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Warenform, abstrakte Arbeit, Geld, Wert.

Auf dieser Ebene muss die Kritik ansetzen.

Von Klaus Müller/27. März 2007

Sozialforum Koblenz diskutiert politische Ökonomie auf hohem Niveau. Im Rahmen der Vorbereitung auf die Proteste gegen das so genannte G8-Ereignis in Heiligendamm diskutierten Forumsteilnehmer unter anderem auch die ökonomischen Zusammenhänge von Veranstaltungen solcher Art des Monopolkapitals dieser Welt.

Die Analyse der Ware, die Karl Marx an den Beginn seines Hauptwerkes „Das Kapital“ stellte, bildete Ausgangspunkt und Grundlage der tiefgehenden Diskussion. Sie führte zu dem Ergebnis, dass die Kritik des Kapitalismus grundsätzlich den Wert als Grundlage der kapitalistischen Produktion und der Warenform als Vergesellschaftungsprinzip zum Kern haben muss. Wert und Warenform konstituieren[1] die Basis der historisch spezifischen, abstrakten und unpersönlichen Form kapitalistischer Herrschaft.

In einer Kritik, die sich darauf beschränkt, nur den Mehr-Wert zu kritisieren, sieht das Sozialforum eine Verkürzung auf nur einen Aspekt der Marxschen Theorie. Marx unterzog die Ware jedoch einer gründlichen Analyse und beschrieb die in ihr enthaltenen Faktoren Gebrauchswert und Wert.

„Sie sind jedoch nur Waren, weil Doppeltes, Gebrauchsgegenstände und zugleich Wertträger. Sie erscheinen daher nur als Waren oder besitzen nur die Form von Waren, sofern sie Doppelform besitzen, Naturalform und Wertform.“[2]

„Erinnern wir uns jedoch, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich auch von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann.“[3]

Bereits hier am Anfang seines Werkes stellt Marx fest, dass die Wertgegenständlichkeit der Waren ein rein gesellschaftliches Verhältnis ist.

Marx selbst benannte schon die Schwierigkeit im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals: „Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen.“[4]

Die Kritik des Kapitalismus und seines Herrschaftssystems muss aber hier ansetzen, sonst bleibt sie eine unvollständige Kritik und führt im weiteren Verlauf zu Fehlern in den Schlussfolgerungen. Ich bin sicher, dass ein wirkliches Verständnis der Theorie von Karl Marx  nicht möglich ist, ohne Verständnis der konstituierenden Elemente des Kapitalismus. Nicht umsonst lenkt Marx in seinem Vorwort die Aufmerksamkeit auf diese Fragen.

„Der mystische Charakter der Ware entspringt also nicht aus ihrem Gebrauchswert. Er entspringt ebensowenig aus dem Inhalt der Wertbestimmungen.“[5]


“Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte.
Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo[[6]] werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge.“

Heute sind leider kaum mehr Arbeiten zu finden, die diesen Ausgangspunkt für ihre Kritik am Kapitalismus wählen. [7]

In Kreisen organisierter Kommunisten, die sich ja ausdrücklich auf Marx und Lenin berufen, ist häufig die Vorstellung einer sozialistischen Markt- also Warenwirtschaft anzutreffen. Es geht jedoch nicht nur um Verteilungsgerechtigkeit durch eine Änderung der Distributionsverhältnisse[8] (Eigentum, Markt) innerhalb des Warenproduzierenden Systems, das sich ja selbst erst  gesetzmäßig aus den konstituierenden Elementen Warenform, abstrakte Arbeit, Wert entwickelt, wie Marx nachgewiesen hat. Er schreibt dazu im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals: „An und für sich handelt es sich nicht um den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen. Es handelt sich um diese Gesetze selbst, um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen.“[9]

Daraus ergibt sich, dass der Kapitalismus sich notwendig aus den zugrunde liegenden konstituierenden Elementen entwickelt. Umgekehrt: Aus den Elementen Warenform[10], abstrakte Arbeit, Wert kann sich immer nur Kapitalismus entwickeln, nichts anderes.

Die Vorstellung einer sozialistischen Warenwirtschaft ist darum naiv und endet letztlich beim Ausgangspunkt der Ideologie von Sozialdemokraten, die einen menschlichen, sozialen Kapitalismus für machbar halten. Die Ergebnisse dieser in Praxis umgesetzten Vorstellungen kann jedermann heute in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion studieren. Sie bestätigen, dass es sich um die Gesetze selbst handelt, die sich mit eherner Notwendigkeit durchsetzen, wie Marx es treffend formulierte.

Schon diese wenigen Überlegungen zur marxistischen Theorie, die sich allesamt im ersten Abschnitt des Hauptwerkes „Das Kapital“ befinden, machen deutlich, welche Felder der geistig-theoretischen Verwüstung der Revisionismus in die Reihen der kommunistischen Bewegung geschlagen hat und schlägt.

Die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Realitäten beweisen heute den vollständigen Bankrott des Opportunismus und Revisionismus.

Der derzeitige theoretische und organisatorische Zustand der kommunistischen Bewegung ist zerfleddert und sie wird einige Zeit benötigen um sich von dem revisionistischen Kahlschlag zu erholen und sich von diesen Kräften zu reinigen.

Erfreulich ist, dass inzwischen Ansätze von sauberer ökonomischer Analyse dort anzutreffen ist, wo man sie gar nicht erwartet hat. Das Koblenzer Sozialforum ist geprägt von sozial fortschrittlichen Kräften aus dem Bereich der großen Kirchen. Besonders aktiv sind Menschen aus der katholischen Bewegung Pax Christi.

Ich sehe das so, dass der Kapitalismus in seiner imperialistischen Epoche Widerstand gegen sich und seine Repression auch dort erzeugt, wo es nicht von vornherein zu erwarten wäre. Aus der Sozialforumsbewegung können Impulse ausgehen, die zu einem qualitativ fundierten, aktiven Widerstand gegen den Kapitalismus in der BRD beitragen. Zumindest lokal. Die Qualität dazu ist im Koblenzer Sozialforum vorhanden.

Klaus Müller 


[1] konstituieren = gründen, bilden

[2] MEW 23 S. 62 mlwerke.de/

[3] Ebd.

[4] Ebd. S.11 mlwerke.de/

[5] MEW 23 S. 85 mlwerke.de/

[6] Quidproquo = Verwechselung, Missverständnis

[7] Mir ist nur die Zeitschrift offen-siv bekannt, die Arbeiten von marxistischen Wissenschaftlern und Theoretikern wie z.B.  Hermann Jacobs veröffentlicht, die sich mit diesen ökonomischen Grundkategorien der Marxschen Theorie beschäftigen. offen-siv.com

[8] Distribution = Verteilung, Distributionsverhältnisse = Verteilungsverhältnisse

[9] MEW 23 S.12 mlwerke.de

[10] Im umgangssprachlichen Gebrauch wird unter Form häufig die äußere Gestalt, die sichtbaren Oberflächenerscheinungen der Dinge, Prozesse usw. der objektiven Realität verstanden. Im philosophischen Sprachgebrauch wird Form häufig synonym zu Struktur verwendet und bedeutet dann die Gesamtheit der Beziehungen, die zwischen den Elementen eines Systems bestehen.

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