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Inhaltsverzeichnis

DAS WÜTEN DER SCHLÄCHTER UND DIE INTERNATIONALE VERANTWORTUNG

Von Michael Warschawski - (Alternative Information Center -AIC- v. 4. März 2008) mehr

PROTESTAKTION VOR DEM BUNDESKANZLERAMT

Anlässlich der bevorstehenden Israel-Reise von Angela Merkel (CDU) rufen Friedens- und Menschenrechtsgruppen für kommenden Freitag ab 11 Uhr zu einer Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf mehr

AN DIE FRANZÖSISCHE REGIERUNG:

SCHLUSS MIT DEM MASSAKER IN GAZA! WER NICHTS TUT, IST KOMPLIZE!

Nationalbureau der Jüdisch-Französischen Vereinigung für den Frieden mehr

DAS MEGAGEFÄNGNIS PALÄSTINA

von Ilan Pappe  (The Electronic Intifada v. 5. März, 2008) mehr

INTERVIEW MIT DER HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN HEDY EPSTEIN "ERINNERN IST NICHT GENUG!"

Von Silvia Cattori

Aus: Neue Rheinische Zeitung - Aktueller Online-Flyer vom 12. März 2008 mehr

PROBLEMATISCHE ISRAEL-KRITIK

Von Hans-Martin Lohmann

Frankfurter Neue Presse: 06.02.2008 mehr

Liebe Leute,

anlässlich des bevorstehenden Besuchs von Frau Merkel in Israel dokumentiere ich zur Solidarität mit dem Widerstand von Gaza:

[ 1 ]

DAS WÜTEN DER SCHLÄCHTER UND DIE INTERNATIONALE VERANTWORTUNG

Von Michael Warschawski - (Alternative Information Center -AIC- v. 4. März 2008)   

http://www.alternativenews.org/

- A b d r u c k   u n d   V e r b r e i t u n g   e r w ü n s c h t -

[ 2 ]

PROTESTAKTION VOR DEM BUNDESKANZLERAMT

Anlässlich der bevorstehenden Israel-Reise von Angela Merkel (CDU) rufen Friedens- und Menschenrechtsgruppen für kommenden Freitag ab 11 Uhr zu einer Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf

URL: http://www.aknahost.org/ und 

http://www.jungewelt.de/2008/03-12/028.php

[ 3 ]

AN DIE FRANZÖSISCHE REGIERUNG:

SCHLUSS MIT DEM MASSAKER IN GAZA! WER NICHTS TUT, IST KOMPLIZE!

Nationalbureau der Jüdisch-Französischen Vereinigung für den Frieden

http://www.ujfp.org/modules/news/article.php?storyid=358

[ 4 ]

DAS MEGAGEFÄNGNIS PALÄSTINA

von Ilan Pappe  (The Electronic Intifada v. 5. März, 2008)

http://www.ism-germany.net/

http://electronicintifada.net/v2/article9370.shtml

[ 5 ]

INTERVIEW MIT DER HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN HEDY EPSTEIN "ERINNERN IST NICHT GENUG!"

Von Silvia Cattori

Aus: Neue Rheinische Zeitung - Aktueller Online-Flyer vom 12. März 2008

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12153

[ 6 ]

PROBLEMATISCHE ISRAEL-KRITIK

Von Hans-Martin Lohmann

Frankfurter Neue Presse: 06.02.2008

http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_article&id=4301788

Mit internationalistischen Grüßen

Klaus von Raussendorff

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Anti-Imperialistische Korrespondenz (AIKor) -

Informationsdienst der Vereinigung für Internationale Solidarität (VIS) e.V.,

Redaktion: Klaus von Raussendorff

Postfach 210172, 53156 Bonn; Tel. & Fax: 0228 - 34.68.50;

Webmaster: Dieter Vogel

AIKor-Infos können auf der Seite der AIKor hthttp://tp://www.aikor.de

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[ 1 ]

http://www.alternativenews.orgtml

DAS WÜTEN DER SCHLÄCHTER UND DIE INTERNATIONALE VERANTWORTUNG

Von Michael Warschawski - (Alternative Information Center -AIC- v. 4. März 2008)   

Über 100 Einwohner Gazas wurden in den letzten Tagen durch Beschuss und Bombardierung von Israel massakriert, und die Liste wächst stündlich. Im Vergleich zu dem mörderischen Gespann Olmert-Barak, könnte man Ariel Sharon für einen Schüler Mahatma Gandhis halten: Das Massaker von Djenin, das 2002 einen gewaltigen internationalen Aufschrei der Entrüstung hervorrief, hatte, an der gegenwärtigen israelischen Aggression gemessen, weit weniger Opfer. Nichtsdestoweniger ist die Reaktion der internationalen Gemeinschaft deutlich milder als vor sechs Jahren.

Warum?

Diese Frage sollte im Mittelpunkt der Überlegungen der internationalen Solidaritätsbewegung, und ganz allgemein, des globalen Widerstands stehen.

Denn die israelischen Kriegsverbrechen sind nur möglich, weil die internationale Gemeinschaft in den letzten sechs oder sieben Jahren aufgehört hat, irgendeine Art Druck auf die israelische Regierung auszuüben, und sie in Wirklichkeit darin unterstützt. So war es nicht immer, zumindest seitens der meisten europäischen Staaten, die früher gegen die Strategie des „globalen, endlosen Präventionskrieg“ der neokonservativen US-Regierung opponierten und eine Strategie der globalen Stabilität verteidigten statt der von Bush und seiner Bande betriebenen Politik des globalen Chaos.

Der Aufstieg des europäischen Neokonservativismus (Ein Beispiel für dieses Phänomen ist der französische Präsident Nicolas Sarkozy) ist eine neue Herausforderung für die Solidaritätsbewegung, und ganz allgemein für die weltweite Anti-Globalisierungsbewegung: Die globale Kriegsstrategie ist nicht mehr die ausschließliche Angelegenheit der Regierung der USA (unterstützt von ein paar Ländern wie Großbritannien) sondern der „internationalen Gemeinschaft“ an sich.

Dies stellt eindeutig einen Wandel dar, den der Globale Widersand sehr ernst nehmen muss: Es ist ein Weltkrieg im Gange, und jeder ist ein Teil davon. Gegen die „internationale Gemeinschaft“, die mit Washingtons globalem Krieg gemeinsame Sache macht, ist eine vereinte internationale Anti-Kriegsbewegung absolut vordringlich geworden.

Was das mit Gaza zu tun hat? Gaza ist heute die Frontlinie des Widerstands gegen diese Offensive. Wenn Gaza sich ergibt, werden sich Washington und Tel Aviv frei fühlen, eine zweite Runde im Libanon zu entfesseln und den Iran anzugreifen. Sie wissen genau, dass Gaza, Libanon, Syrien, Irak und Afghanistan unterschiedliche Schlachtfelder in ein und demselben Krieg sind, und sie konzentrieren ihre Kräfte, um Gaza, seine Bevölkerung und seine gewählte Führung zur Kapitulation zu zwingen. Diese Einsicht sollte auch die Globale Bewegung durchdringen und zu einer einzigen Schlussfolgerung veranlassen: Die Palästinenser in Gaza kämpfen nicht nur für ihre eigenen Rechte und ihre Würde sondern für die Freiheit aller Völker der Welt; sie widersetzen sich den vereinigten Führern des Imperiums und ihrem Versuch, die Völker der Erde zu Sklaven zu machen, einschließlich der arbeitenden Menschen in den industrialisierten Metropolen.

Niemand in unserem Lager, dem Lager des weltweiten Widerstands gegen das Imperium, hat das Recht, vor der Verpflichtung zu einer totalen Solidarität mit dem Widerstand von Gaza davonzulaufen, auch nicht unter dem Vorwand der Ablehnung einer von der Bevölkerung Gazas gewählten Führung. Dasselbe sollte für das Volk des Iran gelten.

Im Mittelpunkt der Kampagne der Solidarität mit Gaza muss die Aufforderung zu einer Blockade Israels stehen, so lange die Blockade von Gaza nicht aufgehoben ist. Wirtschaftlicher, politischer und kultureller Boykott eines Staates, der sich selbst durch seine Kriegsverbrechen außerhalb der zivilisierten Welt gestellt hat: Bis die blutigen Angriffe auf Gaza eingestellt und die Belagerung aufgehoben wird, ist es die Pflicht aller anständigen Menschen laut und deutlich zu sagen: Keinerlei Beziehungen mit dem verbrecherischen Staat Israel!

Übersetzung aus dem Englischen: Klaus von Raussendorff

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[ 2 ]

URL: http://www.aknahost.org/ und http://www.jungewelt.de/2008/03-12/028.php

PROTESTAKTION VOR DEM BUNDESKANZLERAMT

Anlässlich der bevorstehenden Israel-Reise von Angela Merkel (CDU) rufen Friedens- und Menschenrechtsgruppen für kommenden Freitag ab 11 Uhr zu einer Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf:

Vom 16. bis 18. März besucht Bundeskanzlerin Merkel Israel. Anlaß ist der 60. Jahrestag der Gründung des Staates. Frau Merkel will die Beziehungen zwischen beiden Regierungen aufwerten. Diese Aufwertung wirkt wie eine Belohnung für Menschenrechtsverletzungen und für Verstöße gegen das Völkerrecht durch die israelische Regierung – zuletzt im Gazastreifen mit mehr als 120 Toten als Folge. Dabei sollten doch Opfer von Gewalt gleiche Anteilnahme erfahren – ob sie durch ein Attentat (wie letzte Woche in Jerusalem) oder durch Handlungen einer Armee sterben.

Die Politik der Kanzlerin schadet den Palästinensern und letztlich auch den Israelis. Auf Dauer stärkt sie den Antisemitismus hierzulande. Wir fordern Frau Merkel auf, ihre einseitige Politik zu korrigieren, sich öffentlich für ein Ende der katastrophalen israelischen Blockade des Gazastreifens einzusetzen und deutlich gegen Siedlungspolitik und Besatzung Stellung zu beziehen!

Zur Gründung des Staates Israels vor 60 Jahren gehört auch die Nakba – die Flucht und die Vertreibung hunderttausender Palästinenser und die ethnische Säuberung eines Teils Palästinas! Nur wer beides sieht, kann beiden Völkern gerecht werden. Daran wollen wir während der Protest­veranstaltung mit einer Installation aus Koffern erinnern.

Die deutsche Regierung verlangt von den Palästinensern Gewaltlosigkeit, nicht jedoch von der israelischen Regierung. Wo aber bleibt dann die Unterstützung der Bundesregierung für den gewaltfreien palästinensischen Widerstand gegen die Besatzung, an dem zum Teil auch Israelis teilnehmen? Dieser Widerstand fordert nichts anderes, als die Einhaltung des internationalen Rechts.

Die Bundesregierung bietet den Palästinensern Geld an, aber fordert keine gleichen politischen Rechte für sie. Außerdem will sie die palästinensische Polizei ausbilden. Das bedeutet heute, den innerpalästinensischen Bürgerkrieg weiter anzufachen. Denn diese Polizei steht unter Kontrolle nur einer palästinensischen Partei, der Fatah.

Für einen Waffenstillstand und erst recht für einen Frieden muß aber die Hamas mit einbezogen werden. Nur dann könnte das Leiden der Palästinenser in Gaza und der Israelis in Sderot ein Ende haben. Auch wenn Kritik an dieser Gruppierung nötig ist, sind Verhandlungen mit ihr unumgänglich. Dafür sprechen sich auch israelische Schriftsteller wie Amos Oz und David Grossman aus – und selbst ein israelischer Minister.

Hat Frau Merkel überhaupt vor, in Israel Friedensgruppen zu treffen, die sich für einen gleichbe­rechtigten Frieden einsetzen?

Unterstützer (Stand vom 12.03.08) :

Adala-Arabischer Kunst- und Bildungsverein

AK Nahost Berlin (www.aknahost.org).

AK Nahost Hagen

AK Palästina-Israel Frankfurt a.M.

Aktionsbündnis für einen gerechten Frieden in Palästina

Arabischer Publizistenverein Deutschlands e. v. 

Bonner Friedensbündnis

Deutsch-Palästinensische Gesellschaft

Deutscher Freidenkerverband

Frauennetzwerknahost

Friedensaktion Palästina, München

Heidelberger Friedensratschlag

International Solidarity Movement (ISM) Germany

Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost – Deutsche Sektion des EJJP e.V.

Koordinationskreis Palästina, München

Nahostkomitee in der Berliner Friedenskoordination

Ökumenisches Zentrum für Umwelt-, Friedens-und Eine-Welt-Arbeit/Berlin-Spandau

Palästina-Komitee München

Palästinensische Gemeinde Deutschland  

Palästinensische Gemeinde Düsseldorf e.V.

Palästinensische Gemeinde Köln e.V.

Palästinensischer Studentenverein e.V.

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[ 3 ]

http://www.ujfp.org/modules/news/article.php?storyid=358

Nationalbureau der Jüdisch-Französischen Vereinigung für den Frieden

AN DIE FRANZÖSISCHE REGIERUNG:

SCHLUSS MIT DEM MASSAKER IN GAZA! WER NICHTS TUT, IST KOMPLIZE!

Die israelische Regierung bereitet die Weltmeinung offen auf die Invasion des Gazastreifens vor. Diese Invasion hat mit der Tötung von mehr als 60 Zivilpersonen allein am 1. März 2008 bereits begonnen. Seit Monaten ist der zur „feindlichen Einheit“ erklärte Gazastreifen einer schändlichen Blockade unterworfen. Die israelische Regierung maßt sich das Recht an, anderthalb Millionen Menschen auszuhungern. In Gaza fehlt es an allem: an Lebensmitteln, Wasser, Strom, Medikamenten, Schulheften ...

Ein zusätzlicher Schritt wurde gerade gemacht. Die Toten, die der Besatzer schamhaft Terroristen nennt, gezielte Tötungen oder Kollateralschäden, das sind gewöhnliche Bürger, Zivilisten, die einfach nur normal leben wollen.

Durch ihr Schweigen, durch ihre Weigerung, die Verantwortlichen für diese Verbrechen gegen die Menschheit zu verurteilen, ist die internationale Gemeinschaft KOMPLIZE.

Wir verlangen, dass die französische Regierung - mit grösster Klarheit die von der israelischen Armee in Gaza begangenen Verbrechen verurteilt, und ebenso die Belagerung des Gazastreifens auf Veranlassung der israelischen Regierung;

- den Staat Israel durch den Sicherheitsrat wegen der in Gaza begangenen Verbrechen verurteilt und das sofortige Ende dieser Gewalttaten FORDERT;

- die Europäische Union dazu drängt, dass sie unverzüglich diese nicht hinnehmbare Gewalt verurteilt und die gebotenen Sanktionen gegen Israel veranlasst: Suspendierung jeder wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit;

- aufhört, eine Parallele zwischen dem Besatzer und seinen Opfern zu ziehen und eine Blockade Israels vorschlägt, solange die Blockade des Gazastreifens fortwährt;

- der Straflosigkeit der kriegsverbrecherischen israelischen Führer ein Ende setzt und die Anwendung allen von Israel gebrochenen internationalen Rechts fordert.

T:I:S, Übersetzung, Paris, 2. März 2008 http://www.steinbergrecherche.com 

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[ 4 ]

URL (deutsch) http://www.ism-germany.net/

URL (englisch) http://electronicintifada.net/v2/article9370.shtml

DAS MEGAGEFÄNGNIS PALÄSTINA

von Ilan Pappe  (The Electronic Intifada v. 5. März, 2008)

In mehreren in der Electronic Intifada veröffentlichen Artikel habe ich behauptet dass Israel eine völkermörderische Politik gegen die Palästinenser im Gazastreifen verfolge und zugleich die ethnische Säuberung der Westbank weiterführe.  Ich behauptete weiterhin, dass die völkermörderische Politik aus einem Mangel an Strategie resultiert. Es wurde argumentiert dass, da die israelischen politischen und militärischen Eliten nicht wissen, wie sie mit dem Gazastreifen umgehen sollen, sie eine reflexartige Reaktion gewählt haben, in der Form von massiven Tötungen der Bürger sobald die Palästinenser im Streifen es wagten, mit Gewalt gegen ihre Strangulierung und Einsperrung zu protestieren.  Das bisherige Endergebnis ist die willkürliche Tötung von Palästinensern, mehr als hundert in den ersten Tagen des März 2008, womit das dieser Politik beigefügte Adjektiv „völkermörderisch“ wie auch andere bedauerlicherweise bestätigt werden. Es war aber noch keine Strategie.

In den letzten Wochen zeigt sich allerdings eine klarere israelische Strategie der Zukunft des Gazastreifens gegenüber, welches Teil eines gesamten neuen Denkens über das Schicksal der besetzten Gebiete im Allgemeinen darstellt.  Im Wesentlichen handelt es sich um eine Verfeinerung des Unilaterismus, das Israel seit dem Zusammenbruch der Camp David „Friedensgespräche“ im Sommer 2000 eingeführt hat. Der frühere Premier Ariel Sharon, seine Kadimapartei und sein Nachfolger Ehud Olmert haben deutlich dargestellt was Unilateralismus bedeutet: Israel sollte etwa 50 Prozent der Westbank annektieren, nicht als zusammenhängendes Stück sondern als Gesamtraum der Siedlungsblöcke, der Apartheidstraßen, der Militärbasen und der „Nationalparkreserven“ (die für Palästinenser nicht zugänglich sind). Dies wurde mehr oder weniger während der vergangenen acht Jahren implementiert. Die rein jüdischen Gebilde zerteilen die Westbank in 11 kleine Kantone und Unterkantone. Sie sind von einander durch die komplexe koloniale jüdische Gegenwart getrennt. Der wichtigste Teile dieses Vordringens ist der Großjerusalem-Keil, der die Westbank in zwei abgesonderte Regionen teilt, ohne Landverbindung für die Palästinenser.

So dehnt sich die Mauer, entsteht in verschiedenen Formen in der ganzen Westbank neu und umringt stellenweise einzelne Dörfer, Nachbarschaften oder Städte. Ein kartografisches Bild dieses neuen Gebildes gibt einen Hinweis auf die neue Strategie, sowohl gegenüber der Westbank wie auch des Gazastreifens. Der jüdische Staat des 21. Jahrhunderts ist im Begriff, den Bau zwei Megagefängnisse – die größten ihrer Art in der Menschheitsgeschichte –  zu vervollständigen.

Sie haben unterschiedliche Form: die Westbank besteht aus lauter kleine Gettos, Gaza ist ein eigenes, riesiges Megagetto. Es gibt einen weiteren Unterschied: der Gazastreifen ist jetzt, in der verdrehten Wahrnehmung der Israelis, die „Krankenstation“ in der die „gefährlichsten Insassen“ gehalten werden. Die Westbank dagegen wird noch als riesiger Komplex von Freiluftgefängnissen betrieben, in der Form normaler menschlicher Wohnanlagen wie Dörfer und Städte, verbunden und beaufsichtigt durch eine Gefängnisbehörde von immenser militärischer und gewaltsamer Macht.

Was die Israelis angeht, kann das Megagefängnis der Westbank ruhig ein Staat genannt werden. Der Berater von Präsident Mahmoud Abbas, Yasser Abed Rabbo, hat in den letzten Tagen des Februar 2008 den Israelis mit einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung gedroht, inspiriert durch die neueren Ereignisse im Kosovo. Es scheint allerdings, dass niemand auf der israelischen Seite dieser Idee besonders widersprochen hat.  Das ist mehr oder weniger die Botschaft, die ein verwirrter Ahmed Kurei, der von Abbas ernannte palästinensische Unterhändler, von Zipi Livni, der israelischen  Außenministerin, erhielt, als er sie anrief, um ihr zu versichern dass Abed Rabbo nicht im Namen der Palästinenserautorität spreche. Sein Eindruck war, dass Livnis Hauptsorge geradezu das Gegenteil war: dass die PA nicht damit einverstanden sein würde, die Megagefängnisse in der nahen Zukunft als Staat zu bezeichnen.

Diese mangelnde Bereitschaft, zusammen mit der Insistenz der Hamas, das Megagefängnissystem durch einen Befreiungskrieg zu bekämpfen, zwang die Israelis dazu, ihre Strategie gegenüber dem Gazastreifen zu überdenken. Es ergibt sich, dass nicht einmal die kooperativsten Mitglieder der PA bereit sind, die Realität des Megagefängnisses als „Frieden“ oder auch nur als „Zweistaatenvereinbarung“ zu akzeptieren. Und Hamas und Islamischer Jihad übersetzen ihren Widerwillen sogar in Kassamangriffe gegen Israel. So entwickelte sich das Modell der gefährlichsten Krankenstation: die führenden Strategen der Armee und der Regierung bereiten sich auf einen sehr langdauernden „Betrieb“ des von ihnen aufgebauten Systems, während sie zugleich ihr Engagement für einen bedeutungslosen „Friedensprozess“ bestärken, der sehr geringes globales Interesse genießt und von einem fortgeführten inneren Gegenkampf begleitet wird.

Der Gazastreifen wird nun als gefährlichste Krankenstation in diesem Komplex betrachtet und daher diejenige, gegen die die brutalsten Strafmaßnahmen ergriffen werden müssen. Die Tötung der  „Insassen“ durch  Luft- und Artilleriebombardement oder durch wirtschaftliche Strangulierung sind nicht nur die unvermeidbaren Folgen der gewählten Strafmaßnahme sondern auch wünschenswert. Das Bombardement von Sderot ist auch die unvermeidbare und irgendwie auch wünschenswerte Folge dieser Strategie. Unvermeidlich, da die Strafmaßnahme den Widerstand nicht zerstören kann und oft Vergeltung provoziert. Die Vergeltung ergibt wiederum die Logik und Basis der nächsten Strafmaßnahme, sollte eine Stimme der inländischen öffentlichen Meinung die Weisheit der neuen Strategie bezweifeln.

In der nahen Zukunft sollte irgendwelchem ähnlichen Widerstand von Teilen des Westbank-Megagefängnisses auf gleicher Art begegnet werden. Zudem sind solche Aktionen in der ganz nahen Zukunft durchaus wahrscheinlich. In der Tat ist die dritte Intifada schon unterwegs, und die israelische Antwort darauf wäre ein weiterer Ausbau des Megagefängnissystems. Eine Verringerung der Anzahl der „Insassen“ der beiden Megagefängnisse durch ethnische Säuberung, systematische Tötungen und wirtschaftliche Strangulierung bliebe nach wie vor eine hohe Priorität dieser Strategie .

Es gibt aber Hindernisse, die diese zerstörerische Maschinerie behindern. Es scheint dass eine wachsende Anzahl Juden in Israel (eine Mehrheit, nach einer neueren CNN-Umfrage) wünschen, dass ihre Regierung Verhandlungen mit der Hamas beginnt. Ein Megagefängnis ist in Ordnung, wenn aber die Wohngebiete der Wärter in der Gefahr stehen, in Zukunft unter Beschuss zu geraten, dann schlägt das System fehl. Leider zweifele ich daran, dass die CNN-Umfrage die israelische Stimmung akkurat wiedergibt; sie zeigt allerdings einen hoffnungsvollen Trend, der das Beharren der Hamas darauf, dass Israel nur die Sprache der Gewalt verstehe, bestätigt. Der Trend wird aber vielleicht nicht ausreichen, und inzwischen arbeitet das Megagefängnissystem ungeschwächt weiter, und die Strafmaßnahmen seiner Führung nehmen immer mehr Kindern, Frauen und Männern im Gazastreifen das Leben.

Wie immer ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass der Westen jeder Zeit dieser präzedenzlosen Unmenschlichkeit und Kriminalität ein Ende setzen kann. Bisher geschieht dies aber nicht. Obwohl die Bemühungen, Israel zu einem Paria zu machen, mit voller Kraft weitergeführt werden, sind sie immer noch auf die Zivilgesellschaft beschränkt. Es ist zu hoffen, dass diese Kraft eines Tages in konkrete Regierungspolitik umgewandelt wird.  Wir können nur beten, dass es nicht zu spät sein wird für die Opfer dieser horrenden  zionistischen Intervention: des Megagefängnissystems Palästina.

Ilan Pappe ist Vorsitzender der Geschichtsfakultät an  der Universität Exeter.

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[ 5 ]

Aus: Neue Rheinische Zeitung Aktueller Online-Flyer vom 12. März 2008 http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12153

INTERVIEW MIT DER HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN HEDY EPSTEIN "ERINNERN IST NICHT GENUG!"

Von Silvia Cattori

"Israel minister warns Palestinians of holocaust" meldete die Nachrichtenagentur Reuters am 29. Februar. Laut Reuters, soll Matan Vilnai, stellvertretender israelischer Verteidigungsminister im Militärrundfunk gesagt haben: "Wenn die Palästinenser noch mehr Raketen abschießen und deren Reichweite vergrößern, bringen sie sich in die Gefahr eines größeren Holocaust." Die US-Amerikanerin Hedy Epstein ist Überlebende des Holocausts, engagiert sich für Palästina und gab Silvia Cattori ein Interview.

"Ich möchte dieses Interview den Kindern von Gaza widmen, deren Eltern sie weder beschützen noch in Sicherheit wegschicken können, wie es meine Eltern in Mai 1939 taten, als sie mich mit einem Kindertransport nach England schickten.", sagte Hedy Epstein auf kindertransport.org (http://www.kindertransport.org/history.html)

Silvia Cattori: Im Jahre 2004, nach der demütigenden und entmenschlichenden Misshandlung, die Sie am Flughafen Tel Aviv ertragen mussten, bei der Sie sich ausziehen mussten und ihre Körperöffnungen durchsucht wurden, wie Sie es mir in unserer ersten Unterhaltung [1] erzählten, waren Sie sehr aufgebracht und erklärten: "Ich werde nie wieder nach Israel zurückgehen". Aber seitdem sind Sie viermal zurückgekehrt. Letzten Sommer waren Sie wieder dort. Wie war das möglich?/

Hedy Epstein: Ich habe noch nie eine solche Wut empfunden wie nach dem, was mir und meiner Reisebegleitung im Januar 2004 am Ben Gurion Flughafen passiert ist. Während ich im Flugzeug saß, immer noch voller Wut, schrieb ich auf jede Seite der Bordzeitschriften "Ich bin eine Holocaustüberlebende und ich werde ,nie wieder' nach Israel zurückkehren." Manchmal habe ich meinen Kugelschreiber so hart gedrückt, dass ich die Seite zerriss. Es war nur eine kleiner Versuch, meine Wut abzureagieren.

Nach meiner Heimkehr, immer noch sehr wütend und traumatisiert, entschied ich mich für eine Gesprächstherapie, die mir half, mit meiner Wut fertig zu werden, und die es mir möglich machte, meine nächste Reise in die West Bank nur ein paar Monate später, im Sommer 2004, zu planen. Seitdem bin ich jedes Jahr dort gewesen, insgesamt fünf Mal seit 2003. Ich bin wieder hingefahren, weil es das Richtige für mich ist, Augenzeugin zu sein und die Palästinenser wissen zu lassen, dass es Menschen gibt, die sich ausreichend dafür interessieren, um zurückzukommen und ihnen in ihrem Kampf gegen die israelische Besatzung beizustehen. Die Palästinenser haben mich gebeten, amerikanischen Bevölkerung bei meiner Heimkehr der zu erzählen, was ich gesehen und erlebt habe, weil sie nicht wissen, was dort geschieht, da die Medien sie nicht informieren. Ich habe mich dazu verpflichtet and nehme jede Gelegenheit wahr, dieser Verpflichtung nachzukommen.

Wie haben Sie die brutale Behandlung der israelischen Offiziere interpretiert?

Sie versuchten, mich einzuschüchtern, mich zum Schweigen zu bringen in der Hoffnung, ich würde nie wieder hinfahren. Obwohl sie einen momentanen Erfolg hatten, sind sie letztendlich gescheitert. Ich zitiere General MacArthur, einen amerikanischen Armeegeneral, der einmal sagte "Ich werde wieder kommen". Und ich bin viermal seit dem Vorfall im Januar 2004 am Tel Aviv Flughafen auf meinem Rückweg aus dem von den Israelis besetzten Gebiet zurückgekehrt. Und ich werde immer wieder hinfahren. Sie können mich nicht aufhalten. Daher habe ich vor, in ein paar Monaten an Bord eines Schiffes nach Gaza zu gehen.

S t r a ß e n s p e r r e n,   S c h l a n g e n   u n d   K o n t r o l l p u n k t e

War es nicht zu traumatisch für einen sensiblen Menschen wie Sie, zur Westbank zurückzukehren und zu sehen, wie israelische Soldaten Palästinenser demütigen, bedrohen, töten und ihr Eigentum vernichten?

Als Amerikanerin bin ich eine privilegierte Person. Ich bin mir dessen sehr bewusst und fühle mich in meiner Haut unwohl, besonders wenn ich in Palästina bin. Ich bin der Tatsache bewusst, dass ich kommen und gehen kann, wann ich will -- ein den Palästinensern verweigertes Privileg. Sie haben große Schwierigkeiten, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, eingeschränkt von Straßen- sperren, Kontrollpunkten, einer acht Meter hohen Gefängnis- mauer, von jungen israelischen Soldaten, die willkürlich entscheiden, wer passieren darf und wer nicht, wer zur Schule gehen darf, zum Krankenhaus, zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten.

Ich habe lange Schlangen von Palästinensern an dem Kontrollpunkt bei Bethlehem gesehen. Ich sprach mit einem 41jährigen Mann, der mir erzählte, er arbeite drei Tage die Woche. Um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, stehe er um 2.30 Uhr auf und komme um 3.15 Uhr zum Kontrollpunkt, um sich in eine sehr lange Schlange mit anderen einzureihen und zu warten, bis der Kontrollpunkt um 5.30 Uhr öffnet. Er müsse so früh kommen, weil so viele Leute in der Schlange seien. Manchmal ließen die israelischen Soldaten niemanden durch. Er möchte gerne voll arbeiten, aber es gebe keine Jobs in Bethlehem.

Bei jedem meiner fünf Besuche habe ich Zeit in Jerusalem verbracht. Es ist mir schmerzlich bewusst geworden, wie sehr wenig und zunehmend die derzeitige Größe und Grenzen der Stadt mit ihren historischen Parametern gemeinsam haben. Ausschließlich israelische Siedlungen wie Har Homa und Gilo werden Jerusalemviertel genannt. Ostjerusalem ist übersät mit israelischen Fahnen, die über den Häusern flattern, aus denen Palästinenser "entfernt" wurden. So wird die Gegend immer stärker judaisiert.

Während meines letzten Aufenthalts im August 2007, hatte ich nur für einen kurzen Besuch Zeit bei meiner lieben palästinensischen Freundin und ihrem Mann in Ramallah. Bei früheren Besuchen waren ich und meine amerikanischen Reisebegleiter mehrere Tage zu Gast bei ihnen, sonnten uns in ihrer Gastfreundschaft, typischer palästinensischer Gastlichkeit, einer Art, die ich nirgendwo anders erlebt habe. Die Hausfrau, in der Vergangenheit immer fröhlich, erschien mir niedergeschlagen. Obwohl sie sich nicht beklagte, sagte sie einfach "Das Leben ist viel schwieriger, seitdem mein Mann keine Arbeit hat." Später bei einer Unterhaltung mit ihrem Mann unter vier Augen sagte er, er habe seine Stelle verlassen, um sich weiterzubilden. Es gibt Wahrheiten in beiden Aussagen, aber die des Ehemannes spiegelt den Versuch wider, etwas von seiner Würde zu retten und zu bewahren.

Ich besuchte auch meine palästinensischen Freunde und ihre Kinder in Bethlehem und blieb dort über Nacht. Der Fernseher, der immer läuft, erregte unsere Aufmerksamkeit. Da lief eine Reportage über Juden aus aller Welt, die nach Israel einwandern. Viele israelische Fähnchen wedelten und hießen die neuen israelischen Staatsbürger bei ihrem Ankunft am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv willkommen. Auf einem großen Transparent im Hintergrund stand auf Englisch und Hebräisch "Willkommen zuhause". Wir alle schauten den Fernseher schweigend an, während die Reportage weiterlief. Dann brach einer von uns, ich weiß nicht wer, das große Schweigen und stellte die Frage "Was ist mit der Wiederkehr der Palästinenser?"

Bei der allwöchentlichen gewaltfreien Demonstration in Bi'lin, wo junge israelische Soldaten uns mit Tränengas bewarfen, hörte ich, als wir wegrannten, eine Unterhaltung zwischen zwei palästinensischen Jungen. Der eine sagte dem anderen "Ich möchte nicht sterben." "Ich auch nicht", sagte der andere. Ihre Angst trage ich immer noch in mir. Was wird aus ihnen? Was für eine Zukunft haben sie?

I h r e   H o f f n u n g   w e r d e n   s i e   n i e   z e r s t ö r e n

Und dennoch, trotz der beinah hoffnungslosen Situation, die sich nie ändern könnte, ist das palästinensische Volk erstaunlich stark. Obwohl die israelische Unterdrückung fortschreitet und durch neue militärische Unterdrückungs- maßnahmen schlimmer wird, geben die Palästinenser nicht auf. Sie werden weiterhin dort leben. Sie sind ein erstaunliches, unverwüstliches Volk. Sie werden nie aufgeben. Die Israelis mögen viele von ihnen töten, ihre Häuser zerstören, ihre Leben zerstören, aber sie werden ihre Hoffnung auf eine andere, bessere Art des Zusammenlebens nie zerstören.

Egal, was die Israelis machen, sie können das palästinensische Volk nicht seiner Hoffnung und Würde berauben. Die Israelis haben zwar die Macht, aber das palästinensische Volk besitzt Würde, und allen Widrigkeiten zum Trotz hat es noch Hoffnung. Die Israelis haben die Flugzeuge, aus denen sie Bomben auf Gaza werfen, sie haben Bulldozer, die in den USA, nicht weit von meinem Zuhause, produziert werden. All diese Dinge können sie tun, aber trotz dieser Übermacht werden die Israelis die Hoffnung und Würde der Palästinenser nie zerstören können.

Ist es nicht sehr ungewöhnlich und bewegend für die Palästinenser in Hebron oder Nablus, eine Holocaustüberlebende zu sehen, die unter solch prekären Umständen zu ihnen reist, um ihnen ihre Liebe und Solidarität auszudrücken?

Ich denke, es ist wichtig, dass die Palästinenser, die Palästina nicht verlassen dürfen, die unter solchen entsetzlichen Bedingungen unter der israelischen Militärbesetzung leben, wissen sollen, dass es Menschen in anderen Teilen der Welt gibt, die die israelische Besetzung verurteilen, die genug Interesse haben, hinzufahren und ihre Leiden und Schwierigkeiten mit ihnen zu teilen, wenn auch nur für kurze Zeit.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich sehe, dass die Palästinenser so viel mehr über die Weltgeschehnisse wissen, dass sie besser informiert sind als die amerikanische Bevölkerung. Die meisten Palästinenser, die ich kennengelernt habe, haben mich gebeten, den Amerikanern das, was ich gesehen und erlebt habe, zu erzählen, weil die amerikanische Bevölkerung nichts davon weiß, da die Medien sie nicht informiert. Ich habe mich dazu verpflichtet: Ich habe in Gymnasien und Universitäten, in Kirchen und vor Bürgergruppen Vorträge gehalten, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland (auf Deutsch) gehalten. Ich lege es den Menschen ans Herz, nach Palästina zu reisen, um das Leben dort zu sehen und zu erleben. Es ist eine lebensverändernde Erfahrung. Sie werden als anderer Mensch zurückkommen, bewusster, sensibler, und hoffentlich dazu herausgefordert, etwas zu verändern.

Obwohl ich keine religiöse Jüdin bin (ich halte mich für eine weltliche Humanistin), weiß ich ein bisschen über die jüdische Tradition, die lehrt: "Wir dürfen weder die Hoffnung noch unsere angefangene Arbeit aufgeben, auch wenn wir die Aufgabe persönlich nicht zu Ende führen können."

Die Situation, besonders in Gaza, ist so schrecklich. Ich fühle mich dazu verpflichtet, weiterhin eine moralische Stimme zu sein, weiterhin den Mut zu haben, für eine öffentliche Stellungnahme gegen Israels Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die von den Medien verbreiteten Fehlinterpretationen. Israel wäre nicht in der Lage, seine Verbrechen gegen die Menschheit auszuführen, ohne die Erlaubnis der USA, der Welt, ohne die Massenmedien, die mit wenigen Ausnahmen die Palästinenser entmenschlichen und den Menschen Angst, Ignoranz und Abscheu vor ihnen und ihrer Kultur einimpfen.

O h n e   G e r e c h t i g k e i t   k e i n e n   F r i e d e n

Nachdem ich Palästinenser kennen gelernt und ihre Gastfreundschaft, Wärme, Würde und Humor erlebt habe, ist es meine Pflicht, ihre Stimmen, ihre Erlebnisse zu allen meiner Zuhörern zu bringen, Zeugnis abzulegen über die Mauer, die Landbeschlagnahmungen, die abgerissenen Häuser, die Verstöße gegen die Wasserrechte, die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Auf eine friedliche Zukunft kann nicht passiv gewartet werden, sondern durch Engagement und Kämpfe für die Gerechtigkeit. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit.

Nadav Tamir, israelischer Generalkonsul in Boston, schrieb im November 2007 für die Boston Globe Zeitung: "Dies ist keine Frage mehr, ob man für die Israelis oder für die Palästinenser ist, sondern eine Konfrontation zwischen denen, die Frieden und denen, die Blutvergießen ,vorziehen'. Es ist an der Zeit, die Seiten zu wählen."

Sie sagten, sie planen in einigen Monaten an Bord eines Schiffes nach Gaza zu sein [2]?

Oh ja, definitiv. Nichts kann mich aufhalten. Ich bin fest entschlossen, an Bord zu gehen, und ich werde Schwimmunterricht nehmen, für alle Fälle. Das Schiff "Free Gaza" konnte letzten Sommer aus verschiedenen Gründen nicht fahren. Ich denke, es ist für alle auf das Schiff eingeladenen Leute wichtig, diese Gelegenheit zu ergreifen, um der Welt vor Augen zu führen, was Israel tatsächlich in Gaza tut, und um ihrer Absicht, die illegale Belagerung zu brechen, Ausdruck zu verleihen.

Die Medien werden so beeinflusst -- wahrscheinlich auch von Israel -- dass, wer auch immer an der Macht in den USA oder in Europa ist, sie nie das tägliche Geschehen an Ort und Stelle übermitteln, wie viel Leid von der extremen Unterdrückung verursacht wird, was den Menschen geschieht, nicht nur in Gaza, sondern auch im geringerem Ausmaß auf der Westbank. Die Welt muss es erfahren, und wenn wir das Medium dafür sein können, die Welt endlich über die Geschehnisse zu informieren, dann ist es wichtig für uns, diese Rolle zu spielen.

Während die meisten Staaten die Hamas-Regierung im Gazastreifen isolieren und dabei die Menschen dort von den notwendigsten humanitären Hilfen abschneiden -- stellt nicht die Übernahme der Hamas in Gaza ein Hindernis für Sie dar, dorthin zu fahren?

Nein. Die Hamas wurde demokratisch gewählt. Es gab neutrale Wahlbeobachter, die an den Wahlen nichts zu beanstanden hatten. Sie sind demokratisch gewählt worden. Wie Sie wissen, wollten Israel und die USA diese Wahlen, aber sie hofften auf ein anderes Ergebnis. Die Tatsache, dass die Hamas die Wahl gewonnen hat, gefiel ihnen gar nicht. Aus diesem Grund attackieren sie die Hamas und wollen sie nicht anerkennen. Und, sie führen eine Art Kollektivstrafe gegen die 1,5 Millionen Menschen in Gaza durch. Es ist eine gigantische humanitäre Krise. Die israelische Armee kontrolliert alle Ausgänge von Gaza nach Israel, Jordanien und Ägypten. Tatsächlich beherrschen sie Luft-, See- und Landwege.

Kaum etwas darf eingeführt werden, und es ist nicht erlaubt, etwas auszuführen. Gaza ist im Grunde ein landwirtschaftliches Gebiet. Die Bauern in Gaza, die zum Beispiel Blumen, Erdbeeren und Tomaten mit viel Zeitaufwand, Energie und Kosten erzeugen, können ihre Produkte nicht verkaufen! Und so verwelken die Blumen und verrotten die Erdbeeren und Tomaten. Die israelische Regierung gibt vor, Gaza nicht länger zu besetzen, aber das ist nicht wahr.

E r i n n e r n   h a t   e i n e   z u k ü n f t i g e   P e r s p e k t i v e

Für die Menschen, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, was die israelische Regierung wirklich tut, ist Ihre Stimme von äußerster Wichtigkeit. In der Tat ist eine Person wie Sie, eine Augenzeugin der Nazi-Unterdrückung und der derzeitigen zionistischen Unterdrückung, die Tatsachen ehrlich betrachten kann, sehr rar!

Ich stelle keine Vergleiche zwischen Nazi- und zionistischer Unterdrückung an, obwohl mir dies vorgeworfen wurde. Stattdessen spreche ich über die aus dem Holocaust gelernten Lektionen. Ich glaube, dass meine Erfahrungen als Holocaustüberlebende der Hauptmotor für meine Bemühungen zur Förderung der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit sind. Denn "Erinnern ist nicht genug", wie auch der Titel meiner Autobiographie lautet, die 1999 in deutscher Sprache in Deutschland erschienen ist [3]. Erinnern muss auch eine gegenwärtige und zukünftige Perspektive haben.

Wozu habe ich überlebt? Ich könnte nur hier sitzen und sagen: Ja, die Situation ist schlimm, jemand sollte etwas dagegen tun. Ich glaube fest daran, dass jeder einzelne von uns, auch ich, muss dieser jemand sein, der versucht, die Situation zu verbessern.

Und das soll nicht heißen, dass das Leiden der Palästinenser mehr oder minder schlimm ist, als das Leiden anderer Menschen an anderen Orten. Aber ich habe nur begrenzte Kraft und nur begrenzte Zeit jeden Tag. Anstatt meine Energie hier und da zu verstreuen, habe ich mich entschieden, sie auf die Israeli-Palästinenser-Frage zu konzentrieren.

Auf Ihrem Weg nach Palästina reisten Sie zuerst nach Frankreich, um eins der Konzentrationslager zu besuchen, in die Ihre Eltern deportiert worden waren. War es Ihr erster Besuch?

Lassen Sie mich erklären. Am 22. Oktober 1940 wurden alle Juden in Südwestdeutschland, woher ich stamme, ins Konzentrationslager Camp de Gurs deportiert. Es lag in den Ausläufern der Pyrenäen, im damaligen Vichy-Frankreich, das mit den Deutschen kollaborierte. Männer und Frauen wurden durch Stacheldraht getrennt. Ende März 1941 wurde mein Vater ins Camp les Milles bei Marseilles gebracht. Im Juli 1942 kam meine Mutter ins Camp de Rivesaltes bei Perpignan.

In September 1980 besuchte ich das Camp de Gurs, das Konzentrationslager in Dachau (wo mein Vater 1938 für vier Wochen nach der sogenannten Kristallnacht "gehalten" wurde) und Auschwitz. 1990 besuchte ich Camp les Milles, wo mein Vater bis zu seiner Deportation über Drancy (ein Transitlager bei Paris) nach Auschwitz interniert wurde.

Bis zum August 2007 war es mir nicht möglich, das Camp de Rivesaltes, wo meine Mutter etwa zwei Monate in 1942 bis ihrer Deportation über Drancy nach Auschwitz verbrachte, zu besuchen. Nun besuchte ich letzten Sommer zusammen mit Freunden zum ersten Mal das Camp de Rivesaltes.

"E s   k ö n n t e   e i n e   l a n g e   Z e i t   v e r g e h e n . ."

In einem Brief vom 9. August 1942 schrieb mir mein Vater: "Morgen werde ich in unbekannte Richtung deportiert. Es könnte eine lange Zeit vergehen, ehe Du von mir wieder hörst..." In einem Brief vom 1. September 1942 schrieb mir meine Mutter genau das gleiche. Und dann erhielt ich eine Postkarte von meiner Mutter, datiert auf den 4. September 1942, auf der sie schrieb: "Auf der Fahrt nach dem Osten sendet Dir von Montauban noch viele innige Abschiedsgrüße..." Dies waren die letzten Nachrichten von meinen Eltern.

1956, als ich herausfand, dass meine Eltern ins Konzentrationslager Auschwitz in Polen geschickt wurden, konnte ich bloß annehmen, dass sie nach fast zwei Jahren in Konzentrationslagern in Frankreich in sehr schlechtem körperlichen Zustand waren und bei ihrer Ankunft dort wahrscheinlich direkt in die Gaskammer geschickt worden waren.

Was haben sie gefühlt?/

Ich war verblüfft über die immense Größe des Lagers, das 30.000 Menschen beherbergen konnte, und über seinen beklagenswerten Zustand. Einige Baracken existieren nicht mehr, andere zerfallen, Dächer fehlen, Wände stürzen ein, wilde Vegetation wuchert überall. Zerfall überall. Nahestehende Windanlagen ragen wie Wachen über den Niedergang von dem, das einst für unglückselige Menschen, für meine Mutter, ein Zuhause war.

Aus der Korrespondenz mit meiner Mutter, während sie da war, wusste ich, welche zwei Baracken sie bewohnte. Eine Baracke habe ich nicht gefunden, wahrscheinlich existiert sie nicht mehr. Die andere, Baracke Nr. 21, habe ich gefunden.

Der Eingang zu den Baracken ist erhöht, was das Hineintreten sehr schwierig macht. Aber, als würde sie mich einladen, in Baracke 21 einzutreten, lag dort eine Holzplanke, die zum Eingang hoch führte. Mit der Hilfe meiner Freunde konnte ich mein Gleichgewicht halten, als ich auf Zehenspitzen -- wie eine Ballett-Tänzerin -- in die Baracke hineinging. Ich berührte die Wände, vielleicht an den gleichen Stellen wie meine Mutter. Ich hob ein Stückchen Trümmer auf, um es mit nach Hause zu nehmen, und versuchte mir vorzustellen, wie es hier für meine Mutter gewesen sein mag. Später verließ ich die Baracke am anderen Ende, indem ich hinaus sprang und auf einer überwucherten Fläche landete. Ein dorniges Gewächs hielt mich fest. Einer meiner Freunde bemerkte ergriffen: "Das Gebäude will nicht, dass Du gehst."

War der Besuch in Camp de Rivesaltes für Sie hilfreich, indem er Sie näher an die Seele Ihrer geliebten Mutter führte?

Während ich dort war, fühlte ich mich meiner Mutter sehr nah. Ich stellte mir vor, wie sie sich innerhalb des Lagers bewegte, wie es für sie gewesen war. Sie war von Juli bis September 1942 dort, in einer sehr heißen Jahreszeit. Ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter unter der Hitze litt, als wir noch zusammen in Kippenheim lebten. Es war bei meinem Besuch im Lager sehr heiß. Wie so oft in meinem Leben wurde ich an das "unverdient privilegierte" Leben erinnert, das ich führe. Dank der großen selbstlosen Liebe meiner Eltern entkam ich dem, was sie ertragen mussten. Indem sie mich in Mai 1939 mit einem Kindertransport nach England schickten, schenkten mir meine Eltern buchstäblich das Leben ein zweites Mal.

Es war ein sehr bewegender Besuch für Sie, nicht wahr? Eine Rückkehr zu einer sehr traurigen Zeit in Ihrem Leben, von Ihren Eltern getrennt!

Ehe ich Deutschland mit einem Kindertransport nach England verließ, gaben mir meine Eltern viele Ermahnungen mit auf den Weg -- ich sollte gut sein, ich sollte ehrlich sein -- und jede endete mit "Wir werden einander bald wiedersehen." Ich glaubte, dass wir einander bald wiedersehen würden. Ob meine Eltern es glaubten, werde ich nie erfahren. Meine Eltern und ich korrespondierten direkt miteinander, bis England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärte. Dann war ein direkter Briefwechsel nicht mehr möglich. Stattdessen haben wir Nachrichten von 25 Worten durch das Rote Kreuz ausgetauscht.

Als meine Eltern in die Lager in Vichy-Frankreich geschickt wurden, konnten wir wieder direkt miteinander korrespondieren. Aber, meinen Eltern wurde erlaubt, nur eine Seite pro Person pro Woche zu schreiben. Ich konnte so oft und soviel schreiben, wie ich wollte. Meine Eltern schrieben nie über die entsetzlichen Bedingungen, unter denen sie zu "existieren" gezwungen waren. Davon habe ich erst nach Kriegsende erfahren.

Wenn ich mich an die Zeit in England zurückerinnere, sehe ich ein sehr trauriges kleines Mädchen. Ich erlaubte es mir nicht, in wirklichen Kontakt mit meinen Gefühlen und Ängsten zu treten. Wie ich Ihnen schon erzählt habe, schrieben beide Eltern in ihren jeweils letzten Briefen an mich vor ihrer endgültigen Deportation (nach Auschwitz): "Es wird wahrscheinlich eine lange Zeit vergehen, ehe Du wieder von mir hörst."

Wie lang ist eine lange Zeit? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr, zehn Jahre?! Da ich es mir so sehr wünschte, mit meinen Eltern wiedervereint zu sein, sagte ich mir immer wieder "Eine lange Zeit ist noch nicht vorbei, ich muss länger warten." Ich habe mich geweigert, die Wahrheit zu erkennen. Ich war nicht dazu in der Lage, das Unvermeidliche, das Ableben meiner Eltern, zu akzeptieren. Das war in Wirklichkeit ein psychologisches Spiel, das ich mit mir selbst spielte. Es war meine Art zu überleben, ein Selbsterhaltungsmechanismus.

Erst im September 1980, als ich Auschwitz besuchte und an der Stelle stand, die sie einst "die Rampe" nannten, wo in den 40er Jahren die Viehwaggons ankamen, die Menschen hinaus getrieben wurden und Dr. Mengele und seine Helfer selektierten, wer leben und wer (in den Gaskammern) sterben sollte, war ich in der Lage, die Tatsache zu akzeptieren, dass meine Eltern und andere Familienmitglieder nicht überlebt haben. Das ist eine sehr lange Zeit der Wahrheitsverweigerung. Vielleicht ersetzte diese Verweigerung den üblichen Trauerprozess.

Ich danke Ihnen für dieses bewegende Interview./ (CH)

[1] Über Epsteins Misshandlung durch israelische Sicherheitsbeamte: www.jkcook.net/Articles2/0165.htm <http://www.jkcook.net/Articles2/0165.htm>, www.silviacattori.net/article130.html <http://www.silviacattori.net/article130.html> [2] www.counterpunch.org/cattori06072007.html <http://www.counterpunch.org/cattori06072007.html> www.voltairenet.org/article150755.html <http://www.voltairenet.org/article150755.html> [3] www.unrast-verlag.de/unrast,2,18,5.html <http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,18,5.html>

*Übersetzung *aus dem Englischen von Edith A. DuBose

*Silvia Cattori ist Jahrgang 1942 und übt ihren Beruf als Journalistin seit einigen Jahren in erster Linie in den Cybermedien aus, die, wie sie sagt, noch "ein Raum sind, in dem man die Wahrheit der Fakten noch frei ausdrücken kann". Während einer Studie, deren Thema die Medienwiedergabe des Staatsstreichs gegen Allende in Chile war, erwachte ihr Interesse an der Politik. Auf Reisen von einem Kontinent zum anderen wurde sie mit der vorhandenen tiefen Kluft zwischen der extremen Armut, die in den Ländern des Südens herrscht, und den Grenzen der bilateralen und internationalen Hilfe konfrontiert. Danach widmete sie sich seit einigen Jahren völlig literarischen Aktivitäten. Als sie im Jahre 2002, anlässlich einer Operation der israelischen Armee mit dem Namen "Menschliche Schutzschilde" erkannte, dass die Medien nur ein blassen Schein der Ausschreitungen der israelischen Armee gegen das palästinensische Volk wiedergaben, entschloss sie sich, sich selbst an Ort und Stelle zu begeben, um die Wahrheit mit eigenen Augen zu sehen. Schockiert von den Gräueltaten, die sie dort entdeckte, widmet sie sich seither der Aufgabe, die Weltöffentlichkeit über den Ernst der Verstöße, die vom israelischen Staat gegen eine schutzlose Bevölkerung begangen werden, aufmerksam zu machen. Silvia Cattori ist verheiratet, Mutter von 2 Töchtern, sie wohnt in Italien und in der Schweiz.

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[ 6 ]

http://www.rhein-main.net/

Frankfurter Neue Presse: 06.02.2008

Problematische Israel-Kritik

Von Hans-Martin Lohmann

Der israelische Historiker Ilan Pappe hat im Jahre 2006 in Großbritannien ein Buch veröffentlicht, das kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienen ist: „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Der Titel, bei dem man sich unwillkürlich der Gräuel erinnert, die in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts während der Kriege auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien verübt wurden, ist ebenso schockierend wie provozierend.

Er unterstellt, dass es in der Phase der Gründung des Staates Israel 1947/1948 von jüdischer Seite die systematische Anstrengung gegeben hat, die indigene Bevölkerung Palästinas notfalls mit Gewalt aus jenen Gebieten zu vertreiben, auf denen dann der Staat Israel entstehen sollte. Er unterstellt, dass die verbreitete Ansicht, der zufolge es nach dem UN-Teilungsplan vom November 1947 zu einem mehr oder minder „freiwilligen Transfer“ von Hunderttausenden von Arabern gekommen sei, falsch ist. Er unterstellt, dass die Entstehung des Staates Israel auf einer historischen Untat beruht.

Ist es in Deutschland möglich, über ein solches Buch sachlich zu diskutieren? Einiges spricht dagegen. Die Beziehungen von uns Deutschen zu den Juden und zum Staat Israel sind mit so schweren historischen und moralischen Hypotheken belastet, dass uns ein unvoreingenommener Blick auf den jüdischen Staat, auf seine Entstehungs- und Existenzbedingungen auch heute noch schwerfällt. Wir können zunächst einmal gar nicht anders, als Israel jeden nur denkbaren Kredit einzuräumen.

Nach den ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus an den europäischen Juden erscheinen uns Deutschen die Gründung und die gesicherte Existenz des jüdischen Staates nicht nur als die logische politische und historische Konsequenz aus der vorausgegangenen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte, sondern auch als eine unvermeidliche moralische Konsequenz, für welche wir auf Dauer zu haften haben.

Niemals in der Geschichte der Bundesrepublik stand auch nur für einen Augenblick die deutsche Selbstverpflichtung infrage, sich in jedem Fall auf die Seite Israels zu stellen. Dass wir in dieser Sache befangen sind und stets hochsensibel reagieren, ist im Übrigen keineswegs ein Makel, sondern im Gegenteil eine Garantie gegen den Rückfall in ältere deutsche Muster.

Vor diesem Hintergrund mag es zwar nachvollziehbar sein, dass wir Israel gegen allzu heftige Kritik immunisieren, zumal die Befürchtung berechtigt ist, dass solche Kritik immer auch Beifall auf der falschen Seite findet – dennoch ist diese Haltung auf Dauer moralisch unglaubwürdig und politisch unproduktiv.

Viel zu lange ist hierzulande darüber hinweggesehen worden, dass der seit sechs Jahrzehnten schwelende Konflikt im Nahen Osten nicht nur auf dem Vernichtungswillen arabisch-islamischer Nationalisten, Fanatiker und Antisemiten beruht, sondern auch auf der aggressiven Landnahme-Ideologie Israels.

Viel zu lange wollten wir nicht wahrhaben, dass Israel, schon bei seiner Gründung weit davon entfernt, der „David“ unter lauter arabischen „Goliaths“ zu sein, aus einer Position absoluter militärischer Stärke handelt und jederzeit in der Lage ist, seine Dominanz der anderen Seite aufzuzwingen.

Aus solcher Position der Stärke war Israel in der Vergangenheit und ist bis in die Gegenwart fähig, die Landkarte des alten Palästina fortlaufend zu seinen Gunsten zu verändern – etwa im Westjordanland, wo durch den Bau des Sicherheitszauns und neue Siedlungsprojekte Fakten geschaffen werden, die einseitig auf Kosten der Palästinenser gehen. Der palästinensischen Zivilbevölkerung bleibt die Rolle der Geisel in den Händen der israelischen Behörden und des Militärs, das sich permanent über elementare Menschenrechte hinwegsetzt und nur die Sprache der Gewalt kennt.

Der amerikanische Historiker Fritz Stern, ein aus Breslau stammender deutsch-jüdischer Emigrant, schreibt in seinen jüngst erschienenen Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“, anlässlich eines Besuchs in Israel Ende der 70er Jahre habe er bemerkt, dass man dort begonnen habe, sich kritisch mit der eigenen Geschichte zu befassen. Aber, so fährt Stern fort, über die „während des Unabhängigkeitskrieges an Palästinensern begangenen Gräuel“ werde „immer noch nur hinter vorgehaltener Hand“ gesprochen.

Der Historiker Ilan Pappe hat diese „vorgehaltene Hand“ nun weggezogen und ein Buch veröffentlicht, das Israel auf schmerzhafte Weise daran erinnert, dass es sich bei jenen „Gräueln“, von denen Stern spricht, nicht einfach nur um die üblichen „Unkosten“ handelt, die ein Krieg nun einmal mit sich bringt, sozusagen um die unvermeidlichen Kollateralschäden, sondern um ein organisiertes Kriegsverbrechen an der einheimischen palästinensischen Bevölkerung.

Die von Pappe ausgewerteten Quellen, etwa die Tagebücher des späteren Ministerpräsidenten David Ben Gurion, belegen, dass die zionistische Führung von Anfang an den Plan („Plan Dalet“) verfolgte, die einheimische Bevölkerung systematisch zu vertreiben. Die dabei eingesetzten Mittel – Einkreisung und Vernichtung von Dörfern, Erschießung der Dorfbewohner, terroristische Anschläge, Plünderung, Raub und Vergewaltigung – entsprachen dem, was wir heute als „ethnische Säuberung“ und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen.

Jede deutsche Debatte über Israel leidet unter einer schweren Deformation. Weil sich hinter einer scheinbar „objektiven“ und „sachlichen“ Kritik an Israel häufig antisemitische Motive und Inhalte verbergen, läuft jede begründete Israel-Kritik Gefahr, als antisemitisch wahrgenommen zu werden, wie es auch im Fall Pappes geschieht. Offenbar ist es kaum möglich, zwischen rationalem und irrationalem Diskurs zu unterscheiden.

Und das ist vielleicht das zentrale Problem, um das es hier geht: dass beim Stichwort Israel die Abgrenzung zwischen dem Realen und dem Imaginären versagt und sich beide Bereiche in verheerender Weise ineinander verschränken. Leider sieht es so aus, als kämen wir aus dieser Diskursfalle so schnell nicht heraus.

Hans-Martin Lohmann ist freier Publizist. Er war Chefredakteur der Zeitschrift „Psyche“.

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