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Oskar
hat eine gute Rede gehalten...
Lafontaine – ein Hoffnungsträger der Linken?
Von
Gerd Höhne/24. Januar 2006
Heiße Luft mundgerecht gereicht
Er
sprach davon, dass der Neoliberalismus seit 20 Jahren herrsche und fügte
hinzu: „Nach
wie vor glaube ich, daß die Weltgesellschaft der Freien und Gleichen
ein Ideal ist, an dem man sich orientieren kann und an dem sich auch
nationale linke Gruppierungen orientieren können. Und ich glaube, daß
wir hier in der Bundesrepublik Deutschland versuchen sollten, dazu
beizutragen, daß wir ein Staat sind, der in der Außenpolitik anknüpft
an die Politik Willy Brandts und der in der Sozial- und
Wirtschaftspolitik versucht, eine Gesellschaft zu errichten, in der
jeder Mensch sein Leben in Würde leben kann, frei von sozialer Not, und
in der wir eine echte soziale Demokratie entwickeln.“
Klingt
doch gut: „Weltgesellschaft der Freien und Gleichen“ – Sozialismus
nennt er es nicht. Denn was er drunter versteht, ist Willy Brandt. Was
der unter der Parole „Wandel durch Annäherung“ verstand, war, den Völkern
weis zu machen, der Kapitalismus sei dem Sozialismus gegenüber die
humanere Gesellschaftsordnung. Seit dem Untergang des realen Sozialismus
wissen wir genau, dass das eine Lüge war. Neoliberalismus ist keine
Entgleisung des Kapitalismus, sondern Wesen des Kapitalismus pur.
Deutschland
sei ganz friedlich geworden und erkenne die Realitäten an, gaukelte die
Politik Brandts den Völkern vor. Dabei sollte seine Politik aber ganz
einfach Ostaufträge für die deutsche Wirtschaft einsammeln und mehr
politischen Einfluss im Osten bekommen. Auch die Infiltration
konterrevolutionärer Bestrebungen war gemeint.
Ohne
die „Friedenspolitik“ Brandts könnten seine Nachfolger in der SPD
und der Bundesregierung, Deutschland nicht am Hindukusch verteidigen und
es gäbe auch keine Kriegseinsätze der Bundeswehr. Die Annäherung
durch die Brandtsche Ostpolitik hat einen Wandel hervorgebracht, dass
die Sowjetunion als Korrektiv zur Kriegspolitik der USA und des Westens
ganz wegfiel.
Und:
„, eine Gesellschaft zu
errichten, in der jeder Mensch sein Leben in Würde leben kann, frei von
sozialer Not...“ klingt gut. Aber Oskar rüttelt nicht am
Kapitalismus, er will nur einen gezähmten. Zähmen lässt sich der
Kapitalismus aber nicht. Dass damals, als Brandt seine Reformpolitik
machte, manche Sozialgesetze beschlossen wurden, war nur eine Reaktion
auf die Forderungen breiter Teile der Arbeiterschaft. Damit die
Arbeiterklasse ruhig gestellt werden konnte, mussten Zugeständnisse
gemacht werden. So z.B. war die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall das
Ergebnis eines langen Arbeitskampfes.
Eine
Zeit, als in Deutschland Milch und Honig flossen, hat es nie gegeben.
Damals war eine Zeit des Aufbruchs. Die Menschen wollten nach der Zeit
des Faschismus, der Hungerzeit nach 1945 und der bleiernen Zeit des
Adenauer-Regimes Veränderungen und Fortschritte sehen, und waren
bereit, dafür zu kämpfen.
Die
Studentenbewegung von 1968 hat Anfang der 70er auch auf die
Arbeiterklasse übergegriffen – die erste Hälfte der 70er war eine
Zeit der spontanen Streiks. Ford in Köln, Mannesmann in Duisburg, Klöckner
in Bremen, Vulkan-Werft in Bremen – das sind nur einige Beispiele.
Deshalb die soziale Reformfreudigkeit – mehr war es nicht. Bereits
Ende der 70er wurden einige Reformen zurück genommen und das schon
unter dem SPD-Kanzler Helmut Schmidt.
So
ist es mit einer guten Rede von Oskar. Viel heiße Luft.
Oskar blendet –
eine Karriere
Aber,
Ehre wem Ehre gebührt: Die Bäckersohn und Diplomphysiker, Absolvent
des Bischöflichen Konvikts des Regino-Gymnasiums in Prüm
(Eifel), als Student der Physik mit einem Stipendium der Studienförderung
der Deutschen Bischöfe (Cusanus Werk) gefördert, ist nicht nur ein
blendender Redner (blendend auch im Sinne „blenden“), sondern auch
sehr vielseitig.
Seine
Karriere begann er bei der Straßenbahn in Saarbrücken. Natürlich
nicht im Fahrerstand eines Busses oder einer Bahn, sondern weiter oben.
Nach kurzer Zeit war er im Vorstand. Da hat er sicher manch gute Rede
gehalten.
1966
trat Oskar in die SPD ein und wurde schon zwei Jahre später Mitglied
des Landesvorstands und weitere zwei Jahre danach war er
Landtagsabgeordneter in Saabrücken. Das schafft wohl nur einer, der
manch gute Rede gehalten hat.
Bereits
Mitte der 70er Jahre schaffte er es zum Oberbürgermeister der
Landeshauptstadt des Saarlandes. Seine guten Reden, die er gehalten hat,
schaffen noch heute bei einigen Tränen in die Augen.
1985
wurde Lafontaine Landesvater des Saarlandes und blieb es bis 1998. Oskar
ist aber nicht nur ein guter Redner, er weiß auch zu leben. So kam 1992
die Pensionsaffäre heraus. Lafontaine zahlte 230.000 DM an die
Landeskasse zurück – wohl nicht ganz freiwillig.
1993
will ein Journalist herausgefunden haben, dass Lafontaine, als OB von
Saarbrücken, gute Beziehungen zu einem Puffbesitzer unterhalten habe.
Dem habe er Steuervorteile verschafft und ihm vor Razzien gewarnt. Oskar
hielt diesmal keine gute Rede, sondern beschäftigte einen guten
Rechtsanwalt. Die Sendung wurde verboten. Ferner wurde das saarländische
Presserecht verschärft. Sicher ist eben sicher.
Der Friedensredner Oskar Lafontaine – oder
Der Rückversicherer
Anfang
der 80er Jahre wollte die Regierung Schmidt in Deutschland neue
Massenvernichtungswaffen der USA stationieren lassen. Nachrüstung
nannte das die Bundesregierung. Es kam zu Massenprotesten. Auch Oskar
Lafontaine gehörte zu den Rednern bei Kundgebungen gegen den Rüstungswettlauf.
Damit wurde er nun endgültig bundesweit bekannt.
Was
aber kaum bekannt ist, Oskar war gleichzeitig auf der anderen Seite rückversichert.
Während ihm die Friedensbewegten zujubelten, machte er insgeheim die
Geschäfte der Rüstungsprofiteure:
Oskar
Lafontaine war von 1979
bis 1984 Präsident des Bundes für Zivilschutz, er war also oberster
deutscher Luftschutzwart.
Auf
der einen Seite wedelte er mit der Friedenspalme, auf der anderen
vermittelte die von ihm geführte Institution die Illusion, es gäbe
einen effektiven Schutz gegen Nuklearwaffen. Tatsächlich profitierten
die Baukonzerne von diesem Schwindel und durften aus öffentlichen
Mitteln Bunker mit meterdicken Betonwänden in die Erde buddeln.
Es
darf als unstrittig festgestellt werden, dass sich Hochrüstung – auch
die mit Atomwaffen – besser verkaufen lässt, wenn man dem Volk
vorgaukelt, es gäbe effektiven Schutz. Luftschutz ist daher ein Teil
der Hochrüstung und des damaligen Rüstungswettlaufs.
Oskar
Lafontaine war in seiner Funktion einer der Durchpeitscher der Hochrüstung.
Was er mehr war, Friedensapostel oder Kriegstreiber? Ein jeder mag sich
die Antwort selbst geben.
Der SPD-Rechte
Lafontaine
ist der Wegbereiter der heutigen Politik der SPD. Bereits Ende der 80er
Jahre trat er für kürzere Arbeitszeiten, aber mit Lohnverzicht ein. Er
predigte auch das Märchen von der Gefährdung des Standorts Deutschland
durch zu hohe Lohnkosten. Damals war er nicht Hoffnungsträger der
Linken, sondern Wegbereiter der SPD-Rechten. Das Godesberger Programm
der SPD war noch zu links, ein Programm des Lohn- und Sozialraubs musste
her. Lafontaine verstand es aber, durch brillante Reden und sozialer
Demagogie das zu kaschieren.
1992/1993
leistete sich die SPD einen weiteren Rechtsruck. Angeblich kämen zu
viele Asylbewerber nach Deutschland. Die Kohl-Regierung wollte deshalb das
Asylrecht faktisch abschaffen. Die SPD sprach sich zunächst dagegen
aus. Aber unter dem damaligen Parteichef Engholm und unter Federführung
von Oskar Lafontaine fiel die SPD einfach um. Die SPD stimmte dem Gesetz
zu, seitdem gibt es in Deutschland faktisch keinen Asylanspruch für
politisch Verfolgte mehr.
Petersberger
Wende nannte man das damals. Gewendet hatte sich die SPD auch in der
Frage des Bundeswehr-Einsatzes im Ausland. Galt es vorher, dass keine
deutschen Soldaten im Ausland eingesetzt werden dürfen, so waren
das jetzt erlaubt.
Lafontaine
ist damit Wegebreiter der Politik, die Schröder 1999 mit dem
Jugoslawienkrieg konsequent fortsetzte. Auch Strucks „Verteidigung
Deutschlands am Hindukusch“ geht letztlich auf Lafontaine zurück.
Rosstäuscher
Oskar
Ja,
Oskar ist ein guter Redner. Das muss man ihm lassen, ein begnadeten
Redner vor dem Herrn ist er oder besser: er ist ein Demagoge der
Spitzenklasse.
Immer
sagt er genau das, was seine Zuhörer hören mögen, manchmal sagt er
auch das eine, die Zuhörer aber verstehen das andere – und das
ist gewollt. Zweideutige Eindeutigkeit oder eindeutige Zweideutigkeit.
Das versteht er meisterhaft.
Seine
Rede beim jungeWelt-Luxemburg-Kongress am 14. Januar 2006 ist nur ein
Beispiel. Oskar spricht eingängige Schlagwörter und alle jubeln. Dabei
geht er nach dem Prinzip vor: Wer konkret nichts zu sagen hat oder sagen
will, verwendet grundsätzliche Phrasen:
„Diese
neoliberale Politik hat unser Land erheblich verändert. Die Linke ist
sehr stark auf dem Rückzug in den letzten Jahren, die Gewerkschaften
sind es ebenso, und es war die Frage, ob es überhaupt noch einmal eine
Gegenbewegung geben würde.“
„Nach wie vor
glaube ich, daß die Weltgesellschaft der Freien und Gleichen ein Ideal
ist, an dem man sich orientieren kann und an dem sich auch nationale
linke Gruppierungen orientieren können.“
„Und wir wollen
nicht nur Demokratisierung, sondern wir wollen die Ausbreitung der
sozialen Demokratie in unserer Gesellschaft.“
„Und die neue
Linke sollte sich die Aufgabe stellen, die kulturelle Hegemonie des
Neoliberalismus langsam aufzuweichen und allmählich zu einer Diskussion
in der Bundesrepublik beizutragen, in der die tiefgreifende und
langanhaltende kulturelle Hegemonie des Neoliberalismus durchbrochen
wird.“
usw., usf.
Luftblasen
also!
Hoffnungsträger?
Viele
Linke verfallen seit Oskars Bekenntnis zur Linkspartei in eine Art
Oskar-Besoffenheit. Jahrzehnte musste die Linke auf einen linken Führer
mit Charisma verzichten. In den frühem 60ern wurde Herbert Wehner als
Linker hochgespielt. Heute wissen wir, das war er nicht. Danach kam
scheinbar nichts.
Das
stimmt zwar so nicht. Es gab immerhin die 68er-Bewegung und anderes.
Aber immer waren es nur kleinere Gruppen, die von sich Reden machten.
Und nun ist es ein leibhaftiger ehemaliger Nachfolger von August Bebel,
der links auftritt. Aber – um bei August Bebel zu bleiben – sollten
wir unseren Führern nicht auf en Mund, sondern auf die Hände schauen.
Was
treibt dieser Oskar Lafontaine? Das weiß nur er. Aber er ist ein wahrer
Wendehals. Abrüstungsprediger und gleichzeitig oberster Luftschutzwart
der Republik, Sozialpolitiker und neoliberale Anwandlungen, Befürworter
von Bundeswehreinsätzen und dann das gen genaue Gegenteil.
Kann
man ihm trauen? Ich hege Zweifel ob seiner Ehrlichkeit. Erreicht hat er
bisher nur, dass die sich in Anpassung an die westliche BRD immer
offenkundigere neoliberale Politik der PDS, die Partei langsam zerrieb,
die 2002 nicht einmal mehr die 5% schaffte. 2005 bekam sie eine
Bluttransfusion. Erreicht hat er auch, dass die PDS, die kaum
gewerkschaftliche Kontakte hatte, auf einmal einen starken
gewerkschaftlichen Flügel in Form der WASG bekam. Aber ist das die
Hoffnung, die wir brauchen? Keineswegs!
Gegen
Bündnisse zu mehr oder weniger linken Gruppen, ja selbst bürgerlichen,
ist nichts einzuwenden. Wenn sie eine Strecke Weges mit uns gemeinsam
gehen wollen, soll es uns recht sein. Das gilt auch für die PDS, die
WASG, Lafontaine usw. Aber ich wende mich dagegen, dass wir unter
Missachtung aller Prinzipien, einer zwielichtigen Gestalt wie Oskar
Lafontaine, kritiklos nachlaufen. Wir sollten zumindest unsere Kritikfähigkeit
bewahren und zu dem, was sich Linkspartei nennt, und zu Lafontaine auf
kritischer Distanz bleiben.
G.H.
Siehe
auch:
Der
Große Vorsitzende an den kleinen Vorsitzenden
MLPD-Chef
Stefan Engel schreibt einen Brief
Von
Günter Ackermann/1. Juni 2005
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