Helmut
Lucas
Die
Kommunistische Plattform der PDS hat sich entschieden
Vorwärts,
wir marschieren zurück
Nach
fünf Jahren voller Intrigen, Mauscheleien und taktischen Tricks aller
Art, hat die PDS ihre Programmdebatte beendet. War das alte Parteiprogramm
von 1993 schon ein weitgehend unverbindliches Kompromisspapier, ist jetzt
mit dem neuen der Beliebigkeit endgültig Tür und Tor geöffnet:
-
die Zustimmung zu imperialistischen Kriegen ist möglich,
-
die Eigentumsfrage ist gelöst, „unternehmerisches Handeln und
Gewinninteresse“ sind nicht nur erlaubt, sondern „legitime und
wichtige Bedingungen von Innovation und betriebswirtschaftlicher
Effizienz“. Zu letzterem gehören übrigens auch Betriebsschließungen
und (Massen-)Entlassungen,
-
die Klassenfrage wird endgültig nicht mehr gestellt.
Das
„Bad Godesberg“ der PDS also! Da hatten sich 1959 SPD-Delegierte
versammelt und sich mittels eines neuen Programms zur „Volkspartei“
ernannt. Überraschend ist das alles nicht, die Entwicklung war schon
lange absehbar. Wie sich die Kommunistische Plattform der PDS (KPF)
verhalten würde, war zwar voraussehbar, aber durchaus nicht sicher. Sahra
Wagenknecht vor der Bundesdelegiertenkonferenz der KPF am 7.9.03:
„Wir
werden sorgfältig die weitere Vorbereitung des Parteitages und dessen
Verlauf analysieren. Wir werden gründlich die Ergebnisse von
Chemnitz bewerten. Danach werden wir Schlussfolgerungen ziehen. Bis
dahin gilt die Beschlusslage der Hannoveraner Bundeskonferenz vom 25. Mai
2003: Wir machen ebenso wenig den Weg ohne weiteres frei, wie wir um
jeden Preis bleiben. An einer Debatte zu dieser Problematik vor
Chemnitz werden wir uns nicht beteiligen“
Es
ist also zu konstatieren, dass das Verhalten der KPF einer Preisfrage
entsprach. Und der Preis ist hoch, wie wir oben schon gesehen haben. Die
Vorentscheidung fiel spätestens schon auf dem Parteitag. Bei der
Abstimmung über dieses reaktionäre Parteiprogramm der PDS stimmten von
38 KPF-Delegierten (einschließlich Sympathisanten) 28 dagegen, zehn
enthielten (!) sich der Stimme, darunter Sahra Wagenknecht. In einem
Interview mit der jW vom 29.10.03 sagte sie dazu:
„Es
hat sowohl im Vorfeld als auch im Verlauf des Parteitages einige Veränderungen
gegeben, die man nicht klein reden sollte. So ist der Vorstandstext
zum »Gewinnstreben« durchgefallen und statt dessen der Antrag der AG
Betrieb & Gewerkschaft angenommen worden, in dem klargestellt wird, dass
die Profitmaximierung kapitalistischer Konzerne jedenfalls
keine »legitime Bedingung« für irgendwas ist.“
Per
Antrag wurde also festgestellt, dass das mehrheitlich beschlossene
Parteiprogramm gar nicht so gemeint ist, jedenfalls nicht in diesem Punkt.
Na das freut uns doch! Hier noch ein weiteres Zitat aus dem Interview. Auf
die Frage, welches Signal nach ihrer Meinung von Chemnitz an die deutsche
Linke ausginge, antwortete Sahra W.:
„Zum
einen das Bekannte: Dass ein wesentlicher Flügel der PDS danach
strebt, in dieser Gesellschaft anzukommen und dieses Ankommen
programmatisch zu untersetzen. Zum anderen aber schon auch: Dass es
innerhalb der PDS linke Kräfte gibt, die stark genug sind, Veränderungen
zumindest in bestimmten Fragen durchzusetzen. Natürlich lässt
dieses Programm politisch nahezu alle Türen offen. Ob man durch die
offenen Türen gehen kann, wird eine Frage der konkreten politischen
Auseinandersetzung sein.“
Diese
Antwort enthält gleich mehrere Fehler. Der „wesentliche Flügel“
machte unter den Parteitagsdelegierten 77,8 % aus. Wer also ist Rumpf und
wer ist Flügel? Und wer strebt nach dem „Ankommen“ „in dieser
Gesellschaft“? Es sind doch schon (bis auf einige Wenige) alle da!
Der
zweite Teil der Antwort kommt in frappierender Offenheit daher. Linke
Kräfte,
die
stark genug sind, zumindest in bestimmten Fragen Veränderungen
durchzusetzen. Genau darum
wurde eben nie eine organisierte Debatte geführt! Ein schönes
Beispiel für diese angebliche „Durchsetzungskraft“ ist
oben beschrieben, und zwar in einer für Kommunisten absolut elementaren
Frage: Dem Kapitalistischen Privateigentum und der damit untrennbar
verbundenen Klassenfrage!
Dann
noch die „offenen Türen“, von denen man noch nicht weiß, ob man
durch sie durchgehen kann. Muss man das noch kommentieren?
Noch
nie zuvor ist von Mitgliedern des Führungszirkels der KPF so deutlich
gesagt worden, dass es ihnen um kommunistische Politik überhaupt nicht
geht. Ganz im Gegenteil. Sie wollen bewusst einen linken Flügel in der
PDS ausmachen und am Kampf um die Fleischtöpfe teilnehmen. Die Rolle der
Kommunistischen Plattform der PDS entspricht damit der der Jungsozialisten
in der SPD. Die Kleinen machen es den Großen eben nach!
Die
KPF bindet ein erhebliches Wählerpotenzial an die PDS, vor allem im Osten
der Republik und allen anderen Linken wird signalisiert: Solange es eine
KPF in der PDS gibt, kann es ja so schlimm noch nicht sein. Ein Zitat aus
der Erklärung der KPF-Bundeskonferenz vom 2.11.03:
„Die
Tendenz dieser bewussten Anpassung ist unseres Erachtens in der PDS die
bestimmende geworden.“
Das
ist zweifellos richtig, erweckt aber den falschen Eindruck, die KPF wäre
diesem Anpassungsprozess eben nicht unterlegen. Nehmen wir
das Beispiel Regierungsbeteiligung. Es war jahrelang Konsens in der KPF,
Tolerierungen wie Regierungsbeteiligungen abzulehnen. Eine ernsthafte
Diskussion um diese Frage ist nie geführt worden. Hier ein weiteres Zitat
(ebenda):
„Auf
dem Geraer Parteitag zeigte sich, dass es in der Partei begründete Kritik
gab und sicher nach wie vor gibt, dass die PDS durch
Regierungsbeteiligungen um beinahe jeden Preis auf Verschleiß gefahren
wird.“
Da
gibt es offensichtlich PDS-Mitglieder, die schon was gemerkt haben. Das
ficht die KPF aber nicht an, denn an anderer Stelle heißt es:
„Wir werden auf Landesparteitagen,
Basistreffen und in jeglichen Gremien der PDS, in denen wir vertreten sind,
gegen eine Art des Mitregierens Front machen, die Grundsätze des
Wahlprogramms genau so ignoriert, wie andere Parteien des bürgerlichen
Establishments das tun.“
Da
ist also aufgefallen, dass die PDS eine „Partei des bürgerlichen
Establishments“ ist. Eine bemerkenswerte Feststellung, denn es
wirft um so deutlicher die Frage auf: Was haben Kommunisten in so einer
Partei zu suchen? Nun mag man sagen, das könnte eine unglückliche
Formulierung sein. Nichts da. Noch ein Beispiel:
„Dieses
Programm strebt den Sozialismus als eine vom Kapitalismus unterschiedene
Gesellschaftsordnung nicht mehr an.“
und
„Wir
erklären: Die Kommunistische Plattform wird auch zukünftig in der PDS
aktiv sein.“
Kommen
wir auf die „Linken Kräfte“ zurück, „die stark
genug sind, zumindest in bestimmten Fragen Veränderungen
durchzusetzen“.
Wie,
wo und wann hat sich das schon mal erwähnenswert bemerkbar gemacht? Bei
der Kürzung der Sozialhilfe in Berlin? Bei der Schließung von Schwimmbädern
und Kultureinrichtungen? Bei der Absicherung von Bau- und
Bodenspekulanten?
Und
wie war das mit der Entschuldigung bei George W. Bush durch den
Fraktionsvorsitzenden Roland Klaus für ein kleines Anti-Kriegsplakat? Gab
es eine ordentliche öffentliche Kritik zu diesem Skandal? Konnten die
„Linken Kräfte“ wenigstens die öffentliche Maßregelung der drei
PDS-Abgeordneten durch den Bundesvorstand der PDS verhindern, die dieses
Plakat für etwa fünf Sekunden im Parlament hoch halten konnten? Die
Antwort lautet immer: NEIN!
Und
wie war das mit dem marxistischen Programmentwurf, den die Genossen
Kallabis, Krusch und Wagner vorgelegt hatten? Wo waren da die „Linken Kräfte“?
Ist dieser Programmvorschlag in die Diskussion eingebracht worden? Ist er
wenigstens allen KPF-Mitgliedern und SympathisantInnen zugänglich und zur
Diskussion vorgestellt worden? (siehe
Programmentwurf)
Hier
genügt es nicht mehr, einfach nur mit NEIN zu antworten! Dieser Entwurf
ist schlicht und einfach ignoriert worden, als hätte es ihn nie gegeben.
Stattdessen wurde fünf Jahre lang versucht, einen durch und durch
reaktionären Programmentwurf zu entschärfen, wurde Zeit und Kraft
verschwendet.
Anders
ausgedrückt: Der Kommunistischen Plattform der PDS ist es fünf Jahre
lang gelungen, ihre Mitglieder und ihre Anhänger vom Klassenkampf
abzuhalten. Dass sie jetzt –angesichts eines programmatischen
Bekenntnisses zum Kapitalismus - immernoch die Parole „Weitermachen
jeden Preis“ ausgibt, ist ein Schlag ins Gesicht jedes
aufrechten Kommunisten!
Helmut
Lucas
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