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Arafats letzter Sieg

von Werner Pirker

Quelle: jungeWelt vom 12. November 2004

Sein bleibendes Verdienst ist es, das palästinensische Volk auf das Niveau eines selbständigen Subjekts in der Weltpolitik gehoben und den Kampf – auch den bewaffneten – zur Durchsetzung der unveräußerlichen Rechte der Palästinenser eröffnet zu haben

Yassir Arafat, 1929 als Sohn eines Textilkaufmanns in Jerusalem geboren, beteiligte sich schon als Jugendlicher an Aktionen gegen die britische Mandatsmacht und militante zionistische Gruppen. Seine Biographie ist die Geschichte des palästinensischen Widerstandes. Sie geht mit seinem Tod nicht zu Ende.

Der Aufstieg Arafats, auch Abu Ammar genannt, begann mit der Niederlage der arabischen Armeen im Sechstagekrieg 1967. Die nach 1948 zweite nationale Katastrophe für die Palästinenser – die israelische Besetzung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens hatte eine neue Welle der Vertreibung und grausame Repressalien ausgelöst – stärkte in den Reihen des palästinensischen Widerstands das Bewußtsein, das eigene Schicksal nicht weiter den arabischen Staaten überantworten zu wollen. Der Prozeß der Selbstorganisation der Palästinenser reicht in die 1950er Jahre zurück. Seinen ersten Ausdruck fand er in der Vereinigung palästinensischer Studenten in Kairo, dessen Vorsitzender Yassir Arafat war. Parallel dazu bildete sich im Gaza-Streifen eine Untergrundbewegung heraus, aus der 1955 die Nationale Befreiungsfront Al Fatah hervorging.

Bewaffneter Kampf

Die palästinensische Befreiungsbewegung entwickelte sich unter dem Einfluß des Panarabismus, dessen staatliche Träger das nasseristische Ägypten und das baathistische Syrien waren, was diese Idee den ständigen Schwankungen der bürokratischen Regime in Kairo und Damaskus unterwarf. Deshalb verlief der Prozeß der nationalen Bewußtwerdung des palästinensischen Volkes auch in Abgrenzung zu den arabischen Hauptstädten und in der Herausbildung einer spezifisch palästinensischen Identität. Das brachte der Fatah den Vorwurf ein, sich der arabischen Solidarität entziehen zu wollen. Diese wiederum sah im palästinensischen Widerstandsfaktor das zentrale Kettenglied bei der Herstellung der arabischen Einheit. Die staatliche Einheit der arabischen Länder, argumentierten die Fatah-Leute, könne nicht dekretiert, sondern nur im Kampf gegen den zionistischen Staat, als dem Pfahl im Fleisch der arabischen Nation, errungen werden. Ihr Credo: Ohne palästinensische Revolution zur Überwindung der Folgen der zionistischen Aggression werde es auch keine arabische Einheit geben.

Damit verbunden war die Orientierung der Fatah auf den bewaffneten Kampf. In Anlehnung an Che Guevaras Fokus-Theorie sollten kleine militärische Einheiten die israelische Armee provozieren, sie zu Gegenaktionen zwingen, die wiederum die arabischen Armeen zu aktivem Handeln bewegen sollten. Diese avantgardistische Position wurde nicht nur von der arabischen Reaktion, vor allem in Jordanien, wo die Palästinenser die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, als Bedrohung empfunden; auch die linksnationalistischen Regime sahen sich herausgefordert. In der Absicht, die Al Fatah zu neutralisieren, wurde am 1. Juni 1964 in Jerusalem die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) gegründet. Ihr erster Vorsitzender war der Diplomat und Jurist Ahmed Shukeiry, Nassers Mann in Jerusalem. Um ihn versammelten sich die traditionellen Notabeln: Geschäftsleute, Geistliche und Angehörige gehobener Berufe. Shukeirys verbalradikale Ausfälle, die in der Aufforderung, die Juden ins Meer zu werfen, gipfelten, korrespondierten mit seiner Unfähigkeit, den Widerstandskampf auf breiter Basis zu organisieren. Auf dem PLO-Gründungskongreß wurde auch die Palästinensische Nationalcharta verabschiedet, in der die Befreiung Palästinas und damit die Zerstörung des Staates Israels – in seiner zionistischen Wesensbestimmtheit – festgeschrieben war.

Die Schlacht von Karameh

Nach der schmählichen Niederlage der Streitkräfte Ägyptens, Syriens und Jordaniens war die Zeit Shukeirys als politischer Akteur abgelaufen. Die palästinensische Guerilla, die Feddayins, eroberten die Bühne. Das war nicht nur eine Kampfansage an Israel, sondern auch ein Akt der Selbstbehauptung gegenüber den arabischen Staaten. In Karameh, einer Grenzstadt im Jordantal, fand die erste Bewährungsprobe statt. Als am 21. März 1968 israelische Infanteristen, begleitet von Panzereinheiten und Fallschirmspringern, auf die Stadt vorrückten, um den palästinensischen Widerstand in seinem Zentrum auszulöschen, entzogen sich die Feddayins nicht dem ungleichen Kampf, sondern beschlossen, standzuhalten. Die Israelis hinterließen eine Spur der Zerstörung, ließen keinen Stein auf dem anderen, doch die Stadt fiel nicht. Einer kleinen Gruppe von Guerilleros war gelungen, was den arabischen Armeen in zwei ruhmlosen Waffengängen versagt geblieben war: den Nimbus der israelischen Unbesiegbarkeit zumindest in Frage zu stellen.
Die Schlacht von Karameh löste unter den arabischen Massen eine euphorische Stimmung aus. Vor allem aber stärkte sie die Palästinenser in dem Bewußtsein, daß eine Lösung ihrer Probleme nicht von den arabischen Staatsführungen herbeigeführt werden kann und sie deshalb ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen müssen. Karameh, was auf deutsch Ehre heißt, begründete den Ruhm Arafats und seiner engsten Mitstreiter Abu Jihad und Abu Iyyad.

Anfang Februar 1969 wurde die Al Fatah in die PLO aufgenommen und Arafat zum Vorsitzenden des neuen Exekutivrates gewählt – eine Funktion, die er bis zuletzt ausgeübt hat. Der kleine, stämmige, notorisch unrasierte Mann mit dem traditionellen Kopftuch, der »Kouffiya«, und seiner Pistole als ständigen Begleiter hatte die Weltbühne betreten, aus der er nicht mehr wegzudenken war. Sein bleibendes Verdienst ist es, das palästinensische Volk auf das Niveau eines selbständigen Subjekts in der Weltpolitik gehoben, den Kampf – auch den bewaffneten – zur Durchsetzung der unveräußerlichen Rechte der Palästinenser eröffnet und die palästinensische Nationalbewegung aus der Umklammerung der arabischen Staaten befreit zu haben.

Jähe taktische Wendungen

Und doch war Abu Ammar auch in den eigenen Reihen nie unumstritten. So prinzipienfest er ursprünglich die Selbstemanzipation des arabischen Volkes von Palästina vorantrieb, so wenig prinzipiell gestaltete sich mitunter seine Politik an der Spitze der PLO. Sein Vorgehen war gekennzeichnet von einem steten Zick-Zack-Kurs, was vor allem dem Fehlen einer theoretischen Grundlage des Befreiungskampfes geschuldet war. Seine jähen taktischen Wendungen ergaben sich sowohl aus der objektiven Situation als auch aus seinem Hang zum Machtopportunismus. Oft folgte er mehr seinem Selbsterhaltungstrieb als dem innerorganisatorischen Zwang zur Erneuerung, zur Erweiterung und sozialen Vertiefung der nationalrevolutionären Bewegung. Die Al Fatah, als eine Bewegung von Arbeitern und Studenten entstanden, nahm zunehmend elitäre Züge an. Die von Arafat und den Seinen entmachteten traditionellen Eliten waren in modernisierter Form wieder zurückgekehrt.

Die PLO war von Beginn an eine heterogene Organisation. Arafats Al Fatah als die ursprünglich militanteste Organisation im Widerstandsspektrum nahm in der neuen Konstellation den eher gemäßigten Part ein – stark bedrängt von einer linken Opposition, vor allem in Gestalt der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) unter George Habbasch, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (Generalkommando) unter Ahmed Jabril und der linksradikalen Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP) unter Najef Hawatmeh. Doch ging es dabei nicht nur um die Kampfformen, sondern um grundsätzliche strategische Fragen, um die Bestimmung des sozialen Charakters der »palästinensischen Revolution«.
Übergeordnetes Ziel aller Fraktionen war die »Befreiung ganz Palästinas« und damit die Zerschlagung des zionistischen Projekts. Während aber alle Überlegungen der Arafatisten ausschließlich um den palästinensisch-israelischen Antagonismus zentriert waren, reflektierten die Linken den Wesensgehalt des Nahostkonflikt in einem größeren historischen Zusammenhang. Aus dieser Sicht ergab sich der Grundkonflikt in der Region aus dem Widerspruch zwischen der imperialistischen Hegemonialpolitik und den Emanzipationsbestrebungen der arabischen Massen. Die zionistische Präsenz sei nur aus ihrem Funktionszusammenhang mit dem Imperialismus zu erklären. Das gelte aber auch für die arabische Reaktion. Daher sei der Sturz der pro-imperialistischen arabischen Regime eine entscheidende Voraussetzung für die Befreiung Palästinas und die Beendigung der Vorherrschaft des US-Imperialismus im arabischen Raum. Der Unterschied lag in einer auf rein nationale Ziele fixierten Befreiungsstrategie und einer Orientierung auf tiefgreifende soziale Umwälzungen im Prozeß der nationalen Emanzipation. Es war aber auch der aus den 1950er Jahren stammende Konflikt zwischen dem panarabischen und einem spezifisch palästinensischen Nationalismus wieder akut geworden. Arafat hatte zur arabischen Vereinigungsbewegung nie eine prinzipielle, sondern immer nur eine taktische Position bezogen.

In Jordanien, das nach der Besetzung des Westjordanlandes zur wichtigsten Basis des palästinensischen Widerstandes geworden war, entstand 1970 eine Situation der Doppelherrschaft. Die Feddayin beherrschten nicht nur die Flüchtlingslager, sondern waren auch in Amman bewaffnet präsent. Es stand die Machtfrage. Doch Arafat wollte sie nicht stellen. Er sah in Jordanien ein Aufmarschgebiet für den Kampf gegen Israel und versuchte, mit König Hussein zu einem Übereinkommen zu gelangen. Vor allem sollte diesem kein Vorwand geliefert werden, gegen die palästinensischen Verbände loszuschlagen. Zudem sollte nicht Jordanien die Heimat der Palästinenser werden. Das Ziel lag jenseits des Jordans. Die Milizen der PFLP und der DFLP aber orientierten auf einen Sturz der Haschemitendynastie. In Amman sollte die erste Bresche in die Front der arabischen Reaktion geschlagen werden.

»Schwarzer September«

Eine Doppelherrschaft läßt sich freilich nicht mit Verhandlungen aus der Welt schaffen. Sie drängt zur gewaltsamen Entscheidung. König Hussein, der sich mit einem nicht mehr kontrollierbaren palästinensischen Machtfaktor konfrontiert sah, ergriff im September 1970 die strategische Initiative, löste die jordanische Zivilregierung auf, ersetzte sie durch Militärs und ließ seine Armee auf Amman und die Flüchtlingslager vorrücken, wo sie ein schreckliches Gemetzel anrichtete. Die schlecht bewaffneten, nur für den Guerillakrieg ausgebildeten und auch nicht besonders disziplinierten palästinensischen Verbände standen auf verlorenem Posten. Politische Differenzen zwischen den PLO-Fraktionen machten zudem eine gemeinsame Strategie unmöglich. Die Niederlage der Feddayin ist in den Annalen der palästinensischen Nationalgeschichte als »Schwarzer September« eingetragen.

Es war die Organisation »Schwarzer September«, die von der Weiterexistenz des palästinensischen Widerstandes – wenn auch auf sehr ruchlose Weise, wie 1972 beim Überfall auf die israelische Olympiamannschaft in München – zeugte. Der Export des Nahost-Konflikts nach Europa war ein Ausdruck der Strategiekrise der Bewegung nach dem jordanischen Desaster. Er beinhaltete aber auch die unmißverständliche Botschaft an die internationale Öffentlichkeit, daß die palästinensische Frage so lange offen bleibt, solange den elementaren Rechten der angestammten Bevölkerung Palästinas die Anerkennung versagt wird. Das verfehlte nicht seine Wirkung – sowohl in der arabischen als auch innerhalb der internationalen Staatenwelt.

Auf der arabischen Gipfelkonferenz im Oktober 1974 wurde die PLO als einzig rechtmäßige Vertreterin des palästinensischen Volkes anerkannt. Im November 1974 trat Yassir Arafat erstmals vor den Vereinten Nationen auf. Dort verkündete er seine Vision eines demokratischen, säkularen Staates, in dem »Christen, Juden und Moslems in Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit« zusammenleben sollen. Diese Formel beinhaltete ebenso ein klares Bekenntnis zur jüdischen Existenz in der Region, wie sie die zionistische Konzeption eines exklusiv jüdischen Staates radikal in Frage stellte. Jedenfalls wußte das israelische Establishment mit offenen Vernichtungsdrohungen besser zu leben als mit dieser fundamentalen Verneinung der auf ethnischer und religiöser Ausschließlichkeit beruhenden israelischen Staatsdoktrin und der angedrohten Transformation des jüdischen Staates in einen demokratischen Staat seiner jüdischen und arabischen Bürger.

Separatfrieden von Camp David

Doch Arafats diplomatischer Triumphzug wurde von der Nahost-Realität wieder eingeholt. 1977 schloß Ägypten mit Israel in Camp David ein Separatfriedensabkommen und ließ die Palästinenser in ihrem Kampf gegen die israelische Besatzung allein. Ihre Hauptbasis hatte die PLO damals im Libanon. Doch auch in der früheren »Schweiz des Nahen Ostens« mischte die palästinensische Präsenz die gesellschaftlichen Verhältnisse gehörig auf. Zwischen muslimischen und christlichen Libanesen kam es zum Bürgerkrieg, in dem Syrien zugunsten der christlichen Oberschichten intervenierte, um den palästinensischen Faktor, der zum Kristallisationspunkt der überwiegend muslimischen Unterprivilegierten geworden war, nicht zu stark werden zu lassen.

Nachdem Israel bereits 1978 Teile des Südlibanon besetzt und dem christlichen Major Saad Haddad zur treuhändischen Verwaltung übergeben hatte, entschloß es sich im Juni 1982 zu einer Invasion auf breiter Front. Die Aktion »Frieden für Galiläa« gestaltete sich zu einem grausamen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Ein Großteil der Flüchtlingslager wurde dem Erdboden gleichgemacht. Ende August verließen nach längerem diplomatischen Tauziehen die in Beirut eingeschlossenen PLO-Verbände das Land. Die Führung um Arafat bezog in Tunis – fernab vom palästinensischen Geschehen – ihr neues Hauptquartier.

Doch dann geschah etwas, womit weder Israel noch die PLO-Führung im Exil gerechnet hatten. Die Bevölkerung in den 1967 besetzten Gebieten erhob sich 1987 zur ersten »Intifada«. Trotz des massiven Militäreinsatzes konnte der überwiegend von Jugendlichen getragene Aufstand nicht eingedämmt werden. Das zwang die israelische Führung erstmals zu der Einsicht, daß der Dauerkonflikt mit ausschließlich militärischen Mitteln nicht befriedet werden kann. Da die Okkupation zu kostspielig und zu risikoreich geworden war, eine Annexion aber noch weniger in Frage kam, weil sie die Aufnahme von Millionen Arabern in das israelische Staatsgebiet und damit die Zersetzung des jüdischen Charakters des Staates bedeutet hätte, zeigte sich der zionistische Mainstream erstmals zu einer bedingten Anerkennung der palästinensischen nationalen Existenz bereit – in Form der Gewährung einer Autonomie mit offenem Ausgang, was die Gründung eines palästinensischen Staates zumindest nicht ausschloß.

Kompromiß von Oslo

Auf der anderen Seite der nahöstlichen Front hatte Yassir Arafat im November 1988 in Algier die Gründung des »Staates Palästina« proklamiert, dies aber mit einer Anerkennung der UN-Resolutionen 242 und 338 verknüpft, in denen neben den Forderungen nach einem Abzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten auch explizit auf das Existenzrecht des Staates Israel verwiesen wurde. Damit war nicht nur die palästinensische Nationalcharta von 1964 hinfällig geworden. Die PLO hatte auch von ihrer Vision eines demokratischen säkularen Staates seiner jüdischen und arabischen Bürger auf dem Boden des historischen Palästina Abschied genommen. Statt für die Gleichstellung der Palästinenser mit der jüdischen Bevölkerung Israels einzutreten, was das Rückkehrrecht der 1948 und 1967 Vertriebenen eingeschlossen hätte, hatte sie sich auf die Formel »Frieden für Land« eingelassen. Das bildete die Basis für den 1993 in Oslo geschlossenen israelisch-palästinensischen Kompromiß, der Arafat sowie seinen israelischen Verhandlungspartnern Rabin und Peres den Friedensnobelpreis einbrachte.
Doch die scheinbar einzig realistische Variante, die Zweistaatenlösung, erwies sich als die am wenigsten realistische Option einer friedlichen Koexistenz von Israelis und Palästinensern. Zu keinem Zeitpunkt zeigte sich Israel bereit, dem palästinensischen Volk eine gleichberechtigte nationale Existenz zuzuerkennen. Mit dem Oslo-Prozeß verbunden war eine massive Siedlerexpansion, die nicht nur alle Grundlagen für einen souveränen Staat Palästina untergrub, sondern auch die Grundlage für die Apartheid-Architektur bildete. Den israelischen Führungen, egal welcher politischen Richtung, ging es stets darum, sowohl das arabische Element aus der israelischen Gesellschaft zu verdrängen als auch die Herrschaft der Israelis über die Palästinenser dauerhaft zu sichern. Denn nicht zu Unrecht sehen Scharon und seine Vorgänger in der vertriebenen autochthonen Bevölkerung Palästinas die ständige Negation des zionistischen Staates.

Die Würde des Gedemütigten

Yassir Arafat war lange bemüht, seinen Teil des Oslo-Abkommens, die Ruhigstellung der Bevölkerung in den Autonomiegebieten, zu erfüllen. Das bestimmte im wesentlichen den korrupten Charakter seines Regimes. Denn die Korruption ist die Geschäftsgrundlage der Kollaboration. Arafat war der Mentor einer palästinensischen Kompradorenbourgeoisie, die zu jedem Deal mit Israel bereit war.

Auf den letzten und entscheidenden Deal einzugehen, war Arafat allerdings nicht mehr bereit. Er ließ das Friedensdiktat von Camp David, das die nationale Unterwerfung festgeschrieben hätte, platzen. Diesen Verrat am erhofften Verrat hat ihm das israelische Establishment nicht verziehen. In seinem Präsidentenpalais in Ramallah unter Hausarrest gestellt, von der westlichen Nahost-Allianz vom Friedensnobelpreisträger wieder zum internationalen Outcast herabgewürdigt und vom israelischen Sicherheitskabinett zur Hinrichtung vorgesehen, verkörperte er die Würde des Gedemütigten. Seine ehrenhafte Niederlage war sein letzter Sieg. artikel_ende

Werner Pirker

Nation building?

Palästina nach Arafat

Quelle: jungeWelt vom 12. November 2004

Während Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder kundtat, Yassir Arafat »ein ehrendes Andenken bewahren« zu wollen, Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac dessen Eintreten für einen unabhängigen Palästinenserstaat würdigte und Großbritanniens Premier Anthony Blair dem Verstorbenen zugute hielt, »sein Volk zu historischer Anerkennung« geführt zu haben, verkündeten die Offiziellen in Israel und den USA den Tod des Palästinenserpräsidenten als Frohbotschaft. US-Präsident Bush sprach von einem »bedeutsamen Augenblick« und sieht »neue Chancen für den Friedensprozeß«. Ähnlich zuversichtlich kommentierte Israels Premier Scharon das Ende der Ära Arafat.

Auch unter den Palästinensern existiert das Bedürfnis nach einer umfassenden Veränderung der Verhältnisse. Die letzten Jahre des autokratischen Volkstribuns waren ebenso von einer Verschärfung der israelischen Unterdrückungspolitik gekennzeichnet wie von einer tiefen Krise der palästinensischen Gesellschaft, die sich auch als Machtkrise äußerte. Arafats Rolle als Führer der palästinensischen Unabhängigkeitsbewegung hatte sich erschöpft, noch bevor ihn der physische Tod ereilte. Von allen Niederlagen, die er erleiden mußte, war das Scheitern der Zweistaatenlösung seine schlimmste. Das Projekt eines eigenen Staates »auf einem Fußbreit Palästinas« hatte sich als nicht realisierbar erwiesen. Der Oslo-Prozeß hat die Abhängigkeit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten von Israel nicht gelockert, sondern verstärkt. Und er hat die korrupten Eigenschaften der zu einer Behörde mutierten PLO-Führung sichtbar gemacht. Solange es die revolutionären Energien der Volksmassen zu zügeln vermochte, hatte Israel am »System Arafat« nichts auszusetzen. Erst als nach gescheitertem Friedensprozeß die zweite Intifada ausbrach, wurde es als »undemokratisch und korrupt« zum Abschuß freigegeben.

Ebenso wie das Vorgehen der USA im Irak Israels Besatzungspolitik zum Vorbild hat, dürfte Israel nun versuchen, das amerikanische »Nation building«-Programm in Palästina zur Anwendung zu bringen. Käufliche Figuren unter dem palästinensischen Führungspersonal gäbe es zur Genüge. Und das müssen nicht unbedingt Leute sein, denen jetzt schon ein enges Verhältnis zur israelischen Führung nachgesagt wird. Auf der Mossad-Gehaltsliste stehende und zu einem »dramatischen Kurswechsel« ausgebildete »Radikale« wären da schon eher geeignet. Doch auch ein solches Täuschungsmanöver hätte kaum Aussicht auf Erfolg. Kein Nation building kann den nationalen Befreiungskampf unterlaufen – nicht im Irak und nicht in Palästina.

 

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