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Augenzeuge:
Ich
habe den Übergang zur Angst in Tripolis gesehen
von
Lizzie Phelan
Quelle:
Voltaie-Netzwerk
10. September 2011
Auf
Kommunisten-online am 12. September 2011 – Durch das
Internationalen Rote Kreuz beschützt konnte Lizzie Phelan das Hotel
Rixos verlassen, wo sie fünf Tage blockiert war. Sie liefert ihre
ersten Eindrücke nach dem Zusammenbruch von Tripolis. Gefahr, Tod und
Angst herrschen jetzt in der Hauptstadt des „Neuen Libyens“, während
die NATO und die Kollaborateure paradieren.
Mit
ihren Kollegen von Telesur, Russia Today, des Forschungszentrums
Globalization und dem Voltaire Netzwerk ist Lizzie Phelan (PressTV) eine
der wenigen Journalisten, die das Risiko eingingen, als Augenzeuge über
die Tatsachen in Libyen zu berichten, und der von den Medien der
Koalitionsländer ausgestrahlten Propaganda zu widersprechen.
Es
ist nicht einfach, mitten in der durch den Sturz von Tripolis und der
libyschen Regierung ausgelösten Nachrichtenwut eine klare Sicht zu
finden, wie die Sachen jetzt unter der neuen Machtübernahme stehen.
Nach fünf Tagen Isolierung im Rixos Hotel mit 35 ausländischen
Journalisten konnte ich mich schwer davon überzeugen, dass die Strassen
die wir durchquerten, dieselben waren wie jene, die mir so vertraut
geworden sind während des Monats, den ich hier in der libyschen
Hauptstadt verbracht habe.
Die
Strassen, die vorher so belebt waren, wo die Familien zum Strand gingen
oder vom Strand zurück schlenderten und ihr Abendessen vorbereiteten,
das dem Fasttag ein Ende setzte, waren jetzt leer. Die grünen Flaggen
waren durch jene der Rebellen ersetzt, und die sporadischen Checkpoints
– vorher mit Freiwilligen, Männern und Frauen aus der Nachbarschaft
gebildet – durch neue Posten jede 100m ersetzt, die durch Panzer und
nur mehr männliche Kämpfer bewacht wurden, die hochentwickelte von der
mächtigsten Militärkraft der Welt - der NATO gelieferte Waffen trugen.
Die
stolzen jungen schwarzen Libyer, die die Sicherheit der von ihnen
bewohnten Stadtviertel besorgten, sind verschwunden. Wir sollten sie später
wiedersehen, in die Enge getrieben, als Gefangene auf den Pick-up Ladeflächen,
wie auf jenen Bildern, die aus Benghasi und Misrata der vorigen Monate
stammten. Sie waren Opfer der Gerüchte, Gaddafi hätte sie als Söldner
in den Sub Sahara Ländern angeheuert, eine Behauptung, die durch
Menschenrechts-Organisationen schon weitgehend zurückgewiesen wurde, da
sie komplett an Beweisen mangelte. Aber in dem Neuen Libyen befinden
sich die Schwarzen mit den wichtigsten Stammesmitgliedern, wie jene der
Warfallah, Washafana, Zlitane und Tarhouna, unter der Bevölkerung,
welche die Rebellen verdächtigen, Muamar Gaddafi Beistand zu leisten,
ein Verbrechen, das sie mit Todesstrafe vergelten, wenn nicht noch mit
Ärgerem.
Die
Kolonne des Internationalen Roten-Kreuzes, der wir angehörten,
erreichte endlich das Hotel Corinthian. Bei meinem vorherigen
Aufenthalt, nur ein Monat früher, waren in diesem Hotel nur zwei, drei
bewaffnete Wächter am Eingang. Dieser ist nun voll von Männern, die
mit von der NATO und dem Katar gelieferten Waffen drohen. Nur eine
kleine Gruppe blieb von den Angestellten übrig, überfordert und
kraftlos.
Später
habe ich einige mir bekannte Gesichter von Libyern gefunden, aber der
Schmerz verzerrte ihren Blick. „Wie geht’s?“, fragte ich
eine Angestellte. „Er ist immer noch in unseren Herzen“ war
die Antwort. Als wir endlich die Gelegenheit hatten zusammen, ohne
Zeugen zu sprechen, brach sie in Tränen aus, wofür sie sich
entschuldigte. Sie sagte mir, es wäre ihr unmöglich sich jemand
anderem anzuvertrauen. „Libyen ist wie unsere Mutter, aber wir können
nicht mehr mit ihr sprechen“. Mitglied des Warfallahstammes und
aus Bani Wallid stammend, wusste sie, dass ihre Familie und sie selbst
von einer Festnahme bedroht wären, nur aus dem Grund, weil die
Warfallah Muamar Gaddafi, den sie „ihren Führer“ nennen,
eine unverbrüchliche Unterstützung geben. Sie sagte mir „In Bani
Wallid waren wir immer schon sehr stolze, großherzige, bescheidene und
würdige Leute. Unter dieser Fahne (der Rebellen) des Königs Idriss
waren wir gezwungen die Füße des Königs zu küssen, bevor wir ihm das
geringste Wort sagen konnten. Wir sind in diese Zeiten zurückgekommen.“
Sie
war eine der vielen Personen die mir rieten, nicht auf mich aufmerksam
zu machen und schnellstens wegzufahren. Ich gehörte zu den seltenen
Journalisten, die sich auf die Folgen der Bombardierungskampagne
konzentriert haben, welche die NATO auf dieses Land ausgelöst hatte und
die versuchten, die starke Beteiligung der Bevölkerung an den
Demonstrationen zur Unterstützung der libyschen Regierung, sowie an den
Stammeskonferenzen bekannt zu machen. Das waren Zeichen, dass die
Regierung nicht so unpopulär war, wie man versuchte es darzustellen.
Ich
hatte auch versucht, die Verbindungen zwischen den Rebellen und Al-Qaida
zu denunzieren, derselben Strömung, die von der NATO in Ländern wie
Afghanistan verfolgt wurde. Seitdem hatten die Rebellen zugegeben, dass
der Mord von dem Ex-Kommandanten der Rebellen, Abdel Fattah Younès, von
Al-Qaida nahestehenden und in ihren Rängen befindlichen Gruppen
begangen wurde. Während dessen stellte sich die libysche Regierung an,
Dokumente und telephonische Gesprächsaufnahmen frei zu geben, die
zeigten, dass Al-Qaida in der Krise mitspielte und die Art und Weise,
mit der der Westen mit heimlichem Einverständnis mit diesen Strömungsmitgliedern
gehandelt hatte.
Nun,
nach dem Sturz von Tripolis, allein mein Anschluss an das Neue Libyen
konnte meine eigene Sicherheit garantieren und meine Warfallah-Freundin
drängte mich, nach Hause zu fahren und dort zu bekunden, was sich hier
abspielt.
Als
noch die Schlacht auf den Strassen im Inneren des Landes wütete, was
sie jeglichem Reisenden ohne Schutz der Rebellen besonders gefährlich
machte, war mein einziger Weg, das Land zu verlassen, das Mittelmeer.
Dies
war während mehreren Tagen schier unmöglich. Zur Wut der Rebellen,
unter denen regelmäßig Dispute im Hotel ausbrachen, wer der wahre Chef
sei, kam noch die gefährliche Fahrt durch die Stadt bis zum Hafen, um
Tripolis verlassen zu können. Vier Tage lang ließ man uns wissen, -
selbst mehrere Male am Tag – dass wir fortfahren könnten. Und jedes
Mal war die Person, die unsere Abfahrt zum Hafen versichert hatte,
verschwunden und durch eine andere, die die Entscheidung traf, ersetzt
worden.
Es
existieren so viele verschiedenen Gruppen, die Islamitische Kampfgruppe
Libyens (LIFG), die Nationalfront für das Heil Libyens und verschiedene
Gruppen von Deserteuren der Regierung von Gaddafi, und dann die
westlichen Streitkräfte, die sich jetzt offen auf der Bühne sehen
lassen. Sie scheinen sich auf einem Terrain zu bewegen, das sie nicht
kennen.
Am
zweiten Tag meines Aufenthalts im Hotel Corinthian behaupteten zwei
Briten, die ihre Muskeln spielen ließen, es wären nun sie, die die
Sicherheit des Hotels in Händen hätten. Einer der beiden versicherte
mir, er käme aus Kabul, wo „es immer schlimmer wird“. „Glauben
Sie, dass es hier auch so wird wie in Kabul?“ fragte ich ihn. „Das
ist sehr wahrscheinlich, mit allen diesen verschiedenen Gruppen die sich
um die Macht streiten“ war seine Antwort.
In
der Zwischenzeit erhielt die Zahl der menschlichen Verluste durch den
Sturz von Tripolis nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Die letzten bekannten
Zahlen gehen auf den zweiten Tag der Schlacht um Tripolis zurück. Der
zu dem Zeitpunkt noch im Amt währende Gesundheitsminister hatte verkündet,
dass die menschlichen Verluste nach 12 Stunden Kampf allein in der Stadt
sich auf 1300 Tote und 900 Verletzte beliefen. Derselbe Minister hatte
am Vorabend 300 Tote und 500 Verletzte angegeben. Im Ganzen geht die
Zahl der massakrierten Personen in Tripolis über 1400 hinaus, eine
Zahl, die in der zwei Wochen dauernden Schlacht der Operation „Geschmolzenes
Blei“ von Israel gegen Gaza in einer weltweiten Entrüstung
betrauert wurde.
Nach
den Bomben – und Hubschrauberangriffen auf das ärmste Stadtviertel
von Tripolis und das letzte, den Angreifern in die Hände gefallene Abou
Salim Viertel, haben Augenzeugen berichtet, dass sie Haufen von Toten
auf den Strassen gesehen haben. Ein Nahestehender einer Person, die man
verdächtigte ein Todesopfer zu sein, ist ins Spital suchen gegangen, wo
er nur einen einzigen Arzt und zwei Krankenschwestern gefunden hatte.
Genauso wie die große Mehrzahl der Arbeiter der Hauptstadt, waren auch
die Ärzte und das Krankenpersonal geflohen, versteckten sich oder waren
vielleicht getötet worden. Als diese Person im Spital die Kadaver sehen
wollte, beteuerten die Wächter, es gäbe überhaupt keinen. Die
Verwandten von Verschollenen fürchteten daher, dass die Körper in
Massengräber geworfen wurden, deren Ort für lange Zeit unbekannt
bleiben könnte.
Dieses
Blutbad entspricht in keiner Weise der Rede über das „Neue Libyen“,
wo die Zivilisten „beschützt“ werden. Aber in einer so dünnen
Luft, durch den Willen entstanden, das Land um jeden Preis zu
kontrollieren, ist es fast unmöglich, dass jene die sich auf dem Feld
befinden, den Beweis ihrer Aufrichtigkeit erbringen könnten, was die
Bilder betrifft, die vor ihren Augen vorbeiziehen, zumindest solange sie
sich in der Zone der Rebellen befinden.
Ein
junger bewaffneter Aufständischer, der die französische Flagge auf
seinem Kampfanzug paradierte, hatte mich gefragt woher ich käme. „Aus
London“ sagte ich. „Ah Cameron, wir lieben Cameron“
sagte er mir mit einem breiten Lächeln. Ich zwang mich auch zu einem Lächeln.
Die geringste Kritik meinem eigenen Premierminister gegenüber hätte
als ein Zeichen für Ablehnung der neuen libyschen Machthaber gelten können.
Im
Hafen, als wir das Schiff bei der Entladung der transportierten Esswaren
beobachteten, um Platz für Passagiere zu schaffen, kommentierte ein
Italiener, dass sie „wie Kinder seien die eine Universität leiten
wollten“. Er beobachtete die neuen Herren, wie sie sich des Kranes
und der Lademaschinen bedienten, um das Schiff für die Abfahrt
bereitzustellen.
Man
hatte uns gesagt, dass das Schiff wahrscheinlich nicht vor 5 bis 10
Tagen abfahren könnte und dass unsere einzige Option für die Seereise
ein Fischerboot von 20m Länge wäre, das für 12 Personen vorgesehen
ist und das keine Navigationsinstrumente für eine gesicherte Mittelmeerüberfahrt
besitzt.
Dreiundvierzig
Personen haben sich zum Einschiffen angeschickt. Der Rebelle, der unser
Boot kontrollieren sollte, tat dies während vier Stunden, jeden
einzelnen mehrere Male, und bestand äußerst darauf, dass kein Russe,
Serbe, oder Ukrainer gestattet wäre wegzufahren, und auch nicht Leute
aus Cuba oder Äquator, Länder deren Beziehungen zu Muamar Gaddafi während
der ganzen Zeit der Krise zu gut waren.
Fast
um Mitternacht, haben wir uns alle endlich einschiffen können, mit
Ausnahme eines Russen.
Während
der Lärm der Panzer, die Schiesserei und der Geruch des in der Luft
stehenden Todes allmählich hinter uns blieb, kam mir eine friedliche,
liebenswürdige Stadt ins Gedächtnis, als ich hier ankam.
Lizzie
Phelan
Übersetzung
Horst
Frohlich
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