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Liebe Leute,

vor dem Hintergrund des G8-Gipfels in Heiligendamm (6.-8. Juni 07) dokumentiere ich:

DIE VERBRECHEN DES KAPITALISMUS UND DIE PERSPEKTIVEN DER MENSCHHEIT

Beitrag der Kommunistischen Partei Griechenlands zu einer

 theoretisch-politischen Konferenz in Prag am 21. April 2007 (Auszüge)

Quelle: Email von info@solidnet.org von Mittwoch, 16. Mai 2007 12:55
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PLANWIRTSCHAFT - AUF DER HÖHE DER ZEIT

Der Einsatz moderner Computertechnologie und

Steuerungsverfahren eröffnet neue Möglichkeiten

für sozialistische Planung

Von Helmut Dunkhase / Dieter Feuerstein*

Junge Welt v. 10.01.2006, Seite 10

http://www.jungewelt.de/2006/01-10/003.php

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Mit internationalistischen Grüßen

Klaus von Raussendorff

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Anti-Imperialistische Korrespondenz (AIKor) -

Informationsdienst der Vereinigung für Internationale Solidarität (VIS) e.V.,

Redaktion: Klaus von Raussendorff

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Quelle: Email von info@solidnet.org von Mittwoch, 16. Mai 2007 12:55

DIE VERBRECHEN DES KAPITALISMUS UND

DIE PERSPEKTIVEN DER MENSCHHEIT

Beitrag der Kommunistischen Partei Griechenlands zu einer theoretisch-politischen Konferenz in Prag am 21. April 2007 (Auszüge)

(…) Wenn wir von den Verbrechen des Kapitalismus reden, können wir uns nicht an die Kriterien des bürgerlichen Rechts und der bürgerlichen Gerechtigkeit halten. Seine Verbrechen können dem Kapitalismus nicht allein im Namen der „Freiheit“, „Demokratie“ und „Menschenrechte“, d.h. im Namen der in bürgerlich-demokratischen Revolutionen verkündet Ideen, zur Last gelegt werden. Steckte doch in diesen Proklamationen ein objektiver Widerspruch. Politisch brachten sie die fortschrittliche Rolle der Mittelklasse zum Ausdruck, als diese für den Sturz des Feudalismus kämpfte. Aber ökonomisch bedeuteten sie durch die Anerkennung der Heiligkeit des Rechts auf Privateigentum an den Produktionsmitteln die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Auf der Grundlage dieser Herrschaft und infolge der Ausbreitung kapitalistischer Verhältnisse trat der Kapitalismus im späten 19. Jahrhundert in sein imperialistisches Stadium und ging politisch zu einer Reaktion auf der ganzen Linie über. Damit enthüllte sich auch der Klassencharakter dieser Proklamationen: alles was mit Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten zu tun hat, diente der Bourgeoisie und nicht den Arbeitern. Diese Erkenntnis führte aber objektiv auch dazu, die Illusion zu überwinden, diese Proklamationen hätten einen universellen menschlichen Charakter, eine Illusion die in der Epoche kultiviert worden war, als die Bourgeoisie als Stellvertreterin der ganzen aus allen unterdrückten Klassen bestehenden Nation gegen den Feudalismus auftrat.

Tatsache ist allerdings, dass der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium, in dem er seine reaktionäre Natur enthüllt, uns noch weiter zurückwirft als diese bürgerlich republikanischen Proklamationen des 18. und 19. Jahrhunderts, die ein natürlicher und integraler Teil seiner Entwicklung waren.

Wo sind die Ursprünge der “Verbrechen” des Kapitalismus zu suchen?

          Im Wesen des Kapitalismus selbst, das heißt in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufgrund der Tatsache, dass die Mittel der Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums, welcher durch die Arbeitskraft von Millionen Menschen hervorgebracht wird, das Eigentum einer kleinen Minderheit sind.

          In dem Sachzwang, dass im Kapitalismus der Profit als Kriterium darüber entscheidet, ob die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden oder nicht und in welchem Umfang.

          In der unerbittlichen Konkurrenz der Kapitalisten untereinander, auf nationaler wie internationaler Ebene heute vor allem zwischen den Monopolen um die Kontrolle der Märkte.

          In dem Umstand, dass der bürgerliche Staat, um mit der objektiv unausweichlichen Zunahme der Klassenkämpfe fertig zu werden, unterschiedliche Maßnahmen gegen die Arbeiter- und Volksbewegungen sowie gegen kommunistische Parteien ergreift.

          In der Tatsache, dass die bürgerliche Ideologie eine reaktionäre Rechtfertigung der Ausbeutung, der Unterdrückung und des Anti-Kommunismus ist.

Betrachten wir einige typische Beispiel aus der Geschichte des 20. Jahrhundert aber auch aus den jüngsten Entwicklungen am Beginn des 21. Jahrhunderts.

A. Der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium führte zu zwei imperialistischen Kriegen mit Toten in der Größenordnung von 19.769.102 beziehungsweise 72.724.200 Opfern. Zwischen diesen beiden Kriegen enthüllte der Anstieg des Faschismus in einer Reihe von Ländern als Vorbereitung auf den neuen Krieg, der insbesondere darauf zielte, die UdSSR zu schlagen und die Kommunistische Bewegung zu brechen, das ganze Ausmaß dessen, was man als „Reaktion auf der ganzen Linie“ bezeichnet.

B. Eine Reihe von Faktoren wie Konflikte zwischen Teilen der bürgerlichen Klasse, imperialistische Konflikte zwischen imperialistischen Mächten, die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Volksbewegungen und die alles bestimmende Weiterentwicklung der kapitalistischen Strukturen führten zu einer Reihe grausamer bürgerlicher Diktaturen in verschiedenen Ländern der Welt: in Spanien, Portugal, Türkei, Brasilien, Chile, Argentinien und anderen Ländern Lateinamerikas wie auch in Ländern Asiens und Afrikas. In Griechenland erlebten wir eine siebenjährige Militärdiktatur (1967 - 74), die von einigen Bourgeoisien sowie von den wichtigsten imperialistischen Zentren wie den USA unterstützt wurde; Sie trug in Griechenland zur Entwicklung des Monopolkapitalismus bei und verübte gnadenlose Verbrechen gegen die Bevölkerung.

C. Interventionen mächtiger imperialistischer Zentren offen militärischer Art sowie in Form von Geheimdienstaktivitäten erfolgten sowohl früher während der 70jährigen Konfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus im Gefolge der Oktoberrevolution als auch heute als Erscheinung des zwischenimperialistischen Wettbewerbs um die Kontrolle der Energiemärkte und -transportwege wie anderer natürlicher Ressourcen. Wir Griechen hatten in den Jahren 1944-49  die unmittelbare Erfahrung einer bewaffneten Intervention gegen die Volksbewegung (durch Großbritannien und die USA). In diesem Bürgerkrieg beginn die griechische Bourgeoisie mit der Unterstützung der Briten und Amerikaner schwere Verbrechen gegen das griechische Volk. Es gab 150.000 Tote. 5000 wurden hingerichtet, 40.000 ins Exil getrieben, 1 Million Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben, und 65.000 politische Flüchtlinge mussten außer Landes gehen.

Zugleich werden wir aufgrund unserer geographischen Lage auch durch imperialistische Verbrechen gegen andere Völker in Mitleidenschaft gezogen, gegen die Völker des Mittleren Ostens in Palästina, Libanon und Irak, sodann gegen jenen Bevölkerungsteil in Zypern, der sich aufgrund imperialistischer Machenschaften nun unter türkischer Besatzung befinden und mit der Möglichkeit der Teilung des Landes konfrontiert sind, schließlich gegen die Völker des ehemaligen Jugoslawien, die vor einigen Jahren Opfer der imperialistischen NATO-Aggression wurden und nun unter der Plage des Wiederaufflammens nationalistischer und chauvinistischer Konflikte zu leiden haben, die durch die imperialistischen Zentren USA und EU geschürt werden. Heute werden wir Zeugen der Vorbereitung einer neuen Serie von Interventionen im Gefolge jener, die bereits gegen den Irak, Afghanistan und Libanon im Gange sind. Inzwischen hat man auch mehrere andere Länder ins Visier genommen (z.B. Syrien, Iran, die Demokratische Volksrepublik Korea, Cuba usw.)

D. Im ganzen Verlauf der Geschichte des Kapitalismus gibt es bezeichnende Beispiele für brutale bürgerliche Unterdrückung von Volksbewegungen, von den 3.000 toten Arbeitern der Revolution des Juni 1848 und den 15.000 abgeschlachteten Anhängern der Pariser Kommune von 1871 bis zu den Zehntausenden, die von den militärischen und faschistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts umgebracht wurden. Aber nicht allein in bürgerlichen Diktaturen gibt es Unterdrückung sowie die Beschränkung die demokratischer Rechte der Arbeiterklasse und der Massenbewegungen. Diese waren auch in allen bürgerlichen Demokratien des 20. Jahrhunderts eine verbreitete Erscheinung. Heute wird diese Unterdrückung auf den neuesten Stand gebracht. Sie nimmt viele Formen an, darunter besonderen Praktiken, die in einigen Ländern bereits getestet wurden (z.B. private Armeen und Polizeikräfte nach dem Modell der paramilitärischen Todesschwadronen in Lateinamerika). Die Operationen der EU, NATO und anderer internationaler und regionaler imperialistischer Organisationen tragen dazu bei, die Unterdrückungspolitik zu koordinieren, damit unter dem Vorwand des „Terrorismus“ und der so genannten „asymmetrischen Bedrohung“ eine vereinheitlichte Politik durchgesetzt werden kann. (…)

Berücksichtigen wir zudem - ohne freilich zu behaupten, dass dies die alleinige Ursache ist - auch die Funktion der kapitalistischen sozial-ökonomischen Verhältnisse bei einer Reihe anderer sozialer Phänomene und Probleme wie der Verbrechensrate, die sowohl mit wachsender Armut zusammenhängt als auch unmittelbar mit dem organisierten Verbrechen, das eine charakteristische Erscheinung der kapitalistischen Wirtschaft ist und mit dem Drogenhandel, der Prostitution und dem „illegalem“ Waffenhandel zusammen hängt. Außerdem beeinflussen kapitalistische ideologische Modelle die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen sowie den zunehmenden Drogenkonsum junger Leute etc.

Die Diskussion über die “verbrecherische” Natur des Kapitalismus steht mit dem Kampf für seine Überwindung in einem unmittelbaren Zusammenhang, jedenfalls nach unserer Meinung und im Unterschied zu Kräften vor allem der Sozialdemokratie und der neuen Linken wie in Griechenland der Synaspismos, die nach Möglichkeiten suchen, die scharfen Kanten des Kapitalismus zu glätten und der Illusion anzuhängen, dass es vielleicht eine Chance gibt, den kapitalistischen Profit mit den Interessen der arbeitenden Menschen in Einklang zu bringen.

Um gegen die anti-kommunistische Propaganda und Politik aufzutreten, die danach trachtet, den Kommunismus als ein kriminelles System erscheinen zu lassen, müssen wir die Überlegenheit des Sozialismus publizistisch vertreten, und zwar sowohl hinsichtlich der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die mit dem Aufbau des Sozialismus - bei allen Schwächen und Fehlern -  in der UdSSR und in Mittel- und Osteuropa gemacht wurde, als auch vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse auch aufgrund des realistischen Potentials des Sozialismus als der heute einzigen Antwort auf die anhaltenden kapitalistischen Verbrechen wirtschaftlicher und politischer Art gegen die Arbeiterklasse.

Was man als kommunistisches Verbrechen darzustellen versucht, ist der revolutionäre Klassenkampf der arbeitenden Menschen und ihrer Verbündeten gegen ihre Ausbeuter, ein Kampf, der geführt wird, um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen statt sie zu verewigen.

Wir sind überzeugt, dass der 90. Jahrestag der Oktoberrevolution, den wir in einigen Monaten feiern werden, die Gelegenheit für eine große Kampagne von Kommunistinnen und Kommunisten in ganz Europa sein sollte, um die anti-kommunistische Kampagne zurückzuweisen, um die Notwendigkeit und realistische Perspektive des Sozialismus aufzuzeigen und um das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert sozialistischer Revolutionen zu machen.

Übersetzung aus dem Englischen: Klaus von Raussendorff

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Junge Welt v. 10.01.2006, Seite 10

http://www.jungewelt.de/2006/01-10/003.php

PLANWIRTSCHAFT - AUF DER HÖHE DER ZEIT

Der Einsatz moderner Computertechnologie und Steuerungsverfahren eröffnet neue Möglichkeiten für sozialistische Planung

Von Helmut Dunkhase / Dieter Feuerstein*

Markt und Plan bilden einen Antagonismus. Zum Markt gehören untrennbar privat und unabhängig voneinander produzierende Produzenten, deren Zusammenhang durch den Tausch gestiftet wird. Der Tausch ist verbunden mit einem Besitzerwechsel, und in seiner Realisierung nehmen die Produkte die Form einer Ware an. Die gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeitquanten für die Produkte bestimmen sich im nachhinein, gewaltsam. Das besorgt das hinter dem Rücken der Agierenden wirkende Wertgesetz.

Die komplementäre Aussage dazu: Zum Plan gehören untrennbar abhängig voneinander produzierende Produzenten, deren Zusammenhang durch Kooperation gestiftet wird. Die Kooperation ist nicht mit einem Besitzerwechsel verbunden, und in Kooperation erzeugte Produkte nehmen nicht die Form einer Ware an. Die gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeitquanten stehen von vornherein fest.

Planung im Realsozialismus

Mit den ersten Fünfjahrplänen und dem Pioniergeist der Stalinzeit wurden gewaltige Erfolge erzielt. Doch mit zunehmender Differenzierung der Volkswirtschaft reichte eine vom Bruttooutput ausgehende Planung nicht mehr aus. Es mußte nach Wegen gesucht werden, die eine rationellere Verteilung der Ressourcen und eine objektive Bewertung ökonomischer Vorgänge gewährleisteten. Bahnbrechend in dieser Hinsicht waren die Arbeiten des Mathematikers Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch, die 1938 ihren Ausgang nahmen mit der praktischen Problemstellung, das beste Produktionsprogramm für die Auslastung von Schälmaschinen einer Leningrader Furnierholzfabrik zu finden und einen neuen Zweig der Mathematik begründeten: die lineare Optimierung. Damit war der Typus einer Aufgabe gegeben, die »selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind«. (MEW 13, S. 9) Die wissenschaftliche Behandlung der Frage, wie »optimaler Gebrauch von ökonomischen Ressourcen«1 gemacht wird, stellt sich in einer Produktionsweise, in der der Blick immer auf das Ganze der Volkswirtschaft gerichtet ist, eher, dringlicher und vor allem umfassender als in einer Gesellschaft, in der das Verfolgen partikularer Interessen im Mittelpunkt steht. Während die sowjetische Wissenschaft - im wahrsten Sinne des Wortes - auf der Höhe der Zeit war und Weltmaßstäbe setzte, galt dies weniger für den politisch-ideologischen Bereich. Neue Planungsideen hatten mit Widerständen zu kämpfen, und noch die Kybernetik wurde anfangs als »bürgerliche Wissenschaft« denunziert. So kam es, daß in den Elfenbeintürmen der wissenschaftlichen Institute wunderbare Modelle ausgebrütet wurden, während andererseits noch auf dem XXI. Parteitag (1959) die schädlichen ökonomischen Auswirkungen der weiterhin verbreiteten »Tonnenideologie« offenbar wurden. Lösungsversuche gingen in die falsche Richtung: Die Liberman-Reformen in den 1960er Jahren setzten auf die Autonomie der Einzelbetriebe und deren Profite als entscheidende Kennziffer.

Es gab aber auch objektive Gründe dafür, daß die wissenschaftliche Beherrschung der Planwirtschaft nur rudimentär wirksam werden konnte. Lineare Optimierung, die durchgängig ins Auge gefaßte Methode, um zu einer effektiveren Planung zu gelangen, zeitigte sicherlich bedeutende Erfolge bei der Materialausnutzung auf betrieblicher Ebene oder bei bestimmten Aspekten der volkswirtschaftlichen Planung wie der Optimierung von Transportwegen. Aber die Anforderungen an die Industrieplanung einer gesamten Volkswirtschaft kontrastierten nicht nur mit der damals vorhandenen rechentechnischen Basis (und wurden auf dieser Ebene auch nicht ins Auge gefaßt), sondern auch mit der durch die Komplexität (im präzisen algorithmischen Wortsinn) gesetzten objektiven Grenzen. Hinzu kam noch das Problem des Mangels bzw. der schlechten Qualität von Daten.2

Es ist davon auszugehen, daß die beschriebenen Probleme der Planrealisierung die Diskussionen über Warenproduktion im Sozialismus/Kommunismus befördert haben. Marx hat bekanntlich große Mühen darauf verwendet, die historische Begrenztheit der Wertform zu zeigen, und es gibt wohl nur eine einzige Stelle, in der Marx von Wert - genauer: Wertbestimmung, nicht Wertform! - im Zusammenhang einer kommunistischen Gesellschaft spricht. (MEW 25, S. 859) Hatte Stalin 1952 noch auf dem Übergangscharakter der Warenproduktion beharrt und darauf verwiesen, daß ihre Aufhebung eigentlich nur an den unterschiedlichen Eigentumsformen in Industrie und Landwirtschaft hapere3, sprach Ulbricht vom Sozialismus als einer »relativ selbständigen sozialökonomischen Formation«, in der »Warenproduktion, Wertgesetz, Preis und Gewinn (...) auf ihrer eigenen Grundlage« wirken.4 Die Notwendigkeit der Warenproduktion im Sozialismus wurde nicht mehr abgeleitet aus der Existenz verschiedener Eigentumsformen, sondern aus dem Stand der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, dem Charakter der Arbeit und dem Entwicklungsstand des gesellschaftlichen Bewußtseins.5 Das Wertgesetz wurde quasi offiziell zu einem Gesetz des Sozialismus erklärt.6 Damit gerät man aber in ein Dilemma, wenn man gleichzeitig vom Plan nicht lassen will. Denn das Wirken des Wertgesetzes ist untrennbar verbunden mit der Existenz unabhängig voneinander produzierender Produzenten, deren Produkte im Tausch auf dem Markt gesellschaftlich bewertet werden, während der Plan im Gegensatz dazu durch Kooperation miteinander verbundene, voneinander abhängige Produzenten voraussetzt. Je mehr Plan, desto weniger Wertgesetz und umgekehrt. Dieses Dilemma zeigt sich am deutlichsten in der Festlegung von Preisen. Über absurde Preisrelationen gab es bekanntlich viele Geschichten zu erzählen. Versuche, wie etwa - im Zusammenhang des »Neuen Ökonomischen Systems« - einen neuartigen »sozialistischen Preistyp«7 zu definieren, führten nicht weiter. Nachdem zunächst mehrmals hin- und hergesprungen wird in der Versicherung, daß der Preis den Wert zur Grundlage habe, andererseits aber auch planmäßig zustande käme, ohne daß in irgendeiner Weise auf den Punkt gebracht wird, wie der Preis denn nun bestimmt wird, wird schließlich ein »Prozeß der Annäherung des Preises an den Wert« beschrieben, der auf den guten, alten Kostpreis hinausläuft - nur daß man ihn in der Planwirtschaft nicht bestimmen kann! Dieser gedankliche Wirrwarr ist nur als eine Folge des unbegriffenen Antagonismus von Plan und Markt zu erklären und trug dazu bei, daß sich so weder die (zerstörerische) Dynamik einer kapitalistischen Marktwirtschaft wiederherstellen noch sich die Vorzüge einer sozialistischen Planwirtschaft entfalten konnten.

Arbeitszeitrechnung

Man muß sich entscheiden: Entweder der Preis wird durch das Wertgesetz bestimmt, dann braucht man unabhängige Produzenten und einen freien Markt; oder aber - wenn man sich für den Plan entscheidet - durch direkte Messung des gesellschaftlichen Aufwands. Dazu kommt nur die Arbeitszeitrechnung in Frage. Paul Cockshott und Allin Cottrell haben in ihrem Buch »Alternativen aus dem Rechner. Plädoyer für sozialistische Planung und direkte Demokratie« gezeigt, daß dies heute möglich ist. Ihr Ansatzpunkt geht auf einen Vorschlag von Marx in der »Kritik des Gothaer Programms« zurück, wonach der einzelne Arbeiter über das Quantum gesellschaftlicher Arbeit, das er verausgabt hat, von der Gesellschaft eine Bescheinigung, eine Arbeitsmarke, erhält, die ihn berechtigt, dem gesellschaftlichen Vorrat an Konsumtionsmitteln diejenige Menge zu entnehmen, die gerade dem verausgabten Arbeitsquantum entspricht. Die Summe der ausgegebenen Arbeitsmarken muß der insgesamt verausgabten lebendigen Arbeit entsprechen - minus der Abzüge für Akkumulation, soziale Versorgung, usw. Arbeitsmarken sind kein Geld, sondern eher vergleichbar mit Theaterkarten. Wenn sie benutzt werden, verfallen sie. Sie zirkulieren nicht und können nicht so etwas wie Kapital bilden.

Anwendung der Marxschen Arbeitswerttheorie auf den Kommunismus bedeutet, auf der Grundlage der in den Produkten - wozu auch auch die Qualifikationen der Produzenten gehören - enthaltenen Arbeitszeitquanten die Ökonomie zu vermessen; oder: die ökonomische Verflechtung, die gesellschaftliche Planung insgesamt, Haushaltsbilanzierung und Konsumtion mit Arbeitszeitrechnung zu erfassen. Das Regime der abstrakten Arbeit bleibt in dieser Ökonomie bestehen. Die Wertform der Produkte, der eine warenproduzierende Gesellschaft bedarf, um das »proportionierte Maß« zu finden, in der sich die Produkte austauschen, verschwindet jedoch. Das »proportionierte Maß« wird direkt, durch Berechnung der in den Produkten enthaltenen Arbeitszeitquanten bestimmt.

Das technisch-wissenschaftliche Rüstzeug besteht zum einen in der Input-Output-Analyse. Die Input-Output-Analyse ist eine Methode, die Reproduktion eines ökonomischen Systems zu beschreiben, die von Wassily Leontiew in Vorbereitung des ersten Fünfjahrplans begründet wurde. Das sind Tafeln, aus denen die ökonomische Verflechtung hervorgeht. In den Zeilen lassen sich die Outputs ablesen, die eine bestimmte Industrie an andere liefert, und in den Spalten stehen dann entsprechend die Inputs, die eine Industrie von den anderen erhält. Wenn die sogenannten technischen Koeffizienten aij, die den Anteil des physischen Inputs von Sektor i in Sektor j am (physischen) Bruttooutput des Sektors j ausdrücken, bekannt sind, können die detaillierten Anforderungen an einen konsistenten Plan berechnet werden. Input-Output-Analyse als solche ist also überhaupt nichts Neues, neu ist nur die Anwendung auf Arbeitszeiten und die gesamte Volkswirtschaft.

Zum anderen besteht das technisch-wissenschaftliche Rüstzeug im Einsatz moderner Computertechnologie. Fortschritte in der Hardware der Rechnertechnologie haben Rückwirkungen auf die Entwicklung wissenschaftlicher Verfahren. Insbesondere entstand mit der Algorithmik ein eigenständiger Zweig der Computerwissenschaft. Solange die Berechnung eines Plans Wochen oder Monate dauert, es also um die Bestimmung eines Objekts geht, das für längere Zeit Gültigkeit besitzt, ist das Herangehen als Optimierungsaufgabe wahrscheinlich zwingend. Das von Cockshott und Cottrell vorgeschlagene Verfahren ist »robuster«. Die Arbeitszeitquanten und die detaillierten Anforderungen an einen (nahezu) konsistenten Plan werden durch iterative (d.h. einer sich schrittweise der exakten Lösung annähernden) Auswertung der Input-Output-Tafeln bestimmt. Dieses Verfahren ist zwar genauso statisch wie die lineare Optimierung; aber dadurch, daß die Rechenzeit für einen Plandurchgang nur einige Minuten beträgt, kann praktisch permanent auf Änderungen reagiert und auf diese Weise die Optimierung »ersetzt« werden. Ferner ist ein Algorithmus vorgesehen, der der Tatsache Rechnung trägt, daß die Beschaffung der für die Herstellung des Plangleichgewichts errechneten Größen des Gesamtoutputs den Zwängen eines begrenzten Vorrats an Produktionsmitteln und Arbeitszeit unterliegt.8 Diese werden in dem Maße relevant, wie kurzfristig sie auftreten und der Plan damit abgeändert werden muß. Bei einem hinreichend großen Zeitrahmen bleibt - um der Anforderung von z.B. mehr Elektroenergie zu genügen - letztlich nur der Zwang des begrenzten Vorrats an Arbeitszeit und nicht erneuerbarer Naturressourcen übrig. Dramatischer ist der Fall, daß unter einem kurzfristigen Zwang der Planausgleich hergestellt werden muß. Dafür wird die Technik künstlicher neuronaler Netze angewandt. Ein Nervensystem ist wesentlich zusammengesetzt aus Nervenzellen (den Neuronen), deren Dendriten Eingangsinformationen aufnehmen (Input), den Axonen, die Ausgangssignale an andere Zellen weiterreichen (Output) und den Synapsen, den Kontaktstellen zwischen den Neuronen, in denen die Informationen gespeichert werden. Damit liegt die Analogie zu einer Input-Output-Tabelle auf der Hand, wenn man noch dazu in Erinnerung bringt, daß die technischen Koeffizienten ein Verhältnis zwischen je zwei Industrien ausdrücken. »Lernziel« ist dabei das Erreichen maximaler Harmonie, ausgedrückt durch eine »Harmoniefunktion«, die mathematisch ausdrückt, daß die Harmonie nur wenig ansteigt, wenn die Outputgröße des Endprodukts über das Planziel hinaus anwächst, jedoch stark abfällt, wenn das Planziel unterboten wird.

Damit entfallen heute die Einwände, die Kantorowitsch seinerzeit gegen die Input-Output-Analyse erhob.9 Auch kann von fehlenden Daten nicht mehr die Rede sein. Sie sind in den einzelnen Unternehmen vorhanden. Schon die Organisation der Inputeinkäufe liefern ein Spiegelbild der benutzten Technologien. Software des Herstellers SAP für alle Bereiche von Produktion bis Kundenbetreuung ist heute in Groß- und Mittelbetrieben weit verbreitet, und die Produktkodierung ist so weit voran geschritten, daß jede Schraube eines Flugzeugs auf ihre Herkunft zurückverfolgt werden kann.

Nutzwertanalyse

Eine wichtige Rolle im Vorfeld der detaillierten Reproduktionsberechnung könnte auch die viel zu wenig beachtete, von Christof Zangemeister begründete »Nutzwertanalyse« spielen.10 Dieser sah die Schwächen bisheriger Steuerungs- und Planungsverfahren im wesentlichen in ihrer eindimensionalen Betrachtungsweise und der Reduktion auf »objektive« Parameter. Die Entwicklung und Anwendung von Verfahren mit großen, ja sogar beliebig umfangreichen Dimensionen geht einher mit der Entwicklung der digitalen Revolution. Mit heutiger Rechengeschwindigkeit bestehen praktisch keine Beschränkungen mehr; mit der Folge, daß komplexe Projektentscheidungen - vornehmlich im technisch-wissenschaftlichen Umfeld mit mehrdimensionalen Planungsverfahren realisiert werden.

Konnten früher bei Projektalternativen nur über den Parameter »Kosten« mit der Einheit Geld Aussagen getroffen werden, stehen in multidimensionalen Verfahren nahezu alle physikalischen Parameter (z.B. Zeit, Gewicht, Volumen, usw.) zur Verfügung. Diese werden in ein sogenanntes Zielsystem eingebunden und gewichtet. Bei einer Entscheidung, welche Wohnung wir mieten wollen, gehen wir ähnlich vor: Neben dem Mietpreis haben Parameter wie Wohnfläche oder die Zeit, die wir brauchen, um zur Bushaltestelle zu kommen, ebenso Entscheidungscharakter wie Lärmemission und Sonneneinstrahlwinkel. Machen wir uns einmal grundsätzlich klar, daß wir zwar alle gerne viel Platz hätten, andererseits mit zunehmender Wohnfläche auch die Zeit zum Putzen und die Menge des Heizöls zunimmt, stellen wir schnell fest, daß unser Zielerreichungsgrad im Hinblick auf den Parameter Wohnfläche zunächst steigt, irgendwo sein Maximum erreicht und dann wieder sinkt. Bei der Entfernung zum Arbeitsplatz verhält es sich nicht anders. Wer möchte schon aus der Wohnungstür fallend gleich an der Drehbank stehen? Bei diesem Beispiel wird schnell deutlich, daß wir es hier zwar mit objektiven Größen zu tun haben, die aber individuell sehr unterschiedlich gewichtet sind. Reden bei der Wohnungswahl noch Partner/in, Schwiegervater und Kinder mit, wird unser kleines Beispiel schon komplexer, denn jeder Mitentscheider hat sein eigenes, subjektives Zielsystem.

Wer letztlich wieviel zu sagen hat, muß deutlich benannt werden, geht mathematisch über Gewichtungskoeffizienten in die Gesamtberechnung ein und bietet somit die Voraussetzung für eine demokratische Gestaltung dieser Alternativentscheidung. Immer dann, wenn nicht gerade der Schwiegervater mit giftigem Blick und einer Anspielung auf sein Testament die Sache bestimmt, sind solche transparenten Planungsverfahren ihrem Wesen nach demokratisch.

Zu einer klaren Aussage darüber, in welchem Maß sich die Lebensqualität unserer Beispielfamilie je nach Alternativwohnung verbessert, kommen wir erst dann, wenn wir unser Zielsystem auf den Ist-Zustand in gleicher Weise anwenden, die Zielerreichungsgrade berechnen und vergleichen.

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Cockshott - er gehört am 14. Januar 2006 zu den Referenten der Rosa-Luxemburg-Konferenz - und Cottrell sehen es als Tragik an, daß in der Sowjetunion in der Zeit nach dem Krieg, als es neben Skepsis und Widerständen auch eine Offenheit gegenüber Bemühungen gab, mit den fortgeschrittensten wissenschaftlichen Methoden den Planungsprozeß zu vertiefen, die technischen Möglichkeiten tatsächlich sehr begrenzt waren, und als diese technischen Möglichkeiten heranreiften, die Reise immer mehr in Richtung Markt ging und schließlich kein Interesse mehr an einer gesamtgesellschaftlichen, detaillierten Planung da war.

Heute dürfte klar sein, daß nicht nur der Weg in Richtung Markt falsch war, sondern auch, daß es nicht die theoretische Unmöglichkeit einer effektiven Planwirtschaft, sondern »nur« eine Handvoll Shareholder ist, die uns daran hindert, ein gesichertes und befreites Leben für alle zu führen, die Verwirklichung des historisch Möglichen also eine praktische Frage ist. Die Chávez-Regierung in Venezuela hat das erkannt: Das Ministerium für Schwerindustrie ist dabei, das Buch von Cockshott und Cottrell ins Spanische zu übersetzen, und für die dafür erforderlichen Softwareimplementationen wird ein weltweites Open-Source-Projekt ins Leben gerufen. Es lohnt sich also - auch und gerade bei uns - für politische Machtverhältnisse zu kämpfen, die Konzepte wie die hier dargelegten umzusetzen erlauben.

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* Helmut Dunkhase ist Herausgeber des Buches von W. Paul Cockshott und Allin Cottrell: »Alternativen aus dem Rechner. Plädoyer für sozialistische Planwirtschaft und direkte Demokratie«, PapyRossa Verlag Köln, 2006, 18 Euro, ISBN 3-89438-345-3 (erscheint zur Rosa-Luxemburg-Konferenz am 14.1.2006). Weiteres Material: www.helmutdunkhase.de

* Dieter Feuerstein arbeitet als Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik in München

Anmerkungen:

1 Leonid W. Kantorowitsch, The Best Use of Economic Resources, Oxford (Pergamon Press), 1965, ist die Zusammenfassung der Arbeiten des Autors auf diesem Gebiet seit ihrem Beginn 1938 an der Leningrader Universität

2 ebd. S.139

3 Stalin, Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR, Berlin/DDR (Dietz Verlag), 1952, S.17

4 Walter Ulbricht, Zum ökonomischen System des Sozialismus in der DDR, Bd.2, Berlin 1968, S.530

5 Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR, Berlin 1969, S.264

6 ebd. S. 390

7 Ebd. S. 391

8 Paul Cockshott, Application of Artificial Intelligence Techniques to Economic Planning, in: Future Computing Systems, Bd. 2, 1990, S.429-443

9 Kantorowitsch bemängelte, daß die Bewertung der Produkte nicht befriedigend gelöst wird (die Berechnung der Arbeitsinhalte der Produkte stand nicht zur Debatte), die Aggregation der Tafeln zu grob sei, um befriedigende Lösungen zu finden und Planbeschränkungen nicht in Betracht gezogen werden könnten (vgl. The Best Use of Economic Resources, a.a.O., S.281)

10 Christof Zangemeister, Nutzwertanalyse in der Systemtechnik, München (Wittmannsche Buchhandlung) 1970

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