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Inhaltsverzeichnis
DAS
WÜTEN DER SCHLÄCHTER UND DIE INTERNATIONALE VERANTWORTUNG
Von
Michael Warschawski - (Alternative Information Center -AIC-
v. 4. März 2008) mehr
PROTESTAKTION
VOR DEM BUNDESKANZLERAMT
Anlässlich
der bevorstehenden Israel-Reise von Angela Merkel (CDU) rufen
Friedens- und Menschenrechtsgruppen für kommenden Freitag ab 11
Uhr zu einer Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt in Berlin
auf mehr
AN
DIE FRANZÖSISCHE REGIERUNG:
SCHLUSS
MIT DEM MASSAKER IN GAZA! WER NICHTS TUT, IST KOMPLIZE!
Nationalbureau
der Jüdisch-Französischen Vereinigung für den Frieden mehr
DAS
MEGAGEFÄNGNIS PALÄSTINA
von
Ilan Pappe (The
Electronic Intifada v. 5. März, 2008) mehr
INTERVIEW
MIT DER HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN HEDY EPSTEIN "ERINNERN IST
NICHT GENUG!"
Von
Silvia Cattori
Aus:
Neue Rheinische Zeitung - Aktueller Online-Flyer vom 12. März
2008
mehr
PROBLEMATISCHE
ISRAEL-KRITIK
Von
Hans-Martin Lohmann
Frankfurter
Neue Presse: 06.02.2008 mehr |
Liebe
Leute,
anlässlich
des bevorstehenden Besuchs von Frau Merkel in Israel dokumentiere ich
zur Solidarität mit dem Widerstand von Gaza:
[
1 ]
DAS
WÜTEN DER SCHLÄCHTER UND DIE INTERNATIONALE VERANTWORTUNG
Von
Michael Warschawski - (Alternative
Information Center -AIC- v. 4. März 2008)
http://www.alternativenews.org/
-
A b d r u c k u n d
V e r b r e i t u n g e
r w ü n s c h t -
[
2 ]
PROTESTAKTION
VOR DEM BUNDESKANZLERAMT
Anlässlich
der bevorstehenden Israel-Reise von Angela Merkel (CDU) rufen Friedens-
und Menschenrechtsgruppen für kommenden Freitag ab 11 Uhr zu einer
Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf
URL:
http://www.aknahost.org/
und
http://www.jungewelt.de/2008/03-12/028.php
[
3 ]
AN
DIE FRANZÖSISCHE REGIERUNG:
SCHLUSS
MIT DEM MASSAKER IN GAZA! WER NICHTS TUT, IST KOMPLIZE!
Nationalbureau
der Jüdisch-Französischen Vereinigung für den Frieden
http://www.ujfp.org/modules/news/article.php?storyid=358
[
4 ]
DAS
MEGAGEFÄNGNIS PALÄSTINA
von
Ilan Pappe
(The Electronic Intifada v. 5. März, 2008)
http://www.ism-germany.net/
http://electronicintifada.net/v2/article9370.shtml
[
5 ]
INTERVIEW
MIT DER HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN HEDY EPSTEIN "ERINNERN IST NICHT
GENUG!"
Von
Silvia Cattori
Aus:
Neue Rheinische Zeitung - Aktueller Online-Flyer vom 12. März
2008
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12153
[
6 ]
PROBLEMATISCHE
ISRAEL-KRITIK
Von
Hans-Martin Lohmann
Frankfurter
Neue Presse: 06.02.2008
http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_article&id=4301788
Mit
internationalistischen Grüßen
Klaus
von Raussendorff
----------------------------------------------------------------------------
Anti-Imperialistische
Korrespondenz (AIKor) -
Informationsdienst
der Vereinigung für Internationale Solidarität (VIS) e.V.,
Redaktion:
Klaus von Raussendorff
Postfach
210172, 53156 Bonn; Tel. & Fax: 0228 - 34.68.50;
Webmaster:
Dieter Vogel
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[
1 ]
http://www.alternativenews.orgtml
DAS
WÜTEN DER SCHLÄCHTER UND DIE INTERNATIONALE VERANTWORTUNG
Von
Michael Warschawski - (Alternative
Information Center -AIC- v. 4. März 2008)
Über
100 Einwohner Gazas wurden in den letzten Tagen durch Beschuss und
Bombardierung von Israel massakriert, und die Liste wächst stündlich.
Im Vergleich zu dem mörderischen Gespann Olmert-Barak, könnte man
Ariel Sharon für einen Schüler Mahatma Gandhis halten: Das Massaker
von Djenin, das 2002 einen gewaltigen internationalen Aufschrei der Entrüstung
hervorrief, hatte, an der gegenwärtigen israelischen Aggression
gemessen, weit weniger Opfer. Nichtsdestoweniger ist die Reaktion der
internationalen Gemeinschaft deutlich milder als vor sechs Jahren.
Warum?
Diese
Frage sollte im Mittelpunkt der Überlegungen der internationalen
Solidaritätsbewegung, und ganz allgemein, des globalen Widerstands
stehen.
Denn
die israelischen Kriegsverbrechen sind nur möglich, weil die
internationale Gemeinschaft in den letzten sechs oder sieben Jahren
aufgehört hat, irgendeine Art Druck auf die israelische Regierung auszuüben,
und sie in Wirklichkeit darin unterstützt. So war es nicht immer,
zumindest seitens der meisten europäischen Staaten, die früher gegen
die Strategie des „globalen, endlosen Präventionskrieg“ der
neokonservativen US-Regierung opponierten und eine Strategie der
globalen Stabilität verteidigten statt der von Bush und seiner Bande
betriebenen Politik des globalen Chaos.
Der
Aufstieg des europäischen Neokonservativismus (Ein Beispiel für dieses
Phänomen ist der französische Präsident Nicolas Sarkozy) ist eine
neue Herausforderung für die Solidaritätsbewegung, und ganz allgemein
für die weltweite Anti-Globalisierungsbewegung: Die globale
Kriegsstrategie ist nicht mehr die ausschließliche Angelegenheit der
Regierung der USA (unterstützt von ein paar Ländern wie Großbritannien)
sondern der „internationalen Gemeinschaft“ an sich.
Dies
stellt eindeutig einen Wandel dar, den der Globale Widersand sehr ernst
nehmen muss: Es ist ein Weltkrieg im Gange, und jeder ist ein Teil
davon. Gegen die „internationale Gemeinschaft“, die mit Washingtons
globalem Krieg gemeinsame Sache macht, ist eine vereinte internationale
Anti-Kriegsbewegung absolut vordringlich geworden.
Was
das mit Gaza zu tun hat? Gaza ist heute die Frontlinie des Widerstands
gegen diese Offensive. Wenn Gaza sich ergibt, werden sich Washington und
Tel Aviv frei fühlen, eine zweite Runde im Libanon zu entfesseln und
den Iran anzugreifen. Sie wissen genau, dass Gaza, Libanon, Syrien, Irak
und Afghanistan unterschiedliche Schlachtfelder in ein und demselben
Krieg sind, und sie konzentrieren ihre Kräfte, um Gaza, seine Bevölkerung
und seine gewählte Führung zur Kapitulation zu zwingen. Diese Einsicht
sollte auch die Globale Bewegung durchdringen und zu einer einzigen
Schlussfolgerung veranlassen: Die Palästinenser in Gaza kämpfen nicht
nur für ihre eigenen Rechte und ihre Würde sondern für die Freiheit
aller Völker der Welt; sie widersetzen sich den vereinigten Führern
des Imperiums und ihrem Versuch, die Völker der Erde zu Sklaven zu
machen, einschließlich der arbeitenden Menschen in den
industrialisierten Metropolen.
Niemand
in unserem Lager, dem Lager des weltweiten Widerstands gegen das
Imperium, hat das Recht, vor der Verpflichtung zu einer totalen
Solidarität mit dem Widerstand von Gaza davonzulaufen, auch nicht unter
dem Vorwand der Ablehnung einer von der Bevölkerung Gazas gewählten Führung.
Dasselbe sollte für das Volk des Iran gelten.
Im
Mittelpunkt der Kampagne der Solidarität mit Gaza muss die Aufforderung
zu einer Blockade Israels stehen, so lange die Blockade von Gaza nicht
aufgehoben ist. Wirtschaftlicher, politischer und kultureller Boykott
eines Staates, der sich selbst durch seine Kriegsverbrechen außerhalb
der zivilisierten Welt gestellt hat: Bis die blutigen Angriffe auf Gaza
eingestellt und die Belagerung aufgehoben wird, ist es die Pflicht aller
anständigen Menschen laut und deutlich zu sagen: Keinerlei Beziehungen
mit dem verbrecherischen Staat Israel!
Übersetzung
aus dem Englischen: Klaus von Raussendorff
zurück
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[
2 ]
URL:
http://www.aknahost.org/
und http://www.jungewelt.de/2008/03-12/028.php
PROTESTAKTION
VOR DEM BUNDESKANZLERAMT
Anlässlich
der bevorstehenden Israel-Reise von Angela Merkel (CDU) rufen Friedens-
und Menschenrechtsgruppen für kommenden Freitag ab 11 Uhr zu einer
Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf:
Vom
16. bis 18. März besucht Bundeskanzlerin Merkel Israel. Anlaß ist der
60. Jahrestag der Gründung des Staates. Frau Merkel will die
Beziehungen zwischen beiden Regierungen aufwerten. Diese Aufwertung
wirkt wie eine Belohnung für Menschenrechtsverletzungen und für Verstöße
gegen das Völkerrecht durch die israelische Regierung – zuletzt im
Gazastreifen mit mehr als 120 Toten als Folge. Dabei sollten doch Opfer
von Gewalt gleiche Anteilnahme erfahren – ob sie durch ein Attentat
(wie letzte Woche in Jerusalem) oder durch Handlungen einer Armee
sterben.
Die
Politik der Kanzlerin schadet den Palästinensern und letztlich auch den
Israelis. Auf Dauer stärkt sie den Antisemitismus hierzulande. Wir
fordern Frau Merkel auf, ihre einseitige Politik zu korrigieren, sich öffentlich
für ein Ende der katastrophalen israelischen Blockade des Gazastreifens
einzusetzen und deutlich gegen Siedlungspolitik und Besatzung Stellung
zu beziehen!
Zur
Gründung des Staates Israels vor 60 Jahren gehört auch die Nakba –
die Flucht und die Vertreibung hunderttausender Palästinenser und die
ethnische Säuberung eines Teils Palästinas! Nur wer beides sieht, kann
beiden Völkern gerecht werden. Daran wollen wir während der Protestveranstaltung
mit einer Installation aus Koffern erinnern.
Die
deutsche Regierung verlangt von den Palästinensern Gewaltlosigkeit,
nicht jedoch von der israelischen Regierung. Wo aber bleibt dann die
Unterstützung der Bundesregierung für den gewaltfreien palästinensischen
Widerstand gegen die Besatzung, an dem zum Teil auch Israelis
teilnehmen? Dieser Widerstand fordert nichts anderes, als die Einhaltung
des internationalen Rechts.
Die
Bundesregierung bietet den Palästinensern Geld an, aber fordert keine
gleichen politischen Rechte für sie. Außerdem will sie die palästinensische
Polizei ausbilden. Das bedeutet heute, den innerpalästinensischen Bürgerkrieg
weiter anzufachen. Denn diese Polizei steht unter Kontrolle nur einer
palästinensischen Partei, der Fatah.
Für
einen Waffenstillstand und erst recht für einen Frieden muß aber die
Hamas mit einbezogen werden. Nur dann könnte das Leiden der Palästinenser
in Gaza und der Israelis in Sderot ein Ende haben. Auch wenn Kritik an
dieser Gruppierung nötig ist, sind Verhandlungen mit ihr unumgänglich.
Dafür sprechen sich auch israelische Schriftsteller wie Amos Oz und
David Grossman aus – und selbst ein israelischer Minister.
Hat
Frau Merkel überhaupt vor, in Israel Friedensgruppen zu treffen, die
sich für einen gleichberechtigten Frieden einsetzen?
Unterstützer
(Stand vom 12.03.08) :
Adala-Arabischer
Kunst- und Bildungsverein
AK
Nahost Berlin (www.aknahost.org).
AK
Nahost Hagen
AK
Palästina-Israel Frankfurt a.M.
Aktionsbündnis
für einen gerechten Frieden in Palästina
Arabischer
Publizistenverein Deutschlands e. v.
Bonner
Friedensbündnis
Deutsch-Palästinensische
Gesellschaft
Deutscher
Freidenkerverband
Frauennetzwerknahost
Friedensaktion
Palästina, München
Heidelberger
Friedensratschlag
International
Solidarity Movement (ISM) Germany
Jüdische
Stimme für gerechten Frieden in Nahost – Deutsche Sektion des EJJP
e.V.
Koordinationskreis
Palästina, München
Nahostkomitee
in der Berliner Friedenskoordination
Ökumenisches
Zentrum für Umwelt-, Friedens-und Eine-Welt-Arbeit/Berlin-Spandau
Palästina-Komitee
München
Palästinensische
Gemeinde Deutschland
Palästinensische
Gemeinde Düsseldorf e.V.
Palästinensische
Gemeinde Köln e.V.
Palästinensischer
Studentenverein e.V.
*********************************************************************
[
3 ]
http://www.ujfp.org/modules/news/article.php?storyid=358
Nationalbureau
der Jüdisch-Französischen Vereinigung für den Frieden
AN
DIE FRANZÖSISCHE REGIERUNG:
SCHLUSS
MIT DEM MASSAKER IN GAZA! WER NICHTS TUT, IST KOMPLIZE!
Die
israelische Regierung bereitet die Weltmeinung offen auf die Invasion
des Gazastreifens vor. Diese Invasion hat mit der Tötung von mehr als
60 Zivilpersonen allein am 1. März 2008 bereits begonnen. Seit Monaten
ist der zur „feindlichen Einheit“ erklärte Gazastreifen einer schändlichen
Blockade unterworfen. Die israelische Regierung maßt sich das Recht an,
anderthalb Millionen Menschen auszuhungern. In Gaza fehlt es an allem:
an Lebensmitteln, Wasser, Strom, Medikamenten, Schulheften ...
Ein
zusätzlicher Schritt wurde gerade gemacht. Die Toten, die der Besatzer
schamhaft Terroristen nennt, gezielte Tötungen oder Kollateralschäden,
das sind gewöhnliche Bürger, Zivilisten, die einfach nur normal leben
wollen.
Durch
ihr Schweigen, durch ihre Weigerung, die Verantwortlichen für diese
Verbrechen gegen die Menschheit zu verurteilen, ist die internationale
Gemeinschaft KOMPLIZE.
Wir
verlangen, dass die französische Regierung - mit grösster Klarheit die
von der israelischen Armee in Gaza begangenen Verbrechen verurteilt, und
ebenso die Belagerung des Gazastreifens auf Veranlassung der
israelischen Regierung;
-
den Staat Israel durch den Sicherheitsrat wegen der in Gaza begangenen
Verbrechen verurteilt und das sofortige Ende dieser Gewalttaten FORDERT;
-
die Europäische Union dazu drängt, dass sie unverzüglich diese nicht
hinnehmbare Gewalt verurteilt und die gebotenen Sanktionen gegen Israel
veranlasst: Suspendierung jeder wirtschaftlichen, politischen und
kulturellen Zusammenarbeit;
-
aufhört, eine Parallele zwischen dem Besatzer und seinen Opfern zu
ziehen und eine Blockade Israels vorschlägt, solange die Blockade des
Gazastreifens fortwährt;
-
der Straflosigkeit der kriegsverbrecherischen israelischen Führer ein
Ende setzt und die Anwendung allen von Israel gebrochenen
internationalen Rechts fordert.
T:I:S,
Übersetzung, Paris, 2. März 2008 http://www.steinbergrecherche.com
zurück
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[
4 ]
URL
(deutsch) http://www.ism-germany.net/
URL
(englisch) http://electronicintifada.net/v2/article9370.shtml
DAS
MEGAGEFÄNGNIS PALÄSTINA
von
Ilan Pappe
(The Electronic Intifada v. 5. März, 2008)
In
mehreren in der Electronic Intifada veröffentlichen Artikel habe ich
behauptet dass Israel eine völkermörderische Politik gegen die Palästinenser
im Gazastreifen verfolge und zugleich die ethnische Säuberung der
Westbank weiterführe. Ich
behauptete weiterhin, dass die völkermörderische Politik aus einem
Mangel an Strategie resultiert. Es wurde argumentiert dass, da die
israelischen politischen und militärischen Eliten nicht wissen, wie sie
mit dem Gazastreifen umgehen sollen, sie eine reflexartige Reaktion gewählt
haben, in der Form von massiven Tötungen der Bürger sobald die Palästinenser
im Streifen es wagten, mit Gewalt gegen ihre Strangulierung und
Einsperrung zu protestieren. Das
bisherige Endergebnis ist die willkürliche Tötung von Palästinensern,
mehr als hundert in den ersten Tagen des März 2008, womit das dieser
Politik beigefügte Adjektiv „völkermörderisch“ wie auch andere
bedauerlicherweise bestätigt werden. Es war aber noch keine Strategie.
In
den letzten Wochen zeigt sich allerdings eine klarere israelische
Strategie der Zukunft des Gazastreifens gegenüber, welches Teil eines
gesamten neuen Denkens über das Schicksal der besetzten Gebiete im
Allgemeinen darstellt. Im
Wesentlichen handelt es sich um eine Verfeinerung des Unilaterismus, das
Israel seit dem Zusammenbruch der Camp David „Friedensgespräche“ im
Sommer 2000 eingeführt hat. Der frühere Premier Ariel Sharon, seine
Kadimapartei und sein Nachfolger Ehud Olmert haben deutlich dargestellt
was Unilateralismus bedeutet: Israel sollte etwa 50 Prozent der Westbank
annektieren, nicht als zusammenhängendes Stück sondern als Gesamtraum
der Siedlungsblöcke, der Apartheidstraßen, der Militärbasen und der
„Nationalparkreserven“ (die für Palästinenser nicht zugänglich
sind). Dies wurde mehr oder weniger während der vergangenen acht Jahren
implementiert. Die rein jüdischen Gebilde zerteilen die Westbank in 11
kleine Kantone und Unterkantone. Sie sind von einander durch die
komplexe koloniale jüdische Gegenwart getrennt. Der wichtigste Teile
dieses Vordringens ist der Großjerusalem-Keil, der die Westbank in zwei
abgesonderte Regionen teilt, ohne Landverbindung für die Palästinenser.
So
dehnt sich die Mauer, entsteht in verschiedenen Formen in der ganzen
Westbank neu und umringt stellenweise einzelne Dörfer, Nachbarschaften
oder Städte. Ein kartografisches Bild dieses neuen Gebildes gibt einen
Hinweis auf die neue Strategie, sowohl gegenüber der Westbank wie auch
des Gazastreifens. Der jüdische Staat des 21. Jahrhunderts ist im
Begriff, den Bau zwei Megagefängnisse – die größten ihrer Art in
der Menschheitsgeschichte – zu
vervollständigen.
Sie
haben unterschiedliche Form: die Westbank besteht aus lauter kleine
Gettos, Gaza ist ein eigenes, riesiges Megagetto. Es gibt einen weiteren
Unterschied: der Gazastreifen ist jetzt, in der verdrehten Wahrnehmung
der Israelis, die „Krankenstation“ in der die „gefährlichsten
Insassen“ gehalten werden. Die Westbank dagegen wird noch als riesiger
Komplex von Freiluftgefängnissen betrieben, in der Form normaler
menschlicher Wohnanlagen wie Dörfer und Städte, verbunden und
beaufsichtigt durch eine Gefängnisbehörde von immenser militärischer
und gewaltsamer Macht.
Was
die Israelis angeht, kann das Megagefängnis der Westbank ruhig ein
Staat genannt werden. Der Berater von Präsident Mahmoud Abbas, Yasser
Abed Rabbo, hat in den letzten Tagen des Februar 2008 den Israelis mit
einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung gedroht, inspiriert durch
die neueren Ereignisse im Kosovo. Es scheint allerdings, dass niemand
auf der israelischen Seite dieser Idee besonders widersprochen hat.
Das ist mehr oder weniger die Botschaft, die ein verwirrter Ahmed
Kurei, der von Abbas ernannte palästinensische Unterhändler, von Zipi
Livni, der israelischen Außenministerin,
erhielt, als er sie anrief, um ihr zu versichern dass Abed Rabbo nicht
im Namen der Palästinenserautorität spreche. Sein Eindruck war, dass
Livnis Hauptsorge geradezu das Gegenteil war: dass die PA nicht damit
einverstanden sein würde, die Megagefängnisse in der nahen Zukunft als
Staat zu bezeichnen.
Diese
mangelnde Bereitschaft, zusammen mit der Insistenz der Hamas, das
Megagefängnissystem durch einen Befreiungskrieg zu bekämpfen, zwang
die Israelis dazu, ihre Strategie gegenüber dem Gazastreifen zu überdenken.
Es ergibt sich, dass nicht einmal die kooperativsten Mitglieder der PA
bereit sind, die Realität des Megagefängnisses als „Frieden“ oder
auch nur als „Zweistaatenvereinbarung“ zu akzeptieren. Und Hamas und
Islamischer Jihad übersetzen ihren Widerwillen sogar in Kassamangriffe
gegen Israel. So entwickelte sich das Modell der gefährlichsten
Krankenstation: die führenden Strategen der Armee und der Regierung
bereiten sich auf einen sehr langdauernden „Betrieb“ des von ihnen
aufgebauten Systems, während sie zugleich ihr Engagement für einen
bedeutungslosen „Friedensprozess“ bestärken, der sehr geringes
globales Interesse genießt und von einem fortgeführten inneren
Gegenkampf begleitet wird.
Der
Gazastreifen wird nun als gefährlichste Krankenstation in diesem
Komplex betrachtet und daher diejenige, gegen die die brutalsten Strafmaßnahmen
ergriffen werden müssen. Die Tötung der
„Insassen“ durch Luft-
und Artilleriebombardement oder durch wirtschaftliche Strangulierung
sind nicht nur die unvermeidbaren Folgen der gewählten Strafmaßnahme
sondern auch wünschenswert. Das Bombardement von Sderot ist auch die
unvermeidbare und irgendwie auch wünschenswerte Folge dieser Strategie.
Unvermeidlich, da die Strafmaßnahme den Widerstand nicht zerstören
kann und oft Vergeltung provoziert. Die Vergeltung ergibt wiederum die
Logik und Basis der nächsten Strafmaßnahme, sollte eine Stimme der inländischen
öffentlichen Meinung die Weisheit der neuen Strategie bezweifeln.
In
der nahen Zukunft sollte irgendwelchem ähnlichen Widerstand von Teilen
des Westbank-Megagefängnisses auf gleicher Art begegnet werden. Zudem
sind solche Aktionen in der ganz nahen Zukunft durchaus wahrscheinlich.
In der Tat ist die dritte Intifada schon unterwegs, und die israelische
Antwort darauf wäre ein weiterer Ausbau des Megagefängnissystems. Eine
Verringerung der Anzahl der „Insassen“ der beiden Megagefängnisse
durch ethnische Säuberung, systematische Tötungen und wirtschaftliche
Strangulierung bliebe nach wie vor eine hohe Priorität dieser Strategie
.
Es
gibt aber Hindernisse, die diese zerstörerische Maschinerie behindern.
Es scheint dass eine wachsende Anzahl Juden in Israel (eine Mehrheit,
nach einer neueren CNN-Umfrage) wünschen, dass ihre Regierung
Verhandlungen mit der Hamas beginnt. Ein Megagefängnis ist in Ordnung,
wenn aber die Wohngebiete der Wärter in der Gefahr stehen, in Zukunft
unter Beschuss zu geraten, dann schlägt das System fehl. Leider
zweifele ich daran, dass die CNN-Umfrage die israelische Stimmung
akkurat wiedergibt; sie zeigt allerdings einen hoffnungsvollen Trend,
der das Beharren der Hamas darauf, dass Israel nur die Sprache der
Gewalt verstehe, bestätigt. Der Trend wird aber vielleicht nicht
ausreichen, und inzwischen arbeitet das Megagefängnissystem ungeschwächt
weiter, und die Strafmaßnahmen seiner Führung nehmen immer mehr
Kindern, Frauen und Männern im Gazastreifen das Leben.
Wie
immer ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass der Westen jeder Zeit
dieser präzedenzlosen Unmenschlichkeit und Kriminalität ein Ende
setzen kann. Bisher geschieht dies aber nicht. Obwohl die Bemühungen,
Israel zu einem Paria zu machen, mit voller Kraft weitergeführt werden,
sind sie immer noch auf die Zivilgesellschaft beschränkt. Es ist zu
hoffen, dass diese Kraft eines Tages in konkrete Regierungspolitik
umgewandelt wird. Wir können
nur beten, dass es nicht zu spät sein wird für die Opfer dieser
horrenden zionistischen
Intervention: des Megagefängnissystems Palästina.
Ilan
Pappe ist Vorsitzender der Geschichtsfakultät an
der Universität Exeter.
zurück
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[
5 ]
Aus:
Neue Rheinische Zeitung Aktueller Online-Flyer vom 12. März 2008
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12153
INTERVIEW
MIT DER HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN HEDY EPSTEIN "ERINNERN IST NICHT
GENUG!"
Von
Silvia Cattori
"Israel
minister warns Palestinians of holocaust" meldete die
Nachrichtenagentur Reuters am 29. Februar. Laut Reuters, soll Matan
Vilnai, stellvertretender israelischer Verteidigungsminister im Militärrundfunk
gesagt haben: "Wenn die Palästinenser noch mehr Raketen abschießen
und deren Reichweite vergrößern, bringen sie sich in die Gefahr eines
größeren Holocaust." Die US-Amerikanerin Hedy Epstein ist Überlebende
des Holocausts, engagiert sich für Palästina und gab Silvia Cattori
ein Interview.
"Ich
möchte dieses Interview den Kindern von Gaza widmen, deren Eltern sie
weder beschützen noch in Sicherheit wegschicken können, wie es meine
Eltern in Mai 1939 taten, als sie mich mit einem Kindertransport nach
England schickten.", sagte Hedy Epstein auf kindertransport.org (http://www.kindertransport.org/history.html)
Silvia
Cattori: Im Jahre 2004, nach der demütigenden und entmenschlichenden
Misshandlung, die Sie am Flughafen Tel Aviv ertragen mussten, bei der
Sie sich ausziehen mussten und ihre Körperöffnungen durchsucht wurden,
wie Sie es mir in unserer ersten Unterhaltung [1] erzählten, waren Sie
sehr aufgebracht und erklärten: "Ich werde nie wieder nach Israel
zurückgehen". Aber seitdem sind Sie viermal zurückgekehrt.
Letzten Sommer waren Sie wieder dort. Wie war das möglich?/
Hedy
Epstein: Ich habe noch nie eine solche Wut empfunden wie nach dem, was
mir und meiner Reisebegleitung im Januar 2004 am Ben Gurion Flughafen
passiert ist. Während ich im Flugzeug saß, immer noch voller Wut,
schrieb ich auf jede Seite der Bordzeitschriften "Ich bin eine
Holocaustüberlebende und ich werde ,nie wieder' nach Israel zurückkehren."
Manchmal habe ich meinen Kugelschreiber so hart gedrückt, dass ich die
Seite zerriss. Es war nur eine kleiner Versuch, meine Wut abzureagieren.
Nach
meiner Heimkehr, immer noch sehr wütend und traumatisiert, entschied
ich mich für eine Gesprächstherapie, die mir half, mit meiner Wut
fertig zu werden, und die es mir möglich machte, meine nächste Reise
in die West Bank nur ein paar Monate später, im Sommer 2004, zu planen.
Seitdem bin ich jedes Jahr dort gewesen, insgesamt fünf Mal seit 2003.
Ich bin wieder hingefahren, weil es das Richtige für mich ist,
Augenzeugin zu sein und die Palästinenser wissen zu lassen, dass es
Menschen gibt, die sich ausreichend dafür interessieren, um zurückzukommen
und ihnen in ihrem Kampf gegen die israelische Besatzung beizustehen.
Die Palästinenser haben mich gebeten, amerikanischen Bevölkerung bei
meiner Heimkehr der zu erzählen, was ich gesehen und erlebt habe, weil
sie nicht wissen, was dort geschieht, da die Medien sie nicht
informieren. Ich habe mich dazu verpflichtet and nehme jede Gelegenheit
wahr, dieser Verpflichtung nachzukommen.
Wie
haben Sie die brutale Behandlung der israelischen Offiziere
interpretiert?
Sie
versuchten, mich einzuschüchtern, mich zum Schweigen zu bringen in der
Hoffnung, ich würde nie wieder hinfahren. Obwohl sie einen momentanen
Erfolg hatten, sind sie letztendlich gescheitert. Ich zitiere General
MacArthur, einen amerikanischen Armeegeneral, der einmal sagte "Ich
werde wieder kommen". Und ich bin viermal seit dem Vorfall im
Januar 2004 am Tel Aviv Flughafen auf meinem Rückweg aus dem von den
Israelis besetzten Gebiet zurückgekehrt. Und ich werde immer wieder
hinfahren. Sie können mich nicht aufhalten. Daher habe ich vor, in ein
paar Monaten an Bord eines Schiffes nach Gaza zu gehen.
S
t r a ß e n s p e r r e n, S
c h l a n g e n u n d
K o n t r o l l p u n k t e
War
es nicht zu traumatisch für einen sensiblen Menschen wie Sie, zur
Westbank zurückzukehren und zu sehen, wie israelische Soldaten Palästinenser
demütigen, bedrohen, töten und ihr Eigentum vernichten?
Als
Amerikanerin bin ich eine privilegierte Person. Ich bin mir dessen sehr
bewusst und fühle mich in meiner Haut unwohl, besonders wenn ich in Palästina
bin. Ich bin der Tatsache bewusst, dass ich kommen und gehen kann, wann
ich will -- ein den Palästinensern verweigertes Privileg. Sie haben große
Schwierigkeiten, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, eingeschränkt
von Straßen- sperren, Kontrollpunkten, einer acht Meter hohen Gefängnis-
mauer, von jungen israelischen Soldaten, die willkürlich entscheiden,
wer passieren darf und wer nicht, wer zur Schule gehen darf, zum
Krankenhaus, zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten.
Ich
habe lange Schlangen von Palästinensern an dem Kontrollpunkt bei
Bethlehem gesehen. Ich sprach mit einem 41jährigen Mann, der mir erzählte,
er arbeite drei Tage die Woche. Um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen,
stehe er um 2.30 Uhr auf und komme um 3.15 Uhr zum Kontrollpunkt, um
sich in eine sehr lange Schlange mit anderen einzureihen und zu warten,
bis der Kontrollpunkt um 5.30 Uhr öffnet. Er müsse so früh kommen,
weil so viele Leute in der Schlange seien. Manchmal ließen die
israelischen Soldaten niemanden durch. Er möchte gerne voll arbeiten,
aber es gebe keine Jobs in Bethlehem.
Bei
jedem meiner fünf Besuche habe ich Zeit in Jerusalem verbracht. Es ist
mir schmerzlich bewusst geworden, wie sehr wenig und zunehmend die
derzeitige Größe und Grenzen der Stadt mit ihren historischen
Parametern gemeinsam haben. Ausschließlich israelische Siedlungen wie
Har Homa und Gilo werden Jerusalemviertel genannt. Ostjerusalem ist übersät
mit israelischen Fahnen, die über den Häusern flattern, aus denen Palästinenser
"entfernt" wurden. So wird die Gegend immer stärker
judaisiert.
Während
meines letzten Aufenthalts im August 2007, hatte ich nur für einen
kurzen Besuch Zeit bei meiner lieben palästinensischen Freundin und
ihrem Mann in Ramallah. Bei früheren Besuchen waren ich und meine
amerikanischen Reisebegleiter mehrere Tage zu Gast bei ihnen, sonnten
uns in ihrer Gastfreundschaft, typischer palästinensischer
Gastlichkeit, einer Art, die ich nirgendwo anders erlebt habe. Die
Hausfrau, in der Vergangenheit immer fröhlich, erschien mir
niedergeschlagen. Obwohl sie sich nicht beklagte, sagte sie einfach
"Das Leben ist viel schwieriger, seitdem mein Mann keine Arbeit
hat." Später bei einer Unterhaltung mit ihrem Mann unter vier
Augen sagte er, er habe seine Stelle verlassen, um sich weiterzubilden.
Es gibt Wahrheiten in beiden Aussagen, aber die des Ehemannes spiegelt
den Versuch wider, etwas von seiner Würde zu retten und zu bewahren.
Ich
besuchte auch meine palästinensischen Freunde und ihre Kinder in
Bethlehem und blieb dort über Nacht. Der Fernseher, der immer läuft,
erregte unsere Aufmerksamkeit. Da lief eine Reportage über Juden aus
aller Welt, die nach Israel einwandern. Viele israelische Fähnchen
wedelten und hießen die neuen israelischen Staatsbürger bei ihrem
Ankunft am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv willkommen. Auf einem großen
Transparent im Hintergrund stand auf Englisch und Hebräisch
"Willkommen zuhause". Wir alle schauten den Fernseher
schweigend an, während die Reportage weiterlief. Dann brach einer von
uns, ich weiß nicht wer, das große Schweigen und stellte die Frage
"Was ist mit der Wiederkehr der Palästinenser?"
Bei
der allwöchentlichen gewaltfreien Demonstration in Bi'lin, wo junge
israelische Soldaten uns mit Tränengas bewarfen, hörte ich, als wir
wegrannten, eine Unterhaltung zwischen zwei palästinensischen Jungen.
Der eine sagte dem anderen "Ich möchte nicht sterben."
"Ich auch nicht", sagte der andere. Ihre Angst trage ich immer
noch in mir. Was wird aus ihnen? Was für eine Zukunft haben sie?
I
h r e H o f f n u n g
w e r d e n s i
e n i e
z e r s t ö r e n
Und
dennoch, trotz der beinah hoffnungslosen Situation, die sich nie ändern
könnte, ist das palästinensische Volk erstaunlich stark. Obwohl die
israelische Unterdrückung fortschreitet und durch neue militärische
Unterdrückungs- maßnahmen schlimmer wird, geben die Palästinenser
nicht auf. Sie werden weiterhin dort leben. Sie sind ein erstaunliches,
unverwüstliches Volk. Sie werden nie aufgeben. Die Israelis mögen
viele von ihnen töten, ihre Häuser zerstören, ihre Leben zerstören,
aber sie werden ihre Hoffnung auf eine andere, bessere Art des
Zusammenlebens nie zerstören.
Egal,
was die Israelis machen, sie können das palästinensische Volk nicht
seiner Hoffnung und Würde berauben. Die Israelis haben zwar die Macht,
aber das palästinensische Volk besitzt Würde, und allen Widrigkeiten
zum Trotz hat es noch Hoffnung. Die Israelis haben die Flugzeuge, aus
denen sie Bomben auf Gaza werfen, sie haben Bulldozer, die in den USA,
nicht weit von meinem Zuhause, produziert werden. All diese Dinge können
sie tun, aber trotz dieser Übermacht werden die Israelis die Hoffnung
und Würde der Palästinenser nie zerstören können.
Ist
es nicht sehr ungewöhnlich und bewegend für die Palästinenser in
Hebron oder Nablus, eine Holocaustüberlebende zu sehen, die unter solch
prekären Umständen zu ihnen reist, um ihnen ihre Liebe und Solidarität
auszudrücken?
Ich
denke, es ist wichtig, dass die Palästinenser, die Palästina nicht
verlassen dürfen, die unter solchen entsetzlichen Bedingungen unter der
israelischen Militärbesetzung leben, wissen sollen, dass es Menschen in
anderen Teilen der Welt gibt, die die israelische Besetzung verurteilen,
die genug Interesse haben, hinzufahren und ihre Leiden und
Schwierigkeiten mit ihnen zu teilen, wenn auch nur für kurze Zeit.
Ich
bin immer wieder beeindruckt, wenn ich sehe, dass die Palästinenser so
viel mehr über die Weltgeschehnisse wissen, dass sie besser informiert
sind als die amerikanische Bevölkerung. Die meisten Palästinenser, die
ich kennengelernt habe, haben mich gebeten, den Amerikanern das, was ich
gesehen und erlebt habe, zu erzählen, weil die amerikanische Bevölkerung
nichts davon weiß, da die Medien sie nicht informiert. Ich habe mich
dazu verpflichtet: Ich habe in Gymnasien und Universitäten, in Kirchen
und vor Bürgergruppen Vorträge gehalten, sowohl in den Vereinigten
Staaten als auch in Deutschland (auf Deutsch) gehalten. Ich lege es den
Menschen ans Herz, nach Palästina zu reisen, um das Leben dort zu sehen
und zu erleben. Es ist eine lebensverändernde Erfahrung. Sie werden als
anderer Mensch zurückkommen, bewusster, sensibler, und hoffentlich dazu
herausgefordert, etwas zu verändern.
Obwohl
ich keine religiöse Jüdin bin (ich halte mich für eine weltliche
Humanistin), weiß ich ein bisschen über die jüdische Tradition, die
lehrt: "Wir dürfen weder die Hoffnung noch unsere angefangene
Arbeit aufgeben, auch wenn wir die Aufgabe persönlich nicht zu Ende führen
können."
Die
Situation, besonders in Gaza, ist so schrecklich. Ich fühle mich dazu
verpflichtet, weiterhin eine moralische Stimme zu sein, weiterhin den
Mut zu haben, für eine öffentliche Stellungnahme gegen Israels
Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die von den Medien
verbreiteten Fehlinterpretationen. Israel wäre nicht in der Lage, seine
Verbrechen gegen die Menschheit auszuführen, ohne die Erlaubnis der
USA, der Welt, ohne die Massenmedien, die mit wenigen Ausnahmen die Palästinenser
entmenschlichen und den Menschen Angst, Ignoranz und Abscheu vor ihnen
und ihrer Kultur einimpfen.
O
h n e G e r e c h t i
g k e i t k e i n e n
F r i e d e n
Nachdem
ich Palästinenser kennen gelernt und ihre Gastfreundschaft, Wärme, Würde
und Humor erlebt habe, ist es meine Pflicht, ihre Stimmen, ihre
Erlebnisse zu allen meiner Zuhörern zu bringen, Zeugnis abzulegen über
die Mauer, die Landbeschlagnahmungen, die abgerissenen Häuser, die
Verstöße gegen die Wasserrechte, die Einschränkungen der
Bewegungsfreiheit. Auf eine friedliche Zukunft kann nicht passiv
gewartet werden, sondern durch Engagement und Kämpfe für die
Gerechtigkeit. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit.
Nadav
Tamir, israelischer Generalkonsul in Boston, schrieb im November 2007 für
die Boston Globe Zeitung: "Dies ist keine Frage mehr, ob man für
die Israelis oder für die Palästinenser ist, sondern eine
Konfrontation zwischen denen, die Frieden und denen, die Blutvergießen
,vorziehen'. Es ist an der Zeit, die Seiten zu wählen."
Sie
sagten, sie planen in einigen Monaten an Bord eines Schiffes nach Gaza
zu sein [2]?
Oh
ja, definitiv. Nichts kann mich aufhalten. Ich bin fest entschlossen, an
Bord zu gehen, und ich werde Schwimmunterricht nehmen, für alle Fälle.
Das Schiff "Free Gaza" konnte letzten Sommer aus verschiedenen
Gründen nicht fahren. Ich denke, es ist für alle auf das Schiff
eingeladenen Leute wichtig, diese Gelegenheit zu ergreifen, um der Welt
vor Augen zu führen, was Israel tatsächlich in Gaza tut, und um ihrer
Absicht, die illegale Belagerung zu brechen, Ausdruck zu verleihen.
Die
Medien werden so beeinflusst -- wahrscheinlich auch von Israel -- dass,
wer auch immer an der Macht in den USA oder in Europa ist, sie nie das tägliche
Geschehen an Ort und Stelle übermitteln, wie viel Leid von der extremen
Unterdrückung verursacht wird, was den Menschen geschieht, nicht nur in
Gaza, sondern auch im geringerem Ausmaß auf der Westbank. Die Welt muss
es erfahren, und wenn wir das Medium dafür sein können, die Welt
endlich über die Geschehnisse zu informieren, dann ist es wichtig für
uns, diese Rolle zu spielen.
Während
die meisten Staaten die Hamas-Regierung im Gazastreifen isolieren und
dabei die Menschen dort von den notwendigsten humanitären Hilfen
abschneiden -- stellt nicht die Übernahme der Hamas in Gaza ein
Hindernis für Sie dar, dorthin zu fahren?
Nein.
Die Hamas wurde demokratisch gewählt. Es gab neutrale Wahlbeobachter,
die an den Wahlen nichts zu beanstanden hatten. Sie sind demokratisch
gewählt worden. Wie Sie wissen, wollten Israel und die USA diese
Wahlen, aber sie hofften auf ein anderes Ergebnis. Die Tatsache, dass
die Hamas die Wahl gewonnen hat, gefiel ihnen gar nicht. Aus diesem
Grund attackieren sie die Hamas und wollen sie nicht anerkennen. Und,
sie führen eine Art Kollektivstrafe gegen die 1,5 Millionen Menschen in
Gaza durch. Es ist eine gigantische humanitäre Krise. Die israelische
Armee kontrolliert alle Ausgänge von Gaza nach Israel, Jordanien und Ägypten.
Tatsächlich beherrschen sie Luft-, See- und Landwege.
Kaum
etwas darf eingeführt werden, und es ist nicht erlaubt, etwas auszuführen.
Gaza ist im Grunde ein landwirtschaftliches Gebiet. Die Bauern in Gaza,
die zum Beispiel Blumen, Erdbeeren und Tomaten mit viel Zeitaufwand,
Energie und Kosten erzeugen, können ihre Produkte nicht verkaufen! Und
so verwelken die Blumen und verrotten die Erdbeeren und Tomaten. Die
israelische Regierung gibt vor, Gaza nicht länger zu besetzen, aber das
ist nicht wahr.
E
r i n n e r n h a t
e i n e z u k
ü n f t i g e P e r s
p e k t i v e
Für
die Menschen, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, was die
israelische Regierung wirklich tut, ist Ihre Stimme von äußerster
Wichtigkeit. In der Tat ist eine Person wie Sie, eine Augenzeugin der
Nazi-Unterdrückung und der derzeitigen zionistischen Unterdrückung,
die Tatsachen ehrlich betrachten kann, sehr rar!
Ich
stelle keine Vergleiche zwischen Nazi- und zionistischer Unterdrückung
an, obwohl mir dies vorgeworfen wurde. Stattdessen spreche ich über die
aus dem Holocaust gelernten Lektionen. Ich glaube, dass meine
Erfahrungen als Holocaustüberlebende der Hauptmotor für meine Bemühungen
zur Förderung der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit sind. Denn
"Erinnern ist nicht genug", wie auch der Titel meiner
Autobiographie lautet, die 1999 in deutscher Sprache in Deutschland
erschienen ist [3]. Erinnern muss auch eine gegenwärtige und zukünftige
Perspektive haben.
Wozu
habe ich überlebt? Ich könnte nur hier sitzen und sagen: Ja, die
Situation ist schlimm, jemand sollte etwas dagegen tun. Ich glaube fest
daran, dass jeder einzelne von uns, auch ich, muss dieser jemand sein,
der versucht, die Situation zu verbessern.
Und
das soll nicht heißen, dass das Leiden der Palästinenser mehr oder
minder schlimm ist, als das Leiden anderer Menschen an anderen Orten.
Aber ich habe nur begrenzte Kraft und nur begrenzte Zeit jeden Tag.
Anstatt meine Energie hier und da zu verstreuen, habe ich mich
entschieden, sie auf die Israeli-Palästinenser-Frage zu konzentrieren.
Auf
Ihrem Weg nach Palästina reisten Sie zuerst nach Frankreich, um eins
der Konzentrationslager zu besuchen, in die Ihre Eltern deportiert
worden waren. War es Ihr erster Besuch?
Lassen
Sie mich erklären. Am 22. Oktober 1940 wurden alle Juden in Südwestdeutschland,
woher ich stamme, ins Konzentrationslager Camp de Gurs deportiert. Es
lag in den Ausläufern der Pyrenäen, im damaligen Vichy-Frankreich, das
mit den Deutschen kollaborierte. Männer und Frauen wurden durch
Stacheldraht getrennt. Ende März 1941 wurde mein Vater ins Camp les
Milles bei Marseilles gebracht. Im Juli 1942 kam meine Mutter ins Camp
de Rivesaltes bei Perpignan.
In
September 1980 besuchte ich das Camp de Gurs, das Konzentrationslager in
Dachau (wo mein Vater 1938 für vier Wochen nach der sogenannten
Kristallnacht "gehalten" wurde) und Auschwitz. 1990 besuchte
ich Camp les Milles, wo mein Vater bis zu seiner Deportation über
Drancy (ein Transitlager bei Paris) nach Auschwitz interniert wurde.
Bis
zum August 2007 war es mir nicht möglich, das Camp de Rivesaltes, wo
meine Mutter etwa zwei Monate in 1942 bis ihrer Deportation über Drancy
nach Auschwitz verbrachte, zu besuchen. Nun besuchte ich letzten Sommer
zusammen mit Freunden zum ersten Mal das Camp de Rivesaltes.
"E
s k ö n n t e
e i n e l a n g
e Z e i t
v e r g e h e n . ."
In
einem Brief vom 9. August 1942 schrieb mir mein Vater: "Morgen
werde ich in unbekannte Richtung deportiert. Es könnte eine lange Zeit
vergehen, ehe Du von mir wieder hörst..." In einem Brief vom 1.
September 1942 schrieb mir meine Mutter genau das gleiche. Und dann
erhielt ich eine Postkarte von meiner Mutter, datiert auf den 4.
September 1942, auf der sie schrieb: "Auf der Fahrt nach dem Osten
sendet Dir von Montauban noch viele innige Abschiedsgrüße..."
Dies waren die letzten Nachrichten von meinen Eltern.
1956,
als ich herausfand, dass meine Eltern ins Konzentrationslager Auschwitz
in Polen geschickt wurden, konnte ich bloß annehmen, dass sie nach fast
zwei Jahren in Konzentrationslagern in Frankreich in sehr schlechtem körperlichen
Zustand waren und bei ihrer Ankunft dort wahrscheinlich direkt in die
Gaskammer geschickt worden waren.
Was
haben sie gefühlt?/
Ich
war verblüfft über die immense Größe des Lagers, das 30.000 Menschen
beherbergen konnte, und über seinen beklagenswerten Zustand. Einige
Baracken existieren nicht mehr, andere zerfallen, Dächer fehlen, Wände
stürzen ein, wilde Vegetation wuchert überall. Zerfall überall.
Nahestehende Windanlagen ragen wie Wachen über den Niedergang von dem,
das einst für unglückselige Menschen, für meine Mutter, ein Zuhause
war.
Aus
der Korrespondenz mit meiner Mutter, während sie da war, wusste ich,
welche zwei Baracken sie bewohnte. Eine Baracke habe ich nicht gefunden,
wahrscheinlich existiert sie nicht mehr. Die andere, Baracke Nr. 21,
habe ich gefunden.
Der
Eingang zu den Baracken ist erhöht, was das Hineintreten sehr schwierig
macht. Aber, als würde sie mich einladen, in Baracke 21 einzutreten,
lag dort eine Holzplanke, die zum Eingang hoch führte. Mit der Hilfe
meiner Freunde konnte ich mein Gleichgewicht halten, als ich auf
Zehenspitzen -- wie eine Ballett-Tänzerin -- in die Baracke hineinging.
Ich berührte die Wände, vielleicht an den gleichen Stellen wie meine
Mutter. Ich hob ein Stückchen Trümmer auf, um es mit nach Hause zu
nehmen, und versuchte mir vorzustellen, wie es hier für meine Mutter
gewesen sein mag. Später verließ ich die Baracke am anderen Ende,
indem ich hinaus sprang und auf einer überwucherten Fläche landete.
Ein dorniges Gewächs hielt mich fest. Einer meiner Freunde bemerkte
ergriffen: "Das Gebäude will nicht, dass Du gehst."
War
der Besuch in Camp de Rivesaltes für Sie hilfreich, indem er Sie näher
an die Seele Ihrer geliebten Mutter führte?
Während
ich dort war, fühlte ich mich meiner Mutter sehr nah. Ich stellte mir
vor, wie sie sich innerhalb des Lagers bewegte, wie es für sie gewesen
war. Sie war von Juli bis September 1942 dort, in einer sehr heißen
Jahreszeit. Ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter unter der Hitze
litt, als wir noch zusammen in Kippenheim lebten. Es war bei meinem
Besuch im Lager sehr heiß. Wie so oft in meinem Leben wurde ich an das
"unverdient privilegierte" Leben erinnert, das ich führe.
Dank der großen selbstlosen Liebe meiner Eltern entkam ich dem, was sie
ertragen mussten. Indem sie mich in Mai 1939 mit einem Kindertransport
nach England schickten, schenkten mir meine Eltern buchstäblich das
Leben ein zweites Mal.
Es
war ein sehr bewegender Besuch für Sie, nicht wahr? Eine Rückkehr zu
einer sehr traurigen Zeit in Ihrem Leben, von Ihren Eltern getrennt!
Ehe
ich Deutschland mit einem Kindertransport nach England verließ, gaben
mir meine Eltern viele Ermahnungen mit auf den Weg -- ich sollte gut
sein, ich sollte ehrlich sein -- und jede endete mit "Wir werden
einander bald wiedersehen." Ich glaubte, dass wir einander bald
wiedersehen würden. Ob meine Eltern es glaubten, werde ich nie
erfahren. Meine Eltern und ich korrespondierten direkt miteinander, bis
England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärte. Dann war
ein direkter Briefwechsel nicht mehr möglich. Stattdessen haben wir
Nachrichten von 25 Worten durch das Rote Kreuz ausgetauscht.
Als
meine Eltern in die Lager in Vichy-Frankreich geschickt wurden, konnten
wir wieder direkt miteinander korrespondieren. Aber, meinen Eltern wurde
erlaubt, nur eine Seite pro Person pro Woche zu schreiben. Ich konnte so
oft und soviel schreiben, wie ich wollte. Meine Eltern schrieben nie über
die entsetzlichen Bedingungen, unter denen sie zu "existieren"
gezwungen waren. Davon habe ich erst nach Kriegsende erfahren.
Wenn
ich mich an die Zeit in England zurückerinnere, sehe ich ein sehr
trauriges kleines Mädchen. Ich erlaubte es mir nicht, in wirklichen
Kontakt mit meinen Gefühlen und Ängsten zu treten. Wie ich Ihnen schon
erzählt habe, schrieben beide Eltern in ihren jeweils letzten Briefen
an mich vor ihrer endgültigen Deportation (nach Auschwitz): "Es
wird wahrscheinlich eine lange Zeit vergehen, ehe Du wieder von mir hörst."
Wie
lang ist eine lange Zeit? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr, zehn Jahre?!
Da ich es mir so sehr wünschte, mit meinen Eltern wiedervereint zu
sein, sagte ich mir immer wieder "Eine lange Zeit ist noch nicht
vorbei, ich muss länger warten." Ich habe mich geweigert, die
Wahrheit zu erkennen. Ich war nicht dazu in der Lage, das
Unvermeidliche, das Ableben meiner Eltern, zu akzeptieren. Das war in
Wirklichkeit ein psychologisches Spiel, das ich mit mir selbst spielte.
Es war meine Art zu überleben, ein Selbsterhaltungsmechanismus.
Erst
im September 1980, als ich Auschwitz besuchte und an der Stelle stand,
die sie einst "die Rampe" nannten, wo in den 40er Jahren die
Viehwaggons ankamen, die Menschen hinaus getrieben wurden und Dr.
Mengele und seine Helfer selektierten, wer leben und wer (in den
Gaskammern) sterben sollte, war ich in der Lage, die Tatsache zu
akzeptieren, dass meine Eltern und andere Familienmitglieder nicht überlebt
haben. Das ist eine sehr lange Zeit der Wahrheitsverweigerung.
Vielleicht ersetzte diese Verweigerung den üblichen Trauerprozess.
Ich
danke Ihnen für dieses bewegende Interview./ (CH)
[1]
Über Epsteins Misshandlung durch israelische Sicherheitsbeamte:
www.jkcook.net/Articles2/0165.htm <http://www.jkcook.net/Articles2/0165.htm>,
www.silviacattori.net/article130.html <http://www.silviacattori.net/article130.html>
[2] www.counterpunch.org/cattori06072007.html <http://www.counterpunch.org/cattori06072007.html>
www.voltairenet.org/article150755.html <http://www.voltairenet.org/article150755.html>
[3] www.unrast-verlag.de/unrast,2,18,5.html <http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,18,5.html>
*Übersetzung
*aus dem Englischen von Edith A. DuBose
*Silvia
Cattori ist Jahrgang 1942 und übt ihren Beruf als Journalistin seit
einigen Jahren in erster Linie in den Cybermedien aus, die, wie sie
sagt, noch "ein Raum sind, in dem man die Wahrheit der Fakten noch
frei ausdrücken kann". Während einer Studie, deren Thema die
Medienwiedergabe des Staatsstreichs gegen Allende in Chile war, erwachte
ihr Interesse an der Politik. Auf Reisen von einem Kontinent zum anderen
wurde sie mit der vorhandenen tiefen Kluft zwischen der extremen Armut,
die in den Ländern des Südens herrscht, und den Grenzen der
bilateralen und internationalen Hilfe konfrontiert. Danach widmete sie
sich seit einigen Jahren völlig literarischen Aktivitäten. Als sie im
Jahre 2002, anlässlich einer Operation der israelischen Armee mit dem
Namen "Menschliche Schutzschilde" erkannte, dass die Medien
nur ein blassen Schein der Ausschreitungen der israelischen Armee gegen
das palästinensische Volk wiedergaben, entschloss sie sich, sich selbst
an Ort und Stelle zu begeben, um die Wahrheit mit eigenen Augen zu
sehen. Schockiert von den Gräueltaten, die sie dort entdeckte, widmet
sie sich seither der Aufgabe, die Weltöffentlichkeit über den Ernst
der Verstöße, die vom israelischen Staat gegen eine schutzlose Bevölkerung
begangen werden, aufmerksam zu machen. Silvia Cattori ist verheiratet,
Mutter von 2 Töchtern, sie wohnt in Italien und in der Schweiz.
zurück
**************************************************************************
[
6 ]
http://www.rhein-main.net/
Frankfurter
Neue Presse: 06.02.2008
Problematische
Israel-Kritik
Von
Hans-Martin Lohmann
Der
israelische Historiker Ilan Pappe hat im Jahre 2006 in Großbritannien
ein Buch veröffentlicht, das kürzlich auch in deutscher Übersetzung
erschienen ist: „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Der Titel,
bei dem man sich unwillkürlich der Gräuel erinnert, die in den 90er
Jahren des letzten Jahrhunderts während der Kriege auf dem Gebiet des
ehemaligen Jugoslawien verübt wurden, ist ebenso schockierend wie
provozierend.
Er
unterstellt, dass es in der Phase der Gründung des Staates Israel
1947/1948 von jüdischer Seite die systematische Anstrengung gegeben
hat, die indigene Bevölkerung Palästinas notfalls mit Gewalt aus jenen
Gebieten zu vertreiben, auf denen dann der Staat Israel entstehen
sollte. Er unterstellt, dass die verbreitete Ansicht, der zufolge es
nach dem UN-Teilungsplan vom November 1947 zu einem mehr oder minder
„freiwilligen Transfer“ von Hunderttausenden von Arabern gekommen
sei, falsch ist. Er unterstellt, dass die Entstehung des Staates Israel
auf einer historischen Untat beruht.
Ist
es in Deutschland möglich, über ein solches Buch sachlich zu
diskutieren? Einiges spricht dagegen. Die Beziehungen von uns Deutschen
zu den Juden und zum Staat Israel sind mit so schweren historischen und
moralischen Hypotheken belastet, dass uns ein unvoreingenommener Blick
auf den jüdischen Staat, auf seine Entstehungs- und Existenzbedingungen
auch heute noch schwerfällt. Wir können zunächst einmal gar nicht
anders, als Israel jeden nur denkbaren Kredit einzuräumen.
Nach
den ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus an den europäischen
Juden erscheinen uns Deutschen die Gründung und die gesicherte Existenz
des jüdischen Staates nicht nur als die logische politische und
historische Konsequenz aus der vorausgegangenen Verfolgungs- und
Vernichtungsgeschichte, sondern auch als eine unvermeidliche moralische
Konsequenz, für welche wir auf Dauer zu haften haben.
Niemals
in der Geschichte der Bundesrepublik stand auch nur für einen
Augenblick die deutsche Selbstverpflichtung infrage, sich in jedem Fall
auf die Seite Israels zu stellen. Dass wir in dieser Sache befangen sind
und stets hochsensibel reagieren, ist im Übrigen keineswegs ein Makel,
sondern im Gegenteil eine Garantie gegen den Rückfall in ältere
deutsche Muster.
Vor
diesem Hintergrund mag es zwar nachvollziehbar sein, dass wir Israel
gegen allzu heftige Kritik immunisieren, zumal die Befürchtung
berechtigt ist, dass solche Kritik immer auch Beifall auf der falschen
Seite findet – dennoch ist diese Haltung auf Dauer moralisch unglaubwürdig
und politisch unproduktiv.
Viel
zu lange ist hierzulande darüber hinweggesehen worden, dass der seit
sechs Jahrzehnten schwelende Konflikt im Nahen Osten nicht nur auf dem
Vernichtungswillen arabisch-islamischer Nationalisten, Fanatiker und
Antisemiten beruht, sondern auch auf der aggressiven Landnahme-Ideologie
Israels.
Viel
zu lange wollten wir nicht wahrhaben, dass Israel, schon bei seiner Gründung
weit davon entfernt, der „David“ unter lauter arabischen
„Goliaths“ zu sein, aus einer Position absoluter militärischer Stärke
handelt und jederzeit in der Lage ist, seine Dominanz der anderen Seite
aufzuzwingen.
Aus
solcher Position der Stärke war Israel in der Vergangenheit und ist bis
in die Gegenwart fähig, die Landkarte des alten Palästina fortlaufend
zu seinen Gunsten zu verändern – etwa im Westjordanland, wo durch den
Bau des Sicherheitszauns und neue Siedlungsprojekte Fakten geschaffen
werden, die einseitig auf Kosten der Palästinenser gehen. Der palästinensischen
Zivilbevölkerung bleibt die Rolle der Geisel in den Händen der
israelischen Behörden und des Militärs, das sich permanent über
elementare Menschenrechte hinwegsetzt und nur die Sprache der Gewalt
kennt.
Der
amerikanische Historiker Fritz Stern, ein aus Breslau stammender
deutsch-jüdischer Emigrant, schreibt in seinen jüngst erschienenen
Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“, anlässlich eines
Besuchs in Israel Ende der 70er Jahre habe er bemerkt, dass man dort
begonnen habe, sich kritisch mit der eigenen Geschichte zu befassen.
Aber, so fährt Stern fort, über die „während des Unabhängigkeitskrieges
an Palästinensern begangenen Gräuel“ werde „immer noch nur hinter
vorgehaltener Hand“ gesprochen.
Der
Historiker Ilan Pappe hat diese „vorgehaltene Hand“ nun weggezogen
und ein Buch veröffentlicht, das Israel auf schmerzhafte Weise daran
erinnert, dass es sich bei jenen „Gräueln“, von denen Stern
spricht, nicht einfach nur um die üblichen „Unkosten“ handelt, die
ein Krieg nun einmal mit sich bringt, sozusagen um die unvermeidlichen
Kollateralschäden, sondern um ein organisiertes Kriegsverbrechen an der
einheimischen palästinensischen Bevölkerung.
Die
von Pappe ausgewerteten Quellen, etwa die Tagebücher des späteren
Ministerpräsidenten David Ben Gurion, belegen, dass die zionistische Führung
von Anfang an den Plan („Plan Dalet“) verfolgte, die einheimische
Bevölkerung systematisch zu vertreiben. Die dabei eingesetzten Mittel
– Einkreisung und Vernichtung von Dörfern, Erschießung der
Dorfbewohner, terroristische Anschläge, Plünderung, Raub und
Vergewaltigung – entsprachen dem, was wir heute als „ethnische Säuberung“
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen.
Jede
deutsche Debatte über Israel leidet unter einer schweren Deformation.
Weil sich hinter einer scheinbar „objektiven“ und „sachlichen“
Kritik an Israel häufig antisemitische Motive und Inhalte verbergen, läuft
jede begründete Israel-Kritik Gefahr, als antisemitisch wahrgenommen zu
werden, wie es auch im Fall Pappes geschieht. Offenbar ist es kaum möglich,
zwischen rationalem und irrationalem Diskurs zu unterscheiden.
Und
das ist vielleicht das zentrale Problem, um das es hier geht: dass beim
Stichwort Israel die Abgrenzung zwischen dem Realen und dem Imaginären
versagt und sich beide Bereiche in verheerender Weise ineinander verschränken.
Leider sieht es so aus, als kämen wir aus dieser Diskursfalle so
schnell nicht heraus.
Hans-Martin
Lohmann ist freier Publizist. Er war Chefredakteur der Zeitschrift
„Psyche“.
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