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Armenier
fordern Mahnmal in Berlin
Interview
mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Armeinier Azat Ordukhanyan:
Auf Kommunisten-online am 23. Dezember 2011
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Frage:
Die in Deutschland lebenden Armenier fordern ein Mahnmal für die
anderthalb Millionen Opfer des osmanischen Völkermords von 1915 an
ihren Landsleuten. Warum in Berlin? Warum nicht in Ankara?
A.O.:
Ein solches Mahnmal in Ankara steht selbstverständlich auch auf unserer
Agenda. Wir sind uns damit der armenischen Diaspora in aller Welt
durchaus einig. Aber erstens leugnet die Türkei diesen Völkermord bis
heute und verweigert uns jede Äußerung von Trauer an den Tatorten von
damals. Und zweitens würde ein solches Mahnmal uns nicht von der
Pflicht befreien, auch hierzulande die Erinnerung wach zu halten und die
Geschichte als Mahnung an die Zukunft lebendig werden zu lassen.
F rage:
Überfrachten wir nicht die Aufnahmefähigkeit der deutschen Hauptstadt,
wenn wir hier Mahnmale für alle möglichen historischen Katastrophen in
dieser Welt errichten wollten?
Es
geht nicht um Katastrophen, nicht um irgendwelche Naturereignisse – es
geht um Völkermord. Und es geht nicht um einen Völkermord irgendwo auf
der Welt, sondern um einen Genozid, in den das Deutsche Reich, damals
wichtigster Verbündeter der Türkei, in vielfacher Weise verknüpft
ist. Es gibt hier also durchaus eine gemeinsame historische
Verantwortung, der sich auch Deutschland zu stellen hat. Der Bundestag
hat sich in der Resolution von 2005 beim armenischen Volk für die
negative Rolle des Deutschen Kaiserreichs entschuldigt und sich
verpflichtet, einen Beitrag zur Aufarbeitung und Versöhnung zu leisten.
Frage:
Sie wollen dieses Mahnmal bis 2015, zur hundertsten Jahrestag des Völkermords,
errichten. Warum erst jetzt?
A.O.: Der
Zentralrat der Armenier fordert seit Jahren die Errichtung eines
Mahnmals bzw. einer Gedenkstätte. Aber offenbar ist erst jetzt in
Deutschland die Zeit reif für ein solches Projekt. Auch in Deutschland
hat zunächst die Zensur jahrzehntelanges Schweigen zu der Schande
dieses Genozids bewirkt, danach haben demokratische Parlamente und die
publizierte Öffentlichkeit es noch sehr lange einfach bequem gefunden,
dieses Thema in der Versenkung zu lassen. Die offizielle Kandidatur der
Türkei zur EU-Mitgliedschaft hat dem Thema Völkermord an den Armeniern
einen neuen Impuls gegeben.
Frage:
Spätestens mit der Bundestagsresolution von 2005 zum Thema
„Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker an den
Armeniern 1915“. Das war die von Ihnen lange geforderte Anerkennung
des Völkermords.
A.O.: Nein.
Wir fühlen uns bis heute getäuscht. Tatsächlich ist diese Resolution
in der politischen Wirklichkeit Deutschlands nicht angekommen. Sie
vermeidet aus diplomatischer Rücksicht auf den Täterstaat, die Türkei,
den Begriff Völkermord und sie bietet damit allen Leugnern eine
Hilfestellung, Völkermorde zu leugnen.
Frage:
Wenn das so ist – haben Sie denn in der Berliner Politik Verbündete für
das Projekt Mahnmal?
A.O.: Jeder,
der es mit der Bundestagsresolution ernst meint, ist ein potentieller
Verbündeter. In den politischen Gesprächen, die wir regelmäßig mit
den unterschiedlichen Parteien und Fraktionen auf Landes- wie auf
Bundesebene führen, stoßen wir auf große Zustimmung. Dennoch fehlt es
noch am politischen Wille, ein solches Projekt zu verwirklichen. Daran
arbeiten wir unermüdlich weiter.
Frage:
Was muss sich ändern?
A.O.: Die
Berliner Politik muss schlicht einsehen, dass es keinen Sinn mehr hat,
eine offizielle Anerkennung des Völkermordes weiterhin zu umgehen. Wenn
das wieder, wie bei den mündlichen und schriftlichen Begründungen für
die Bundestagsresolution von 2005, Konsens wird, kann die Zustimmung zu
unserem Mahnmal nur noch eine Formalie sein. Wir sind sehr
zuversichtlich, dass wir nicht nur die Zustimmung sondern auch die
Unterstützung durch die Politik finden werden.
Frage:
Heißt das, es braucht erst noch eine neue Entschließung des
Parlaments, in der der Begriff Völkermord ausdrücklich aufgenommen
wird?
A.O.: Wir
halten eine solche neuerliche Entschließung für dringend geboten, weil
die Verwendung des völkerrechtlich korrekten Begriffs mehr
Rechtsverbindlichkeit produziert. Die Errichtung eines Mahnmals kann
jedoch einer neuerlichen Entschließung durchaus vorausgehen. Da braucht
es nur den guten politischen Willen aller Beteiligten.
Frage:
Dieser gute Wille fehlt?
A.O.: Der
politische Wille fehlte tatsächlich über lange Jahre. Das hat sich geändert.
Heute ist, wie wir immer wieder feststellen, der gute Wille durchaus da,
uns zu unterstützen. Aber es mangelt noch an politischer Konsequenz.
Die deutsche Außenpolitik ist widersprüchlich, ihre Motivation oft
nicht nachzuvollziehen. Da muss ein Umdenken stattfinden. Die Außenpolitik
der Bundesregierung hat nichts zur Normalisierung der Beziehungen
zwischen den Republiken Armenien und Türkei, und schon gar nicht zur
Versöhnung zwischen den Armeniern und Türken beigetragen – so wie es
der Bundestag im Jahre 2005 gefordert hat. Deutschland muss endlich
Sorge tragen, die Türkei zu einer dauerhaften Versöhnung mit Armenien
zu motivieren und sie zur Anerkennung des Völkermordes zu bewegen. Aber
wie soll das geschehen, solange Deutschland selbst den Völkermord nicht
anerkannt hat? Sonntagsreden und harte Wirklichkeit klaffen noch
immer weit auseinander.
Frage:
Wie wollen Sie das ändern?
A.O.: Wir
müssen dicke Bretter bohren. Konsequente und harte Arbeit ist angesagt
Und wir wollen ein Zeichen setzen. Mit dem Mahnmal werden wir ein
solches Zeichen setzen. Wir werden genügend Verbündete finden, die uns
den politischen Rückhalt verschaffen und uns in diesem Projekt unterstützen.
Frage:
Kommen wir zur praktischen Seite. Wie stellen Sie sich das Mahnmal vor.
Gibt es schon Entwürfe? Wie groß soll es sein, wo wird es stehen? Was
wird es kosten?
A.O.: Der
ZAD verfolgt dieses Projekt gemeinsam mit der Diözese der Armenischen
Kirche in Deutschland. Das Mahnmal soll Öffentlichkeit herstellen, es
soll in Sichtweite des Reichstags stehen und damit eine Verbindung zu
unseren guten demokratischen Tugenden demonstrieren. Es wird eine
richtige Relation zum großen Holocaust-Denkmal haben und als Symbol
auch für das wiedererwachende armenische Leben in Deutschland wirken.
Darüber hinaus wäre es durchaus Symbol für eine versöhnliche Geste
unseres heutigen Heimatlandes, das uns damals, als es die Macht dazu
hatte, so schmählich im Stich gelassen hat. Es gibt aus gutem Grund
noch keine konkreten Entwürfe, sondern nur erste Ideenskizzen. Wir
planen einen Wettbewerb unter armenischen Künstlern, die in Deutschland
leben. Tatsächlich können wir ein solches Mahnmal relativ schnell
realisieren. Es braucht allerdings dafür nicht nur ideelle, sondern
auch finanzielle Unterstützung. Die Kosten wollen wir heute noch nicht
kalkulieren. Aber an der Finanzierung wird dieser Plan nicht scheitern!
Frage:
Vielen Dank für das Gespräch.
Azat
Ordukhanyan, geboren in Jerewan/ Armenien. Studium in Armenien und in
Deutschland. Historiker. Wohnhaft
in Bochum. Promotion an der Ruhr-Universität Bochum. Vorsitzender des
Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V.,
Vorsitzender des Zentralrats der Armenier in Deutschland.
Fragen:
Sahin Aydin
Antwort:
ZAD-Vorsitzenden Azat Ordukhanyan
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