|
Was ist Sozialismus?
Quelle:
Trotz Alledem
von
Achim Churs/März 2006
„Stellen wir uns endlich,
zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor,...“ (Karl Marx; Das
Kapital, MEW 23, S. 92) Bei Karl Marx und Friedrich Engels finden sich
solche Sätze selten. Aussagen über die zukünftige sozialistische bzw.
kommunistische Gesellschaft waren schon eher die Sache der utopischen
Sozialisten, wie Fourier, Morus oder St. Simon, die in ihren Arbeiten
der phantasievollen Ausgestaltung der Zukunftsgesellschaft breiten Raum
widmeten.
Genau
dagegen wandten sich Karl Marx und Friedrich Engels. Sie wollten in
einer umfassenden Art und Weise die Gesellschaft analysieren und
gleichzeitig eine Handlungsanleitung für die Arbeiterklasse liefern.
Sie erkannten, daß in einer kapitalistischen Gesellschaft, die durch
den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital charakterisiert ist, sich
der Mensch als „Gattungswesen“ nicht „jeder nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Bedürfnissen“ entwickeln könne. Erst durch den
revolutionären Akt der Vergesellschaftung der Produktionsmittel tritt
die Menschheit „vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“
(Engels), und „an Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit
ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die
freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung
aller ist.“ (Manifest der Kommunistischen Partei) Das bedeutet, daß
die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zwar ein notwendiger Akt
zur Befreiung des „Gattungswesens“ Mensch ist, keineswegs jedoch ein
hinreichender. Marx und Engels konnten und wollten kein Szenario des
Kommunismus entwerfen, da eine Gesellschaft, die nicht mehr auf der
unabdingbaren Basis eines Klassenwiderspruchs aufgebaut ist, qualitativ
unterschiedliche Widersprüchlichkeiten und Mechanismen aufweisen wird.
Und die wiederum können durch unsere „Eingebundenheit“ in eine
Klassengesellschaft höchstens vermutet, nicht aber wissenschaftlich
erkannt werden.
Die Diktatur des Proletariats
Karl
Marx und Friedrich Engels sprachen von der „Diktatur des
Proletariats“ als erstem Schritt zur Befreiung des Menschen von der
Unterdrückung durch den Menschen. Seit der Oktoberrevolution hat dieser
Begriff einen negativen, von der Bourgeoisie gefärbten Beigeschmack
bekommen. Dazu kommt noch, Karl Marx und Friedrich Engels verstanden den
Staat als Instrument der Unterdrückung einer Klasse durch eine andere
– als Klassenstaat. Der kapitalistische Staat ist somit unabhängig
von seiner konkreten Form – egal ob Demokratie, Monarchie, Diktatur,
Faschismus usw. – eine Diktatur einer Minderheit (der Bourgeoisie) über
die Mehrheit (das Proletariat).
Die
Formel von der „Diktatur des Proletariats“ besagt in diesem Sinn
nichts anderes, als die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit,
und das stellt auch das qualitativ Neue an einer solchen Gesellschaft
dar. Die „Diktatur des Proletariats“ ist also jene
Gesellschaftsform, mittels welcher das Proletariat seine Herrschaft nach
einer siegreichen Revolution gegenüber der unterlegenen Bourgeoisie
absichert. Es wäre ja auch naiv, zu glauben, daß sich die Bourgeoisie
mehr oder weniger kampflos geschlagen gäbe. Somit beschwört jede
Revolution mehr oder weniger auch die Konterrevolutionäre - also den
„Überlebenskampf“ der Bourgeoisie, herauf. Gegen diese
Konterrevolution muß sich das siegreiche Proletariat verteidigen und
das gelingt eben mit dem Aufbau einer Gesellschafts- und Staatsstruktur,
die diesen Zwecken entspricht.
Der Staat stirbt ab
Ist
der Ausgangspunkt der „Sozialistischen Demokratie“ noch die
Sicherung der Revolution vor der Konterrevolution, beginnt sie als Staat
mit ihrem Erscheinen auch abzusterben. In dem Maße, wie sich die neuen
Verhältnisse durchsetzen, verschwinden auch die Klassen der alten
Gesellschaft. Eine Bourgeoisie, die nichts mehr besitzt und somit auch
ihre alte Macht verliert, wird nur mehr physisch in den Menschen, die
ihr einmal angehörten, weiter existieren. Diese Menschen sind es auch,
die die alten Verhältnisse wiederherstellen wollen. Je besser und je länger
sich die neue Gesellschaft entwickelt, umso seltener werden diese
Anstrengungen werden, weil sie keine reale Basis in der Gesellschaft
mehr vorfinden.
In dem Maße, wie die Bourgeoisie verschwindet, hört auch das
Proletariat als ihr historischer Konterpart auf, eine Klasse zu sein.
Die Klassen verschwinden also, übrig bleibt letztlich der freie Mensch.
Der Staat ist aber immer Mittel der Klassenherrschaft. Der proletarische
Staat ist also Mittel der Herrschaft des Proletariats. Wenn also das
Proletariat und mit ihm alle Klassen verschwinden, verschwindet auch der
Staat und damit jede Herrschaft des Menschen über den Menschen. Es
bleiben nur Aufgaben der Verwaltung und Administration. Wie dieser Weg
genau vor sich gehen wird, läßt sich nicht vorhersagen, seinen
Ausgangspunkt kann man dafür umso genauer definieren. Grundbedingung für
den Weg zur klassenlosen Gesellschaft, der freien Assoziation freier
Menschen, ist die Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse – das
Proletariat eben. Diese Machteroberung manifestiert sich in der
Vergesellschaftung der Produktionsmittel – das heißt, daß der
Gesellschaft
alles gehört. Dieser Punkt ist schließlich die Grundlage dafür, daß
alle alles mitbestimmen können. Aber das ist noch nicht die Lösung
aller Probleme, es ist erst die Grundlage zu einer Lösung. Das Primat
der Politik über die Ökonomie wäre erstmals verwirklicht.
Demokratisch
aufgebaute Strukturen und moderne Kommunikationstechnologien ermöglichen
es allen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe am
Mitbestimmungsprozeß teilzunehmen. Sowohl in der Ökonomie, als auch in
allen anderen politischen Feldern gilt: Demokratisches Mitarbeiten statt
Repräsentationsdemokratie. Staatswesen und Militär werden ersetzt
durch freie Zusammenschlüsse freier Menschen, Nationen und Staaten
verschwinden, die Regierung über Menschen verschwindet, was bleibt ist
- um es mit Karl Marx zu sagen - die „Administration von Dingen“.
Sozialismus fällt nicht vom Himmel
Natürlich
ist nicht sicher vorhersehbar, wohin und wie sich eine klassenlose
Gesellschaft entwickelt. Gesellschaftliche Veränderungen sind komplexe
Prozesse, und auch mit Beseitigung der kapitalistischen (Un-)Ordnung
sind natürlich längst nicht alle Probleme gelöst. Die Perspektive
einer klassenlosen Gesellschaft, die nicht den einheitlichen Menschen
schafft, sondern lediglich einheitliche Ausgangsbedingungen zur vielfältigen
Entwicklung aller Menschen, erfordert gerade jetzt, in Zeiten einer
ideologischen Offensive des Kapitals, organisierten Widerstand. Die
Kommunisten müssen schon jetzt die Widersprüchlichkeiten des
kapitalistischen Systems aufzeigen und angreifen. Die Vertröstung auf
später bringt sie einer sozialistischen Gesellschaft keinen Schritt näher.
Schon jetzt müssen sie Probleme, wie die Arbeitslosigkeit,
Diskriminierung der Frau, Rassismus, Umweltverschmutzung, soziales
Elend, Hunger, um nur einige wenige zu nennen, aufgreifen und versuchen,
zu lösen. Daß diese Lösungen im Kapitalismus selbst keine dauerhaften
sind, darf uns nicht vom Kämpfen abhalten.
Die Geschichte ist nicht zu Ende!
Der
Kampf um den Sozialismus ist ein integraler Kampf, ein Kampf um
Gleichberechtigung der Frau, um saubere Umwelt, ein Kampf gegen die
Arbeitslosigkeit , Wohnungslosigkeit, gegen den Hunger und gegen den
Krieg. Letztlich aber ein Kampf um die Macht – Macht für die
Mehrheit, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu können. Wann muß
der Kampf geführt werden, wenn nicht jetzt? Die Geschichte ist nicht zu
Ende, wie uns das bürgerliche wie auch sozialdemokratische und
sozialistische Philosophen weismachen wollen. Im Gegenteil: Die
Geschichte hat noch gar nicht begonnen. Denn, frei nach Friedrich
Engels, erst in einer klassenlosen Gesellschaft beginnt die Geschichte
der Menschheit und ist ihre Vorgeschichte zu Ende!
Wir müssen jetzt alle
Energien darauf verwenden, eine Welt vorzubereiten, die eine Welt der
freien Menschen sein wird. Viele Schritte sind noch zu tun. Es gilt von
neuem, eine einheitliche revolutionäre Bewegung zur Überwindung des
kapitalistischen Systems aufzubauen. Die Kommunistische Partei
Deutschlands (Bolschewiki) sieht sich selbst als Teil dieses Projekts.
Es liegt in ihrer Hand, die Wahl, vor die uns Rosa Luxemburg schon vor
mehr als 80 Jahren stellte, richtig zu entscheiden: „Sozialismus oder
Barbarei!“
Anmerkung
Kommunisten-online: Hier irrt der Autor, Genosse Achim
Churs. Die Geschichte der Sowjetunion, insbesondere der chruschtschowsche
Verrat haben gezeigt, wie recht Stalin hatte, als er feststelle: „Es ist notwendig, die faule Theorie zu zerschlagen und beiseite zu
werfen, dass der Klassenkampf bei uns mit jedem Schritt unseres
Vormarsches mehr und mehr erlöschen müsse, dass der Klassenfeind
in dem Maße, wie wir Erfolge erzielen, immer zahmer werde. Im
Gegenteil, je weiter wir vorwärts schreiten, je mehr Erfolge wir
erzielen werden, um so größer wird die Wut der Überreste der
zerschlagenen Ausbeuterklassen werden, um so mehr Niederträchtigkeiten
werden sie gegen den Sowjetstaat begehen, um so mehr werden sie zu
den verzweifeltsten Kampfmitteln greifen, als den letzten Mitteln
zum Untergang Verurteilter. Man muss im Auge behalten, dass die
Reste der zerschlagenen Klassen in der UdSSR nicht alleine dastehen.
Sie genießen die direkte Unterstützung unserer Feinde jenseits der
Grenzen der UdSSR.”
(In: J.W. Stalin, Über die Mängel der Parteiarbeit und die
Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen
Doppelzüngler, Berlin 1954, S.22 f.) Siehe auch: Der moderne
Revisionismus - das Krebsgeschwulst der kommunistischen Bewegung, Teil
1: Der Untergang des sozialistischen Lagers als Folge der
ideologischen Entwaffnung durch den modernen Revisionismus, von
Günter Ackermann /Sommer 2005 siehe
|