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Liebe
Leute,
vor
dem Hintergrund des G8-Gipfels in Heiligendamm (6.-8. Juni 07)
dokumentiere ich:
DIE
VERBRECHEN DES KAPITALISMUS UND DIE PERSPEKTIVEN DER MENSCHHEIT
Beitrag
der Kommunistischen Partei Griechenlands zu einer
theoretisch-politischen
Konferenz in Prag am 21. April 2007 (Auszüge)
Quelle:
Email von info@solidnet.org
von Mittwoch,
16. Mai 2007 12:55
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PLANWIRTSCHAFT
- AUF DER HÖHE DER ZEIT
Der
Einsatz moderner Computertechnologie und
Steuerungsverfahren
eröffnet neue Möglichkeiten
für
sozialistische Planung
Von
Helmut Dunkhase / Dieter Feuerstein*
Junge
Welt v. 10.01.2006, Seite 10
http://www.jungewelt.de/2006/01-10/003.php
[
2 ]
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Mit
internationalistischen Grüßen
Klaus
von Raussendorff
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Anti-Imperialistische
Korrespondenz (AIKor) -
Informationsdienst
der Vereinigung für Internationale Solidarität (VIS) e.V.,
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Klaus von Raussendorff
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1 ]
Quelle:
Email von info@solidnet.org
von Mittwoch,
16. Mai 2007 12:55
DIE
VERBRECHEN DES KAPITALISMUS UND
DIE
PERSPEKTIVEN DER MENSCHHEIT
Beitrag
der Kommunistischen Partei Griechenlands zu einer theoretisch-politischen
Konferenz in Prag am 21. April 2007 (Auszüge)
(…)
Wenn wir von den Verbrechen des Kapitalismus reden, können wir uns nicht
an die Kriterien des bürgerlichen Rechts und der bürgerlichen
Gerechtigkeit halten. Seine Verbrechen können dem Kapitalismus nicht
allein im Namen der „Freiheit“, „Demokratie“ und
„Menschenrechte“, d.h. im Namen der in bürgerlich-demokratischen
Revolutionen verkündet Ideen, zur Last gelegt werden. Steckte doch in
diesen Proklamationen ein objektiver Widerspruch. Politisch brachten sie
die fortschrittliche Rolle der Mittelklasse zum Ausdruck, als diese für
den Sturz des Feudalismus kämpfte. Aber ökonomisch bedeuteten sie durch
die Anerkennung der Heiligkeit des Rechts auf Privateigentum an den
Produktionsmitteln die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsverhältnisse.
Auf der Grundlage dieser Herrschaft und infolge der Ausbreitung
kapitalistischer Verhältnisse trat der Kapitalismus im späten 19.
Jahrhundert in sein imperialistisches Stadium und ging politisch zu einer
Reaktion auf der ganzen Linie über. Damit enthüllte sich auch der
Klassencharakter dieser Proklamationen: alles was mit Demokratie,
Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten zu tun hat, diente der
Bourgeoisie und nicht den Arbeitern. Diese Erkenntnis führte aber
objektiv auch dazu, die Illusion zu überwinden, diese Proklamationen hätten
einen universellen menschlichen Charakter, eine Illusion die in der Epoche
kultiviert worden war, als die Bourgeoisie als Stellvertreterin der ganzen
aus allen unterdrückten Klassen bestehenden Nation gegen den Feudalismus
auftrat.
Tatsache
ist allerdings, dass der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium,
in dem er seine reaktionäre Natur enthüllt, uns noch weiter zurückwirft
als diese bürgerlich republikanischen Proklamationen des 18. und 19.
Jahrhunderts, die ein natürlicher und integraler Teil seiner Entwicklung
waren.
Wo
sind die Ursprünge der “Verbrechen” des Kapitalismus zu suchen?
•
Im Wesen des Kapitalismus selbst, das heißt in der Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen aufgrund der Tatsache, dass die Mittel der
Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums, welcher durch die Arbeitskraft
von Millionen Menschen hervorgebracht wird, das Eigentum einer kleinen
Minderheit sind.
•
In dem Sachzwang, dass im Kapitalismus der Profit als Kriterium darüber
entscheidet, ob die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden oder nicht
und in welchem Umfang.
•
In der unerbittlichen Konkurrenz der Kapitalisten untereinander,
auf nationaler wie internationaler Ebene heute vor allem zwischen den
Monopolen um die Kontrolle der Märkte.
•
In dem Umstand, dass der bürgerliche Staat, um mit der objektiv
unausweichlichen Zunahme der Klassenkämpfe fertig zu werden,
unterschiedliche Maßnahmen gegen die Arbeiter- und Volksbewegungen sowie
gegen kommunistische Parteien ergreift.
•
In der Tatsache, dass die bürgerliche Ideologie eine reaktionäre
Rechtfertigung der Ausbeutung, der Unterdrückung und des Anti-Kommunismus
ist.
Betrachten
wir einige typische Beispiel aus der Geschichte des 20. Jahrhundert aber
auch aus den jüngsten Entwicklungen am Beginn des 21. Jahrhunderts.
A.
Der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium führte zu zwei
imperialistischen Kriegen mit Toten in der Größenordnung von 19.769.102
beziehungsweise 72.724.200 Opfern. Zwischen diesen beiden Kriegen enthüllte
der Anstieg des Faschismus in einer Reihe von Ländern als Vorbereitung
auf den neuen Krieg, der insbesondere darauf zielte, die UdSSR zu schlagen
und die Kommunistische Bewegung zu brechen, das ganze Ausmaß dessen, was
man als „Reaktion auf der ganzen Linie“ bezeichnet.
B.
Eine Reihe von Faktoren wie Konflikte zwischen Teilen der bürgerlichen
Klasse, imperialistische Konflikte zwischen imperialistischen Mächten,
die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Volksbewegungen und die alles
bestimmende Weiterentwicklung der kapitalistischen Strukturen führten zu
einer Reihe grausamer bürgerlicher Diktaturen in verschiedenen Ländern
der Welt: in Spanien, Portugal, Türkei, Brasilien, Chile, Argentinien und
anderen Ländern Lateinamerikas wie auch in Ländern Asiens und Afrikas.
In Griechenland erlebten wir eine siebenjährige Militärdiktatur (1967 -
74), die von einigen Bourgeoisien sowie von den wichtigsten
imperialistischen Zentren wie den USA unterstützt wurde; Sie trug in
Griechenland zur Entwicklung des Monopolkapitalismus bei und verübte
gnadenlose Verbrechen gegen die Bevölkerung.
C.
Interventionen mächtiger imperialistischer Zentren offen militärischer
Art sowie in Form von Geheimdienstaktivitäten erfolgten sowohl früher während
der 70jährigen Konfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus im
Gefolge der Oktoberrevolution als auch heute als Erscheinung des
zwischenimperialistischen Wettbewerbs um die Kontrolle der Energiemärkte
und -transportwege wie anderer natürlicher Ressourcen. Wir Griechen
hatten in den Jahren 1944-49 die
unmittelbare Erfahrung einer bewaffneten Intervention gegen die
Volksbewegung (durch Großbritannien und die USA). In diesem Bürgerkrieg
beginn die griechische Bourgeoisie mit der Unterstützung der Briten und
Amerikaner schwere Verbrechen gegen das griechische Volk. Es gab 150.000
Tote. 5000 wurden hingerichtet, 40.000 ins Exil getrieben, 1 Million
Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben, und 65.000 politische Flüchtlinge
mussten außer Landes gehen.
Zugleich
werden wir aufgrund unserer geographischen Lage auch durch
imperialistische Verbrechen gegen andere Völker in Mitleidenschaft
gezogen, gegen die Völker des Mittleren Ostens in Palästina, Libanon und
Irak, sodann gegen jenen Bevölkerungsteil in Zypern, der sich aufgrund
imperialistischer Machenschaften nun unter türkischer Besatzung befinden
und mit der Möglichkeit der Teilung des Landes konfrontiert sind, schließlich
gegen die Völker des ehemaligen Jugoslawien, die vor einigen Jahren Opfer
der imperialistischen NATO-Aggression wurden und nun unter der Plage des
Wiederaufflammens nationalistischer und chauvinistischer Konflikte zu
leiden haben, die durch die imperialistischen Zentren USA und EU geschürt
werden. Heute werden wir Zeugen der Vorbereitung einer neuen Serie von
Interventionen im Gefolge jener, die bereits gegen den Irak, Afghanistan
und Libanon im Gange sind. Inzwischen hat man auch mehrere andere Länder
ins Visier genommen (z.B. Syrien, Iran, die Demokratische Volksrepublik
Korea, Cuba usw.)
D.
Im ganzen Verlauf der Geschichte des Kapitalismus gibt es bezeichnende
Beispiele für brutale bürgerliche Unterdrückung von Volksbewegungen,
von den 3.000 toten Arbeitern der Revolution des Juni 1848 und den 15.000
abgeschlachteten Anhängern der Pariser Kommune von 1871 bis zu den
Zehntausenden, die von den militärischen und faschistischen Diktaturen
des 20. Jahrhunderts umgebracht wurden. Aber nicht allein in bürgerlichen
Diktaturen gibt es Unterdrückung sowie die Beschränkung die
demokratischer Rechte der Arbeiterklasse und der Massenbewegungen. Diese
waren auch in allen bürgerlichen Demokratien des 20. Jahrhunderts eine
verbreitete Erscheinung. Heute wird diese Unterdrückung auf den neuesten
Stand gebracht. Sie nimmt viele Formen an, darunter besonderen Praktiken,
die in einigen Ländern bereits getestet wurden (z.B. private Armeen und
Polizeikräfte nach dem Modell der paramilitärischen Todesschwadronen in
Lateinamerika). Die Operationen der EU, NATO und anderer internationaler
und regionaler imperialistischer Organisationen tragen dazu bei, die
Unterdrückungspolitik zu koordinieren, damit unter dem Vorwand des
„Terrorismus“ und der so genannten „asymmetrischen Bedrohung“ eine
vereinheitlichte Politik durchgesetzt werden kann. (…)
Berücksichtigen
wir zudem - ohne freilich zu behaupten, dass dies die alleinige Ursache
ist - auch die Funktion der kapitalistischen sozial-ökonomischen Verhältnisse
bei einer Reihe anderer sozialer Phänomene und Probleme wie der
Verbrechensrate, die sowohl mit wachsender Armut zusammenhängt als auch
unmittelbar mit dem organisierten Verbrechen, das eine charakteristische
Erscheinung der kapitalistischen Wirtschaft ist und mit dem Drogenhandel,
der Prostitution und dem „illegalem“ Waffenhandel zusammen hängt. Außerdem
beeinflussen kapitalistische ideologische Modelle die Persönlichkeitsentwicklung
junger Menschen sowie den zunehmenden Drogenkonsum junger Leute etc.
Die
Diskussion über die “verbrecherische” Natur des Kapitalismus steht
mit dem Kampf für seine Überwindung in einem unmittelbaren Zusammenhang,
jedenfalls nach unserer Meinung und im Unterschied zu Kräften vor allem
der Sozialdemokratie und der neuen Linken wie in Griechenland der
Synaspismos, die nach Möglichkeiten suchen, die scharfen Kanten des
Kapitalismus zu glätten und der Illusion anzuhängen, dass es vielleicht
eine Chance gibt, den kapitalistischen Profit mit den Interessen der
arbeitenden Menschen in Einklang zu bringen.
Um
gegen die anti-kommunistische Propaganda und Politik aufzutreten, die
danach trachtet, den Kommunismus als ein kriminelles System erscheinen zu
lassen, müssen wir die Überlegenheit des Sozialismus publizistisch
vertreten, und zwar sowohl hinsichtlich der Erfahrungen des 20.
Jahrhunderts, die mit dem Aufbau des Sozialismus - bei allen Schwächen
und Fehlern - in der UdSSR und
in Mittel- und Osteuropa gemacht wurde, als auch vor dem Hintergrund der
aktuellen Ereignisse auch aufgrund des realistischen Potentials des
Sozialismus als der heute einzigen Antwort auf die anhaltenden
kapitalistischen Verbrechen wirtschaftlicher und politischer Art gegen die
Arbeiterklasse.
Was
man als kommunistisches Verbrechen darzustellen versucht, ist der
revolutionäre Klassenkampf der arbeitenden Menschen und ihrer Verbündeten
gegen ihre Ausbeuter, ein Kampf, der geführt wird, um die Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen abzuschaffen statt sie zu verewigen.
Wir
sind überzeugt, dass der 90. Jahrestag der Oktoberrevolution, den wir in
einigen Monaten feiern werden, die Gelegenheit für eine große Kampagne
von Kommunistinnen und Kommunisten in ganz Europa sein sollte, um die
anti-kommunistische Kampagne zurückzuweisen, um die Notwendigkeit und
realistische Perspektive des Sozialismus aufzuzeigen und um das 21.
Jahrhundert zum Jahrhundert sozialistischer Revolutionen zu machen.
Übersetzung
aus dem Englischen: Klaus von Raussendorff
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2 ]
Junge
Welt v. 10.01.2006, Seite 10
http://www.jungewelt.de/2006/01-10/003.php
PLANWIRTSCHAFT
- AUF DER HÖHE DER ZEIT
Der
Einsatz moderner Computertechnologie und Steuerungsverfahren eröffnet
neue Möglichkeiten für sozialistische Planung
Von
Helmut Dunkhase / Dieter Feuerstein*
Markt
und Plan bilden einen Antagonismus. Zum Markt gehören untrennbar privat
und unabhängig voneinander produzierende Produzenten, deren Zusammenhang
durch den Tausch gestiftet wird. Der Tausch ist verbunden mit einem
Besitzerwechsel, und in seiner Realisierung nehmen die Produkte die Form
einer Ware an. Die gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeitquanten für
die Produkte bestimmen sich im nachhinein, gewaltsam. Das besorgt das
hinter dem Rücken der Agierenden wirkende Wertgesetz.
Die
komplementäre Aussage dazu: Zum Plan gehören untrennbar abhängig
voneinander produzierende Produzenten, deren Zusammenhang durch
Kooperation gestiftet wird. Die Kooperation ist nicht mit einem
Besitzerwechsel verbunden, und in Kooperation erzeugte Produkte nehmen
nicht die Form einer Ware an. Die gesellschaftlich notwendigen
Arbeitszeitquanten stehen von vornherein fest.
Planung
im Realsozialismus
Mit
den ersten Fünfjahrplänen und dem Pioniergeist der Stalinzeit wurden
gewaltige Erfolge erzielt. Doch mit zunehmender Differenzierung der
Volkswirtschaft reichte eine vom Bruttooutput ausgehende Planung nicht
mehr aus. Es mußte nach Wegen gesucht werden, die eine rationellere
Verteilung der Ressourcen und eine objektive Bewertung ökonomischer Vorgänge
gewährleisteten. Bahnbrechend in dieser Hinsicht waren die Arbeiten des
Mathematikers Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch, die 1938 ihren Ausgang
nahmen mit der praktischen Problemstellung, das beste Produktionsprogramm
für die Auslastung von Schälmaschinen einer Leningrader
Furnierholzfabrik zu finden und einen neuen Zweig der Mathematik begründeten:
die lineare Optimierung. Damit war der Typus einer Aufgabe gegeben, die »selbst
nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon
vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind«. (MEW
13, S. 9) Die wissenschaftliche Behandlung der Frage, wie »optimaler
Gebrauch von ökonomischen Ressourcen«1 gemacht wird, stellt sich in
einer Produktionsweise, in der der Blick immer auf das Ganze der
Volkswirtschaft gerichtet ist, eher, dringlicher und vor allem umfassender
als in einer Gesellschaft, in der das Verfolgen partikularer Interessen im
Mittelpunkt steht. Während die sowjetische Wissenschaft - im wahrsten
Sinne des Wortes - auf der Höhe der Zeit war und Weltmaßstäbe setzte,
galt dies weniger für den politisch-ideologischen Bereich. Neue
Planungsideen hatten mit Widerständen zu kämpfen, und noch die
Kybernetik wurde anfangs als »bürgerliche Wissenschaft« denunziert. So
kam es, daß in den Elfenbeintürmen der wissenschaftlichen Institute
wunderbare Modelle ausgebrütet wurden, während andererseits noch auf dem
XXI. Parteitag (1959) die schädlichen ökonomischen Auswirkungen der
weiterhin verbreiteten »Tonnenideologie« offenbar wurden. Lösungsversuche
gingen in die falsche Richtung: Die Liberman-Reformen in den 1960er Jahren
setzten auf die Autonomie der Einzelbetriebe und deren Profite als
entscheidende Kennziffer.
Es
gab aber auch objektive Gründe dafür, daß die wissenschaftliche
Beherrschung der Planwirtschaft nur rudimentär wirksam werden konnte.
Lineare Optimierung, die durchgängig ins Auge gefaßte Methode, um zu
einer effektiveren Planung zu gelangen, zeitigte sicherlich bedeutende
Erfolge bei der Materialausnutzung auf betrieblicher Ebene oder bei
bestimmten Aspekten der volkswirtschaftlichen Planung wie der Optimierung
von Transportwegen. Aber die Anforderungen an die Industrieplanung einer
gesamten Volkswirtschaft kontrastierten nicht nur mit der damals
vorhandenen rechentechnischen Basis (und wurden auf dieser Ebene auch
nicht ins Auge gefaßt), sondern auch mit der durch die Komplexität (im
präzisen algorithmischen Wortsinn) gesetzten objektiven Grenzen. Hinzu
kam noch das Problem des Mangels bzw. der schlechten Qualität von Daten.2
Es
ist davon auszugehen, daß die beschriebenen Probleme der Planrealisierung
die Diskussionen über Warenproduktion im Sozialismus/Kommunismus befördert
haben. Marx hat bekanntlich große Mühen darauf verwendet, die
historische Begrenztheit der Wertform zu zeigen, und es gibt wohl nur eine
einzige Stelle, in der Marx von Wert - genauer: Wertbestimmung, nicht
Wertform! - im Zusammenhang einer kommunistischen Gesellschaft spricht. (MEW
25, S. 859) Hatte Stalin 1952 noch auf dem Übergangscharakter der
Warenproduktion beharrt und darauf verwiesen, daß ihre Aufhebung
eigentlich nur an den unterschiedlichen Eigentumsformen in Industrie und
Landwirtschaft hapere3, sprach Ulbricht vom Sozialismus als einer »relativ
selbständigen sozialökonomischen Formation«, in der »Warenproduktion,
Wertgesetz, Preis und Gewinn (...) auf ihrer eigenen Grundlage« wirken.4
Die Notwendigkeit der Warenproduktion im Sozialismus wurde nicht mehr
abgeleitet aus der Existenz verschiedener Eigentumsformen, sondern aus dem
Stand der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, dem Charakter der Arbeit und
dem Entwicklungsstand des gesellschaftlichen Bewußtseins.5 Das Wertgesetz
wurde quasi offiziell zu einem Gesetz des Sozialismus erklärt.6 Damit gerät
man aber in ein Dilemma, wenn man gleichzeitig vom Plan nicht lassen will.
Denn das Wirken des Wertgesetzes ist untrennbar verbunden mit der Existenz
unabhängig voneinander produzierender Produzenten, deren Produkte im
Tausch auf dem Markt gesellschaftlich bewertet werden, während der Plan
im Gegensatz dazu durch Kooperation miteinander verbundene, voneinander
abhängige Produzenten voraussetzt. Je mehr Plan, desto weniger Wertgesetz
und umgekehrt. Dieses Dilemma zeigt sich am deutlichsten in der Festlegung
von Preisen. Über absurde Preisrelationen gab es bekanntlich viele
Geschichten zu erzählen. Versuche, wie etwa - im Zusammenhang des »Neuen
Ökonomischen Systems« - einen neuartigen »sozialistischen Preistyp«7
zu definieren, führten nicht weiter. Nachdem zunächst mehrmals hin- und
hergesprungen wird in der Versicherung, daß der Preis den Wert zur
Grundlage habe, andererseits aber auch planmäßig zustande käme, ohne daß
in irgendeiner Weise auf den Punkt gebracht wird, wie der Preis denn nun
bestimmt wird, wird schließlich ein »Prozeß der Annäherung des Preises
an den Wert« beschrieben, der auf den guten, alten Kostpreis hinausläuft
- nur daß man ihn in der Planwirtschaft nicht bestimmen kann! Dieser
gedankliche Wirrwarr ist nur als eine Folge des unbegriffenen Antagonismus
von Plan und Markt zu erklären und trug dazu bei, daß sich so weder die
(zerstörerische) Dynamik einer kapitalistischen Marktwirtschaft
wiederherstellen noch sich die Vorzüge einer sozialistischen
Planwirtschaft entfalten konnten.
Arbeitszeitrechnung
Man
muß sich entscheiden: Entweder der Preis wird durch das Wertgesetz
bestimmt, dann braucht man unabhängige Produzenten und einen freien
Markt; oder aber - wenn man sich für den Plan entscheidet - durch direkte
Messung des gesellschaftlichen Aufwands. Dazu kommt nur die
Arbeitszeitrechnung in Frage. Paul Cockshott und Allin Cottrell haben in
ihrem Buch »Alternativen aus dem Rechner. Plädoyer für sozialistische
Planung und direkte Demokratie« gezeigt, daß dies heute möglich ist.
Ihr Ansatzpunkt geht auf einen Vorschlag von Marx in der »Kritik des
Gothaer Programms« zurück, wonach der einzelne Arbeiter über das
Quantum gesellschaftlicher Arbeit, das er verausgabt hat, von der
Gesellschaft eine Bescheinigung, eine Arbeitsmarke, erhält, die ihn
berechtigt, dem gesellschaftlichen Vorrat an Konsumtionsmitteln diejenige
Menge zu entnehmen, die gerade dem verausgabten Arbeitsquantum entspricht.
Die Summe der ausgegebenen Arbeitsmarken muß der insgesamt verausgabten
lebendigen Arbeit entsprechen - minus der Abzüge für Akkumulation,
soziale Versorgung, usw. Arbeitsmarken sind kein Geld, sondern eher
vergleichbar mit Theaterkarten. Wenn sie benutzt werden, verfallen sie.
Sie zirkulieren nicht und können nicht so etwas wie Kapital bilden.
Anwendung
der Marxschen Arbeitswerttheorie auf den Kommunismus bedeutet, auf der
Grundlage der in den Produkten - wozu auch auch die Qualifikationen der
Produzenten gehören - enthaltenen Arbeitszeitquanten die Ökonomie zu
vermessen; oder: die ökonomische Verflechtung, die gesellschaftliche
Planung insgesamt, Haushaltsbilanzierung und Konsumtion mit
Arbeitszeitrechnung zu erfassen. Das Regime der abstrakten Arbeit bleibt
in dieser Ökonomie bestehen. Die Wertform der Produkte, der eine
warenproduzierende Gesellschaft bedarf, um das »proportionierte Maß« zu
finden, in der sich die Produkte austauschen, verschwindet jedoch. Das »proportionierte
Maß« wird direkt, durch Berechnung der in den Produkten enthaltenen
Arbeitszeitquanten bestimmt.
Das
technisch-wissenschaftliche Rüstzeug besteht zum einen in der
Input-Output-Analyse. Die Input-Output-Analyse ist eine Methode, die
Reproduktion eines ökonomischen Systems zu beschreiben, die von Wassily
Leontiew in Vorbereitung des ersten Fünfjahrplans begründet wurde. Das
sind Tafeln, aus denen die ökonomische Verflechtung hervorgeht. In den
Zeilen lassen sich die Outputs ablesen, die eine bestimmte Industrie an
andere liefert, und in den Spalten stehen dann entsprechend die Inputs,
die eine Industrie von den anderen erhält. Wenn die sogenannten
technischen Koeffizienten aij, die den Anteil des physischen Inputs von
Sektor i in Sektor j am (physischen) Bruttooutput des Sektors j ausdrücken,
bekannt sind, können die detaillierten Anforderungen an einen
konsistenten Plan berechnet werden. Input-Output-Analyse als solche ist
also überhaupt nichts Neues, neu ist nur die Anwendung auf Arbeitszeiten
und die gesamte Volkswirtschaft.
Zum
anderen besteht das technisch-wissenschaftliche Rüstzeug im Einsatz
moderner Computertechnologie. Fortschritte in der Hardware der
Rechnertechnologie haben Rückwirkungen auf die Entwicklung
wissenschaftlicher Verfahren. Insbesondere entstand mit der Algorithmik
ein eigenständiger Zweig der Computerwissenschaft. Solange die Berechnung
eines Plans Wochen oder Monate dauert, es also um die Bestimmung eines
Objekts geht, das für längere Zeit Gültigkeit besitzt, ist das
Herangehen als Optimierungsaufgabe wahrscheinlich zwingend. Das von
Cockshott und Cottrell vorgeschlagene Verfahren ist »robuster«. Die
Arbeitszeitquanten und die detaillierten Anforderungen an einen (nahezu)
konsistenten Plan werden durch iterative (d.h. einer sich schrittweise der
exakten Lösung annähernden) Auswertung der Input-Output-Tafeln bestimmt.
Dieses Verfahren ist zwar genauso statisch wie die lineare Optimierung;
aber dadurch, daß die Rechenzeit für einen Plandurchgang nur einige
Minuten beträgt, kann praktisch permanent auf Änderungen reagiert und
auf diese Weise die Optimierung »ersetzt« werden. Ferner ist ein
Algorithmus vorgesehen, der der Tatsache Rechnung trägt, daß die
Beschaffung der für die Herstellung des Plangleichgewichts errechneten Größen
des Gesamtoutputs den Zwängen eines begrenzten Vorrats an
Produktionsmitteln und Arbeitszeit unterliegt.8 Diese werden in dem Maße
relevant, wie kurzfristig sie auftreten und der Plan damit abgeändert
werden muß. Bei einem hinreichend großen Zeitrahmen bleibt - um der
Anforderung von z.B. mehr Elektroenergie zu genügen - letztlich nur der
Zwang des begrenzten Vorrats an Arbeitszeit und nicht erneuerbarer
Naturressourcen übrig. Dramatischer ist der Fall, daß unter einem
kurzfristigen Zwang der Planausgleich hergestellt werden muß. Dafür wird
die Technik künstlicher neuronaler Netze angewandt. Ein Nervensystem ist
wesentlich zusammengesetzt aus Nervenzellen (den Neuronen), deren
Dendriten Eingangsinformationen aufnehmen (Input), den Axonen, die
Ausgangssignale an andere Zellen weiterreichen (Output) und den Synapsen,
den Kontaktstellen zwischen den Neuronen, in denen die Informationen
gespeichert werden. Damit liegt die Analogie zu einer Input-Output-Tabelle
auf der Hand, wenn man noch dazu in Erinnerung bringt, daß die
technischen Koeffizienten ein Verhältnis zwischen je zwei Industrien
ausdrücken. »Lernziel« ist dabei das Erreichen maximaler Harmonie,
ausgedrückt durch eine »Harmoniefunktion«, die mathematisch ausdrückt,
daß die Harmonie nur wenig ansteigt, wenn die Outputgröße des
Endprodukts über das Planziel hinaus anwächst, jedoch stark abfällt,
wenn das Planziel unterboten wird.
Damit
entfallen heute die Einwände, die Kantorowitsch seinerzeit gegen die
Input-Output-Analyse erhob.9 Auch kann von fehlenden Daten nicht mehr die
Rede sein. Sie sind in den einzelnen Unternehmen vorhanden. Schon die
Organisation der Inputeinkäufe liefern ein Spiegelbild der benutzten
Technologien. Software des Herstellers SAP für alle Bereiche von
Produktion bis Kundenbetreuung ist heute in Groß- und Mittelbetrieben
weit verbreitet, und die Produktkodierung ist so weit voran geschritten,
daß jede Schraube eines Flugzeugs auf ihre Herkunft zurückverfolgt
werden kann.
Nutzwertanalyse
Eine
wichtige Rolle im Vorfeld der detaillierten Reproduktionsberechnung könnte
auch die viel zu wenig beachtete, von Christof Zangemeister begründete »Nutzwertanalyse«
spielen.10 Dieser sah die Schwächen bisheriger Steuerungs- und
Planungsverfahren im wesentlichen in ihrer eindimensionalen
Betrachtungsweise und der Reduktion auf »objektive« Parameter. Die
Entwicklung und Anwendung von Verfahren mit großen, ja sogar beliebig
umfangreichen Dimensionen geht einher mit der Entwicklung der digitalen
Revolution. Mit heutiger Rechengeschwindigkeit bestehen praktisch keine
Beschränkungen mehr; mit der Folge, daß komplexe Projektentscheidungen -
vornehmlich im technisch-wissenschaftlichen Umfeld mit mehrdimensionalen
Planungsverfahren realisiert werden.
Konnten
früher bei Projektalternativen nur über den Parameter »Kosten« mit der
Einheit Geld Aussagen getroffen werden, stehen in multidimensionalen
Verfahren nahezu alle physikalischen Parameter (z.B. Zeit, Gewicht,
Volumen, usw.) zur Verfügung. Diese werden in ein sogenanntes Zielsystem
eingebunden und gewichtet. Bei einer Entscheidung, welche Wohnung wir
mieten wollen, gehen wir ähnlich vor: Neben dem Mietpreis haben Parameter
wie Wohnfläche oder die Zeit, die wir brauchen, um zur Bushaltestelle zu
kommen, ebenso Entscheidungscharakter wie Lärmemission und
Sonneneinstrahlwinkel. Machen wir uns einmal grundsätzlich klar, daß wir
zwar alle gerne viel Platz hätten, andererseits mit zunehmender Wohnfläche
auch die Zeit zum Putzen und die Menge des Heizöls zunimmt, stellen wir
schnell fest, daß unser Zielerreichungsgrad im Hinblick auf den Parameter
Wohnfläche zunächst steigt, irgendwo sein Maximum erreicht und dann
wieder sinkt. Bei der Entfernung zum Arbeitsplatz verhält es sich nicht
anders. Wer möchte schon aus der Wohnungstür fallend gleich an der
Drehbank stehen? Bei diesem Beispiel wird schnell deutlich, daß wir es
hier zwar mit objektiven Größen zu tun haben, die aber individuell sehr
unterschiedlich gewichtet sind. Reden bei der Wohnungswahl noch
Partner/in, Schwiegervater und Kinder mit, wird unser kleines Beispiel
schon komplexer, denn jeder Mitentscheider hat sein eigenes, subjektives
Zielsystem.
Wer
letztlich wieviel zu sagen hat, muß deutlich benannt werden, geht
mathematisch über Gewichtungskoeffizienten in die Gesamtberechnung ein
und bietet somit die Voraussetzung für eine demokratische Gestaltung
dieser Alternativentscheidung. Immer dann, wenn nicht gerade der
Schwiegervater mit giftigem Blick und einer Anspielung auf sein Testament
die Sache bestimmt, sind solche transparenten Planungsverfahren ihrem
Wesen nach demokratisch.
Zu
einer klaren Aussage darüber, in welchem Maß sich die Lebensqualität
unserer Beispielfamilie je nach Alternativwohnung verbessert, kommen wir
erst dann, wenn wir unser Zielsystem auf den Ist-Zustand in gleicher Weise
anwenden, die Zielerreichungsgrade berechnen und vergleichen.
**************************************
Cockshott
- er gehört am 14. Januar 2006 zu den Referenten der
Rosa-Luxemburg-Konferenz - und Cottrell sehen es als Tragik an, daß in
der Sowjetunion in der Zeit nach dem Krieg, als es neben Skepsis und
Widerständen auch eine Offenheit gegenüber Bemühungen gab, mit den
fortgeschrittensten wissenschaftlichen Methoden den Planungsprozeß zu
vertiefen, die technischen Möglichkeiten tatsächlich sehr begrenzt
waren, und als diese technischen Möglichkeiten heranreiften, die Reise
immer mehr in Richtung Markt ging und schließlich kein Interesse mehr an
einer gesamtgesellschaftlichen, detaillierten Planung da war.
Heute
dürfte klar sein, daß nicht nur der Weg in Richtung Markt falsch war,
sondern auch, daß es nicht die theoretische Unmöglichkeit einer
effektiven Planwirtschaft, sondern »nur« eine Handvoll Shareholder ist,
die uns daran hindert, ein gesichertes und befreites Leben für alle zu führen,
die Verwirklichung des historisch Möglichen also eine praktische Frage
ist. Die Chávez-Regierung in Venezuela hat das erkannt: Das Ministerium für
Schwerindustrie ist dabei, das Buch von Cockshott und Cottrell ins
Spanische zu übersetzen, und für die dafür erforderlichen
Softwareimplementationen wird ein weltweites Open-Source-Projekt ins Leben
gerufen. Es lohnt sich also - auch und gerade bei uns - für politische
Machtverhältnisse zu kämpfen, die Konzepte wie die hier dargelegten
umzusetzen erlauben.
***********************************************************
*
Helmut Dunkhase ist Herausgeber des Buches von W. Paul Cockshott und Allin
Cottrell: »Alternativen aus dem Rechner. Plädoyer für sozialistische
Planwirtschaft und direkte Demokratie«, PapyRossa Verlag Köln, 2006, 18
Euro, ISBN 3-89438-345-3 (erscheint zur Rosa-Luxemburg-Konferenz am
14.1.2006). Weiteres Material: www.helmutdunkhase.de
*
Dieter Feuerstein arbeitet als Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik
in München
Anmerkungen:
1
Leonid W. Kantorowitsch, The Best Use of Economic Resources, Oxford
(Pergamon Press), 1965, ist die Zusammenfassung der Arbeiten des Autors
auf diesem Gebiet seit ihrem Beginn 1938 an der Leningrader Universität
2
ebd. S.139
3
Stalin, Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR, Berlin/DDR
(Dietz Verlag), 1952, S.17
4
Walter Ulbricht, Zum ökonomischen System des Sozialismus in der DDR,
Bd.2, Berlin 1968, S.530
5
Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR, Berlin
1969, S.264
6
ebd. S. 390
7
Ebd. S. 391
8
Paul Cockshott, Application of Artificial Intelligence Techniques to
Economic Planning, in: Future Computing Systems, Bd. 2, 1990, S.429-443
9
Kantorowitsch bemängelte, daß die Bewertung der Produkte nicht
befriedigend gelöst wird (die Berechnung der Arbeitsinhalte der Produkte
stand nicht zur Debatte), die Aggregation der Tafeln zu grob sei, um
befriedigende Lösungen zu finden und Planbeschränkungen nicht in
Betracht gezogen werden könnten (vgl. The Best Use of Economic Resources,
a.a.O., S.281)
10
Christof Zangemeister, Nutzwertanalyse in der Systemtechnik, München
(Wittmannsche Buchhandlung) 1970
****************************************************************
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N D E |