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Quelle: Die Politik 15.4.2002

"Das werden wir den Israelis nie vergessen"

Was geschah in Dschenin? Flüchtlinge aus dem Lager berichten von erschreckenden Szenen während der israelischen Invasion.

Aus den Palästinensergebieten berichtet unser Korrespondent KARIM EL-GAWHARY

HEBRON. Sieben lange Tage dauerte es, bis israelische Truppen das Flüchtlingslager Dschenin im Norden des Westjordanlandes unter ihre volle Kontrolle gebracht haben. Seitdem herrscht eine gespenstische Stille über dem nur einen Quadratkilometer großen Lager.

Von außen sind einige zerstörte Häuser auszumachen und aufgerissene Straßen, die mit Bulldozern verbreitert wurden, damit die Panzer ungehindert durch das Lager rollen können. Was genau in diesem Lager vorgefallen ist, wissen nur die 13.000 Einwohner und die israelische Armee, die einen Riegel um das Gebiet gelegt hat, der weder für Mitarbeiter des Roten Kreuzes, geschweige denn für Journalisten durchlässig ist.

Laut offizieller israelischer Version wurden im Lager von Dschenin "Dutzende, nicht Hunderte" bewaffnete Palästinenser während Kampfhandlungen erschossen; auch 23 israelische Soldaten kamen ums Leben. Die Palästinenser hingegen sprechen von 900 Toten, von einem regelrechten Massaker, das auch die Zivilbevölkerung nicht ausgespart habe.

Daß jedem Außenstehenden der Zugang verweigert wird, läßt jedenfalls nichts Gutes erwarten. Auch nicht Berichte, wonach die israelische Armee begonnen hätte, die Toten mit Lastwagen wegzubringen und in Massengräbern im Jordantal zu begraben. Das Oberste Gericht Israels hatte auf Antrag arabischer Mitglieder des Parlaments der Armee zwischenzeitlich verboten, die Toten von Dschenin zu begraben, am Sonntag aber wieder grünes Licht gegeben.

Bisher können nur jene als Zeugen dienen, die vergangene Woche aus dem Lager geflüchtet sind und nun zu Hunderten in umliegenden Dörfern ausharren. Atra Hassan konnte das Lager vergangenen Mittwoch mit ihren drei Töchtern verlassen.

Häuser niedergewalzt

Die Frau sitzt nun auf der Straße im Dorf Burkin, wenige Kilometer von Dschenin entfernt. Ganz offensichtlich ist sie immer noch traumatisiert: "Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen", wiederholt sie immer wieder monoton. Flugzeuge und Helikopter hätten Tag und Nacht bombardiert, Bulldozer hätten Häuser einfach niedergewalzt und Menschen darunter begraben. Fünf Männer seien auf offener Straße exekutiert und liegengelassen worden. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen", schluchzt die 42jährige.

Viele der Männer aus dem Flüchtlingslager im Alter zwischen 15 und 45 Jahre, die während der Invasion verhaftet und in Militärlager abtransportiert worden waren, sind inzwischen wieder frei. Die Armee hatte sie tagelang festgehalten. Wer nicht auf der Gesuchtenliste stand, der wurde in den umliegenden Dörfern wieder ausgesetzt, manche mit nicht mehr als einer Unterhose bekleidet.

Fast 300 von ihnen leben derzeit im Kindergarten des kleinen Dorfes Zbubeh. Manche starren nur vor sich ins Leere, andere erzählen von ihrer Gefangenschaft; tagelang hätten sie gefesselt und mit verbundenen Augen auf dem Boden liegen müssen. Zum Beweis strecken sie ihre Arme aus und deuten auf die immer noch entzündeten Handgelenke. Ein junger Mann, der Angst hat, seinen Namen anzugeben, berichtet davon, wie er mit verbundenen Augen, gefesselt auf der Straße lag. Ein Soldat rief ihm zu, daß er jetzt von einem Panzer überrollt würde. Tatsächlich hörte er einen Panzer auf sich zu rollen, der dann aber knapp vor ihm stehenblieb.

Wo ihre Familien, ihre Frauen und Kinder geblieben sind, wissen die Männer im Kindergarten nicht. Manchmal ereilt sie aber doch die eine oder andere Nachricht. "Der da drüben hat zum Beispiel vor wenigen Stunden erfahren, daß zwei seiner Brüder tot sind", erzählt einer und deutet auf einen Mann, dessen Gedanken weit entfernt zu sein scheinen.

Banges Warten in Hebron

Kurz blickt er auf und sagt nur einen Satz, bevor er wieder in sich versinkt: "Diese letzten Tage werden wir den Israelis nie vergessen". Nur wenige Stunden nach diesen Interviews mit den Flüchtlingen erklärte die israelische Armee übrigens auch diese Dörfer zur Sperrzone und verhängte eine Ausgangssperre.

Hat die Geisterstadt Dschenin das Schlimmste schon hinter sich, warten die Einwohner der südlichen Westjordanstadt Hebron auf den Tag, an dem auch bei ihnen die Panzer einrollen werden. Das Leben läuft hier noch relativ normal, die Märkte sind gut besucht, im Zentrum der Stadt staut sich der Verkehr.

Aber mit Mißtrauen haben die Bewohner verfolgt, daß Israels Armee in den umliegenden Dörfern Stellung bezogen hat. Allerorten wird spekuliert, warum der von der palästinensischen Verwaltung kontrollierte Teil Hebrons bisher von der israelischen Offensive ausgespart geblieben ist. Vielleicht, weil Hebron ohnehin bereits eine geteilte Stadt ist.

Notration unter der Treppe

In der einen Hälfte der Stadt leben 30.000 Palästinenser Haus an Haus mit 400 israelischen Siedlern und den sie beschützenden 1500 Soldaten unter voller israelischer Besatzung. Von den dortigen Dächern kontrolliert die israelische Armee leicht den anderen "freien" Teil der Stadt mit seinen 100.000 palästinensischen Einwohnern.

Quelle: Die Politik 15.4.2002

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