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Mann mit Erinnerungslücken:

Frank-Walter Steinmeier besucht als Außenminister die Brunnenbauer der Bundeswehr am Hindukusch. Hat er gewusst wo er war?

Massaker von Kundus:

Ist Steinmeier ein Lügner?

Von Günter Ackermann

Kommunisten-online vom 16. Dezember 2009 – Frank-Walter Steinmeier, der Fraktionsvorsitzende der Spezialdemokraten, ist ein großer Nichtwisser. Als er Leiter des Bundeskanzleramtes und somit Chef der Geheimdienste war, wusste er nichts davon, dass Angehörige des BND an der Folterung vom CIA Entführter beteiligt waren.

In der Funktion als Staatsminister im Bundeskanzleramt wusste er nichts davon, dass die CIA deutsche Flughäfen als Umschlagplatz für entführte angebliche Terroristen – die, wie sich herausstellte, keine waren – benutzte und sie von hier in ihre Schweige- und Folterlager irgendwo verfrachtete. Dabei flogen die CIA-Maschinen für deutsche Behörden nicht unbedingt geheim und die Bundesregierung wurde informiert.

Als im September amerikanische Bomber auf Befehl eines Bundeswehr-Obristen, der sich, wie sich jetzt zeigt, strickt an die Befehle seiner Regierung in Berlin gehalten hatte, ein Tanklaster mit Bomben beworfen wurde und fast 200 Todesopfer forderte – die meisten warfen normale Bauern aus der Umgebung und keine Taliban – wusste der damalige Vizekanzler nicht, dass seine Regierung die Einsatzpläne in der Art geändert hatte, dass nun auch zivile Opfer einkalkuliert werden sollten.

Natürlich wusste Steinmeier auch nicht, dass der US-Oberbefehlshaber in Afghanistan schon kurz nach dem Massaker diesen Einsatz als nicht gerechtfertigt bezeichnet hatte und auch eine Untersuchung der NATO das ergab.

Dabei dürfte weder der Ami-General noch die NATO etwas gegen das Morden am Hindukusch haben, aber hier war zu offenkundig übertrieben worden.

Steinmeier hatte immer keine Ahnung, ein wahrlich begnadeter Nichtwisser. Noch etwas scheint er nicht mehr zu wissen. Er gehörte unter Schröder zu den Architekten des Sozialraubs. Seine Ideen wurden von Peter Hartz aufgegriffen und in reale Maßnahmen umgesetzt. Die Agenda 2010 trägt Steinmeiers Handschrift. Aber die SPD ist, nachdem sie Oppositionspartei wurde, unter Steinmeiers Bundestagsfraktionsvorsitz eine wahrhaft soziale Partei geworden. Ist das nicht schön, wie da selbst ein Steinmeier lernfähig ist. Oder ist das alles nur Verstellung?

Das Verbrechen von Kundus ist schlimm. Fast 200 Menschen starben, weil der Imperialismus das Land am Hindukusch auf seine Art „befrieden“ will und dabei, wie beim Imperialismus üblich – über Berge von Leichen geht. Die Berliner Regierung, deren 2. Figur dieser spezielle Spezialdemokrat mit dem Talent zum Nichtwissen war – beschloss das Image einer Brunnen- und Krankenhaus bauenden Armee aufzugeben und nun härtere Bandagen anzuziehen. Wenn die Afghanen nicht hören wollen, dann müssen sie fühlen. Mit Gewehren, Granaten, Bomben, Panzern wird man sie schon zur Reson bringen. Und Steinmeier beschloss mit – wusste das aber nicht. Wir sollten den Mann mit dem kurzen Gedächtnis bedauern.

G.A.

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Eskalation à la Irak

BERLIN/KABUL

Quelle: german-foreign-policy vom 15.12.2009

(Eigener Bericht) – Vor der Konstituierung des Kunduz-Untersuchungsausschusses am morgigen Mittwoch mehren sich Hinweise auf eine unmittelbare Einbeziehung des Kanzleramts in den Vorlauf vor dem Bombardement am 4. September. Laut Berichten war die Regierungszentrale in die Entscheidung involviert, künftig auch Liquidierungsaktionen zu unternehmen. Weil Agenten der deutschen Auslandsspionage (BND) in die Vorarbeit für Attacken einbezogen gewesen seien, seien auch die Geheimdienstkoordinatoren in Berlin informiert worden. Dies war der Arbeitsbereich des heutigen Innenministers Thomas de Maizière. Experten berichten, gezielte Tötungen ähnlich dem Luftschlag vom 4. September seien ein wesentlicher Bestandteil der Kriegführung im Irak von 2006 bis 2008 gewesen. Diese Kriegsphase gilt als Vorbild für das aktuelle Vorgehen in Afghanistan. Damals war von außergerichtlichen Hinrichtungen die Rede. Juristen mahnen, den Krieg in Afghanistan nun endlich auch rechtsverbindlich als „Krieg“ zu deklarieren; andernfalls müssten Liquidierungsaktionen wie etwa das Bombardement von Kunduz als Verbrechen abgeurteilt werden, womöglich als Mord.

„Aufständische vernichten“

Dass es sich bei dem Bombardement der beiden Tank-Lkws in der Nacht vom 3. zum 4. September bei Kunduz um eine gezielte Liquidierungsaktion gehandelt hat, kann mittlerweile nicht mehr ernsthaft bestritten werden. Schon bald hatte sich Berlin mit der Behauptung in Widersprüche verstrickt, Oberst Klein habe nur die Nutzung der Lkws als „rollende Bomben“ durch die Aufständischen verhindern wollen. Frühzeitig wurde bekannt, dass Klein den US-Bomberpiloten gegen ihren Wunsch Tiefflüge zur Warnung von Zivilisten untersagte – ein Schritt, der nur dann nachvollziehbar ist, wenn außer den festsitzenden Lkws auch die anwesenden Menschen getroffen werden sollten. Mittlerweile zitieren Medien aus einem Schreiben Kleins, in dem er berichtet: „Am 4. September um 01.51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September entführte Tanklastwagen sowie an den Fahrzeugen befindliche INS (Insurgents, d.Red.) durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten.“[1] Dem entsprechen Meldungen, laut denen die „Task Force 47“ an der Vorbereitung des Bombardements beteiligt war. Die „Task Force 47“ befasst sich mit der Jagd auf Aufständische.[2]

Regierungsstrategie

Laut einem Bericht der Leipziger Volkszeitung folgte Oberst Klein mit seiner Liquidierungsaktion einer von Berlin beschlossenen Eskalationsstrategie. Im Frühjahr wurden die Einsatzregeln für die Bundeswehr geändert – mit dem Ziel, die Anwendung tödlicher Gewalt weniger als zuvor zu limitieren. Im Sommer ließ der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung „überprüfen“, ob die deutschen Soldaten ihre Waffen „offensiver“ als zuvor einsetzen dürften.[3] Wenige Wochen später berichtete Jung, die Bundeswehr stehe nun „auch in konkreten Kampfsituationen“; der damalige Generalinspekteur, Wolfgang Schneiderhan, sagte: „Es ist jetzt an der Zeit, diese Eskalation vorzunehmen.“[4] Wie die Leipziger Volkszeitung berichtet, war die damalige Eskalation nicht nur vom Kanzleramt gebilligt worden, sie umfasste auch die „gezielte Ausschaltung der Führungsstruktur der Taliban“ - nach dem Vorbild der US-Terrorbekämpfung.[5]

Einbezogen

Oberst Klein habe „sich nach diesen Regierungsvorgaben regelrecht ermutigt“ fühlen dürfen, „einmal kräftig durchzugreifen“, heißt es laut Leipziger Volkszeitung im Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam.[6] Dass sich Klein dazu auch tatsächlich „ermutigt gefühlt“ habe, berichten Soldaten seiner Einheit, der in Leipzig stationierten 13. Panzergrenadierdivision. Darüber hinaus schreibt die Zeitung, in die Entscheidungen, die zu dem Bombardement der Tank-Lkws bei Kunduz führten, seien Kontaktpersonen des Kommando Spezialkräfte (KSK) – offenbar aus der „Task Force 47“ –, aber auch Agenten der deutschen Auslandsspionage (Bundesnachrichtendienst, BND) involviert gewesen. „Vor und nach dem Luftangriff“ habe man auch „das Kanzleramt“, „die Spitze des Verteidigungsministeriums“ und Geheimdienstkoordinatoren der Regierung einbezogen. Ob das auch für den damaligen Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche galt, der heute als Staatssekretär im Bundesinnenministerium amtiert, oder sogar für Thomas de Maizière, der als Kanzleramtsminister die oberste Aufsicht über die Dienste innehatte und mittlerweile Innenminister ist, ist nicht bekannt.

Das Vorbild

Experten weisen darauf hin, dass es den Streitkräften der Vereinigten Staaten und Großbritanniens im Irak gelang, mit einer Strategie der Truppenaufstockung bei gleichzeitigen gezielten Schlägen gegen die Aufständischen eine Zeitlang gewisse Erfolge in der Aufstandsbekämpfung zu erzielen. Dazu gehörten auch gezielte Liquidierungen. Die US-Streitkräfte bildeten zu diesem Zweck spezielle „Task Forces“, in denen geheimdienstliches Personal mit diversen Spezialisten und mit Sondereinheiten kooperierte; auch Drohnen kamen zum Einsatz.[7] An diversen Unternehmungen war der britische Special Air Service (SAS) beteiligt. Es sei gelungen, rund 3.500 Aufständische binnen nur 18 Monaten „von der Straße zu holen“, berichteten britische Militärs im Jahr 2008 – allerdings seien dabei Hunderte ums Leben gekommen.[8] Der SAS hatte damals mit ernsthaften Beschuldigungen zu kämpfen, er führe de facto extralegale Hinrichtungen durch. Die damalige Kriegführung im Irak gilt als Vorbild für die aktuelle westliche Aufstandsbekämpfung in Afghanistan.

„Im Krieg legitim“

Deutsche Juristen mahnen nun, angesichts von Liquidierungsaktionen wie nahe Kunduz müsse der Krieg in Afghanistan nun endlich auch rechtsverbindlich zum Krieg erklärt werden. „Offensive, gezielte Tötungen sind in einem Krieg legitim“, behauptet etwa der einstige Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz: „Darum muss jetzt klargestellt werden, ob wir uns in Afghanistan in einem Krieg befinden“.[9] Ähnliche Schlüsse ziehen mehrere prominente Völkerrechtler. Sollte Berlin sich weiterhin weigern, den Zustand in Afghanistan als das zu benennen, was er ist, müsste bei gezielten Liquidierungen die Staatsanwaltschaft einschreiten. Einmal war dies bereits der Fall, auch wenn keine Konsequenzen folgten. Grundsätzlich ist selbst die Einstufung derartiger Liquidierungsaktionen vor Gericht als Mord nicht auszuschließen, zumal dann, wenn Zivilisten zu Tode kommen. Dass in Berlin deswegen zwar Völkerrechtler bemüht werden, dass jedoch die umstrittene Eskalationsstrategie keineswegs eingestellt wird, lässt deutlich erkennen, was Afghanistan in den kommenden Monaten bevorsteht.

Weitere Berichte über die deutsche Afghanistan-Politik finden Sie hier: Vormarsch auf Kabul, Afghanistan sagt Danke, Kriegsabstimmung, Partner ohne Uniform, Hilfsgeld-Empfänger, Kriegsgebiet Südwestasien, Das Jahr der Entscheidung, Warlords, Krieg ist Frieden, Die Bomben von Kunduz, Killerteams, Verloren, Vorreiterin, Totalschaden, Im Partisanenkrieg und Strafexpeditionen.

[1] Zweifel an Gründen für Entlassung Schneiderhans; Spiegel Online 12.12.2009
[2] Geschichte einer tödlichen Nacht in Afghanistan; Welt Online 13.12.2009
[3] Mehr Befugnisse für Soldaten; Süddeutsche Zeitung 29.06.2009
[4] Geplante Eskalation vor den Präsidentschaftswahlen; Welt Online 23.07.2009
[5], [6] Neue Hinweise auf regierungsintern genehmigte Tötungsaktion im Fall Kundus; Leipziger Volkszeitung 12.12.2009
[7] U.S. Teams Weaken Insurgency In Iraq; The Washington Post 05.09.2008
[8] SAS kills hundreds of terrorists in 'secret war' against al-Qaeda in Iraq; The Sunday Telegraph 30.08.2008
[9] Kundus: Gezieltes Töten erlaubt? Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 13.12.2009

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