|
Angriff
auf Algerier:
Das
verschwiegene Blutbad von Paris
Wie viele Menschen starben oder
verletzt wurden, weiß bis heute keiner genau: Vor fünfzig Jahren
demonstrierten in Paris Zehntausende Algerier für die Unabhängigkeit
ihrer Heimat. Die Polizei knüppelte sie nieder, warf Tote in die Seine
- und vertuschte die Gewaltorgie jahrzehntelang.
Von
Christoph Gunkel
Quelle:
kominform.at
vom 18. Oktober 2011
|

|
links:
Ein
junger Franzose stützt am 17. Oktober 1961 einen verwundeten
algerischen Demonstranten in der Metro-Station Solférino. Der
Verletzte trägt seinen Sonntagsanzug - die Demonstration sollte
eine friedliche Kundgebung für die Unabhängigkeit Algeriens
werden. In und um Paris lebten damals etwa 130.000 Algerier.
Foto: ELIE KAGAN/MHC-BDIC |
Angriff
auf Algerier:
Das
verschwiegene Blutbad von Paris
Wie viele Menschen starben oder
verletzt wurden, weiß bis heute keiner genau: Vor fünfzig Jahren
demonstrierten in Paris Zehntausende Algerier für die Unabhängigkeit
ihrer Heimat. Die Polizei knüppelte sie nieder, warf Tote in die Seine
- und vertuschte die Gewaltorgie jahrzehntelang.
Von
Christoph Gunkel
Quelle:
kominform.at
vom 18. Oktober 2011
Kommunisten-online
bom 19. Oktober 2011 – Gleich wird er sterben, da ist sich Ahmed
Djoughal sicher. Wenige Meter hinter ihm fließt die eiskalte Seine träge
durch Paris. Vor ihm stehen hasserfüllte französische Polizisten mit
Schlagstöcken und Maschinenpistolen. Polizisten von der Sorte, die
Algerier wie ihn für dreckigen Abschaum halten, als „Ratten“
beschimpfen. Und an diesem 17. Oktober 1961 sind sie auf
„Rattenjagd“.
Schon
kurz zuvor war Ahmed Djoughal zusammen mit Dutzenden anderen Algerien an
der Metrostation Porte de la Chapelle im 18. Pariser Arrondissement von
Hundertschaften der Polizei abgefangen worden. Die Nordafrikaner aus den
Vororten waren an diesem Abend auf dem Weg zu einer nicht genehmigten
Demonstration. Für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Gegen das harte
Vorgehen der französischen Armee im Algerienkrieg. Gegen eine nächtliche
Ausgangssperre für „algerische Arbeiter“ und „muslimische
Franzosen“, die sie als puren Rassismus empfinden.
Die
Polizei ist angewiesen, die Massenkundgebung, zu der die algerische
Unabhängigkeitsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) aufgerufen
hatte, im Keim zu ersticken. Unerbittlich, so berichten später
Augenzeugen, knüppeln sie bereits an Busbahnhöfen und Metrostationen
auf die friedlichen Demonstranten ein, bis viele schwerverletzt und
blutend am Boden liegen. Danach werden sie in Polizeibussen
abtransportiert. Auch Ahmed Djoughal wird brutal zusammengeprügelt.
Doch für ihn und einen Landsmann hat sich die Polizei etwas Besonderes
ausgedacht.
„Sie
sind tot, wirf sie rein!“
Man
verspricht, sie zum Arzt zu bringen. Doch einmal im Wagen, schlägt ein
Polizist erneut wie entfesselt auf sie ein, bis Djoughals Begleiter
bewusstlos zusammensinkt. Irgendwann hält der Wagen an einer einsamen
Stelle, keine zwei Meter von der Seine entfernt. Die Verschleppten müssen
aussteigen. Sie ahnen, was nun kommt.
In
ihrer Todesangst schließen sich die beiden Algerier fest in die Arme,
zwei wildfremde Menschen, die nicht einmal den Namen des anderen kennen.
Die Solidarität reizt den Polizisten. „Verrückt vor Hass schlug er
mit seinem Knüppel mit solcher Wucht zu, dass mir Gehirnmasse meines
armen Begleiters ins Gesicht spritzte“, berichtete Ahmed Djoughal später.
„Dann hat er mir einen Schlag in den Nacken verpasst. Bevor ich
bewusstlos wurde, hörte ich ihn sagen: 'Sie sind tot, wirf sie
rein!'„
Doch
Ahmed Djoughal ist nicht tot. Er treibt in der Seine, wird rechtzeitig
wach, schafft es irgendwie ans Ufer. Schon fünf Tage später macht er
seine Aussage über den Übergriff. Wie Dutzende andere Algerier, die am
17. Oktober vor 50 Jahren niedergeschlagen, verschleppt, misshandelt
wurden - und das Glück hatten, diese Nacht überhaupt zu überleben.
Die
angebliche Schuld der Opfer
Nur:
Kaum jemand wollte ihre Geschichten hören. Die Pariser Polizei
verteidigte ihr hartes Vorgehen als angemessen, Politiker vertuschten für
Jahrzehnte das Blutbad. Ein kritisches Buch eines Journalisten wurde
verboten, Vorführungen des Dokumentarfilms „Oktober in Paris“ aus
dem Jahr 1962 gestürmt und das Filmmaterial beschlagnahmt. Selbst ein
Großteil der Hauptstadtpresse bagatellisierte die Gewaltexzesse oder
schob die Schuld dafür allein den Algeriern zu.
So
druckte keine der renommierten Zeitungen die schockierenden Fotos von
Elie Kagan, dem es als einzigen Journalisten gelungen war, unbemerkt
Aufnahmen von blutüberströmten, schwerverletzten und toten Algeriern
zu machen. Stattdessen schrieb etwa der konservative „Le Figaro“ von
der „gewalttätigen Demonstration der Algerier“ und fügte im offiziösen
Tonfall hinzu: „Dank der Wachsamkeit und des schnellen Einsatzes der
Polizei konnte das Schlimmste verhindert werden.“
Dabei
belegten Fotos und Augenzeugenberichte schon damals, dass die
allermeisten der rund 30.000 Demonstranten friedlich blieben. Die
Algerier hoben sogar im vorauseilendenden Gehorsam ihre Hände, sobald
sie in die Nähe der Polizisten kamen, um zu zeigen: wir sind
unbewaffnet. Die überwältigende Mehrheit hatte sich an die
Aufforderung der FLN-Organisatoren gehalten, „nicht einmal eine
Stecknadel“ auf die Kundgebung mitzunehmen.
Die
verschwiegenen Toten
So
ergab sich nach dem 17. Oktober 1961 eine groteske Situation: Das
demokratische Europa hatte soeben eine der schlimmsten Gewaltorgien der
Nachkriegszeit erlebt, doch in Frankreich schienen sich alle wichtigen
Akteure darauf geeinigt zu haben, den Opfern keine Stimme zu geben. Und
das staatlich verordnete Schweigen war erfolgreich - besonders, als ein
Jahr nach dem Blutbad der Krieg in Algerien endete und Charles de Gaulle
die einstige Kolonie in die Unabhängigkeit entließ. Hunderttausende
Franzosen hatten in Algerien gekämpft, sie waren dem Terror der FLN
ausgesetzt gewesen, hatten aber auch die Folter und Kriegsverbrechen der
eigenen Truppen erlebt. Jetzt wollten sie von all dem nichts mehr
wissen.
Und
so ignorierten sie die Entgleisungen der Polizei, die nicht nur in den
von vielen Algeriern bewohnten Vororten und Elendsvierteln stattfanden,
sondern mitten in Paris, am Place de la Concorde, in der Nähe der
Kirche Saint-Michel und des Triumphbogens. „Was machen diese Ratten
auch hier?“, riefen manche Franzosen laut Augenzeugen sogar aus.
„Sie sollen bei sich bleiben!“.
Denn
Tausende Pariser hatten die Toten auf der Straße liegen gesehen. Sie
hatten erlebt, wie sich etwa einige Algerier in Panik in das Verlagsgebäude
der kommunistischen Zeitung „L’Humanité“ retten wollten - die den
Flüchtenden kurzerhand die Rollgitter vor der Nase herunterließ. Sie
wussten, dass bis November 1961 noch 150 Leichen aus der Seine gefischt
wurden, sie kannten die Klagen der algerischen Frauen, die nach ihren
vermissten Männern suchten. Und doch hinterfragte und kritisierte, von
wenigen Journalisten und Intellektuellen abgesehen, kaum jemand die
amtliche Bilanz: Drei Tote, darunter ein Franzose, der an Herzversagen
verstorben sei. 77 Verletzte, davon 13 Polizisten.
Schlachtfeld
Paris
Das
wahre Ausmaß der Gewalt, das Historiker erst seit Anfang der neunziger
Jahre erforschten, dürfte weit verheerender gewesen sein. Jean-Luc
Einaudi, der die Ereignisse anhand von Zeitzeugenberichten minutiös
rekonstruierte und mit seinem Buch „Die Schlacht um Paris“ 1991 als
erster Wissenschaftler das kollektive Schweigen zu durchbrechen
versuchte, geht von 200, möglicherweise sogar 300 Toten aus. Zurückhaltendere
Schätzungen belaufen sich zumindest auf 50 Opfer. Zudem wurden noch
11.000 Algerier tagelang in Pariser Sportstadien kaserniert; auch hier
soll misshandelt und getötet worden sein.
Doch
nicht einmal Einaudis bewegendes Buch konnte die Franzosen aufrütteln;
es fand zunächst kaum Beachtung. Und das, obwohl der Historiker auch
Augenzeugen zitierte, die unverdächtig waren, die Ereignisse übertrieben
zu schildern - etwa Polizisten und Ärzte, die von „Blutlachen“,
„Schlachtfeldern“ und „Leichenbergen“ berichteten.
Es
mussten erst die Verbrechen eines Nazi-Kollaborateurs an die Öffentlichkeit
gelangen, um die Mauer des Schweigens zu durchbrechen: 1998 wurde der
ehemalige Finanzminister Maurice Papon in einem spektakulären Prozess
schuldig gesprochen, im Zweiten Weltkrieg die Deportation von mehr als
1500 Juden angeordnet zu haben. Damit wurde jener Mann für Verbrechen
gegen die Menschlichkeit verurteilt, der am 17. Oktober 1961 als
Polizeipräfekt in Paris für die Niederschlagung der Demonstration zuständig
war.
Freischein
zur Selbstjustiz
Jetzt
witterten die Medien ein weiteres dunkles Kapitel in der Vergangenheit
des Maurice Papon. Und plötzlich fragte sich ganz Frankreich, was genau
an jenem 17. Oktober passiert war – und wie der Hass so explodieren
konnte, in einer Nation, die so stolz ist auf Meinungsfreiheit und Bürgerrechte.
Es
war ein Gewaltausbruch mit Ansage. In den Monaten vor der Demonstration
war es immer wieder zu Angriffen der FLN auf die französische Polizei
gekommen; von 1958 bis 1961 starben 54 Polizisten bei Attentaten, so
dass in Paris schließlich eine nächtliche Ausgangssperre für die
Algerier verhängt wurde. Der gnadenlose Krieg, der seit sieben Jahren
in Algerien tobte, griff langsam auf Frankreich über.
In
dieser hitzigen, aufgeladenen Stimmung mahnte der Gewerkschaftsfunktionär
Paul Rousseau die Pariser Polizisten mit fast prophetischen Worten kurz
vor dem Massaker zur Zurückhaltung. „Ja, die Nerven liegen blank“,
schrieb er in einem offenen Brief, aber dennoch seien Polizisten auch
Familienväter mit einer moralischen Verantwortung. „Kameraden, lasst
euch nicht zu unbesonnenen Taten hinreißen, handelt wie Vertreter der
Justiz, und nicht wie Richter.“ Abschließend forderte Rousseau die
Regierung auf, diesen „mörderischen Krieg“ endlich zu beenden.
Doch
es war nicht die Zeit für moderate Stimmen, sondern die Stunde der
Scharfmacher. Polizeipräfekt Maurice Papon hatte schon am 2. Oktober
einigen Polizeieinheiten nahezu einen Freischein zur Selbstjustiz
ausgestellt. „Ich werde Sie decken“, hieß es darin, „wenn ein
Nordafrikaner erschossen wird, werden wir es so einrichten, dass er
bewaffnet war.“
Er
habe die „Schlacht um Paris gewonnen“, verkündete Papon vier Wochen
nach dem blutigen 17. Oktober martialisch im Stadtrat. Und die
Geschichte strafte den stolzen Sieger nicht: Zwar verlor er einen
Rechtsstreit gegen den Historiker Einaudi, dem er verbieten lassen
wollte, von einem „Massaker“ zu sprechen. Doch wegen einer
Generalamnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg
begangene Verbrechen konnte Papon niemals für das Blutbad in Paris zur
Verantwortung gezogen werden.
Zum
Weiterlesen: Jean-Luc Einaudi: „La bataille de Paris“, 17
octobre 1961, Editions du Seuil 1991.
Quelle:
einestages.spiegel.de
|