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Am
29. und 30. Oktober 2005 findet in Athen der 1. ordentliche
Kongress der Europäischen Linkspartei (ELP) statt. Die Führung
der Bundes-KPÖ – die mit 12 Delegierten an diesem Parteitag
teilnehmen wird und als Gast unter anderem Leo Gabriel von der
Linken eingeladen hat – war bei ihren Informationen über dieses
Ereignis nicht besonders auskunftsfreudig. Auf der Homepage findet
man unter dem Titel „Theen zum ELP-Parteitag“ einen veralteten
Entwurf des Dokuments, das dort beschlossen werden soll, der
Bericht über die Bundesvorstandssitzung im September geht nur
kurz auf dieses Thema ein, die KPÖ-Wien führt dieses Treffen
wenigstens in ihrem Terminkalender an.
Man
könnte meinen, dass die EU-Linkspartei für die KPÖ-Führung
keine besondere Bedeutung mehr hätte. Das täuscht aber. Die
Beteiligung von Abgesandten der KPÖ an den Treffen der ELP ist
sehr rege.
I.:
Ein Versprechen, das nicht eingelöst wurde
Wir
erinnern uns noch daran, welches Getöse um den Jahreswechsel
2003/2004 in unserer Partei veranstaltet wurde: Unter dem Zeichen
des „Neuen Internationalismus“ sollte es zu einem Aufbruch zu
neuen Ufern der revolutionären Bewegung kommen. Im März 2004
wurde eine Parteikonferenz veranstaltet, auf der man alle Register
(einschließlich effektvoller Auftritte ausländischer Gäste und
von Leo Gabriel) zog, um eine knappe Mehrheit der TeilnehmerInnen
für den Beitritt zu dieser neuen supranationalen Partei
durchzusetzen. Bedenken und Kritik (unter anderem der steirischen
KPÖ) wurden dabei vom Tisch gewischt. Der nunmehrige Stadtrat und
KPÖ-Landtagsabgeordnete Dr. Werner G. Murgg musste damals
erleben, dass man mit allen möglichen Untergriffen gegen ihn
vorging, weil er jene Punkte anführte, die gegen die
EU-Linkspartei sprachen.
Der
Gründungskongress der Linkspartei in Rom geriet zu einem großangelegten
Event im Vorfeld der EU-Parlamentswahlen. Allerdings gab es dort
einen Misston, der die Jubelstimmung trübte: Die starke
Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (KSCM) verließ wegen
der Manipulationen durch das Tagungspräsidium (Rifondazione
Communista, PDS) den Kongress und trat dieser Partei nicht bei.
Der
Autor dieser Zeilen wurde im Mai 2004 vom Parteivorsitzenden der
KPÖ scharf kritisiert, weil ich in einem Interview mit der
deutschen Tageszeitung „Junge Welt“ (28. 4. 2004) die
EU-Linkspartei als einen „Wanderzirkus von Parteifunktionären,
der sich einmal in Athen, dann in Berlin oder in Rom, vor allem
aber immer wieder in Brüssel trifft“ bezeichnet und hinzugefügt
hatte, dass sich diese Partei in ihren Statuten ausdrücklich auf
Paragraph 191 der Unionsverträge bezieht und sich verpflichtet,
ein europäisches Bewusstsein zu fördern.
Besonders
großen Unwillen an höchster Stelle in unserer Partei erweckten
folgende Passagen des Interviews:
„Wer später
in diese Partei eintreten will, muss akzeptieren, was jetzt
ausgehandelt wurde. Genau so wie das bei Neueintritten von Ländern
in die EU der Fall ist (...) Es geht darum, noch bestehenden
kommunistischen Parteien ihre kommunistischen Ideen auszutreiben.
Der Linken im EU-Bereich soll der marxistische Giftzahn gezogen
werden.“
Seit
dem Gründungskongress der EU-Linkspartei sind eineinhalb Jahre
vergangen. In dieser Zeit konnte man überprüfen, ob die
Prognosen, die damals angestellt wurden, den Test der Zeit
bestanden haben.
Eines
kann man mit Bestimmtheit sagen: Die EU-Linkspartei hat in dieser
Zeit in der europäischen Öffentlichkeit nicht durch Aktionen auf
sich aufmerksam gemacht. An der großen Bewegung gegen die
EU-Verfassung hat sie als EU-weite Partei nur am Rande
teilgenommen. In Frankreich war die FKP (eine Mitgliedspartei der
ELP) sehr aktiv, in den Niederlanden hingegen die SP, welche die
Gründung der EU-Linkspartei abgelehnt hat und ablehnt. Der
marxistische Flügel der italienischen Partei Rifondazione
Communista „Essere Communista“ stellt in einer Erklärung zum
Kongress von Athen folgerichtig fest, dass dieses Gebilde „kaum
einen Eindruck auf der Oberfläche politischer Ereignisse in
Europa oder auch nur auf nationaler Ebene in den einzelnen Ländern
hinterlassen hat“.
Auch
Helmut Ettinger, außenpolitischer Mitarbeiter der Linkspartei.PDS
und einer der Hauptbetreiber des Projekts EU-Linkspartei gesteht
ein, dass „Netzwerke auf anderen Gebieten (als dem Feminismus)
noch weitgehend auf dem Papier (stehen). Dabei wären sie, wie der
Kampf gegen den Rechtsextremismus, Arbeit und Soziales oder
Friedenspolitik, dringend erforderlich.“ (Disput. Oktober 2005).
Selbst der Wahlerfolg der steirischen KPÖ bei der Landtagswahl am
2. Oktober muss für Ettinger herhalten, um den Einfluss der
EU-Linkspartei zu dokumentieren.
Was
geschaffen wurde, das ist eine bürokratische Struktur: Lassen wir
Helmut Ettinger wieder zu Wort kommen: „Die
EL hat das erste Jahr genutzt, um funktionierende
Leitungsstrukturen aufzubauen. Der Vorstand der Partei, in den auf
dem Gründungsparteitag je eine Genossin und ein Genosse jeder
Partei, ob groß oder klein, gewählt wurden, hat zu einem
stabilen zweimonatigen Sitzungsrhythmus gefunden. (...) Das EL-Büro
mit zwei Mitarbeitern in Brüssel hält Kontakt zu den Parteien, führt
die website (http://www.european-left.org),
verwaltet die Finanzen“ (ebd.)
Finanziert
wird diese bürokratische Struktur zu 75 % aus Mitteln der EU und
zu 25 % aus Beiträgen der Mitgliedsparteien. In Österreich hat
sich der Bundesvorstand der KPÖ das Recht vorbehalten, den
Mitgliedsbeitrag zur EU-Linkspartei festzusetzen. Genauere
Informationen über die Belastung der KPÖ-Finanzen durch diesen
Mitgliedsbeitrag gibt es seither keine.
Hingegen
hat der Verantwortliche für Außenpolitik der KSCM, Hassan Charfo,
im August gegenüber der Zeitung Halo Noviny, folgende Angaben über
die Finanzierung der EU-Linkspartei gemacht: So erhält sie
500.000 € pro Jahr vom EU-Parlament. Die Mitgliedsbeiträge der
Partei sind nach ihrer Größe gestaffelt. Die kleinsten Parteien
zahlen 500 € pro Jahr, etwas Größere 1.500 – 2000 €, die
3. Kategorie (wahrscheinlich auch die KPÖ, welche 4.000
Mitglieder angibt) 5000 €, und die reichsten Parteien 20.000
€.
Charfo
kritisiert die Anmietung eines Büros in Brüssel, das zu den
teuersten Städten in Europa zählt. (Halo Noviny 19. August
2005).
II.: Die linken
Pro-Europäer
Die
Geschichte der EU-Linkspartei ist vor allem eine Geschichte der
Formelkompromisse, der diplomatischen Verhandlungen auf höchster
Ebene und der Verschiebungen. Der 1. Kongress der ELP hätte
zuerst im Dezember 2004 und dann im April 2005 stattfinden sollen.
Er wurde immer wieder verschoben. Auch der Tagungsort hat sich geändert.
Ursprünglich war Barcelona vorgesehen gewesen. Wegen scharfer
Streitigkeiten zwischen den drei spanischen Mitgliedsparteien
musste dieser Plan aufgegeben werden. Jetzt tagt man in Athen.
(Das – in der österreichischen Mitgliedschaft nicht
kommunizierte – Angebot der KPÖ, den Parteitag in Wien zu
veranstalten – wurde nicht angenommen).
Auch
die nun vorliegenden Dokumente sind Ergebnisse von
Formelkompromissen. Was die Organisation angeht, ist der Charakter
der Partei noch immer nicht geklärt. Während die deutsche
Linkspartei und die italienische Rifondazione von einem neuen
politischen Subjekt auf EU-Ebene ausgehen, das für die
Mitgliedsparteien verbindliche Beschlüsse fassen kann und soll,
sieht die Französische KP die ELP als Ort der gemeinsamen
Diskussion und der Aktion. Die FKP lehnt die Einzelmitgliedschaft
in dieser Partei weiterhin ab, während Italiener, Deutsche und
auch Österreicher darauf drängen, dass man in allen Ländern
auch direkt Mitglied der EU-Linkspartei werden kann. Eigentlich
muss der Kongress eine Entscheidung über diese Frage treffen.
Auch
die politischen Thesen, die dem Athener Kongress vorgelegt werden,
haben einen Zwittercharakter. Deshalb hat die Französische Partei
beschlossen, in Athen ein Achtpunkteprogramm für konkrete
Aktionen als eigenen Antrag vorzulegen. Die Thesen selbst hätten,
wie auf der Tagung des Parteivorstandes im September betont wurde,
einen „zu ideologischen Charakter“. (Übrigens war die FKP die
einzige Mitgliedspartei, in der sich auch die Grundorganisationen
mit diesen Thesen beschäftigt haben und in der die Diskussion darüber
öffentlich gemacht wurde).
In
den Thesen selbst sind einige fortschrittliche Forderungen
enthalten. Das betont auch „Essere Communisti“ in der oben erwähnten
Stellungnahme. Allerdings werden diese Vorschläge zum Teil
dadurch entwertet, dass sich die Linkspartei eindeutig als „proeuropäische
Kraft“ definiert und das „europäische Sozial- und
Gesellschaftsmodell“ der Erscheinungsform des Imperialismus in
den USA positiv gegenüberstellt.
Ich
meine, dass eine internationalistische Partei und auch
internationale Zusammenschlüsse von kommunistischen und
Linksparteien weder pro- noch antieuropäisch sein dürfen. Sie müssen
von den sozialen Interessen der arbeitenden Menschen ausgehen und
deshalb gegen die EU auftreten, die ja ein Zusammenschluss im
Interesse der transnational operierenden Konzerne ist, die ihren
Hauptsitz in europäischen Staaten haben.
„Essere
Communisti“ charakterisiert das politische Profil der
Linkspartei, wie es sich in den Thesen ausdrückt, als jenes einer
linkssozialdemokratischen Bewegung, die sich sowohl vom
vorherrschenden Neoliberalismus und der Pro-Nato-Orientierung der
meisten sozialdemokratischen Parteien Europas als auch von erklärten
antikapitalistischen, antiimperialistischen oder linksgerichteten
Positionen unterscheidet.
Es
gibt bei der EU-Linkspartei demnach nur die vage Vorstellung eines
„neuen Sozialkontrakts für das 21. Jahrhundert“. Es fehlt
jede Erwähnung des Sozialismus als eines strategischen Zieles
oder der Schaffung einer Gesellschaftsordnung, die eine
Alternative zum Kapitalismus darstellt. Die Kommunistische
Bewegung werde überhaupt nicht erwähnt.
III: Kerneuropa
der Linken statt europaweiter Kooperation
Das
führt uns zur Hauptschwäche dieser EU-Linkspartei aus
marxistischer Sicht. Ganz bewusst wurde sie als EU-Partei mit
einem linken „Kerneuropa“ als Zentrum konzipiert. Lassen wir
den deutschen Genossen Helmut Ettinger selbst sprechen: „Die
Entscheidung die EL zunächst für den Bereich der EU und
assoziierte Staaten und Beitrittskandidaten zu konzipieren, hat
sich als richtig erwiesen. Den Kern bilden Parteien, die seit
langem eine enge bi- und mulilaterale Zusammenarbeit pflegen.“
(Disput, Oktober 2005).
Eine
Umwandlung dieser Partei in klassenkämpferischem Sinne soll
ausgeschlossen werden. Ettinger: „Die
Europäische Linke ist allerdings auch kein Verein, dem jeder nach
Belieben beitreten kann, um ihn dann nach seinem Bilde
umzuformen.“ (a.a.O.) Wohin diese Haltung führen kann, hat
KPÖ-Vorsitzender Walter Baier – wenn man den Genossen der KSCM
glauben darf – bei einem Treffen in Prag demonstriert.
Angesprochen auf die Frage, warum die Kommunistische Partei der
Russischen Föderation nicht zur Teilnahme an der ELP eingeladen
werde, soll er gesagt haben, dass das Fehlen solcher Parteien wie
der KP der Russischen Föderation nicht geographische sondern
ideologische Gründe habe. (Halo Noviny, 19. August 2005).
Die
Mehrheit der Kommunistischen Parteien Europas beteiligt sich nicht
an der Arbeit der EU-Linkspartei. Von den mehr als 40
kommunistischen und alternativen Linksparteien, die in den
EU-Staaten aktiv sind (wenn wir Europa als Kontinent betrachten
gibt es etwa 60 davon) sind nur 16 der EL beigetreten. Alle
anderen haben sich mehr oder weniger von dieser Vereinigung
distanziert, sind entweder nur als Beobachter vertreten oder
bleiben gänzlich außerhalb dieses Prozesses.
Dazu
gehören alle fortschrittlichen Parteien Großbritanniens, die
meisten Linksparteien Skandinaviens, fast alle KPs Osteuropas und
des Baltikums und so einflussreiche und starke Kommunistische
Parteien wie die KP Portugals, die KP Griechenlands und die KP Böhmens
und Mährens. Der Vorsitzende der KP Luxemburgs, Ali Rückert,
macht in einer Erklärung zum EL-Kongress in Athen auf folgende
Tatsache aufmerksam: „Auffallend
ist, dass in der ELP, die vorgibt die Linke in Europa zusammenführen
zu wollen, kommunistische Parteien mitmachen, welche während der
letzten Jahre alles daran setzten, eine weitergehende
Zusammenarbeit und einen Zusammenschluss kommunistischer Parteien
auf europäischer Ebene zu verhindern. Heute grenzen sie sogar
kommunistische Parteien aus verschiedenen Ländern aus und geben
stattdessen der Zusammenarbeit mit »linken« Parteien, welche die
dortigen kommunistischen Parteien offen bekämpfen, den Vorzug,
wie das unter anderem für Griechenland, Luxemburg und Portugal
zutrifft.“
Die
EU-Linkspartei war bisher kein Mittel zur Überwindung der
Spaltung der Linken in Europa, sondern hat im Gegenteil das
gegenseitige Misstrauen verstärkt, sie hat die Rechtsentwicklung
der Führungen und bei den innenpolitischen Orientierungen einiger
Mitgliedsparteien beschleunigt und sie befördert Illusionen in
den Charakter und in die Reformierfähigkeit der EU. Die
arbeitenden Menschen in Europa brauchen aber keinen linken Arzt am
Krankenbett der EU, sondern tatkräftige und konkrete Unterstützung
in allen ihren Aktionen.
Die
steirische KPÖ hat sich stets gegen den Beitritt der KPÖ zur
EU-Linkspartei ausgesprochen und lehnt eine Mitarbeit in ihren
Strukturen ab.
Wir
schlagen vor, dass unsere Partei so bald wie möglich die
Mitgliedschaft in einen Beobachterstatus umwandelt. Das könnte
mithelfen, die europaweite Zusammenarbeit der kommunistischen und
Linksparteien in Europa auf eine neue Grundlage zu stellen und das
entstandene gegenseitige Misstrauen zurückzudrängen.
Ich
persönlich kann dem Vorschlag unserer italienischen Genossen von
„Essere Communisti“ – einer Strömung im Rahmen der
Rifondazione Communista – sehr viel abgewinnen, ein Forum zur
Koordinierung der Zusammenarbeit aller Kräfte, die in Europa
links von der Sozialdemokratie stehen, ins Leben zu rufen. Vorbild
dafür könnte das lateinamerikanische Sao Paolo-Forum sein. Wenn
die Europäische Linkspartei Schritte in diese Richtung machen könnte,
wäre einiges gewonnen. Es ist aber wohl nicht zu erwarten, dass
dies auf dem Kongress in Athen passieren wird.
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