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Das
kam nicht ganz unerwartet. Ein paar Tage zuvor hatten wir – Mitglieder
des neu gegründeten israelischen Rates für Israelisch-Palästinensischen
Frieden – Ministerpräsident Yitzhak Rabin ein dringendes Memorandum überreicht,
das ihn davor warnte, dass die Absicht der Regierung, große Teile des
Landes arabischer Dörfer zu enteignen, eine Explosion verursachen könnte.
Wir fügten einen Vorschlag für eine alternative Lösung bei, die von
Lova Eliav, einem erfahrenen Experten für Siedlungsfragen, ausgearbeitet
worden war.
Als
ich aus dem Ausland zurückgekehrt war, schlug der Dichter Yevi vor, dass
wir unser Mitgefühl und unser Bedauern über die geschehenen Tötungen
durch eine symbolische Geste zeigen sollten. Wir drei - Yevi selbst, der
Maler Dan Kedar und ich - legten Kränze auf die Gräber der Opfer. Eine
Welle des Hasses schlug uns entgegen. Ich hatte das Gefühl, dass etwas
sehr Wichtiges geschehen sei, etwas das die Beziehungen zwischen Juden und
Arabern innerhalb des Staates grundsätzlich verändert hatte.
Und
tatsächlich: die Auswirkungen des „Tags des Bodens“ , wie das
Ereignis von 1976 genannt wurde, war sogar stärker als die des Massakers
in Kafr Qassem 1956 und auf die Morde im Zusammenhang mit den
Oktoberereignissen im Jahr 2000.
DIE
URSACHEN dafür gehen bis in die ersten Tage des Staates zurück.
Nach
dem 1948er-Krieg war nur eine kleine, schwache, verängstigte arabische
Gemeinschaft im israelischen Staat zurückgeblieben. Es waren nicht nur
750 000 Araber von ihrem Boden, der jetzt zum Staat Israel geworden war,
entwurzelt worden, der zurückbleibende Rest war ohne jegliche Führung.
Die politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Eliten waren
verschwunden, die meisten gleich zu Beginn des Krieges. Das Vakuum wurde
irgendwie von der kommunistischen Partei gefüllt, deren Führern erlaubt
worden war, aus dem Ausland zurückzukehren – hauptsächlich um Stalin
zu befriedigen, der damals Israel unterstützte. Nach einer internen
Debatte entschieden die Führer des neuen Staates, den Arabern im „jüdischen
Staat“ die Staatsbürgerschaft und das Stimmrecht zu gewähren. Das war
nicht selbstverständlich. Aber die Regierung wollte der Welt zeigen, dass
dies ein demokratischer Staat sei. Meiner Meinung nach war der Hauptgrund
parteipolitisch:
David
Ben-Gurion glaubte, er könne so die Araber dahin bringen, für seine
Partei zu wählen. Und tatsächlich: der größte Teil der arabischen Bürger
stimmte für die Laborpartei (damals Mapai genannt), und ihre beiden
arabischen Tochterparteien, die genau zu diesem Zweck geschaffen worden
waren. Sie hatten keine andere Wahl: sie lebten in einem Zustand der Angst
unter den wachsamen Augen des Sicherheitsdienstes ( damals Shin Bet
genannt). Jeder arabischen Hamula (Großfamilie) war genau gesagt worden,
wie sie zu wählen hatte, entweder für Mapai oder eine der beiden
Ableger. Da jede Wahlliste zwei verschiedene Stimmzettel hat, eine auf
hebräisch und eine auf arabisch , gab es für treue Araber in jedem
Wahllokal sechs Möglichkeiten, und es war für den Shin Bet ein Leichtes,
sicher zu gehen, dass jede Großfamilie genau so wählte, wie sie zuvor
instruiert worden war. Mehr als einmal erhielt so Ben Gurion nur mit Hilfe
dieser unfreiwilligen Stimmen die Mehrheit in der Knesset.
Um
der „Sicherheit“ willen (im doppelten Sinn) wurden die Araber einer
„Militärregierung“ unterworfen. Jede Kleinigkeit ihres Lebens hing
davon ab. Sie benötigten eine Genehmigung, um ihr Dorf zu verlassen, um
in die nächste Stadt oder ins nächste Dorf zu gehen. Ohne die
Genehmigung der Militärregierung konnten sie keinen Traktor kaufen, keine
Tochter auf das Lehrerseminar schicken, keinen Arbeitsplatz für den Sohn
oder eine Importlizenz bekommen. Mit Hilfe der Militärregierung und einer
ganzen Reihe von Gesetzen wurden große Teile des arabischen Bodens für jüdische
Städte und Kibbuzim enteignet.
Eine
Geschichte hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt: mein verstorbener
Freund, der Dichter Rashed Hussein aus dem Dorf Musmus wurde zum Militärgouverneur
in Natanya bestellt, der ihm sagte: nächstens ist der Unabhängigkeitstag,
und ich möchte, dass du für diese Gelegenheit ein hübsches Gedicht
schreibst. Rashed eine stolzer junger Mann, weigerte sich. Als er nach
Hause kam, saß seine ganze Familie auf dem Fußboden und weinte. Zuerst
dachte er, es sei jemand gestorben. Doch dann rief seine Mutter aus: „Du
hast uns ruiniert. Wir sind am Ende!“ Also hat er doch ein Gedicht
geschrieben.
Jede
unabhängige arabische politische Initiative wurde im Keim erstickt. Die
erste solche Gruppe – die nationalistische Al-Ard („das
Land“)-Gruppe – wurde rigoros unterdrückt. Sie wurde für
ungesetzlich erklärt, ihre Führer verbannt, ihre Zeitung verboten - all
dies mit Einverständnis des Obersten Gerichtshofes. Nur die
Kommunistische Partei wurde in Ruhe gelassen, aber ihre Führer wurden
auch von Zeit zu Zeit verfolgt.
Die
Militärregierung wurde erst 1966 aufgelöst, nach Ben Gurions Ausscheiden
als Ministerpräsident und kurze Zeit, nachdem ich in die Knesset gewählt
worden war. Nachdem ich viele Male dagegen demonstriert hatte, hatte ich
das Vergnügen, für ihre Abschaffung zu stimmen. In der Praxis hat sich
allerdings wenig verändert – anstelle der offiziellen Militärregierung
blieb eine inoffizielle, und damit blieben auch die meisten
Diskriminierungen.
„DER
TAG DES BODENS“ veränderte die Situation. Eine zweite Generation Araber
war in Israel herangewachsen, die nicht mehr ängstlich unterwürfig war,
eine Generation, die nicht die Erfahrung der Massenvertreibung gemacht
hatte und deren wirtschaftliche Situation sich verbessert hatte. Der den
Soldaten und Polizisten gegebene Befehl, auf sie das Feuer zu eröffnen,
verursachte einen Schock. So begann ein neues Kapitel.
Der
Prozentsatz der arabischen Bürger im Staat hat sich nicht verändert: von
den ersten Tagen des Staates bis jetzt hat er um die 20% betragen. Die größere
Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung wurde durch die jüdische
Einwanderung wettgemacht. Aber die absolute Anzahl der arabischen Bürger
in Israel ist sehr gewachsen: von 200 000 zu Anfang des Staates auf
beinahe 1,3 Millionen – also doppelt so viele Menschen wie die jüdische
Gemeinschaft, die den Staat gründete.
Der
Tag des Bodens veränderte auch dramatisch die Haltung der arabischen Welt
und des palästinensischen Volkes zu den Arabern in Israel. Bis dahin
wurden sie als Verräter und Kollaborateure der Zionisten betrachtet. Ich
erinnere mich an eine Szene: auf einer Konferenz 1965 in Florenz, die von
dem legendären Bürgermeister Giorgio la Pira zusammengerufen wurde. Er
versuchte, Persönlichkeiten aus Israel und der arabischen Welt
zusammenzubringen. Zum damaligen Zeitpunkt galt dies als ein sehr gewagtes
Unterfangen. Während einer der Pausen unterhielt ich mich mit einem
ranghohen ägyptischen Diplomaten auf einem sonnigen Platz vor dem
Konferenzgebäude, als zwei junge Araber aus Israel, die von dieser
Konferenz gehört hatten, sich uns näherten. Nachdem wir uns umarmt
hatten, stellte ich sie dem Ägypter vor, aber er drehte sich um und rief
aus: „Ich bin bereit, mit Ihnen zu reden, aber nicht mit diesen Verrätern!“
Das
blutige Geschehen am Tag des Bodens brachte die „israelischen Araber“
wieder in die Arme der arabischen Nation und des palästinensischen Volkes
zurück, das sie ab jetzt die „Araber von 1948“ nennt.
Im
Oktober 2000 erschossen Polizisten wieder arabische Bürger, als sie
versuchten, ihre Solidarität mit den getöteten Arabern auf dem
Tempelplatz in Jerusalem auszudrücken. Inzwischen war aber eine dritte
Generation von Arabern in Israel aufgewachsen, von denen viele trotz der
Hindernisse Universitäten besucht hatten und Geschäftsleute, Politiker,
Professoren, Rechtsanwälte und Ärzte geworden waren. Es ist unmöglich,
diese Gemeinschaft zu ignorieren – selbst wenn der Staat sich große Mühe
gibt, genau dies zu tun. Von Zeit zu Zeit werden Klagen über
Diskriminierungen laut, aber jeder schreckt davor zurück, die grundsätzliche
Frage anzuschneiden: welchen Status hat die arabische Minderheit, die in
einem Staat aufwächst, der sich offiziell selbst als „jüdischer und
demokratischer Staat“ bezeichnet?
EIN
FÜHRER der arabischen Gemeinschaft, das verstorbene Knessetmitglied
Abd-alAziz Zuabi, definierte sein Dilemma auf diese Weise: „Mein Staat führt
einen Krieg mit meinem Volk.“ Die arabischen Bürger gehören zum Staat
Israel und gleichzeitig zum palästinensischen Volk. Ihre Zugehörigkeit
zum palästinensischen Volk ist selbstverständlich. Die arabischen Bürger
Israels, die seit kurzem dazu neigen, sich „Palästinenser in Israel“
zu nennen, sind nur ein Teil des geschlagenen palästinensischen Volkes,
das aus vielen Zweigen besteht: die Bewohner der besetzten Gebiete ( nun
auch aufgesplittert in die auf der Westbank und die im Gazastreifen), Die
Araber Ostjerusalems (offiziell „Bewohner“ aber keine „Bürger“
Israels), und die Flüchtlinge, die in vielen verschiedenen Ländern leben
– und die wiederum von sehr verschiedenen Regimen regiert werden. Alle
haben ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, aber das Bewusstsein eines
jeden wird von seiner besonderen Situation geprägt.
Wie
stark ist die palästinensische Komponente im Bewusstsein der arabischen Bürger
Israels? Wie kann sie gemessen werden? Die Palästinenser in den besetzten
Gebieten beklagen sich oft, dass diese sich hauptsächlich in Worten ausdrückt
und nicht in Taten. Die von den arabischen Bürgern Israels gegebene
Unterstützung für den palästinensischen Befreiungskampf ist hauptsächlich
symbolisch. Hier und dort werden Bürger verhaftet, weil sie einem
Selbstmordattentäter geholfen haben – aber das sind Ausnahmen.
Als
der extreme Araber-Hasser Avigdor Liberman den Vorschlag machte, eine
Reihe arabischer Dörfer in Israel, die an der Grünen Linie liegen (das
„Dreieck“ genannt), dem zukünftigen palästinensischen Staat
zuzuschlagen als Preis für die jüdischen Siedlungsblocks in der
Westbank, wurde keine einzige arabische Stimme laut, die das unterstützte.
Das ist eine sehr bedeutsame Tatsache.
Die
arabische Gemeinschaft ist viel mehr in Israel verwurzelt, als es auf den
ersten Blick hin aussieht. Die Araber spielen eine bedeutende Rolle in der
israelischen Wirtschaft, sie arbeiten im Staat, zahlen Steuern an den
Staat. Sie genießen die Vergünstigungen der sozialen Versicherung – zu
Recht, da sie auch dafür zahlen. Ihr Lebensstandard ist viel höher als
der ihrer palästinensischen Brüder in den besetzten Gebieten u.a.m. Sie
sind ein Teil der israelischen Demokratie und haben nicht den Wunsch,
unter Regimen wie denjenigen in Ägypten oder Jordanien zu leben. Sie
haben ernste und berechtigte Klagen – aber sie leben in Israel und
wollen weiter dort leben.
IN
DEN LETZTEN Jahren haben Intellektuelle der dritten arabischen Generation
in Israel mehrere Vorschläge für die Normalisierung der Beziehungen
zwischen der Mehrheit und der Minderheit veröffentlicht. Da gibt es vor
allem zwei Alternativen:
Die
erste besagt: Israel ist ein jüdischer Staat, aber es lebt noch ein
anderes Volk hier. Wenn die jüdischen Israelis klar definierte nationalen
Rechte haben, dann müsse dies genau so für arabische Israelis gelten.
Zum Beispiel eine Bildungs-, Kultur- und religiöse Autonomie (wie es der
junge Vladimir Zeev Jabotinsky vor hundert Jahren für die Juden im
zaristischen Russland forderte). Es müsse ihnen erlaubt sein, offene
Verbindungen mit der arabischen Welt und dem gesamten palästinensischen
Volk zu pflegen, wie es für die jüdischen Bürger mit ihrem Kontakt zur
jüdischen Diaspora selbstverständlich ist. All dies muss bei einer zukünftigen
Verfassung des Staates schriftlich festgelegt werden.
Die
zweite Alternative wäre: Israel gehört all seinen Bürgern und nur
ihnen. Jeder Bürger ist ein Israeli, so wie jeder US-Bürger ein
US-Amerikaner ist. So weit es den Staat betrifft, gibt es keinen
Unterschied zwischen dem einen Bürger und den anderen, sei er nun Jude,
Muslim oder Christ, Araber oder Russe, genau so wie es im amerikanischen
Staat keinen Unterschied zwischen weiß-, dunkel- oder schwarzhäutigen Bürgern
gibt, ob sie europäischer, afrikanischer oder asiatischer Herkunft sind,
ob sie protestantisch oder katholisch, jüdisch oder muslimisch sind. Nach
israelischer Redeweise würde sie als ein „Staat aller seiner Bürger“
bezeichnet.
Es
ist klar, dass ich die zweite Alternative bevorzuge, aber ich bin auch
bereit, die erste zu akzeptieren. Jede ist besser als die bestehende
Situation, wenn der Staat vorgibt, dass es kein Problem gebe, abgesehen
von ein paar Diskriminierungen, die überwunden werden müssten (ohne dass
man etwas dagegen tut).
Wenn
es aber an Mut fehlt, eine Wunde zu behandeln, dann wird sie eitern. Bei
Fußballspielen schreit der Pöbel: „Tod den Arabern!“ und in der
Knesset drohen Vertreter der Extrem-Ultra-Rechten, die arabischen
Mitglieder aus dem Haus zu vertreiben und danach aus dem Staat . Am 32.
Jahrestag des „Tags des Bodens“ und vor dem 60. des Unabhängigkeitstages
ist es an der Zeit, dass wir diesen Stier bei den Hörnern packen.
(dt.
Ellen Rohlfs) 29.03.2008 |