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Die
jüdischen Ayatollahs
von
Uri Avnery
Übersetzt
von: Ellen Rohlfs
Orginalartikel:
02.07.2011 — uri-avnery.de! (Auf Kommunisten-online am
23. Juli 2011) – DER ERZBISCHOF von New York verkündet,
dass jeder Katholik, der eine Wohnung an einen Juden vermietet, eine tödliche
Sünde begeht und die Exkommunikation riskiert.
Ein
protestantischer Pastor in Berlin erklärt, dass ein Christ, der einen
Juden anstellt, aus seiner Gemeinde verbannt wird.
Unmöglich?
Tatsächlich. Außer in Israel – natürlich umgekehrt.
Der
Rabbiner von Safed, ein Regierungsangestellter, hat angeordnet, es sei
streng verboten, Wohnungen an Araber zu vermieten – einschließlich an
arabische Studenten, deren medizinische Fachschule im Ort liegt. Zwanzig
andere Stadtrabbiner – deren Gehalt von (meistens säkularen)
Steuerzahlern , einschließlich der arabischen Bürger, bezahlt werden,
haben öffentlich diese Anordnung unterstützt.
Eine
Gruppe israelischer Intellektueller reichte eine Klage beim Staatsanwalt
ein, mit der sie behaupten, dass dies ein Fall krimineller Hetze sei.
Der Staatsanwalt hat versprochen, die Sache mit gebührender Eile zu
untersuchen. Das war vor einem halben Jahr. Die gebührende Eile hat
noch nicht zu einer Entscheidung geführt.
Dasselbe
gilt für eine andere Gruppe von Rabbinern, die die Anstellung von Goyim
verbietet.
(Im
alten Hebräisch bedeutete Goy Volk, irgendein Volk. In der Bibel wurden
die Israeliten ein „holy Goy“ „ ein religiöses Goy“ genannt.
Aber in den letzten Jahrhunderten bedeutet dieser Terminus Nicht-Juden
mit einem entschieden verächtlichen Unterton).
IN
DIESER Woche war Israel in Aufruhr. Das Durcheinander wurde durch die
Verhaftung des Rabbiners Dov Lior verursacht.
Die
Affäre geht auf ein Buch zurück, das vor mehr als einem Jahr von
Rabbiner Yitzhak Shapira geschrieben wurde. Shapira ist vielleicht der
extremste Bewohner von Yitzhar, das vielleicht die extremste Siedlung in
der Westbank ist. Seine Bewohner werden häufig beschuldigt, Pogrome in
den nahen palästinensischen Dörfern durchführen, gewöhnlich als
„Racheakte“ für Armeeaktionen gegen Bauten, die ohne offizielle
Genehmigung von Siedlern gebaut worden waren.
Das
Buch mit dem Titel „Torat ha Melekh“ („Die Lehre des Königs“)
befasst sich mit dem Töten von Goyim. Es besagt, dass in Friedenszeiten
Goyim gewöhnlich nicht getötet werden sollten – nicht wegen des
Gebotes: „Du sollst nicht töten“, das nach dem Buch nur Juden
betreffe, sondern weil Gottes Gebot nach der Sintflut (Genesis 9,6)
besage: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch
Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen nach seinem Bilde
geschaffen.“ Dies gilt für alle Goyim, die einige grundlegende Gebote
halten. (die sog. noahitischen Gebote).
Doch
in Kriegszeiten ist die Situation völlig anders. Und nach den Rabbinern
ist Israel seit seiner Gründung im Kriegszustand gewesen und wird es
wahrscheinlich in alle Ewigkeit sein.
Im
Krieg, wo die Gegenwart eines Nichtjuden einen Juden gefährdet, ist es
erlaubt, ihn zu töten, sogar dann, wenn es ein gerechter Goy ist, der
keine Verantwortung für die Situation trägt. Es ist erlaubt – tatsächlich
wird es sogar empfohlen – nicht nur die feindlichen Kämpfer zu töten,
sondern auch jene, die sie „unterstützen“ oder „ermutigen“.Es
ist erlaubt, feindliche Zivilisten zu töten, wenn dies für die Fortführung
des Krieges nützlich ist.
(Zufällig
oder nicht zufällig stimmt dies mit den Taktiken überein, die unsere
Armee bei der „Cast Lead-Operation“ anwandten; um das Leben eines
einzelnen israelischen Soldaten zu retten, ist es erlaubt, so viele Palästinenser
wie nötig zu töten. Das Ergebnis war 1400 tote Palästinenser, die Hälfte
von ihnen Zivilisten – und fünf getötete Soldaten durch feindliche
Aktion. Sechs weitere wurden versehentlich durch die eigenen Leute getötet).
Was
wirklich einen Sturm erregte, war eine Passage in dem Buch, die besagt,
dass es erlaubt sei, Kinder zu töten, wenn klar ist, dass wenn sie
erwachsen sind, sie „schädlich“sein können.
Es
ist üblich, dass das Buch eines Rabbiners, das das jüdische Gesetz
interpretiert, die Haskama-(Übereinkunft) von anderen prominenten
Rabbinern aufweist. Dieses besondere Meisterwerk weist die „Übereinkunft“
von vier prominenten Rabbinern auf. Einer von ihnen ist Dov Lior.
RABBINER
LIOR (der Name kann mit „ich habe das Licht“ übersetzt werden oder
„Das Licht ist mir gegeben worden“) ist als einer der extremsten
Rabbiner der Westbank-Siedlungen berühmt – keine kleine Leistung in
einem Gebiet, das einen üppigen Bestand extremer Rabbiner hat, von
denen die meisten in anderen Ländern „Faschisten“ genannt würden.
Er ist der Rabbiner von Kiryat Arba, der Siedlung , die an Hebron grenzt
und den Lehren von Meir Kahane folgt und die den Massenmörder Baruch
Goldstone hervorbrachte.
Lior
ist auch der Rektor einer Hesder Yeshiva, einer religiösen Schule, die
eng mit der Armee verbunden ist. Ihre Schüler verbinden ihre Studien
(nur religiöse Themen) mit privilegiertem Militärdienst.
Als
das Buch – jetzt in der dritten Auflage - zuerst erschien, gab es
einen Aufschrei. Kein Rabbiner protestierte, obwohl eine Anzahl nicht
mit seiner religiösen Argumentation einverstanden war. Die Orthodoxen
distanzierten sich, weil es die religiösen Regeln verletzt, die
verbieten, dass man „die Goyim provoziert“.
Nach
der allgemeinen Forderung begann der Staatsanwalt eine strafrechtliche
Untersuchung gegen den Autor und die vier Unterzeichner der Haskama. Sie
wurden zur Untersuchung zitiert und die meisten kamen und protestierten,
dass sie keine Zeit gehabt hätten, das Buch zu lesen.
Lior,
dessen Text der „Übereinkunft“Zeugnis davon gab, dass er das Buch
gründlich gelesen hatte, schenkte wiederholten Vorladungen, bei der
Polizei zu erscheinen, keine Beachtung. Er ignorierte sie offen und verächtlich.
In dieser Woche reagierte die Polizei auf die Beleidigung: sie lauerte
ihm auf der „Tunnelstraße“ auf – eine Straße (nur für Juden)
mit mehreren Tunneln zwischen Jerusalem und Hebron – und verhafteten
ihn. Sie haben ihm keine Handschellen angelegt und setzten ihn nicht in
ein Polizeifahrzeug, wie sie es normalerweise tun, sondern ersetzten den
Fahrer mit einem Polizisten, der ihn direkt zu einer Polizeistation
fuhr. Dort wurde er höflich eine Stunde lang ausgefragt und wieder
freigelassen.
Die
Nachricht von seiner Verhaftung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch
die Siedlungen. Hunderte der„Hügeljugend“ – Gruppen junger
Siedler, die Pogrome ausführen und auf das Gesetz spucken –
versammelten sich am Eingang Jerusalems, lieferten sich eine Schlacht
mit der Polizei und sperrten die Hauptstraße in die Hauptstadt ab.
(
Ich darf eigentlich nichts dagegen sagen, weil ich der erste war, der
dies tat. 1965 wurde ich in die Knesset gewählt, und Teddy Kollek wurde
Bürgermeister von Jerusalem. Eines der ersten Dinge, die er tat, war,
dass er sich den Orthodoxen anbiederte und ganze Stadtteile am Schabbat
absperrte. Eines der ersten Dinge, die ich tat, war, dass ich meine
Unterstützer zusammenrief, um zu protestieren. Wir sperrten den Zugang
nach Jerusalem für ein paar Stunden ab, bis wir mit Gewalt entfernt
wurden).
Aber
die Straßen absperren und mit dem entlassenen Lior triumphierend auf
ihren Schultern demonstrieren, war nicht das einzige, was die jungen
Fanatiker taten. Sie versuchten auch, den Obersten Gerichtshof zu stürmen.
Warum gerade dieses Gebäude? Das bedarf einiger Erklärung.
DER
ISRAELISCHE rechte Flügel und besonders die Siedler und ihre Rabbiner
haben lange Listen mit Hassobjekten. Einige von diesen sind veröffentlicht
worden. Ich habe die Ehre, auf den meisten zu erscheinen. Aber der
Oberste Gerichtshof nimmt einen Platz fast an der Spitze der Liste ein.
Warum?
Das Gericht hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, während es sich
mit den besetzten Gebieten befasst. Es erlaubte die Zerstörung vieler
palästinensischer Häuser als Rache für „terroristische“ Akte, ließ
„moderate“ Folter zu, stimmte dem „Trennungszaun“ zu (der vom
Internationalen Gericht in Den Haag verurteilt wurde) und positioniert
sich selbst als verlängerter Arm der Besatzung.
Aber
in einigen Fällen hat das Gesetz den Gerichtshof nicht in die Lage
versetzt, sich aus seiner Verantwortung zu ziehen. Er hat zur Auflösung
von „Außenposten“aufgerufen, die auf privatem palästinensischem
Land errichtet worden waren. Er hat „gezieltes Töten“ verboten,
wenn die Person ohne Risiko verhaftet werden konnte; es hat bestimmt,
dass es ungesetzlich ist, einen arabischen Bürger Israels daran zu
hindern, in einem Dorf zu leben, das auf Staatsland liegt usw.
Jede
dieser Entscheidungen erzeugte ein Wutgeheul bei den Rechten. Aber es
gibt noch einen tieferen Grund für diese extreme Feindseligkeit.
ANDERS
ALS im modernen Christentum, aber sehr ähnlich wie im Islam, ist die jüdische
Religion nicht nur eine Sache zwischen Mensch und Gott, sondern eine
Sache zwischen Mensch und Mensch. Sie lebt nicht in einem Winkel des öffentlichen
Lebens. Religiöse Gesetze umfassen alle Teile des öffentlichen und
privaten Lebens. Deshalb ist für einen frommen Juden – oder Muslim–
die europäische Idee der Trennung zwischen Staat und Religion unverständlich.
Die
jüdische Halacha - wie die islamische Sharia - regulieren jeden
einzelnen Aspekt des Lebens. Immer, wenn das jüdische Gesetz mit dem
israelischen Gesetz in Konflikt kommt, stellt sich die Frage: welches
Gesetz soll dann die Oberhand gewinnen? Das eine, das von der
demokratisch gewählten Knesset angenommen wurde, das jeden Moment verändert
werden kann, wenn das Volk es will, oder das von Gott am Sinai für alle
Zeiten gegebene, das nie verändert werden kann ( höchstens neu
interpretiert werden darf).
Religiöse
Fanatiker in Israel bestehen darauf, dass das religiöse Gesetz über
dem säkularen Gesetz steht (wie in einigen arabischen Ländern) und
dass die staatlichen Gerichte keine Jurisdiktion über die Kleriker in
Angelegenheiten der Religion haben (wie im Iran). Wenn der Oberste
Gerichtshof anders entschied, mobilisierte der geachtetste orthodoxe
Rabbiner leicht 100 000 Demonstranten in Jerusalem. Seit Jahren sind
religiöse Kabinettminister, Rechtsgelehrte und Politiker, wie auch ihre
politischen Unterstützer, eifrig dabei, die Integrität, die Unabhängigkeit
und Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes zu beschneiden.
Dies
ist die Crux der Sache. Der Staatsanwalt betrachtet ein Buch, das zum Töten
von unschuldigen Kindern aufruft, als einen Akt krimineller Aufhetzung.
Die Rabbiner und ihre Unterstützer betrachten dies als eine unverschämte
Einmischung in eine gelehrte religiöse Debatte. Zwischen diesen beiden
Ansichten kann es keinen realen Kompromiss geben.
Für
Israelis ist das keine abstrakte Angelegenheit. Die ganze religiöse
Gemeinschaft mit all ihren verschiedenen Fraktionen, gehört jetzt zum
rechten, ultra-nationalen Lager (außer der bedauernswerten kleinen
Gruppe des Reform- und konservativen Judentum, zu dem die Mehrheit der
amerikanischen Juden gehört). Israel in einen Halacha-Staat zu
verwandeln bedeutet, den demokratischen Staat zu zerstören und Israel
in ein zweites Iran zu verwandeln, das von jüdischen Ayatollas regiert
wird.
Dies
würde auch Frieden für alle Zeiten unmöglich machen, da nach den
Rabbinern das ganze Heilige Land zwischen Mittelmeer und dem Jordanfluss
allein den Juden gehört. Den Goyim nur einen Fußbreit des Landes zu
geben, ist eine tödliche Sünde, die mit dem Tod bestraft wird. Für
diese Sünde wurde Yitzhak Rabin von dem Studenten einer religiösen
Universität –einem früheren Siedler - hingerichtet.
Nicht
das ganze religiöse Lager heißt den unerbittlichen Extremismus des
Rabbiners Lior und seiner Anhänger gut. Es gibt noch viele andere
Trends. Aber diese schweigen. Es ist Lior, der Rabbiner, der „das
Licht besitzt“ und seine gleichgesinnten Kollegen, die die Richtung
bestimmen.
Uri
Avnery

Uri
Avnery ist Gründer der Bewegung Gush Shalom. Der Publizist und langjährige
Knesset-Abgeordnete Avnery, 1923 in Beckum geboren und 1933 nach Palästina
ausgewandert, gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Gestalten
der israelischen Politik. mehr
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