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Helmut Lucas

Die Kommunistische Plattform möchte lieber ein unbedeutendes Anhängsel der PDS bleiben

Lieber quatschen als kämpfen 
– Ein Kommentar

Es muss anstrengend gewesen sein. Fünf Jahre Debatten um ein Parteiprogramm, das die KPF nicht haben wollte, weil das bestehende von 1993 schon ein kaum zumutbares Kompromisspapier war. Die Absicht der Reformisten war von Anfang an zu erkennen: Die Anerkennung kapitalistischen Profitstrebens sollte ins Parteiprogramm, „Politikfähigkeit“ – auch auf Bundesebene – war angesagt. Das haben alle gewusst! Auch alle in der KPF! Und jetzt?

Die Kommunistischen Plattform entscheidet sich freiwillig, die Rolle des linken Schwanzes der Bourgeoisie zu spielen. Sie spricht von der PDS selbst als eine Partei des bürgerlichen Establishments  und macht weiter als ob nichts geschehen wäre.

Wie der innerparteiliche Umgang zeigt (gerade auch in der Programmdebatte), ist die PDS nie demokratisch gewesen – und sozialistisch schon gar nicht. Die PDS ist fortan auch ganz offiziell die Partei des demokratischen Kapitalismus. So stimmt die Parteienlandschaft auch wieder. Die SPD ist weder sozial noch demokratisch, die CDU weder christlich noch demokratisch, nicht einmal die Grünen sind noch grün.

Aber woher kommt diese Nibelungentreue? Angst? Feigheit vor dem Feind? Einzelne sind sicher schon lange mehr an ihrer persönlichen Karriere interessiert als an kommunistischer Politik. Aber den meisten bieten sich keine Karrieremöglichkeiten in der PDS. Und vor allem: Der weitaus größte Teil der Besten der KPF hat längst PDS und KPF verlassen.

Vielleicht bringt uns Frank Flegel da etwas weiter. Der schrieb in der offen-siv (1/02 „Das Parteienheft“, Sonderausgabe):

„Antikapitalistische Kräfte, die sich in reformistischen Parteien organisieren, dort um Einfluss kämpfen und diese Parteien wieder nach links rücken wollen, laufen Gefahr, ihren Blick nur noch auf die Mutterpartei zu richten.“

Nun heißt es allgemein, dass Herr und Hund sich immer ähnlicher werden, je länger sie zusammen sind, äußerlich wie charakterlich. Stimmt das? Der Sache sollten wir mal auf den Grund gehen.

Herr und Hund

Ende Januar 1995 erpresste Gregor Gysi den PDS-Parteitag mit der Drohung, er würde für den Bundesvorstand nicht zur Verfügung stehen, sollte Sahra Wagenknecht ebenfalls gewählt werden. Das hat funktioniert und wurde deshalb auch in einigen Landesverbänden in mehr oder weniger entschärfter Form praktiziert. Ein paar Jahre später machten Gregor Gysi und Sahra W. Arm in Arm Wahlkampf in Berlin. Hatte Gregor G. seine Liebe zum Kommunismus entdeckt oder zur „schönsten Kommunistin Deutschlands“ (Bild)?

Als Frank Flegel (offen-siv, Hannover) Ende der 90er Jahre mit zahlreichen GenossInnen quer durch die KPF „Inhaltskonferenzen“ organisierte um der Theoriefeindlichkeit der KPF zu begegnen, wurde sofort ein Aufpasser vom Bundessprecherrat geschickt, der völlig unsinnigerweise irgendwelche Spaltertätigkeiten entdecken wollte.

Als die Hamburger KPF ein Plakat mit dem Brecht-Zitat Soldaten nehmen bisweilen Schaufeln in die Hand, sind aber im militärischen Ernstfall staatlich ausgebildete Mörder!“ drucken und kleben ließ, war nicht nur die Aufregung in der PDS groß. Auch die Führung der KPF hatte dieses Plakat aufs Heftigste kritisiert. Nicht lange vorher war nämlich die Oder über die Ufer getreten und hatte jede Menge Schäden angerichtet. Die Bundeswehr hatte im nationalen Katastrophen-Einsatz Sandsäcke gefüllt und gepackt. Erinnerlich vieler Soldaten mit Schaufeln und ohne Gewehre war auch für die KPF Nationalismus angesagt, nicht Kritik! Inzwischen schaufelt die Bundeswehr in aller Welt, bewaffnet!

Als der Schriftsteller Gerhard Branstner Gregor Gysi öffentlich als „Schleimbeutel“ bezeichnet hatte und deshalb aus der PDS ausgeschlossen wurde, gab es nicht einmal Widerstand von der KPF. Er hatte doch allen Ernstes gegen den Kodex des „kulturvollen Umganges“ verstoßen. Man darf durchaus die Wahrheit sagen, aber kulturvoll muss es sein!

Mit dieser Prämisse wird jede grundlegende Kritik abgebügelt indem sie nur die Wortwahl (gegen)kritisiert und den Inhalt der Kritik nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Dass die KPF mit Gerhard ebenfalls einen wertvollen Genossen verloren hat, wen kümmert das vom Führungspersonal?

Ebenso wie die PDS ihre Austritte verschweigt, verschweigt sie die KPF. Die Liste ist unglaublich lang und es sind jede Menge namhafter Genossinnen und Genossen darunter. Aber ebenso wie die PDS ignoriert, dass ihr die WählerInnen wie die Mitglieder weglaufen, nimmt auch die KPF nicht einmal ihre eigene Situation zur Kenntnis. Macht nichts. Aber Herr und Hund werden sich tatsächlich immer ähnlicher. Bis in den Untergang.

Helmut Lucas

Nachbemerkung:

Der GegenStandpunkt hat sich schon in seiner Ausgabe 1-99 ausführlich mit der PDS befasst. Da deren Website gerade neu strukturiert wird, dokumentieren wir diesen Beitrag unter:

Ansonsten gilt siehe Gegenstandpunkt 99-1

Speziell mit der Kommunistischen Plattform der PDS hat sich Frank Flegel in der

offen-siv 1/02 (Sonderausgabe, „Das Parteienheft“) gründlich auseinandergesetzt. Ich habe die Redaktion gebeten, den Text auf ihrer Website zugänglich zu machen. Die GenossInnen sind überlastet, kann also etwas dauern: www.offen-siv.com .

Übrigens ist die offen-siv mit ihrer letzten Ausgabe zehn Jahre alt geworden. In der nächsten Ausgabe (November/Dezember 03) wird es einen Rückblick geben. Da die KPF Hannover Anfang des Jahres die Herausgeberschaft gekündigt hatte, u.a. weil sie angeblich nicht „kulturvoll“ genug mit dem kommunistischen und sozialistischen Teil der Menschheit umgeht, dürfen wir gespannt sein!

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Aus Gegenstandpunkt 99-1

Die PDS heute: 

Von den vergeblichen Anpassungsleistungen einer unverbesserlichen Nachfolgepartei

10 Jahre nach dem Anschluß ist die Nachfolgerin der ehemaligen Staatspartei der DDR in der po­litischen Land­schaft des anschließenden Staates eine feste Größe. Erneut ins Parlament ge­wählt, erstmals an einer Landes­regierung beteiligt: Ihre Anhänger halten das für einen schönen Er­folg, ihre Feinde - alle Träger des demokratischen „Verfassungs­bo­gens“ in Regierung und Oppo­sition - für einen unerträglichen Zustand. Was die PDS treibt, ist eine Sache: Sie ist bei allen Pro­blem­stellungen und -lösungen, die diese feine Nation kennt, wenn nicht mit Tat, so doch stets mit Rat dabei. Daß die PDS es ist, die das treibt und überall dabei ist, die andere - und ent­scheidende. Die nicht, lautet das einstimmige und vernichtende Urteil der politischen und öffentli­chen Front gegen „Honeckers Erben“ - in Rat und Tat. Die einen strengen sich an, jede Abweichung vom allgültigen Konsens der gewachsenen Nation, die man ihr vor­warf oder die sie selbst als Mangel verspürte, zu tilgen; die maßgeblichen Vertreter der Republik halten an dem prinzipiellen Vorbe­halt fest, daß eine parteiliche Anwäl­tin der menschli­chen Erbmasse des einkassierten „Un­rechtsre­gimes“ in die­sem Gemeinwesen nichts zu suchen hat. - Ein schwer auflösbarer Konflikt.

Die Politik der PDS: „Gnadenlos normaler“ Nationalismus

Mit dem Wiedereinzug in den Bundestag, diesmal in Fraktionsstärke und unter einer rot-grünen Re­gierung, sieht die PDS-Spitze die Zeit gekommen: „Nicht krasse Opposition, sondern antrei­bende Unterstützung“ (Gysi) steht auf ihrer Tagesordnung. „39mal Beifall aus den Reihen der PDS wäh­rend der Regierungserklärung Gerhard Schröders“, zählt die Frankfurter Rundschau und zitiert Lothar Biskys Herzenswunsch: „Nach der Phase der Ausgrenzung beginne nun die Zeit der ‚gna­denlosen Normalität‘“. Wobei das Moment von Zumutung, auf das der Vorsitzende anspielt, of­fenbar geringer wiegt als die erhoffte Prämie der neuen Oppositionsrolle: Von der Ankündigung solidarischer Klapse für das neue Herrschaftspersonal, zu dem sie eine „größere Nähe“ als zu Kohl verspürt, erwartet die PDS ihre Anerkennung als gnadenlos normale Partei. Unter Er­innerung an ihre ehedem ein wenig krasser vorgetragene Kritik an „pur“ kapitalistischen Lebensverhältnissen und „un“demokratischer Machtverteilung sieht sie sich da angekommen, wo sie immer hin wollte: Die Partei ist auf dem guten „Weg zur Mitverantwortung“.

Und das nicht etwa, weil sie mit der Kritik gebrochen hätte; sie hat sie nur konsequent zu Ende gedacht: Wer immerzu mit Ver­besserungvorschlägen in Sachen Leitung der Nation aufwartet; wer die Politik von der sozi­alfürsorglichen Verwaltung der Armut über den zweckmäßigen Ge­brauch des Steuer­aufkommens und der Staatsschuld bis hin zum garantiert friedlichen Einsatz na­tionalen Gewichts in der Außen­politik für rundum verbesserungsfähig, also auch verbesserungswert hält; der muß sich bald selber die Frage stellen, ob er krampfhaft auf den alternativen Seiten seines prakti­zierten Nationalismus besteht oder lieber am ‚Machbaren‘ mitstrickt, das zwar immer nur ,vorläufig‘, dafür aber bestechend ,konkret‘ ist. Die Chance, „Politikfähigkeit“ nach­zuweisen, ist jetzt da - die PDS wird in zwei ostdeutschen Landtagen von der SPD zum Re­gie­ren ge­braucht, er­hält eine Bundestagsvizepräsidentin und darf im Vorsitz des Petitionsaus­schus­ses Be­schwerde­briefe ihrer Landsleute beantworten -, wird weidlich genutzt und ruft zu­gleich das in­ner­parteiliche Gewissen auf den Plan. Die Süddeutsche Zeitung berichtet vom Berliner Parteitag 1999:

„Jungkommunistin Sahra Wagenknecht fürchtet um die sozialistische Identität der Partei. Sie warnt vor dem Verlust von Glaubwürdigkeit: ‚Wenn das unser Weg ist, Genossen, wo gehen wir dann hin? Mir graut vor dem Tag, an dem die PDS ihren Schily und ihren Fi­scher hat!‘“

Irgendwie muß die Frau etwas verpaßt haben. Ihr verbissenes Engagement für Glaubwürdigkeit läßt sie ein­fach nicht glauben, was kaum zu übersehen ist: Die PDS geht nirgendwo hin, sie ist längst ange­kom­men; nicht eines gruseligen Tages wird sie ihren Schily und ihren Fischer haben, sie hat einen Bisky und einen Gysi. Und die haben - wie es gute demokratische Sitte ist, sofern sie in keiner DDR-Volkskammer stattfindet - die Mehrheit, also das Sagen, also recht: „Sahra hat rhetori­sches Ta­lent, aber sie hat keine Mehrheit. In einer Partei kommt es darauf an, was sich durchsetzt, nicht so sehr darauf, was es alles gibt“ (Gysi).

Was sich in der PDS durchsetzt: Das sind tiefe Einsichten in die Kunst verantwortlichen Handelns. Was sie - per Zustimmung in Bonn, im Magdeburger „Tolerierungsmodell“ oder als Koalitions­partner in Meck-Pomm - an der Macht zum Wohle der Nation anstellt, das ist sie ihren Wählern schuldig. Den doppelsinnigen Gebrauch von ‚Verantwortung‘ beherrscht die PDS wie jede andere Partei; nicht normal ist lediglich der zusätzliche Rechtfertigungsbedarf, der davon rührt, daß die PDS von woanders herkommt:

„PDS - das heißt: Politik von unten, von links und vom Osten her!“ (Biskys Parteitagsrede).

Erstens: Von unten!

Mit der Programmatik fiel die PDS einerseits noch nie groß aus der Rolle, weil auch keine andere Partei auf die Idee käme, mit der Selbstverständlichkeit zu werben, „Politik von oben“ zu machen. Woher denn sonst? Für das Unten, für wen denn sonst, als des­sen Oben sie sich regelmäßig er­mächtigen lassen, machen Volksparteien Politik, was ein einziges Angebot ist: Wir regieren das Land und seine Leute, und das sogar besser als die Konkurrenz. Andererseits war das „von unten“ bei der PDS als zunächst notorischer Oppositionspartei immer etwas anders gemeint: Die Macht hätte gerade dem einfachen Volk eher zu geben als von ihm zu nehmen. Dieses wohlmeinende Dogma aus der Schatzkiste gutpolitisierter Untertanen ist nun umzudefinieren. Denn die Freunde des Unten mögen sich zwar immer noch mehr der Broiler- als der Kaviarperspek­tive verbunden fühlen, sind aber zweifelsfrei oben: In den Anstalten demo­kratischer Herrschaftsausübung eben - und deren Maßstäbe bilden jetzt die Richtschnur ihres Handelns. Die Hoffnung auf den Staat als Er­füllungsgehilfen eines besseren Lebens muß die PDS dafür nicht einmal kritisieren; der Stand­punkt der Obrigkeit ernied­rigt jedes persönliche Bedürfnis schon ganz von selbst zum bloß ‚Wünschbaren‘, des­sen Erfüllbarkeit vom wirklich ‚Machbaren‘ ab­hängt. Zur Erklärung die­ses Über­gangs bemüht die PDS in der Tat den Blickwinkel „von unten“; die volkstümliche Ideolo­gie von der be­grenzten Haushaltskasse des Staates, die genauso leer sei wie die meisten Sparbü­cher in DM-Besitzer verwandelter Arbeiter und Bauern, ist zur Selbstdarstellung einer linken Par­tei ‚in der Verantwor­tung‘  - die nie so kann, wie sie will, das aber feste! -, wunderbar geeignet:

Zweitens: Von links!

„Da, wo die PDS in der Verant­wortung stehe, könne ‚nur real vorhandenes und nicht virtuelles Geld aus vorerst nicht realisier­ten PDS-Konzepten‘ ausgegeben werden“ (Bisky, nach: Neues Deutschland). Bedauernd, aber entschlossen teilt er mit, daß die PDS die Wün­sche ihrer Anhänger ausschließ­lich an der gebieterischen Macht des Geldes mißt und bla­miert, genauer eigentlich: an den staatlichen Zwecken, für das es ausge­geben wird. Man mag Herrn Bisky zwar nicht fragen, ob er weiß, wieviele AKWs und Panzer schon mit virtuellem Geld be­zahlt worden sind; sein „neues Programm“ (die „Revitalisierung des Ka­pita­lismus: Eine Heraus­forde­rung für sozialistische Po­litik“) sagt es aber auch so klar genug: Die „Grundrechenarten“ (SZ) des Regierens im Kapita­lismus, die alle Welt den Sozialisten ab­spricht, haben sie „ge­lernt" - und die gelten, als alternativlose Maxime ihrer Politik. Die so­zialpoli­ti­schen PDS-Konzepte sind zwar schön, aber unbezahlbar; darum kann die PDS für sie nichts mehr tun; sie gehen „vorerst“ nicht, also nie. Als Mit-Regie­rungspartei er­kennt sie an, daß auch sie sich für das Wachstum des Kapi­tals ein­setzen muß und ihre Konzepte nur „real“ werden können bei so­zialer Enthaltsamkeit. Daß es dann auch nicht mehr dieselben Konzepte sind, scheint die PDS eher zu freuen als zu befrem­den: Ob die Regierungs­ver­antwortung „ein heilsamer Lernpro­zeß“ (SZ) sei, bejaht ihr Gysi jedenfalls.

„Auf jeden Fall. Plötzlich rechnen unsere Leute mehr. Wir können im Bundestag keinen sozial- oder wirtschaftspolitischen Vorschlag mehr machen, ohne daß einer fragt: Was sagt eigentlich Ihr Regierungsvertreter aus Mecklenburg-Vorpommern dazu? Außerdem haben wir es mit einer ande­ren Regierung zu tun: Wenn die einen Sozialbeschluß macht, müssen wir darüber nachdenken, wie wir uns dazu verhalten. Wie erklären wir unseren Wählern, daß wir für eine so geringe Erhöhung des Kindergeldes stimmen?“

Eine sachkundige Klarstellung: Abweichende Vorstellungen vom Regieren mögen für eine Oppo­sitionspartei noch angehen, gar nützlich sein; an der Macht angekommen, sind sie purer Luxus, der sich rasch ab­geschminkt gehört. Also wird den „sozial Benachteiligten“ erklärt, daß die PDS zwar weiterhin unter Anspielung auf ihre materielle Lage gewählt werden will, auf deren Linderung, ge­schweige denn Beseitigung aber nicht verpflichtet werden kann. Das heißt, Azubis, Arbeitslosen, 630-Mark-Putzen und anderen mehrheitsfähigen Randgruppen klar­zumachen, daß ihre Interessen zurückzu­treten haben, weil das für den Bestand der Partei unerläß­lich ist.

Das ist es, was von links bleibt: Eine endlich „regierungsfähige“ Alternative müht sich um die Er­klärung, warum das stinknormale Regieren bei ihr in den besten Händen ist. In der „Zwick­mühle“, die die feixende Presse „nach 100 Tagen Schweriner Modell“ (SZ) regi­striert, stecken an­dere Par­teien nämlich nicht: „Die SED-Nachfolger müssen ihrer Kli­entel weh­tun“. Daß die Herr­schaft ih­rem Volk einiges zumutet, ist doch selbstverständlich; in Erklärungsnot ge­raten überhaupt nur Vereine, die einmal das politisch aberwitzige Versprechen abgegeben ha­ben, die Leute hätten et­was davon, wenn sie (links) wählen. Inzwischen ist die PDS aber reif ge­nug, die „Zwickmühle“ materieller Verheißungen und glaubwürdiger Regierungsarbeit elegant zu lös­en. Die Frage ‚Wer braucht die PDS?‘ beantwortet sie in dieser Reihen­folge: Der soziale Zu­sammenhalt, der Markt, die Demokratie, die Kultur, der Staat und Europa“ (Bisky, Schlußwort), kurz: die ganze zauber­hafte Nation samt ihrer Klassengesellschaft und ihrem supranationalen Impe­rialismus.

Drittens und hauptsächlich: Vom Osten her!

Ärgerlich an dieser Nation ist darum nur eines: So richtig „wiedervereinigt“ sei sie noch nicht. Die materielle „Kluft zwischen Ost und West“ müsse verringert, die Verwahrlosung der frisch produzierten Erwerbslosen und die Verödung gan­zer Gegenden verhindert, mehr Ju­gendclubs und High-Tech-Fabriken mit Arbeitsplätzen fi­nanziert werden - Forderungen, an deren Nicht-Er­füllung die PDS immer dasselbe anklagt: So wird das nichts mit dem „sozialen Zu­sammen­halt“. Unge­recht und für den heiligen inneren Frieden gefährlich ist es, daß die Nation es ihr, „der Sachwalte­rin ost­deut­scher In­teressen“, die auf „Integration“ des Ossis pocht, immer so schwer macht, ih­rer Klien­tel das „geile“ Gefühl zu vermitteln, in diesem erstklassigen Land nicht länger als „Deutsche zweiter Klasse“ behandelt zu werden. Darauf hat sie den Sozialismus nämlich zu­sam­men­gekürzt: Auf das demütige Begehr nach Gleichstellung - in Tariflöhnen und „gering erhöh­tem“ Kindergeld; auf das Ideal einer Volksgemeinschaft ohne Erniedrigung der neuen Bürger - die als ein Volk auf den Ausländer herabblicken kann; auf die Hofierung beleidigter Patrioten - de­ren sämtliche Täu­schungen über das Glück, ein Deutscher zu sein, sie bestätigt, wenn sie ihrer Enttäu­schung schmeichelt und diese „vom Osten her“ vertritt. Kein Wunder also, daß die Haupt­kampfli­nie der PDS weniger materiellen Forderungen gilt - für die (s.o.) eh keine Staatsknete lohnt, und wenn, dann stets für geknechtete neue Länder wie Sachsen und Anhalt erhoben wer­den -, als der Ehre des Ossis ge­widmet ist, und da in erster Linie ihrer eigenen moralischen Reha­bilitation.

Mit diesem Bedürfnis macht die PDS Schlagzeilen der besonderen Art: Sie betreffen aus­schließ­lich ihre Stellung als „SED-Nachfolgepartei“ zur „freiheitlich-demokratischen Grundord­nung“. Daraus, das rechtliche und moralische Erbe der SED angetreten zu haben, macht sie keinen Hehl, besteht aber auf ihrer grundlegenden Läuterung: Nicht antimarktwirtschaftlich, nicht antidemo­kratisch, nicht antimilitärisch - konstruktive Bedenken gegen „Auswüchse“ des Kapitalismus und „Fehltritte“ der Bundeswehr belegen das prinzipelle Pro in der Sache -; umso mehr erbittert die PDS, daß der westdeutsche Gesinnungs-TÜV ihr die Wandlung weder abnimmt noch honoriert. Dem begegnet sie auf zweierlei Weise:

Sie entschuldigt sich, gefragt und ungefragt, in Briefen an ehemalige Bundespräsidenten und öf­fentlichen Hemdzerreißaktionen; bricht pausenlos mit einer Vergangenheit, an der ein Teil ihrer Mitglieder bestenfalls in der Schulbank teilhatte, ohne die Gnade der späten Geburt zu genießen; säubert ihre Reihen von IMs, Ladendiebinnen und Verteidigern des Mauerbaus, was ungefähr das­selbe ist; und fragt dabei immerzu, ob und wann es endlich genug ist. Denn aufs Loswerden des Kommunismusverdachts ist dieser Teil ihrer politischen Glaubwürdigkeitsarbeit schon berechnet, auch wenn die Entschuldigung beim einzig senkrechten System dieser Welt und dessen politmora­lischen Zensoren keineswegs nur berechnend ist. Eine Gegenleistung in Form einer Absolution der Sünden, wenigstens eines „Schlußstrichs“, sollte bitteschön sein; und da jene nicht kommt, drängt sich der PDS der Verdacht auf, ein Opfer vorsätzlicher Willkür zu sein. Ihr demonstra­tives Contra auf die staatliche Überwachung, Kontrolle und Belästigung von Parteimitgliedern und Ex-DDR-Bürgern dient diesem Beweis:

Sie kritisiert die Regelüberprüfung aller Kandidaten für den Staatsdienst und ostdeutschen Abge­ordneten als überflüssige und unnötig mißtrauische „Zwangsgauckung“; wirbt um Verständnis für „gebrochene Biographien“, jugendliche „Verfehlungen“ und andere „Verstrickungen“; verteidigt ihre rückwärtige Haltung zur DDR mit dem nicht übertrieben parteilichen Lob, daß in ihr „nicht al­les schlecht“ war; provoziert mit dem geplanten Beratervertrag für den verurteilten Spion Rupp; beantragt als „Akt der Versöhnung“ eine „Amnestie für verurteilte DDR-Hoheitsträger“; plädiert alles in allem für ein Ende des Grundsatzvorbehalts, das nach zehnjähriger Schnüffel- und Ab­rech­nungspraxis ohne Scha­den möglich, wegen eigener Läuterung und wegen des „Miteinan­ders der Menschen in der be­ginnenden Berliner Republik“ (Bisky) aber auch vernünftig sei.

Der Versuch der PDS, den Kampf gegen ihre Diskriminierung auf dem Feld der Moral (teilweise auch des Rechts) zu gewinnen, mißlingt. Ihr Bemühen, die Feindschaft gegen sie einerseits durch Erfüllung demokratiesittlicher Normen, andererseits durch den Nachweis deren Sinnlosig­keit zu entkräften, schlägt fehl. Die Bitte um Gleichbehandlung und Gnade stößt allenthalben auf Granit. Dem Antrag auf „gnadenlose Normalität“ wird nicht stattgegeben, ein absehbares Ende der ver­fassungsschutzmä­ßigen Be­handlung von Partei und ihrer Klientel wird nicht in Aus­sicht ge­stellt; aller­dings nicht aufgrund von ‚Willkür‘, auch nicht, weil die Große Anti-PDS-Koalition einfach ‚unvernünftig‘ wäre. Der Entstasifizierungs- und Verfol­gungswahn hat System und seinen Grund.

Die Einheitsfront gegen die PDS: Verfassungsschutzpatriotismus total

Es verhält sich nämlich gar nicht so, daß der PDS schlicht etwas ‚vorenthalten‘ würde. Die Liste der Vergehen der PDS - im normalen Bonner Umgangston wahlweise „Partei Der Schurken“ oder „Partei Der Spaltung“ - ist deshalb so lang und monströs, weil die Partei unter einen besonderen und viel fundamentaleren Vorbehalt gestellt ist, als daß man ihn durch den Beweis von Normalität und Wohlverhalten ‚ausräumen‘ könnte. Alles, was die PDS sagt und tut, ist verkehrt und subver­siv, weil es die PDS ist.

Die PDS hat Erfolg. Das stört, und zwar grundsätzlich.

Die PDS nutzt ihre Stimmengewinne, um sich als „Sprachrohr des Ostens“ zu engagieren und staatliche Subventionen vorrangig für die neuen Länder zu beantragen. Der Grund für ihre Aus­grenzung ist der Einsatz für ‚zu kurz gekommene‘ Menschen und Bundesländer aber nicht.

Einerseits ist das werbewirksame Deuten auf das Elend von Regionen und Bewohnern, dessen Betreuung originäre „Aufgabe der Politik“ sei, kein Privileg der PDS; diese Manier, die Ent­schei­dungshoheit des Staates über die Berechtigung von Ansprüchen zu unterstreichen, beherr­schen die großen Volksparteien naturgemäß ebenso. Die Forderung nach „Extra-Anstrengungen“ und ver­stärkten „Transferleistungen für den Aufbau Ost“, den noch jeder Bundeskanzler zur „Chefsa­che“ er­klärte, ist auch nicht gerade verfassungswidrig. Andererseits bringt es den nie in Verruf; die PDS schon. Ehrenwerte Zitate von der Dringlichkeit blühender Kapitallandschaften, die genausogut von Kohl oder Schröder stammen könnten, werden nach Enttarnung ihrer Herkunft für das Gegenteil genommen: Aus dem Munde der PDS steht jede Betonung von „Ost-“ für den unziemlichen Ver­such, ‚Extrawürste zu verlangen‘ und die Nation ‚ein zweites Mal zu spalten‘.

„Wir müssen verhindern, daß sich eine östliche Partei als Heimatverein etablieren kann“ (Rau). Ein Heimatverein, vor dem unser künftiger Präsident in diesem Falle warnt, ist ja an und für sich nichts Schlimmes - die äußeren Lebensumstände als ‚Heimat‘ zu verhimmeln, ist vielmehr eine hohe Staatsbürgertugend -: Bei der PDS rückt die Betonung regionaler Eigenart in die Nähe des geistigen Separatismus. Nach unserer Freiheit, unseren Bananen und unserem Mallorca lechzend: So haben wir die Zonis begrüßt, als sie rüber kamen und bei uns mitmachen wollten - dann ist das bißchen Rotkäppchensekt und Stolz auf olympische Schwimmerfolge glatt geschenkt; die PDS aber, so der Befund, pflegt und mobilisiert den Zoni-Patriotismus gegen seine neue Zentralgewalt in Bonn, demnächst Berlin, auf die die neuen Bürger jetzt zu hören haben. Die sollen erst mal zei­gen, daß sie so sind wie die anderen und nichts eigenes. Damit steht das Urteil fest: Eine Partei, die die ostdeutsche Besonderheit betont, ist und bleibt eine von drüben, also keine von uns.

Daß die PDS Erfolg hat, verläßlich und eher zuneh­mend Stimmen einfährt, nicht mal mehr vom Regieren abzuhalten war: Daran stört das angestammte „Parteienspektrum“ deshalb erheblich mehr als nur die unliebsame Konkurrenz, die man mit den üblichen parlamentarischen Intri­gen be­kämpft - solange man sich davon etwas verspricht - oder benützt, sobald das mehr bringt. Ganz jen­seits der Frage, welchen alter­nativen Gebrauch der Macht PDS-Abgeord­nete eigentlich im Sinn hätten - in den Zeitungen ist eher zu lesen, daß die Fraktion Schwerin alle „schmerzhaften Ein­schnitte“ und den Transra­pid gewissenhaft mitträgt und die Fraktion Magde­burg jedes Regie­rungsvorhaben der SPD „dul­det“ -, wird ihnen einfach jede kritische Wortmel­dung als böser Wille zu einem anderen Staat, als verdeckte Staatsfeindschaft, zur Last gelegt:

„Nun muß der Finanzminister erkennen, daß die PDS den Grundrechenarten offenbar nicht zu­gänglich ist. Zwar sieht sie die Notwendigkeit der Einsparungen weiter ein, aber die unver­meidli­chen Kürzungen im sozialen Bereich vertreten - das will sie nicht. Weil dies in ihren Augen nicht ihr Staat ist, schert es sie auch wenig, wenn er durch Überforderung an Grenzen stößt“ (SZ).

„Nicht ihr Staat“ - und damit auch noch überlebensfähig! Das ist das Verbrechen der PDS und darin faßt sich die Kriegserklärung gegen sie zusammen. Die ganz Rechten unter ihren Feinden animiert das zur Neuauflage von „Freiheit statt Sozialismus“. Die CSU nimmt die erste Regie­rungsbeteiligung „Roter Socken“ zum Anlaß, mit einem „Stopp der Zahlungen für den Osten“ zu drohen. „Wo die PDS mitregiert, sind die Standortbedingungen nicht attraktiv“ (Stoiber). Erneut: Kein investiti­onshem­mendes Gesetz der PDS weit und breit, kein Kapitalist, der sich je über PDS-verhetzte, streikende Ossi-Arbeiter beklagt hätte - vor der Diagnose rettet sie das ‚trotzdem‘ nicht: Unverbes­serliche Nachfolge­partei, die eine untergangene, unter Freudentränen übergelaufene Na­tional­mannschaft heute wie ein Volk im Volke vertritt. Mehr noch: Die unverwüstlichen 20% Wählerstimmen ge­bieten den Schluß von der Partei auf ihren Sumpf. Wahrscheinlich ist der ganze Osten eine von so­zialisti­schem Gedan­kengut „durchrasste Ge­sellschaft", wie der bayeri­sche Ministerpräsident das gerne ausdrückt. So stellen Politiker aus dem Westen das ostdeut­sche Volk unter einen gene­rellen Illoyalitäts­verdacht: Will mitten in der neuen Republik immer noch Zoni bleiben!


Die PDS vertritt den Zoni. Das ist verdächtig und hat Konsequenzen.

„Wiedervereinigung“, das hieß: Die Herrschaft der BRD gliedert sich das ostdeutsche Volk ein, unterwirft es ihren ökonomischen und politischen Sachgesetzen. „Wiedervereinigung“, das hieß damit auch: Das Volk der DDR erhielt das Angebot zum Überlaufen, indem man es von seinen Herren schied; die Begrüßung der Zonis beinhaltete die Abrechnung mit dem Staat. Die Scheidung in die wenigen Lumpen aus Wandlitz und ihre Schergen auf der einen Seite und die vielen, im Prinzip guten, lediglich verführten Opfer auf der anderen war die Methode der Integra­tion von 17 Millionen Neubürgern auf einen Schlag. Der Wille zur Integration, sprich: reibungslo­sen Anpas­sung an die neuen Lebensverhältnisse, wurde den Zonis einerseits großzügig unterstellt, anderer­seits aber mit einen Test verbunden: Ob sie in ihrem alten Leben wirklich nur Opfer waren, das wollte die neue Obrigkeit schon noch wissen. Wie üblich bei der Eingliederung von Ausländern wurde Integration auch im besonderen Falle unserer Brüder und Schwestern aus Ostzone­sien an Bedingungen geknüpft: Rückwärts an den Nachweis, der SED-Herrschaft keine Dienste erwiesen zu haben, vorwärts an die Aufforderung, der alten Staats­bürgeridentität bruchlos abzu­schwören. In beiderlei Hinsicht ist die Prüfung nicht zufrieden­stel­lend ausgefallen:

Das Aktenstudium der Gauck-Behörde hat weniger zur Ent- als zur Belastung vieler DDR-Bürger geführt - was sie staatliche Neugier auf ihre Vita nicht bremste, sondern forcierte: So kamen im­mer neue inoffizielle Mitarbeiter der DDR-Staatmacht ans Licht; und die anhaltende Sympathie der Wähler für die SED-Nachfolgerin generalisierte das Urteil: Haben unter ihrer alten Herrschaft gar nicht gelitten, hängen immer noch an dem Laden! So setzt sich die Vermutung durch, daß ihr 40jähriges Leben im Realen Sozialismus doch Wirkung gezeigt und das Volk der DDR ge­gen seine ei­gene deutsche Natur und Mentalität kollektiv der falschen Nation gedient hat. Den Ver­dacht, den der westdeutsche Ge­sinnungstest in den hin­zuge­wonnenen Personalbestand seiner Herrschaft hin­ein­gerührt hat, entdeckt er - ab­solut jenseits der Frage seiner tat­sächlichen ökonomi­schen Benutzbar­keit oder er­wiesener Ach­tung vor dem Ge­setz - an ihm wieder. Das schärft den Blick, nach hinten wie nach vorne:

„Die Grenze zwischen Tätern und Opfern darf nicht verwischt werden“ (Däubler-Gmelin).

Rückwärtig zieht jede mittlere Karriere von DDR-Bürgern - Ju­risten, Pädagogen, Geisteswissen­schaftler: mit Parteilichkeit kennen die unsrigen sich aus! -, den Verdacht der Mittäterschaft auf sich. Die Grenze zwischen möglichen Tätern und bloßen Op­fern steht nicht einfach fest, sondern wird von dieser Repu­blik, hier in Gestalt ihrer Justizministe­rin, gezogen: Um zweifelsfrei kein Täter gewesen zu sein, sollte man sich vom täglichen DDR-Leben lieber ferngehalten haben; die Gefahr von Stasi-Kontakten war in Betrieben, Schu­len, Tanzstunden und Sport­vereinen doch sehr groß. Na­türlich ist diese Täter-Definition, die sich von tun ableitet, absurd. Aber gerecht: Denn es geht um die Frage von Schuld, um das Aus­stellen oder Verweigern von Persilscheinen. In ihrer ganzen agen­tentheoreti­schen Bril­lanz drückt diese Defini­tion die Vorstellung aus, die west­deut­sche Volksvertreter von je­nem „Un­rechts­re­gime“ haben, das ihr Grundge­setz 40 Jahre lang nicht als Staat anerkannte: Wo drü­ben alles ge­sellschaftliche Le­ben von Un­terdrückung geprägt war, er­scheint jede aktive Begegnung mit dessen In­sti­tuten als poten­tielle Komplizenschaft.

Aktuell folgt daraus der dazu passende Umgang. Wenn un­sere Neubürger nach zehn segens­reichen Jahren Lohnabhängig­keit, Meinungsfreiheit und Aldi an ihrem alten Sy­stem immer noch „nicht alles falsch“ finden, dann ticken sie auch heute nicht richtig. Das in zu vielen Wahlkreuzen an der verkehrten Stelle identifizierte Beharren auf einer „eigenen Biographie trifft auf den prak­tizierten Rassismus der Loyali­tät: Zonis erfreuen sich, weil sie Zonis waren und in ihrem Innersten bleiben wollen, einer kleinen Sonderbehandlung. Wer bei, also für uns etwas werden will - zum Beispiel Parteispre­cherin der SPD oder Laienrichterin am Verfas­sungs­gericht Brandenburg -, des­sen Bio­graphie wird schon gewürdigt, aber anders, als etwa Dörte Caspary oder Daniela Dahn das mei­nen: „Die Gauck-Behörde wird noch eine unbestimmte An­zahl von Jahren arbeiten müssen“ (Thierse). In Fra­gen linientreuer Ge­sin­nung ih­rer kleinen Mit­herrscher und schwankenden Zwi­schenschichten überläßt die Nation nichts dem Zufall. Zonis ist der Staatsbürgerspruch, daß früher alles irgendwie besser war, nicht erlaubt: In ihrem Früher gab es kein richtiges Leben im falschen. Wenn Zonis heute rum­nörgeln - zum Beispiel über fehlende blühende Landschaften -, dann ist et­was faul: an ihnen. Das er­härtet den Verdacht, daß die DDR in Gestalt ihrer zweibeinigen Erb­masse ‚weiterlebt‘: Die „unerträgliche Ostalgie“ vieler ih­rer neuen Untertanen gilt der amtieren­den Herrschaft als Indiz dafür, zwar 17 Millionen Pässe ausgegeben, aber noch nicht die dazuge­höri­gen 17 Millionen Pa­trioten gewonnen zu haben.

Es ist schon ein einmaliger, aber konsequenter Treppenwitz der Geschichte. Dem einzigen Volk, für das je ein Doppel-Paß bereitlag - ein westdeutscher Personalausweis für jeden „DDR“-Bürger: kollektiv, ohne Aufnahmeverfahren und Auswahlkriterien - wird nach seiner Einbürgerung, ohne daß die Wahl zwischen zwei Staatsangehörigkeiten überhaupt noch exi­stierte, wegen seiner Ver­gangenheit als Volk der DDR die Frage gestellt, ob man in einem Leben zwei Her­ren dienen kann. Das Fragezeichen hinter der Berechnungslosigkeit des Gehorsams, die jeder Staat von seinem Menschenmaterial verlangt, verdienen sich die Ex-Zonis nicht erst durch irgendein Fehlverhalten, sondern dadurch, daß ein Loyalitäts-Wechsel in der Tat einen gewissen Widerspruch enthält: Der fundamentalistische Verdacht der - wenn auch nur ideellen - Treue zu den alten Machthabern (oder deren „Erben“) ist ihm immanent. Er begrün­det den Zweifel, ob den einstigen „Brüdern und Schwestern“ der absolute Unter­wer­fungs­wille un­ter ihre neue Herrschaft ebenso ‚ein-geboren‘ ist, wie deren Inhaber das von 60 Millio­nen ‚ech­ten‘ Eingebore­nen wie selbstverständlich annehmen.

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Die Prognose, es werde „ noch eine ganze Generation dauern“, bis die Stasi-Archive geschlossen werden könnten und das „Gespenst PDS“ verschwunden sei, wird darum wohl stimmen. Die „Säcke von Papierschnipseln“, die die Gauck-Behörde noch zusammenzusetzen hat; die Überfüh­rung der vielen „kleinen und größeren Mitläufer“ beim falschen System; die Erledigung einer „Partei, die links von der SPD dauerhaft Fuß fassen will“: Dies gut Ding will Weile haben. An der Er­füllung ihrer eigenen Vorhersage wird die Nation es jedenfalls nicht mangeln lassen.

 

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