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Biosprit
aus „Entwicklungsländern“ mit
Förderung durch die deutsche Regierung
Treibstoffe
des Todes
Quelle:
german-foreign-policy
vom 20.08.2007
BERLIN/BRASILIA/GUATEMALA/NEW DELHI
| Siehe
auch: „Mehr als drei Milliarden Menschen auf der Welt durch verhungern und
Verdursten vorzeitig zum Tode verurteilt – Kommentar über die
Zusammenkunft von Präsident Bush mit den wichtigsten Führungskräften
von US-amerikanischen Automobilgesellschaften“ Von Fidel Castro
vom 28. März 2007 mehr |
(Eigener
Bericht) - Mit Geldern aus der sogenannten Entwicklungshilfe fördert die
Bundesregierung deutsche Firmen am boomenden Weltmarkt für umstrittene
Biokraftstoffe. Wie die Parlamentarische Staatssekretärin im
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Karin Kortmann,
mitteilt, wird Berlin ein Ethanol-Pilotprojekt in Guatemala unterstützen;
bereits zuvor haben deutsche Biospritunternehmen mit Hilfe desselben
Ministeriums ihre Position in Indien ausgebaut. Die von der
Bundesregierung forcierte Nutzung von Entwicklungs- und Schwellenländern
als Lieferanten von Agrargütern zur Treibstoffgewinnung stößt zunehmend
auf Kritik. Schon zu Beginn des Jahres waren heftige Proteste laut
geworden, weil der Anbau von Getreide und Zucker zur Dieselproduktion die
Lebensmittel in ärmeren Staaten deutlich verteuert. Jetzt warnen
Wissenschaftler wegen des hohen Verbrauchs bei der Biospritherstellung vor
Wasserverknappung. Wie es heißt, ist die weltweite Wasserversorgung
ernstlich bedroht, falls der globale Einsatz von Biosprit tatsächlich in
dem von Berlin geforderten Maße zunimmt.
Abhängig
Unter
deutschem Druck und nach amerikanischem Vorbild treibt die EU die Nutzung
landwirtschaftlicher Rohstoffe (Getreide und Zucker) zur Herstellung
sogenannter Biokraftstoffe voran. Bereits im März hatten die Staats- und
Regierungschefs unter Anleitung der damaligen deutschen Präsidentschaft
vereinbart, den Anteil an Biosprit bis zum Jahr 2020 auf zehn Prozent des
Gesamtverbrauchs anzuheben. Ziel ist es, die EU-Kernstaaten mittel- bis
langfristig aus der Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten zu lösen
und eine größere Diversifizierung im strategisch wichtigen Energiesektor
zu erreichen.[1] Für Deutschland erwartet das "Internationale
Wirtschaftsforum Regenerative Energien" (IWR) im laufenden Jahr mit
5,4 Millionen Tonnen Biodiesel einen neuen Höchstwert der
Produktionskapazitäten - eine Steigerung um 40 Prozent.[2] Trotz
anhaltender Mengenerhöhungen ist es wegen der nur begrenzt zur Verfügung
stehenden Agrarflächen praktisch ausgeschlossen, den angestrebten
Biospritverbrauch vollständig aus Inlandsernten zu decken.
EU-Handelskommissar Peter Mandelson hat vor kurzem festgestellt, dass die
von den EU-Regierungen angestrebte Zielprojektion (Erhöhung des Anteils
von Biokraftstoffen bis 2020 auf zehn Prozent) nur mit Importen erreicht
werden kann.[3]
Lieferanten
Als
bedeutendes Lieferland kommt Brasilien in Frage, der gegenwärtig führende
Exporteur der Branche. Im März 2007 hatten die USA eine
"strategische Partnerschaft" mit dem südamerikanischen Land
vereinbart, die unter anderem der Förderung von Biotreibstoffen dient.
Die Europäische Union zog im Juli mit einem Abkommen über eine
"privilegierte Partnerschaft" nach.[4] Gleichzeitig kündigte
die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für
Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Karin Kortmann (SPD), ein Pilotprojekt für
die Biosprit-Produktion in Guatemala an. Das Projekt soll Modellcharakter
für weitere Entwicklungsländer haben.[5] Guatemala, das als
zweiteffizientester Zuckerhersteller weltweit bezeichnet wird, plant den
Bau eines neuen Hafenterminals für den Ethanolexport in die USA und nach
Europa.[6] Unter dem Nachfragedruck der westlichen Industriegiganten
wollen auch weitere Staaten Zentral- und Südamerikas die Produktion
agrarischer Treibstoffe ausweiten - mit Beteiligung deutscher
Unternehmen.[7]
Produktionsgewinne
Deutsche
Aktivitäten finden vor allem in Brasilien statt.[8] Dort ist die Firma
Oekotec (Mönchengladbach) an der Fertigung dezentraler Biodieselanlagen
beteiligt. Bereits auf dem brasilianischen Markt etabliert sind Firmen wie
Lurgi (Frankfurt am Main) oder Westphalia Separator (Oelde). Die Deutsche
Bank hält über einen US-Investmentfonds ("Ecogreen") rund 45
Prozent der Stimmanteile am Unternehmen Brasil Ecodiesel. Auch im
Biosprit-Sektor in den Vereinigten Staaten sind deutsche Unternehmen tätig,
unter anderem die von der Hypothekenkrise belastete WestLB. Sie gilt in
den USA als einer der wichtigsten Finanzierer der Biospritbranche.[9] Für
rund zwei Drittel der US-Ethanolfabriken hat der deutsche Siemens-Konzern
die Prozessleitsysteme geliefert. Kommt es in Entwicklungs- oder
Schwellenländern zu Schwierigkeiten beim Markteintritt, hilft
gelegentlich das Berliner Entwicklungsministerium nach. So profitierte die
Firma Lurgi von einem Biodieselprojekt des Ministeriums in Indien. Ein
dortiges Vorhaben von DaimlerChrysler wurde mit Unterstützung der
Universität Hohenheim durchgeführt und von der Deutschen Investitions-
und Entwicklungsgesellschaft (DEG) finanziert.[10]
Verknappung
Die
von der Bundesregierung forcierte Nutzung von Entwicklungs- und Schwellenländern
als Lieferanten von Agrargütern zur Treibstoffgewinnung stößt zunehmend
auf Kritik. Bei der Stockholmer Weltwasserkonferenz warnten
Wissenschaftler in der vergangenen Woche vor dramatischer
Wasserverknappung wegen des hohen Verbrauchs in der Biospritherstellung.
Mit der Wassermenge, die zur Produktion einer Geländewagen-Tankfüllung
Biodiesel nötig ist, kann genügend Getreide produziert werden, um einen
Menschen ein Jahr lang zu ernähren.[11]
Lebensmittelteuerung
Insbesondere
soziale Organisationen machen die Umwidmung von Nahrungsmitteln zu
Diesel-Rohstoffen für erhebliche Preissteigerungen der vergangenen Monate
verantwortlich. Anfang des Jahres hatten in Mexiko Zehntausende
protestiert, nachdem sich zuvor die Tortillapreise verdreifacht hatten.
Tortillas, die aus Maismehl hergestellt werden, zählen in Mexiko zu den
Grundnahrungsmitteln. Teuerungsursache war der Anstieg des Maispreises auf
den internationalen Warenmärkten infolge der wachsenden US-Nachfrage nach
Biosprit.[12] Ähnliche Entwicklungen beobachtet der Vorsitzende des
Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, in Deutschland:
"Es ist hier zurzeit finanziell viel lohnender, Getreide oder Mais für
Biogas anzubauen, als es zum Backen oder als Futtermittel zu
verwenden".[13] Auch in der Bundesrepublik wird eine durch die
Biosprit-Herstellung verursachte Kostenexplosion nicht ausgeschlossen.
Neues
Gold
Vor
einer Gefährdung der Ernährungssicherheit hatten erst kürzlich der
Staatspräsident Boliviens, Evo Morales, und der brasilianische Theologe
Frei Betto gewarnt. Betto zufolge lagen die brasilianischen
Nahrungsmittelpreise im ersten Halbjahr dieses Jahres dreimal so hoch wie
in der ersten Jahreshälfte 2006. Zugunsten des "neuen Goldes"
Zuckerrohr vernachlässigten die Großbauern inzwischen traditionelle
Agrarprodukte, von denen die Armen leben. Statt bei der Bewahrung des ökologischen
Gleichgewichts zu helfen, werden Biodieselprodukte zu "Treibstoffen
des Todes", urteilt der Dominikaner Frei Betto, einer der
bekanntesten kirchlichen Publizisten Lateinamerikas.[14]
[1]
s. auch Deutsche
Retter, Klimavandalismus
und Hightech-Standort
[2] Biodiesel: Steigenden Kapazitäten fehlt Auslastung;
www.pressetext.com 27.07.2007
[3] EU und Brasilien wollen kooperieren; taz 06.07.2007
[4] s. dazu Juniorpartner
[5] Zentralamerika hat großes Interesse an Biokraftstoffproduktion;
Lateinamerika Verein 11.07.2007
[6] Ethanol wird aus Zucker gewonnen und ist eine von mehreren Varianten
agrarischer Kraftstoffe.
[7] Zentralamerika installiert Produktionsstätten für Biokraftstoff;
www.bfai.de 17.08.2007
[8] Biodiesel bietet Geschäftschancen in Brasilien; www.bfai.de
28.03.2006
[9] Platzierungsvolumen bisher: 1,8 Milliarden US-Dollar; zwei weitere
Milliarden sind vorgesehen.
[10] Biodiesel hilft Kleinbauern; www.bmz.de
[11] Umweltkiller Biosprit; www.natur.de
[12] Zehntausende am "Tortilla"-Protest; Neue Zürcher Zeitung
01.02.2007
[13] "Lebensmittel werden sinnlos verheizt"; Rheinische Post
04.08.2007
[14] Necrocombustibles; Adital 20.07.2007 |