„Wir
legen auch Wert darauf zu stören“
Der
Niedergang der Kommunistischen Plattform der PDS ist nicht mehr
aufzuhalten
Von
Helmut Lucas
Ist
er nicht goldig, der Oskar Lafontaine? Da wurde er mal kurzerhand in der
SPD von „Genosse Gerhard“
und seinen Spießgesellen in Rente geschickt und was machte er? Erst
einmal ein Kind, das all seine Aufmerksamkeit erforderte. Behauptete er
jedenfalls! Und es machte ihm viel Freude.
Das
wiederum hat allerlei PDS-Gesellen auf den Plan gerufen, namentlich vor
allem die Herren Gregor Gysi und Andre Brie. Diese wiederum hatten sich
Oskar L. als vorbildlichen Vater gedacht. Und so begab es sich, dass die
Zeit nur so plätscherte. Vor sich hin, quasi.
Aber
in der PDS derweil gab es noch etwas anderes. Aufrechte Sozialisten,
deren ehrlich gemeinter Antikapitalismus nicht zu übersehen war. Und
eine Kommunistische Plattform! Als die PDS ihre Parole ausgab: „Kein
Tag ohne Opposition!“ definierte auch die KPF ihre Position:
„Kein Tag ohne Widerstand!“. Aber wie lange ist das her?
Werfen wir einen kleinen Blick zurück.
Am
18. Mai 1995 erschien im Neuen Deutschland (ND) als
Anzeige ein Appell mit dem Titel
„In großer Sorge“
Da
hatten sich 38 Genossinnen und Genossen der PDS, einige von ihnen in der
KPF oder dem Marxistischen Forum
organisiert, zu Wort gemeldet, um der fortschreitenden
Sozialdemokratisierung der PDS ein Ende zu bereiten. Besondere
Aufmerksamkeit erfuhren die Unterzeichner/innen auch dadurch, dass fast
alle Akademiker/innen waren und bewusst ihre Titel (Prof., Dr.) mit
angegeben hatten. Bezogen auf die damalige Bundestagsgruppe der PDS hieß
es da:
„An
die Seite der alten Ausgrenzungspolitik tritt, vor allem durch kluge
SPD-Politiker, der Versuch, die PDS durch Anpassungsforderungen
letztlich überflüssig zu machen.“
Und
da es abweichende Meinungen in der PDS gab, „wurde
eine gespenstische Schlacht in den eigenen Reihen unter der absurden
Losung ‚Reformer gegen Stalinisten’ eingeleitet.“
Aber
es kam ja noch dicker. In derselben Ausgabe des ND kommentierte der
Chefredakteur Reiner Oschmann: „Eine Gruppe von 38 Persönlichkeiten
.... sieht Gefahr im Verzuge. Der Grundkonsens der PDS sei aufgekündigt
und vom Oppositionsverständnis abgewichen, der Klassenkampf
verabschiedet, die innere Solidarität aufgekündigt worden. Starker
Tobak. Er schreit nach Klarstellung. Der Vorgang ist erst mal so
alarmierender, als der Aufruf von honorigen Leuten kommt.“ und
weiter: da weder Gremien, noch verantwortliche Personen im Einzelnen
benannt wurden, „hat diese Zeitung eine Veröffentlichung als
redaktionellen Text abgelehnt.“
Die
Aufregung in der PDS war heftig – und das ist noch gelinde formuliert.
Dazu kam eine schier unglaubliche Frechheit der noch jungen „offensiv“
von KPF-Genossen aus Hannover. Die druckten in ihrer Mai-Ausgabe beides
ab, die Erklärung der 38 und die ablehnende Stellungnahme des
Chefredakteurs des ND. Und wie es die PDS-Logik (!)
so will, war damit ein neuer Beweis für das zerstörerische und
linksradikale Treiben der offensiv erbracht.
Und
hier sind wir wieder beim eigentlichen Thema, der Rolle der Kommunistischen
Plattform der PDS. Da hatte doch im vergangenen Jahr die KPF
Hannover allen Ernstes der offensiv die Herausgeberschaft
gekündigt. Eine Dreistigkeit die ihres Gleichen sucht, aber die
revisionistische Verdorbenheit der KPF offenbart. Dazu muss man wissen,
dass die offensiv Sonderhefte zur Theoriebildung (unregelmäßig
nach Finanzkraft) heraus gibt und in ihrem zweimonatlichen regelmäßigen
Erscheinen Informationsbörse und Diskussionsforum zugleich ist. So
kommen auch gern (z. B.) DKP-Genossen zu Wort, deren Meinungsäußerungen
von der UZ ignoriert werden. Klar, dass das ohne
Reibereien nicht abgeht. Hier jetzt die Email der KPF Hannover vom
6.11.02:
„Die
KPF Hannover kündigt mit sofortiger Wirkung die Herausgeberschaft der
‚offensiv’,
-
weil diese inhaltlich
nicht der KPF-Diskussionskultur entspricht,
-
weil es seit längerem keine
Kommunikation (trotz zweimaliger Einladung von uns) mit der Redaktion
gibt und
-
weil wir in letzter Zeit verstärkt
unsolidarische Artikel gegenüber anderen Linken erkennen mussten.
Mit
solidarischen Grüßen. Frank Jaeschke“
Mal
abgesehen von der Unverschämtheit, die Aufkündigung der Solidarität „mit
solidarischen Grüßen“ zu unterzeichnen, worin besteht
hier eigentlich die Kritik? Gibt es einen – möglicherweise geheimen
– KPF-Diskussionskultur-Kodex? Und was sind
„unsolidarische Artikel“? Dieser Artikel vielleicht, der die KPF
Hannover völlig zurecht als Sauladen denunziert?
Auch
ohne den ganzen Hintergrund zu kennen, ist die Feststellung, dass es
hier um etwas ganz anderes geht, schon leicht aus der Abwesenheit
jeder inhaltlichen Kritik zu treffen. Tatsächlich ging es hier
um die Unterdrückung unerwünschter Meinungen, Kritik und
Diskussion! Und das war diesen Herrschaften so einiges wert.
Die
Herausgeberschaft der KPF war keineswegs nur eine Formsache, sondern
hatte ausgesprochen praktische Bedeutung – und zwar in doppelter
Hinsicht. Die offensiv war von Anfang an spendenfinanziert
und damit unabhängig und nie eine wirkliche
Partei-Zeitschrift! Fungieren aber PDS bzw. KPF der PDS als Herausgeber,
können die offensiv-Spenden als Parteispenden von den Spendern von den
Steuern abgesetzt werden (ich liebe diesen Satz! H.L.)
So weit, so gut. Betrachten wir die Parteiseite wird die Sache erst
richtig interessant. Ab einem bestimmten Prozentsatz bei den Wahlen
bekommt jede politische Partei für jeden gespendeten Euro 50 Cent dazu.
Staatsknete, die allgemein gern genommen wird. Die PDS erfüllt diese
Voraussetzungen! Frank Flegel und Anna C. Heinrich, die die offensiv
tatsächlich machen, sehen aber nix davon! Wollten sie auch nicht. Das
war – so habe ich es verstanden – eine Art gentlemen’s agreement.
Die offensiv hatte den Vorteil, dass der eine oder andere
etwas mehr spendet wg. Steuerabzugsfähigkeit, die PDS kassierte ihren
Spendenvorteil. Auf das Jahr gerechnet geht es hier um mehrere tausend
Euro für die PDS!
Manchmal
ist es sinnvoll, sein Augenmerk auf die Feinheiten zu legen. Wie eben
auch hier! Vordergründig ist die Kündigung der Herausgeberschaft der
offensiv durch die KPF der PDS eine Formsache. Die können sich nicht
gut ab. Fertig. Tatsächlich aber wird auf ein paar tausend Euro
verzichtet, um der offensiv Schaden zuzufügen und selbst
nicht mehr mit abweichenden Meinungen konfrontiert zu
werden! Und das, wohlgemerkt, Jahr für Jahr! Die Sozialdemokratisierung
kostet der PDS also einen Haufen Geld!
Was
für ein Schildbürgerstreich das dann für diese armseligen, spießbürgerlichen
PDS-Würstchen wurde, wird deutlich, wenn man die Folgen kennt. Aus dem
Freundeskreis der offensiv bildete sich ein Unterstützerkreis,
der die Zeitung nun heraus gibt – ebenfalls steuerbegünstigt!
Kommen
wir auf den aktuellen Stand zurück. Oskar L. hat sich so gedacht
(Interview in der Bild am Sonntag vom 14.9.03), dass die
PDS im Osten der Republik doch ganz prima mit der dort recht dürftig
vertretenen SPD einen gemeinsamen Laden bilden und nach dem Vorbild der
CSU in Bayern eine Art Dauerkoalition mit der Bundes-SPD eingehen könnte.
Soweit ist es schon!
Da
schreibt Arnold Schölzel in der jW (15.9.03):
„...bei
seinem Vorschlag für eine Fusion von SPD und PDS zu einer Ost-SPD hat
Oskar Lafontaine in einem Punkt recht: Die PDS ist eine sozialdemokratische Partei. Möglicherweise
war sein eigener Anteil am Zustandekommen dieses Resultats nicht
unerheblich. Laut Medienberichten diskutierte Gregor Gysi nach dem
Geraer Parteitag der PDS mit ihm neue Varianten, wie es mit der
Schaffung einer neuen Linkspartei weitergehen könne. Die hatten André
Brie und Gysi kurz vor den Bundestagswahlen vor einem Jahr Lafontaine öffentlich
vorgeschlagen und
dabei gleich mit dafür gesorgt, daß ihre eigene Partei nicht über die
Fünf-Prozent-Marke kam.“
Vorbereitet
worden war das von langer Hand mit der Programmdebatte in der PDS und
der Durchsetzung des so genannten „Brie-Brie-Klein-Entwurfs“ als
Diskussionsgrundlage.
Ellen
Brombacher und Sahra Wagenknecht in ihrer Erklärung vom 14.9.03:
„Oskar
Lafontaines Einschätzung des Programmentwurfes deckt sich durchaus mit
unserer. Im Grunde
bestätigt er die Auffassung, mit diesem Programm würde
die PDS
SPD-kompatibel. Als Belege dafür führt er unter anderem an,
dass der
Programmentwurf "sich zu unternehmerischem Handeln, zur
Notwendigkeit der
Gewinnerzielung und zu betriebswirtschaftlicher Effizienz"
bekennt.“
Und
weiter:
„Einen
wichtigen Punkt erwähnt Oskar Lafontaine nicht: So wird im jetzt
vorliegenden Entwurf die
bisher zuverlässige Friedenspolitik der PDS durch
Verweis auf ein imaginäres "Gewaltmonopol" der UNO
relativiert. Was in
Münster noch scheiterte, soll jetzt Bestandteil unserer Programmatik
werden.
Dahinter steht offenbar der Wunsch, auch in Punkto Außenpolitik von der
SPD
akzeptiert und somit regierungsfähig zu werden“
Aha,
also doch noch etwas gemerkt. Nur wo kommt jetzt die „bisher zuverlässiger
Friedenspolitik der PDS“ her? Die Ära ist spätestens seit der
Entschuldigung des damaligen PDS-Fraktionsvorsitzenden Roland Claus bei
George W. Bush für ein kleines Friedensplakatchen endgültig zuende
gegangen. Dazu noch die öffentliche Maßregelung der drei
Bundestagsabgeordneten, die für das kleine Plakat verantwortlich waren.
Politisch
hatte die PDS zwei stabile Standbeine in denen sie sich von den anderen
bürgerlichen Parteien unterschied: Die Friedenspolitik und die
Sozialpolitik! Nachdem das erstere erledigt war, wurde die Sozialpolitik
in Berlin konsequent und zielstrebig liquidiert! Dazu noch einmal Arnold
Schölzel:
„Lafontaines
Argumente sind stichhaltig: Der PDS-Programmentwurf hat Klarheit
geschaffen, entscheidend aber ist die politische Praxis der Partei. Er führt
in seinem Artikel in der Welt am Sonntag an: Die PDS hat als
Regierungspartei in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2000 einer
Steuerreform zugestimmt, »die durch die drastische
Unternehmenssteuersenkung im Ergebnis eine Umverteilung von unten nach
oben war«. In Berlin trage die Partei Einschnitte mit, die sie in der
Opposition heftig bekämpft hätte. Anders gesagt: Die PDS ist bereit,
um den Preis der Regierungsbeteiligung jeden neoliberalen Unfug
mitzumachen.“
So
ist es! Aber bevor das alles so schön zu machen war, gab es da noch ein
kleines Problem – die Kommunistinnen und Kommunisten in der PDS. Andre
Brie rief schon vor etwa fünf Jahren die
PDS-Mitglieder
auf, „die Partei für die KPF unerträglich“ zu machen
und gab damit den Startschuss für innerparteiliches Mobbing und
Schikane aller Art. Der Erfolg: Viele sind gegangen, hauptsächlich
allerdings weil die Politik der PDS selbst nicht mehr mitgetragen werden
kann.
Und
die anderen? Die passen sich an und sind damit nur noch nominell
KommunistInnen. Hier noch einmal Sahra Wagenknecht und Ellen Brombacher:
„Wir
denken, der Vorschlag von Lafontaine ist ernst gemeint und vielleicht
ist er nicht einmal nur ein einsamer Rufer in der Wüste. Sicherlich
sind
Kommunisten ein Störfaktor für mögliche Fusionsvorhaben.
Wir
legen auch Wert darauf zu stören.“
Na,
dann stört mal schön. Aber erspart bitte allen aufrechten Kommunisten
die Peinlichkeit, euch ebenso zu nennen.
Helmut
Lucas
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