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Über
„Revisionismus“ und
„Revisionismus-Kritik“
Von
Robert Steigerwald/November 2007
„Nach
Lenin ist der sozialistische Staat stark, wenn die Massen alles wissen,
über alles urteilen können und alles bewusst tun.“
Kurt Gossweiler, Interview in „junge Welt“ vom 3. / 4. November
2007, S. 2
Vor
Jahrzehnten gab es zwischen der Sowjetunion, der KPdSU
sowie der VR China und der KPCh eine heftige Diskussion, in der
beide Seiten mit „kräftigen“ Worten aufeinander droschen:
Revisionismus, Trotzkismus, Verrat am Marxismus-Leninismus und was es
dergleichen an „Wertungen“ gab (und gibt). In Wahrheit ging es
damals überhaupt nicht um entsprechende Inhalte. Der Kern der
Auseinandersetzung war: Es kämpften zwei kommunistische Großmächte um
die Vorrangstellung in der kommunistischen und Arbeiterbewegung. Das
fand auch in der Bundesrepublik Deutschland seine Widerspiegelung in der
Politik pro-maoistischer Gruppen, Organisationen und Parteien, die schon
in den 60er Jahren die illegale KPD, später die DKP bekämpften und
gegen den Sozialismus in Europa unter dem Banner des „Kampfes gegen
den Revisionismus“ auftraten.
Diese
Auseinandersetzungen werden derzeit wieder belebt. Bemerkenswert ist,
dass es wieder die DKP ist, die das Ziel der Angriffe ist. Die DKP ist,
dies muss an dieser Stelle hervorgehoben werden um die Brisanz der
Auseinandersetzung zu verdeutlichen, die einzige der Parteien aus der
KPD-Tradition in Deutschland, die sich nach 1989/90 nicht aufgelöst
oder reformistisch „transformiert“ hat. Deshalb muss man nach dem
Ziel der Angriffe fragen. Geht es etwa um eine handlungsfähigere
kommunistische Partei? Da die Angriffe sehr theoretisch,
„historisch“ und teilweise Personen bezogen geführt werden, ohne
Handlungsorientierung zu geben, kann man dies eigentlich ausschließen.
Geht es um mehr „theoretische Klarheit“? Oder geht es – nachdem
die DKP 2006 ein auch international respektiertes Parteiprogramm auf der
2. Tagung des 17. Parteitages verabschiedet hat – um etwas ganz
anderes?
Der
aktuelle „Antirevisionismus“
Die
Auseinandersetzung – der „Kampf gegen den Revisionismus“ - wird
derzeit unter dem Banner geführt, angebliche opportunistische und
revisionistische Elemente in der Politik und Programmatik der DKP zu
beseitigen. Die Debatte wird
derzeit über mehrere Stränge geführt: Durch Beiträge in der
„Jungen Welt“ /1/, durch Aufsätze in zwei Publikationen, die Hans
Heinz Holz herausgibt und in der KAZ (Kommunistischen Arbeiter-Zeitung).
Die
Triebkraft dieser Diskussion ist die Methode „Haltet den Dieb, ich
oder meine Vorbilder bin/ sind es nicht gewesen“. Damit soll einer gründlichen,
beweisenden, kritischen Diskussion über die Zeit, da Stalin an der
Spitze nicht nur der KPdSU und der Sowjetunion, sondern der
kommunistischen Weltbewegung stand, entgangen werden.
„Ersatz“
wird angeboten. Solcher wurde gefunden: Es geht um Chrustschow und den
XX. Parteitag der KPdSU. So wird abgelenkt von den notwendig zu
ziehenden Lehren aus der Geschichte des Kommunismus um Verhaltens-,
Denkweisen und Strukturen zu überwinden, die dem humanistischen
Anspruch unserer Idee und Weltanschauung widersprechen, und eine
zukunftsfähige kommunistische Politik unter heutigen Bedingungen zu
entwickeln. Darum geht es. Das ist der Kern der gegenwärtigen
Auseinandersetzungen.
Damit
wirken die Autoren und Autorinnen der „jungen Welt“, von „offen-siv“,
„T & P“ bzw. „Topos“ entgegen ihrer Beteuerungen nicht für
die Stärkung des Kommunismus, denn wer seine „Krankheiten“ nicht
heilt oder heilen lassen will, der schwächt sich selbst!
Der
Kern der Argumente der „Revisionismuskritiker“ besteht in
Folgendem:
Die
zu kritisierende Politik ist a priori klassisch opportunistisch und
klassisch revisionistisch, weil sie auf der Leugnung des Klassenkampfes
beruht und auf Klassenzusammenarbeit orientiert. Dazu werden einige
„Lieblingsthemen“ bemüht:
Chrustschows
These von der Sowjetunion als eines Staates des ganzen Volkes gab die
Klassenorientierung preis; Die von ihm
praktizierte Politik der friedlichen Koexistenz von Staaten
unterschiedlicher Gesellschaftsordnung desgleichen;
Der
XX. Parteitag hat die ideologisch-politische Entwaffnung der
kommunistischen Bewegung eingeleitet, die schließlich zum Zusammenbruch
der sozialistischen Staaten und zahlreicher kommunistischer Parteien führte.
Schauen
wir uns einmal an, was von diesen „Argumenten“ übrig bleibt, wenn
man die Fakten prüft:
Erstens:
Stalin betonte im Jahre 1936, dass die Arbeiterklasse des Sowjetlandes
kein Proletariat mehr sei, da sie die Produktionsmittel besitze. Er
betonte sowohl 1936 in der Verfassungsrede als auch in seiner Rede auf
dem 18. Parteitag (1939, im Abschnitt über Fragen der Theorie), dass
die Ausbeuterklassen verschwunden seien und da es keine Ausbeutung mehr
gebe, gebe es auch niemanden mehr, der zu unterdrücken sei. So
nachzulesen auch in den „Fragen des Leninismus“ (Moskau 1967, S.
727). Man habe jetzt einen völlig neuen, sozialistischen Staat, wie ihn
die Geschichte noch nicht gekannt hat (ebenda S. 728). Das ist – unabhängig
von der Verfassungsrealität - doch offensichtlich die theoretische
Rechtfertigung für Chrustschows spätere These vom Staat des ganzen
Volkes!
In
der Rede zur Verfassung setzte sich Stalin ebenso mit Vorschlägen zur
Änderung der Verfassung auseinander. Da kommt er auch auf die
Geistlichen, die ehemalige Weißgardisten, alle „Ehemaligen“ und
Personen, die sich nicht mit gemeinnütziger Arbeit befassen (ebenda S.
643) zu sprechen. Es habe Zeiten gegeben, wo sich diese Elemente im
offenen Kampf gegen Sowjetmacht befunden hätten. Seitdem sei nicht
wenig Zeit vergangen (ebenda S. 641). Er fragte, ob sich solche Elemente
nicht in die oberen Organe des Landes einschleichen könnten und weist
diese Vermutung mit recht gründlichen Argumenten zurück.
Zweitens:
Im Gegensatz zu den antirevisionistischen Märchen, auf dem XX.
Parteitag der KPdSU habe man allein den friedlichen Weg zum Sozialismus
gepredigt und aus der Politik der friedlichen Koexistenz von Staaten
unterschiedlicher Gesellschaftsordnung die Zusammenarbeit von
Sozialismus und Imperialismus hergeleitet, enthalten die Beschlüsse des
XX. Parteitages
-
die Festigung der Beziehungen zwischen den sozialistischen Staaten;
-
Grundsätze der Entwicklung solidarischer Beziehungen zu den vom
Kolonialjoch befreiten Staaten und der
-
Unterstützung der Arbeiterbewegung in der Welt;
-
das Festhalten an der Leninschen Politik der friedlichen Konsistenz von
Staaten unterschiedlicher
Gesellschaftsordnung;
-
eine eindeutige Positionierung zur entschlossenen Verteidigung des
Friedens und Stärkung der
Verteidigungskraft des Landes.
Die
friedliche Koexistenz wird in den Beschlüssen und folgenden Dokumenten
der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung als Form des
Klassenkampfs auf internationalem Gebiet bezeichnet, sie schließe eine
Versöhnung von sozialistischer und imperialistischer Ideologie aus. Sie
diene dazu, einen atomar geführten Krieg zu vermeiden, was auch
bedeute, Streitfragen möglichst durch Verhandlungen zu lösen. Das
Recht eines jeden Volkes, über seine Entwicklung selbst zu entscheiden,
wurde unterstrichen, Export der Revolution nach wie vor abgelehnt. Der
Sozialismus könne nur aus der Entwicklung der inneren Widersprüche
eines Staates hervorgehen.
Völlig
neu war die These nicht, dass es unter den neuen Kräfteverhältnissen möglich
sei, einen Weltkrieg zu verhüten. Es gab Interviews, in denen Stalin
sagte, es sei möglich, einen neuen Weltkrieg zu verhindern, wenn die Völker
den Imperialisten in den Arm fallen. Der Parteitag hob in diesem Sinne
hervor: Angesichts des Wirkens der Entwicklung des sozialistischen
Lagers sei der Imperialismus nicht länger allein bestimmend. Folglich
besteht die Möglichkeit, den Imperialismus an der Auslösung eines
Kriegs zu hindern. Die Aggressivität des Imperialismus sei nicht zu
leugnen, nur könne er nicht mehr allein den Gang der Weltgeschichte
bestimmen. Aber das erfordere, dass die Friedenskräfte in der ganzen
Welt mit aller Kraft den Kampf gegen den Imperialismus entfalten.
Verwiesen
wird darauf, dass es unterschiedliche Formen und Wege des Übergangs zum
Sozialismus geben könne, es nicht unbedingt eines Bürgerkrieges bedürfe,
denn das Lager der in den Kampf gegen den Imperialismus, für den
gesellschaftlichen Fortschritt einzubringenden Klassen und Schichten könne
so ausgeweitet werden, dass es zur Isolierung der imperialistischen Kräfte
komme. Das bedeute nicht, das Vorhandensein von Bedingungen zu leugnen,
da der Kampf für den gesellschaftlichen Fortschritt auf den bewaffneten
Widerstand reaktionärer Kräfte stoßen und folglich zum Bürgerkrieg führen
könne. Der Kommunisten müssten folglich bereit sei, die
unterschiedlichen Kampfform zu beherrschen, darunter auch die
parlamentarischen.
Was
dies angeht, die Klassiker des Marxismus haben den friedlichen Weg nicht
unter allen Umständen abgelehnt oder für unwahrscheinlich gehalten.
Eine solche Position, etwas unter allen Umständen zu bejahen oder
abzulehnen widerspräche dem Marxismus! Die Kommunistische Partei Großbritanniens
hatte bereits Jahre zuvor, noch zu Stalins Zeit und mit dessen
Zustimmung, ein Parteiprogrammprogramm des parlamentarischen, also
friedlichen Wegs zum Sozialismus beschlossen, doch zu diesem Stalinschen
„Revisionismus“ gibt es seitens der „Anti-Revisionisten“ kein
kritisches Wort!
Man
kann an den Beschlüssen des Parteitages kritisieren, dass die
internationale Lage nicht real genug eingeschätzt wurde, dass im Gefühl
der eigenen Stärke jene des Imperialismus und dessen Bereitschaft, sich
mit den gegebenen Bedingungen keinesfalls abzufinden unterschätzt
wurde. Man kann spätere Illusionen und Irrtümer kritisieren. Aber
nicht die grundsätzliche Position.
Auch
wurden die eignen Entwicklungsressourcen viel zu optimistisch eingeschätzt.
Eine Reihe von großspurig verkündeten Grundsätzen - etwa jene, dass
jede Partei in eigener Verantwortung über den eigenen Weg bestimmen könne
oder die Thesen, die sich auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen
den kommunistischen Parteien beziehen –
wurden in der Realität weitgehend missachtet. Die
Kompliziertheit gewisser Entwicklungen der Dritten Welt wurde nicht real
eingeschätzt, sondern ohne weiteres als Weg nicht-kapitalistischer,
sozialistischer Entwicklung gewertet. Die Darstellung der eigenen
Parteigeschichte wurde nach 1956 zwar von allzu groben Entstellungen und
Verfälschungen gereinigt, dies geschah jedoch politisch nur halbherzig
und - wie in der praktischen Politik - nicht mit der für die weitere
Entwicklung des Sozialismus notwendigen Konsequenz.
Solche
Mängel ergaben sich nicht aus revisionistischen Positionen –
Klassenkampf wurde nicht geleugnet, auf Klassenzusammenarbeit nicht
orientiert. Sie waren Ausdruck von Inkonsequenz, sich auch von Feigheit,
aber vor allem mangelnder Analyse der realen historischen Entwicklung,
also des Zurückbleibens in der theoretischen Arbeit, eines Zurückbleibens,
das sich lange vor dem XX. Parteitag herausgebildet hatte. Um nur ein
Beispiel zu nennen: Wenn man die theoretischen Debatten über das Verhältnis
von Theorie und Praxis, über die Gesetzesproblematik, Fragen der
Dialektik beispielsweise zu philosophischen Fragen der Wissenschaften
(Relativitätstheorie, Quantenmechanik) in den 20er und 30er Jahren
verfolgt, gab es stürmische, fruchtbare Diskussionen nach der
Oktoberrevolution. Nach 1934/35 brachen diese Diskussionen für
viele Jahre ab; dies geschah gewiss nicht, weil die weltanschaulich
relevanten Fragen ausdiskutiert waren …
Die
Mängel in der theoretischen Arbeit, Vereinfachungen und
Dogmatisierungen sollten sich – trotz Korrekturen und theoretischer
Fortschritte in anderen Bereichen - in der weiteren Arbeit auf dem Felde
der Theorie und Ideologie negativ auswirken. Komplizierte Erkenntnis-
und reale Entwicklungsprozesse wurden vereinfacht dargestellt. Daraus
resultierten Illusionen. Es gab vor allem eine ungenügende Analyse des
Imperialismus. Trotz gegenteiliger Versicherungen wurde auch die
Position beibehalten, es gebe im Grunde nur den sowjetischen
Entwicklungsweg des Sozialismus, eine wirkliche Analyse der Prozesse in
den Volksdemokratien sowie in vom Kolonialjoch befreiten Ländern fand
nicht statt.
Was
die auf dem XX. Parteitag in öffentlicher und nicht-öffentlicher
Sitzung vorgenommene Auseinandersetzung mit der Stalin-Periode angeht,
so mangelte es an einer gründlichen geschichtlichen Erforschung der
Bedingungen, die zu den kritisierten Verhältnissen geführt hatten. Die
im Referat benannte Zeit von 1934 bis 1953 war zu sehr begrenzt um die
tatsächlichen historischen Bedingungen genauer zu erfassen. Einige Mängel
dieser Art wurden am Beschluss des ZK vom Juni 1956 korrigiert. Darin
wurde auf mehr auf längerfristig wirksame, geschichtliche Hintergründe
und objektive Entwicklungsbedingungen des Landes, auf den dadurch veränderten
Charakter der Partei verwiesen und es wird Stalins Wirken in dieses
Beziehungsgeflecht eingefügt.
Aber
es ist zu fragen, warum sich das ZK nur ein Vierteljahr nach dem
Parteitag genötigt sah, einen solchen Beschluss zu fassen. Dies weist
darauf hin, dass das ZK der KPdSU mit der Art der Auseinandersetzung zur
Stalin-Periode, wie sie auf dem XX. Parteitag erfolgte, offenbar auch
seine Probleme hatte.
Was
diese Kritiken angeht, muss man sich in die damalige Lage versetzen. Es
wäre unmöglich gewesen, eine deutliche Kritik an der Geschichte der
Partei und des Staates in breiter Öffentlichkeit vorzubereiten und
danach zu entwickeln. Der unmittelbare Apparat der Partei und des
Staates war noch fest in der Hand von Kräften, die an den Untaten
selbst aktiv beteiligt waren. Unter solchen Bedingungen war an eine gründliche
wissenschaftliche, theoretische Analyse und Vorbereitung der Rede gar
nicht zu denken, ganz davon abgesehen, ob die dieses Vorhaben
vorbereitenden Kräfte (Bulganin, Schukow, Furzewa, Serow usw. unter
Nutzung der bereits ein Jahr zuvor durch eine Kommission unter Leitung
von Molotow und Pospelow erarbeiteten Materialien) dazu überhaupt fähig
gewesen wären. Chrustschow arbeitete mit genau mit den Methoden, die es
in den letzten Jahrzehnten der Führung des Landes durch Stalin gab. Zum
Beispiel gab es unter Stalin keinen Parteitag von 1939 bis 1953.
Der
XX. Parteitag bewirkte zweifelsohne auch, dass sich in einigen
kommunistischen Parteien aus verschiedenen Gründen zunächst Tendenzen,
später regelrechte Bewegungen weg von der KPdSU, weg von der
internationalen Zusammenarbeit der Kommunisten, schließlich eine
Orientierung auf den so genannten Euro-Kommunismus, auf nationale
Borniertheiten herausbildeten. Die Enthüllung der im Gefolge der
Field-Affäre (darauf wird noch eingegangen) stattgefundenen Verbrechen
hat durchaus zur Entfremdung nicht nur einzelner Kommunisten, sondern
ganzer Parteien von der Sowjetunion beigetragen.
Inwieweit
auch dabei die auch damals insgesamt völlig unbefriedigende Situation
auf dem Gebiet der Ideologie, der Theorie eine Rolle gespielt hat, wäre
auch zu prüfen, wenn von Quellen des Revisionismus die Rede sein soll.
Dass IKP und FKP, die lange Zeit mit beträchtlichem Potential gleichsam
Gewehr bei Fuß standen und krampfhaft nach Bewegungsmöglichkeiten
suchten (und offenbar auch unmittelbar nach 1945, als es in ihren Ländern
durchaus auch andere Entwicklungsmöglichkeiten gab, aufgrund der
Abkommen zwischen den Großmächten und deren Interessenlagen auch
alleingelassen wurden), ist ihnen nicht vorzuwerfen. Aber wenn sie bei
diesem Suchen im Laufe der Zeit auch zu revisionistischen Positionen
gelangten, hängt das eben auch mit dem niedrigen Niveau der
theoretischen Arbeit in diesen langen Jahren zusammen. Da hat man sich
denn beispielsweise „seinen“ Gramsci zurechtgebogen, aus seiner
wichtigen und richtigen Konzeption des Ringens um Hegemonie gefolgert,
wenn man diese erreiche, könne man auf den Sturm gegen den politischen
Staat verzichten – und so verschwand nicht nur die lateinische
Formulierung, sondern die Sache, die Idee, der Inhalt der Marxschen
Auffassung von der Diktatur des Proletariats selbst aus dem Arsenal
kommunistischer Parteien. Zu erinnern ist an Carillos Buch
„Eurokommunismus und Staat“ und an Neufassungen des Parteiprogramms
der FKP.
Während
wir uns jedoch in den 60er und 70er Jahren heftig mit dem Revisionismus
in all seinen Versionen, gerade auch dem Euro-Kommunismus
auseinandersetzten, ebenso mit dem Zwilling des Revisionismus, dem
Dogmatismus und pro-maoistischen Parteigängern hierzulande - wir uns
also nicht damit begnügten, parteilos über Strömungen und Tendenzen
im Neomarxismus zu schreiben, - standen hierzulande die pro-maoistische
Gruppen (die unbehelligt die im Verbotsurteil gegen die KPD von 1956 als
strafwürdig festgehaltenen Termini Marxismus-Leninismus, Diktatur des
Proletariats, demokratischer Zentralismus usw. benutzen konnten) nicht
etwa in diesem Kampf an unserer Seite, sondern griffen uns geifernd und
extrem antisowjetisch und antisozialistisch an!
Es
kann aber gar kein Zweifel daran bestehen, dass die Enthüllungen des
XX. Parteitags dem Ansehen der KPdSU und, darüber hinaus, der gesamten
kommunistischen Bewegung schwer geschadet haben. Man soll aber Ursache
und Wirkung nicht verwechseln. Haben die kritisierten Untaten oder deren
Kritik der Partei geschadet?
Es
waren die Untaten, die Verfolgungen, die Verbrechen, nicht die Kritik.
Diese Kritik war notwendig, die kritisierten Probleme auf Dauer zu
verschweigen, unmöglich, was zutiefst dem moralischen Anspruch der
Kommunisten widersprochen hätte. Eine Erneuerung war notwendig,
grundlegende Schlussfolgerungen. Doch dies erfolgte nur teilweise, blieb
inkonsequent, entsprach nicht den realen gesellschaftlichen
Erfordernissen.
Zur
Politik der friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher
Gesellschaftsordnung.
Renate
Münder erzählt in einem Aufsatz in der „jungen Welt“
Erstaunliches. Lenin hätte die Politik der friedlichen Koexistenz nur
auf die Beziehungen zu großen imperialistischen Staaten angewendet
sehen wollen. Also wollte er die Beziehungen zu kleinen
nicht-sozialistischen Staaten eben nicht auf friedliche Koexistenz gründen.
Worauf dann? Auf bewaffnete, kriegerische Beziehung, Export der
Revolution?
Die
Kritik an der Politik der friedlichen Revolution wird durch Kurt
Gossweiler, Geschichte verfälschend, geteilt. Für ihn hilfreich ist,
dass die Jüngeren im Land nicht erlebten, worüber er im Interview mit
der „jungen Welt“ geredet hat und viele Ältere es vergessen haben.
Was Gorbatschow tatsächlich machte, dichtet er Chrustschow an:
Chrustschow habe die USA für einen vertrauensvollen Partner gehalten.
Aber warum hat er dann in nicht gerade sehr diplomatischer Art ein
Treffen mit dem damaligen US-Präsidenten platzen lassen? Als es 1956
zur Suez-Krise kam, als Frankreich und England ihre Truppen gegen Ägypten
in Marsch setzten, da hat Chrustschow beide unfein an die sowjetischen
Waffen erinnert – und sie zogen schleunigst ihre Truppen zurück. Als
Kuba mit einer US-amerikanischen Intervention bedroht wurde,
stationierte die Sowjetunion auf der Insel Atomraketen und sie zog diese
erst ab, als Kennedy versicherte, es werde keine solche Intervention
geben und außerdem entfernte er die in der Türkei stationierten und
auf die Sowjetunion gerichteten US-Raketen.
Und
wie war das, als der vietnamesische Freiheitskampf tobte? Gab China oder
die Sowjetunion den vietnamesischen Genossen die Waffen, insbesondere
jene, mit denen sie die B-52-Bomber der USA vom Himmel holen konnten?
Wer hat denn damals die USA als „vertrauenswürdigen Partner“
behandelt? Hat die Sowjetunion oder hat China zur Zeit des
vietnamesischen Freiheitskampfes führende Vertreter des
US-Imperialismus (Nixon, Februar
1972) zum „trauten“ Gespräch empfangen? Es war die Sowjetunion, die
Vietnam in den schweren Jahren half. Es war die führenden Vertreter
Chinas, die Nixon empfingen. Übrigens reiste Nixon damals aus China in
die UdSSR weiter. Zur Unterzeichnung des SALT-I-Abkommens, jedoch nicht
zum „trauten“ Gespräch.
Es
ist also eine bloße Erfindung zum höheren Ruhm - und zur nachträglichen
Rechtfertigung antisowjetischer und antisozialistischer Positionen - der
angeblichen Revisionismus-Kritik, die Sowjetunion hätte zur Einstellung
oder mindestens Minderung der antikolonialen Kämpfe aus Angst vor einem
Atomkrieg geraten.
Dennoch:
Diese Gefahr war (und ist!)
keine bloße Erfindung und eine verantwortungsvolle, sich nicht auf
Abenteuer verlassende kommunistische Politik musste und muss eine solche
Gefahr in Rechnung stellen, das hat mit Revisionismus nichts, aber auch
gar nichts zu tun.
Die
Politik der friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher
Gesellschaftsordnung war die einzig verantwortungsvolle Orientierung,
alles andere wäre verbrecherisches Abenteurertum gewesen. Es gab keine
Alternative. Damit wird durch uns nicht behauptet, es hätte in der
Durchführung dieser Politik nicht auch Fehler gegeben.
Zu
erfundenen und wirklichen Quellen des modernen Revisionismus
Es
wurde zugleich der Vorwurf erhoben, der XX. Parteitag sei ein Akt der
Konterrevolution gewesen, durchgeführt von Revisionisten, denen es um
die Zerstörung der ruhmreichen, von Stalin geprägten Partei gegangen
sei. Chrustschow, Mikojan, Bulganin, Pospelow, Fedossejew, Sagladin,
Tschernjenko, Jerusalemski und dann die schlimmen Typen Jakowlew,
Jelzin; Gorbatoschw, ständen in einer Linie. Man käme beim Durchzählen
leicht auf eine kriegsstarke Kompanie. Die Älteren wurden noch auf dem
19. Parteitag (also unter Stalin) in die Führung genommen. Sie hätten
doch eigentlich alle durch die „Schule“ des Pionierverbands, des
Komsomol, der Partei erzogen sein müssen, im „Leninschen Geist von
Stalin geschweißt“ sein sollen. Wie aber soll es dann möglich
gewesen sein, was uns Kurt Gossweiler erzählt: Chrustschow hätte
seinen Revisionismus so geschickt in die Materialien des XX. Parteitags
geschmuggelt, dass diese Kader überrumpelt worden seien, nichts von
diesem schlauen Trick gemerkt hätten? Warum waren sie nicht auf der
erforderlichen ideologisch-politischen Höhe, um einem Parteitag mit
wachem Geist zu folgen? Gossweiler hielt sie wohl für blöd, aber wenn
sie blöd waren, warum war das so?
Stalin
hat in den „Fragen des Leninismus“ zu diesem Problem einmal gesagt:
Wenn sich schlechte Personen bei uns durchsetzen, „so wird das
bedeuten, dass es um unsere Agitationsarbeit äußerst schlecht steht
und wir eine solche Schande durchaus verdient haben“ (S. 643).
Gossweilers
Argumentation zerbricht an ihrer Widersprüchlichkeit. Wenn es möglich
war, dass innerhalb von drei Jahren nach Stalins Tod eine solche „im
Lenin´schen Geist von Stalin geschweißte“ Partei und der so geprägte
Staat durch einen solchen Parteitag komplett überrumpelt werden konnte,
so war diese Partei schon vorher nicht mehr das, wofür ihre Verteidiger
sie halten. Dann hat der Zersetzungsprozess der Partei nicht erst 1956
begonnen. Oder aber, das wäre die andere Seite des Widerspruchs: Der
XX. Parteitag war zwar eine scharfe Wende in der Parteigeschichte, aber
keine Konterrevolution. Er war ein notwendiger Parteitag, die
Auseinandersetzung, der Bruch war nötig, erfolgte aber aus heutiger
Sicht nur inkonsequent, halbherzig. Das bedeutet nicht, von den Mängeln
und Fehleinschätzungen des Parteitags einfach weg zu sehen, aber es
geht auch nicht an, das Kind mit dem Bade auszuschütten.
Quellen
des Revisionismus in der heutigen kommunistischen Bewegung
Kurt
Gossweiler und ihm folgend andere machen - wie sie meinen – die
Quellen des Revisionismus in der kommunistischen Bewegung (sie behandeln
da nur Europa) ausfindig. Zuerst nennen
sie Earl Browder, ehemals Vorsitzender der KP der USA, der zum
Renegaten wurde. Es wird behauptet, über ihn seien durch aus den USA
nach Europa heimgekehrte Kommunisten Revisionismus im Westen
eingepflanzt worden. Nun hat Browder in der kommunistischen Bewegung
Europas absolut keine Rolle gespielt – ganz abgesehen davon, dass eine
solche personalistische Herleitung einer wirklichen oder vermeintlichen
Strömung mit Marxismus nichts zu tun hat.
Es
gab aber tatsächlich eine „US-Linie“ für die europäischen
Kommunisten, die das Auftreten von Revisionismus begünstigte: Der
amerikanische Kommunist Noel H. Field wurde, in Zusammenarbeit von CIA
und einem Überläufer des polnischen Geheimdienstes, den sowjetischen
Behörden denunziert, aufgrund der gefälschten Indizien verhaftet und
so gefoltert, dass Prozesse gegen führende Kommunisten (wie in den dreißiger
Jahren in der Sowjetunion) in Bulgarien, Ungarn, der Tschechoslowakei,
in Polen stattfanden. Einige Dutzend Kommunisten wurden danach
umgebracht, später rehabilitiert. Field erhielt sein Parteibuch
zurück und starb als Kommunist.
Gossweiler
schweigt sich nicht nur über das umfangreiche Material zu diesem
schandbaren Vorgang aus /2/, sondern tötet die im Ergebnis dieser
Prozesse Ermordeten noch einmal: In seinem „Brief an Robert
Steigerwald“ versteigt er sich zu der Ungeheuerlichkeit: „Vielleicht
bist Du versucht, jetzt auf die Prozesse gegen Rajk, Kostoff und Slansky
hinzuweisen. Aber diese Träger revisionistischer Zielsetzungen wurden
durch diese Prozesse daran gehindert, bei späterer Gelegenheiten das zu
tun, was nach dem XX. Parteitag ihre Brüder im Geiste Gomulka, Nagy und
Kadar mit Erfolg taten: ihre Parteien im Geiste titoistischer
Vorstellungen zu „demokratisieren“ (in “offen-siv“, Heft 7/2006,
S. 40). Robert Steigerwald ging in Veröffentlichungen auf die berüchtigten
Prozesse ein, die Gossweiler rechtfertigt.
Den
Historiker Gossweiler muss man fragen, weshalb er sich nicht anhand der
umfangreichen zu den Prozessen vorliegenden Materialen ordentlich
informierte. Dass die „revisionistischen“ Zielsetzungen nur in den
erfolterten „Geständnissen“ der danach Hingemordeten existierten,
spielt für ihn keine Rolle. Aber selbst wenn es solche
Zielsetzungen gegeben hätte, so wäre festzuhalten, dass für
Gossweiler die Auseinandersetzung mit Revisionismus mittels
Todesurteilen zu erledigen sei.
Die
erste Frage, die Field nach der Freilassung an seine ebenfalls befreite
Frau richtete, war (und sie spricht Bände!): „Bist Du der Partei treu
geblieben?“
Übrigens
war auch ein solcher Prozess in der DDR geplant, standen die
„Schuldigen“ bereits fest: Paul Merker, Franz Dahlem, Fritz Sperling
und andere. Stalins Tod machte ein solches teuflische Verfahren in der
DDR unmöglich.
Eine
weitere Quelle des Revisionismus – so die „Anti-Revisionisten“ -
sei Tito. Nun, bis zu den Kominform-Beschlüssen war für uns im Westen
Tito, dessen erkennbare Eitelkeit uns zwar befremdete, nur als Führer
der erfolgreichen jugoslawischen Partisanen bekannt, die ihr Land selbst
vom Faschismus befreit hatten. Eine titoistische Ideologie gab es bis
dahin nicht, die wurde durch Kardelij, Djillas und andere erst im
Gefolge der Angriffe auf Jugoslawien „erzeugt“ – da wäre eine
Quelle des Revisionismus, aber wer hat sie verursacht? Und welche
verheerenden Auswirkungen die Kampagne gegen Tito und die
„Westemigranten“ für die KPD hatte, darüber könnte man sich
kundig machen. /3/
Bedeutet
das alles, dass es keinen Revisionismus im europäischen Kommunismus
gegeben hätte? Nein, es bedeutet nur, dass der ganz andere Quellen gab
– beispielsweise fehlgeleitete Versuche, dem Dogmatismus in der
kommunistischen Bewegung zu entkommen - und auf ganz andere Weise
auftrat. Um das zu verstehen, muss man sich mit gewissen sozio-ökonomischen,
sozialen Prozessen in Westeuropa nach dem zweiten Weltkrieg und mit dem
theoretischen und praktischen Wirken des Kommunismus in Europa,
insbesondere in Westeuropa befassen. Man muss schon prüfen, welche
Auswirkungen die nach dem Krieg in Westeuropa erfolgende materielle
Besserstellung der Massen der Werktätigen angesichts des – die
Ursachen hierfür, etwa Faschismus, Krieg und Zerstörung sind bekannt
– Zurückbleibens im Osten auf diesen Gebieten hatten. Gab es da nicht
eine massenhafte ausgebildete soziale Basis für Opportunismus und
Revisionismus? Und wenn es sie gab, reicht die Verrottung dieser oder
jeder Persönlichkeit allein nicht aus, solche Prozesse zu verstehen.
Ideologische Deformationen dieses Ausmaßes gelangen nur, weil es dafür
einen sozialen Boden gab und gibt. Denn wenn wir diese objektiven und
subjektiven Faktoren nicht beachten, stoßen wir in unserem Kampf ins
Leere. Und mit Verschwörung und Agendentheorien erreichen wir nicht die
wirklichen Gründe.
Gossweiler
geht hin und wider auf
solche Quellen ein, analysiert sie aber nicht. So macht er in dem erwähnten
Interview in der „jungen Welt“ durchaus richtig darauf aufmerksam,
dass gegenüber dem Kapitalismus die Lebensbedingungen der Massen im
Sozialismus zurück geblieben waren. Er kritisiert in diesem
Zusammenhang Chrustschows Orientierung auf die Förderung der Konsumgüterindustrie.
Aber warum? Sollte denn der Rückstand beibehalten werden? Wenn der
Sozialismus den Massen nichts bringt, wozu braucht man ihn dann? Nicht
diese Orientierung war das Problem, sondern das Zurückbleiben in der
Theorie und Praxis der sozialistischen politischen Ökonomie und die
wachsenden Widersprüche zwischen den tatsächlichen, objektiven
Erfordernissen und den politischen Verlautbarungen sowie ihrer
theoretischen Rechtfertigung. In der Propaganda waren wir immer „größer“
und „besser“. Und wenn Gossweiler wie auch andere in diesem
Zusammenhang monieren, man habe nicht dem Sozialismus entsprechende
Werte-Orientierungen geschaffen, so steckt in solcher Kritik ein gehöriges
Maß an Voluntarismus! Werte kann man nicht primär durch ideologische
und politische Arbeit entwickeln, sie müssen eine reale
gesellschaftliche Basis haben. Den Massen zu sagen, sie sollten sich
nicht an der „westlichen“ Automobil-Kultur, den „Quelle“-Katalogen
und den „westlichen“ Unterhaltungssendungen orientieren, hat doch
nur die Reaktion hervorgerufen: Ihr redet nur so, weil Ihr uns keine
Autos geben könnt, keine Reisen in alle Regionen der Welt und gute
Konsumgüter ohne langes Anstehen oder lange Wartezeiten. So lange die
große Mehrheit der Produkte den Stempel „made im capitalism“ trägt,
ist das mit der massenhaften Vermittlung sozialistischer „Werte“ ein
bloßer Wunschtraum. Das heißt nicht, dass man auf diesem Gebiet keine
Anstrengungen hätte unternehmen sollen (und man hat sie unternommen,
wenn wir nur an Bildung und Kultur oder die Gesundheitsvorsorge denken),
sondern dass sie, auch bei besserer Qualität (denn darüber wäre ja
dann auch noch zu diskutieren) angesichts realer Probleme nicht
hinreichend sein konnten.
Eine
Haupt-, wenn nicht gar die Hauptquelle lag (und liegt?) in der
ideologisch-politischen Arbeit der Partei. Dem wird Kurt Gossweiler zwar
zustimmen, aber unsere Einschätzung wird er nicht teilen.
Es
waren alle grundlegenden Werke des Marxismus den breitesten Massen zugänglich,
doch fand die ideologische Arbeit auf zwei unterschiedlichen Ebenen
statt, wobei die eine dieser Ebenen trotz allem die bestimmende war.
Was
war also das ideologische „Futter“ für die Masse der Kommunisten über
viele Jahre bis 1956? Es
waren vor allem zwei Bücher: „Die
Geschichte der KPdSU. Kurzer Lehrgang“, darin enthalten die Stalin
zugeschriebene Arbeit „Über dialektischen und historischen
Materialismus“, und Stalins „Fragen des Leninismus“.
Um
einem „Argument“ den Boden zu entziehen, das in der jüngsten
Ausgabe der von Hans Heinz Holz herausgegebenen
Vierteljahresschrift „T & P“ benutzt wurde: Die SU hätte
doch bedeutende fachwissenschaftliche und technische Werke vollbracht.
Darum könne nicht von einem
Zurückbleiben auf ideologischem Gebiete gesprochen werden. Nun, das
gelang auch den Nazis. Beispiel V-Waffen, erster Computer in der Welt
(Konrad Zuse), Düsenantrieb, Magnetophon usw. usf. Nach
der Logik des „T & P“-Aufsatzes hätten die Nazis eine richtige
ideologisch-politische Basis besessen. So ein Quatsch kommt heraus, wenn
man Naturwissenschaft und Technik mit der weltanschaulich-ideologischen
Position vermantscht!
Um
nicht missverstanden zu werden: Sowohl aus dem „Kurzen Lehrgang“ -
trotz seiner nicht wenigen Geschichtsfälschungen - wie auch aus den
„Fragen des Leninismus“ war – aus Sicht der damaligen Generation -
gar manches zu lernen. Worin aber bestand das Problem? Dass man mit
Stalins Arbeit „Über dialektischen und historischen Materialismus“
versuchte (und dabei erfolgreich war), breiten Massen von Völkern
unterschiedlicher Nationalität, von denen die meisten ihrer Angehörigen
gerade erst Lesen und Schreiben lernten, das dem Staat zugrund liegende
weltanschauliche Fundament zu vermitteln, war notwendig und eine
didaktische Meisterleistung, um erstes Wissen, erste Anregungen zu
vermitteln. Nur: Sobald es um ernsthafte wissenschaftlich betriebene
marxistische Philosophie und weltanschauliches Arbeiten ging, war diese
Basis unzureichend und wirkte sogar kontraproduktiv.
Zum
Beleg ein paar Beispiele.
Wir
erinnern an die Gossweiler-Worte aus seinem Interview mit der „jungen
Welt“, die dem Beitrag vorausgeschickt wurden: Der sozialistische
Staat sei stark, wenn das Volk alles weiß… Nun, was durften nicht
einmal die Kader wissen?
Als
Walter Hollitscher aus der englischen Emigration heimkehrte, brachte er
mit sich die Kenntnis jener wissenschaftlichen Entwicklungen, von denen
wir in Nazi-Deutschland abgeschnitten waren. Hollitschers Freunde waren
John Bernal, Eric Hobsbawn, Norbert Wiener, Linus Pauling, John Needham,
Maurice Cornforth u.a. Niemand unter den europäischen Kommunisten war
so gut über den neuen Stand vor allem der Naturwissenschaften und
Philosophie informiert, wie Prof. Dr. Walter Hollitscher. Er hielt über
dieses Wissen an der Humboldt-Universität eine Vorlesungsreihe, doch
als die Texte veröffentlicht werden sollten, ging eine regelrechte
Hetzjagd gegen ihn los. Kurzfristig eingesperrt musste er eine beschämende,
bis auf den Auftritt von Georg Klaus mehr als niveaulose Diskussion
durchstehen. Er verbreite westliche Konterbande, er solle sich an der
sowjetischen Entwicklung orientieren. Man kann diese Diskussion
nachlesen. /4/
Also:
Kybernetik, Semantik, Semiotik, Genetik, moderne Logik usw. usf., das
war westliche Konterbande, davon durften unsere Studenten nichts
erfahren (hier sei erinnert an unsere Anmerkungen zu den Debatten in der
Sowjetunion zur Relativitätstheorie und Quantenmechanik – es geht um
dasselbe Problem).
Als
1951 auf der Parteihochschule der SED über US-amerikanische Philosophie
eine Vorlesung stattfand, durfte man zwar indirekt über ihre Positionen
informieren aber nichts zitieren, und das Vorlesungsprogramm sowie die
Literaturangaben durften den Studenten nicht ausgehändigt werden. Das wäre
Objektivismus gewesen. Die höheren zukünftigen Parteikader, denn das
waren die Studenten, durften nicht wirklich über die grundlegenden
ideologischen Positionen der imperialistischen Philosophie informiert
werden!
Drittes
Beispiel: Als im KPD-Verbotsprozess der Jesuitenpater Wetter, der ein
mehrhundertseitiges Buch zur Kritik der marxistischen Philosophie
geschrieben hatte (Grundlage die genannte Arbeit Stalins), in Sachen
Theorie als Zeuge gegen die KPD auftreten sollte, fanden wir in Ost und
West keinen Genossen, der Wetter hätte Paroli bieten können. Georg
Klaus, der es hätte können, durfte ja sein Buch „Jesuiten, Gott,
Materie“ – das war ein regelrechter Befreiungsschlag – erst nach
Stalins Tod veröffentlichen, so war es dann auch mit seinen und anderer
Arbeiten zur Logik, Kybernetik usw.
Viertes
Beispiel: Stalins Arbeit zum Marxismus und den Sprachwissenschaften löste
u.a. eine Logik-Diskussion aus. Ihre Beiträge können nachgelesen
werden /5/. Die Debatte war geprägt durch ein Hin- und Herwenden
bekannter Zitate, trostlos scholastisch, und der einzige wirklich
grundlegende Beitrag zum Thema „Logik und Dialektik“, jener
Plechanows, durfte nicht einmal mit der Pinzette angepackt werden, auch
da hat erst Georg Klaus den gordischen Knoten durchgehauen. Da
man die moderne Logik nicht zur Kenntnis nahm, wurde auch nicht klar,
dass ihr aussagenlogischer Bestandteil ein Ausgangspunkt für die
Entwicklung von Kybernetik und Informationstechnologien wurde /5/.
Übrigens
war die DDR da noch eine „Oase“ – alle eigenen Dummheiten
eingestanden: Das hat wohl nie zu einem solchen theoretischen Niedergang
geführt wie in der Sowjetunion, in der beispielsweise wissenschaftliche
Forschungen zur Genetik nur in „Nischen“ überlebten. Erst 1958 fand
dort in einer Allunionskonferenz der Philosophen der SU erstmals wieder
– trotz alt-dogmatischer Verrenkungen – eine Rückbesinnung auf die
großen Traditionen der sowjetischen Debatten zu Philosophie und
Naturwissenschaften statt, die es mindestens bis 1934/ 35 gab, die
dann abbrachen oder abgebrochen wurden /6/.
Dem
Idealismus-Vorwurf ausgesetzt waren zuvor die Kybernetik Norbert
Wieners, die Resonanztheorie Paulings (zweimaliger Nobelpreisträger,
Mitglied der Akademie der UdSSR), die mathematische Logik (deren
aussagenlogischer Bestandteil mit seiner digitalen Verfasstheit eine der
wesentlichen Grundlagen für die Entwicklung der Datenverarbeitung und
modernen Computertechnologie wurde), die Relativitätstheorie Albert
Einsteins usw. War im „Kurzen Lehrgang“ noch Hegel unter den Quellen
der marxistischen Philosophie genannt, so hieß es plötzlich,
die klassische deutsche Philosophie sei eine feudal-aristokratische
Reaktion auf die Französische Revolution gewesen. Mit diesem
Abschneiden einer der Hauptquellen der marxistischen Philosophie bildete
sich ein Materialismus-Verständnis heraus, das sich in der Lyssenko-Affäre
verdeutlichte: Der Lyssenkoismus beruhte philosophisch auf dem
materialistischen Niveau des Lamarckismus vom Anfang des 19.
Jahrhunderts. Naturwissenschaftlich erwiesen sich viele der Thesen
Lyssenkos als falsch.
Diese
Probleme ergeben sich, wenn man kein richtiges Verständnis des Verhältnisses
von Philosophie und Naturwissenschaften hat. Dies deutet aber auch auf
ein tieferes, umfassenderes Problem hin. Wenn Naturwissenschaftler die
„Grenzen“ ihrer Wissenschaft hin zur Philosophie überschreiten so
ist, was philosophische herauskommt, nicht der Naturwissenschaft wegen
so oder ihr gar anzulasten. Da philosophierende Naturwissenschaftler
eben auch zu Idealistischen Konzeptionen kommen, meinen manche, diese
folgten nicht aus dem Philosophieren, sondern seien „Ergebnisse“ der
Naturwissenschaft. Dieses falsche Verständnis, dass es bereits in den
zugrund liegenden naturwissenschaftlichen Konzepten den Idealismus gebe,
bewirkte deren Ablehnung. Das aber war ein Ergebnis des Stalinschen
Verständnisses von Materialismus und Dialektik. Dies trug nicht
unwesentlich zum Zurückbleiben auf dem Gebiet der
wissenschaftlich-technischen Revolution bei, es wurde erst nach Stalin
allmählich, aber nicht ausreichend überwunden (was nicht besagt, dass
es dabei nicht auch zu idealistische Missdeutungen kam, das ist ein
anderes Feld der Auseinandersetzung).
Es
gab also theoretischen Rückstand auf weiten Bereichen der
wissenschaftlich-technischen Revolution und politisch-ideologische
Hemmnisse. Das war aber nur teilweise Folge der Missachtung
wissenschaftlicher Theorien als „idealistisch“, es geschah auch,
weil sich Wissenschaftler der „herrschenden“ Meinung anpassten,
„vorsichtig“ wurden.
Es
war aber wohl entscheidender, dass zugleich die unterentwickelte oder
zurückbleibende ökonomische Basis verhinderte, dass wissenschaftliche
Entdeckungen und Entwicklungen schnell genug in die Praxis umgesetzt
wurden. Und die Fixierung
der SU allein auf den Militär-Industrie-Komplex, die Konzentration der
fortgeschrittensten Technologien allein auf diesen Bereich verhinderte
auch, dass es notwendige Innovationen für den Bereich der zivilen
Produktion gab.
Wird
versucht, über die Geschichte der Stalin-Zeit aufzuklären, kommt es
dabei nicht nur zu nötiger und berechtigter Würdigung ihrer großen,
unbestrittenen Verdienste. Geht man dabei auch kritisch auf den unsäglichen
Kult um Stalin ein und befasst sich sodann – damit das Volk eben alles
wissen kann – mit den Untaten der Stalin-Zeit, so presst Gossweiler
dies in ein bestimmtes Raster. Ihr macht aus Stalin einen Blutsäufer,
behauptet er.
Das
machen tatsächlich viele. Aber andere wenden sich diesem Problem zu,
ohne Stalins Leistungen und Verdienste zu leugnen. Gossweilers Raster
„erlaubt“ es, jede solche Kritik über einen Kamm zu scheren und zu
verleumden. Da sollen die Massen eben doch nicht alles wissen!
Ist
es da verwunderlich, dass auf diesem ausgetrockneten Acker in der
Vergangenheit schließlich eine solche revisionistische Distel wie die
erbärmliche Vorlesung Havemanns „Dialektik ohne Dogma“ den Zuspruch
von Massen Studenten fand? Wenn Marxisten ihre Hausaufgaben nicht
machen, macht sie der Revisionismus auf seine Art. Erinnert sein an das
Gemälde Goyas: „Wenn die Vernunft schläft erwachen die
Gespenster“. Der in der Stalin-Zeit erreichte Schlaf unserer Vernunft
erweckte revisionistische Gespenster. Das betraf den „offiziellen“,
den parteioffiziellen Marxismus. An manchen wissenschaftlichen
Einrichtungen arbeitete man besser (auch mit höchster Billigung), nur
so ist es auch zu verstehen, dass dieser Schlaf doch dann beendet werden
konnte. Allerdings hatte dies einen hohen Preis: Die Verwirklichung des
Sozialismus erfordert kritische Achtung des Wissens und der
wissenschaftlichen Erkenntnis, erfordert komplexes wissenschaftliches
Denken, wissenschaftliche Auseinandersetzung, das Streiten um die besten
Lösungen auf höchsten Niveau. Mit Dogmatismus, Einseitigkeit, Einschränkung
dialektischen Denkens wird sich die neue Welt nicht durchsetzen lassen.
Deshalb gab es neben den schöpferischen Marxisten eben auch jene, die
– spätestens 1989 - unter sich verändernden ökonomischen und
politischen Verhältnissen andere Wege, auch dritte Irrwege gingen.
Was
dies alles für die Gesamtentwicklung des Sozialismus und Marxismus
bedeutete, wäre durchaus gründlicher zu erforschen
Einige
Schlussbemerkungen
Es
wird nicht bestritten, dass es Revisionismus – aber auch seinen
Zwillingsbruder, den Dogmatismus – gab (und gibt). Nur gab und gibt s
dafür andere Quellen und trat und tritt er anders in Erscheinung als es
Kurt Gossweiler beschreibt oder in „T & P“ zu lesen ist.
Chrustschow, Breshnew und andere mögen den erforderlichen Aufgaben
nicht ausreichend gewappnet gewesen sein - das haben dann jene zu
verantworten, in deren Hände solches Ausbilden lag – aber
Revisionisten waren sie wahrlich nicht. Das verweist auf Gründe und
Quellen, die dem XX. Parteitag, dem Wirken Chrustschows und anderer
vorausgegangen waren – aber gerade davon soll die derzeitige Debatte
über den XX. Parteitag und Chrustschow
ablenken. Der Dogmatismus soll weiter wirken können. Dazu wird
der Vorwurf des Revisionismus genutzt. Aber er ist in diesem
Zusammenhang nicht haltbar, er ist erfunden.
Es
wird durch uns nicht bestritten, dass für den Zusammenbruch des europäischen
Sozialismus ideologischer und politischer Niedergang mindestens in
gleichem Maße verantwortlich waren wie ökonomische und demokratische
Defizite.
Es
wird nicht bestritten, dass dieser Degenerationsprozess, in dem weit frühere
Gründe und Quellen wirkten, in der zweiten Hälfte der achtziger
Jahre ein galoppierendes Tempo annahm und zum dem offenen Verrat der
Gorbatschow-Gruppe etwa an der DDR und
zu der tatsächlichen Komplizenschaft mit dem Imperialismus geführt
hat. Widerstand dagegen, gerade auch durch Politiker der DDR erwies sich
angesichts der Stärke und Rolle der Sowjetunion und ihrer damaligen Führung
als erfolglos.
Wir
schätzen zudem Genossen Kurt Gossweilers Faschismus-Analysen sehr und
seine Erforschung von Gründen der Niederlage von 1933 wird große
Bedeutung behalten. Doch seinem Versuch, die Niederlage von 1989/90 aus
dem XX. Parteitag und dem Wirken Chrustschows (der dazu, wenn auch
negativ, zum Gegengenie Stalins aufgewertet wird) anzuleiten, die
„Vorgeschichte“ aber zu verdrängen, dem können wir nicht
zustimmen.
Und
noch eine Anmerkung: Nach 1989 wurde versucht, die DKP für verschiedene
Ziele zu nutzen. Die Einen wollten, dass wir aufgehen in eine
reformistische Linke, andere meinten, wir hätten keine kommunistischen
Ziele, wären verrottet, wären reformistisch.
Den
Ersteren wäre vielleicht zu sagen, ob man nicht – wie in vielen Orten
und Bundesländern bereits der Fall – in den realen Kämpfen auch künftig
solidarisch zusammenarbeiten sollte, auch wenn sich unsere
gesellschaftlichen Zielstellungen unterscheiden. Anderes wird es nicht
gehen, wenn man die Verhältnisse im Land und international verändern
will. Den anderen muss man vielleicht einfach nur sagen, dass sie
verantwortungslos und mit historischen Unwahrheiten handeln.
/1/
durch das ein Mitglied des Parteivorstands der DKP Renate Münder. Ein
Aufsatz, den sie an die
„Marxistischen Blätter“ einrechte, wurde zur Veröffentlichung
abgelehnt. Die Autorin war nicht bereit,
die in ihrem Beitrag vorgenommene Verteidigung der Ermordung führender
sowjetischer Kommunisten – Ergebnis der berüchtigten Moskauer
Prozesse von 1936 und der folgenden Jahre -
zu streichen!).
/2/
Zur Field-Affär siehe Stewart Steven, Operation Splinter Factor, Verlag
Hoffer and Slaugthon,
London
1974, auf Deutsch im DTV-Verlag, Stuttgart: „Operation
Spalter-Faktor“, umfangreiche Rezension durch den damaligen ,
hessischen Generalstaatsanwalts Schmid
in der „Frankfurter Rundschau“ Ostern 1975. Zum „Fall“
zahlreiche andere Forschungsarbeiten
/3/.
Robert Steigerwald, Streifzüge durch die Geschichte von KPD und DKP
nach 1945 wie sie nicht im Geschichtsbuch steht, Naue Impulse-Verlag,
Essen, 2007, S. 21 f
/4/
Walter Hollitscher, Vorlesungen zur Dialektik der Natur, Verlag Arbeit
& Gesellschaft GmbH, Marburg 1991, dort als Anhang abgedruckt S. 371
– 420
/5/
Über Formale Logik und Dialektik, Diskussionsbeiträge, Verlag Kultur
und Fortschritt, Berlin 1952
/6/
Zum Beispiel K.Ch.Delokarow, Relativitätstheorie und Materialismus.
Akademie-Verlag, Berlin 1977 |