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Die
revisionistische Wende
Debatte:
Abweichende Erwägungen zu Robert Steigerwald
Hans
Heinz Holz/jungeWelt Dez. 2007
Wenn
mich die Ausführungen Robert Steigerwalds veranlassen, zu seinem
Doppelartikel vom 10. und 11. Dezember Stellung zu nehmen, so frage
ich mich zunächst, ob die junge Welt der richtige Ort ist, um
innerkommunistische Richtungsgegensätze auszutragen. Eigentlich doch
wohl nicht. Es sagt aber etwas über die singuläre Rolle aus, die die
junge Welt für die Selbstverständigung der Linken in Deutschland
spielt. Dafür ist ihr zu danken.
Steigerwald
greift die in der jungen Welt publizierten Positionen von Kurt
Gossweiler und Renate Münder (und implizit und explizit auch mich) an,
weil sie die durch den XX. Parteitag der KPdSU eingeleiteten politischen
Orientierungen als Revisionismus bezeichnen. Ehe ich auf die Beurteilung
der Chruschtschowschen und post-Chruschtschowschen Politik eingehe, möchte
ich doch einiges zum Terminus Revisionismus sagen. Denn ich habe mich
immer dagegen gewehrt, das Wort in polemischen Auseinandersetzungen als
eine Art Totschlagkeule zu gebrauchen (genau wie das Gegenwort
Stalinismus). Wie sind mit politikwissenschaftlicher Genauigkeit die
Merkmale des Revisionismus zu beschreiben? Ich wiederhole, was ich auch
an anderer Stelle ausgeführt habe: Wenn sich die Orientierung auf
Reformen im Bestehenden vor das revolutionäre Ziel einer neuen
Gesellschaftsordnung schiebt, wird schließlich dieses Ziel gänzlich
aus den Augen verloren. Klassenkompromisse treten an die Stelle des
Klassenkampfs. Das eben ist der Kern dessen, was Revisionismus genannt
wird. Das Wort ist in seiner präzisen Bedeutung zu nehmen: lateinisch
re-videre = wieder hinsehen, neu betrachten, zum Beispiel, um Fehler zu
entdecken oder Überaltertes abzuändern. Das Verändern des
theoretischen Gewichts von Elementen der marxistischen Analyse war zu
allen Zeiten der Inhalt der verschiedenen Spielarten von Revisionismus
von Bernstein und Kautsky bis zu Bucharin, von den jugoslawischen
Praxis-Philosophen bis zu den Eurokommunisten.
Darum
möchte ich zwischen revisionistisch und konterrevolutionär
unterscheiden, obwohl eine revisionistische Praxis, wenn revolutionäre
Veränderungen bereits stattgefunden haben, zu konterrevolutionären
Konsequenzen führen kann. In der Theorie geht es den Revisionisten nur
um eine Modifikation des ursprünglichen Entwurfs.
Die
Absicht einer »Revision« schließt ein, daß nicht das gesamte
Konzept, nicht das ganze Œuvre, das zur Prüfung ansteht, verworfen
wird. Es sind jeweils bestimmte Teile oder Aspekte, denen Revisionsbedürftigkeit
nachgesagt wird. Es hängt vom revisionistischen Autor ab, worauf sich
sein Interesse richtet. Insofern verfehlen allgemeine Polemiken gegen
Revisionismus ihr argumentatives Ziel; sie bleiben zu weitmaschig.
Revisionismen müssen immer wieder von Fall zu Fall widerlegt werden,
wenn die Grundzüge einer Lehre verteidigt werden sollen. In diesem
Sinne möchte ich einen allgemeinen Begriff des Revisionismus in Felder
verschiedener Art unterteilen. Ich sage allgemein: Revisionismus ist die
Veränderung der systematischen Zusammenhänge der marxistischen Theorie
(von Marx, Engels, Lenin und ihren Nachfolgern) unter Beibehaltung eines
Blocks von Theorieelementen des Marxschen Werks, aber mit der Konsequenz
einer wesentlichen (d. h. das Wesen betreffenden) Veränderung der
politischen Praxis; der Revisionismus begründet sich als Anpassung an
neu aufgetretene historisch-gesellschaftliche Umstände.
Daraus
ergeben sich in einer vorläufigen Übersicht folgende Bereiche
revisionistischer Theorie- (Praxis-)Entwicklung:
Reformismus: Verzicht auf revolutionäre Strategien im Vertrauen auf die
additive Wirkung von Reformen.
Elimination von Kategorien politischen Handelns (Klassenkampf; Diktatur
des Proletariats; Historische Mission der Arbeiterklasse; Avantgarde-Rolle
der Partei etc.).
Ökonomismus: Vernachlässigung des Naturverhältnisses; Vernachlässigung
der Rolle des Überbaus und der relativen Selbständigkeit des
Politischen; Technizismus etc.
Anthropologische Interpretation der politischen Ökonomie.
Subjektivismus: Vernachlässigung der objektiven Bedingungen,
insbesondere der ökonomischen und der Bedingungen des Entstehens von
Klassenbewußtsein; daher Spontaneismus im politischen Handeln; »Praxis-Philosophie«
etc.
Übertragung bürgerlicher Demokratievorstellungen auf den Sozialismus.
Eindringen von Kategorien der bürgerlichen Weltanschauung in die
marxistische Theorie (philosophischer Revisionismus).
Bevorzugung moralischer Wertungen geschichtlicher und politischer Vorgänge
statt historisch-materialistischer Analyse (»Standpunkt des Ideals« in
der sozialdemokratischen Theoriegeschichte).
Die
Berufung auf die Veränderungen in den historischen Gegebenheiten
verleiht Revisionismus einen Schein von Plausibilität. Denn natürlich
ändern sich die gesellschaftlichen Umstände im Laufe der Zeit, und
heutzutage in vielen Hinsichten besonders schnell. Der Marxismus, als
die eminent historische Wissenschaft, ist seiner Theoriestruktur nach
ein »offenes System«. Aber er unterscheidet zwischen
Wesenseigenschaften und Erscheinungsformen. Zum Beispiel: Die
Kapitalakkumulation gehört zum Wesen des Kapitalismus, die Art der
Kapitalbildung zu den Erscheinungsformen. Revisionismus ist nicht die
Berücksichtigung neuer Erscheinungen, sondern die Nicht-Beachtung unabänderbarer
Wesensmerkmale. Man kann kein historischer Materialist bleiben, wenn man
anstelle der Produktionsverhältnisse die bestimmende Rolle in der
Geschichte den psychischen Motiven der Staatslenker zuschreibt; man kann
nicht die soziale Ungleichheit beseitigen, ohne die Mechanismen der
Erzeugung von privat angeeignetem Mehrwert, also Profit, abzuschaffen.
Das heißt aber: Man muß das auf diesen Mechanismen beruhende System
des Kapitalismus abschaffen. Die Beispiele sollen zeigen: Wer an den
Grundlagen und den sich daraus ergebenden Folgerungen rüttelt, ist
Revisionist.
Ökonomische
Weichenstellung
Daß
mit dem XX. Parteitag ein neuer Abschnitt in der Geschichte der
Sowjetunion beginnt, ist wohl unbestritten. Unter Kommunisten, auch
international unter kommunistischen Parteien, ist aber strittig, ob
diese Zäsur die Wende zu einer »Normalisierung« des
gesellschaftlichen Lebens nach der Aufbau- und Kriegsperiode war
sozusagen das Ende einer Phase prolongierter Revolution; oder ob hier
eine Abkehr von konstitutiven Prinzipien der Entwicklung zu einer
kommunistischen Gesellschaft eingeleitet wurde, an deren Ende dann
Gorbatschows offen eingestandene Absicht der Zerschlagung des
sozialistischen Systems stand. Ich möchte diese Frage unter Anwendung
der gerade genannten Kriterien prüfen.
Es
versteht sich, daß dabei nicht das Jahr 1956, sondern der Zeitraum von
1956 bis zur Liquidierung der Sowjetunion zu betrachten ist, weil es
sich ja nicht um ein Ereignis, sondern um einen historischen Prozeß
samt seinen inneren Widersprüchen handelt. Und außerdem versteht sich,
daß in einer im Aufbau des Sozialismus begriffenen Gesellschaft, die
das Grunderfordernis der Aufhebung des Privateigentums an den
Produktionsmitteln und deren Vergesellschaftung bereits revolutionär
gelöst hat, revisionistische Tendenzen sich anders ausdrücken als in
einer kapitalistischen Umwelt.
Beginnen
wir mit der Frage der sozialistischen Lebensweise! Chruschtschow
verspricht der Bevölkerung, in wenigen Jahren den Lebensstandard der
USA zu erreichen. Ist das für einen Sowjetmenschen eigentlich ein
erstrebenswertes Ziel? Ein Lebensstandard, der auf maximaler Ausbeutung
beruht und also der Standard derer ist, die auf der »sunny side of the
road« leben; ein Lebensstandard, der größte Differenzen des sozialen
Niveaus und verbreitetes Elend einschließt; der in rücksichtsloser
Konkurrenz zwischen den Individuen von den Erfolgreichen errungen wird
und die Erfolglosen zu »Versagern« stempelt; der materielle Güter zum
Mittelpunkt macht und die Entfaltung der kulturellen Fähigkeiten und
Daseinserfüllungen geringschätzt; der menschliche und sachliche
Beziehungen als Waren behandelt, die nach dem Geldwert taxiert werden
kurz: der die höchste Form kapitalistischer Entfremdung darstellt,
gegen deren Barbarei doch Marx, Engels und alle Marxisten den Kampf für
eine neue Gesellschaft geführt haben und führen! Ein Ziel für jene,
die die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums nach dem Prinzip »Jeder
nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« erstreben?
Gewiß war nach den Entbehrungen der Aufbau- und der Kriegszeit ein
Wohlstandsbedürfnis der Menschen vorhanden und gerechtfertigt. Aber den
Sowjetbürgern war durchaus bewußt, daß sie gegenüber der
vorsozialistischen Zeit ungeheuere Fortschritte gemacht hatten und daß
es für eine Ordnung, in der jeder nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten
sollte leben können, eine lange Aufbauzeit und mithin auch Geduld
brauche. Warum falsche Erwartungen mit einem bürgerlichen Horizont
wecken und damit Klassenbewußtsein (zu dem es immer auch Erziehung
braucht) aushöhlen? Gegen kapitalistische Konsumverführung wurde die
eigene Lebensweise nicht verteidigt.
Die
Verteidigung des Staates gegen äußere Bedrohung blieb dagegen noch
lange aufrechterhalten. Zweifellos hat die militärische Stärke der
Sowjetunion wesentlich zur Sicherung des Friedens beigetragen, weil sie
dem US-amerikanischen Imperialismus Schranken setzte. Aber die
unabdingbare Notwendigkeit, im Rüstungswettlauf gleichzuhalten, war in
dem durch Kriegszerstörungen schwer geschädigten und noch geschwächten
Land zugleich mit der proklamierten Ausweitung des Konsumgütersektors
nicht zu vereinbaren. Hämisch konnte ein US-Präsident sagen, man werde
die Sowjetunion totrüsten. In der Tat wirkt Rüstung, die für das
Kapital profitabel ist, in einem sozialistischen System als
Wohlstandsbremse. Der Kapitalismus leistet sich menschenverachtend
Arbeitslosenheere, Sozialabbau und Ausplünderung schwächerer Nationen;
der Sozialismus schafft Vollbeschäftigung und menschenfördernde
Institutionen, was nur durch geplante Verteilung des gesellschaftlich
erzeugten Reichtums und damit auch des Konsumanteils am
volkswirtschaftlichen Gesamtplan möglich ist. Sozialistischer Wohlstand
ist mit kapitalistischen Verhältnissen nicht vergleichbar.
Wer
sich auf dieses Niveau begibt, ist Revisionist.
Vernachlässigung
der Klassenfrage
Die
Freisetzung bürgerlicher Lebenserwartungen hat natürlich
gesamtgesellschaftliche Folgen. Unter den Bedingungen einer zentralen
staatlichen Planung, die unter schwierigsten Ausgangsbedingungen und in
Vorbereitung der Abwehr faschistischer Aggressionen den Aufbau des
Sozialismus organisieren mußte, hatte sich eine Bürokratie
herausgebildet, deren Abbau zur Wiederherstellung des ursprünglichen
Sowjetprinzips dringend erforderlich war. (Ich habe an anderer Stelle
gezeigt, daß Stalin in seiner letzten Lebensphase diesen Abbau
vorsichtig einzuleiten begann.) Das Aufkommen privaten
Privilegiendenkens im Zusammenhang verbürgerlichter Lebenserwartungen
brachte jedoch nach dem XX. Parteitag beim Übergang der Bürokratenschicht
in einen neuen politischen Stil die Entstehung einer »Nomenklatura«
mit sich, aus der bezeichnenderweise dann die Wirtschaftsmafia nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion hervorging.
Die
Partei verlor so die Kraft, die auf dem Weg zum Kommunismus zu gehenden
Entwicklungsschritte anzuleiten und den revolutionären Prozeß der
Gesellschaftsveränderung in Gang zu halten; sie verfiel in Stagnation,
die ideologisch mit der utopistischen Verkündigung kompensiert wurde,
der Übergang vom entwickelten Sozialismus zum Kommunismus stehe nahe
bevor bzw. vollziehe sich bereits. Dieser Illusionismus führte zur
Vernachlässigung der Klassenfrage in der Sowjetunion, zur Unterschätzung
der relativen Stärke des Kapitalismus, zur Verkümmerung der Theorie
und Forschung in den Gesellschaftswissenschaften (während sich die
durchaus erfolgreichen Natur- und Technikwissenschaften positivistisch
verselbständigen konnten). Die Partei übernahm mehr und mehr praktisch
die Funktion der Erhaltung bestehender administrativer Strukturen und
theoretisch die Apologie bestehender Verhältnisse; das heißt, sie
verlor die Avantgarde-Rolle für die Aktivierung des politischen
Engagements der Massen. Daß dies eine Bresche entstehen ließ, durch
die bürgerliche Ideologie einsickern konnte, liegt auf der Hand. Die
sozialistische Demokratie, die doch in der Verfassung der Sowjetunion
konzipiert war, geriet ins Stocken (was immer einen Rückschritt
impliziert), in der Folge werden bürgerliche Demokratievorstellungen
wiederbelebt.
Resümee
des Revisionismus
Dieser
kurze Abriß von Erscheinungsformen, die nach 1956 zunehmend das
gesellschaftliche Leben der Sowjetunion bestimmten, mag genügen, um für
die Bereiche der Ökonomie, der Staatsfunktionen, der wissenschaftlichen
Theorie und Weltanschauung revisionistische Tendenzen zu belegen. Natürlich
nicht mit einem Schlag von heute auf morgen, sondern als eine
schleichende Erosion kommunistischer Kompetenz. Es wäre eine falsche
Personalisierung, diesen Prozeß an einer Persönlichkeit festzumachen,
die allenfalls den Symbolnamen für tiefer liegende Sachverhalte abgibt.
Man muß sich darüber im Klaren sein, daß die Mehrheit in der Partei
mit den objektiven Widersprüchen, die bei der Errichtung einer neuen
Gesellschaftsformation auftauchen, nicht angemessen umgehen konnte. In
diesem Versagen spiegeln sich selbstverständlich in besonderem Masse
die Ausgangsbedingungen der russischen Geschichte und der Aufbauperiode
der jungen Sowjetunion. Demgemäß heißt es im aktuellen Programm der
DKP nach der Beschreibung der Belastungen, denen die Sowjetunion durch
die aggressive Politik der imperialistischen Mächte ausgesetzt war: »Die
Niederlage des Sozialismus ist zugleich das Ergebnis der äußeren und
inneren Konterrevolution. (...) Als Folge der sich zuspitzenden inneren
gesellschaftlichen Probleme, des äußeren Einflusses und der
zunehmenden Unfähigkeit, die anstehenden gesellschaftlichen Aufgaben zu
lösen, verengten sich die Handlungsspielräume weiter. In einigen
sozialistischen Ländern Europas gewannen in dieser Krisensituation in
den regierenden Parteien vor allem auch in der KPdSU
revisionistische Kräfte die Überhand. Damit wurde zum Schluß der Weg
frei für die Niederlage des Sozialismus.« Wo die gesellschaftlichen
Ursachen lagen, daß aus dem nach der Oktoberrevolution erfolgreichen
Aufbau des Sowjetstaates nicht die Abwehrkraft hervorging, dem Einfluß
des Revisionismus zu widerstehen, bedarf allerdings noch weiterführender
Untersuchungen.
Das
alles weiß Robert Steigerwald. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er,
der doch in seinem Leben wahrlich manche Schlacht für den Kommunismus
geschlagen hat, im Grundsätzlichen der hier gegebenen Darstellung nicht
zustimmt. Kontrovers ist offenbar die Einschätzung der Ursachen, die zu
dem Verfall der politischen und moralischen Kraft der Kommunisten, d. h.
ihrer Organisation, der Partei, geführt haben. Für Steigerwald ist die
Kernfrage die nach »den notwendig zu ziehenden Lehren aus der
Geschichte des Kommunismus um Verhaltens-, Denkweisen und Strukturen zu
überwinden, die dem humanistischen Anspruch unserer Idee und
Weltanschauung widersprechen«. Von ihr werde durch die
Revisionismus-Debatte »abgelenkt«. Steigerwald gebraucht den Ausdruck
Stalinismus nicht, er respektiert einen schon fast 15 Jahre alten
Beschluß des DKP-Vorstands, dieses Unwort nicht zu verwenden; aber er
meint die Sache im Sinne dieses Worts.
Es
gehört zu dem Stalinismus-Trauma, daß die Ursachen für den Verfall
des Sowjetsystems in seinen letzten zwanzig Jahren in die Amtszeit
Stalins zurückverlegt oder gar in absurder Personalisierung ihm allein
zur Last gelegt werden. Schließlich hätten in den fünfunddreißig
Jahren nach Stalins Tod die Fehler beseitigt werden können, die er
hinterlassen haben soll.
Ich
gehe nicht auf die zahlreichen historischen Unrichtigkeiten,
Perspektivverschiebungen und Fehlbeurteilungen ein, die sich durch die
Aufsätze Steigerwalds ziehen und ihre Argumentation bestimmen. Das würde
einen zweiten, sehr polemischen Aufsatz erfordern; und mir geht es nicht
um Polemik, sondern um Erkenntnis. Daß dabei niemand frei von
Einseitigkeiten ist, gebe ich gern zu; aber gerade darum bringt es
keinen Erkenntnisgewinn, auf Pappkameraden zu schießen, die man sich
erst durch Verdrehungen aufbaut.
Moralität
und Historizität
In
der Tat ist es eine zentrale Frage, wie die zur kommunistischen Identität
gehörende humanitäre Zielsetzung mit der Anwendung von Gewalt, sogar
exzessiver Gewalt in revolutionären Umbrüchen zu vereinbaren ist. Ein
Problem, das sich schon angesichts der Jakobiner-Herrschaft in der Französischen
Revolution stellte die Guillotine im Namen von Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit. Man wird zugestehen, daß der Terror gegen Revolutionäre
von den Verteidigern der bestehenden Ordnung begonnen wurde. Auch in Rußland
ging der »weiße Terror« dem »roten« voran. Für die relativ kurze
Zeit des politischen Machtwechsels (als welchen wir die Revolution
verstehen) werden Exzesse mit Entsetzen wahrgenommen und verurteilt,
aber speziell in historischer Sicht (z. B. auf Augustus, Cromwell,
Robespierre) als unvermeidliche Entartungen des revolutionären Ziels
im revolutionären Prozeß eingeschätzt.
Die
Oktoberrevolution war eine Revolution neuen Typs. Sie vollzog den
Machtwechsel nicht auf der Basis zuvor veränderter Produktions- und
Klassenverhältnisse, sondern leitete diesen Veränderungsprozeß erst
ein. Die Eroberung der politischen Macht war die Voraussetzung für die
Umgestaltung der Gesellschaft, die ihr eigentliches Wesen ausmacht.
Diese Umgestaltung ist ein langfristiger Vorgang, so daß wir es hier
mit einer Prolongation des revolutionären Prozesses zu tun haben. Die
mit einer Revolution verbundenen Ausnahmeerscheinungen Unterdrückung
der gegnerischen Klasse, Fraktionskämpfe in den eigenen Reihen um
divergierende strategische Linien oder auch einfach um Macht, Ausübung
von Zwang zur Durchsetzung neuer gesellschaftlicher Verhaltensweisen,
Dogmatisierung der neuen Weltanschauung (wir kennen das alles aus der
Geschichte) dehnten sich in dieser Situation aus, umso mehr, als
die dauernde subversive Infiltration durch den äußeren Feind hinzukam.
(Selbstverständlich gab es eine »fünfte Kolonne« der Imperialisten
und Faschisten!)
Dabei
geschah massenhaft Unrecht, wurde ausufernde massive Gewalt angewandt,
wurden demokratische Strukturen schon in ihrem Aufbau wieder zerstört.
All das ist nicht zu rechtfertigen und muß verurteilt werden, weil es
den Normen kommunistischer Moral (wie überhaupt jeder Moral)
widerspricht. Es muß gefragt werden, wie in zukünftigen revolutionären
Prozessen Ähnliches vermieden werden kann. Dazu aber muß man
historisch begreifen, wie es dazu gekommen ist und warum eine
Gesellschaft in ihren Anfängen etwas anderes ist als das Ideal, um
dessentwillen sie erstrebt wird. Moralität und Historizität sind zwei
verschiedene Kategorienbereiche; wer historische Abläufe nach Maßgabe
moralischer Idealität gestaltet haben will, denkt allerdings
revisionistisch.
Würde
man Steigerwalds Erklärungsmuster folgen, so hätte der Verfall der
Sowjetunion bereits mit der Wahl Stalins zum Generalsekretär der KPdSU
begonnen. Das heißt: Die Oktoberrevolution wäre gescheitert.
Man
kann sich fragen, ob das eine sozialdemokratische oder trotzkistische
Variante des Revisionismus ist. Das will Steigerwald nun gewiß nicht.
Dann aber müßte er die Widersprüche erörtern, die beim Aufbau des
Sozialismus in einem Lande unter ökonomisch und bildungsmäßig
unreifen Bedingungen mit einer verschwindend kleinen Arbeiterklasse
entstehen, und welche Leistung es war, das Land gegen alle aggressiven
Interventionen in zwanzig Jahren zur zweiten Weltmacht zu entwickeln
bei gleichzeitig relevanter Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung.
Der Sozialismus und die Avantgarde-Rolle der Partei haben sich in dieser
Leistung welthistorisch bewährt. Doch in der Bewährung selbst wirkt
noch ein Widerspruch. Zwei Millionen neue Mitglieder traten der Partei während
des »Lenin-Aufgebots« nach dem Tode Lenins bei; aus ihnen Kommunisten
zu machen, war eine ungeheuere Aufgabe der erzieherischen Parteitätigkeit.
Hier drangen viele Bewußtseins- und Verhaltensmuster in die Kader ein,
in denen die Überreste der vorsozialistischen Zeit erhalten blieben.
Weltanschauliche Stabilität zu erreichen, bedeutete eine Anstrengung im
ideologischen Klassenkampf.
Die
Zusammenfassung aller nationalen Kräfte im Abwehrkrieg gegen die
faschistische Invasion mußte sich vor die ideologische Front schieben.
Die weltanschauliche Erziehungsarbeit wieder aufzunehmen, wäre eine
Pflicht der Nachkriegsgeneration gewesen. Darum ist die Grundfrage nach
dem Revisionismus des XX. Parteitags die Frage nach der sozialistischen
Lebensweise; an ihr entschied sich die weltanschauliche Klarheit.
Zum
Schluß ein persönliches Wort: Daß Robert Steigerwald und ich jetzt
das Alter von über 80 Jahren erleben können, verdanken wir der Roten
Armee, die unter Führung des Generalissimus Josef Stalin den deutschen
Faschismus besiegte. Hier darf die Emotion in die Argumentation
eingehen! |