|
Deutsche
Bundeswehr im Kriegseinsatz in Afghanistan
Spezialkommandos
Quelle:
german-foreign-policy
23.05.2008
KABUL/BERLIN
(Eigener
Bericht) - Der zweite Kampfeinsatz unter deutscher Beteiligung in
Nordafghanistan und die abschließenden Vorbereitungen für die
Entsendung einer Schnellen Eingreiftruppe leiten eine neue Phase der
deutschen Kriegführung am Hindukusch ein. Mehr als 60 deutsche Soldaten
sind in die „Operation Karez“ involviert, die unter der Führung
eines Bundeswehr-Generals Aufständische bekämpft; die Schnelle
Eingreiftruppe aus Norwegen, die dabei gemeinsam mit der afghanischen
Armee die Hauptlast der blutigen Gefechte trägt, wird in wenigen Wochen
durch deutsche Einheiten ersetzt. Laut Regierungsberatern kämpfen die
westlichen Besatzungsarmeen gegen „eine kontinuierlich an Präsenz und
Durchsetzungskraft gewinnende Aufstandsbewegung“. Bundeswehr-Manöverszenarien
zeigen, wie die afghanische Polizei in die militärische Aufstandsbekämpfung
einbezogen wird. Berlin hat die Mittel für afghanische Polizeitrainings
verdreifacht und zieht zur Unterstützung Organisationen der sogenannten
Entwicklungshilfe heran. Eine Zeitschrift der Bundeswehr zieht
Parallelen zur sowjetischen Kriegführung am Hindukusch. Wie es heißt,
habe Moskau nur mit einer Truppengattung echte Erfolge erzielen können:
mit Spezialkommandos des Militärgeheimdienstes. Operationen irregulärer,
offenbar geheimdienstlichem Befehl unterstehender westlicher Verbände
hat in diesen Tagen ein Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen
festgestellt.
Operation
Karez
In
Afghanistan hat Anfang Mai der zweite umfangreiche Kampfeinsatz unter
deutscher Beteiligung begonnen. Mehr als 60 Bundeswehr-Soldaten sind in
die „Operation Karez“ involviert, die von Brigadegeneral Dieter
Dammjacob befehligt wird, dem Chef des ISAF-Regionalkommandos Nord. Die
Offensive soll Aufständische in die Flucht schlagen und ein Gebiet zurückerobern,
das schon im vergangenen Jahr der Kontrolle der NATO entglitten war;
damals hatte die ISAF mit dem ersten Kampfeinsatz unter deutscher Führung
den Aufstand blutig niedergeschlagen („Operation Harekate Yolo
II“).[1] Das Geschehen wiederholt sich zur Zeit. Die Hauptlast der
Gefechte wird dabei - wie bereits im Herbst - durch eine Schnelle
Eingreiftruppe („Quick Reaction Force“, QRF) aus Norwegen sowie
durch die afghanische Armee getragen, während die Bundeswehr lediglich
Führungspersonal und Sanitäter stellt - Aufgaben, die einen deutschen
Blutzoll vorerst noch unwahrscheinlich erscheinen lassen. Die Offensive
findet jedoch wie ihre Vorläuferin vom letzten Jahr außerhalb des
deutschen Mandatsgebietes statt und kann nur mit Mühe mit den Vorgaben
des deutschen Bundestages für den Einsatz in Einklang gebracht werden.
Mehr
Tote
Bereits
in wenigen Wochen wird der deutsche Einsatz am Hindukusch endgültig
eine neue Eskalationsstufe erreichen. Im Juli ersetzt eine Schnelle
Eingreiftruppe der Bundeswehr die norwegischen Einheiten, die zur Zeit
unter deutschem Kommando kämpfen. Deutsche Soldaten werden daher bei
der nächsten Offensive von Brigadegeneral Dammjacob auch unmittelbar in
blutige Gefechte verwickelt. Die letzten Vorbereitungen für den Einsatz
werden in diesen Tagen getroffen. In der vergangenen Woche hat das
Verteidigungsministerium einen PR-Termin für die Medien organisiert,
die die deutsche Öffentlichkeit auf die Kriegseskalation und auf eine mögliche
Zunahme deutscher Todesopfer vorbereiten sollen. Anlass war ein Manöver
der Schnellen Eingreiftruppe im Gefechtsübungszentrum Altmark (nördlich
Potsdam), laut Bundeswehr „Europas modernstem Übungszentrum für
Bodentruppen, in dem jährlich bis zu 15.000 Soldaten ausgebildet
werden“.[2] Die Übung vereinte zum ersten Mal sämtliche Teile der
„Quick Reaction Force“.
Paramilitärs
Aufschluss
über die deutschen Kampfstrategien, die auch afghanische
Polizeieinheiten einbeziehen, gab das Manöverszenario. „Soldaten der
deutschen Quick Reaction Force (QRF) haben den Auftrag, bei einer
Zugriffsoperation den äußeren Ring um eine Ortschaft zu bilden, die
Zufahrtsstraßen zu überwachen und zu sperren“, beschreibt die
Bundeswehr die Handlung der Kriegsübung. „Soldaten der Afghan
National Army (ANA) bilden den inneren Kreis, Polizeikräfte der Afghan
National Police (ANP) führen den Zugriff in der Ortschaft durch.“ Das
Szenario weist nicht nur klassische Kolonialmuster auf, indem es den
einheimischen Repressionskräften die gefahrvollen Aufgaben mit
Nahkontakt zu den Aufständischen zuordnet, während die Soldaten der
Besatzer im Hintergrund die Kontrolle ausüben. Es offenbart außerdem
den paramilitärischen Charakter, den der Westen der afghanischen
Polizei zugedacht hat.[3]
Zeithorizont
Damit
erscheint nicht nur die Verdreifachung der Mittel für den Aufbau der
afghanischen Polizei, die die Bundesregierung Ende 2007 beschlossen hat,
in einem neuen Licht. Auch Polizei-Maßnahmen der Bundeswehr, die mit
einem eigens eingerichteten Feldjägerausbildungskommando afghanische
Polizisten trainiert, sind damit als Teil offener Aufstandsbekämpfung
erkennbar.[4] Die Bundeswehr hat die Zahl der Feldjäger, die
afghanische Polizisten im Umgang mit Waffen und Repressionstechniken
instruieren, zum 1. Mai von 30 auf 45 erhöht. Hintergrund ist das
unverkennbare Anschwellen der afghanischen Aufstände, das Aufrüstung
und Personalverstärkung sowie eine langfristige Kriegsplanung auf
Seiten der Besatzer hervorruft. Berliner Regierungsberater sprechen
inzwischen offen von einer „kontinuierlich an Präsenz und
Durchsetzungskraft gewinnende(n) Aufstandsbewegung“ [5] und machen
Vorschläge zur Verstärkung der Bundeswehreinheiten [6]. Das
Bundesverteidigungsministerium bereitet neue Aufrüstungsschritte vor
und hat der Firma Eurocopter einen Auftrag zum Umbau von
Transporthubschraubern in Aussicht gestellt. Sechs Modelle des Typs
CH-53 G sollen zu CH-53 GSX umgerüstet werden, um den Anforderungen der
eskalierenden Kämpfe zu entsprechen. Das Auslieferungsdatum - November
2009 - verdeutlicht den langfristigen Berliner Zeithorizont für den
Afghanistan-Krieg.
„Entwicklungshilfe“
Die
paramilitärische Nutzung der afghanischen Polizei zur Aufstandsbekämpfung
rückt auch Leistungen der sogenannten Entwicklungshilfe in ein neues
Licht. Erst kürzlich hat das Auswärtige Amt bestätigt, dass am Aufbau
der afghanischen Polizei auch die bundeseigene
„Entwicklungsorganisation“ Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit (GTZ) beteiligt ist. Die GTZ, die weltweit als Durchführungsorganisation
für das Bundesentwicklungsministerium auftritt, organisiert den Bau
zahlreicher afghanischer Polizeiposten und arbeitet damit der
Aufstandsbekämpfung unmittelbar zu.[7]
Ausländische
Geheimdienste
Schwere
Vorwürfe gegen die afghanische Polizei, aber auch gegen die westlichen
Besatzungstruppen hat vor wenigen Tagen der UN-Sonderberichterstatter für
außergerichtliche und willkürliche Hinrichtungen, Philip Alston,
erhoben. Alston hatte sich in Afghanistan aufgehalten und dort die
zahlreichen Todesfälle in der Zivilbevölkerung untersucht. Seinen
Angaben zufolge gehen nicht nur viele willkürliche Hinrichtungen auf
das Konto der afghanischen Polizei, die in aller Regel straflos bleibt
und von der Bundesregierung jetzt stärker in die Aufstandsbekämpfung
einbezogen wird. Daneben haben die westlichen Besatzungstruppen allein
in den ersten vier Monaten des Jahres 2008 rund 200 Zivilpersonen
umgebracht. Vor allem aber berichtet Alston von irregulären Einheiten,
die in Afghanistan straflos handeln können und dabei offenkundig auch
Morde begehen. Wie der UN-Sonderberichterstatter mitteilt, „scheinen
sie von ausländischen Geheimdiensten kontrolliert zu werden“.[8]
Bis
zu 80 Prozent
Vor
diesem Hintergrund gewinnen Betrachtungen neue Bedeutung, die bereits zu
Jahresbeginn in einer Zeitschrift der Bundeswehr angestellt wurden. Dort
hieß es mit Blick auf die sowjetische Invasion in Afghanistan von 1979,
Moskau habe „erst nach zwei Jahren Krieg“ eingesehen, „dass die
traditionellen Bodenoperationen gegen die Guerilla-Taktik der
afghanischen Mudschaheddin erfolglos waren“. Der Kreml sei danach
„zu Spezialoperationen“ übergegangen. In besonderem Maße hätten
sich dabei Spezialkommandos des Militärgeheimdienstes („GRU SpezNas“)
hervorgetan.[9] „Die GRU-Spezialeinheiten“, urteilt demnach ein
Hauptmann des russischen Generalstabs, waren „die einzige Kraft,
welche die Aufständischen effizient bekämpfen konnte“. Die
Bundeswehr-Zeitschrift schließt sich dieser Auffassung an. „Die
Mannstärke der Spezialeinheiten machte nur fünf Prozent der Gesamtstärke
der 40. Armee in Afghanistan aus“, heißt es dort: „Der Anteil von
Spezialoperationen an der Kampftätigkeit der 40. Armee betrug aber laut
Angaben der sowjetischen Militärexperten bis zu 80 Prozent.“
Weitere
Berichte zur deutschen Afghanistan-Politik finden Sie hier: Das
Echo der Tornados, Keine
Chance, Den
Auftrag erfüllen, Rückzugsgefechte,
Zu
allen Zeiten, Perspektivlos,
Dilemmata
der Besatzung, Leerer
Raum, Fünfte
Kolonne, Der
Kontrolle entzogen, Todesurteil,
Hoffnungslos,
Der
nächste Verlust, Durch
den Tunnel, Stimme
der Freiheit, Folterkomplizen,
Koloniales
Modell, Ohne
Tabu, Aufstandsbekämpfung,
Eine
Frage der Zeit, Kampfeinsätze,
Rückzugsperspektive,
Paramilitärs,
Söldner
und Lauschtechnik.
[1]
s. dazu Koloniales
Modell
[2], [3] QRF: Bestens ausgebildet und vorbereitet; www.deutschesheer.de
16.05.2008
[4] s. dazu Paramilitärs
und Söldner
[5] Aufstandsbekämpfung als Auftrag; www.swp-berlin.org
[6] Sascha Lange: Die Bundeswehr in Afghanistan. Personal und technische
Ausstattung in der Einsatzrealität, SWP-Studie S9, Berlin, März 2008
[7] s. auch Paramilitärs
[8] Professor Philip Alston, United Nations Special Rapporteur on
extrajudicial, summary or arbitrary executions; UNAMA Press Conference
15.05.2008
[9] Guerilla-Krieg; Zeitschrift für Innere Führung, Januar 2008 |