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Zur
neuen Rechtsaußenregierung Netanyahu in Israel
schrieb Zvi Schuldiner in der linken italienischen Tageszeitung „il manifesto“ am 2.4.2009
den folgenden Kommentar.
Die
neue Regierung Israels:
Krieg,
Wirtschaft und Demokratie: Bibi & Co. machen keine Gefangenen
Von
Zvi Schuldiner
Quelle:
AntiFa
AG Uni Hannover –
Benjamin Netanyahu, der verheerende israelische Ministerpräsident
von 1996 – 99, der 2003 als thatcheristischer Finanzminister ein
Comeback erlebte, hat dem israelischen Parlament die umfangreichste
Regierung seiner Geschichte präsentiert: 30 Minister und 9
Vizeminister. Viele glaubten an einen „neuen Netanyahu“, doch
gestern hat der neuen Premierminister unter Beweis gestellt, dass seine
größte Sorge der Manipulation des politischen Apparates gilt.
Trotzdem
sich die Mehrheit, aufgrund des schlechten Rufs der Regierung Olmert und
als natürlicher Konsequenz des Krieges, für die Rechte ausgesprochen
hat, zeigt eine Umfrage der <linkliberalen> Tageszeitung „Ha’aretz“
von heute morgen, dass 54% der Israelis von der Zusammensetzung der
neuen Regierung enttäuscht sind! Einer neuen Regierung, die auf drei
Ebenen sofort vor ernsten Problemen steht: in Sachen Krieg oder Frieden
und innenpolitischem Rassismus; der wirtschaftlichen Lage und dem
demokratischen System.
Netanyahu
stieß, vom persönlichen Ehrgeiz gepackt, bei der Ernennung Avigdor
Liebermans zum Außenminister auf keinerlei Hindernisse. Der Chef der
nationalistischen Partei Yisrael Beiteinu hat es dank seiner
rassistischen Propaganda, die für einen hitzigen Wahlkampf sorgte, auf
eine Fraktion von 15 Abgeordneten gebracht. Seine Vorstellungen von
Staatsbürgerschaft und Loyalität sind eine traurige Kopie der
deutschen Gesetze, die die Juden am liebsten vergessen würden.
Lieberman,
der bereits gedroht hat, den Assuan-Staudamm zu bombardieren, um den Ägyptern
eine Lektion zu erteilen und Mubarak buchstäblich zum Teufel wünschte,
steht jetzt an der Spitze der israelischen Außenpolitik. Seine
Verteidiger stellen ihn als einen pragmatischen Mann dar und diese
Eigenschaft wird er brauchen, falls die Polizei ihre Ermittlungen bezüglich
schwerer Wirtschaftsdelikte fortsetzen sollte, die ihm vorgeworfen
werden.
Im
„zivilisierten Westen“ haben Viele jenen scheinbaren Hang zum
Ausgleich mit einem Seufzer der Erleichterung aufgenommen, der Netanyahu
zu einem Bündnis mit der „linken“ Arbeitspartei <Avoda>
veranlasste. Das kann nichts anderes als Dummheit, Ignoranz oder
schlichte Propaganda sein. Die Arbeitspartei ist nicht mehr „links“,
sondern kollaboriert seit mindestens acht Jahren mit der blutigen
Politik der extremen Rechten. Shimon Peres war der Nobelpreisträger,
der der Welt Sharons Politik erklärte, während der
Verteidigungsminister der Arbeitspartei, Ben Eliezer, die brutale
Repression der Zweiten Intifada fortsetzte. Wer war der wahre Architekt
der 2.Intifada? Ehud Barak. Der damalige „gemäßigte“ Labour-Premier beteiligte sich an einem
Gipfeltreffen in Camp David, dessen Scheitern schon vorher feststand,
griff Sharons Provokation im September 2000 auf und begann die brutale
Repression, die der damalige Armeechef Mofaz zu Ende führte, während
er dem israelischen Volk und dem „zivilisierten Westen“ die
Idee einhämmerte, dass Israel den Terrorismus bekämpfe und es keinen
Partner für den Frieden gäbe.
Die
Präsenz der Labour-Leute in den israelischen Regierungen des letzten
Jahrzehnts hat weder neue Wege aufgezeigt noch für irgendeine Mäßigung
gesorgt soweit es sich nicht um ein nützliches Instrument der
Legitimation und Propaganda einer Politik handelte, die man nur als
Sackgasse bezeichnen kann. Ehud Barak hat, während seiner
Regierungszeit keinen Finger gekrümmt, um auch nur eine einzige
Siedlung in den Besetzten Gebieten abreißen zu lassen. Im Gegenteil, er
ließ immer neue Häuser bauen, während sich die „ausgewogene,
linke Arbeitspartei“ auf den letzten Krieg in Gaza vorbereitete.
Die
zweite Dimension ist nicht weniger besorgniserregend: Netanyahu und
seine Verbündeten scheinen die Größenordnung der Krise des
Kapitalismus nicht zu sehen. Ihre Signale sind inzwischen auch in Israel
zu vernehmen, aber die demagogischen Erklärungen, die versichern, man
werde die Arbeitslosigkeit bekämpfen, werden bereits von glaubwürdigeren
Zusagen begleitet, gescheiterten Millionären mit öffentlichen Geldern
unter die Arme zu greifen. Netanyahu erhielt die Unterstützung der
Labour-Leute dank der Mitarbeit des Führers des Gewerkschaftsbundes
Histadrut, Ofer Eini, im Austausch für vage Versprechungen. Eini setzt
eine Bündnispolitik vor, die dafür sorgt, dass er einer abstrakten
Idee von nationaler Einheit den Vorrang vor den realen Rechten der
Arbeiter einräumt. Mit ihm ist die Arbeitspartei an der Regierung. Nun
kann er sich als treuer Verbündeter von
Netanyahus archaischem Neoliberalismus auszeichnen.
Die
dritte Dimension ist die problematischste und subtilste: 30 Minister und
9 stellvertretende Minister in einem Parlament von 120 Mitgliedern
bedeutet praktisch eine Lähmung des legislativen Lebens und reduziert
damit die Kraft und das Ansehen eines Gremiums noch weiter, dass sich in
den letzten Jahren als immer schwächer erwiesen hat. Die israelische
Demokratie, eine problematische Ethnokratie in der Krise, wird auf diese
Weise erleben, das ihr ohnehin bereits zerschlissenes Gefüge weiter
ausfranst.
Die
neue Regierung, sagt Netanyahu, werde ihr Möglichstes tun, um einen
Friedenschluss zu erreichen. Derselbe Netanyahu spricht aber weiterhin
nicht von echter palästinensischer Unabhängigkeit und bekräftigt die
Notwendigkeit einer Zerschlagung der Hamas, während klar ist, dass nur
ein geeintes Palästina wirkliche Friedensverhandlungen beginnen könnte.
Das Duo Netanyahu-Barak bedeutet außerdem eine reale und tödliche
Gefahr, wenn die Vereinigten Staaten die unverantwortliche israelische
Politik gegenüber dem Iran nicht bremsen. Eine Politik, die zu einem
militärischen Angriff mit verheerenden Folgen sowohl für Israel als
auch für die gesamte Region führen könnte. Diese israelische
Regierung garantiert eine
problematische Zukunft für die Israelis und für alle anderen Völker
der Region.
Übersetzung
ins Italienische: Mario Croce)
Vorbemerkung,
Übersetzung aus dem Italienischen ins Deutsche und Einfügungen in
eckigen Klammern: *
Rosso
Zvi
Schuldiner
ist Professor für Soziologie an der Hebräischen Universität
Jerusalem und ein prominenter Aktivist der Friedensbewegung sowie
der israelischen Linken. Er schreibt regelmäßig in „il
manifesto”, aber auch in der alternativen Schweizer „Wochenzeitung”
(WoZ).
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