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Palästina
in der Krise
Tel
Aviv setzt die endgültige Annexion wesentlicher Teile der besetzten
Gebiete auf die Tagesordnung. Das Ziel eines eigenständigen Palästinenserstaates
ist derzeit wieder einmal in weite Ferne gerückt
Knut
Mellenthin
Quelle:
jungeWelt vom
16. Mai 2006
Am
kommenden Sonntag wird Israels Premierminister Ehud Olmert seinen ersten
USA-Besuch nach der Wahl vom 28. März antreten. Die Vorbereitungen
haben schon am vergangenen Wochenende begonnen. Hochrangige israelische
Regierungsberater, darunter Dov Weisglass, der schon Ariel Scharon
jahrelang maßgeblich zur Seite stand, hatten am Sonntag ein langes
Arbeitstreffen mit US-Außenministerin Condoleezza Rice und
Sicherheitsberater Steve Hadley. Gemeinsam sollen sie dafür sorgen, daß
alle zu behandelnden Fragen geklärt sind, bevor es richtig losgeht.
Staatsbesuche sind eine zu ernste Angelegenheit, um sie Regierungschefs
und Präsidenten zu überlassen. Das Klima zwischen den Strippenziehern
dürfte vorzüglich und vor allem menschlich angenehm gewesen sein.
Schon zur Regierungszeit Scharons stichelten israelische Zeitungen, daß
Dov Weisglass Frau Rice, die damals noch Sicherheitsberaterin war, »um
den Finger wickeln« könne und mehrmals in der Woche mit ihr
telefoniere.
In
erster Linie will Olmert der US-Regierung offiziell seinen »convergence
plan« vorstellen. Das Wort »convergence« muß man in diesem Kontext
wohl mit »Zusammenführung« übersetzen. Olmert will bis zum Jahr
2010, also bis zum Ende seiner Amtszeit, »die Grenzen Israels endgültig
festlegen«. Viele verstreute Siedlungen auf der Westbank mit insgesamt
70 000
Bewohnern sollen geräumt werden. Gleichzeitig will Israel aber die
Siedlungs»blöcke« (»major settlement blocks«, so die offizielle
Sprachregelung) im Großraum Jerusalem unwiderruflich annektieren, d. h.
auch formal in den Staat Israel eingliedern. Hier leben jetzt schon
250000 Menschen, und viele Bewohner der aufzugebenden kleineren
Siedlungen sollen dort künftig ebenfalls untergebracht werden. Zu
Israel soll dann unwiderruflich auch das schon 1967 annektierte
arabische Ostjerusalem, einschließlich der historischen Altstadt, gehören.
Bisher hat kein Staat der Welt, nicht einmal die USA, diesen völkerrechtswidrigen
Akt anerkannt. Olmert hofft, daß sich das in Zukunft ändert, wenn er
seinen Annexionsplan als Abzugsplan verkaufen kann.
Kaum
noch Chancen für Palästina
Endgültig
erledigt wäre damit der palästinensische Anspruch auf Jerusalem (al-Quds)
als Hauptstadt eines eigenen Staates. Als Trost hält Otniel Schneller,
einer der Architekten des »convergence plan«, die wenig überzeugende
Idee bereit, irgendwelche weit entlegenen, unbedeutenden arabischen
Siedlungen im Großraum Jerusalem in »al-Quds« umzutaufen und zur
Hauptstadt Palästinas zu machen.
Erledigt
wäre nach Realisierung von Olmerts Plan wohl auch das gesamte Projekt
eines »lebensfähigen« Palästinenserstaates. Denn die Annexion der
Siedlungs»blöcke« würde die Westbank an ihrer schmalsten Stelle in
zwei Teile zerschneiden.
In
nichtisraelischen Medien fast nie erwähnt wird ein weiterer zentraler
Teil des Planes: Olmert will auch das gesamte Jordantal, das die Grenze
zu Jordanien bildet, annektieren. Das bedeutet zum einen die
wirtschaftlich wichtige Herrschaft über das Wasser dieses Flusses. Es
bedeutet darüber hinaus, daß Israel sämtliche Außengrenzen eines palästinensischen
Staates, der diesen Namen dann gar nicht verdienen würde, kontrollieren
will. Israelische Beamte würden weiterhin mit willkürlichen und demütigenden
Schikanen bestimmen, wer nach Palästina einreisen darf und wer nicht.
Israel würde auch den gesamten Im- und Export Palästinas jederzeit
abschneiden können. Kaum Chancen also für die Entfaltung einer eigenständigen,
»lebensfähigen« palästinensischen Wirtschaft.
Muß
man noch erwähnen, daß der Olmert-Plan an Israels Recht zur
jederzeitigen militärischen Präsenz und zu Polizeiaktionen auf der
gesamten Westbank festhält?
Mit
nur 67 von 120 Sitzen der Knesset hat Olmerts Koalitionsregierung keine
sichere Mehrheit. Die Realität kann also unter dem Druck der Opposition
und von Abweichlern aus dem Regierungsbündnis noch schlechter ausfallen
als der Plan. Die Aussiedlung von 9000 jüdischen Siedlern aus dem
Gasastreifen war nur mit massiver Polizeigewalt durchzusetzen. Die Auflösung
von über 100 Siedlungen mit 70000 Einwohnern wird sehr viel schwerer
und langwieriger werden. Olmert will laut israelischen Medien mit der
Umsetzung seines Planes in zwei Jahren, vielleicht auch schon in 18
Monaten beginnen. Es wäre nicht überraschend, wenn sich herausstellen
sollte, daß Israels Regierung mit dem Annektieren sehr viel schneller
vorankommt als mit dem Räumen.
Dem
bevorstehenden Treffen mit George W. Bush kommt für die internationale
Akzeptanz des »convergence plan« strategische Bedeutung zu. Wenn
Olmert in den USA ein öffentlicher Durchbruch gelingt, wird aller
Erfahrung nach auch die EU folgen. Israels Regierung gibt sich vor dem
Besuch sehr zuversichtlich. Die linksliberale Tageszeitung Haaretz
schrieb am Sonntag: »Führende israelische Regierungsbeamte gehen davon
aus, daß die US-Regierung den Plan unterstützt und ihn als ›the only
game in town‹ sieht.« Also als einzige realistische Option.
Die
US-Regierung legt allerdings Wert darauf, daß Olmert zunächst die seit
Monaten unterbrochenen Gespräche mit Palästinenserpräsident Mahmud
Abbas wieder aufnimmt, bevor er einseitige Maßnahmen anordnet. Haaretz
kommentiert diese Idee ironisch: »Nach israelischen Quellen wissen
sowohl Israel als auch die USA, daß ein solcher Versuch zu nichts führen
wird. Aber es kommt den Amerikanern darauf an, ihren internationalen
Verbündeten zu zeigen, daß Israel versucht hat, mit den Palästinensern
zu sprechen. Ein weiteres Ziel solcher Bemühungen besteht darin, den
Status des palästinensischen Präsidenten gegenüber der
Hamas-Regierung aufrecht zu erhalten.«
Worüber
will Abbas verhandeln?
Olmert
hat den Palästinensern am vergangenen Dienstag gedroht, im Falle
fehlender Verhandlungsbereitschaft innerhalb der nächsten sechs Monate
die Grenzen Israels einseitig festzulegen. Mit der Hamas-Regierung will
er allerdings nicht sprechen, solange sie nicht vorab alle Forderungen
erfüllt: insbesondere Anerkennung des Existenzrechts Israels, Abschwören
jeder Gewalt, Anerkennung sämtlicher in der Vergangenheit zwischen
Israel und der PLO geschlossenen Abkommen. Daß Hamas dies als
Vorbedingung akzeptiert, kann als äußerst unwahrscheinlich gelten.
Auch mit Präsident Abbas will Olmert vorerst nicht sprechen, da dieser
»völlig bedeutungslos« geworden sei. Aber in diesem Punkt kann Olmert
den Wünschen der US-Regierung ohne den geringsten Schaden
entgegenkommen – und wird es voraussichtlich auch tun.
Abbas
seinerseits drängt sich als Verhandlungspartner – anstelle der zwar
international geächteten, aber demokratisch gewählten Hamas-Regierung
– geradezu schamlos auf. »Hamas kann mich unterstützen oder auch
nicht. Wenn ich einen Weg zu einer Verständigung mit Israel finde,
werde ich das Ergebnis dem palästinensischen Volk in einem Referendum
präsentieren. Das palästinensische Volk steht über Hamas und anderen
Politikern«, kündigte der Präsident im April an.
Falls
Abbas wirklich glaubt, was er sagt, dürfte er der einzige Politiker
sein, der noch irgend etwas an den zentralen Punkten des Olmert-Plans für
verhandelbar und abwendbar hält. Dem Hamas-Chef Khaled Meschal, der
immer noch im Exil im syrischen Damaskus leben muß, ist sachlich
zuzustimmen, wenn er konstatiert, daß Verhandlungen mit Israel »absolut
nutzlos« seien. Alle wichtigen israelischen Parteien, so argumentiert
Meschal, stimmen ausnahmlos darin überein, daß sie eine Rückkehr zu
den Grenzen von 1967, eine Teilung Jerusalems, eine Auflösung aller
Siedlungen in den besetzten Gebieten und das Rückkehrrecht der palästinensischen
Flüchtlinge ablehnen. Alle vier Punkte gehören aber zu den Essentials
sämtlicher Teile des palästinensischen Spektrums, auch der Fatah von
Mahmud Abbas.
Warum
spricht Abbas ausgerechnet in dieser Situation von einer Wiederaufnahme
der Verhandlungen, ohne wenigstens die geplanten Annexionen direkt
anzusprechen und scharf zu kritisieren? Es ist nicht völlig auszuschließen,
daß der Palästinenserpräsident seine Unterschrift unter einen höchstens
kosmetisch modifizierten Olmert-Plan setzen würde. Aber in einer
Volksabstimmung hätte dieses Verhalten wahrscheinlich keine Chance –
außer durch hemmungslose Manipulation und Fälschung. Man kann zu der
durchaus plausiblen Schlußfolgerung gelangen, daß die Palästinenser
keine Möglichkeit mehr haben, die endgültige Niederlage und Zerstörung
ihrer strategischen Ziele durch Israel zu verhindern. Doch wäre es dann
für die Palästinenser besser, diesen de facto völlig einseitigen
Gewaltakt nicht auch noch durch ihre Zustimmung und Mitwirkung zu
veredeln.
Daß
Verhandlungen mit Israel tatsächlich »absolut nutzlos« geworden sind,
ist Ergebnis des inneren und äußeren Kräfteverhältnisses. Alle »militärischen
Optionen« der Palästinenser, sofern sie denn jemals real waren, sind
erschöpft. Die israelischen Sicherheitskräfte ermorden Kader
militanter Organisationen fast nach Belieben und in immer größerer
Zahl, ohne daß diese Organisationen noch zu wesentlich mehr als
inflationären Racheschwüren fähig sind.
Israel
kann heute die endgültige Annexion wesentlicher Teile der besetzten
Gebiete auch deshalb auf die Tagesordnung setzen, weil das
internationale Umfeld diese Absicht schon längst als unvermeidlich
akzeptiert hat oder ihr zumindest gleichgültig gegenübersteht. Nicht
Israels Regierung, sondern ausschließlich die Hamas ist stärksten
internationalen Nötigungen und Erpressungen ausgesetzt, ihre Haltung zu
ändern, also praktisch »die gegebenen Tatsachen zu akzeptieren«, wie
es Präsident Abbas als Forderung an Hamas formuliert hat.
Selbst
die meisten arabischen Staaten sind hauptsächlich daran interessiert,
Hamas zur Annahme des totgeborenen »Saudi-Friedensplans« vom Februar
2002 zu drängen, den Israel damals sofort abgelehnt hat und der niemals
auch nur Diskussionsgegenstand war. Der Plan sieht vor, daß die
arabischen Staaten Israel anerkennen würden, sofern es sich aus allen
besetzten Gebieten, einschließlich Ostjerusalem, zurückzieht.
Hamas-Chef Meschal hat das arabische Ansinnen mit dem Satz kommentiert:
»Wenn Israel den Plan annimmt, tut Hamas es auch.«
US-Regierung
für »regime change«
Seit
die überwiegend von Hamas gestellte Regierung von Premierminister
Ismail Hanija Ende März die Geschäfte übernahm, betreiben USA und EU
die finanzielle Austrocknung und Aushungerung der Palästinensergebiete.
Die EU, bisher mit Abstand der wichtigste Geldgeber, hat alle Zahlungen
eingestellt. Die US-Regierung sorgt durch Druck auf die Banken dafür,
daß auch alle Hilfsangebote von seiten islamischer Staaten
unrealisierbar bleiben. Bisher hat es keine Bank gewagt, Transaktionen
zugunsten der palästinensischen Behörden und Institutionen
vorzunehmen, aus Furcht vor amerikanischen Repressalien. Israel hat die
gesamte palästinensische Verwaltung und das von ihr administrierte
Gebiet zur »terroristischen Einheit« erklärt. Die US-Regierung hat
sich de facto dieser Definition angeschlossen, Sie lehnt deshalb direkte
Gehaltszahlungen an Mitarbeiter der palästinensischen Verwaltung ab.
Die
US-Regierung hat bisher auch alle von der EU ausgehenden Vorschläge
blockiert, Hilfsgelder über Präsident Abbas und dessen Apparat –
statt über die palästinensische Regierung – zu verteilen. Washington
will nicht weniger als den totalen Bankrott und Zusammenbruch der palästinensischen
Verwaltung, um einen »Regimewechsel« zu erzwingen, bei dem es sich
nach den gegebenen Verhältnissen nur um einen Putsch der Fatah und der
von Abbas kontrollierten obskuren Spezialeinheiten wie der »Force 17«
handeln könnte.
Am
9. Mai einigte sich das sogenannte Quartett – bestehend aus USA, Rußland,
EU und UNO – »im Prinzip« auf einen »Hilfsmechanismus«, der unter
Umgehung der palästinensischen Regierung angeblich den real längst
eingetretenen »humanitären Notstand« im Westjordanland und Gaza
verhindern soll. Der von den Medien hochgelobte Plan besteht allerdings
bisher fast nur aus heißer Luft. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen
den USA einerseits und den anderen drei Quartett-Mitgliedern sind
keineswegs ausgeräumt. Beschlossen wurde am Dienstag voriger Woche noch
keineswegs konkrete Hilfe, sondern nur die Aufnahme von Beratungen über
deren Durchführung. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte am Sonntag
westliche Diplomaten mit der Einschätzung, daß es noch bis Ende Juni
dauern könne, bevor wirklich Geld fließt.
Sofern
die USA ihre Blockadehaltung nicht aufgeben, sollen von dieser
Finanzhilfe aber ausschließlich das Gesundheits- und das Bildungswesen
profitieren. Die US-Regierung weigert sich nach wie vor,
Transferaktionen für die Gehälter der meisten der rund 160000 palästinensischen
Verwaltungsangestellten zuzulassen. Sie haben ihr Geld für März und
April noch nicht bekommen, und sie werden aller Voraussicht nach auch
ihre Maigehälter einstweilen nicht bekommen. Da sie dennoch ihren
Lebensunterhalt irgendwie bestreiten müssen, ist Abwesenheit vom
Arbeitsplatz zu einer verbreiteten Erscheinung geworden. Das
Gesundheitswesen vor allem im Gazastreifen ist am Rande des
Zusammenbruchs. Patienten, die auf Behandlungen wie Chemotherapie und
Dialyse angewiesen sind, können nicht mehr ausreichend versorgt werden.
Am
Dienstag voriger Woche wurden in den Palästinensergebieten plötzlich
auch Benzin, Heizöl und Gas knapp. Der einzige Lieferant, das
israelische Unternehmen Dor Alon, hatte die Zufuhr komplett gekappt,
weil Rechnungen in Höhe von fast 30 Millionen Dollar nicht bezahlt
worden waren. Am Freitag wurden die Lieferungen jedoch schrittweise
wieder aufgenommen, nachdem Mahmud Abbas Dor Alon telefonisch die
Bezahlung der Außenstände zugesagt hatte.
Der
Vorgang lenkte die Aufmerksamkeit auf die wenig bekannte Tatsache, daß
der Palästinenserpräsident über riesige Finanzmittel verfügt, die er
bisher nicht zur Überbrückung der akuten Krise eingesetzt hat: Abbas
wird die Rechnungen aus dem Palestine Investment Fund (PIF) bezahlen,
der ein Volumen von einer bis 1,3 Milliarden US-Dollar hat. Arafat hatte
in den 90er Jahren Hunderte Millionen Dollar aus dem PLO-Vermögen
gewinnbringend (und nicht völlig durchschaubar) angelegt. Im Jahr 2004
wandelte der damalige palästinensische Finanzminister diese Anlagen in
den PIF um. Der Fund ist dem Finanzministerium unterstellt, das auch die
Einsetzung des Vorstands vornimmt. Oder richtiger gesagt: So war es bis
vor kurzem. Neun Tage nach dem Sieg von Hamas bei der Parlamentswahl vom
25. Januar ordnete Abbas an, daß der PIF künftig vom Präsidenten
kontrolliert wird. Etwa zur gleichen Zeit verschaffte sich Abbas durch
die Fatah-Mehrheit im alten Parlament noch schnell außergewöhnlich
weitgehende Vollmachten zu Lasten der Regierung.
Mahmud
Abbas und seine Fatah spielen bisher beim von der US-Regierung geplanten
»Regimewechsel« mit, statt angesichts der starken äußeren Bedrohung
die palästinensische Einheit in den Vordergrund zu stellen. Abbas hat
explizit darauf hingewiesen, daß er das verfassungsmäßige Recht hat,
jederzeit die Regierung abzusetzen und das Parlament aufzulösen. Die
Fatah-Milizen haben durch zahlreiche bewaffnete Aktionen gegen Gebäude
der Verwaltung, einschließlich einer Besetzung des Parlaments, deutlich
gemacht, daß sie selbst auf das Risiko eines Bürgerkriegs hin das
Wahlergebnis »korrigieren« wollen. Bisher jedoch hat sich zum Glück
letztlich die bewährte »Beißhemmung« auf beiden Seiten als stärker
erwiesen, auch wenn bei Schießereien schon mehrere Todesopfer zu
beklagen waren.
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