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Geschichte
eines potenziellen Terroristen
Abu-Daoud
wurde vor kurzem 40. Er ist ein aufrechter Mensch mit freundlichen
Augen. Er muss in seiner Familie 8 Mäuler füttern, und bis vor kurzem
konnte er sich mühsam am Qalandia-Kontrollpunkt durchschlagen. In den
Jahren vor der Intifada arbeitete Abu-Daoud im israelischen Teil von
Jerusalem. Das waren gute Jahre. Seine Augen werden traurig, wenn er
sich an die 150 Schekel erinnert, die ihm sein Chef schenkte, als eines
seiner Kinder geboren wurde. Einmal wurde er sogar mit allen
Angestellten zu einem Wochenende ins Dan Hotel eingeladen. Das war ein
gutes Leben.
1982
überfuhr eine Siedlerfrau mit ihrem PKW seinen Vater und tötete ihn
und beging Fahrerflucht. Sie wurde erst später ausfindig gemacht. Zu
ihrer Verteidigung behauptete sie wie das dann üblich ist man
habe vorher Steine auf sie geworfen. Man muss ihr nicht glauben.
1992
war seine Mutter zu Tode gekommen. Einer von Abu-Daoud jüngeren Brüdern
nahm an einer Demonstration teil. Die ältere Frau, die um ihren Sohn
Angst hatte, eilte hinaus, um den Sohn ins Haus zu holen. Ein Soldat
schoss mit Tränengas. Die Mutter rannte in die Tränengaswolke,
erstickte, verlor das Bewusstsein, wurde schnell ins Krankenhaus
gebracht und starb. Innerhalb von 10 Jahren raubte die Besatzung
Abu-Daoud den Vater und die Mutter. Er blieb ruhig und arbeitete weiter
in Jerusalem, um für seine Familie den Lebensunterhalt zu verdienen.
2000 wurden die Tore (nach Israel) geschlossen. Der Mann von „Kadima“
(Sharons neue Partei) ging auf den Tempelplatz, und die Feuer, die er in
Brand setzte, wurden bis heute nicht gelöscht. Zehntausende von Palästinensern
wurden von ihrem Arbeitsplatz abgeschnitten. Auch Abu Daoud musste mit
seiner Arbeit in Jerusalem aufhören. Er konnte sich nur sehr mühsam am
Qalandia-Kontrollpunkt etwas verdienen.
Der
Qalandia-Kontrollpunkt ist die Hölle. Wahnsinn, Bosheit, Absurdität,
Perversion und absolute Korruption in einem Unterwelt-Fluss von Leben
und Tod, Überleben und Verlust, List und Dummheit, Menschlichkeit und
Bestialität, Grausamkeit und Leidenschaft. Hier zwischen den
Stacheldrahtzäunen, endlosen Warteschlangen und unvorstellbarer
Frechheit von Kindern in Uniform also Soldaten – kollidieren zwei
urzeitliche Kräfte: der Überlebensinstinkt eines besetzten Volkes und
der Machtinstinkt eines besetzenden Volkes.
Diese
wahnsinnige Begegnung hat seltsame Blüten des Geldverdienens
geschaffen. Abu-Daoud schob das schwere Gepäck der Leute, die vom
Besatzer als Fußgänger durch den Kontrollpunkt durchgelassen wurden.
Eine Holzkiste auf drei Rädern diente als Schubkarre, in der er die
Habe der Leute trug: eine Kiste Tomaten, eine Matratze, einige Koffer.
Ein Gepäckträger an einem surrealen Bahnhof. An einem guten Tag
brachte er 70 Schekel mit nach Hause - an einem schlechten Tag nichts.
Noch
immer haben seine Augen den freundlichen, warmen Blick. Warum soll er
sich beklagen. Seine Kinder gehen zur Schule und sind nicht hungrig.
2001
wird sein 8jähriger Sohn Khaled in den Kopf geschossen. Soldaten
schossen in eine Gruppe demonstrierender Jungen mit scharfer Munition.
Der Kopf des Kindes war voller Schrapnell. Khaled starb nicht. Nur sein
Kopf blieb beschädigt, sein Gehirn veränderte sich und seine Nächte
waren übervoll mit Schmerz. Abu-Daoud sah seinen Jungen weiter zur
Schule gehen doch war er nicht mehr so ein guter Schüler wie vorher.
Ein erster Hinweis auf Schmerz und Verwirrung überschatten seine
freundlichen und warmen Augen. 2002 brachten es ein paar gute Menschen
dahin, dass Khaled im Tel Aviver Ichilov-Krankenhaus medizinisch
untersucht wurde. Vielleicht könnte seinem Kopf etwas geholfen, seine
Schmerzen gelindert werden. (Es ist möglich - aber es ist kein Geld für
eine Operation da.) Abu-Daoud möchte seinen Sohn ins Krankenhaus
begleiten und seine Hand halten. Da erfährt er, dass er zu denen gehört,
die vom israelischen Geheimdienst (Shabak) mit „präventiv“
bezeichnet werden. Ihm wird verboten, Israel zu betreten. „Shabak-präventiv“
ist eine weitere besatzungs-bürokratisch groteske Erfindung. „Präventiv/
verhindert“ ist wie ein „Bastard“ im israelischen Gesetz: es ist
jemand, der nichts Böses begangen hat, aber trotzdem verurteilt wird.
Keiner informiert ihn, warum und seit wann er als „präventiv/
verhindert“ gilt. Es wird ihm auch kein Recht der Berufung eingeräumt.
Eines Tages kam sein Name auf diese Liste, und seitdem hat er keine
Chance, eine Arbeitserlaubnis, eine Magnetkarte oder irgendein anderes
Dokument auf der langen Liste widerlicher Erfindungen zu erhalten, die
eine zermalmende Bürokratie bereit hat. Ohne solch ein Dokument findet
ein Besetzter keine Unterhaltsmöglichkeit.
Abu-Daoud
weiß nicht, warum er zu den „Shabak-Präventiv-Fällen“ gehört.
Die Erklärung wurde überraschend genug von dem Mann gegeben, der
der Zivilverwaltung vorsteht , von General Ilan Paz und zwar bei einem
Interview mit Tzadok Yehezkeli (Yedioth Ahronot, 23.1.04) : „Nicht nur
Leute, die selbst in Terrorismus verwickelt sind, gehören zu den „Präventiven“
wenn der Bruder von der israelischen Armee getötet wurde, ob
absichtlich oder nicht, dann gehört man ziemlich sicher schon zu den
„Präventiv-Fällen“. Weil es mehr als wahrscheinlich ist, dass man
dann einen terroristischen Anschlag verübt ....“
Nun
ist endlich klar, warum Abu-Daoud zu den „Präventiv“-Fällen gehört:
eine Siedlerin hat seinen Vater überfahren und getötet, einen
israelischer Tränengaskanister tötete seine Mutter, ein israelischer
Soldat durchschoss den Kopf seines Sohnes ... Sollte man ihm nach all
dem - unter diesen Umständen -Bewegungsfreiheit geben? Und tatsächlich
tat der Shabak das Richtige und erklärte ihn zu einem „Präventiv“-Fall
, um ihn nicht zu einer „tickenden Bombe“ werden zu lassen.
In
der vergangenen Woche wurde der Qalandia-Kontrollpunkt fast vollkommen
abgesperrt. Ein von Neonlicht beleuchtetes Betonungeheuer ist an seine
Stelle getreten. Es wird jetzt „Terminal“ genannt. Nun braucht man
keine Schubkarren mehr. Abu-Daouds Verdienstmöglichkeit gibt es nicht
mehr. Verzweifelt hat er noch einmal bei den Besatzungsbehörden
angefragt und um eine Magnetkarte gebeten. Ein israelischer Arbeitgeber
wäre bereit, ihn anzustellen. „Nein“, wurde ihm gesagt, „unmöglich.
Sie sind ein „Präventiv“-Fall.“ Und Abu-Daouds Welt fiel um ihn
und in sich zusammen.
Aber
nun, nachdem Abu-Daoud von jeder Art von Lebensunterhalt abgeschnitten
ist wird er zweifellos ein tadelloser, loyaler, friedensliebender
Zivilist werden. Oder?
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Sehr
ehrenhafte Richter des Obersten Gerichthofes,
Die
oben aufgezeichnete Geschichte, die in ihren Fakten absolut wahr ist,
ist nicht nur dafür da, den Leuten die groteske Bedeutung der Besatzung
nahe zu bringen. Sie soll nicht weniger Licht auf die falschen
Behauptungen werfen, die von der Armee und dem Shabak über die Politik
der „gezielten Tötungen“ verbreitet werden, die angeblich der
Sicherheit dienen. Während der eine Sicherheitsmann dies behauptet, weiß
der andere offensichtlich sehr wohl, dass jedes Opfer von gezieltem Töten,
wie jedes andere, das „zufällig“ von der Armee erschossen wird,
nicht nur verfehlt, den Terrorismus zu reduzieren, sondern einen immer
größer werdenden Kreis potentieller Terroristen schafft. Warum beeilen
sich denn sonst Shabakleute, die Namen der Familienmitglieder des Opfers
auf die Liste der „Präventiv-Fälle“ zu setzen? Bitte, nehmen Sie
dies zur Kenntnis!
B.
Michael
(Aus
dem Hebräischen: Tal Haran, New Profile message 48; aus dem engl.:
Ellen Rohlfs)
Mit
friedlichen Grüßen, "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in
Nahost"
homepage:
www.nahostfriede.at
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