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Die letzte Bastion

Quelle: german-foreign-policy.com vom 11.01.2007

MINSK/MOSKAU/BERLIN

(Eigener Bericht) - Angesichts des Erdölstreits zwischen Minsk und Moskau setzen Berliner Regierungsberater auf einen baldigen Übergang der Republik Belarus in die deutsche Hegemonialsphäre. Der Streit belege, dass der Kreml seinen bisherigen Verbündeten Alexander Lukaschenko fallen  lasse, heißt es in der deutschen Hauptstadt. Dies sei „das Ende“ der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), der belarussische Staatspräsident müsse sich nun „der EU zuwenden“, um die Eigenstaatlichkeit des Landes zu retten. Die faktische Preisgabe Minsks durch Moskau folgt jahrelangen Bemühungen Deutschlands und weiterer westlicher Staaten, die Regierung Lukaschenko zu stürzen und durch willfährige Kräfte zu ersetzen. Erst kurz vor Jahresbeginn hatte die EU zu diesem Zweck wirtschaftliche Strafmaßnahmen gegen Belarus verkündet, denen Russland jetzt durch gleichgerichtete Vorhaben größere Schlagkraft zu verleihen droht. Es ist nicht das erste Mal, dass in der deutschen Hauptstadt Überlegungen kursieren, wonach die belarussische Regierung in Absprache mit dem Kreml zu Fall gebracht werden könnte, um das Land in deutsch-russische Einflusssphären aufzuteilen.

„Das Ende der GUS“

Die heftigen Auseinandersetzungen um Lieferungen russischer Energierohstoffe nach Belarus bedeuten „das Ende der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS).[1] Zu diesem Ergebnis kommt einer der führenden deutschen Russland-Experten, Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Über lange Jahre habe der Kreml versucht, mit Hilfe verbilligter Erdöl- und Erdgasexporte seinen Einfluss in der GUS zu halten. Dieser Versuch sei jedoch mit der Weigerung Minsks, sich Moskau in einer gemeinsamen Union weitgehend unterzuordnen, gescheitert. Daher habe sich der Kreml entschlossen, „die künstlichen Bande zu den Nachbarrepubliken“ zu kappen und die Energieressourcen nach Marktpreis zu verkaufen, urteilt Rahr. Auch der Belarus-Experte Rainer Lindner von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) schließt aus dem aktuellen Streit, dass „nicht mehr ideologische Muster die Allianzen Moskaus bestimmen, sondern Marktregularien“: „[D]ie letzte Bastion postsowjetischer Unions-Staatlichkeit fällt“.[2]

„Sich der EU zuwenden“

Allein die teureren Öllieferungen verursachen im belarussischen Staatshaushalt „voraussichtlich ein Loch von rund vier Milliarden Dollar“, urteilt Lindner (SWP).[3] Das gesamte belarussische Bruttoinlandsprodukt lag im Jahr 2005 bei unter 30 Milliarden Dollar. Hinzu kommen weitere Verluste durch die Gaspreiserhöhung. Schwere Folgen sind auch von einer möglichen Verzollung belarussischer Russland-Exporte zu erwarten, die bislang zollfrei gehandelt werden konnten. Betroffen sind Waren, die Belarus so gut wie ausschließlich in den östlichen Nachbarstaat exportiert und die insgesamt mehr als die Hälfte der belarussischen Russland-Exporte ausmachen. Angesichts der dramatischen Maßnahmen und Drohungen des bisherigen Verbündeten muss die Regierung Lukaschenko „sich der EU zuwenden“, wenn sie nicht „von Russland verschlungen werden möchte“, mutmaßt Rahr (DGAP).[4]

Kalter Krieg

Berlin arbeitet seit Jahren auf einen Sturz der Regierung Lukaschenko hin, die sich bislang geweigert hat, ihr Land den westlichen Hegemonialplänen unterzuordnen. Die Bundesregierung unterstützt führende Politiker der belarussischen Opposition und ist undementierten Presseberichten zufolge an deren klandestiner Finanzierung beteiligt gewesen.[5] Ein früherer Präsident der deutschen Auslandsspionage amtierte über mehrere Jahre als OSZE-Repräsentant in Minsk und nutzte seine Funktion, um die bislang recht einflusslosen, untereinander zerstrittenen Regierungsgegner zu stärken. Zu den deutschen Subversionsprojekten, über die german-foreign-policy.com in den vergangenen Jahren ausführlich berichtete, gehören auch Rundfunksendungen der staatsfinanzierten Deutschen Welle, die ein Berater des russischen Staatspräsidenten als „Mittel aus dem Arsenal des Kalten Krieges“ bezeichnet hat.[6] Der Kreml-Berater spielte damit auf westliche Radiostationen an, die zu Zeiten der Systemkonfrontation die Länder des östlichen Gegners mit Propaganda beschallten und als prominente Wirkstätten westlicher Geheimdienste galten. Das „Deutsche Welle“-Programm wird mit Mitteln der EU finanziert und ist im vergangenen Sommer ausgeweitet worden.

Verhandeln

Für die Bundesregierung könnte sich nun auszahlen, dass sie sich angesichts der notorischen Schwäche der belarussischen Opposition stets alternative Einflussmethoden offengehalten hat. Als Beispiel dafür kann das „Minsk Forum“ gelten, eine seit 1997 jährlich wiederholte Konferenz in der belarussischen Hauptstadt, bei der hochrangige Experten beider Seiten aufeinandertreffen - unter Einschluss von Regierungspersonal. Die „Minsk Foren“ der vergangenen Jahre waren von scharfer Konfrontation geprägt; im vergangenen November untersagte die Regierung Lukaschenko mehreren von der deutschen Seite nominierten Teilnehmern sogar die Einreise, unter anderem der Leiterin des russischen Programms der „Deutschen Welle“, die auch für in Belarus ausgestrahlte Sendungen zuständig ist. Berlin sagte die Konferenz dennoch nicht ab.

Kooperieren

Aus gutem Grund. Bereits beim „Minsk Forum 2005“ hatten deutsche Außenpolitiker den anwesenden belarussischen Regierungsvertretern angeboten, die Machtfrage in ihrem Land auf dem Verhandlungswege zu lösen - mit einem sogenannten Runden Tisch. Der provokative Vorschlag zielte auf mögliche Spaltungen innerhalb der belarussischen Regierungseliten und stellte kooperationsbereiten Kräften deutsche Unterstützung in Aussicht. Schon damals wurde in Betracht gezogen, einen Machtwechsel in Minsk in Übereinstimmung mit dem Kreml zu gestalten: Es hieß, auch Moskau suche nach „Wegen, wie man einen anderen Politiker an die Spitze dieses Staates stellen kann“.[7] Entsprechende Sondierungen gehören seit Jahren zum Repertoire der Berliner Außenpolitik.[8] Sie eröffnen nun Einflussoptionen, sollte es zu größeren Umbrüchen in Minsk kommen.

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Dort steht Staatspräsident Lukaschenko angesichts der erhöhten russischen Rohstoffpreise sowie eventueller Zolllasten unter starkem Druck. Dazu tragen auch neue Strafmaßnahmen der EU bei. Brüssel hat kurz vor Jahresende angekündigt, die Tarifvergünstigungen für belarussische Ausfuhren zu streichen, und bedroht damit die Wirtschaftseliten des Landes. Minsk, von Osten und Westen in die Zange genommen, werde sich der EU annähern müssen, urteilen Experten in mehreren osteuropäischen Staaten und finden Zustimmung in Berlin.[9] Wie Russland-Experte Rahr (DGAP) in Erinnerung ruft, hat sich Moskau zuvor seinen Anteil gesichert - die Kontrolle über das belarussische Pipelinesystem, das Teil des künftigen russischen Energieimperiums werden soll. Zudem hat die Bundesregierung dem Kreml kurz vor Jahresbeginn zugesagt, ihn im kommenden Jahr stärker in ihre Nah- und Mittelost-Politik einzubinden.[10] Der offenkundige deutsch-russische Interessenabgleich lässt einen Machtwechsel in den Minsker Eliten nicht länger ausgeschlossen erscheinen.

Nähere Informationen über die deutsche Belarus-Politik finden Sie hier: Ehemaliger Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienstes: Wahlen in Weißrussland „unfair“, Berlin verstärkt Unterstützung der weißrussischen Opposition, Weißrussland „Schurkenstaat“, Transformationsstaat, „Über Polen nach Osten“, Subversion, Optionen, Deutsche Befreier, Exil-Elite, Akademische Interventionen, Umsturz, neue Folge, 14 Millionen für den Umsturz, Frontalzusammenstoß, Der Große Krieg, Traditionsradio, Über Minsk hinaus, Zehntausend plus, Ein angekündigter Umsturzversuch und Ehrenamtlicher Berater

[1] Gastkommentar: Rivale der EU. Von Alexander Rahr; Die Welt 10.01.2007
[2], [3] Deutschland will Abhängigkeit von Russland reduzieren; Spiegel Online 08.01.2007
[4] Gastkommentar: Rivale der EU. Von Alexander Rahr; Die Welt 10.01.2007
[5] Bringing Down Europe's Last Ex-Soviet Dictator; The New York Times 26.02.2006.
S. dazu Zehntausend plus
[6] Der Kalte Krieg ist vorbei; Frankfurter Allgemeine Zeitung 05.10.2005
[7] Moskau und der Diktator Lukaschenko; Deutsche Welle 24.02.2006. S. auch Zehntausend plus
[8] s. auch Der Große Krieg
[9] Energiestreit mit Weißrussland begräbt Idee von Unionsstaat; RIA Novosti 10.01.2007
[10] Gastkommentar: Rivale der EU. Von Alexander Rahr; Die Welt 10.01.2007

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