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Dem
Besatzer die Besatzung erklären
von
Amira Hass
Ha'aretz,
8. Oktober
2003/ZNet
09.10.2003
Wie
kann so eine kleine palästinensische Organisation wie der Islamische
Dschihad soviele lebende Bomben hervorbringen - Selbstmordbomber, die
sich Babies im Kinderwagen und deren Großeltern als Ziel aussuchen? Und
wie kann eine Organisation, die einst erklärte, nur Soldaten
anzugreifen, ihre jüngste lebende Selbstmordbombe in eine gemischt jüdisch-arabische
Stadt senden, um Tod und Leid in einem Restaurant zu säen, dessen
Besitzer, dessen Angestellten und Kunden sowohl Juden als auch Araber
sind, Junge und Alte? Geheimdienstexperten und Arabisten unserer Seite
behaupten, der Grund liege darin, dass der Islam den Krieg absegne. In
den Moscheen herrsche pausenlose Aufwiegelung, hinter allem stecke der
Iran und Syrien, die Selbstmordbomber und deren Familien hätten es auf
die Zerstörung des Staates Israel abgesehen, Leute, die sich selbst in
die Luft jagen, seien eben Tiere, und Arafat ermutige den Terror. Hinter
all diesen Erklärungen steckt ein Konzept. Gemäß dieses Konzepts hat
jene krankhafte Form des palästinensischen Kampfs mit der Okkupation
gar nichts zu tun, und die Israelis sollten Palästinensern nicht
glauben, die behaupten, es hätte etwas zu tun mit der israelischen
Besatzung. Gemäß dieses Konzepts existiert auch keine Verbindung
zwischen der zunehmenden Verbreitung von Selbstmordattentaten und jener
in der palästinensischen Gesellschaft vorherrschenden Meinung, Israel -
als Militär- und Nuklearmacht - wolle die Palästinenser zur Aufgabe
pressen, damit die Israelis noch mehr Land in Westbank und Gaza
legitimerweise übernehmen können. Anders gesagt, besteht das Konzept
also darin zu behaupten, sämtliche historischen, politischen,
geopolitischen und verästelten soziologischen bzw. psychologischen Bezüge
seien allesamt irrelevant. Laut Konzept gibt es bei den
Selbstmordbombern und denen, die sie losschicken, eine erbliche
Komponente - das sei schuld. Die Palästinenser würden ihren Traum,
Israel zu zerstören, nicht aufgeben, und Muslime würden stets immer
nur der radikalsten Auslegung ihrer Religion glauben.
Die
israelische Gesellschaft kann diese geisteskranke Situation akzeptieren
- und Milliarden in etwas investieren, das sich “Verteidigung”
nennt, während man sich gleichzeitig vor so etwas Primitivem wie
lebenden Bomben fürchten muss, vor ein paar Kilo Sprengstoff mit Nägeln
-, denn sie glaubt an den israelischen Geheimdienstapparat und die
“Objektivität” von dessen Information. Schließlich sprechen die
Geheimdienstoffiziere fließend Arabisch, sie analysieren die Predigten
jedes Imams, sie sehen sich die Programme sämtlicher arabischer
TV-Sender an, die zum Aufruhr aufwiegeln, ihnen fallen Texte in die Hände,
die selbst den meisten palästinensischen Autoren und deren Leserschaft
unbekannt sind, und sie verfügen über Informationen von
Kontaktpersonen - von Kollaborateuren und Informanten aller Art.
Vom
Standpunkt des Islamischen Dschihad ein guter Zeitpunkt, um das Chaosgefühl
im Land und in der Region weiter zu schüren. Diese Gruppierung ist
klein, sodass es ihr möglich ist, Verurteilungen und Warnungen der Palästinenserbehörde
zu ignorieren, zu verlachen. Schließlich - man sucht keine Wählerschaft.
Was mit dieser Sicht allerdings nicht zu erklären ist, ist, dass der
Islamische Dschihad, ungeachtet der Schläge, die ihm die Armee
versetzt, immer noch Kandidaten findet, die bereit sind, eine Politik
auszuführen, die von außen diktiert ist und der die Sehnsucht der Palästinenser
nach Normalität fremd ist. Dies zu erklären braucht es - ja - die
israelische Besatzung. Alle anderen Erklärungen sind zusätzlich, sind
marginale Fußnoten.
Aber
wie soll man dem Besatzer die Besatzung erklären? Wie vermittelt man
ihm, was man über den Alltag von 3,5 Millionen Menschen weiß, deren
Zukunft keine Chance auf Normalität hat: die tägliche Erfahrung, dass
das Land der Großeltern und Eltern irgendeiner Militärverordnung zum
Opfer fällt - zum Zwecke “öffentlicher” Enteignung oder für einen
Piraten-Außenposten? Wie kann man einem Bulldozer erklären, wie es
sich lebt, wenn einem das Land unter den Füßen wegbröckelt - während
gleichzeitig auf der anderen Straßenseite eine reiche jüdische
Siedlung wächst und eine brandneue Straße, exklusiv nur für sie,
geteert wird? Was weiß das Papier, auf dem die Militärverordnung
steht, was es heißt, 37 Jahre unter der Willkürherrschaft der Repräsentanten
der Fremdbesatzung zu leben - und viele dieser Repräsentanten wohnen ja
in den Siedlungen? Diese Repräsentanten treffen willkürliche
Entscheidungen - wer darf reisen und wer nicht? Wem wird medizinische
Behandlung gewährt, wem nicht? Wieviele Zentimeter Durchmesser darf
eine Wasserleitung haben? Darf ein Wassertanker in ein Dorf rein bzw.
wann? Und welcher Baum wird entwurzelt und welcher nicht?
Wie
soll man den Panzern erklären, den Flugzeugen, wie sich die Ängste
eines kleinen Jungen anfühlen? Und es geht nicht nur um Ängste von 10
oder 100 sondern von Hundertausenden, empfunden nicht einmal im Monat
oder alle zwei Wochen sondern in den letzten drei Jahren tagtäglich.
Wie soll man erklären, was in einer Tochter, einer Großmutter vor sich
geht, deren geliebte Angehörige - Zivilisten - vor ihren Augen getötet
werden? Und sowas passiert nicht dutzendfach sondern gleich hundertfach.
Wie soll man Israelis, die nur sehr einseitig informiert sind, den
Horror einer Militärokkupation klarmachen? Dass auch die Palästinenser
täglich Horror- Szenarien erleben - und dies seit dem allerersten Tag
der neuen Unruhen, als sie nur Steine warfen und sich noch nicht in
unseren Städten in die Luft jagten. Ja, die Selbstmordbomber glauben,
sie repräsentierten ihre Gesellschaft. Darin besteht ihre Stärke. Aber
was sie repräsentieren, ist (nur) das Gefühl ihrer Gesellschaft, es hätte
keinen Sinn, unter der Besatzung zu leben - die schreckliche
Unterlegenheit gegenüber der israelischen Militärmacht, das Gefühl
der Impotenz, während sie mitansehen müssen, wie ihr Land vandalisiert
und entwürdigt wird, ihre Wut über die Dummheit der palästinensischen
Führer. Sie sind bereit, die Rache zu repräsentieren.
Israel
tendiert dazu, diejenigen zu beschuldigen, die fordern, das Phänomen
der Selbstmordbomber im Kontext der Besatzung zu sehen - als brächte
man Verständnis für die Mittel der Terroristen auf oder rechtfertige
sie gar. In einer geschützten Gesellschaft wären (diese
Beschuldigungen) eventuell noch verständlich. Der israelischen
Gesellschaft allerdings kann soetwas nicht weiterhelfen - im Umgang mit
der Bedrohung des Terrors.
http://www.zmag.de/article/article.php?id=853
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