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„Besonders große Bedeutung für die Gewinnung der Mehrheit des Proletariats hat die systematische Arbeit zur Eroberung der Gewerkschaften, dieser umfassenden Massenorganisation des Proletariats, die mit seinen Tageskämpfen eng verbunden sind. Das Wirken in reaktionären Gewerkschaften - ihre geschickte Eroberung, die Gewinnung des Vertrauens der breiten gewerkschaftlich organisierten Massen, die Absetzung und Verdrängung der reformistischen Führer aus ihren Positionen -, darin besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Vorbereitungsperiode der Revolution.“

Aus dem Programm der Kommunistischen Internationale, 

angenommen auf dem VI. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau am 1. September 1928

Gestützt auf die historischen Erfahrungen der revolutionären Arbeiterbewegung aller Weltteile und aller Völker, steht die Kommunistische Internationale in ihrem theoretischen und praktischen Wirken ohne jeden Vorbehalt auf dem Boden des revolutionären Marxismus und seiner weiteren Ausgestaltung, des Leninismus, der nichts anderes ist als der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen.

Die Kommunistische Internationale verficht und propagiert den dialektischen Materialismus von Marx und Engels und wendet ihn als revolutionäre Methode der Erkenntnis der Wirklichkeit zu ihrer revolutionären Umgestaltung an; sie kämpft aktiv gegen alle Spielarten der bürgerlichen Weltanschauung sowie des theoretischen und praktischen Opportunismus. Auf dem Boden des konsequenten proletarischen Klassenkampfes unterordnet sie die vorübergehenden, die Gruppen-, nationalen und Teilinteressen des Proletariats seinen dauernden, allgemeinen, internationalen Interessen. Sie entlarvt schonungslos die von der Bourgeoisie entlehnte Lehre der Reformisten vom „Klassenfrieden“ in allen ihren Formen. Als Erfüllung des historischen Erfordernisses nach einer internationalen Organisation der revolutionären Proletarier, der Totengräber des kapitalistischen Systems, ist die Kommunistische Internationale die einzige internationale Macht, deren Programm die Diktatur des Proletariats und der Kommunismus ist und die offen als Organisator der internationalen proletarischen Revolution auftritt.

I. Das Weltsystem des Kapitalismus, seine Entwicklung und sein notwendiger Untergang

4. Der Imperialismus und der Sturz des Kapitalismus

...Der Imperialismus, die höchste Phase der kapitalistischen Entwicklung, steigert die Produktivkräfte der Weltwirtschaft ins Riesenhafte, gestaltet die ganze Welt nach seinem Ebenbilde und reißt alle Kolonien, alle Rassen, alle Völker in den Strom der Ausbeutung durch das Finanzkapital. Zugleich entwickelt die monopolistische Form des Kapitals in steigendem Maße Elemente der parasitären Entartung, der Verwesung und des Niedergangs des Kapitalismus. Das monopolistische Kapital schaltet bis zu einem gewissen Grade die Triebfeder der Konkurrenz aus, verfolgt die Politik hoher Kartellpreise und verfügt unumschränkt über die Märkte, wobei es die Tendenz hat, die weitere Entfaltung der Produktivkräfte zu hemmen. Der Imperialismus häuft unermeßliche Reichtümer aus den riesigen Extraprofiten auf, die er den Millionen der Arbeiter und Bauern der Kolonien abpreßt. Er schafft dadurch den Typus verwesender, parasitär entartender Rentnerstaaten und ganze Schichten von Schmarotzern, die vom Kuponschneiden leben. Die Epoche des Imperialismus, die den Prozeß der Schaffung der materiellen Vorbedingungen des Sozialismus vollendet (Konzentration der Produktionsmittel, gigantische Vergesellschaftung der Arbeit, Erstarken der Arbeiterorganisationen), verschärft zugleich die Widersprüche zwischen den „Großmächten“ und ruft Kriege hervor, die den Zerfall der einheitlichen Weltwirtschaft herbeiführen. Der Imperialismus ist daher der verwesende, sterbende Kapitalismus. Er ist die letzte Etappe der Entwicklung des Kapitalismus überhaupt, er ist der Anbruch der sozialistischen Weltrevolution.

Die internationale proletarische Revolution entspringt so den Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus im allgemeinen und seiner imperialistischen Phase im besonderen. Das kapitalistische System als Ganzes nähert sich seinem endgültigen Zusammenbruch. Die Diktatur des Finanzkapitals bricht zusammen und weicht der Diktatur des Proletariats.

II. Die allgemeine Krise des Kapitalismus und die erste Phase der Weltrevolution

1. Der Weltkrieg und der Gang der revolutionären Krise

...Die gewaltige Erschütterung des gesamten Weltkapitalismus, die Verschärfung des Klassenkampfes und der unmittelbare Einfluß der proletarischen Oktoberrevolution riefen in Europa wie in den kolonialen und halbkolonialen Ländern eine Reihe von Revolutionen und revolutionären Aktionen hervor: Januar 1918 – Arbeiterrevolution in Finnland; August 1918 – „Reisaufstände“ in Japan; November 1918 – Revolutionen in Österreich und Deutschland, die die halbfeudalen Monarchien stürzten; März 1919 – proletarische Revolution in Ungarn, Aufstand in Korea; April 1919 – Rätemacht in Bayern; Januar 1920 – bürgerlich-nationale Revolution in der Türkei; September 1920 – Besetzung der Betriebe durch die Arbeiter in Italien; März 1921 - Aufstand der proletarischen Vorhut in Deutschland; September 1923 - Aufstand in Bulgarien; Herbst 1923 - revolutionäre Krise in Deutschland; Dezember 1924 – Aufstand in Estland; April 1925 – Aufstand in Marokko; August 1925 - Aufstand in Syrien; Mai 1926 – Generalstreik in England; Juli 1927 - Arbeiteraufstand in Wien. All das zusammen mit Ereignissen wie dem Aufstand in Indonesien, der tiefen Gärung in Indien, der machtvollen chinesischen Revolution, die ganz Asien erschütterte, sind Glieder der Kette der internationalen Revolution, sind Bestandteile der tiefaufwühlenden allgemeinen Krise des Kapitalismus. Dieser internationale revolutionäre Prozeß umfaßt den Kampf für die Diktatur des Proletariats wie auch die nationalen Befreiungskriege und die kolonialen Aufstände gegen den Imperialismus, die wiederum untrennbar verbunden sind mit der Agrarrevolution der Millionen zählenden Bauernmassen. So wurden gewaltige Menschenmassen in den Strom der Revolution hineingerissen. Die Weltgeschichte ist in eine neue Phase ihrer Entwicklung getreten: in die Phase einer langwierigen allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems. Die Einheit der Weltwirtschaft fand dabei ihren Ausdruck in dem internationalen Charakter der Revolution, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der einzelnen Teile der Weltwirtschaft - in der Ungleichzeitigkeit der Revolution in den einzelnen Ländern.

Die ersten Versuche zu einem revolutionären Umsturz, die aus der akuten Krise des Kapitalismus (1918-1921) hervorwuchsen, endeten mit dem Siege und der Befestigung der Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion, aber mit Niederlagen des Proletariats in einer ganzen Reihe anderer Länder. Diese Niederlagen sind in erster Linie das Ergebnis der Verrätertaktik der sozialdemokratischen Führer und der reformistischen Spitzen der Gewerkschaftsbewegung, aber auch die Folge des Umstandes, daß hinter den Kommunisten noch nicht die Mehrheit der Arbeiterklasse stand und in einer Reihe der wichtigsten Staaten überhaupt noch keine kommunistischen Parteien vorhanden waren. Diese Niederlagen ermöglichten der Bourgeoisie eine teilweise Stabilisierung des Kapitalismus durch die verstärkte Ausbeutung der proletarischen Massen und der Kolonialvölker und die schroffe Herabdrückung ihrer Lebenshaltung.

3. Die Krise des Kapitalismus und der Faschismus

Neben die Sozialdemokratie, die der Bourgeoisie die Arbeiterklasse unterdrücken und die Wachsamkeit der Proletarier einschläfern hilft, tritt der Faschismus.

In der Epoche des Imperialismus führte die Verschärfung des Klassenkampfes und die Zunahme der Elemente des Bürgerkrieges - besonders nach dem imperialistischen Weltkrieg - zum Bankrott des Parlamentarismus. Daher die „neuen“ Methoden und Formen des Regierens (z. B. das System der „kleinen Kabinette“, das Wirken oligarchischer Gruppen hinter den Kulissen, der Verfall und die Verfälschung der Rolle der „Volks Vertretung“, die Beschneidung und Beseitigung der „demokratischen Freiheiten“ usw.). Unter besonderen historischen Bedingungen nimmt dieser Prozeß der Offensive der bürgerlich-imperialistischen Reaktion die Form des Faschismus an. Solche Bedingungen sind: die Labilität der kapitalistischen Beziehungen; das Vorhandensein sozial deklassierter Elemente in beträchtlicher Zahl; die Verarmung breiter Schichten des städtischen Kleinbürgertums und der Intelligenz; die Unzufriedenheit der ländlichen Kleinbourgeoisie; schließlich die ständige Gefahr proletarischer Massenaktionen. Um ihrer Macht größere Stetigkeit und Festigkeit zu sichern, ist die Bourgeoisie in steigendem Maße gezwungen, vom parlamentarischen System zu der faschistischen Methode überzugehen, die von Beziehungen und Kombinationen zwischen den Parteien unabhängig ist. Der Faschismus ist eine Methode der unmittelbaren Diktatur der Bourgeoisie, ideologisch verkleidet mit der Idee der „Volksgemeinschaft“ und der Vertretung nach „Berufsständen“ (d. h. eigentlich der Vertretung verschiedener Gruppen der herrschenden Klasse). Er ist eine Methode, die durch eine eigenartige soziale Demagogie (Antisemitismus, gelegentliche Ausfälle gegen das Wucherkapital, Entrüstung über die parlamentarische „Schwatzbude“) die Unzufriedenheit der Massen des Kleinbürgertums, der Intellektuellen u. a. ausnützt. Er ist eine Methode der Korruption durch den Aufbau einer geschlossenen, besoldeten Hierarchie der faschistischen Kampfverbände, des faschistischen Parteiapparates und der faschistischen Bürokratie. Dabei sucht der Faschismus durch die Gewinnung ihrer rückständigsten Schichten auch in die Reihen der Arbeiterschaft einzudringen, indem er ihre Unzufriedenheit, die Passivität der Sozialdemokratie usw. ausnützt. Die Hauptaufgabe des Faschismus ist die Vernichtung der revolutionären Vorhut der Arbeiterklasse, d. h. der kommunistischen Schichten des Proletariats und ihrer führenden Kader. Die Verquickung von sozialer Demagogie und Korruption mit dem aktiven weißen Terror sowie die zum äußersten gesteigerte imperialistische Aggressivität der Außenpolitik sind charakteristische Züge des Faschismus. In Zeiten, die für die Bourgeoisie besonders kritisch sind, bedient sich der Faschismus einer antikapitalistischen Phraseologie; sobald er aber seine Macht gesichert sieht, erweist er sich immer mehr als terroristische Diktatur des Großkapitals und wirft den antikapitalistischen Plunder von sich.

Entsprechend der jeweiligen politischen Konjunktur bedient sich die Bourgeoisie sowohl der faschistischen Methoden als auch der Methoden der Koalition mit der Sozialdemokratie, wobei die Sozialdemokratie selbst, besonders in für den Kapitalismus kritischen Zeiten, eine faschistische Rolle spielt. Die Sozialdemokratie zeigt im Laufe der Entwicklung faschistische Tendenzen, was sie jedoch nicht hindert, im Falle einer Änderung der politischen Konjunktur gegen die bürgerliche Regierung als oppositionelle Partei aufzutreten. Faschismus und Koalition mit der Sozialdemokratie sind beide für den normalen Kapitalismus ungewöhnliche Methoden. Sie sind Anzeichen für das Bestehen einer allgemeinen Krise des Kapitalismus und werden von der Bourgeoisie benützt, um den Vormarsch der Revolution zu hemmen.

4. Die Widersprüche der kapitalistischen Stabilisierung und die Notwendigkeit des revolutionären Zusammenbruchs des Kapitalismus

Die Erfahrung der ganzen Nachkriegszeit beweist, daß die Stabilisierung des Kapitalismus, die durch die Niederschlagung der Arbeiterklasse und die systematische Herabdrückung ihrer Lebenshaltung erzielt wurde, nur eine teilweise, vorübergehende, morsche Stabilisierung sein kann.

Die sprunghafte, fieberhafte Entwicklung der Technik, die in einigen Ländern an eine neue technische Umwälzung grenzt, der beschleunigte Prozeß der Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die Bildung riesiger Trusts „nationaler“ und „internationaler“ Monopole, das Verwachsen der Trusts mit der Staatsmacht, das Wachsen der kapitalistischen Weltwirtschaft - all das kann die allgemeine Krise des kapitalistischen Systems nicht überwinden. Der Zerfall der Weltwirtschaft in einen kapitalistischen und einen sozialistischen Teil, die Einengung der Märkte, die antiimperialistische Bewegung in den Kolonien verschärfen aufs äußerste alle Widersprüche des Kapitalismus, der sich auf der neuen, nach dem Kriege entstandenen Grundlage entwickelt. Die Kehrseite des technischen Fortschrittes und der Rationalisierung der Industrie sind die Schließung und Liquidierung einer Reihe von Betrieben, die Einschränkung der Produktion, der rücksichtslose Raubbau an der Arbeitskraft, was alles zu einer gewaltigen, bisher noch nicht dagewesenen Dauererwerbslosigkeit führt. Die absolute Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse wird selbst in einer Reihe entwickelter kapitalistischer Länder zur Tatsache. Die Steigerung der Konkurrenz zwischen den imperialistischen Staaten und die ständige Kriegsgefahr, die immer schärfer werdende Spannung der Klassenkonflikte schaffen die Voraussetzungen für eine neue, höhere Entwicklungsstufe der allgemeinen Krise des Kapitalismus und der proletarischen Weltrevolution.

Das Ergebnis der ersten Folge imperialistischer Kriege (Weltkrieg von 1914 bis 1918) und des Oktobersieges der Arbeiterklasse im einstigen Zarenreich war die Spaltung der Welt in zwei einander grundsätzlich feindliche Lager: das Lager der imperialistischen Staaten und jenes der Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion. Die Unterschiede in der Klassenstruktur und dem Klassencharakter der Staatsmacht, der prinzipielle Unterschied in den Zielen der Innen- und Außenpolitik, der Wirtschafts- und Kulturpolitik, die grundsätzlich verschiedene Entwicklungsrichtung - all das bringt die kapitalistische Welt in schroffen Gegensatz zum Staate des siegreichen Proletariats. Im Rahmen der einst einheitlichen Weltwirtschaft bekämpfen sich gegenwärtig zwei antagonistische Systeme: Kapitalismus und Sozialismus. Der Klassenkampf, dessen Formen bisher dadurch bestimmt waren, daß das Proletariat noch nirgends die Staatsmacht in Händen hatte, reproduziert sich jetzt, da die Arbeiterklasse der ganzen Welt bereits ihren Staat, das einzige Vaterland des internationalen Proletariats, besitzt, in gewaltigem, wirklich weltumfassendem Ausmaße. Das Bestehen der Sowjetunion mit ihrem Einfluß auf die werktätigen und unterdrückten Massen der ganzen Welt ist schon an und für sich der deutlichste Ausdruck der tiefgehenden Krise des Systems des Weltkapitalismus und einer in der Geschichte noch nie dagewesenen Ausdehnung und Verschärfung des Klassenkampfes.

Unfähig, ihre inneren Widersprüche zu überwinden, sucht die kapitalistische Welt einen Ausweg in der Gründung einer internationalen Vereinigung (des Völkerbundes), deren Hauptzweck es ist, das unaufhaltsame Wachsen der revolutionären Krise zum Stillstand zu bringen und die Union proletarischer Republiken durch Blockade oder Krieg zu erdrosseln. Um die Sowjetunion scharen sich indes alle Kräfte des revolutionären Proletariats und der unterdrückten Massen der Kolonien; der unbeständigen, innerlich morschen, doch bis an die Zähne bewaffneten Weltkoalition des Kapitals steht eine einheitliche und geschlossene Weltkoalition der Arbeit gegenüber. So erwuchs aus der ersten Folge imperialistischer Kriege ein neuer Grundwiderspruch, weltgeschichtlich nach Ausmaß und Bedeutung - der Widerspruch zwischen der Sowjetunion und der kapitalistischen Welt.

Auch die inneren Widersprüche des kapitalistischen Teils der Weltwirtschaft erfuhren eine Verschärfung...

So wird der Bau des Weltimperialismus und mit ihm die teilweise Stabilisierung des Kapitalismus von verschiedenen Seiten her unterwühlt: durch die Gegensätze und Konflikte zwischen den imperialistischen Mächten, durch die Erhebung der Millionen in den Kolonien, durch den Kampf des revolutionären Proletariats der Mutterländer, schließlich durch die führende Macht der revolutionären Weltbewegung, die proletarische Diktatur in der Sowjetunion. Die internationale Revolution schreitet vorwärts.

Wider sie sammelt der Imperialismus alle seine Kräfte: Expeditionen gegen die Kolonien, einen neuen Weltkrieg und den Feldzug gegen die Sowjetunion setzt der Imperialismus auf die Tagesordnung. Das führt unvermeidlich zur Auslösung aller Kräfte der internationalen Revolution und mit eherner Notwendigkeit zum Sturze des Kapitalismus.

IV. Die Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus und die Diktatur des Proletariats

8. Der Kampf für die Weltdiktatur des Proletariats und die Haupttypen der Revolutionen

Die internationale Revolution des Proletariats besteht aus einer Reihe ungleichzeitiger und ungleichartiger Prozesse: rein proletarische Revolutionen; Revolutionen von bürgerlich-demokratischem Typus, die in proletarische Revolutionen umschlagen; nationale Befreiungskriege, koloniale Revolutionen. Erst am Ende seiner Entwicklung führt dieser revolutionäre Prozeß zur Weltdiktatur des Proletariats.

Die in der Epoche des Imperialismus gesteigerte Ungleichmäßigkeit der Entwicklung des Kapitalismus hat eine größere Verschiedenartigkeit seiner Typen, hat Unterschiede im Reifegrad und mannigfaltige, besondere Bedingungen des revolutionären Prozesses in den einzelnen Ländern erzeugt. Eine historisch unbedingt notwendige Folge dieser Umstände sind die Mannigfaltigkeit der Wege und die Unterschiede im Tempo der Machtergreifung des Proletariats wie die Unvermeidlichkeit gewisser Übergangsstadien zur proletarischen Diktatur in einer Reihe von Ländern. Infolgedessen nimmt auch der Aufbau des Sozialismus in einzelnen Ländern verschiedene Formen an.

Die mannigfaltigen Bedingungen und Wege des Überganges zur proletarischen Diktatur in den einzelnen Ländern lassen sich schematisch auf folgende drei Typen zurückführen:

Hochentwickelte kapitalistische Länder (Vereinigte Staaten, Deutschland, England usw.) mit mächtig entfalteten Produktivkräften, weitgehend zentralisierter Produktion, verhältnismäßig geringem spezifischem Gewicht der Kleinbetriebe und mit einem bereits seit langem bestehenden bürgerlich-demokratischen politischen Regime. In diesen Ländern ist die politische Hauptforderung des Programms der unmittelbare Übergang zur Diktatur des Proletariats. Auf wirtschaftlichem Gebiete sind die wesentlichen Forderungen: die Expropriation sämtlicher Großbetriebe, die Schaffung einer beträchtlichen Anzahl staatlicher Sowjetgüter, Übergabe nur eines relativ unerheblichen Teiles des Bodens an die Bauernschaft; verhältnismäßig geringer Umfang der elementaren Marktbeziehungen; rasche sozialistische Entwicklung im allgemeinen und insbesondere rasche Kollektivierung der Bauernwirtschaft.

Länder auf mittlerer kapitalistischer Entwicklungsstufe (Spanien, Portugal, Polen, Ungarn, die Balkanländer usw.) mit erheblichen Resten halbfeudaler Verhältnisse in der Landwirtschaft, mit einem gewissen Minimum der materiellen Voraussetzungen zum Aufbau des Sozialismus, Länder, in denen die bürgerlich-demokratische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. In manchen dieser Länder ist ein mehr oder minder rasches Umschlagen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische, in anderen sind Typen proletarischer Revolutionen mit umfangreichen Aufgaben bürgerlich-demokratischer Natur möglich. Im ersten Falle ist es daher möglich, daß die Diktatur des Proletariats nicht unmittelbar, sondern erst im Verlaufe des Überganges von der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zur sozialistischen Diktatur des Proletariats eintritt, im anderen Falle, wo sich die Revolution unmittelbar als proletarische entwickelt, setzt sie die Führung einer breiten Agrar- und Bauernbewegung durch das Proletariat voraus; die Agrarrevolution spielt eine ungeheure, manchmal entscheidende Rolle; im Laufe der Enteignung des großen Grundbesitzes geht ein erheblicher Teil des enteigneten Grund und Bodens in die Hand der Bauernschaft über; das Ausmaß der Marktbeziehungen ist nach dem Siege des Proletariats bedeutend; der genossenschaftliche Zusammenschluß der Bauernschaft und ihre Zusammenfassung in großen Produktionseinheiten gewinnen im Rahmen der verschiedenen Aufgaben des sozialistischen Aufbaues allergrößte Bedeutung. Das Tempo des Aufbaues des Sozialismus ist relativ langsam.

Koloniale und halbkoloniale Länder (China, Indien usw.) und abhängige Länder (Argentinien, Brasilien usw.) mit bestimmten Ansätzen, zuweilen sogar mit einer erheblichen, für einen selbständigen Aufbau des Sozialismus meist jedoch ungenügenden Entwicklung der Industrie; mit vorherrschenden mittelalterlich-feudalen Verhältnissen oder der „asiatischen Produktionsweise“ sowohl in der Wirtschaft als auch im politischen Überbau; schließlich mit Konzentration der ausschlaggebenden Industrie-, Handels- und Bankunternehmungen, der wichtigsten Transportmittel, der Latifundien, Pflanzungen usw. in der Hand ausländischer imperialistischer Gruppen. In diesen Ländern haben entscheidende Bedeutung der Kampf gegen den Feudalismus, gegen die vorkapitalistischen Formen der Ausbeutung, sowie die konsequente Agrarrevolution der Bauernschaft und der Kampf gegen den ausländischen Imperialismus und für die nationale Unabhängigkeit. Der Übergang zur proletarischen Diktatur ist hier in der Regel erst über eine Reihe von Vorbereitungsstufen, erst als Ergebnis einer ganzen Periode des Umschlagens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische möglich. Der erfolgreiche Aufbau des Sozialismus ist in den meisten dieser Länder nur möglich bei unmittelbarer Unterstützung durch die Länder der proletarischen Diktatur...

VI. Die Strategie und Taktik der Kommunistischen Internationale im Kampf um die Diktatur des Proletariats

2. Die Hauptaufgaben der kommunistischen Strategie und Taktik

... Um ihre historische Aufgabe - die proletarische Diktatur zu erringen - erfüllen zu können, muß sich die kommunistische Partei folgende strategische Ziele stellen und sie erreichen:

Die Eroberung der Mehrheit der eigenen Klasse, die Proletarierinnen und die Arbeiterjugend inbegriffen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, den entscheidenden Einfluß der kommunistischen Partei auf die großen Massenorganisationen des Proletariats zu sichern (Räte, Gewerkschaften, Betriebsräte, Genossenschaften, Sport- und Kulturorganisationen usw.). Besonders große Bedeutung für die Gewinnung der Mehrheit des Proletariats hat die systematische Arbeit zur Eroberung der Gewerkschaften, dieser umfassenden Massenorganisation des Proletariats, die mit seinen Tageskämpfen eng verbunden sind. Das Wirken in reaktionären Gewerkschaften - ihre geschickte Eroberung, die Gewinnung des Vertrauens der breiten gewerkschaftlich organisierten Massen, die Absetzung und Verdrängung der reformistischen Führer aus ihren Positionen -, darin besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Vorbereitungsperiode der Revolution.

Die Erkämpfung der proletarischen Diktatur hat auch die Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats über die breiten Schichten der werktätigen Massen zur Voraussetzung. Um das zu erreichen, muß die kommunistische Partei die Massen der armen Schichten in Stadt und Land, die unteren Schichten der Intellektuellen und die sogenannten kleinen Leute, d.h. die kleinbürgerlichen Schichten überhaupt, unter ihren Einfluß bringen. Besondere Bedeutung hat die Arbeit zur Wahrung des Einflusses der Partei unter der Bauernschaft. Die kommunistische Partei muß sich der vollen Unterstützung der dem Proletariat am nächsten stehenden Schichten der Landbevölkerung versichern, d.h. vor allem der Landarbeiter und der Dorfarmut. Dazu sind besondere Organisationen der Landarbeiter erforderlich, die allseitige Unterstützung ihres Kampfes gegen die Dorfbourgeoisie und energische Arbeit unter den Klein- und Zwergbauern. Was die mittleren Schichten der Bauernschaft betrifft, so soll die kommunistische Partei (in Ländern mit entwickeltem Kapitalismus) die Politik ihrer Neutralisierung verfolgen. Die Lösung all dieser Aufgaben durch das Proletariat, das zum Träger der Interessen des ganzen Volkes und zum Führer der breitesten Volksmassen im Kampfe gegen das finanzkapitalistische Joch wird, ist die unbedingte Voraussetzung der siegreichen kommunistischen Revolution.

Vom Standpunkte des Weltkampfes des Proletariats aus sind die wichtigsten strategischen Aufgaben der Kommunistischen Internationale die Aufgaben des revolutionären Kampfes in den Kolonien, Halbkolonien und abhängigen Ländern. Dieser Kampf hat die Sammlung der breitesten Massen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft der Kolonien unter der Fahne der Revolution zur Voraussetzung, die nur durch die engste brüderliche Zusammenarbeit des Proletariats der unterdrückenden Nationen mit den werktätigen Massen der unterdrückten Völker erreicht werden kann...

Bei der Festlegung ihrer taktischen Linie muß jede kommunistische Partei die gegebene innere und äußere Lage, das Verhältnis der Klassenkräfte, den Grad der Festigkeit und der Stärke der Bourgeoisie, den Grad der Kampfbereitschaft des Proletariats, die Haltung der Mittelschichten usw. in Rechnung stellen. Diesen Verhältnissen entsprechend bestimmt die Partei ihre Losungen und Kampfmethoden, wobei sie von der Notwendigkeit der Mobilisierung und Organisierung möglichst breiter Massen ausgeht und eine möglichst hohe Stufe dieses Kampfes erstrebt. Beim Heranreifen einer revolutionären Situation stellt die Partei eine Reihe von Übergangslosungen auf und erhebt entsprechend den gegebenen Verhältnissen Teilforderungen, die sie ihrem revolutionären Hauptziel, der Eroberung der Macht und dem Sturz der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung, unterordnen muß. Die Tagesforderungen und Tageskämpfe der Arbeiterklasse zu vernachlässigen ist ebenso unzulässig wie die Beschränkung der Tätigkeit der Partei auf diese allein. Aufgabe der Partei ist es, ausgehend von den Tagesnöten, die Arbeiterklasse in den revolutionären Kampf um die Macht zu führen.

Protokoll.
Sechster Weltkongreß der Kommunistischen Internationale,
Moskau, 17. Juli - 1. September 1928,
Vierter Band: Thesen, Resolutionen, Programm, Statuten,
Hamburg/Berlin (1929), S. 47, 53-55, 57-59, 61, 64, 79/80, 87, 94-96

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