genau
dieser „Transformationsprozeß“ von der staatstragenden und sich äußerlich
kommunistisch gebärdenden SED zur kleinbürgerlich-opportunistischen
PDS wird unter verschiedenen Fragestellungen untersucht. Im Zentrum der
zuweilen erfreulich polemischen Erörterungen steht dabei das
programmatisch-theoretische Agieren jener „Vordenker“ um die Gebrüder
Brie und D. Klein sowie der Politiker um G. Gysi, L. Bisky, D. Bartsch
und G. Zimmer. Diese auch als „Küchenkabinett“ der PDS in Verruf
geratene fraktionelle Gruppe hat die Partei systematisch in Politik und
Programmatik auf einen rechtsopportunistischen Kurs gelenkt, der
weitgehend im krassen Widerspruch zu den Interessen ihrer Wähler steht.
Die „theoretische“ Grundlage dieser Gruppe ist das, was der Autor
als „Modernen Sozialismus“ bezeichnet, und genau dieser steht im
Mittelpunkt seiner kritischen Abrechnung.
Da
der Rezensent mit Ingo Wagner schon lange in Grundpositionen übereinstimmt,
war er natürlich sehr gespannt auf dieses Buch. Selbstverständlich
ergeben sich aus einer solchen Gemeinsamkeit Vorfragen, deren
Beantwortung man sich wünscht und um es vorweg zu sagen: es ist ein
sehr wichtiges Buch, dem man viele aufmerksame Leser, nicht nur im
Umfeld der PDS, wünscht.
Die
erste Frage war, ob man die Herkunft und den Inhalt des Modernen
Sozialismus erklärt bekäme. Der Autor entschlüsselt sehr präzise das
„Geheimnis der spekulativen Konstruktion“ (MEW Bd. 2, S. 59-63) der
Philosophie der „Modernen Sozialisten“, wenn er schreibt:
„Gesellschaftswissenschaftliche Begriffe, die keinen Durchschnitt
realer Erscheinungen des jeweiligen Typs vermitteln, sondern nur einen
Idealtypus angeben, werden mit historisch-konkreter
Gesellschaftsbetrachtung vermischt. Die Aufgabe des Marxismus -
insbesondere seiner Geschichtsphilosophie und Revolutionstheorie - ist
mit „Neomarxismus“ gepaart, da eine totale Rückkehr zur
vormarxistischen Sozialwissenschaft undenkbar ist. … Richtiges ökonomisches
und soziologisches Material wird oft „an sich“ in den Text eingefügt
usw. usf. Eine solche „Argumentationslogik“ rechnet offensichtlich
mit der Unwissenheit, mit der fehlenden Orientierung der Opponenten
…(S.28)“. Der Autor beschreibt zu Recht den inneren theoretischen
Gehalt des Modernen Sozialismus als „phänomänal“, das Ganze ist
eine Amalgam zueinander nicht passen wollender Teile, deren Hauptzweck
darin besteht, eine „Beliebigkeit“ der politischen Auslegung zu ermöglichen.
„Deshalb geraten Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde
zu Kaugummi“ (S. 15).
Die
innere Verklammerung von Theorie und Praxis, Modernem Sozialismus und
PDS-Führung führt der Autor im folgenden ausführlich und
materialreich vor. Er ertappt M. Brie mit der entlarvenden Aussage, das
Hundert praktische Schritte in der Politik praktisch ein neues
Parteiprogramm schaffen, das sich aber der programmatischen Kritik
entziehe, da es nur im Bewußtsein der Macher existiere. Wagner hält
ihm entgegen: „Regierungsbeteilungen auf Länderebene sind natürlich
keine einfachen praktischen Schritte. Und das „praktisch“ neue
Programm, das nur „im Bewußtsein der politischen Macher der Partei“
existieren soll, scheint ein Produkt Außerirdischer zu sein. Sollte es
deshalb immun gegen „programmatische Kritik“ sein? Immerhin kann man
noch erkennen, daß die ganz einfachen praktischen Schritte sich scheinbar
aus den Notwendigkeiten des Alltags der Politik ergeben. Ergo: de facto
muß es solche Notwendigkeiten geben! (S. 30)“.
Damit
ist zugleich das für heute Entscheidende gesagt: nicht die sogenannten
Sachzwänge sind die Ursache der anti-sozialen Politik der z.B. Berliner
Genossen Senatoren, sondern ihre ideologische Bereitschaft, sich auf
alles einzulassen, was ihnen hilft, im Kapitalismus „anzukommen“ und
ihn mitzugestalten.
Ziel
aller Begriffsakrobatik in den nach Dutzenden zählenden
Programmschriften ist es, den Sozialismus innerhalb des Kapitalismus zu
verwirklichen. Gerade das konsequente Leugnen der Notwendigkeit des
Systemwechsels mache den Bruch mit dem Marxismus aus, sei der
sichtbarste Ausdruck des Übergangs von sozialistischer zu kleinbürgerlich-opportunistischer
Denkweise. Wagner: „Der schier unerschöpfliche Springbrunnen der
Utopie des Modernen Sozialismus in Form von Aufgaben, Wünschen,
Appellen oder Vorahnungen usw., ist eine Art von spekulativer Utopie.
Aber zugleich reflektiert er Tatsachenmomente der gesellschaftlichen
Realität - wenn auch vereinzelt, verkürzt und ideologisch gebrochen;
deshalb utopischer Realismus (S. 41).“
Dies
wird vom Autor präzise herausgearbeitet, mit Beispielen belegt, wobei
auch scheinbar nebensächliche Fragestellungen aufgegriffen werden, - übrigens
einer der wichtigsten Vorzüge des Buches. Nur durch die genaue und
detailreiche Darlegung, wie und in welchen Schritten der Moderne
Sozialismus in die PDS implantiert wurde, wird dieser Prozeß auch für
Außenstehende nachvollziehbar. Erst durch das Bloßlegen der
langfristig geplanten, offensichtlich mit strategischem Anspruch und
manch taktischem Ungeschick schrittweise durchgeführten Umwandlung der
PDS-Ideologie, wird diese als Prozeß begreifbar und der historischen
Analyse überhaupt erst zugänglich. Insofern sind die Wagnerschen
Glossen eine wichtige Arbeitsgrundlage für jede weitere Publikation zur
Geschichte der PDS
Widersprechen
muß ich allerdings, wenn gesagt wird, das die Wurzeln des Modernen
Sozialismus aus der Endzeit der DDR und der Sozialismusforschung an der
Berliner Humboldt-Universität herrühren (S. 36). Als Zeitzeuge und
Beteiligter habe ich anzumerken, das die Mehrheit der dortigen Forscher
an einer ernsthaften Bewältigung der Probleme, Krisen und Widersprüche
des „realen Sozialismus“ interessiert war. Die
inhaltlich-theoretische Trennung dieser Mehrheit von den heutigen
Modernen Sozialisten erfolgte 1986/87 und zwar wegen einer
methodologisch-theoretischen Grundfrage. In den Worten meines
hochverehrten Lehrers Gottfried Stiehler gesagt, die Gruppe um M. Brie
betrieb „Kommunismus-Schwärmerei“, soll heißen: man wollte die
Gesellschaft erkennen, indem man den Unterschied zwischen
real-sozialistischer Wirklichkeit und kommunistischem Ideal aufzeigte
und aus der so gefundenen Diskrepanz die Aufgaben und Schritte der Veränderung
ableitete. Die Mehrheit war der „alten“, materialistischen
Auffassung, daß es darum gehe, die gesellschaftliche Entwicklung aus
ihren selbst produzierten eigenen Bedingungen, Gesetzen und
Voraussetzungen als ganzheitlichen Prozeß zu begreifen. Deshalb hätte
man sich verstärkt den realen Widersprüchen, Konflikten und Triebkräften
dieser DDR zuzuwenden. Dieses „die Gesellschaft so begreifen, wie sie
tatsächlich ist und nicht, wie sie das Politbüro gerne hätte“ wurde
uns von der SED-Führung alles andere als leicht gemacht, während die
„Ideal-Praxis-Konstruktionen“ der Modernisierer gern gesehen wurden,
denn sie hatten ja nichts mit der Realität zu tun. Man kann nun
feststellen, um auf den Rezensionsgegenstand zurückzukehren, Ingo
Wagner zeigt auf, das die „Brieaner“ noch immer dasselbe unter
anderem Vorzeichen machen, „Kapitalismus-Schwärmerei“. Auch hier
wird ein idealer Kapitalismus (ohne Profitdominanz, freiheitsliebend,
prinzipiell zu sozialer Gerechtigkeit fähig, friedlich usw.)
konstruiert und der höhere politische Zeck der PDS sei, dieses ideale
Wesen endlich zu verwirklichen. Das ist noch unwahrscheinlicher, als die
Vorstellung, daß die durch und durch stalinistische SED einen
wirklichen Kommunismus hätte errichten können.
Eine
weitere Vorfrage war, ob der Autor deutlich machen kann, daß die
Modernen Sozialisten heftig an einer Legitimierungs-Legende arbeiten,
die da lautet, sie würden den „Transformationsprozeß“ im Auftrag
der Mitgliedermehrheit vollziehen, die ja auf dem Januar-Parteitag 1990
eine Erneuerung beschlossen habe. Wagner: „Der Moderne Sozialismus
wurde so von einer kleinen intellektuellen Minderheit bereits mit Gründung
der PDS ins Spiel gebracht und zunächst in kleinen Dosen eingeführt.
Er begann um die programmatische Hegemonie zu kämpfen und verstand es
dabei, ernsthaften Debatten auszuweichen.“ Die unzähligen taktischen
Winkelzüge, Statutenbrüche, Aushöhlungen von Parteiparteibeschlüssen
etc. werden vom Autor benannt bzw. die Quellen aufgelistet.
Von
besonderer Qualität und weit über den eigentlichen Gegenstand des
Buches hinausgehend ist für den Rezensenten die Tatsache, das I. Wagner
nicht bei der Kritik der Konzeption des Modernen Sozialismus
stehenbleibt, sondern Vorschläge für eine Diskussion um das
sozialistische Programm der Gegenwart unterbreitet. Dieser Teil des
Buches, der fast ein Drittel des Textes umfaßt, gibt nicht nur
allgemeine Leitlinien und Grundfragen einer solchen programmatischen
Debatte vor, sondern Wagner veröffentlicht auch konkrete Teile eines
Programms (entstanden in Zusammenarbeit
mit H. Kallabis und G. Krusch), die einer eigenen Darstellung
wert wären.
Ebenfalls
für die weitere Debatte sehr wichtig ist der theoretisch-historische
Ansatz des Autors, bei der PDS handele es sich um eine
sozialdemokratische Partei sui generis (der eigenen Art). Die Wagnersche
Argumentation überzeugt und sollte Ausgangspunkt zukünftiger Einschätzungen
dieser Partei sein. Richtig ist vor allem die Festsstellung, daß die
PDS als Resultat des Modernen Sozialismus insgesamt zurückfällt
„hinter E. Bernstein, … der als reformistischer Sozialist wollte, daß
die Sozialdemokratie die
kapitalistische Produktionsweise überwindet - obwohl seine politischen
wie ökonomischen und philosophischen Theorien nicht geeignet waren, die
sozialistische Ordnung zu verwirklichen. Die PDS ist insofern keine
klassische reformistische Partei. Sie ist eine moderne „linke“
Partei des kleinbürgerlichen Sozialreformismus, die als
Sozialdemokratie sui generis den Sozialismus der Bourgeoisie repräsentiert(S.
136)“.
Der
Autor wendet sich auch der schwierigen Frage zu, ob die PDS so etwas wie
einen „historischen Auftrag“ habe und schreibt: „Die PDS wird so
versuchen, dieses System (den Kapitalismus - P.F.), durch die
Beschneidung seiner extremen Auswüchse zu erhalten. Und eine solche
Positionierung verlangt, Linke den sozialen und ökonomischen
Erfordernissen des Kapitals unterzuordnen, sie in den politischen
Mainstream der bürgerlichen Gesellschaft einzuordnen und in deren
kulturelle Hegemonie einzubeziehen.“ Und weiter, Schneider zitierend:
„die Herausbildung eines oppositionellen oder gar revolutionären
Subjekts zu verhindern und das objektiv existierende Protestpotential in
den Kapitalismus zu überführen (S. 138).“
Dies
ist sicher objektiv richtig und unbestreitbar. Inwieweit dabei die
Akteure des Modernen Sozialismus aber auch subjektiv eine „Agentur“
des Kapitals innerhalb der PDS sind, wie von einigen Verschwörungstheoretikern
immer wieder hartnäckig behauptet wird, läßt der Autor weitgehend
offen (S. 137). Hier hätte man sich eine klarere Abgrenzung gewünscht.
Richtig bleibt aber die Feststellung: „Ob die PDS außer dem
„Gebrauchswert auch den Begriff „Tauschwert“ beansprucht, darf
unerörtert bleiben, so lange PDS-Politiker ihren Tauschwert nicht öffentlich
taxieren.“
Eine
andere wichtige Frage war, ob es gelingen würde, eine Erklärung dafür
zu finden, warum die Mehrheit der Mitglieder dieses hat mit sich machen
lassen, wie es den Modernen Sozialisten gelingen konnte, sie auf ihrem
verhängnisvollen Weg nach Rechts mitzunehmen. Wagner: „Alle
Hoffnungen von marxistischen Linken in der PDS, mit Hilfe der Basis die
PDS vor dem Niedergang retten zu können, waren auf Sand gebaut. … Die
Basis konnte schon seit längerer Zeit keinen praktisch-politischen
„Korrekturkampf“ mehr führen… Hierfür gibt es viele Gründe: die
Altersstruktur, die soziale Zusammensetzung, die Sozialisierung der
Mehrheit der Mitglieder in einer staatstragenden Partei (SED), das
Fehlen jeglicher theoretischer Bildungsarbeit u.a. mehr“(S. 143).
Hinzu käme der ideologisch-geistige Druck der Modernen Sozialisten, der
nicht ohne Wirkung geblieben sei. Bei aller Zustimmung zu diesen
Argumenten, hätte sich der Rezensent gerade an dieser Stelle eine
Vertiefung gewünscht, dies bleibt in Zukunft noch zu leisten.
Zuletzt
noch die Frage nach der Verantwortung der Linken, ihr widmet der Autor
ein ganzes Kapitel, das für den Rezensenten das Spannendste des ganzen
Buches ist. Wagners genereller Feststellung, daß sich „die
marxistische Linke durch bloße taktisch-politische und theoretische
Zugeständnisse in die Rolle drängen ließ, als Feigenblatt der
reformistischen Parteiführung zu fungieren. …. Es gibt keinen
ernsthaften Konflikt zwischen Parteiführung und Parteibasis“ (S.
144), ist nichts hinzuzufügen. Wagner sieht zu Recht die entscheidende
Ursache für das Versagen der Linken darin, das es ihr nicht gelungen
ist, sich auf eine gemeinsame programmatische Sozialismusvorstellung zu
einigen, um beim Kampf zur Verteidigung dieser gegen die Modernen
Sozialisten zu punkten und er kritisiert zu Recht das besondere Versagen
der Kommunistischen Plattform (S. 171).
Zum
Editorischen ist anzumerken, das es leider im üblichen schlampigen
Rahmen der Veröffentlichungen der edition ost verbleibt: ein solches
Buch ohne Personenregister, separates Quellenverzeichnis und mit der
sehr hinderlichen Mischung von Anmerkung und Quellenverweis, behindert
seinen Charakter als Arbeits- und Handbuch doch erheblich. Man hätte
dem Autor auch einen konsequenteren Lektor gewünscht, der die vielen
Doppellungen (selbst bei Zitaten) etwas rafft, auch wenn sie von Wagner
offensichtlich nach dem Prinzip „Lernen durch Wiederholen“
eingesetzt wurden, so stören sie doch den aufmerksamen Leser.
Im
Ganzen ein wichtiges und wertvolles Buch, zum Teil in seiner Schärfe
sogar vergnüglich, der Begriff Glossen daher durchaus angebracht, dem
man unbedingt eine weiterführende Debatte innerhalb der Linken wünscht,
nicht als Selbstzweck, sondern als Selbstverständigung und damit als
Voraussetzung für eine neues Parteiprojekt. Die Notwendigkeit der
Neuformierung einer marxistischen Partei wird vom Autor betont und
Bedingungen ihrer Entstehung werden sorgfältig erörtert, auch dies ein
originärer Beitrag zur Debatte.
Zusammenfassend
kommt der Autor zu dem Resultat, das die PDS als Mittel im Klassenkampf
in Zukunft ausscheidet, ja das ihre Existenz sogar ein Hindernis für
die notwendige Neuformierung der marxistisch fundamentierten
Massenpartei der Werktätigen geworden ist. Insofern haben die Modernen
Sozialisten also ihre langfristige Operationsstrategie erfolgreich
abgeschlossen, der „Transformationsprozeß“ ist beendet. Aber nach
dem Lesen von Wagners Glossen bleibt nur ein Fazit: Operation gelungen
– Patient tot.
Peter
Feist, Dipl.-Philosoph, Berlin,
Arbeitskreis
Marxistische Theorie und Politik
April
2004 |